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Schriften des Deutschen Instituts für Außenpolitische Forschung
und des Hamburger Instituts für Auswärtige Politik
Herausgegeben in Gemeinschaft mit dem Deutschen Auslandswissenschaftlichen Institut
Reihe Das Britische Reich in der Weltpolitik, Heft 9. Junker und Dünnhaupt Verlag, Berlin, ©1940.
Diese digitalisierte Version © 2009-2016 by The Scriptorium.
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Dr. habil. Heinz Lehmann

[5] Das leichtfertige Vertrauen auf den englischen Bundesgenossen ist im polnischen Volk tiefer Empörung und Erbitterung über den Verrat Englands gewichen. England wird heute - so berichten auch neutrale Beobachter - neben der eigenen früheren blind-chauvinistischen Regierung als der Hauptverantwortliche am Zusammenbruch des polnischen Staates angesehen. Dieser Stimmungsumschwung wird niemanden überraschen.

Als die britische Garantieerklärung für Polen Anfang September nun wirklich die beabsichtigte Wirkung gehabt hatte und für England den willkommenen Anlaß zum Präventivkrieg gegen das erstarkende nationalsozialistische Deutsche Reich bot, wartete die ganze Welt gespannt darauf, wie England jetzt dem von ihm vorgeschobenen Bundesgenossen Hilfe bringen wollte. Wohl wußte man - Lloyd George und andere bekannte englische Politiker hatten es ja selbst zugegeben -, daß England wirksame Hilfe gar nicht würde leisten können, doch man rechnete wenigstens mit militärischen Aktionen, die gewisse Teile der deutschen Wehrmacht binden würden. Nichts von alledem! England beschränkte sich, um nicht deutsche Vergeltungsmaßnahmen für das eigene Land heraufzubeschwören, auf den Abwurf von Flugblättern! In Polen aber redeten Rundfunk und Zeitungen dem Volk ein, daß schon am 1. und 2. September Hamburg und Berlin so gut wie restlos zerstört seien und englische Truppen sogar auf polnischem Gebiet in den Kampf eingegriffen hätten. So konnte es geschehen, daß die Spitze der deutschen Truppen in verschiedenen polnischen Ortschaften für die rettenden Engländer gehalten und von dem sprachkundigsten der Bewohner mit einem "Welcome, friends, now you are here at last!" begrüßt wurden.

[6] Das polnische Volk hat es erleben müssen, daß England und sein alter Bundesgenosse Frankreich keinen Finger gerührt haben, als der im Inneren von Anfang an brüchige polnische Staat unter den Schlägen der deutschen Wehrmacht zusammenbrach. Gerade von England, das seine berüchtigte Garantie-Erklärung vom 31. März mehrmals in feierlicher Form wiederholt und gerade eben erst, am 25. August, zu einem äußerst weitgehenden, dauernden englisch-polnischen Militärbündnis ausgebaut hatte, hatte dies kein Pole erwartet. Es sollte aber noch schlimmer kommen. Zum Verrat gesellte sich bitterer Hohn, mit dem jetzt England sein unbrauchbar gewordenes Werkzeug Polen auf den Schutthaufen warf. Zur Tarnung seines imperialistischen Krieges gegen das Deutsche Reich hatte Chamberlain in den ersten Kriegstagen dem eigenen Volk und der Welt vorgeredet, man gehe in den Kampf für Polen und nur für Polen! Seit dem unzweifelhaft gewordenen Zusammenbruch Polens aber ließen sich Englands verantwortliche Staatsmänner ganz anders vernehmen. Jetzt deckten sie ihr Spiel mit Polen auf, indem sie etwa seit dem 20. September der Welt verkündeten, das Schicksal Polens sei im Grunde gleichgültig, England kämpfe gegen den "Hitlerismus"! Der Feldzug in Polen sei allerdings für England und Frankreich äußerst wichtig gewesen, weil er erstens Zeit für die Aufrüstung und Mobilmachung der Alliierten gegeben habe, zweitens die deutsche Taktik im Luftangriff und im Tank-Kampf gezeigt und damit dem englisch-französischen Generalstab wertvolle Hinweise gegeben hätte. Man scheute sich also gar nicht mehr zuzugeben, daß Polen für England im Jahre 1939 nur die gleiche Rolle zu spielen gehabt hatte wie Serbien für das zaristische Rußland im Jahre 1914, nämlich einen geschickten Kriegsanlaß zu bieten, um der englischen Regierung mit Rücksicht auf die öffentliche Meinung des eigenen, im großen und ganzen friedliebenden Volkes und mit Rücksicht auf die Meinung der Welt die Tarnung ihres rein imperialistischen Krieges gegen das [7] wiederaufstrebende Deutsche Reich zu ermöglichen. Jetzt hieß es: "Der Mohr hat seine Schuldigkeit getan, der Mohr kann gehen." Von einer Anwendung der Garantieerklärung für den in Versailles geschaffenen polnischen Staat etwa auch gegenüber Sowjetrußland, Litauen und der Slowakei wurde kein Wort mehr gesprochen. Als Sowjetrußland seit dem 17. September Ostpolen besetzte, wurde nicht einmal protestiert, geschweige denn die Verpflichtung zur Kriegserklärung gegen Rußland anerkannt. Um darüber endgültig jeden Zweifel beiseite zu schieben, erklärte Staatssekretär Butler in den letzten Septembertagen im Unterhaus, die Garantie für Polen habe nur gegen Deutschland Gültigkeit gehabt. Dies war das klarste Eingeständnis der englischen Einkreisungs- und Kriegspolitik und zugleich der völligen Interesselosigkeit an Polen selbst.

Es half den Polen wenig, daß der bekannte Kriegshetzer Mr. Greenwood, der stellvertretende Vorsitzende der englischen Arbeiterpartei, am 21. September im Unterhaus erklärte, daß "sein Gewissen durch Englands mangelhafte Hilfe an Polen belastet sei; in Zukunft sollte eine Hilfe an Freunde schnell, sicher und großzügig sein; anderenfalls laufe man Gefahr, daß diejenigen, die aktive Verbündete werden könnten, gegen ihren Willen zu passiven Freunden würden." Auch für Greenwood war offensichtlich trotz der moralischen Einkleidung der Hauptgesichtspunkt, Englands Verrat an Polen könnte andere, bisher noch "garantiefreudige" Völker vor dem Bündnis mit England zurückschrecken.

Das Tollste aber ist, daß England jetzt nach seinem Verrat an dem von ihm vorgeschobenen Bundesgenossen auch noch mit dem Untergang des Verbündeten Geschäfte macht. Schon im Sommer hätte es den Polen auffallen müssen, daß die Engländer wohl sehr freigiebig mit äußerst weitgehenden politischen Versprechungen waren, im Verhältnis dazu aber finanzielle Hilfe nur sehr spärlich [8] boten. Der von Polen ersehnte Barkredit wurde vorsichtigerweise erst nach Kriegsausbruch bewilligt, als seine Transferierung schon unmöglich geworden war. Auch hatte Polen erleben müssen, daß die in England gekauften Kampfflugzeuge und Bomben, die mit dem D. "Baltowa" am 24. August in Gdingen hätten ankommen sollen, in England zurückgehalten wurden, weil der englische Reeder £ 4000 mehr Frachtkosten forderte, als Polen bewilligen wollte, so daß tatsächlich diese Waffenladung, darunter hundert modernste Kampfflugzeuge, die bereits im Juli an Bord gewesen sein sollen, nicht mehr rechtzeitig in Polen eintreffen konnten.1 Man traute dem polnischen Heer offensichtlich so wenig, daß man die Kampfflugzeuge lieber gleich in England zurückhielt. Jetzt muß man nach einer Meldung vom 19. November sogar erfahren, daß England alle noch verfügbaren polnischen Kriegsschiffe kurzerhand in die englische Flotte eingegliedert hat.

So ist denn wieder einmal ein Staat als Opfer des britischen Imperialismus untergegangen, so hat wieder einmal ein fremdes Volk ungeheure, unnötige Blutopfer für die stets brutale, egoistische Politik des "perfiden Albion" (übrigens eine französische Begriffsprägung!) gebracht. Man fragt sich nur, wie es denn möglich war, daß überhaupt noch die Regierung eines kleineren Staates, es sei denn eine Clique unverantwortlicher Hasardeure, den Hilfsbeteuerungen Englands Glauben schenken konnte, wo doch schon beinahe sämtliche Völker der Welt irgendwann einmal die Opfer englischen Wortbruchs geworden sind. Man braucht sich ja nur an die Leiden der Griechen im Jahre 1922 zu erinnern. Auch sie waren damals von England zum Kampf gegen die Türken aufgestachelt und dann im Stich gelassen worden, und England hatte kaltlächelnd zugesehen, wie Griechenland über 1¼ Millionen seiner Volksgenossen aus Kleinasien zurücksiedeln mußte. [9] Und wenn schon nicht die traurigen Erfahrungen anderer Völker als abschreckende Lehre dienten, hätten sich die Polen der eigenen Geschichte erinnern sollen.

Wie war es denn bei der polnischen Erhebung gegen die russische Herrschaft im Frühjahr 1863? Auch damals hatte der englische Ministerpräsident Lord Palmerston mit Hilfeversprechungen für die polnischen Aufständischen nicht gekargt und eine Reihe äußerst scharfer Noten an die russische Regierung gerichtet, so daß die Polen fest glaubten, mit dem baldigen Erscheinen der britischen Flotte vor Kronstadt rechnen zu können, und der Aufstand, geschürt durch Palmerstons Phrasen, immer größeren Umfang annahm. Tatsächlich aber glaubte damals natürlich kein englischer Staatsmann im Ernst an die Wiederherstellung eines selbständigen Polens, bevor nicht Rußland, Preußen und Österreich gleichzeitig bekriegt und besiegt waren. Palmerston wollte auch nur "bluffen" (ein bezeichnendes englisches Wort ohne Parallele in anderen Sprachen!), und als es der russischen Regierung verhältnismäßig schnell gelang, des polnischen Aufstandes Herr zu werden, hielt derselbe Palmerston, der wochenlang durch seine Reden und Protestnoten an den Zaren die Polen nach Kräften zum Aufstand aufgestachelt hatte, am 4. April 1863 plötzlich eine Rede, in der er mit der ihm eigenen Unverfrorenheit erklärte:2

      "Mir scheint, daß ein Volk in der Lage der Polen die Konsequenzen gründlich erwägen sollte, die ein Befolgen der Ratschläge, die man ihm vielleicht erteilt hat(!), nach sich ziehen muß. Ich frage, ob es klug war, eine Reihe von beleidigenden Demonstrationen auszuführen. Dieses Entfalten von Fahnen, dieses Singen von Hymnen konnte in nichts die Lage der Polen verbessern. Wenn irgend jemand sich berufen [10] fühlte oder das Recht hätte, den Polen einen Rat zu erteilen, so müßte es der sein, der Zukunft zu vertrauen und nicht durch ihr Betragen Leiden über sich zu bringen, die abzuwenden ihnen unmöglich ist. Die Polen würden mehr in ihrem Interesse handeln, wenn sie nach Versöhnung trachteten und von den humanen und wohlwollenden Gesinnungen des Zaren Alexander profitierten. Auf jeden Fall ist dies keine Frage, in die sich Großbritannien mischen darf."

