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Land und Leute in unseren Kolonien   (Teil 3)
[134]

Unser Kamerun
Dr. Alex Haenicke

Das Land

Kamerun ist wohl die bekannteste unserer Kolonien gewesen - vielleicht lag dies an dem seltsamen, exotisch klingenden Namen, über dessen Ursprung sich allerdings die wenigsten klar gewesen sein dürften: er stammt von den Entdeckern der mittelafrikanischen Westküste, den Portugiesen, die dem Strand nach den unzähligen auf ihm herumwimmelnden Seekrebsen, den "camarões", etwa "Kamerunsch" ausgesprochen, den Namen gaben. Die für das Ufer gedachte Bezeichnung wurde später auf das ganze Gebiet ausgedehnt, wobei denn wieder einmal feststellbar ist, daß die Ableitungen von Namen oft völlig sinnlos sind, denn was die riesigen Urwald- und Steppengebiete des Landes mit den scherentragenden Meergeschöpfen zu tun haben, wird wohl niemand so leicht zu erklären wissen.

Aber auch die Landschaftsart der neuen Kolonie zog die Gedanken und Sehnsüchte so manches romantisch veranlagten Deutschen an: denn ganz im Gegensatz zur öden, dünenbegrenzten toten Küste Südwestafrikas empfängt Kamerun den Ankommenden mit der ganzen betörenden und betäubenden Üppigkeit der Tropen. Über dem dichten Grün wildverwachsener Gebüsche, Gehölze und Wälder erheben sich mächtige Gebirgszüge in einer Höhe von 4000 m; edle Holzarten, fruchttragende Bäume und Sträucher, üppigster Graswuchs bekunden den Reichtum des von vielen Flüssen durchzogenen Gebietes, in dem Überfluß an Nahrungsmitteln und kostbaren Rohstoffen herrscht.

Aber auch Schönheiten locken, die nur von den Tropen gespendet werden können: die traumhaften Nächte, in denen Negermusik aufbrummt oder das dumpfe Schlagen der Nachrichtentrommel von fern sich nähert und geisterhaft wie Waldesspuk wieder verschwindet...

Wenn trotz seiner Vorzüge Kamerun in der Folge an Anteilnahme seitens der öffentlichen Meinung in der Heimat verlor und Kamerun das "Stiefkind der Mutter Germania" wurde, so ist das auf Umstände zurückzuführen, die nicht im Lande selbst begründet sind, sondern in dem blinden Vorurteil der rot-schwarzen Reichstagsparteien.

Kamerun umfaßte ursprünglich ein Gebiet, das etwa die Größe Deutschlands besaß - 492 700 qkm; 1911 wurde es durch die mit Frankreich abgeschlossenen Marokkoverträge aber bis zu der ansehnlichen Ausdehnung von 790 000 qkm gebracht. Es gewann sehr bedeutende Territorien im Süden und Osten des Landes, die wie die Fläche des Erstbesitzes zum Teil bis in die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts unerforscht gewesen waren.

Die Küste der Kolonie ist 320 km lang und erstreckt sich vom Rio del Rey bis zum Kampofluß; sie ist durch viele Buchten gegliedert, aber der Mangel der westafrikanischen Küste an guten Hafenplätzen macht sich auch hier bemerkbar, weil die großen Flüsse Kameruns mit ihren Wassermassen auch viel Schlamm ins Meer spülen, der sich in Barrenform vor die Mündungen legt und so den Schiffen die [135] Einfahrt erschwert. Ausgiebige Baggerungen haben in der Duala-Bucht dem Übelstand abgeholfen. Da das Land im Westen terrassenförmig zum Meere abfällt, sind die Flußläufe vielfach von Stromschnellen und Wasserfällen durchsetzt, so daß ein Eindringen in das Innere des Landes auf dem Wasserwege mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft ist.

Im Westen und Nordwesten grenzte Kamerun an Britisch-Nigeria, im Süden und Osten an Französisch-Äquatorial-Afrika. Nach dem Kriege wurde Kamerun als Mandatland des Völkerbundes unter britische und französische Herrschaft geteilt.

