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Patrouillenkämpfe in Fels und Eis

Der Tunnelsturm auf die Hohe Schneid, 3431 m

Im Oktober 1916 taten sich in der Gipfeleishaube der Hohen Schneid, 3431 m (Abb. 23), in der Ortlergruppe über Nacht einige Auswurflöcher auf, aus denen italienische Maschinengewehre die österreichischen Stellungen auf dem Großen Nagler, 3274 m, und auf dem Großen Scorluzzo, 3094 m (Abb. 29), in der Flanke und im Rücken heftig beschossen.

In höchster Eile mußten diese Stellungen nun auch nach dieser Richtung hin deckungsfähig ausgebaut werden, um größere Verluste zu vermeiden.

Man hatte vordem nicht damit gerechnet, daß die Italiener diesen gewaltigen Eisberg besetzen würden. Jetzt saßen sie aber wirklich auf dem Gipfel und wurden damit zu einer lästigen und drohenden Gefahr für den ganzen Frontabschnitt.

Das Vordrücken der italienischen Front über die Eisberge in der österreichischen Flanke konnte besonders unheilvoll werden, wenn dort oben eines Tages moderne Schnellfeuergeschütze eingebaut würden, denen die österreichischen Stellungen rettungslos in Flanke und Rücken ausgesetzt gewesen wären.

Trotz der ungeheuren Schwierigkeiten, die sich der Lösung der Aufgabe schon beim ersten Anblick entgegenstellten, mußte sich der Kommandant der Ortlerfront, Generalmajor Freiherr von Lempruch, entschließen, den Befehl für den Angriff und die Eroberung der Hohen Schneid zu geben. Da es unmöglich war, den steilen, teilweise überhängenden Eisberg, auf dessen Eisflanken die stürmenden Truppen auch nicht die geringste Deckungsmöglichkeit gehabt hätten, in direktem Angriff zu nehmen, entschied man sich, den Angriff durch Vortreiben von Eisstollen unter der Gletscheroberfläche durchzuführen. Auch der Ausführung dieses Planes standen Schwierigkeiten entgegen, die als ganz außerordentliche und ungewöhnliche bezeichnet werden müssen.

Die Leitung der Vorarbeiten wurde Hauptmann Kalal von den Tiroler Kaiserschützen übertragen.

Der Eingang des Angriffsstollens lag etwa 800 m südlich der Naglerspitze an einem Gletscherbruche. Der Zugangsweg war so gewählt, daß dessen letzter, vor dem Eingange außerordentlich steiler und daher mit Stufen und Halteseilen versehener Teil vom Feinde nicht eingesehen werden konnte. Soweit der Zugang sichtbar war, deckte er sich mit dem Wege, der von der Naglerstellung über den Gletscher zur Geisterspitze führte, dem Feinde [102] also schon längst bekannt war und seinen Argwohn deshalb nicht erregen konnte. Das Austreten anderer Spuren außerhalb dieses Weges war strenge verboten.

Tatsächlich gelang es, die ganzen Angriffsvorbereitungen bis zum letzten Augenblicke vor dem Feinde gänzlich geheim zu halten, was ganz wesentlich zum glücklichen Gelingen der Aktion beitrug. Zu- und Abgang und die Ablösung der Tunnelpartie erfolgten im Interesse der Geheimhaltung und wegen des Umstandes, daß der Weg zur Geisterspitze von der Hohen Schneid aus oft unter starkem Maschinengewehrfeuer lag, auch Artilleriegeschosse, vereinzelt auch Gasgranaten auf demselben einschlugen, ausschließlich bei Nacht. Um die Aufmerksamkeit des Feindes vom Vorhaben der Österreicher noch mehr abzulenken, wurde in der Südflanke der Naglerstellung ein Gebirgsgeschütz aufgestellt und stark eingebaut, welches die ausschließliche Aufgabe hatte, Treffer in den feindlichen Eisscharten auf der Hohen Schneid zu erzielen. Dem gleichen Zwecke dienten zwei daneben eingebaute Maschinengewehre. So oft der Feind aus seiner Stellung auf der Hohen Schneid schoß, oder deren Posten sichtbar wurde, warf man ihm tüchtig die Fenster ein, was ihm sichtlich unangenehm war, den Österreichern aber, da das feindliche Feuer aus dieser Richtung nach gelungenen Schartentreffern regelmäßig und oft auf viele Tage verstummte, sehr gelegen kam.

Verlauf der Stellungen bei Schluderbach zwischen Monte Piano und Cristallogruppe.
[zwischen S. 48 u. 49]      [Vergrößern: Abbildung ist beschriftet!]
Abb. 29: Verlauf der Stellungen bei Schluderbach zwischen Monte Piano und Cristallogruppe (Dolomiten). Der Kamm rechts mit den zahlreichen Feldwachen und der Seilbahn ist die Schönleitenschneid, 2705 m. Vgl. Abb. 34.

Wenige Tage nach dem Entschluß, den Gipfel der Hohen Schneid zu erstürmen, begannen bereits die Tunnelierungsarbeiten, welche ununterbrochen Tag und Nacht fortgesetzt wurden, solange man sich vom Feinde noch weit entfernt befand. Man hörte, wie Versuche ergaben, im Eise selbst geringe Geräusche außerordentlich weit und sehr stark. Daher mußte von Sprengarbeiten von Anfang an abgesehen und der Vortrieb des Tunnels mit größter Vorsicht bewirkt werden. Nur Haue, Pickel und Schaufel traten in Verwendung.

Die Arbeit war eine außerordentlich schwierige. Die Einhaltung der genauen Richtung geschah nach der Bussole, bei fortwährender genauer Längenmessung. Dort, wo man nicht tief unter der Oberfläche des Hängegletschers arbeiten mußte, und in den Teilen des Gletschers, die vom Feinde nicht eingesehen waren, wurden stellenweise Löcher nach außen geschlagen, welche von der Naglerspitze und den Scorluzzo aus im feindlichen Feuer genau eingemessen und in einem Arbeitsplane verzeichnet wurden. Als man dann tiefer in das Innere des Gletschers vordrang, war die Einhaltung der Richtung in der Nacht des ewigen Eises eine äußerst schwierige Angelegenheit. Die vorstehende, genaue Überprüfung mußte entfallen und es konnte nur mehr mit der Bussole und mit Längen- und Höhenmessungen gearbeitet werden. Dank des genau durchgeführten Verfahrens ereigneten sich indes zeit- und kraftverschwendende Fehlbohrungen verhältnismäßig selten.

Die andauernd gleichmäßig niedrige Temperatur, durchschnittlich 6 Kältegrade, stellte harte Anforderungen an die Bohrmannschaft, die auch, bis die jenseitige, eine Durchlüftung vermittelnde Öffnung nicht erreicht war, sehr unter der schlechten Luft im Tunnel zu leiden hatte.

[103] Daß das Profil des oft steil nach aufwärts führenden und daher mit rohen Eisstufen versehenen Tunnels aus Gründen der Kraftersparnis nur gerade jene Ausmaße hatte, um den Verkehr zur Not zu ermöglichen, ist selbstverständlich. Größere Leute mußten daher gebückt verkehren und in dieser Körperstellung auch arbeiten, was eine weitere schwere Anstrengung bedeutete, solange man hartes, kompaktes Eis durchfuhr; im lockeren Firneise nahe dem Gipfel ging die Vorarbeit bedeutend leichter.

Stollenausgänge aus dem Gletscher, die durch die Wanderung des Gletschers sich immer schiefer stellen.
[zwischen S. 24 u. 25]      Abb. 15: Stollenausgänge aus dem Gletscher, die durch die Wanderung des Gletschers sich immer schiefer stellen (Marmolata).
Eine weitere Schwierigkeit der Arbeiten lag in der unauffälligen Beseitigung des vielen Ausbruchmaterials, das an die 4000 cmb betrug. Hiebei kamen stellenweise durchfahrene Gletscherspalten, in deren Abgrund man das ausgebrochene Eis hinabwarf, sehr zustatten. Diese Spalten mußten jeweils gut überbrückt werden. Nach außen an die Oberfläche durfte wegen der Geheimhaltung der Arbeiten auch nicht das geringste Ausbruchmaterial gelangen.

Wegen der unaufhörlichen Wanderung des Gletschers mußten am Eisstollen oft zeitraubende Nacharbeiten vorgenommen werden, da sich bei Unterlassung derselben das notwendige Profil zu sehr verengt und verdrückt hätte.