Diese weisen Betrachtungen waren natürlich im Munde dieses Mannes, der wochenlang das Entgegengesetzte verkündet hatte, abgrundtiefe Heuchelei und bitterer Hohn. Es wäre seine Pflicht gewesen, von Anfang an zu betonen, daß es unmöglich sei, den Polen Hilfe zu leisten. Das tat er aber nicht, so daß auch damals das grausame Spiel des englischen Ministerpräsidenten mit dem polnischen Volk Ströme von Blut und Tränen gekostet hat.

Seit jenen Tagen hat sich in London offensichtlich nichts geändert. Die gleichen gleißnerischen Hilfeversprechungen, dann der gleiche Wortbruch, schließlich die gleiche kalte Unverfrorenheit, mit der das gutgläubige Opfer der eigenen Versprechungen fallen gelassen wird, all das hat das polnische Volk abermals, wie im Frühjahr 1863, so im Herbst 1939 erleben müssen.

England hat sein egoistisches Spiel mit Polen jedoch nicht nur 1863 und jetzt im Jahre 1939 gespielt, wenn auch in diesen beiden Jahren sein Spiel am offenkundigsten und die Folgen für das polnische Volk am grausamsten gewesen sind. Polen hat im politischen Denken des Foreign Office stets nur insoweit eine Rolle gespielt, als es im Interesse einer rein englischen Machtpolitik gegen das Deutsche Reich und Volk einerseits, gegen Rußland andererseits, einzu- [11] setzen war. Das wird, wie wir im Folgenden sehen werden, bei einer Betrachtung der englischen Politik gegenüber Polen seit dem Weltkriege eindeutig klar. Nichts, aber auch nichts hat England für Polen aus echtem ehrlichen Interesse am Schicksal des polnischen Volkes getan. Hätten die polnischen Politiker nicht stets an krankhafter Selbstüberhebung gelitten, so hätte die polnische Regierung längst erkennen müssen, daß in den Augen der englischen Machthaber Polen nur der "arme Verwandte" war, den man von Zeit zu Zeit an seine Abhängigkeit vom guten Willen der Westmächte erinnerte und dessen Dienste für die eigene Sache man im gegebenen Augenblick ohne Gegenleistung in Anspruch nehmen zu können glaubte.

Wie wenig echtes Interesse für das polnische Volk an der Themse oder an der Seine vorhanden war, das zeigte das Verhalten der Westmächte während des Weltkrieges. Auch damals kämpften sie angeblich für das "Selbstbestimmungsrecht der Völker", für die "Freiheit der kleinen Nationen". Diese Kampfparolen waren jedoch nur dazu bestimmt, den inneren Zusammenbruch der alten Donau-Monarchie zu beschleunigen, und sollten selbstverständlich auf die Völker der eigenen Imperien keine Anwendung finden. Aber auch auf Polen nicht! Wohl hatte Präsident Wilson am 22. Januar 1917 mit Rücksicht auf seine vielen Wähler polnischer Abstammung im Rahmen seines Friedensprogramms auch ein "geeintes, unabhängiges und autonomes Polen" verlangt, und die Westmächte hatten sich beeilt, den Wilsonschen Forderungen ihre Zustimmung zu geben. Das hinderte jedoch Frankreich nicht, mit stillschweigender Billigung Englands noch am 17. März 1917 mit dem zaristischen Rußland einen Geheimvertrag abzuschließen, wonach Frankreich gegen Unterstützung seiner eigenen Annektionsabsichten auf Elsaß-Lothringen, das Saargebiet und das Rheinland durch Rußland diesem "völlige Freiheit bei der Aufrichtung seiner Westgrenzen" zusicherte, d. h. [12] Polen völlig an das zaristische Rußland auslieferte.3 Man kann sich denken, wie peinlich für die Westmächte die schon im November 1917 erfolgende Veröffentlichung dieses Geheimvertrages durch die neue Sowjet-Regierung gewesen sein muß, als damit ihr Doppelspiel mit Polen entlarvt wurde.

In Versailles haben dann allerdings England und Frankreich mit verdächtigem Eifer die Errichtung eines "selbständigen" und möglichst starken polnischen Staates betrieben. Jetzt galt es ja nicht nur, den deutschen Gegner zu schwächen, sondern auch das revolutionäre Rußland, das vom kapitalistisch-imperialistischen England als ein mindestens ebenso ernster Gegner angesehen wurde. Welche Gründe besonders die Engländer damals mit der Errichtung Polens verfolgten, wird vor allem in den Debatten des englischen Parlaments deutlich, das im Frühjahr 1919, als in Paris die Friedenskonferenz tagte, wiederholt zur polnischen Frage Stellung genommen hat. Wir zitieren nur einige wenige bezeichnende Äußerungen.

Am 12. Februar 1919 meinte der Abgeordnete T. P. O'Connor im Unterhaus, ein starkes Polen sei zur Niederhaltung der Deutschen unbedingt nötig, und zwar, wie er sich ausdrückte, als "'Puffer' gegen deutsche Absichten sowohl im Osten wie im Westen" ("to be a buffer against Germany in either her Eastern or Western aggressions").4 "Puffer" auch gegen deutsche Absichten im Westen? Der ehrenwerte Abgeordnete hätte sich wohl deutlicher ausgedrückt, wenn er von der Polen zugedachten Funktion als der eines "Dolches im Rücken Deutschlands" gesprochen hätte.

[13] Der konservative Abgeordnete Oberstleutnant W. E. Guinness, der spätere Landwirtschaftsminister im Kabinett Baldwin, sagte am 16. April 1919 im Unterhaus, England müsse sich unbedingt für die Schaffung eines starken Polens einsetzen und ihm auch Danzig ausliefern. Man müsse einen "Mittelweg" finden zwischen den notwendigen machtpolitischen Erwägungen und dem nun einmal verkündeten leidigen Selbstbestimmungsrecht. Wenn man Polen in zu peinlicher Befolgung dieses Prinzips auf zu schwacher Grundlage errichte, d. h. also, wenn man ihm nicht über 2 Millionen Deutsche und Millionen von Ukrainern und Weißrussen auslieferte, würde es in absehbarer Zeit mit Sicherheit wieder dem deutschen Einfluß unterworfen sein, und das müsse England eben um jeden Preis verhindern. ("...we shall have to strike a balance between national security and this principle of self-determination. If we strike a wrong balance and these states [Polen und Tschechoslowakei] are set up on a weak basis, it is perfectly certain that before many years are passed, they will fall under the control of Germany...")5

Ebenso eindeutig äußerte man sich im Oberhaus, etwa in der Debatte vom 13. März 1919. In dieser Debatte sagte Lord Treowen: "Die Existenz eines freien, starken und unabhängigen Polens würde alle die Pläne zunichte machen, die der Weltöffentlichkeit unter dem allgemeinen Begriff der 'Mittel-Europa-Politik' ('Mittel-Europa-Policy') bekannt sind", und Lord Stuart of Wortley sagte, es sei wünschenswert, daß ein starker polnischer Staat neu geschaffen würde, "allein zu dem Zweck, um zwischen Rußland und Deutschland zu stehen" ("for the very purpose of standing between Russia and Germany"); dieser Staat dürfe sich weder nach Deutschland noch nach Rußland hin "orientieren".6 Lord Stuart of Wortley hat dem gleichen Ge- [14] danken noch einmal rückschauend in einer Oberhaus-Debatte am 9. Mai 1922 Ausdruck gegeben. "Dieser neue polnische Staat", so sagte er damals, "wurde von den Großmächten nicht aus rein idealistischen Motiven und nicht aus Nächstenliebe geschaffen, sondern in erster Linie, um ihren eigenen Machtinteressen zu dienen. Polen wurde geschaffen, um zwischen den beiden potentiellen Großmächten Rußland und Deutschland einen Pufferstaat zu bilden."7 Das war es also. Polen hatte man in Versailles bewußt über 2 Millionen Deutsche und Millionen anderer Minderheiten überantwortet, um, wie man glaubte, es dadurch stark und groß genug machen zu können, damit es die ihm von England zugedachte Rolle als Pufferstaat auch wirklich spielen könnte. Polen sollte der "Pfahl im Fleisch" sowohl für Deutschland wie für Rußland bleiben, beide Mächte schwächen und voneinander trennen und England jederzeit machtpolitischen Einfluß in Osteuropa ermöglichen.

In der bereits angeführten Oberhaus-Rede vom 9. Mai 1922 hat Lord Stuart of Wortley noch genauer ausgeführt, welche unangenehme Rolle dem polnischen Staat als Pufferstaat im Machtinteresse Englands in Versailles zugedacht wurde:

      "Die Lage eines Pufferstaates ist nicht gerade übertrieben angenehm und leicht. Das beweist die Geschichte Belgiens. Unser eigenes Interesse machte uns zu Garanten der belgischen Unabhängigkeit. Seitdem im Mittelalter die britische Wolle für die flämischen Weber notwendig wurde, ist die Unabhängigkeit und Unversehrtheit der Niederlande stets Englands Interesse gewesen. Sie allein ließen England sich gegen [15] Philipp II., Ludwig XIV., Napoleon und das Deutschland des 20. Jahrhunderts durchsetzen. In der gleichen Weise ist die Existenz Polens als Pufferstaat, seine Sicherheit und seine Fähigkeit, die Pflichten zu erfüllen, die wir von ihm im Interesse des europäischen Friedens erwarten, eine Sache, die ganz Europa angeht und die unsere Ehre (?!) ebenso wie unser Machtinteresse berührt."8

Dieser Vergleich Polens mit Belgien ist aus englischem Munde äußerst aufschlußreich. Er bestätigt uns einmal von neuem, daß England 1914 entgegen seinen Beteuerungen nicht wegen der Verletzung der belgischen Neutralität, "zum Schutz der kleinen Nationen", "gegen das Prinzip der Aggression" in den Krieg eingetreten ist, sondern daß es damit auch damals nur seine eigenen Machtinteressen verteidigen wollte. Belgien wurde einfach als in der englischen Einflußsphäre liegend betrachtet, als Glacis für die englische Seefestung, und tatsächlich hatte sich Belgien vor 1914 im Gegensatz zu heute einseitig den englischen Machtinteressen zur Verfügung gestellt, wie allein schon die 1906 begonnenen englisch-belgischen Generalstabsbesprechungen bewiesen. Die gleiche Rolle aber, die Belgien für Westeuropa vor 1914 übernommen hatte, nämlich die Rolle eines englischen Vasallenstaates und Vorkampffeldes für britische Interessen, wurde nach dem Kriege den Polen für Osteuropa zugewiesen. In einem Raum, in dem der britischen See-und Kolonialmacht wirklich keinerlei natürliche Machtansprüche zukamen, schuf sie sich dennoch einen Klientel-Staat, mit dessen Hilfe sie die beiden größten Völker des europäischen Festlandes dauernd schwächen und auseinanderhalten zu können glaubte und der, wenn Deutschland und Rußland trotzdem wieder erstarken würden, schließlich wie Belgien den äußeren Anlaß zu einem [16] neuen imperialistischen Präventiv-Krieg für England bieten würde. Dies und nichts anderes bedeuten die oben angeführten Sätze Lord Stuarts, mit denen er nicht nur seine eigene Meinung ausgesprochen hat, sondern die der meisten seiner konservativen Parteifreunde, die der einflußreichen hohen Beamtenschaft des Foreign Office, ja der ganzen imperialistisch denkenden Führerschicht, die England regiert. Von deren Standpunkt aus hat sich seine Überlegung ja nun auch als richtig erwiesen. Polens chauvinistische Regierung hat sich tatsächlich als Englands Werkzeug gebrauchen lassen und durch ihre von England bewußt verstärkte Intransigenz den neuen Krieg heraufbeschworen. Nur glaube niemand, daß England erst seit dem 31. März 1939 dem "in seiner Unversehrtheit bedrohten Polen" die "schützende Hand" zugestreckt habe. Schon in Versailles hat England genau wie Frankreich dem jungen künstlich aufgeblähten polnischen Staat die Rolle des Unruhestifters in Osteuropa zugewiesen, des Unruhestifters im englischen Interesse, wenn auch die Garantie-Erklärung die polnische Regierung erst um den letzten Rest vernünftiger Selbsteinschätzung gebracht und Englands gefährliches Spiel mit Polen vor aller Welt enthüllt hat.