Elefantensee bei Kumba in Kamerun.
[54]      Elefantensee bei Kumba in Kamerun.
Nördlich von der Biafrabai, der Hauptbucht der Küste, erhebt sich das vulkanische Kamerungebirge als gewaltiges Wahrzeichen der Kolonie aus dem Meere - die spanische, in der Bucht liegende Insel Fernando Po, sodann die sich über 750 km ins Meer erstreckende Kette der Eilande Principe, São Thomé und Annobom bilden die Fortsetzung des festländischen Gebirgsstockes. Lange sind die Bemühungen um die Bezwingung seines höchsten Gipfels, des Monga maloba vergeblich gewesen; der deutsche Botaniker Gustav Mann, der englische Forschungsreisende Burton und andere Reisende haben versucht, die 4100 m des Kamerunberges zu ersteigen; aber sie kamen kaum über die hier sehr hoch liegende Baumgrenze, zirka 2700 m, hinaus, dann machte, wie es in einem älteren Bericht heißt, "der rauhe, vulkanische, mit Lavamassen überdeckte Boden das Aufsteigen in höhere Regionen unmöglich" - wobei zu bedenken ist, daß bis in die siebziger Jahre trotz der Leistungen Edward Whympers, Tucketts, Leslie Stephens und anderer Alpinisten die Hochtouristik noch keine sehr verbreitete und entwickelte Kunst gewesen ist. Der Aufstieg ist zwar ziemlich lang, bietet aber nach den heutigen Begriffen gar keine Schwierigkeiten. In 2400 m Höhe liegt eine von Gustav Mann entdeckte und nach ihm benannte Quelle; der Pic selbst, der "Berg des Donnerns" genannte Göttersitz, gipfelt sich dreifach in die "Drei Schwestern".

Die Neger schrieben die Erfolge der ersten Weißen, als es ihnen gelang, höhere Regionen zu erreichen, einer Medizin zu, die die Götter dem Fremden gäben, um sie noch stärker und mutiger zu machen, als sie ohnehin schon seien: denn die Eingeborenen hatten stets die Angst der Naturmenschen vor dem Gebirge - genau wie die Europäer mit wenigen Ausnahmen bis ins 18. Jahrhundert hinein, obgleich diese längst keine Naturkinder mehr waren - und siedelten sich niemals höher als 1000 m hoch an. Bis in diese Gegend reicht die üppige tropische Vegetation; dann folgt eine Urwaldregion mit dichtem Unterholz, bis sich die Bäume allmählich lichten, bis sich nur noch vereinzelt Gras und Strauchwerk sehen lassen, bevor die Kahlheit des Hochgebirges in ihre Rechte tritt. Das ganze Gebirge hat eine Länge von etwa 50 km bei einer Breite von 10 bis 15 km.

Die sandige Küste ist überall flach und an den Flußmündungen von sumpfigem Schwemmland eingefaßt. Die Eigentümlichkeit des Strandbildes wird durch [136] den Hintergrund des dichten Mangrovengebüsches bestimmt; diese eintönige grüne Wand, die sogar bis in die Flußbetten vordringt, gibt uns den Eindruck der Abgeschlossenheit, des Geheimnisvollen, das Afrika mehr als jeden anderen Erdteil umgibt. Es ist ein Mittelding zwischen Meer und festem Land, das zum Teil, z. B. an der Mündung des Mungoflusses, dem Ufer vorgelagert ist, eine Art Wattenregion, deren schlammiger, von Wasser bedeckter Boden durch das vielfach verschlungene Wurzelgeflecht der Mangroven zusammengehalten wird. Eine Reihe von Wasserrinnen, "Krieks" genannt, durchzieht diese Sumpfniederungen, die erst 10 - 15 km landeinwärts in festes Schwemmland übergehen; dieses steigt dann in etwa 50 km Entfernung bis zum Ort Mundame bis zu 110 m Höhe an. Der Pflanzenwuchs geht allmählich von der Mangrove in schwer durchdringlichen Buschwald über, in dem sich vereinzelte Hochwaldbäume und Palmen finden.