Die dünne Luft – der Tunnel verlief in Seehöhe zwischen 3200 und 3500 m – wirkte verzögernd auf die an sich schon schwere und harte Arbeit. So kann man zusammenfassend sagen, daß dieser Angriff durch die Unterwelt des Eises auf die Hohe Schneid, was Leistung und Durchführung anlangt, zu den denkwürdigsten Unternehmungen des Krieges im Hochgebirge zählt.

Wiederholt ereigneten sich während der Arbeit Einbrüche an der überhängenden Nordflanke der Hohen Schneid, die den Stolleneingang verlegten und schleunigst beseitigt werden mußten, um die abgeschnittenen Soldaten im Tunnel möglichst rasch aus ihrer furchtbaren Lage zu befreien.

Der Tod lauerte dort wirklich an allen Ecken.

Die Gesamtlänge dieses ersten Angriffsstollens betrug etwas über 2 km. Diese außerordentliche Länge mußte aus Gründen der nahen Heranziehung der Reserven, der Kraftersparnis, des übersichtlichen Arbeitsbetriebes, der geregelten Verpflegung für die Arbeitsmannschaft, sowie aus Rücksichten auf die zweckmäßige Unterbringung von Werkzeug und Material aller Art in Etappen unterteilt werden. Es gelangten deshalb unweit des unteren Einganges, an der halben Weglänge und endlich unter dem Gipfel der Hohen Schneid, größere Höhlen zur Ausarbeitung, in welchen wanddichte, mit Dachpappe allseitig abgedeckte, feste Baracken zur Aufstellung gelangten. Jede dieser Baracken, die sich in ewiger Nacht inmitten des Eisberges befanden, erhielt eine Anzahl Liegestätten, einen Küchenherd, einen Ofen und ein kleines Lebensmitteldepot. Der Aufenthalt in den Baracken war, den einzigartigen Umständen angemessen, verhältnismäßig behaglich.

Baracken und Seilbahnstation eines österreichischen Reservelagers.
[zwischen S. 56 u. 57]      Abb. 36: Baracken und Seilbahnstation eines österreichischen Reservelagers in der Felsenwand des Monte Piano, 2324 m (Dolomiten).
Vgl. Abb. 35 und Abb. 48.

Österreichisches Barackenlager am Sellepaß.
[zwischen S. 64 u. 65]      Abb. 40: Österreichisches Barackenlager am Sellepaß, 2531 m (südl. Marmolatagruppe, Dolomiten). Links Sandsackstellung. Im Hintergrunde die Palagruppe.

Unweit des Gipfels wurde eine prachtvolle, von magischen Lichteffekten erfüllte Eisgrotte aufgeschlossen, eine nicht tagende, riesenhafte Gletscherspalte, welche von bizarrsten, oft mannsdicken, vielleicht jahrhundertealten Eiszapfen und knollenartigen Eisgebilden [104] erfüllt war. In dieser Wundergrotte fand man auch riesige, seltsam geformte und bisher noch nicht beobachtete Eiskristalle, welche die Gletscherforscher, die im Laufe der Zeit die Hohe Schneid aus diesem Grunde besuchten, nachbildeten und beschrieben. In dieser domartigen Höhle, die wie eine Wundergrotte aus dem Märchenland war, haben später, mitten im Bauche des Eisberges, erbitterte Patrouillenkämpfe stattgefunden.

Von der Wundergrotte stieg der eigentliche Angriffsstand noch steiler empor, bis man endlich Anfang März 1917 unter Meisterung unzähliger Schwierigkeiten direkt unter die italienische Stellung gelangt war. Die Arbeiten hatten bis zur Erreichung dieses Punktes 5 Monate gedauert. Während dieser Zeit tobte in der Außenwelt der schreckliche, hochalpine Winter 1916/17.

Je mehr man sich der feindlichen Stellung näherte, desto vorsichtiger mußte wegen vorzeitiger Entdeckungsgefahr gearbeitet werden. In den letzten Wochen wurde nachts überhaupt nicht mehr tunneliert und die Arbeiten nur auf wenige Vormittagsstunden beschränkt, weil zur Nachtarbeit die feindliche Aufmerksamkeit eine erhöhte war, während in den Morgenstunden bei geringerer Aufmerksamkeit größere, schallabsorbierende Unruhe in der feindlichen Stellung herrschte. Versuche, mittels eines autogenen Sauerstoffgebläses das Eis geräuschlos zu durchschneiden, erwiesen sich als unwirksam. Die Leitung der eigentlichen Bohrungsarbeiten hatte der tapfere und unverdrossene Leutnant Liendl inne, der sich schon als Kadett bei der Eroberung der Eisgipfel der Madatschgruppe die Goldene Tapferkeitsmedaille geholt hatte. Leutnant Liendl war mit der Durchführung seines großen Werkes derart verwachsen, daß er oft wochenlang aus dem finsteren Innern des Eisberges nicht zum Vorschein kam und sich kaum die allerdürftigste Ruhe gönnte.

Am 17. März 1917 erfolgte gegen das ursprüngliche Programm, das ein regelrechtes, überraschendes Austreten aus dem Tunnelende auf die feindlichen Stellungen vorsah, die Eroberung des Gipfels der Hohen Schneid unter ganz eigenartigen und unvorhergesehenen Verhältnissen. Die Arbeitsmannschaft, welche in den letzten Tagen der Bohrarbeiten ihre Gewehre und Handgranaten immer in Bereitschaft hatte, ruhte eben in der Mittagspause aus. In ihrer Mitte befand sich der diensthabende Kaiserschützenfähnrich Sailer. Die in der Stellung oberhalb befindlichen Italiener, von den Österreichern, wie sich später herausstellte, nur durch eine dünne Eisschicht getrennt, arbeiteten ahnungslos an ihrer Stellung, was deutlich zu hören war. Während dieser Arbeit brach plötzlich ein Alpinosoldat durch das Eis durch und stürzte in den Tunnel hinunter. Er wurde sofort von den österreichischen Handgranaten zerrissen. Durch den entstandenen Gefechtslärm war die italienische Besatzung alarmiert worden und man konnte in kürzester Zeit mit dem Eintreffen erheblicher, feindlicher Verstärkung rechnen, welche die Früchte der unsäglich schweren, monatelangen Arbeiten am Eistunnel im letzten Augenblick hätten zunichte machen können. Daher faßte der Kommandant sofort den Entschluß, unter Einsetzung der Reserve aus der Gipfelbaracke, zum rücksichtslosen Angriff überzugehen und führte diesen mit seinen braven Leuten schneidig durch. Das Ausbrechen [105] aus dem engen Stollen war für die Angreifer eine höchst bedenkliche Angelegenheit, da jeder einzelne Mann hätte vom Feinde geradezu in Empfang genommen werden können. Die durch das geheimnisvolle Verschwinden im Eise eines ihrer Leute beim Feinde eingetretene Verwirrung kam der ausbrechenden, österreichischen Patrouille sehr zustatten und nach kurzem, heftigem Gewehr- und Handgranatenkampf floh die feindliche Besatzung teils durch ihren Zugangstunnel, teils über die freie Gipfelfläche. Der letzte Rest der Besatzung, etwa 12 Mann, fand größtenteils durch Absturz über den wild zerrissenen Südhang der Hohen Schneid ein grausiges Ende.

Schützengraben im Hochgebirge.
[zwischen S. 48 u. 49]      Abb. 28: Schützengraben im Hochgebirge (Adamellogruppe, etwa 3000 m). Der Verlauf des Grabens und der parallel laufenden Drahthindernisse ist gut zu sehen.
So gelang der raschen Entschlußkraft und dem schneidigen Ansturme der Patrouille noch im letzten Augenblick die Eroberung dieser wichtigen Stellung.

Eine nach dem Einbruche in die Gipfelstellung dort zurückgelassene Staffel hatte sofort im tiefen Schnee der Kuppe in aller Eile einen Schützengraben angelegt, diesen besetzt und mit einem Maschinengewehr armiert. Der unter dem Eise mündende alte feindliche Zugangsweg wurde durch eine Sprengung verrammelt.