Nun ist allerdings richtig, daß Ministerpräsident Lloyd George persönlich sich in Versailles über das anmaßende Auftreten der polnischen Delegierten sehr geärgert und sich im Gegensatz zu Clemenceau und Wilson vorübergehend für eine gerechtere Lösung der deutsch-polnischen Grenzziehung eingesetzt hat. Schon in seiner Unterhausrede vom 12. Februar 1919 hatte er vor einer ungerechtfertigten Zuweisung deutschen Landes an Polen gewarnt und in seinem Memorandum vom 25. März 1919 verlangt, man solle den Polen zwar einen Korridor nach Danzig gewähren, doch dürften bei der Grenzziehung dieses Korridors keine strategischen oder verkehrstechnischen Gründe geltend gemacht werden, damit so wenig Deutsche wie möglich in den polnischen Staat [17] hineingezwungen werden müßten.9 Er war entrüstet, als nach dem Bericht der interalliierten Grenzkommission, der einstimmig, also auch mit der Stimme des englischen Vertreters, eines Beamten des Foreign Office, angenommen worden war, über 2 130 000 Deutsche dem polnischen Staat ausschließlich aus strategischen, wirtschaftlichen und verkehrsgeographischen Gründen einverleibt werden sollten, und als sich herausstellte, daß die Kommission grundsätzlich die polnischen Forderungen erfüllt hatte, ja in einem Fall, am Bartsch-Fluß, bei der Festsetzung der Grenze sogar noch über die polnischen Wünsche hinausgegangen war. Er verlangte erneute Beratungen der Grenzkommission, die jedoch abermals, bezeichnenderweise wieder mit der Stimme des englischen Beamten, ihren alten Bericht ohne Abänderung vorlegte. Offensichtlich befand sich Lloyd George in der polnischen Frage der passiven Resistenz seiner eigenen Delegation und Beamtenschaft gegenüber, die sich wiederum auf die ausgesprochen pro-polnische Haltung des Parlaments und der von der Northcliffe-Presse erregten öffentlichen Meinung stützen konnte.

In dem auf Grund der berüchtigten Khaki-Wahlen zusammengetretenen Parlament ist in jenen schicksalsschweren Monaten während der Pariser Verhandlungen nur zweimal die Vernunft zu Worte gekommen. Einmal warnte am 16. April der liberale Abgeordnete Fregattenkapitän (Lieutenant-Commander) Kenworthy, der spätere Lord Strabolgi, vor einer Lösung des deutsch-polnischen Problems zugunsten Polens, "die die Zukunft Europas gefährden müsse; Polen sei offensichtlich noch nicht reif, sein Schicksal vollkommen selbständig in die Hand zu nehmen."10 Zum anderen stellte der Abgeordnete Oberst Wedgwood, später Minister im Kabinett Macdonald, Englands Mit- [18] verantwortung an den damaligen Ausschreitungen der Polen gegen die deutsche Bevölkerung Posen-Westpreußens fest, indem er erklärte, "England hat unter den Polen den Chauvinismus erst entfacht, der jetzt seine Waffen gegen eine völlig harmlose Bevölkerung richtet. Ein Wort der Pariser Konferenz würde genügen, um den Polen Einhalt zu gebieten und sie zu veranlassen, den Bürgerkrieg gegen die wehrlose Bevölkerung an den Grenzen ihres Landes einzustellen".11

Dieses erlösende Wort hat die Pariser Konferenz jedoch nie gesprochen. Die Warnungen der beiden Parlamentarier wurden von haßerfüllten Tiraden gegen den unterlegenen deutschen Gegner übertönt, und Lloyd George erwies sich als zu schwach, um gegen den Strom zu schwimmen. Er erreichte nur die Gewährung von Abstimmungen in Allenstein und Marienwerder sowie die Zusage einer Volksabstimmung in Oberschlesien, mußte sich sonst aber mit den Bestimmungen der interalliierten Grenzkommission einverstanden erklären. Auch der einzige Mann, der neben Lloyd George in der britischen Delegation vorübergehend für eine vernünftigere Regelung der deutschen Ostgrenze eingetreten war, General Smuts, fiel im entscheidenden Augenblick um, wie bei diesem charakterlosen Renegaten nicht anders zu erwarten war. Am 22. Januar 1919 hatte er an Lloyd George geschrieben:12

      "Ich bin überzeugt, daß wir bei ungebührlicher Vergrößerung Polens nicht nur das Urteil der Geschichte umstürzen, sondern einen politischen Kardinalfehler begehen, der sich noch im Laufe der Geschichte rächen wird. Das neue Polen wird Millionen Deutsche (und Russen) und Gebiete mit einer deutschen (und russi- [19] schen) Bevölkerung oder solche, die lange Zeit hindurch Teile Deutschlands (oder Rußlands) gewesen sind, umfassen. Es ist doch wohl anzunehmen, daß sowohl Deutschland wie Rußland wieder Großmächte werden und daß das zwischen ihnen eingeklemmte Polen nur bei ihrem guten Willen gedeihen kann. Wie können wir unter diesen Umständen erwarten, daß Polen etwas anderes als ein Fehlschlag wird, selbst wenn es die nötige Regierungs- und Verwaltungsfähigkeit besäße, die es, wie die Geschichte beweist, nicht besitzt?"

In der Beratung der britischen Minister und Dominion-Ministerpräsidenten am 1. Juni 1919 hatte Smuts noch einmal der gleichen Meinung Ausdruck gegeben und die Allierten davor gewarnt, jemals die in Aussicht genommenen Grenzen des neuen Polens zu garantieren.13 Aber auch er hat dann schließlich genau so wie Lloyd George selbst am 28. Juni das Friedensdiktat unterschrieben.

Lloyd George tröstete sich damit, er sei nach dem Zugeständnis der Volksabstimmungen in einigen kleinen Teilgebieten eigentlich doch mit seiner Auffassung durchgedrungen und die deutsch-polnische Grenzziehung werde nun wirklich allen Forderungen des Selbstbestimmungsrechts und der politischen Klugheit gerecht. Er hat sich dies so gründlich eingeredet, daß er es schließlich selber glaubte, was ja das Wesen des englischen Cants ausmacht. So konnte er sich denn bei der Beratung des Versailler Diktats am 3. Juli 1919 im Unterhaus hinstellen und sagen:14

      "Es wäre unrecht gewesen, deutsche Menschen unter polnische Herrschaft zu stellen, und es wäre dumm gewesen. Ob es nun strategischen oder wirtschaftlichen Gründen gedient hätte, es hätte nur Unheil in Europa stiften können. Elsaß-Lothringen ist für Europa eine [20] Lehre gewesen, und es wäre Wahnsinn gewesen, wenn wir neue Elsaß-Lothringen in Europa geschaffen hätten. Es wäre nicht nur gegenüber Deutschland, sondern auch gegenüber Polen ein Unrecht gewesen; es wäre ein Unrecht an Europa gewesen. Hätten die Alliierten jetzt einen solchen schweren Fehler begangen, so hätte Polen vielleicht in 50 Jahren teuer dafür zahlen müssen. (!)"

Diese echt britische Heuchelei richtet sich selbst. Tatsächlich hatte Lloyd George das Verbrechen der Alliierten, von dem er hier spricht, mitgemacht und vor der traditionellen Politik der hohen Beamtenschaft seines eigenen Außenministeriums kapituliert, die der im Falle Polen verfolgten Politik schon im Memorandum über die Kriegsziele 1916 die klassische Formulierung gegeben hatte:15

      "Wir haben allen Grund zu erwarten, daß der zukünftige polnische Staat ein Pufferstaat zwischen Rußland und Deutschland im schönsten Sinne des Wortes wird. Vom Standpunkt Englands und Frankreichs wäre ein solches Staatengemengsel (gemeint sind Polen und die Nachfolgestaaten) eine wirksame Barriere sowohl gegen eine russische Vorherrschaft in Europa wie gegen die Ausbreitung des deutschen Einflusses im Südosten. Schließlich dürfen wir das Nationalitätenprinzip nicht soweit treiben, daß dadurch ein Staat (gemeint war das Deutsche Reich!) über Gebühr stark wird, der in Zukunft ja doch wieder eine Gefahr für den europäischen Frieden wird."

Seit der Schaffung des polnischen Staates in Versailles war noch kein Jahr vergangen, als England zum ersten Mal den Polen die Rechnung präsentierte und eine Probe aufs Exempel machen wollte, wie weit Polen tatsächlich als Festlandsdegen für England verwendbar war. Damals, im Jahre 1920, war eine weitere Schwächung Deutschlands allerdings unnötig. Um so besser ließ sich Polen gegen [21] Sowjetrußland ausspielen. Churchill hatte es als Kriegsminister erreicht, seinen Ministerpräsidenten Lloyd George und allmählich das ganze Kabinett für seine schon seit 1919 hartnäckig verfolgte Kriegs- und Blockadepolitik gegen den ehemaligen russischen Verbündeten zu gewinnen, und wenn er auch bei einem direkten Angriff das Schicksal Napoleons vom Jahre 1812 fürchtete, so hofften er und seine Ministerkollegen doch, mit Hilfe Polens das revolutionäre Rußland weiter aus Europa herausdrängen zu können. Im Vertrauen auf englische und französische Hilfe stürzte sich Polen dann auch im Frühjahr 1920 in den Eroberungsfeldzug gegen Sowjetrußland, dessen militärische Macht damals auf allen Seiten gebunden schien. Doch wie stets, hatten die Polen auch damals ihre Kräfte erheblich überschätzt, und ihr Angriff blieb stecken. Die Russen gingen darauf im Sommer ihrerseits zum Angriff über, eroberten weite Teile Polens und bedrohten seit Anfang August 1920 sogar Warschau.