Diese Mangrovenwälder bergen eine große Gefahr: Aus dem ungesunden Gewirr steigen Milliarden von Moskitos auf - Afrika grüßt die Fremden nicht eben freundlich. Aber auch das Hinterland ist gegen diese Gefahren nicht ganz sicher, denn der Wald trägt die Krankheitsträger bis ins Innere, "so daß die Eingeborenen oft nach der Windrichtung den Anzug einer Fieberepidemie voraussagen können".

Die Küstenlinie wird durch die "Ästuarien" genannten Flußmündungen unterbrochen, deren bedeutendste das Kamerunästuar oder die Bucht von Kamerun ist; sie wird von fünf, durch ein Netz von Nebenarmen verbundenen Flüssen gebildet. Der Dibamba, der Wuri und der Mungo sind die bedeutendsten.

      "Die Einfahrt von der See her", schreibt A. Seidel, "ist 8 km breit und so tief, daß die größten Kriegsschiffe in die prächtige, außerordentlich günstige Bucht einlaufen können. Vom Schiffe aus erblickt das Auge während der Einfahrt zunächst nur flache niedrige Ufer, die das weite Wasserbecken in großem Bogen umsäumen.
      Die Szenerie ist eintönig, dichtes Mangrovengebüsch bedeckt die Landschaft, die nur selten durch die aus dem Buschwerk hervorlugenden Hütten eines Dorfes belebt wird. Erst nach etwa zweistündiger Fahrt wird das Bild anziehender. Das Gelände am linken Ufer des Flusses hebt sich, steil abfallende Uferberge treten hervor, und der frühere Regierungssitz, an der linken Seite der Wurimündung auf der »Joßplatte« gelegen (eine 10 m hohe Lateritplatte, auf der der Gouverneur von Soden sein Haus und einen prachtvollen Park angelegt hatte), kommt in Sicht. Hier liegen auch mehrere Negerdörfer und europäische Anlagen, welche zusammen als Duala bezeichnet werden. Alle Bauten und Dörfer (Joß-, Akwa-, Bell- und Deidodorf) befinden sich auf der linken Seite des Flusses, während auf der rechten nur Hickory, ebenfalls ein Dualadorf, gelegen ist."

So zeigte sich Duala zu Beginn der deutschen Arbeit in Kamerun. - Später traten machtvolle Veränderungen ein; das Bild wurde freundlicher und einladender. - Zahlreiche stattliche Gebäude öffentlicher und privater Art zeugten von deutschem Fleiß und zielbewußtem Aufbau.

[137] In geringer Entfernung von der Küste beginnt der Urwald; als breiter Gürtel bis 300 km Tiefe im Süden und 120 bis 150 km im nördlichen Teil der Küste lagert sich das "Waldland" auf das ansteigende Gelände. Fr. Hutter gibt in seinen Wanderungen und Forschungen im Nordhinterland von Kamerun ein anschauliches Bild des Urwaldinnern:

      "Unter dem feuchten, dumpfen, halbdunklen Blättergewölbe herrscht eine fast gleichmäßige Temperatur Tag und Nacht, die eines Treibhauses. Wenn der Himmel bewölkt ist, erreicht das Dunkel bisweilen einen solchen Grad, daß man kaum Uhr und Kompaß ablesen kann. Ein Sonnenstrahl dringt fast nie auf den Weg - kein Glitzern und Spielen der goldenen Lichter auf dem Gezweig. Und stiehlt sich einmal ein schwacher Lichtblick durch die grünen, grauen, braunen, dumpfen Laubmassen, so erfaßt den Menschen, der tagelang da unten, zwischen den mächtigen Pfeilerstämmen der Eriodendren, dem Gewirr, Gestrüpp und Wurzelwerk den mächtigen Fangarmen der Lianen, ein winziges Geschöpf, mühsam seinen Weg verfolgt, die Sehnsucht, hinauf, hinaus zu gelangen, um nur endlich einmal wieder die Sonne und den Himmel zu sehen.
      Gleichförmig, eintönig ist der Wald, wie der Ozean, wenn kein Windhauch ihn bewegt, kein Segel ihn belebt. Was heute das Auge sieht, ist dasselbe, was es gestern gesehen hat, was es morgen sehen wird. Überall grade aufstrebende Stämme, um die sich riesige, beindicke Lianen schlingen, daran erinnernd, daß auch in dieser scheinbar in ununterbrochener Ruhe dahinlebenden Pflanzenwelt hart und unerbittlich der Kampf ums Dasein gekämpft wird. Die Opfer dieses Kampfes, die abgestorbenen, halb vermoderten Baumleichen liegen allenthalben am Boden, und furchtbar ermüdend sind die steten Klettereien darüber hinweg: bald schwingt man sich nur mit Mühe hinauf, um ausgleitend drüben hinunter zu stürzen; bald ist der Stamm bereits so verfault, daß man bis an die Hüften durchbricht und Staub, Moder, Insekten und Maden in Unmengen aufstört und wie von einer Wolke davon umgeben ist. Zum Teil hängen die erstickten Stämme noch in den Armen ihrer Überwinder, der Lianen, wie in riesigen Klammern, die sie zwingen, hinaufzustarren in die Lüfte, gebleichte Riesenskelette. Neue Gewächse sprießen aus ihnen hervor; unten auf dem Boden schießt ein Heer von Blatt- und Schlingpflanzen auf."

So war's noch zu Hutters Zeiten, also um die neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts - 10 Jahre später begann es anders zu werden. Wo früher nur schmale Buschpfade liefen, zogen vielfach 20 Meter breite Schneisen durch den Wald, die Hauptorte des Landes verbindend. Sie gaben der Sonne Zutritt zu dem feuchtwarmen Boden, trockneten ihn fest und machten ihn leichter gangbar. Durch ordnende Nachhilfe von Menschenhand wurden weite Strecken befahrbar, auch für Kraftwagen.

Die erste Terrasse erhebt sich über dem Küstengebiet; Wasserfälle und Stromschnellen der Flüsse kennzeichnen sie. Ein Hügelgebiet folgt, dem sich ein ebenes, etwa 40 km breites Plateau in der Höhenlage von 500 - 600 m anschließt. Dann zeigt sich wieder eine Hügellandschaft, ein zweites Hochplateau, bis endlich das Hoch- oder "Grasland" nach schroffem Aufstieg erreicht wird.

Auch in Südkamerun fällt das Land mit zwei Terrassen ab, deren erste ein mit mäßiger Steilheit ansteigendes Randgebirge aufweist, während die zweite jähe Abhänge besitzt. Das Grasland, die Savanne, stellt nicht etwa eine zusammenhängende Wiesen- oder Weidefläche vor, sondern, wie einer der ersten [138] Erforscher, der im Weltkrieg berühmt gewordene General von Morgen sagt, der als Leutnant Kamerun durchquerte:

      "Es sind große, von Galeriewäldern durchsetzte Felder. Die Wälder bauen sich an den Ufern der Flüsse auf und haben oft ansehnliche Breite. Außerdem finden sich in der Savanne verstreut verschiedene Zwergbäume. Das Gras selbst erreicht an einigen Stellen eine Höhe von 4 m. Der Boden, vielfach roter Laterit, ist ungemein fruchtbar. Er ermöglicht bei den Getreide bauenden Sudannegern eine zwiefache Ernte im Jahr."

Den bekanntesten Teil des Hinterlandes von Kamerun nimmt das von Passarge erforschte Adamaualand ein - ein politischer, kein geographischer Begriff, da es das einstige Sultanat Yola mit seinen Vasallenstaaten umfaßte. Gebirgswälle von 2000 m Höhe, die Tschebschti und die Mandaraberge begrenzen es - sie sind auch heute noch nicht ganz erforscht. Das Hochland von Südadamaua "arbeitet das Allgemeinbild zu immer schrofferen Formen aus". Die Geländewellen werden höher und tiefer, weite Mulden und Kessel bilden sich; die Einzelerhebungen werden isolierte mächtige Kegel (gleich dem Hohentwiel im Hegau); die Höhenzüge breitgelagerte, vielgegliederte, hochragende Gebirgsmassive, die ihrerseits wieder oben zu Plateaus abgeplattet sind: so das Bámetáhochland, das mächtige, zerklüftete Kumboplateau, das Banssohochland und andere.