Es galt nun den errungenen, großen Erfolg durch fleißige Stellungsarbeit dauernd zu sichern. Zu diesem Zwecke wurde im Eisgipfelmassiv der Hohen Schneid ein ganzes Netz von Eistunnels angelegt, an deren tagenden Enden Beobachtungs- und Maschinengewehrposten aufgestellt wurden. Die gesamte Anlage wurde nach und nach zu einem "untereisigen" Stützpunkte mit Beobachtungsfenstern und Schießscharten ausgebaut, welche einerseits Ausblick und Ausschuß gegen die westlichen Rückfallskuppen der Hohen Schneid, andererseits gegen das Zebrùtal boten, das nun nahezu vollkommen eingesehen vor der österreichischen Stellung lag und einen klaren Überblick bis in die Gegend westlich von Bormio ermöglichte. Diese Fernsicht war von überwältigender Schönheit.

Durch diese umfassende Beobachtungsmöglichkeit war ein neuer, bedeutungsvoller taktischer Vorteil gewonnen.

Um die Versorgung der Besatzung auf der Hohen Schneid zu erleichtern, wurde eine anfangs mit Handbetrieb eingerichtete, später durch einen Benzinmotor angetriebene Seilbahn zwischen der Naglerspitze und der Gipfelbaracke auf der Hohen Schneid eingerichtet. Zu diesem Zwecke wurde die Eiswand, welche die Baracke nordseitig umschloß, durchbrochen und erhielt ein großes Eisportal.

Fahrt mit einer Drahtseilbahn in den Dolomiten.
[zwischen S. 112 u. 113]      Abb. 70: Fahrt mit einer Drahtseilbahn in den Dolomiten.

Der 'Hauptbahnhof' im Hochgebirge.
[zwischen S. 112 u. 113]      Abb. 71: Der "Hauptbahnhof" im Hochgebirge.

Stütze der Seilbahn auf die Fanesscharte, 2657 m.
[zwischen S. 112 u. 113]      Abb. 74: Stütze der Seilbahn auf die Fanesscharte, 2657 m. Rückwärts die Fanis-Dolomiten.
Seilbahnstation in den Felsen der Rocchetta.
[zwischen S. 120 u. 121]      Abb. 77: Seilbahnstation in den Felsen der Rocchetta, 1527 m. Die Talstation war 1400 m tiefer in Riva am Gardasee. Am Ufer des Gardasees ist Torbole sichtbar.

Viel später erhielt der Zugang zur Hohen-Schneid-Stellung eine wesentliche Verbesserung durch einen Tunnel, der von der Geisterspitze aus längs des Grates direkt in den oberen Teil des Eistunnelsystems mündete. Dadurch wurde der Zugang zur Hohen Schneid auch bei Tag und bei sichtigem Wetter ermöglicht. Der ursprüngliche Eingang blieb trotzdem erhalten, um für alle Fälle zwei Wege zu besitzen. Diese große Notwendigkeit wurde einmal deutlich dadurch bewiesen, daß der alte Zugang einige Tage lang durch einen schweren Eisbruch vollkommen verlegt war.

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Eroberung und Verlust der Trafojer Eiswand, 3553 m

Sandsackbarrikaden am Trafoier Joch. Im Hintergrund von Italienern besetztes Gebirge.
Sandsackbarrikaden am Trafoier Joch.
Im Hintergrund von Italienern besetztes Gebirge.
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Aus: Der Weltkrieg in seiner
rauhen Wirklichkeit
, S. 470.
Von außerordentlicher Bedeutung für die österreichische Front in der Ortlergruppe waren die Stellungen der Italiener aus der 3553 m hohen Trafojer Eiswand. Die Besetzung dieses wilden, zerrissenen, ungeheuer steilen und vergletscherten und von der österreichischen Seite fast unzugänglichen Hochgebirgszuges, von dem aus der Gegner wie durch ein Eckfenster in den Rücken der österreichischen Stilfser-Joch-Stellung und durch das Trafojtal hinaus bis ins obere Vinschgau sehen konnte, war für die Österreicher wie ein Pfahl im eigenen Fleische. Die sonst geschlossene Eisfront quer über die Gipfel der Ortlergruppe war durch diese Besetzung auf einer beträchtlichen Strecke unterbrochen. So war es denn fast eine dringende Notwendigkeit, in den Besitz dieses zum Himmel strebenden Kammes zu gelangen.

Schon im Jahre 1916 hatte man von österreichischer Seite daran gedacht, die Besetzung der Trafojer Eiswand durchzuführen, mußte den Plan jedoch wegen Mangel an hochalpinen Truppen fallen lassen. Nunmehr, nachdem der Gipfel vom Feinde besetzt worden war, und von diesem mit großem Fleiße sehr fest ausgebaut wurde, und über ein ganzes System von Verteidigungslinien in Fels und Eis, Batterien und Seilbahnen verfügte, schien der Plan, die Trafojer Eiswand mit stürmender Hand zu nehmen, ein fast aussichtsloses Beginnen.

Nur ein Angriff von Westen konnte versucht werden. Hiebei kamen vier Möglichkeiten in Betracht: Ein Vorgehen über den wenig spaltenreichen Campoferner gegen den Passo dei Camosci, 3201 m, und nach Einnahme desselben ein Stoß gegen Norden längs des Grates zum Gipfel; ein Angriff von der österreichischen Schulterstellung auf 3419 m direkt gegen den Gipfel; eine gleichzeitig durchzuführende Kombination dieser beiden Angriffe und endlich ein Vorarbeiten in der längs des Nordfußes der Eiswand sich hinziehenden tiefen Randkluft. Die erste Variante mußte in Anbetracht der geringen vorhandenen Kräfte fallen gelassen werden, weil mit dem Besitze des Passo dei Camosci allein das Schicksal der Trafojer Eiswand durchaus noch nicht besiegelt war. Der Aufstieg von diesem Passe zur Gipfelstellung wäre an sich sehr schwer und unter dem vernichtenden Kreuzfeuer von der Gipfelstellung, vom Beckmanngrate und von der Gegend um Punkt 3046 aus ein sicherlich verlustreiches, ein kaum aussichtsvolles Unternehmen gewesen. Die zweite Variante, den Stier sozusagen bei den Hörnern zu packen, konnte, nur überraschungsweise bei Nacht und Nebel durchgeführt, auf Erfolg hoffen lassen. Dieser Aufstieg war selbst für Alpinisten von hoher Klasse sehr schwierig und bei Nacht undurchführbar. Seine Ausführung unter dem Feuer des Gegners wäre wohl ungemein verlustreich gewesen, zumal der Angriff wegen der Enge des Aufstiegsgeländes nur einzeln, Mann für Mann hintereinander, denkbar gewesen wäre. Mit diesen beiden Möglichkeiten wurde auch die Ausführung der dritten hinfällig. Auch die vierte Variante, sich in der längs des Nordfußes der Eiswand bis zu den Eiskögeln hinziehenden, tiefen Rand- [107] spalte vorzuarbeiten, erwies sich mit Rücksicht auf den sicher zu gewärtigenden, ungeheuren Arbeits- und Zeitaufwand ebenfalls als undurchführbar.

Wenn jemals eine Nuß hart war, dann war es diese. Und so entschloß man sich mit den gleichen Mitteln, wie bei der Eroberung der Hohen Schneid vorzugehen und durch die allerdings langwierigen, aber Erfolg versprechenden Arbeiten an einem Eisstollen ans Ziel zu gelangen. Im Frühjahr 1917 traf Hauptmann Molterer alle Vorbereitungen, welche hier mit noch schwierigeren Verhältnissen als bei der Hohen Schneid verbunden waren.

Stolleneingang in den Gletscher.
[zwischen S. 16 u. 17]      Abb.11: Stolleneingang in den Gletscher. Der vom Feind eingesehene Zugang ist durch einen Flechtzaun maskiert.
Der Stolleneingang wurde in dem obersten Teile des Trafojer Ferners, in der tiefen, vom Feinde nicht eingesehenen Einsenkung nördlich unserer Schneeglockenstellung gewählt und ein Transportseilzug dahin angelegt. Der Angriffstunnel zog sich von dort in einigen Serpentinen außerordentlich steil quer durch den stark wandernden, daher fortwährende harte Profilnacharbeiten erfordernden Hängegletscher direkt gegen die Gipfelstellung der Trafojer Eiswand auf 3553 m hinauf.

Öfter noch als beim Eisstollen auf der Hohen Schneid kam der im Bau begriffene Tunnel durch die starke Bewegung des Gletschers an mehreren Stellen zum Einstürzen, so daß die im Tunnel arbeitende Mannschaft verschiedene Male ganz von der Außenwelt abgeschnitten war. Zu allem Glück führte aber keiner der Einstürze zu einer Katastrophe.