Diese Wendung der Dinge hatte die englische Regierung allerdings nicht erwartet. Sie schickte den Polen schon seit Monaten Waffen, Munition und Ausrüstungsgegenstände aller Art, und zwar über den Hafen der "Freien Stadt" Danzig, die  die Westmächte nicht umsonst unter die Oberhoheit der von ihnen völlig abhängigen Genfer Liga gestellt hatten. Man war auch, als die Lage sich für Polen verschlimmert hatte, gern bereit gewesen, eine britische politische und militärische Mission zu Hilfe zu schicken. Das schien jetzt aber nicht mehr zu genügen. Entweder mußte man sich entschließen, seinen polnischen Landsknecht fallen zu lassen, oder aber das fein gesponnene Spiel aufdecken und mit Waffengewalt aktiv in den Krieg gegen Rußland eingreifen. Noch hatte man die eigene Urheberschaft und den bisherigen Anteil am polnisch-russischen Kriege vor dem englischen Volk geheimgehalten. Hatte man in der englischen Muster-Demokratie nicht auch vor dem Weltkrieg die Frankreich für den Kriegsfall ge- [22] gebenen bindenden Hilfeversprechungen dem Parlament verschwiegen? Mit den ewig gleichen englischen Methoden des Totschweigens und, wenn wirklich etwas durchsickerte, des dreisten Leugnens hatte man auch jetzt das eigene Volk irregeführt. So hatte Bonar Law im Namen der Regierung noch im Mai 1920 mit frecher Stirn erklärt, die britische Regierung gäbe Polen in seinem Feldzug gegen Rußland weder moralische noch materielle Unterstützung. Doch schon wenige Tage später wurde durch Zufall etwas über die Fracht des "Jolly George" bekannt, und er mußte zugeben, daß auf Kosten der britischen Regierung große Mengen Munition nach Polen verschifft würden. Bei einer anderen Gelegenheit hatte er die ebenfalls unwahre Feststellung gemacht, daß die britische Regierung vorher keine Kenntnis von der polnischen Offensive gehabt hätte. Als jetzt aber der Fall Warschaus nur noch eine Frage von Tagen zu sein schien und die englische Regierung sich über den Umfang ihrer weiteren Beteiligung am Kriege so oder so entscheiden mußte, erzwang die parlamentarische Opposition endlich am 10. August 1920 eine Debatte über den Krieg, die in vieler Hinsicht aufschlußreich ist und der Regierung sehr unangenehm gewesen sein muß.

Daß die Führer der Labour Party im Gegensatz zu 1939 damals die Polen richtig durchschaut hatten und ihnen die Knochen englischer Soldaten für einen Kampf für eine streitsüchtige und größenwahnsinnige polnische Regierung zu schade waren, zeigten bereits jene Worte, die der Abgeordnete Oberst Wedgwood am 12. Februar 1920 im Unterhaus gesprochen hatte:16

      "Ich gebe den Herren Abgeordneten zu bedenken, was es bedeutet, wenn wir in einen neuen Krieg gestürzt werden, nur um einen Staat (Polen) zu stützen, der, von nationalistischen Ideen des 18. Jahrhundert angetrieben, [23] einen Angriffsfeldzug beginnt, für dessen Durchführung ihm jedoch jede Kraft und Ausdauer fehlt. Wir denken nicht daran, die Polen zu unterstützen, wenn sie dann ihrerseits angegriffen werden. Sie sollen selbst die Verantwortung für das Blutvergießen tragen. Wir wollen nichts wissen von einer Verpflichtung, ihnen etwa unsere Truppen zu Hilfe schicken zu müssen."

In der großen Debatte vom 10. August 1920 zeigten die Führer der Arbeiteropposition nun, daß sie nicht nur die Polen, sondern auch die imperialistischen Ziele und die dunklen Methoden der eigenen Regierung durchschaut hatten. Zuerst sprach Clynes, der spätere Innenminister im Kabinett Macdonald:17

      "Der Ministerpräsident (Lloyd George) hat uns Polen als diplomatisch völlig unerfahren hingestellt, als ein unschuldiges Kind, das auf den dornigen Pfaden der Staatskunst herumirrt. In beredten und bilderreichen Sätzen hat er unser Mitgefühl für Polen aufgerufen, das mit den Kniffen gerissener Politiker nicht vertraut sei. Wer hat denn aber Polen beraten? Wer hat denn Polen die Hand geführt? Wer hat denn Polen zu jenen bösartigen und dummen Handlungen aufgehetzt, die es während des letzten Jahres begangen hat? Der Ministerpräsident hat doch selbst hier neulich Polens Handlungsweise bösartig und dumm ("wicked and foolish") genannt. Polen hat 500 000 Mann ins Feld stellen können, hat sie ausbilden, kleiden, ernähren und bewaffnen können. Sind da etwa die Heinzelmännchen im Spiel gewesen? Es ist klar, daß Polens Kampfkraft auf der Hilfe beruht, die ihm die Alliierten haben zukommen lassen. Ich lehne es ab, [24] mir vorreden zu lassen, daß seine militärische Bedeutung, daß die materiellen Mittel, die es braucht, um als Militärmacht auftreten zu können, aus Eigenem stammten, weil es ja gar keine eigenen Hilfsmittel hat. Selbstverständlich wurde Polen von draußen beliefert. Wer heute unser Mitleid für den polnischen Staat anruft, weil dieser es nicht besser gewußt habe, der muß sich sagen lassen, daß er es selbst hätte besser wissen sollen - die Alliierten hätten es besser wissen sollen, als sie Polens Vorgehen billigten. Anscheinend haben sie aber nicht nur das getan, sondern sie haben Polen selbst erst auf diesen heillosen und dummen Weg gebracht, der es ins Verderben gestürzt hat."

Wie aktuell dies alles klingt! Bisher hat die Welt leider vergebens darauf gewartet, daß auch jetzt wenigstens ein ehrlicher Mann im Unterhaus aufsteht und das von der Regierung Chamberlain seit dem Frühjahr 1939 betriebene Spiel mit Polen ebenso freimütig aufdeckt.

Nach Clynes sprach der Abgeordnete J. E. Mills.18 Er stellte zunächst die Frage, seit wann man sich in England denn eigentlich so für die Unabhängigkeit Polens begeistere. Es sei doch noch gar nicht so lange her, daß sich die gleiche Regierung Lloyd George mit der zaristischen Regierung dahin geeinigt habe, daß Rußland im Falle eines Sieges der Alliierten die polnischen Gebiete Österreichs und Preußens annektieren und die polnische Frage nach Belieben als interne Frage des russischen Reiches lösen sollte. Damals habe niemand von den "Rechten der kleinen Völker" gesprochen. Auch Mills stellte dann fest, daß Polen niemals aus eigenem Antrieb und nur auf sich gestellt den Angriff auf Sowjetrußland durchgeführt hätte. Clemenceau habe für die französische Regierung ja schon zugegeben, daß Frankreich gehofft hätte, Polen würde den Kampf mit Sowjetrußland aufnehmen und die [25] Tschechoslowakei und Rumänien, das allein zu diesem Zweck eine riesige Anleihe zu günstigen Bedingungen erhalten hätte, würden an Polens Seite in den Krieg eingreifen. Jetzt sollte auch die englische Regierung, die sich bisher um jede Auskunft herumgedrückt hätte, mit der Sprache heraus, wer denn eigentlich die Polen vorgeschickt und unterstützt hätte. Im Manchester Guardian vom 6. August hätte man jedenfalls einen Bericht aus Warschau lesen können, wonach täglich ganze Züge schwerer britischer Geschütze, mit Blumen und Zweigen bekränzt, durch die Straßen dahinratterten, dauernd Züge aus Danzig mit allem nötigen Material ankämen und Tausende von polnischen Soldaten in englischer Ausrüstung und mit nagelneuen englischen Gewehren durch die Stadt marschierten. Schließlich fragte der Abgeordnete, weshalb man denn eigentlich jetzt, nachdem der polnische Angriff zurückgeschlagen sei, in englischen Regierungskreisen so aufgeregt sei und die Sowjetregierung mit Vorwürfen überlade. Man könne es keiner Macht übelnehmen, daß sie nach dem Siege über den Herausforderer Sicherungen gegen Wiederholungen solcher unprovozierten Angriffe verlange.

Die Redner aus dem Regierungslager waren ihrerseits sehr kleinlaut. Lord Robert Cecil stellte u. a. fest, daß sich, wenn man wirklich nur die unmittelbaren englischen Interessen und sonst nichts im Auge habe, schwerlich überhaupt ein echtes englisches Interesse in Osteuropa nachweisen ließe!19 Schließlich sei noch jener klassische Ausspruch über Polen verzeichnet, den der Abgeordnete Oberstleutnant Hurst in einer an sich polenfreundlichen Rede in der gleichen Debatte getan hat:20

      "Der einzige nützliche Beitrag, den Polen jemals für die europäische Kultur- [26] entwicklung geleistet hat, war die Mithilfe bei der Befreiung Wiens von den Türken."

Der Gang der Debatte hat den Mut der englischen Regierung zur Intervention zweifellos noch weiter abgekühlt. Am Vormittag des 10. August hatte sie der polnischen Regierung telegraphisch geraten, mit der russischen Regierung einen Waffenstillstand und Vorfrieden auf der Grundlage der völkischen Grenzen zu schließen. Wären die Russen, die immerhin vor der Hauptstadt des Angreifers standen und die Bedingungen für den Waffenstillstand selbst diktieren konnten, dazu aber nicht bereit, so versprach die englische Regierung den Polen,

1. alle geeigneten Schritte zu tun, um Rußland von der übrigen Welt abzuschneiden und auf Rußland einen Druck auszuüben,
2. die polnische Armee mit Kriegsmaterial für 22 Divisionen und mit militärischen Ratschlägen zu unterstützen,
3. unter allen Umständen die Verbindungswege zwischen Polen und den Alliierten offenzuhalten.21
Unter dem Eindruck der Mißstimmung im Unterhaus aber gab die englische Regierung am 11. August die ihr inzwischen von dem sowjetrussischen Vertreter übergebenen russischen Waffenstillstandsbedingungen, die u. a. die Demobilmachung der polnischen Armee bis auf 50 000 Mann forderten, telegraphisch an die Polen weiter, was einer Befürwortung gleichkam und die Polen darüber im Unklaren ließ, ob sie sich noch an die englischen Versprechungen des Vortages halten konnten. In dieser Not kamen den Polen zwar nicht die englischen Verbündeten, wohl aber das Kriegsglück, das militärische Genie Marschall Pilsudskis und das Ungeschick seines Gegners Tuchatschewski zu Hilfe. Am 15. August begann die [27] Entscheidungsschlacht, die zum Entsatz Warschaus und zum völligen Rückzug der Russen führte.