Einzelne erloschene Vulkane, wie der als abgestumpfte Pyramide in die Landschaft hineinragende 3000 m hohe Muti bei Bamenda, Kraterseen und Kraterhügel überragen das Plateau von Ngaundere, das noch immer nicht ganz bekannt ist.

      "Das Hochland", sagt Hutter, "soweit es nicht Urwald deckt, ist die »rote Erde« Kameruns. Rötlich schimmern die nackten Felswände, gleich großen roten Dächern leuchten aus dem Braun der Hütten, dem saftigen Grün der Bananenhaine weithin die Versammlungsplätze in den Dörfern; wie rote Bänder ziehen die schmalen Pfade durch die verkohlten Flächen, wenn die Grasbrände über sie hinweggegangen sind, oder durch das junge, frische Grün, mit dem die tropenkräftige Natur sie bald wieder schmückt."

Das Hochland wird von vielen sehr bedeutenden Flüssen durchzogen; der Sanaga, zwischen Gebirgsschwellen gelegen, mit mehreren Nebenflüssen, darunter der von Curt v. Morgen entdeckte Mbam und der Djerem, sowie der Njong verästeln sich über ein weites Gebiet. Außer dem Sanaga entspringen hier der Benue, der Shari und der Ssanga. Wenn auch der außerordentliche Wasserreichtum des Landes eine ungewöhnliche Fruchtbarkeit garantiert, so trägt er doch wenig zur Erschließung des Gebietes bei, da die Flüsse nur zum geringen Teil schiffbar sind; der in dieser Beziehung wichtigste Fluß ist der Njong.

Der nördlichste Gipfel der Kolonie reicht in das sagenumwobene afrikanische Binnenmeer hinein, in den Tschadsee. Aber der Ruf dieses Gewässers, das lange Zeit als geographisches Problem gewertet wurde, ist besser als die Wirklichkeit. Wir dürfen nicht bedauern, daß uns bei der Grenzregulierung nicht mehr zugefallen ist. Denn dieser Überrest des einstmals hier seine Wogen schla- [139] genden tertiären Meeres, dieser phantasieumwobene zentralafrikanische See, dieses Ziel der geographischen Sehnsucht der Jahrhunderte, ist heute erst recht nur mehr das, was ihn bereits vor 60 Jahren Barth genannt hat: - "eine ungeheure Lache." Der Rückzugsprozeß vollzieht sich mit großer Geschwindigkeit; der ehemalige deutsche Anteil am See ist "eine kraut- und schilfbedeckte, von 1 - 2 m tiefen Wasserlachen durchsetzte Ebene." Einst hatten verwegene Schwärmer Visionen von einer deutschen Handelsflotte auf dem Tschadsee, die mit den Schätzen der reichen Uferländer beladen auf dem "Binnenmeere des Sudans" einhersegelte. Nun, wir wären auch ohne den Tschadsee glücklich, wenn wir nur Kamerun wieder hätten!

Die verwirrende Mannigfaltigkeit der Bodengestaltung, die vielen noch halb unbekannten Gebirge, die komplizierten Stromsysteme, die verschiedenen Formationen des großen Gesamtgebietes Kamerun bis ins einzelne auseinanderzusetzen, würde den Rahmen dieses Buches überschreiten und zudem den nicht geographisch und geologisch ausgebildeten Leser ermüden. Das Bild der Gegend mag trotzdem in großen Zügen vor dem geistigen Auge feststehen: Mangrovendickicht, Urwald, Terrassenränder, Grasland, Hochplateaus, Randgebirge mit vulkanischen und anderen grotesken Berggestaltungen; breite Ströme, üppigste Fruchtbarkeit und die feuchte Hitze des Treibhaustropenklimas; als höchste Erhebung der Kamerunberge nahe der Küste, über dessen Bild vom Meere aus die begeisterte Schilderung Hutters sagt:

      "Ein gigantisches Eingangstor zum Herzen Afrikas hat die Natur dort geschaffen, wo der Atlantik als Bai von Biafra am tiefsten das westliche Gestade des dunklen Kontinents einbuchtet. Dem Schiffe, das von Westen her sich naht, tut sich hier, an der Scheide zwischen Ober- und Unterguinea ein Ausblick auf von überwältigender Großartigkeit. Voraus im Osten taucht aus blauer Flut der scharf umrissene duftige Gipfel des Kamerunberges auf; Ost-Süd-Ost aus der Meerflut herauf der Clarence-Pick oder O-Wassa auf der spanischen Insel Fernando Po. Aufgerichtet zu beiden Seiten der nur 20 km breiten Straße ragen die mächtigen Vulkangebilde hoch über die ihre Hänge umlagernden Wolken. Ein weicher grüner Mantel, ein großer herrlicher Wald, umhüllt den mächtigen Südpfeiler des Naturportals. Die senkrechten Felsstreben, mit denen der in der Tiefe gefestet ist, sind umsponnen von schaukelndem Netzwerk rankender Gewächse, aus denen in leuchtenden Farben prächtige Blumen und Blüten hinabhängen bis zur Brandung, die aufschäumend an den einstigen Kraterwällen sich bricht. Drüben an der afrikanischen Küste türmt, immer massiger nach Ost und West auslegend, der Gebirgsstock des Kamerunberges sich auf, steil gegen die Küste abfallend, an die, umsäumt mit dichtem Urwald, die weißen Kämme der Wogen anbranden, um zurückprallend und rauschend in seinem oft minutenlang sichtbar bleibendem Nebel zu zerstieben."

Von derselben Begeisterung über dieses schöne Stück Erde zeugt eine neuere Schilderung (von Em. Kellerhals) aus dem Jahre 1935:

      "Zuerst steigt die Umrißlinie durch den Urwald sanft hinan; dann gewinnt sie die erste Spitze, den Kleinen Kamerunberg, immerhin schon mit 1774 Meter Höhe; die weitere Steigerung erscheint dem Auge infolge der perspektivischen Verkürzung nicht mehr bedeutend, beträgt aber noch volle 2300 Meter; endlich erreicht sie mit 4080 Meter den obersten Gipfel des mächtigen Kegels.
[140]      Dieser Berg ist mehr als ein eindrucksvolles Stück Landschaft. Er ist Sinnbild und Gleichnis.
      Die Eingeborenen nennen ihn Mongo ma Loba. Wenn dieser Name Stütze, Pfeiler des Himmels bedeutet, wird man verstehen, warum sie dieses äußerste Bollwerk ihres Landes gegen das Meer, wie einst die Griechen den Felsen von Gibraltar, die tragende Säule des Himmelsgewölbes hießen."



Das Klima

Selten werden sich in einem Lande soviel unvermittelt sich gegenüberstehende Gegensätze finden wie in Kamerun. Wie die Bodengestaltung voller Kontraste ist, so bieten auch die meteorologischen und klimatischen Verhältnisse Bilder von sehr verschiedener Art. Gerade das Klima aber ist im äquatorialen Kamerun für den Europäer von ausschlaggebender Bedeutung; es spielt also in Kamerun eine viel größere Rolle als in dem zum größten Teil nicht mehr in den Tropen liegenden Südwestafrika.

Wer das Klima der feuchten Tropen nicht kennt, muß sich vorstellen, daß man dort eigentlich niemals so ganz trocken wird. Der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ist sehr groß: ein Stück Schokolade, das offen auf dem Tisch liegengelassen wird, ist nach kurzer Zeit vollkommen aufgeweicht. Zur Regenzeit wird die Hitze noch unerträglicher; wenn die kompakte Wassermasse, die man dort "Regen" nennt, vom Himmel gestürzt ist und die Wolken sich verziehen, dann dampft alles; dichte Schwaden weißen Brodems ziehen durch das Buschwerk - es kommt einem so vor, als sei in einem überheizten Raum die Dampfheizung geplatzt. Aber schließlich ist alles Gewohnheit und Sache der persönlichen Konstitution; man muß allerdings ein gesundes Herz haben. Eine Entschädigung für alle Mißhelligkeiten, die das feucht-heiße Klima mit sich bringt, liegt in der geradezu unbegreiflich üppigen Vegetation (von der noch zu sprechen sein wird), in den tausend Wundern der Natur, des Pflanzen- und des Tierreiches, die uns auf Schritt und Tritt begegnen.