Der Ausbruch und die Wegnahme der gegnerischen Stellung wurde für die frühen Morgenstunden des 1. September 1917 in Aussicht genommen und durch die Hochgebirgskompagnie 30 unter dem Kommando des Oberleutnants Bayer durchgeführt.

Als der überraschende Ausbruch gelungen und der schlaftrunkene Gipfelposten in Empfang genommen und die feindliche Alarmleitung abgeschnitten war, zeigte sich, daß die Stellungsbesatzung in einer Baracke untergebracht war, die südlich der Gipfelstellung auf einer Felsstufe 50 Meter tiefer lag. Kurz entschlossen seilte sich Oberleutnant Bayer mit einem seiner Leute über die steile Felswand ab, um den Feind, der durch den Lärm schon aufmerksam geworden war, und zu schießen begann, wenn möglich in seiner Unterkunft dingfest zu machen. Die in den Fels- und Eiszacken nächst der Ausbruchstelle eingenisteten Leute der österreichischen Patrouille unterstützten das Vorgehen der kühnen Seilpartie, die in heftiges Feuer gekommen war, durch wohlgezielte Schüsse. Eine Anzahl Italiener war nur notdürftig gekleidet aus der Baracke herausgelaufen, ein Teil befand sich noch in derselben. Es kam zu einem erbitterten Handgemenge, und schließlich mußte sich die italienische Besatzung ergeben. Zwei Offiziere und 30 Mann wurden gefangen, reiche Verpflegs- und Waffenvorräte und eine ganze Kompagniekanzlei mit wertvollen Aufzeichnungen, Befehlen, Fotografien und Karten erbeutet. Der Feind hatte durch Absturz, Gewehr- und Handgranatenfeuer schwere Verluste erlitten.

Die neue Besatzung richtete sich in den feindlichen Linien sofort ein. Schon einige Stunden später versuchte der Gegner durch eiligst herangebrachte Reserven mit einem Gegenangriff den Gipfel wieder zu erobern, was ihm jedoch mißlang.

[108] Der weitere Plan ging zunächst dahin, die Besatzung der neu eroberten Stellung erst ordentlich zu basieren und alle Vorbereitungen zur überaus schwierigen Weiterführung dieser Aktion, das Vorarbeiten gegen die von den Italienern besetzte Thurwieserspitze, 3648 m, und den Ortlerpaß, 3353 m, damit die restliche Besitznahme dieser so ausschlaggebend wichtigen Frontlücke zu treffen. Der hochalpine Winter stand vor der Tür, man mußte also rasch handeln.

In diesen Vorbereitungstagen wurde die Gipfelbesatzung durch das konzentrische, sich oft zu großer Heftigkeit steigernde Artilleriefeuer der feindlichen Batterien bei der Capanna Milano, 2877 m, bei der Baita del Pastore, 2212 m, vom Monte Forcellino, sowie der weittragenden Geschütze auf dem Monte Braulio, 2986 m, westlich des Stilfser Joches, empfindlich gestört. Überdies ereignete sich gerade in diesen kritischen Tagen wieder ein schwerer Einsturz im Eistunnel, dessen Behebung nahezu einen ganzen Tag in Anspruch nahm. Während dieser Zeit konnte nichts in die schwer beschossene Stellung gebracht werden. Die ungewöhnlich scharfe Artillerietätigkeit ließ vermuten, daß der Feind eine größere Unternehmung zur Wiedereroberung der für ihn so außerordentlich wertvollen Stellung plane. Es stand nun die schwerwiegende Frage zur Entscheidung, ob man sich mit dem erreichten, großen Erfolge dieses denkwürdigen Kampfes in den höchsten Hochgebirgsregionen zufrieden geben, und die Stellung wieder räumen, oder ob man es auf den voraussichtlich schweren Kampf ankommen lassen solle. Die hervorragende taktische Bedeutung der Gipfelstellung auf der Trafojer Eiswand, sowie das Vertrauen in die Tüchtigkeit und in den Opfermut der glänzenden Hochgebirgstruppen, die sie besetzt hielten, ließen trotz aller Bedenken den letzteren Entschluß reifen.

Drei Tage später, am 3. September, an einem klaren und sichtigen Vormittage erfolgte der erwartete feindliche Gegenangriff unter rücksichtsloser Einsetzung von Menschen.

Heftigstes konzentrisches Artilleriefeuer lag seit dem Morgengrauen auf der Gipfelstellung, so daß der an diesem Tage das Stellungskommando führende Kaiserjägerleutnant Kurzbauer alle Mühe hatte, durch geschicktes Decken unnötige Verluste bei seiner Mannschaft zu vermeiden. Dann griff der Feind in drei starken Kolonnen die Stellung an: Eine Staffel stieg vom Passo dei Camosci empor, eine zweite vom Camoscigletscher, eine dritte kletterte längs des Beckmanngrates von der Thurwieserspitze her. Ein zehnfach überlegener Feind rannte gegen das lächerlich kleine Häuflein der Gipfelbesatzung an. Die ganze österreichische Artillerie des Abschnittes, die Batterien vom Ortler, 3905 m, und vom Pleißhorn, 3154 m, die Geschütze der Madatschstellung, 3432 m, die Kanone am Nashorn, 2917 m, und die zwei Feldhaubitzen am Monte Livrio, 2117 m, vereinigten ihr Feuer in den kleinen Angriffsraum. Von allen Gipfeln ringsum konnte man beobachten, daß der Feind schwerste Verluste erlitt. Zahlreich sah man die Alpini vom Beckmann- und Camoscigrat in die furchtbaren Tiefen auf österreichischer und auf italienischer Seite abstürzen. Heldenmütig bewährte sich die kleine Schar der Gipfelverteidiger unter ihrem schneidigen Anführer, der mehrfach verwundet wurde. [109] Ihre Maschinengewehre räumten unter den vorwärtsstürmenden Feinden furchtbar auf. Aber bald war durch eine Umgehungsbewegung des Feindes, die den Eistunnel blockierte, der kleinen Schar der Rückzug abgeschnitten. Der Feind drang in die Stellung ein und besetzte sie. Von den 15 Mann der österreichischen Besatzung waren 8 gefallen, der Rest mehr oder weniger schwer verwundet. Mit letzter Kraft vernichteten sie noch ihre Maschinengewehre, dann wurden sie gefangen genommen. Die Verteidigung der Trafojer Eiswand zählt zu den schneidigsten Heldentaten, die das Hochgebirge im Weltkrieg gesehen hat.

Ein einziger Mann der Besatzung entging durch eine abenteuerliche und halsbrecherische Flucht über den Gletscher zur Schneeglocke der Gefangennahme. Seine Meldung über den letzten Kampf auf der Spitze war ein echtes Heldenlied.

 
Die Wenigen von der Schönleitenschneid, 2705 m

Die Verteidigung des wilden, kantigen Grates der Schönleitenschneid, 2705 m, war am Beginne des Krieges nur wenigen einzelnen Posten überlassen, die hinter spärlichen, natürlichen Deckungen dem Kampf gegen den weit überlegenen, angreifenden Gegner standhalten mußten.

Schützengraben im winterlichen Hochgebirge.
[zwischen S. 56 u. 57]      Abb. 34: Schützengraben im winterlichen Hochgebirge (Schönleitenschneid, 2705 m, Gruppe des Monte Cristallo, Dolomiten. Vgl. Abb. 29. In der Bildmitte die Hochfläche des Monte Piano, 2324 m; im Hintergrund Mitte: Dreischusterspitze, 3152 m (Sextener Dolomiten), rechts die Drei Zinnen, 2999 m. Unter den Wolken links das Höhlensteiner Tal und Schluderbach.

Ein Bild dieser aufreibenden Kämpfe, die die höchsten Anforderungen an die körperlichen und seelischen Kräfte dieser einsamen Soldaten des Hochgebirges stellten, geben die Tagebuchaufzeichnungen des Postenkommandanten Kaiserschützenfähnrich Graf Mattee Thun (Abb. 29 u. 34).