Lord D'Abernon, der damalige britische Botschafter in Berlin und Leiter der Britischen Mission in Polen, hat über die Schlacht vor Warschau unter dem Titel Die achtzehnte Entscheidungsschlacht der Weltgeschichte (The Eighteenth Decisive Battle of the World, London 1931) einen begeisterten Bericht geschrieben, der zeigt, welch ein Stein den Engländern durch diese neue Wendung im polnisch-russischen Krieg vom Herzen genommen wurde. Lloyd George, Churchill und Genossen konnten frohlocken. Sie hatten sich also nicht in ihrem Söldner Polen getäuscht und brauchten nun doch nicht, wie man befürchtet hatte, englische Soldaten nach Polen schicken. Wenn man jetzt nur weiter tüchtig Waffen, Munition und alle sonstigen Ausrüstungsgegenstände den Polen lieferte, war deren Endsieg auch ohne direktes Eingreifen der Westmächte gesichert, und man konnte doch noch den Russen einen England erwünschten Frieden aufzwingen.

Da ließen es sich die Danziger Hafenarbeiter einfallen, durch einen Streik die englischen Lieferungen an Polen aufhalten zu wollen! Das durfte nicht sein. Am 25. August schickte Englands Ministerpräsident Lloyd George an Lord D'Abernon nach Warschau ein Telegramm, dessen anmaßende brutale Sprache beweist, wie sehr England nach Versailles mit Danzig umspringen zu können glaubte:22

      "Zweck der Vertragsbestimmungen von Versailles im Falle Danzig ist, dem polnischen Staat die uneingeschränkte freie Benutzung des Danziger Hafens für die polnische Ein- und Ausfuhr zu sichern. Der Hohe Kommissar hat den Auftrag, alles in seinen Kräften Stehende zu tun, um dies zu garantieren. Wenn die [28] Danziger Dockarbeiter sich weigern, die Schiffe zu entladen, so sind unter dem Schutz der Alliierten Mächte alle verfügbaren Arbeitskräfte einzustellen. Britische und französische Kriegsschiffe und alliierte Militärabordnungen werden in Danzig jede Unterstützung gewähren, und, wenn nötig, werden die militärischen Kräfte der Alliierten noch verstärkt werden. Die britische Admiralität ist angewiesen worden, dafür zu sorgen, daß in Danzig ausreichende britische Seestreitkräfte verfügbar sind."

England und Frankreich haben im Jahre 1920 ihr Spiel tatsächlich gewonnen. Sie erreichten es, daß ihr Vasallenstaat Polen gestärkt aus dem Krieg hervorging und im Frieden von Riga, nunmehr unter völliger Mißachtung des vorher empfohlenen Nationalitätenprinzips, neue umfangreiche Gebiete Weißrußlands und der Ukraine zugesprochen erhielt.

Damit aber erfuhr der polnische Staat im Interesse der Westmächte eine neue schwere Belastung. Hatte das Friedensdiktat von Versailles das deutsch-polnische Verhältnis vergiftet, so sollte der Friede von Riga endgültig Zwietracht zwischen Polen und seinem östlichen Nachbarn säen. Diese doppelte Belastung aber mußte früher oder später den künstlich aufgeblähten polnischen Staat von Englands und Frankreichs Gnaden zusammenbrechen lassen, sobald erst einmal das Deutsche und das Russische Reich ihre natürliche Stellung als europäische Großmächte zurückgewonnen hatten. Die englischen und französischen Politiker aber trauten sich, von Versailles berauscht, damals noch zu, ihren polnischen Vasallen allezeit gegen Deutschland und Rußland gleichzeitig schützen und - mißbrauchen zu können. Noch herrschte in den Kabinetten von London und Paris jene übermütige Siegesstimmung, der Walter Elliot, jetzt schon seit vielen Jahren britischer Kabinettsminister, am [29] 25. März 1920 im Unterhaus den klassischen Ausdruck verliehen hat:23

      "Es kann kein Zweifel darüber bestehen, daß mit Recht oder Unrecht, durch Zufall oder auf Grund ihrer besonderen Fähigkeiten, die Völker des Westens und Großbritanniens im besonderen die Könige der Welt sind. Sie sind die Herren ganz Europas ('kings of the world, the sovereigns of all Europe')."

Ein Staat, der durch willkürlich gezogene Grenzen auf Kosten beider benachbarter Großmächte künstlich zu einem Mittelstaat, ja zu einer "Großmacht" aufgebläht wird, kann seine Existenz nur in sklavischer Anlehnung an jene Mächte erhalten, die ihn sich als Werkzeug geschaffen haben. Gerade seiner Abhängigkeit von England ist sich Polen seit dem Frieden von Riga besonders bewußt gewesen. Wohl verband Polen mit Frankreich seit 1921 eine Militärallianz, doch sie allein genügte nicht, das fühlte man. Erst der gute Wille Großbritanniens konnte den Bestand des eigenen, innerlich so brüchigen Staates einigermaßen garantieren, und gerade weil England 1925 in Locarno nicht bereit gewesen war, auch die deutsch-polnische Grenze zu garantieren, wurde es zum obersten Gesichtspunkt der polnischen Außenpolitik, sich um jeden Preis stets die englische Freundschaft zu erhalten. Aber auch das Foreign Office wußte genau, warum man Polen geschaffen hatte und erinnerte sich auch weiterhin, wenigstens in kritischen Augenblicken, stets seines Schützlings in Osteuropa.

Allerdings blieben die englisch-polnischen Beziehungen nicht ohne gelegentliche Trübungen. In England klagte man über die lästige polnische Konkurrenz im Kohlenexport und in der Schiffahrt. Etwa seit 1930 hatte Polen in Skandinavien durch Preisunterbietung mit seiner oberschlesischen Kohle die englische Kohle fast völlig verdrängt. Jahrelang konnte man sich über die Abgren- [30] zung der Absatzmärkte nicht einigen, bis endlich am 1. Januar 1935 ein einigermaßen beide Teile befriedigendes Kohlenabkommen zustande kam.. In England beobachtete man ferner mit scheelen Augen die Entwicklung der polnischen Handelsschiffahrt, so sehr man auch aus politischen Gründen den Ausbau des Hafens Gdingen zu fördern bestrebt war. So machte sich am 13. Dezember 1933 der Abgeordnete Oberst Ropner im Unterhaus zum Sprecher der englischen Schiffahrtsinteressen, als er den Handelsminister, "der doch genügend Macht habe, die polnische Regierung zu zwingen" (!), energisch zu Gegenmaßregeln gegen die Konkurrenz polnischer staatlicher Schiffahrtslinien aufforderte.24

Aber auch in Polen wurden zuweilen kritische Stimmen gegen die Ausbeutungsversuche des großen englischen Freundes laut, wenn sie sich auch nicht alle so deutlich vernehmen ließen wie der in Krakau erscheinende Ilustrowany Kurjer Codzienny, wo am 10. Dezember 1919 zu lesen war:25 "Wenn wir ein heißblütiges Volk wären, so würden allerorts Rufe ertönen: 'Gott strafe England!' Wir haben genug des Herumreisens verschiedener englischer Kommissionen in der Art der Mission Samuels in Polen. England haßt Polen vielleicht nicht, aber es behandelt Polen wie seinen Vasallen, den man nicht beachtet. England wünscht im Interesse seiner Kapitalisten, die Hand auf das polnische Petroleum-Revier zu legen. England will selbst im Baltikum herrschen. Polen wird wie eine Kolonie behandelt."

Auch sonst gab es mal eine kleine Reibung zwischen dem ungleichen Freundespaar. So hatte das Programm der British Broadcasting Company zu Neujahr 1933 Polens Mißfallen erregt. Der Ansager hatte nämlich behauptet: "Jetzt kommen wir von Ostpreußen, das vom [31] Reich durch den Korridor abgeschnitten ist, zu Polen, diesem kleinen Lande, das ein Drittel seiner Staatsausgaben für Rüstungen verwendet und das für den miserablen Korridor verantwortlich ist, den es mit Gewalt aufrechterhält, während Deutschland nach dem Versailler Vertrag keine Armee, keine Marine und keine Luftwaffe haben darf." Diese Erklärung wurde in einer Beschwerde des polnischen Botschafters als unfreundlicher Akt gekennzeichnet, was wiederum ziemlich erregte Kommentare in der englischen Presse hervorrief. So schrieb etwa der Evening Standard am 4. Januar 1933: "Die Behauptungen des Ansagers seien doch richtig. Polen sollte nicht vergessen, daß es seine ganze Existenz nur England verdanke. Mit der geringsten eigenen Anstrengung habe Polen die größte Frucht des Friedensvertrages geerntet. Ein Lord Palmerston hätte polnische Protestnoten in den Papierkorb geworfen. Das gegenwärtige Foreign Office sei leider für den anmaßenden Ton verantwortlich, den die Polen in ihrer Note angeschlagen hätten. Dadurch, daß England seiner Gesandtschaft in Warschau so früh den Rang einer Botschaft verliehen hätte, habe es nur den polnischen Frosch ermuntert, sich wie ein Bulle zu benehmen."

Damit hatte der Evening Standard den Nagel auf den Kopf getroffen. Er hatte auch darin zweifellos recht, daß das Foreign Office seine schon im Memorandum von 1916 umrissene polenfreundliche Politik, trotz der gegenüber Polen allmählich mißtrauisch werdenden öffentlichen Meinung in England, unverrückt festgehalten hatte. Zu Anfang des Jahres 1927 hatte es sich z. B. besonders angelegen sein lassen, die Polen der englischen Freundschaft zu versichern. Allerdings mit gutem Grund. Damals zeichnete sich nämlich zum ersten Male die Möglichkeit einer direkten deutsch-französischen Verständigung am Horizonte ab (Thoiry); andererseits [32] verschlechterten sich gleichzeitig die englisch-russischen Beziehungen zusehends, wie England dann auch wenig später zum Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit Rußland schritt. Um diese Zeit, Anfang Februar 1927, erschienen im Kurjer Poranny kurz hintereinander mehrere Artikel unter dem Pseudonym "Augur", hinter dem sich für alle Eingeweihten der Ostjude Poljakoff als Sprachrohr des Foreign Office verbarg, der schon im Weltkrieg einer der wichtigsten Mitarbeiter Lord Northcliffes war und seitdem von Downing Street jahraus, jahrein gegen Deutschland benutzt worden ist. Diese Artikel hatten eine ausgesprochen deutschfeindliche Tendenz und machten vor allen Dingen Stimmung gegen den deutsch-französischen Ausgleichsgedanken. "Augur" erklärte darin bezeichnenderweise auch, daß England großes Interesse an dem polnischen Hafen Gdingen habe und daß es das polnische Recht auf den Korridor auch, abgesehen vom Versailler Vertrag, feststellen müsse.26 Gleichzeitig wurde der damalige deutsch-polnische Wirtschaftskonflikt in den englischen Zeitungen auffällig gehässig kommentiert.

Im Herbst 1929 glaubte man in London abermals, die Beziehungen mit Polen etwas beleben zu müssen. Als erste Großmacht verwandelte damals England seine Gesandtschaft in Warschau in eine Botschaft und erkannte damit Polen seinerseits formell als "Großmacht" an. Dies hat den Polen sehr wohl getan, wenn es sie auch nach englischer Auffassung (vgl. den Evening Standard!) noch übermütiger gemacht hat.