Für die Witterung ist die Erwärmung der Luft über dem Erdboden und der Luftaustausch durch Wärmeströmung maßgebend. Die durch den senkrechten Sonnenstand hoch erwärmte Luft über der Gegend des Äquators steigt senkrecht in die Höhe, während als Ersatz für die oben abströmende Luft von Norden und Süden her kalte Luft zufließt. In dem Gebiet der aufgelockerten Luft ist der Luftdruck niedrig. Es kommt zu reichlichen Niederschlägen. In etwa 30° Breite steigt die aufgestiegene Luft wieder ab und erwärmt sich dabei. Die sich hier stauende Luftmasse ist das Gebiet der niederschlagslosen Roßbreiten. Sie bringen zwar hohe Wärmegrade, aber trockene Hitze, die der Mensch leichter erträgt als das Dampfbad der Tropen. Nördlich und südlich des Äquators liegt also eine sich drehende Luftwalze, die mit dem Hinundherpendeln des höchsten Sonnenstandes sich im Sommer nach dem Sudan, im Winter nach der Kalahari [141] hin verschiebt. Die Hitze im Kameruner Küstengebiet wird außerdem durch den kühlen, bereits von Südwest her bekannten Benguëlastrom zum Teil gemildert. Wenn nachmittags die "Seebrise" einsetzt, wird diese als Wohltat dankbar begrüßt.

In den Tropen gruppiert sich die Regenzeit um die Tage, in denen die Sonne im Zenit steht. Infolge der starken, gerade von oben kommenden Erwärmung lockern und heben sich die über der Erde lagernden Luftmassen, kühlen sich beim Steigen schnell ab und lassen den Wasserdampf, den sie mit sich führen, als Regen niederfallen. Da nun in den Äquatorgegenden die Sonne zweimal jährlich im Zenit steht, so müßten sie eigentlich zwei Regenzeiten besitzen - aber da der Sonnenhöchststand hin und her pendelt und die Regenzeit ihm nachhinkt, verschmelzen in der Nähe des Äquators beide Regenzeiten zu einer. Also gibt es im größeren Teil von Kamerun nur zwei Jahreszeiten, die Regenzeit vom Mai bis Oktober und eine trockene Zeit vom November bis April. Schwankungen kommen natürlich bei der großen Ausdehnung des Gebietes vor, aber im allgemeinen verläuft der Wechsel mit großer Regelmäßigkeit. Die Regenzeit wird von einer etwa 2 - 4wöchigen "Tornado"-Periode begrenzt - der Zeit der wilden Gewitterstürme.

Dem Klima Kameruns fehlt der einheitliche Charakter, da von Norden her der Einfluß der Sahara spürbar wird, von Süden und Südosten her das Kongogebiet klimatisch einstrahlt. So ändert sich die Regenhöhe von der Guineaküste nach dem Innern zu in dem Sinne, daß im inneren Winkel des Golfs nur eine, nach dem Kongogebiet zu zwei Regenzeiten, nach Norden zu wieder auch nur eine Regenzeit eintritt. Die Regenmengen sind ebenso unterschiedlich, es fallen vom Tschadsee bis zur Südgrenze 500 - 3000 und 10 000 mm Regen.