      "14. September 1915. – Ich hatte als Kommandant des Stützpunktes Schönleitenschneid bei Einbruch der Dunkelheit meine Posten auf den Grat begleitet. Da gewisse Wahrnehmungen der abgelösten Mannschaften einen Nachtangriff der Italiener befürchten ließen, blieb ich in der Nacht bei einem der Posten auf dem Gipfel. Es war eine ungewöhnlich kalte Nacht. Der Wind trieb Nebelschwaden vor sich her, die oft das trümmerbesähte Vorfeld bedeckten und erhöhte Aufmerksamkeit verlangten. In den nebelfreien Augenblicken strengten wir unsere Augen an, um in den weißschimmernden Schneefeldern die schwarzen Linien des Feindes von den starren dunklen Linien der Felsenriffe zu unterscheiden, während das Ohr die Geräusche zu deuten versuchte, welche von Zeit zu Zeit die Stille der Hochgebirgsnacht unterbrachen. Die Italiener schienen nervös zu sein. Oft erhellte eine ihrer Leuchtraketen das Gelände und mit einem Scheinwerfer blitzten sie immer wieder über unseren Grat hin. Die Stunden vergingen ohne etwas anderes zu bringen als vereinzelte Schüsse, die rollend und dumpf von Fels zu Fels widerhallten und sich in der Ferne verloren. Im eisigen Morgengrauen setzte die Artilleriebeschießung ein, der gewöhnliche Morgengruß der Italiener, die aber bald abflaute. Es wurde heller und es schwand die Gefahr eines Nachtangriffes. Ich entschloß mich, die letzten Augenblicke der Dämmerung zu benützen, um ungefährdet zum Stützpunkt hinunterzuklettern. Wahrscheinlich in der Annahme, daß ihre vier Gebirgsgeschütze genügen würden, meine [110] Posten niederzuhalten und den Steilhang zwischen Stützpunkt und Grat so mit Sperrfeuer zu belegen, daß ein Heranbringen frischer Mannschaft unmöglich sein würde, entschlossen sich die Italiener zu einem Angriff bei hellichtem Tag, den man den Verhältnissen des Hochgebirges angemessen einen größeren Stiles nennen konnte. Ich war kaum beim Stützpunkt angelangt, als neuerdings eine wütende Artilleriebeschießung einsetzte und die Posten einen Angriff von Osten meldeten. Ich sah von unten, wie hoch oben in den Felsen die dem Posten beigegebene Reserve in das Feuergefecht eingriff. Der Hang zwischen Grat und Stützpunkt war von der feindlichen Artillerie mit starkem Sperrfeuer belegt, welches um so wirksamer war, weil jeder über dem kahlen, weißen Hang sich langsam hinaufarbeitende Mann das beste Ziel bot. Trotzdem meldeten sich einige Leute, um den Kameraden oben Hilfe zu bringen und mit dieser kleinen Schar begann ich den Aufstieg.
      In dem heftigen italienischen Sperrfeuer konnten wir nur langsam, sprungweise und in jeder Bodenwelle Deckung suchend, vorwärts kommen. Wir hatten Glück und waren bald auf dem Grat, wo meine Leute trotz der heftigen Artilleriebeschießung ein lebhaftes Feuergefecht unterhielten. Die Gefahr auf dieser Seite schien vorläufig behoben und ich stieg wieder zum Stützpunkt herunter, um über die allgemeine Lage einen Überblick zu gewinnen.
      Der Feind hatte nach dem Angriff vom Osten auch einen von Süden angesetzt. Die Gefahr einer Überrumpelung war nahe. Es blieb nichts anderes übrig, als zu versuchen, noch einmal das Sperrfeuer zu durchqueren, um den Widerstand der Posten oben zu verstärken. Ich arbeite mich durch das Geröll zu den Felsen empor, hinter denen ich die Mannschaft hatte, die mir beim ersten Aufstiege gefolgt war. Dort traf ich den Kaiserschützen Fuchs, der mir trotz eines Schusses, der ihn in liegender Stellung von oben nach unten treffend Nase, Kinn, ein Knie und einen Fuß verletzt hatte, stramm meldete, daß von seinen beiden Kameraden einer gleich niedergeschossen worden war, während der zweite einen Schuß bekommen hatte, gestürzt war, sich jedoch wieder emporgerafft hatte, um weiterzukämpfen, bis er tot umfiel. Und dieser Mann fragte mich wie selbstverständlich, was er nun zu tun habe. Der Vorfall ist bezeichnend für die unerschütterliche Pflichttreue meiner Leute. Fuchs ist ein 18jähriger Kaiserschütze von meinem Regiment.
      Nachdem ich der hinter einem Felsen gedeckten Mannschaft Weisungen für einen neuen Angriff erteilt hatte, machte ich mich wieder auf den Weg, um die Reste der Posten gegen den vom Süden kommenden Feind zu wenden. Das Sperrfeuer der Italiener wurde immer heftiger, aber wiederum hatte ich Glück, und es gelang mir, auf Hörweite an meine Leute heranzukommen und ihnen die nötigen Befehle zu erteilen. Und diese Leute, die seit 12 Stunden auf Wache standen, die sich vom Osten her von einem Angriff bedroht wußten, besannen sich nicht eine Sekunde, unter dem schweren Artilleriefeuer aus den Felsvorsprüngen hervorzukriechen, hinter denen sie klebten, um ganz ungedeckt neue Deckungen im Fels zu suchen, hinter denen sie den neuen Angriff des Feindes aushalten könnten. Unmittelbar darauf erhielt ich drei Schüsse, in den Schenkel, in den Bauch und [111] durch die Lunge. Während der langen Stunden, die ich in einer Felsdeckung lag, in Erwartung des Abtransportes, der nur in der Nacht erfolgen konnte, hatte ich die Freude zu hören, wie meine zwei Kaiserschützen ein ruhiges, ungeschwächtes Feuer unterhielten. Bald erhielten sie Unterstützung durch unsere Artillerie, die gut geleitet dem Angriff der Italiener wirksam begegnete. So zerschellte auch dieser Angriff der Italiener auf die Schönleitenschneid."

 
Schleichpatrouillen um den Cristallo, 3216 m

Aus dem Tagebuch des Leutnants Plankensteiner.

      "30. Juli 1915, 6 Uhr morgens. Um 4 Uhr morgens versuchten starke italienische Patrouillen zweimal angreifend uns die Stellungen in der Foramescharte, 2400 m, zu entreißen. Laut Gefangenenaussagen sollen es 55 Mann gewesen sein. Mein Kadett Folta mit 18 Mann unternahm einen Gegenangriff. Von den Italienern waren 10 tot, 8 wurden verwundet, die übrigen unverwundet gefangen. Wir selbst hatten keine Verluste.

      12 Uhr mittags. Es werden noch weitere Gefangene eingebracht. Eine Anzahl toter Italiener ist für uns nicht erreichbar, weil sie zu weit in den Felskaren unten liegen. Ich brauche dringend Munition, auch Leuchtpatronen und Pistolen dazu. Ich erwarte von der Schneescharte, 2824 m, zwischen Punta del Forame, 2861 m, und Cresta Bianca, 2932 m, einen Angriff, weil dort zahlreiche italienische Patrouillen beobachtet wurden. Das Wetter ist äußerst schlecht, kalt und naß. Gar lange werden es hier meine Leute nicht aushalten, die Schuhe sind schon wieder defekt, ein rechter Schund.

      1. August, 5 Uhr morgens. Gestern unternahm Kadett Folta einen Patrouillengang gegen die Punta del Forame, 2861 m, und Cresta Bianca, 2932 m. Ich ging über die Schönleitenschneid, 2705 m, zur Schneescharte, 2824 m, und gegen den Ampezzaner Cristallo, 3036 m. Wir konnten interessante Beobachtungen über Truppenbewegungen im Talkessel von Cortina machen.

      7 Uhr nachmittags. Eine Erkundungspatrouille geht neuerdings vor und soll sich überzeugen, ob es nicht doch möglich ist, über den Cristallogletscher in eine Scharte des Massivs oder auf den Gipfel des Cristallo, 3216 m, zu gelangen. In zweiter Linie soll versucht werden, dem italienischen Artilleriebeobachter auf der Spitze des Cristallo beizukommen. Als Abschluß ist ein kleiner, nächtlicher Abstecher in das Val Grande zur Beunruhigung des Feindes geplant. Soll unsere jetzige Hochgebirgsstellung dauernd gehalten werden, dann müßte immer nach 10–14 Tagen die Ablösung der Mannschaft und der Offiziere erfolgen. Mein schneidiger Kadett Folta ist schon erkrankt, ich mußte ihn zur Erholung in die Talstellung schicken. Gestern regnete und schneite es die ganze Nacht. Vor Kälte konnten wir bisher in der Nacht fast nichts schlafen. Es gibt nur kalte Nahrung, da hier oben in den Felsen weit und breit kein Holz zum Kochen vorhanden ist. Wasser muß von weit unten geholt werden.