Niemand wird sich nach allem wundern, daß sich die englische Politik seit 1933, seit dem von Anfang an mit unverhohlenem Mißtrauen betrachteten Wiedererstarken des Deutschen Reiches, mit neuem Eifer um Polen zu bemühen begann. Damit aber stieß London zum ersten Mal auf einen unerwarteten Widerstand. Die national- [33] sozialistische Revolution hatte den Marschall Pilsudski tief beeindruckt. Er hatte die Zeichen der Zeit verstanden, und mit staatsmännischem Weitblick schloß er am 26. Januar 1934 mit dem Führer und Kanzler des Deutschen Reiches einen Nichtangriffspakt, der die Aufgabe haben sollte, eine "neue Phase in den politischen Beziehungen zwischen Deutschland und Polen einzuleiten", eine gesündere Atmosphäre gutnachbarlicher Beziehungen zwischen beiden Ländern zu schaffen, in der dann später die friedliche Neuregelung der zwischen beiden Ländern bestehenden offenen Probleme versucht werden konnte. Pilsudski begann, die unmittelbare Verständigung mit seinem Nachbarn der bisherigen unbedingten Unterordnung unter die machtpolitischen Ziele Englands und Frankreichs vorzuziehen. So ist denn auch der famose Plan zur Aufrechterhaltung der Versailler Ordnung in Osteuropa, den die englischen Minister Sir John Simon und Anthony Eden auf ihrer Reise durch die europäischen Hauptstädte im März und April 1935 propagierten, an seinem Einspruch gescheitert. Bei Edens Besuch in Warschau sprach sich der Marschall am 3. April sowohl gegen den geplanten Ostpakt zur Aufrechterhaltung des Status quo wie auch gegen eine Hilfegarantie aus, da solche Pakte die Einkreisung Deutschlands bedeuteten und früher oder später zu einem Krieg führen müßten, der nur auf polnischem Gebiet ausgetragen werden könnte. Er hatte die englischen Absichten durchschaut. Aber schon am 12. Mai 1935 schloß Marschall Pilsudski für immer die Augen.

Fünfzehn Jahre lang hatte Polen die ihm von England und Frankreich zugedachte Rolle als Unruhestifter in Osteuropa getreulich gespielt und sich im Vertrauen auf die beiden großen Freunde der gröbsten Übergriffe gegen die ihm einverleibten Minderheiten, vor allem gegen die Deutschen, schuldig gemacht. Da hatte Pilsudski im Januar 1934 das Steuer herumgerissen. In seinen Reden und Schriften hatte er schon immer ver- [34] sucht, das polnische Volk, das bei aller Einsatzbereitschaft und Phantasiebegabung stets der Gefahr der Selbstüberschätzung, der Maßlosigkeit und des Theater-Heldentums zu erliegen droht, zu einem Erkennen der eigenen Grenzen, zu männlicher Selbstbeschränkung zu erziehen. Pilsudski wäre wohl in der Lage gewesen, unter Verzicht auf bestimmte, ehemals deutsche, für Polen nicht lebenswichtige Gebiete eine dauernde Bereinigung des deutsch-polnischen Verhältnisses zu ermöglichen und damit einige der auf dem polnischen Staat so schwer lastenden Hypotheken abzutragen, sozusagen aus dem bis zum äußersten aufgeblähten Gummiball des polnischen Staates noch rechtzeitig etwas Luft abzulassen, um das endgültige Zerplatzen zu verhindern. Seine Epigonen, kleine Geister wie Rydz-Smigly, der sich selbst nur zu leicht an chauvinistischen Phrasen und theatralischer Heldenhaftigkeit berauschte, waren dazu unfähig. So zeigte sich nach dem Tode des Marschalls bald, daß die polnische Politik die eigene Linie wieder verlor und daß Polen erneut zum Bauern in Englands Schachspiel gegen Europa wurde. Die deutsche Volksgruppe hatte wieder wie früher unter allen möglichen Verfolgungen zu leiden. Wieder wurden deutsche Schulen geschlossen, deutsche Zeitungen und Vereine verboten und die sog. "Agrarreform" genau wie vor 1933 zum Nachteil der Deutschen weiter getrieben. Zugleich aber stellte sich auch die polnische Außenpolitik wieder ihren alten Auftraggebern zur Verfügung. Beck, der zwar Deutschland gegenüber das Gesicht zu wahren suchte, schloß sich dennoch seit 1935 immer mehr an Eden an, mit dem er in Genf Freundschaft schloß und mit dem zusammen er für die polnische Außenpolitik die Formel erfand, Polen müsse genau wie England zwischen den ideologischen Fronten in Europa eine Zwischenstellung und Vermittlerrolle übernehmen. Schon im März 1936 - das hat Ende September dieses Jahres der ehemalige polnische Gesandte in Bern [35] ausgeplaudert27 - hat dann Beck nach der Besetzung des Rheinlandes die polnischen Truppen für eine Aktion der Westmächte gegen das Deutsche Reich zur Verfügung gestellt und damit Geist und Buchstaben des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes aus Liebedienerei gegen England gewissenlos gebrochen. Es war nicht seine Schuld, daß England sich noch nicht stark genug fühlte und vorerst keine Verwendung für das polnische Angebot hatte. Es wußte aber jetzt, daß es sich im Ernstfall unbedingt auf die Warschauer Führung verlassen und das polnische Volk erneut vor den englischen Karren spannen konnte.

Gelegentlich des Besuchs von Außenminister Beck in London zu Anfang November 1936, der von einer auffällig lauten Pressepropaganda in Polen begleitet war,28 wurde Polen auf die gegen Berlin und Rom gerichtete englische Völkerbundspolitik der "kollektiven Sicherheit" erneut festgelegt. England versprach, bei den Verhandlungen über einen etwaigen neuen, an die Stelle des Locarno-Vertrages tretenden Weltpakt die "gerechtfertigten" Interessen Polens in Osteuropa unbedingt zu berücksichtigen; es winkte damit also zum ersten Male mit einer "Garantie". Auch erhielt Beck aus naheliegenden politischen Gründen finanzielle Hilfe für strategisch wichtige Eisenbahnen und für den Ausbau von Gdingen. Während der Krönungsfeierlichkeiten im Mai 1937 war Beck wiederum, bereits zum vierten Male, Gast der englischen Regierung und hatte während seines zwölftägigen Aufenthaltes in London abermals ausgedehnte Besprechungen mit Eden, Neville Chamberlain und Vansittart. Es fiel auf, daß in der Zeitschrift Round Table, deren [36] anonym erscheinende Aufsätze ein sehr gutes Barometer für die in näherer und fernerer Zukunft geplante britische Politik sind, jetzt des öfteren in Aufsatz- und Berichtform über Polen und seine etwaige Rolle in einem neuen Kriege gegen das aufstrebende Deutschland geschrieben wurde. Am 27. April 1938 wurde ein englisch-polnischer Flottenvertrag abgeschlossen. England interessierte sich offensichtlich für die Stärkung der polnischen Seemacht in der Ostsee. Mit englischem Geld sollte die damals 18 000 Bruttoregistertonnen starke polnische Flotte baldigst auf 150 000 BRT. gebracht werden, wobei das Schwergewicht auf dem Neubau von Zerstörern, Schnell- und U-Booten liegen sollte, die vorwiegend auf englischen Werften gebaut werden sollten.

Da gab es für England eine unerwartete Enttäuschung, als Polen in der Tschechenkrise eigene Wege ging und einige wertvolle Gebiete Mährens und der Slowakei annektierte. Während das Deutsche Reich aus tiefem Verantwortungsbewußtsein handelte und nur eingriff, weil die Zustände in der alten Tschecho-Slowakei zu einer ernsten Gefahr für den Frieden Europas geworden waren, suchten die Polen hinter dem breiten Rücken Großdeutschlands nur die Gelegenheit zum Raub, wie sie sich ja in ihrer ganzen Geschichte seit 1919 immer wieder von neuem durch Aussicht auf Beute treiben ließen, sei es nun auf Kosten Deutschlands oder Litauens, Weißrußlands, der Ukraine oder der Slowakei. In England war man darüber sehr aufgebracht. In beiden Häusern des Parlaments und in der Presse wurden mehr oder minder offene Drohungen gegenüber Polen ausgestoßen und Polen vor weiteren Extratouren mit dem Hinweis darauf gewarnt, daß es selbst wohl das nächste Opfer der deutschen "Aggression" sein würde und England dann vielleicht seine Hand von Polen zurückziehen könnte. So hieß es etwa in der Zeitschrift The Economist vom 8. Oktober 1938:

      "...Seit dem 18. Jahrhundert sind die Polen bekannt für ihre politische Tor- [37] heit. Dafür genossen sie den Ruf politischer Ritterlichkeit. Durch die Handlungen der polnischen Regierung im September wird der Ruf Polens, was die politische Torheit betrifft, noch gesteigert (wenn das überhaupt möglich ist), während sein ritterlicher Name unleugbar verlorenging. Schäbigkeit und Kleinlichkeit waren die Schlüsselnoten zum polnischen Benehmen... Prag kapitulierte vor der Gewalt. Die polnische Armee ist einmarschiert. Was wird das nächste Kapitel in der Geschichte der polnischen Republik sein, die in ihrer nationalen Zusammensetzung in noch höherem Maße eine Wiederholung der Tschecho-Slowakei ist? In Polen gehört ein Viertel bis zu einem Drittel der Bevölkerung nicht zu der polnischen Nationalität und wünscht nicht, diesem Nachkriegsstaat anzugehören. In Polen wie in der Tschechoslowakei besteht eine der Minderheiten aus Deutschen. Wie lange werden die Polen auf die vierte Teilung zu warten haben, zu der sie jetzt so töricht anreizten? Und wo werden sie dann Freunde finden?..."

Diese Warnungen haben ihren Zweck nicht verfehlt. Die polnische Regierung, der die Wirkung ihrer Handlungen auf London niemals gleichgültig gewesen ist, bekam einen riesigen Schreck und ließ sich tatsächlich die Angst vor der "deutschen Gefahr" einreden. Die Engländer aber hatten aus Polens Verhalten in der Septemberkrise 1938 die Lehre gezogen, daß sie ihnen weit umfassendere Angebote als bisher machen müßten, wenn sie ihnen die so vorteilhafte Zusammenarbeit mit dem deutschen Nachbarn verleiden und sie eindeutig auf die englische Politik festlegen wollten. Ohne Polen aber war die Einkreisung Deutschlands, zu der man sich unmittelbar nach dem Münchener Abkommen in London im geheimen endgültig entschlossen hatte, nicht durchführbar. So ging man denn sofort daran, zur Vorbereitung der nötigen pro-englischen Stimmung in der öffentlichen Meinung Warschaus für den Winter [38] 1938/39 zahlreiche Vortragsreisen englischer Lords und englischer Admirale, den Besuch einer Abteilung der Britischen Luftfahrtgesellschaft zur Vorbereitung einer direkten Luftverbindung Warschau - London sowie einen Jagdbesuch des Herzogs und der Herzogin von Kent in Polen zu arrangieren.