[112]     2. August, 3 Uhr nachmittags. Um 2 Uhr früh gingen zwei Patrouillen aus, die eine auf den Cristallo, 3216 m, die andere auf die Schneescharte, 2824 m, zwischen Ampezzaner Cristallo, 3036 m, und Cresta Bianca, 2932 m, um endlich einmal den Standort der feindlichen schweren Artillerie festzustellen. Die erste Patrouille kehrte mittags zurück, weil die Durchführung auf unmögliche Schwierigkeiten stieß. Die zweite kam auf der Schneescharte eben zurecht, als etwa 50 Italiener schon auf 100 Schritte der Scharte auf der anderen Seite nahe waren. Ich besetzte unbemerkt mit 10 Mann die Scharte und den Felsgrat, während mein Kadett zur Rechten abkletterte, die Italiener umging und ihnen den Rückzug abschnitt. Auf 50 Schritte Entfernung eröffneten wir ein kurzes Feuer, worauf ich sie aufforderte, sich zu ergeben. Der Erfolg waren 22 Gefangene. Die Toten mußten wir tief unten im Kar liegen lassen, meine Patrouille hatte keine Verluste. Ich habe meine Leute auf 4 Plätzen in den Felsen, die 1–2 Stunden voneinander entfernt sind, verteilt, weil uns von allen Seiten Gefahr droht. Meine Leute sind alle hervorragend tapfer und brav, aber lange halten wir es nicht mehr in diesen Hochregionen aus. Es ist furchtbar zermürbend, daß man in den Nächten nie schlafen kann. Einen Mann mußte ich heute wegschicken, weil ihm alte Wunden aufbrachen. Ein uns als Telefonist beigegebener deutscher Gefreiter stürzte über die Felsen ab und erlitt schwere Verletzungen am Kopf und an den Füßen. Das Terrain unserer Stellungen ist äußerst gefährlich und nur für Alpinisten geeignet. – Ich beobachtete, daß Il Zurlong vom Gegner stark besetzt ist. Eine feindliche Kompagnie ist von der Forca aus im Anstieg gegen unsere neuen Stellungen auf der Schneescharte begriffen. Wir erwarten sie kaltblütig."

 
40 Stunden auf den Gletschern

Es galt, die Erstürmung der feindlichen Zebrùstellung in der Ortlergruppe vorzubereiten. Zu diesem Zwecke mußten in den Rücken der feindlichen Stellungen im Raume Capanna Cedeh, 2700 m, und Passo del Zebrù, 3020 m, Aufklärungspatrouillen vorgeschickt werden. Das Heranarbeiten an den Feind, der in diesem Abschnitt bis zu 3 und 4 km, durch Gletscher getrennt, von unseren Linien entfernt war, war für Patrouillen eine besonders schwierige und gefährliche hochalpine Aufgabe.

Drei Gendarmerieunteroffiziere, welche die Gegend kannten, wurden für dieses Unternehmen ausgesucht. Wachtmeister Schober mit 40 Mann und einer Musketenpatrouille hatte die eigentliche Aufgabe durchzuführen. Zwei starke Patrouillen sollten durch Vorgehen in der Flanke die Sicherung der Hauptpatrouille übernehmen.

Es war bei Tag nicht möglich, aus der österreichischen Stellung auf den Cevedalepaß, 3267 m, über den steilen Cedehgletscher gegen die feindlichen Vorstellungen abzusteigen, da die Patrouillen auf den deckungslosen, weiten Gletscherfeldern zu dankbare Ziele für die Maschinengewehre und Scharfschützen des Gegners gewesen wären. So [113] wurde unter ungeheuren Beschwernissen der Abstieg in der Nacht begonnen. Schritt für Schritt kämpfte sich die Patrouille, vorsichtig tastend, durch die Spalten des Gletschers. Zu den tausend Gefahren des Gletschers kam aber noch jene der feindlichen Feldwachen, von denen man nicht wußte, wo sie lagen, und denen die Patrouille geradewegs in die Gewehre rennen konnte.

Mit wunderbarem Spürsinn führte der Patrouillenkommandant seine Leute über den Gletscher, über die steilen ins Tal abstürzenden Felshänge und schließlich lautlos schleichend zwischen den italienischen Feldwachen durch gegen die feindliche Hauptstellung. Dort begann die Patrouille ihre Arbeit. Rastlos streifte sie Stunde auf Stunde die ganze Nacht durch das Gelände, stöberte die Telefonlinien der Feldwachen auf und durchschnitt sie, wo sie konnte. Dann gelang es dem Wachtmeister und seinen Leuten, von rückwärts an eine Feldwache anzuschleichen und diese im erbitterten Handgemenge niederzumachen. Die Nacht war gestört, von allen Felswänden scholl der Kampflärm zurück, die übrigen Feldwachen und die Truppen der Hauptstellung griffen in den wirren, nächtlichen Kampf ein. Von allen Seiten beschossen, war die Patrouille gezwungen, sich auf den Rückweg zu machen. Starke feindliche Kräfte gingen aus der Hauptstellung vor.

Die Lage der Patrouille war nun äußerst kritisch geworden. Ein Zurückgehen über die steilen Felshänge aufwärts war nicht mehr möglich, weil es inzwischen Tag geworden war. So blieb dem Patrouillenkommandanten kein anderer Entschluß, als sich in dem wilden Felsgehänge möglichst günstig zu postieren und den verzweifelten Kampf gegen die feindliche Übermacht aufzunehmen. Alles hing davon ab, daß es der Patrouille gelang, die Angriffe tagsüber abzuwehren, um mit dem Einbruch der Dunkelheit über die Gletscher zurückgehen zu können.

Siebzehn Stunden lag nun die kleine Abteilung in härtestem Abwehrkampfe und wies alle Angriffe des Feindes ab.

Endlich brach die heiß ersehnte Nacht herein und die zu Tode erschöpfte Patrouille konnte sich vom Feinde loslösen und den Aufstieg über die Gletscher beginnen. Die Schwierigkeiten dieses Rückmarsches wuchsen ins Ungemessene. Seit 30 Stunden waren die Leute marschierend, kriechend und kämpfend in Fels und Eis und mußten nun wieder in stockdunkler Nacht den gefährlichen Weg zum Cevedalepaß hinauf. Und diese müden Menschen, die selbst kaum mehr imstande waren, sich auf den Beinen zu halten, trugen fast jeder zweite noch einen verwundeten Kameraden auf den Schultern.

Nach vierzigstündiger Abwesenheit rückte die Patrouille in ihre Stellung auf dem Cevedalepaß ein.

 
Im Rücken des Feindes

Im italienischen Frontabschnitt an der Forcella dei Bois, 2310 m (Abb. 47, 49, u. 54), war in den Februartagen des Jahres 1916 viel Bewegung zu bemerken. Es [114] war in jenen Tagen, da die Italiener mit Hochdruck den Bau des Minenstollens unter die Spitze des Castelletto (Punta dei Bois) betrieben und den ganzen Frontabschnitt für die Sprengung und die Erstürmung der österreichischen Linien einrichteten. Besonders in der an den Castelletto angrenzenden Forcella dei Bois schuf man alle Vorbereitungen, um nach der Sprengung über die Scharte einzudringen und die Besatzung des Castelletto abzuriegeln. Bei den österreichischen Kommanden wollte man Aufklärung über das rätselhafte Treiben beim Gegner erhalten. Besonders wichtig wäre es gewesen, Gefangene einzubringen, durch die man feststellen konnte, welche italienischen Truppenteile gegenüberlagen.

Zwei Kaiserjägerpatrouillen sollten diese Aufgabe lösen. Der Plan ging dahin, die gegnerischen Stellungen von den höchsten Punkten der Scharte aus in den Flanken zu umgehen und im Rücken der italienischen Linien die Erkundung durchzuführen.

In der eisigen Winternacht des 1. März gingen um 2 Uhr früh die beiden Patrouillen vor. Bis zu 4 m hoch lag der Schnee auf den Felshängen, die ganze Welt schien in Schnee, Finsternis und Ruhe begraben.