Als London dann nach der Aufnahme Böhmens und Mährens ins Reich den Augenblick für gekommen hielt, mit seiner Einkreisungspolitik offen hervorzutreten, und Lord Halifax am 20. März im Oberhaus den Plan einer "Anti-Aggressions-Liga" bekanntgab, wurde Polen dazu als erste Macht eingeladen. Damit stand Polen vor einer Entscheidung, die Tod oder Leben bedeuten konnte. Denn nur einen Tag später, am 21. März, hatte der Führer seine schon mehrfach vorgetragenen Vorschläge den Polen wiederholt, mit der Rückkehr Danzigs und der Abtretung einer schmalen Querverbindung nach Ostpreußen gegen den endgültigen Verzicht auf weitere Revisionen der Versailler deutsch-polnischen Grenze einverstanden zu sein. Polen sollte Farbe bekennen. Mit der am 26. März erfolgenden Ablehnung dieser denkbar gemäßigten Vorschläge zur Lösung des Korridor-Prolems bekannte es sich in der Entscheidung zwischen den beiden sich entwickelnden Mächtegruppen eindeutig zu England. Jetzt hieß es für London, "das Eisen schmieden, solange es heiß ist". Schon am 31. März gab Chamberlain die berüchtigte Garantie-Erklärung, die den Polen zum Verhängnis geworden ist.

Über die tieferen Beweggründe, die die englische Regierung zu dieser Garantie veranlaßten, sowie über den äußeren Gang der Ereignisse seit dem Frühjahr 1939 brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren. Die als amtliches Weißbuch veröffentlichten deutschen Dokumente zur Vorgeschichte des Krieges bieten jetzt vollends den überzeugenden Beweis dafür, wie Polen als Werkzeug des [39] englischen Kriegswillens mißbraucht wurde. Nur darauf seien uns noch einige Hinweise gestattet, wie England die Polen einfing und wie es sie in allen entscheidenden Augenblicken, die vielleicht noch eine Umkehr ermöglicht hätten, fest in der Hand hielt, sie zur Unnachgiebigkeit aufstachelte und den Kriegsausbruch damit erzwang.

Die Polen haben die Garantie mit einem nur kleinen, aber charakteristischen Zugeständnis erkauft, nämlich mit dem Verzicht auf die gerade erst im Februar 1939 mit Nachdruck öffentlich verkündeten polnischen Kolonialforderungen. Im übrigen war aber der zwischen Chamberlain und Beck am 6. April vereinbarte Garantievertrag klug auf die eitle Selbstliebe und Selbstüberschätzung der Polen berechnet. Er hatte den Charakter eines gegenseitigen Hilfeversprechens zweier gleichberechtigter Mächte. Das war natürlich grotesk, denn Polens Verhältnis zu England blieb das alte, das des kleinen, den Weisungen seines Herrn gehorchenden Vasallen. Zum anderen bedeutete es für Polen einen Blankoscheck, in den es jederzeit nach Belieben das Wort "Krieg" hineinschreiben konnte, so daß es also formell unbegrenzt über die Hilfskräfte des ganzen britischen Weltreichs verfügen konnte. Das mußte den Polen zu Kopf steigen. Die Überschriften der Warschauer Zeitungen waren entsprechend; "England hat den Rubikon überschritten", so jubelten sie und sprachen nur noch von dem "Wunder an der Themse". Man wollte in Warschau nicht sehen, daß eine Großmacht wie Großbritannien gegenüber einem Kleinstaat wie Polen gar nicht auf das primitivste Recht der Souveränität, nämlich über Krieg und Frieden zu entscheiden, verzichten kann, wenn es nicht längst zum Krieg entschlossen ist und den Kleinen nur die Kastanien aus dem Feuer holen lassen will. Chamberlain und Halifax aber konnten sich gar nicht genug darin tun, die Unbegrenztheit ihrer Garantie an Polen immer wieder zu betonen und damit die polnische Eitelkeit Woche für Woche weiter aufzublasen.

[40] Diese dauernd wiederholten Beteuerungen, dazu die englischen Anleihen und der Besuch General Ironsides in Polen Mitte Juli waren nur darauf berechnet, die Polen noch unnachgiebiger zu machen. Als dann nach dem Abschluß des deutsch-russischen Nichtangriffspakts vom 23. August den Polen die völlige Unhaltbarkeit ihrer Lage deutlich zum Bewußtsein kam, gab England auch jetzt nicht etwa den Rat zur Umkehr in letzter Minute. Im Gegenteil, um die Polen bei der Stange zu halten, schloß es am 25. August die englisch-polnische Militärallianz. Dieser Bündnisvertrag steht in der Weltgeschichte einzig da, weil der Bündnisfall nicht nur bei direkter Bedrohung einer der beiden vertragschließenden Parteien gegeben sein sollte, sondern sogar für den Fall, daß ein Partner durch Handlungen einer anderen Macht gegen eine dritte Macht (Danzig!) sich bedroht fühlen könnte. Wieder klammerte sich Polen in seiner Verzweiflung an die herrlich klingenden Worte des englischen Vertragstextes.

Sogar in letzter Minute wäre der Frieden noch zu retten gewesen, wenn England nicht auch jetzt dazwischen getreten wäre. Am Nachmittag des 29. August hatte sich die Deutsche Reichsregierung trotz schwerster Bedenken nochmals zu direkten Verhandlungen mit Polen bereit erklärt, und die englische Regierung hatte es übernommen, die Aufforderung zu Verhandlungen Warschau zu übermitteln. Tatsächlich aber hat, wie aus dem englischen Blaubuch über den Kriegsbeginn deutlich wird,29 der englische Botschafter in Warschau, Sir Howard Kennard, den Vorschlag während des ganzen 30. August der polnischen Regierung überhaupt nicht bekanntgegeben, und dies fraglos nicht ohne geheime Instruktion aus London. Erst in den frühen Morgenstunden des 31. August, als die vom Reich gesetzte Frist zu Verhandlungen schon verstrichen war, wies Lord [41] Halifax den Botschafter in Warschau an, nunmehr Beck über die deutsche Note vom 29. August zu verständigen und ihn zu Verhandlungen mit Berlin aufzufordern. Inzwischen aber war bereits am frühen Nachmittag des 30. August, selbstverständlich mit der faktischen Zustimmung Englands, die polnische Generalmobilmachung erklärt worden, die in ihren Auswirkungen den Kriegsausbruch unvermeidlich machen mußte. Die englische Regierung hatte ihr Ziel erreicht. Polen war bereit, sich für die englischen Machtinteressen zu opfern.

Mit dem Ruf: "Alles für die Unabhängigkeit Polens", für "die Freiheit der kleinen Nationen", riß die englische Regierung nun auch ihr eigenes Volk in den Strudel des Krieges. Niemand entsann sich in diesem Augenblick der Prophezeiung, die vor langen Jahren schon zwei Abgeordnete im englischen Unterhaus ausgesprochen hatten. Der Abgeordnete Oberst Wedgwood hatte noch während der Pariser Friedens Verhandlungen am 6. Juni 1919 gesagt:30

      "Daß den Grenzgebieten zwischen Polen und Preußen das Selbstbestimmungsrecht versagt bleibt, ist eine Ungerechtigkeit. Die Männer, die uns in den Kampf zur Vernichtung des Imperialismus, des Militarismus und der Ungerechtigkeit führten, haben die Begeisterung, die sie entfachten, mißbraucht. Sie haben die Völker doch wieder in die alten Fesseln geschlagen; sie wollen sich Gelegenheiten aufsparen, um auch in Zukunft die Kriege, die sie brauchen, vom Zaune brechen zu können."

Und der Abgeordnete J. H. Hudson hatte am 18. November 1925 erklärt:31

      "Wir wissen jetzt, daß die Verletzung der Neutralität Belgiens nicht der Grund war, der zur Teilnahme Englands am Weltkrieg führte. Wir wissen auch, daß, wenn wieder einmal ein Krieg ausbricht, die Staatsmänner abermals als Kriegsgrund den unprovozierten Angriff eines anderen Staates vorbringen werden. [42] Es kommt vielleicht der Tag, an dem das englische Volk wiederum durch falsche Behauptungen über die wirklichen Kriegsgründe in einen neuen Krieg hineingestürzt wird."

Genau so ist es gekommen. Allerdings können wir hier nicht näher auf das raffinierte Spiel eingehen, das die englische Regierung zur Herbeiführung des Krieges mit dem eigenen Volk getrieben hat. Wir haben es hier nur zu tun mit ihrem verbrecherischen Spiel mit dem polnischen Verbündeten. Erst hat man ihn mit allen Mitteln der Diplomatie in den Krieg hineingehetzt, dann aber keinen Finger für ihn krumm gemacht und ihn schmählich im Stich gelassen. Gleichzeitig aber hat England - und das ist wohl das Niederträchtigste - die Polen durch fortgesetzte Falschmeldungen im Rundfunk über die Lage im Unklaren gelassen und sie überall zu aussichtslosem Widerstand aufgestachelt, damit aber unendlich viele unnötige Opfer an polnischem Blut und Gut verursacht. Das erschütterndste Beispiel dafür ist das Schicksal der polnischen Hauptstadt. Viele Tage wurde auf die Übergabe der Stadt gewartet. Wie einem kranken Kinde ist dem polnischen Oberbefehlshaber vom deutschen Armeekommando zugeredet worden, die Stadt zu schonen, nachdem der Feldzug doch bereits entschieden sei. Doch die polnischen Führer lauschten noch immer auf die bewundernden Tiraden des englischen Rundfunks über den heldenhaften Widerstand Warschaus und versagten sich jeder vernünftigen Überlegung. So erst kam es zum Bombardement mit all den erschütternden Folgen für Stadt und Bevölkerung.

Das polnische Volk ist nicht das erste Opfer des britischen Imperialismus. Diesmal aber hat sich die rächende Nemesis eingemischt. In ihrem blinden Haß gegen das wiedererstarkte Deutsche Reich, gegen das arbeitsame, aufstrebende deutsche Volk und die schöpferischen Leistungen seiner Kultur haben die englischen Führer durch [43] die mutwillige Herbeiführung des Krieges das eigene Reich in die größte Gefahr seit seinem Bestehen gebracht. Die englische Politik ist seit dem Münchener Abkommen, das nur von unverbesserlichen Imperialisten als Niederlage empfunden werden konnte, nicht nur verbrecherisch gewesen, sondern auch unglaublich dumm.

Der offenkundigste Fehler in der englischen Rechnung war, daß sich Chamberlain und Halifax der Russen allzu sicher fühlten. Man hat später, was wieder bezeichnend ist, die Schuld am Scheitern der Verhandlungen mit Rußland den Polen in die Schuhe geschoben, die Befürchtungen wegen des Durchmarsches russischer Truppen gehabt hätten. So liest man es etwa in Sir Arthur Salters offiziösem Buch Security. Can we retrieve it?, Winston Churchill hatte dies schon am 4. Mai in der Zeitung Telegraph and Morning Post behauptet und gesagt, "die britische Regierung habe ein Recht, von der polnischen Führung zu verlangen", daß sie das Zustandekommen des für den Enderfolg ausschlaggebenden Bündnisses mit Rußland nach Kräften unterstütze; es müßten ja alle "Anti-Nazi-Völker" Opfer bringen! Lloyd George wußte es allerdings besser. Er entsann sich der Rolle Englands im polnisch-russischen Krieg und der so stramm antirussischen Politik seines damaligen Ministerkollegen Churchill. Er hatte daher Stalins Worte, "Rußland werde nicht für andere die Kastanien aus dem Feuer holen", wohl verstanden, weshalb er dann auch im Unterhaus wiederholt gegen die Polengarantie Stellung genommen hat.

An Warnungen vor der Einkreisungspolitik und besonders vor der Garantie des polnischen Staates hat es ja nun in England überhaupt nicht gefehlt. Man könnte ein dickes Buch füllen mit wohlabgewogenen Urteilen von englischen Gelehrten und Männern des öffentlichen Lebens über die Ungerechtigkeit und Unhaltbarkeit der [44] deutsch-polnischen Grenzziehung.32 Die geistig führenden Schichten, die die nötige Einsicht in die tieferen Ursachen der Spannung in Osteuropa besaßen, haben jedoch in England so gut wie keinen Einfluß auf die Führung der Geschicke ihres Volkes. Die politische Führung aber läßt sich vom Machtwillen und vom Dünkel leiten. Auch jetzt ist der Machtwille der englischen Plutokratie stärker gewesen denn alle Vernunft. Daß sie für die Aufrechterhaltung eines Unrechts kämpfen, ist dabei auch der Führerclique völlig klar, sogar dem Kriegshetzer und Deutschenhasser Nr. 1, Winston Churchill. Am 23. November 1932 hatte er im Unterhaus vorgeschlagen, man solle die unhaltbare Lage an der deutsch-polnischen Grenze durch gewisse Zugeständnisse an Deutschland bereinigen, solange das Reich noch ohnmächtig sei und die Sieger von Versailles noch das Heft in der Hand hätten. Denn wenn man warte, bis Deutschland wieder stark sei und man ihm dann aus machtpolitischen Erwägungen keine Zugeständnisse mehr machen dürfte, würde sich die unangenehme Lage ergeben, "daß wir wider unsere bessere Einsicht in einen Krieg verwickelt werden, der geführt würde, um gerade die Ungerechtigkeiten und Beschwerden aufrechtzuerhalten, die heute Europa zerreißen, die die Ursachen der gegenwärtigen Rüstungen sind und die, wenn sie nicht abgestellt werden, einen neuen Krieg hervorrufen müssen."33 Aber bedeutet auch nach eigenem besseren Wissen das Eintreten für Polen den Versuch, eine schreiende Ungerechtigkeit aufrechtzuerhalten - als Vorwand zum Kriege gegen das nationalsozialistische Deutsche Reich war jetzt alles recht! Die englische Führung war ja der [45] alten Zwangsvorstellung verfallen, sie müßte von neuem die stärkste Festlandsmacht diplomatisch lahmlegen und, wenn nötig, in einem blutigen Kriege niederwerfen, wie dies unter Königin Elisabeth gegen Spanien, unter Cromwell gegen Holland, unter Pitt gegen Napoleon und im Weltkrieg schon einmal gegen Deutschland geschehen war. Das war gemeint, als sich der alte Chamberlain am 28. Januar (!) 1939 mit dem Jüngeren Pitt verglich, der ebenfalls in der von ihm sehnlichst gewünschten friedlichen Aufbauarbeit gestört worden wäre, weil er gegen die Revolution, gegen die Weltmachtpläne eines Festlanddiktators hätte kämpfen müssen. Daß sich Chamberlain, Churchill und Genossen überhaupt zutrauen, noch einmal das alte britische Spiel gegen die führende Festlandsmacht mit Erfolg spielen zu können, darin liegt die eigentliche, die tragische Dummheit der englischen Politik. Da wagen diese Vertreter eines überalterten, liberalistisch-plutokratischen Systems, das bereits im ganzen übrigen Europa überwunden ist und als Ergebnis dieses Krieges schließlich auch in Westeuropa zusammenbrechen wird, gegen eine Macht anzurennen, die aus den jungen geistigen Bewegungen des 20. Jahrhunderts ihre Kräfte schöpft und bereits in weiten Teilen Europas als Vorkämpfer eines neuen besseren Zeitalters angesehen wird, und sie tun dies in der Hoffnung, mit der Vernichtung des nationalsozialistischen Reichs zugleich der Notwendigkeit einer umfassenden sozialen Neuordnung im eigenen Lande ausweichen zu können. Dabei verläßt sich Großbritannien, dessen Volkskraft durch ein verzerrtes Lebens- und Zivilisationsideal unterhöhlt ist, das wegen seiner ständig sinkenden Geburtenziffern längst nicht mehr in der Lage ist, sein weites Empire auch nur einigermaßen zu erschließen, dabei verläßt sich dieser Staat noch immer auf die alten Herrschaftsmittel, auf die Überlegenheit der Flotte, auf den gefüllten Geldsack, auf den es mit dem Hochmut des alten, reich gewordenen Mannes gegenüber dem jungen "Habe- [46] nichts" so gern in seiner Propaganda hinweist, und schließlich auf die mit Gold gekauften Bundesgenossen, die dem englischen Volk die eigenen Blutopfer abnehmen sollen. Das aber ist die gleiche Haltung, die im Altertum das zum Untergang verurteilte Karthago an den Tag gelegt hat. Diesen Vergleich zog Lord Newton am 22. Mai 1939 in einer Rede vor dem Oberhaus, in der er seinen Landsleuten, die so gern als Römer posieren und vom "Zweiten Punischen Krieg" gegen das Reich faseln, zurief:34 "Wir haben eine stärkere Flotte als irgendein anderes Volk, wir haben sehr viel Geld und wir haben Verbündete, die für uns kämpfen werden, wenn wir sie gut genug bezahlen. Das ist genau das, worauf sich schon die Karthager vor zweitausend Jahren verlassen haben!" Ein wahres Wort, und wie die Römer mit den Kathagern Schluß machten, so wird diesmal mit dem britischen Imperialismus Schluß gemacht, der schon viel zu lange Europa überschattet und der ja auch für die Versailler Ordnung verantwortlich ist. Das polnische Volk soll sein letztes Opfer gewesen sein. Karthagos Fall ist nahe!

So wird Lord Arnold doch recht behalten, der kurz nach der Garantie-Erklärung Chamberlains am 3. April 1939 im Oberhaus ausrief:35

      "Die Geschichte wird lehren, daß die gegenüber Polen übernommene Verpflichtung eine der dümmsten und gefährlichsten Entscheidungen gewesen ist, die jemals von einer britischen Regierung getroffen wurde."



1Die polnische Erbitterung darüber wurde sogar in der Times in einer Zuschrift ihres Warschauer Korrespondenten erwähnt (nach einer Meldung aus Amsterdam vom 21. 9. 1939). ...zurück...

2Zitiert nach der Schrift Engländer über England von einem hohen russischen Militär, München (Georg Müller) 1915, S. 57 f. ...zurück...

3Die Dokumente dieses Geheimvertrages wurden z. B. abgedruckt bei R. S. Baker, Woodrow Wilson and World Settlement, 1923, Bd. I, S. 56 f., ferner etwa in der Broschüre Zeugnisse der Wahrheit. Danzig und der Korridor im Urteil des Auslandes, von Margarete Gärtner, Berlin 1939, S. 76 ff. ...zurück...

4House of Commons Debates, 5. Serie, Bd. 112, Sp. 212. ...zurück...

5House of Commons Debates, Bd. 114, Sp. 2998. ...zurück...

6House of Lords Debates, 5. Serie, Bd. 33, Sp. 680. ...zurück...

7House of Lords Debates, Bd. 50, Sp. 304. ...zurück...

8House of Lords Debates, Bd. 50, Sp. 305. ...zurück...

9Vgl. zum Folgenden Lloyd Georges Erinnerungen (The Truth about the Peace Treaties, London 1938, Bd. II, S. 970-1000). ...zurück...

10House of Commons Debates, Bd. 114, Sp. 2990. ...zurück...

11House of Commons Debates, Bd. 112, Sp. 101. ...zurück...

12Der Brief wurde in R. S. Baker, Woodrow Wilson and World Settlement, veröffentlicht (zitiert nach M. Gärtner, Zeugnisse der Wahrheit, a.a.O., S. 66). ...zurück...

13Lloyd George, The Truth about the Peace Treaties, London 1938, Bd. I, S. 693. ...zurück...

14House of Commons Debates, Bd. 117, Sp. 1214 f. ...zurück...

15Nach Lloyd George, The Truth about the Peace Treaties, London 1938, Bd. I, S. 34 u. 32. ...zurück...

16House of Commons Debates, Bd. 125, II., Sp. 321. ...zurück...

17House of Commons Debates, Bd. 133, Sp. 281. ...zurück...

18House of Commons Debates, Bd. 133, Sp. 312-316. ...zurück...

19House of Commons Debates, Bd. 133, Sp. 292. ...zurück...

20House of Commons Debates, Bd. 133, Sp. 339. ...zurück...

21D'Abernon, The Eighteenth Decisive Battle of the World, London 1931, S. 69. ...zurück...

22D'Abernon, a.a.O., S. 106. ...zurück...

23House of Commons Debates, Bd. 127, Sp. 686. ...zurück...

24House of Commons Debates, Bd. 284, Sp. 404 f. ...zurück...

25Zitiert nach der Deutschen Allgemeinen Zeitung vom 14. 12. 1919, Nr. 615. ...zurück...

26Nach einer Meldung der Deutschen Tageszeitung vom 11. 2. 1927. ...zurück...

27Vgl. die Meldungen in den deutschen Tageszeitungen vom 29. 9. 1939. ...zurück...

28Vgl. etwa den an den Haaren herbeigezogenen Inhalt eines Aufsatzes der in Warschau damals in englischer Sprache erscheinenden Wochenschrift Warsaw Weekly vom 14. 11. 1936 über "Ten Centuries of Anglo-Polish Cultural Relations". ...zurück...

29Vgl. die deutschen Pressestimmen vom 28. November 1939. ...zurück...

30House of Commons Debates, Bd. 119, Sp. 2474. ...zurück...

31House of Commons Debates, Bd. 188, Sp. 477. ...zurück...

32Man vergleiche auch die englischen Stimmen in der bereits wiederholt zitierten Broschüre von Margarete Gärtner, Zeugnisse der Wahrheit. ...zurück...

33Zitiert nach Margarete Gärtner, a.a.O., S. 11. ...zurück...

34House of Lords Debates, Bd. 113, Sp. 50. ...zurück...

35House of Lords Debates, Bd. 112, Sp. 577 f. ...zurück...