Die rechte Patrouille mußte bald umkehren. Die Leute brachen bis zur Brust im Schnee ein und jeder Meter mußte mit solchen Anstrengungen erkämpft werden, daß jedes Beginnen, bis hinter die Linien vorzudringen, aussichtslos war. Die Patrouille wäre buchstäblich im Schnee ersoffen. Die andere Patrouille unter dem Kommando des Fähnrichs Mikosch hatte es etwas besser getroffen. Durch Mulden mit tiefem Pulverschnee, aus denen sich die Soldaten mühselig gegenseitig heraushelfen mußten, über abgewehte, vereiste Felsrippen und steile Halden ging die Patrouille ihren gefährlichen Weg. Unter den Wänden des Castelletto durchkletternd, gewann sie die steilen Hänge, die hinter die feindlichen Stellungen hinabführten. Lautlos im tiefen Schnee watend, horchend und spähend, brachte der Fähnrich seine Patrouille unbemerkt in den Rücken des Feindes.

Um 5 Uhr früh stieß sie auf den ausgeschaufelten Weg, der von rückwärts zu den italienischen Stellungen hinaufführte. In drei Stunden ermüdenden und aufreibenden Kletterns im Fels und Watens im Schnee hatte sie ein Stück Weges zurückgelegt, das im Sommer einem Bergsteiger kaum 10 Minuten kosten würde.

Bald tauchten die schwarzen Umrisse eines tief im Schnee vergrabenen italienischen Unterstandes auf.

Vorsichtig schob sich der Fähnrich an den Eingang heran. An der Tür hing ein Uniformrock, durch den er feststellen konnte, daß die Mannschaft dem 62. Infanterieregiment angehörte.

Dann öffnete er leise die Tür des Unterstandes. Zwei seiner Unteroffiziere schoben sich neben ihn in die Türöffnung. Nichts rührte sich im dunklen Raum. Nur das tiefe Atmen der Schlafenden zog durch die warme Luft des Unterstandes.

Der grelle Schein von drei Blendlaternen zuckte auf und beleuchtete die tief in Decken steckenden, enganeinander gepreßten, schlafenden Italiener.

Der Fähnrich schrie in italienischer Sprache die Aufforderung in den Unterstand, sich [115] zu ergeben. Verständnislos, verwirrt und mit weit aufgerissenen Augen starrten die Schlaftrunkenen die unheimlichen Erscheinungen an, dann hoben sie in der Erkenntnis, daß jeder Widerstand nutzlos sei, die Hände.

Aber ein italienischer Leutnant sprang mit gellenden Alarmrufen aus dem hintersten Winkel des Unterstandes hervor und versuchte, zum Ausgang zu gelangen.

Von einem Schuß aus der Pistole des Fähnrichs getroffen, schlug er über seine Leute hin.

Die Schreie und der Schuß hatten die Bemannung der Nachbarunterstände auf die Beine gebracht. Plötzlich wurde die ganze Nacht ringsum hell und lebendig, über die weißen Schneeflächen rannten schießend und schreiend von allen Seiten die dunklen Schatten der alarmierten Verteidiger.

Nun hieß es für die Patrouille blitzschnell handeln, um der Umzingelung zu entgehen. Drei Handgranaten flogen in den engen Raum des Unterstandes und explodierten dort mit verheerender Wirkung. Dann warfen die Leute der Patrouille den anstürmenden Italienern Handgranaten entgegen. Eine heillose Verwirrung entstand, die der Fähnrich mit seinen Leuten ausnützte, um sich auf den Weg, den er gekommen war, zurückzuziehen. Die ursprüngliche Absicht, auf dem kürzesten Wege zu den eigenen Linien zurückzukehren, war durch die Alarmierung der italienischen Stellungen vereitelt. Der Patrouillenkommandant verlor jedoch seine Geistesgegenwart nicht und schlug sich kämpfend mit seinen Leuten entlang den italienischen Stellungen durch, um so den Weg durch die steilen Hänge wieder zu erreichen.

Auf den Gefechtslärm hin begannen die österreichischen Maschinengewehre zu feuern. Der Rückweg brachte der Patrouille fast übermenschliche Anstrengungen. Gehetzt vom nachdrängenden Feind mußte sie den Weg über die steilen Hänge und im tiefen Schnee so rasch als möglich zurücklegen, um nicht abgeschnitten zu werden. Ein Jäger brach ohnmächtig zusammen und mußte von den Kameraden getragen werden.

Endlich gelangte die Patrouille in der Nähe der eigenen Stellungen in den Schutz der Maschinengewehre, die ihr den letzten Teil des Rückzuges deckten.

Ohne Verluste hatte der brave und schneidige Kommandant seine Patrouille zurückgebracht.

 
Überfälle auf ein Felsennest

Die Sprengung der italienischen Felsbandstellung am Kleinen Lagazuoi.
[zwischen S. 112 u. 113]      Abb. 75: Die Sprengung der italienischen Felsbandstellung am Kleinen Lagazuoi, 2778 m (Dolomiten) am 16. September 1917. Vgl. Abb. 76.
Knapp nördlich über dem Falzaregopaß, 2117 m, den die Dolomitenstraße überschreitet, ragt massig gegliedert die Südwand des Kleinen Lagazuoi, 2778 m, empor. Die ganze Wand bis zur Trennungsschlucht zwischen dem Hauptgipfel und seiner östlichen Vorkuppe, 2668 m, durchzieht in halber Höhe und leicht abfallend ein Felsband, das sich an beiden Enden terrassenförmig erweitert, in seiner Mitte jedoch zu geringster Breite eingeschnürt ist (Abb. 75 u. 76).

[116] Der Gipfel des Kleinen Lagazuoi und seine Vorkuppe waren schon von Kriegsbeginn an von den österreichischen Truppen besetzt.

Schon in den ersten Kriegsmonaten nisteten sich italienische Alpinipatrouillen auf dem Felsband in der Mitte der Wand hinter Felsblöcken ein. Den Zugang nahmen diese Patrouillen in schwierigem Aufstieg durch die Schlucht zwischen dem Lagazuoi und seiner Vorkuppe. Von dieser Felsbandstellung aus war die italienische Feldwache ein außerordentlich lästiger und ständig Verluste zufügender Gegner. Wie Raubvögel in ihren Horsten klebten sie in ihren felsigen Befestigungen eingenistet und unangreifbar. Auf dem Gipfel des Kleinen Lagazuoi, senkrecht über ihnen, lagen die österreichischen Feldwachen, die dem ganz in den Felsen verkrochenen Feind nichts anhaben konnten. Die österreichische Feldwache, die auf dem Felsband gegenüber der italienischen Felsbandstellung bezogen wurde, kam wegen der Verengung des Felsbandes nicht nahe genug heran, um sie in direktem Angriff von den Felsen herunterwerfen zu können.

Mit großer Eile und Tatkraft betrieben die Italiener den Ausbau ihrer Stellungen auf dem Felsband. Ein freistehender Zacken von 30 Meter Höhe erhielt Kavernen in mehreren Stockwerken übereinander, aus seinen felsigen Schußlöchern wirkten die Gewehre der Fernrohrschützen, eingebaute Maschinengewehre und sogar ein Gebirgsgeschütz, das die Italiener unter unsäglichen Anstrengungen bis dort hinauf gehißt hatten. Kirchturmhoch über den österreichischen Stellungen, die das Valparolajoch gegen den Falzaregopaß sperrten, konnten die eingenisteten Italiener gegen diese Stellungen und jene auf dem Sasso di Stria, 2477 m, verheerend in die Flanke und in den Rücken wirken.

Italienisches Geschütz wird über Felswände in eine Gipfelstellung gebracht.
[zwischen S. 104 u. 105]      Italienisches Geschütz wird über Felswände in eine Gipfelstellung gebracht.
Italienischer Soldat in voller Hochgebirgs-Winterausrüstung.
[zwischen S. 104 u. 105]    Italienischer Soldat
in voller Hochgebirgs-Winterausrüstung.

Mit allen Mitteln versuchten die Österreicher, die italienischen Feldwachen vom Felsband zu verjagen.

Rollbomben und Ekrasitkisten. Am 17. Dezember 1915 fand die erste, groß angelegte Unternehmung gegen die italienische Felsbandstellung statt. In mehrtägigen, schwierigen Vorbereitungen hatte man die Zusammenarbeit mit der Artillerie so gefördert, daß der Unternehmung ein guter Erfolg beschieden sein mußte. Um 6 Uhr früh des 17. Dezember begann der erste Teil der Aktion. Vom Gipfel des Kleinen Lagazuoi flogen schwere Rollbomben und Ekrasitkisten mit Zeitzündung über die Felsen auf die italienische Stellung auf dem Bande herunter. Die freistehenden Unterstände der Italiener wurden gut getroffen und zerstört. Bald darauf legte die Artillerie konzentrisches Feuer auf das Felsband. Vom Gipfel wurden drei Bergführer an langen Seilen in die Felswände hinabgelassen. Zwischen Himmel und Erde frei schwebend, nur in kleinen Einbuchtungen der Felsen gedeckt, leiteten diese drei das Feuer der Artillerie. Kaltblütig der Gewehrschüsse nicht achtend, die von den italienischen Truppen im Tal gegen die frei in den Wänden hängenden Soldaten abgegeben wurden, gefährdet von den Granaten der feindlichen Artillerie, die schweres Feuer auf den Gipfel des Kleinen Lagazuoi legte, ja selbst von den Sprengstücken der eigenen Granaten bedroht, die knapp unter ihnen in den Felsen zerplatzten, ermöglichten die drei der eigenen Artillerie [117] mit höchster Treffsicherheit einen Schuß nach dem anderen in das feindliche Felsennest zu setzen.

Eine ausgewählte Patrouille unter Führung eines Leutnants war vom Felsgrat des Lagazuoi tief in die Wände hinabgeklettert. Die einzelnen Leute wurden in den Wänden verteilt und hatten die Aufgabe, aus ihren sicheren Felsendeckungen heraus die italienische Besatzung, die fluchtartig das Felsband verlassen mußte, unter Feuer zu nehmen.

Revolverkanone in Felsenstellung.
[zwischen S. 120 u. 121]      Abb. 78: Revolverkanone in Felsenstellung.
Der Erfolg des Überfalls war gut. Der Feind hatte große Verluste zu beklagen, alle Unterstände, die nicht in die Felsen eingebaut waren, wurden zerstört, alle Kampfmittel, das Maschinengewehr, der Minenwerfer und eine Revolverkanone, wurden beschädigt oder vernichtet.

Aber die vollständige Vertreibung des Feindes vom Felsband war nicht gelungen. Ein Teil der Besatzung hatte sich in die zerklüfteten Wände gerettet und besetzte nach dem Abflauen der feindlichen Einwirkungen seine Stellungen wieder.

Handgranaten und Felsblöcke. Mit außerordentlich starken Schneefällen hatte der Winter die Berge zugedeckt. Durch eine kurze Zeit erlahmte jede Tätigkeit der italienischen Felsbandbesatzung. Doch kaum schienen dort oben die Unterstände wieder etwas in Ordnung gebracht zu sein, setzten täglich und stündlich Feuerüberfälle auf die österreichischen Linien vor dem Valparolajoch ein.

Von der österreichischen Seite schritt man bald wieder zu einer neuen Aktion gegen das Felsband. In der Nacht auf den 30. Dezember wurde ein Kadett der Kaiserjägerbesatzung über die Felswand abgeseilt. Mit Handgranaten gelang es ihm, einen Unterstand der Italiener zu treffen und in Brand zu setzen.

In der Nacht darauf, der Silvesternacht des Jahres 1915, bereitete man der italienischen Felsbandbesatzung einen furchtbaren Neujahrsgruß vor. Oben am Grat des Kleinen Lagazuoi lagerte ein riesenhafter Felsblock, so groß wie ein Einfamilienhaus. Unter ihm wurde eine kleine Höhle gegraben und mit 300 kg Donarit geladen.

In majestätischer Ruhe lagen die tief verschneiten Berge in der letzten Stunde des Jahres 1915. In den niederen Unterständen wurde beim flackernden Licht der Kerzen und Lampen voll froher Hoffnung bei Freund und Feind der Einzug in das neue Jahr gegrüßt. Nur wenige Minuten war das neue Jahr alt, da löste ein gewaltiger Schlag auf dem Gipfel des Lagazuoi einen donnernden Widerhall von allen Bergen ringsum. Der gewaltige Felsblock hob sich, taumelte wie trunken und stürzte über die Wände auf die gegnerische Felsbandstellung hinunter. Es schien, als wollte der Berg den Berg erschlagen. Dieser furchtbare Neujahrsgruß hatte der italienischen Besatzung auf dem Felsband wiederum schwere Verluste zugefügt.

Gas. Wohl war man imstande gewesen, die italienischen Befestigungsanlagen auf dem Felsband durch jede der Unternehmungen schwer zu beschädigen, aber die Stellung selbst wurde von den Italienern hartnäckig gehalten. In rastloser Hast wurde auf dem Felsband der Ausbau der Stellung betrieben, überall wurden Kavernen in den Fels- [118] körper gebohrt und bald mußte der Ausbau soweit gediehen sein, daß man einen Überfall der Österreicher aus den Wänden nicht mehr zu befürchten brauchte.

14 Tage später schon ging man von der österreichischen Seite daran, den Ausbau der italienischen Stellungen wieder kräftig zu stören und allenfalls die Stellung selber zu besetzen. Ein umfassender Plan war zurechtgelegt, alle verfügbaren Kampfmittel waren bereitgestellt worden, um nunmehr endgültig die Felsbandstellung zu erdrücken. Maschinengewehre sollten von der Vorkuppe aus die Besatzung niederhalten, drei Minenwerfer hinter dem Felsgrat des Kleinen Lagazuoi warfen ihre Minen auf das Felsband, leichte und schwere Artillerie vereinten ihr Feuer auf das Felsband und sollten mit Gasgranaten die Besatzung zwingen, aus ihren Felslöchern zu flüchten. Zwei Patrouillen waren wiederum längs des Grates aufgeteilt und eröffneten das Spiel mit dem Abwurf von Rollbomben und Handgranaten.

Dann kam die Reihe an die Artillerie, die mit vollendeter Treffsicherheit das Felsband einhagelte.

Als man die von einem dichten Gasschleier überzogene Stellung sturmreif hielt, versuchten Patrouillen von der eigenen Felsbandstellung zur gegnerischen hinüberzuklettern und diese zu besetzen.

Jedoch der Erfolg der Unternehmung war nicht den Erwartungen entsprechend gewesen. Die ankletternden Patrouillen wurden von lebhaftem Gewehrfeuer aus den Felslöchern wieder zurückgetrieben. Wohl hatte man auch diesmal dem Feinde wieder schweren Schaden an seinen Anlagen beigefügt, aber die italienische Felsbandstellung bestand weiter.

Man mußte zum letzten Mittel greifen, das ermöglicht, den Gegner im Hochgebirge aus uneinnehmbaren Stellungen zu vertreiben: Die Mine. (Vgl. den Abschnitt: "Der Minenkrieg in der Lagazuoiwand.")

 
Die Wiedereroberung des Rauchkofels

Am 1. April 1916 gelang es einer kühn geführten, italienischen Abteilung, den Rauchkofel, 2175 m (Abb. 29) (Cristallomassiv, Dolomiten), durch Überfall zu erobern. Der ganze Frontabschnitt am Cristallomassiv und um Schluderbach war dadurch in eine furchtbar bedrängte Lage geraten. Von seiner beherrschenden Stellung aus konnten die Italiener alles, was sich im Tal rührte, vernichten. Es gab nur zwei Möglichkeiten, entweder den Rauchkofel zurückzuerobern, oder den ganzen Frontabschnitt auf neue Stellungen zurückzunehmen.

So ungeheuer und aussichtslos das Unternehmen anmutete, vom Tale aus über eine Höhendifferenz von 800 Meter in steilstem Lawinengehange durch meterhohen Schnee diesen Berg zu stürmen, so entschloß man sich doch dazu.

150 Mann aus Tiroler Truppen meldeten sich freiwillig zu diesem denkwürdigen Angriff.

[119] In fünf Nächten arbeitete sich die Truppe unter übermenschlichen Schwierigkeiten durch den meterhohen Schnee bis auf 200 Schritte an die gegnerische Stellung heran.

Im Morgengrauen des sechsten Tages half eine umfassende Artillerievorbereitung der verwegenen Truppe den letzten Sturm auf den Gipfel zu erleichtern. Mit großen Verlusten arbeiteten sich die Braven im tiefen Schnee durch die letzten Steilhänge zur Stellung des Feindes vor und hatten noch die Kraft, im wütenden Handgemenge den Gipfel zu nehmen und die feindliche Besatzung gefangen zu setzen.






Front in Fels und Eis
Der Weltkrieg im Hochgebirge

Gunther Langes