Eine Sonderstellung nimmt der Kamerunberg ein - wie er infolge seiner hohen und plötzlichen Erhebung aus dem Meere alle Vegetationszonen auf sich vereinigt, so hat er auch von allen klimatischen Erscheinungen etwas mitbekommen. Bis zur Höhe von 900 m herrschen die gleichen Verhältnisse wie im Urwald - die wir gleich genauer kennenlernen werden; dann folgen die für das Grasland charakteristischen Erscheinungen. Auf der Westseite des Berges nimmt der Regenreichtum außerordentlich zu; das Kap Debundja ist die regenreichste Stelle in ganz Afrika, und mit einer am Südhang des Himalaja gelegenen Station in Assam, Cherrapunji genannt, der ganzen Erde. Es wird jährlich die enorme Menge von 12 000 mm oder 12 m Regenhöhe verzeichnet; die normale Niederschlagsmenge beträgt etwa 300 cm. Kaum ein Tag vergeht ohne Sintflut, und in der sogenannten trockenen Zeit gehört eine Periode von sieben regenlosen Tagen zu den größten Seltenheiten. Maßlosigkeit der tropischen Natur!

Im Küstenvorland sind bei immer gleichbleibender feuchter Hitze die Temperaturschwankungen gering; in Duala hat der heißeste Monat, der Februar, ein Mittel von 27,3°, der kälteste, der Juli, von 24,4°. Das beobachtete Maximum ist 32° - was etwa einem Berliner, ganz zu schweigen von einem Stuttgarter, [142] nicht weiter imponieren kann, da wir ja Temperaturen bis 35°, auch 36° im Sommer, häufig genug zu verzeichnen haben; da aber das Minimum 19° beträgt, so wird uns die fürchterliche Gleichheit der Hitze doch Respekt einflößen.

Das Urwaldgebiet also hat seine eigenen Gesetze. Dr. Plehn schildert sie von Duala aus mit folgenden Worten:

      "Die Jahreswende bezeichnet den Höhepunkt der heißen, regenlosen Zeit. Hinter dem gleichmäßig trüben Dunst bleibt die aufsteigende Sonne lange völlig verborgen. Die Gräser sind mit reichlichem Tau getränkt, der bald nach dem Sichtbarwerden der Sonne verschwindet. Die Landbrise, die die ganze Nacht hindurch mit einer Stärke von drei und darüber geweht hat, flaut ab und ist schon gegen 8 Uhr morgens gar nicht mehr spürbar. Damit und mit dem Vorkommen der Sonne beginnt die unerträglichste Zeit des Kameruner Aufenthaltes. Das neblige dunstige Grau über dem Flusse verschwindet auch bei dem Zutagetreten der Sonne nicht, und der Kamerunberg bleibt hinter der dicken Dunstschicht viele Wochen verborgen. Trotz der relativ verringerten Luftfeuchtigkeit ist die Luft am Mittag mit ihren 30 - 31°C unerträglich drückend, namentlich am Flußufer zur Ebbezeit. Gegen 1 Uhr nachmittags tritt die von Südwest wehende Seebrise ein, meist ziemlich unvermittelt und mit beträchtlicher Kraft, trotz der Hitze Erleichterung verschaffend. Sie bringt auch reichlich geballtes Gewölk mit herauf, durch das die intensive Sonnenbestrahlung wenigstens zeitweise gemildert wird. Regen fällt zu dieser Zeit selten, manchmal 3 - 4 Wochen gar nicht. Trotzdem läßt sich an der Vegetation äußerlich kaum irgendwelcher Einfluß der verringerten Feuchtigkeit erkennen, häufig sind gegen Abend ferner Donner und Wetterleuchten. Stärkere Gewitter sind in dieser Zeit sehr selten. Bis gegen Abend weht die Seebrise. Von besonderer Pracht sind der Sonnenuntergang und die Dämmerungserscheinungen. Die Nächte sind meist wolkenlos; den Mond umgibt nicht selten ein trüber rötlich-gelber Hof. Nicht lange nach Sonnenuntergang schläft die Seebrise ein, um dann nach wenigen Stunden der Landbrise Platz zu machen, die bis gegen Morgen anhält.
      Nur kurze Zeit zeigt sich hier das geschilderte Bild der Trockenzeit rein; wochenlang vor ihrem Eintritt, wie auch vor ihrem Übergang in die Tornadozeit des Frühlings wechseln Tage des beschriebenen Charakters mit solchen, die durch reichliche Bewölkung wolkenbruchartige plötzliche Regen sowie durch das zeitweise Auftreten von Tornados völlig den Charakter der Tornadozeit zeigen. Gerade in dieser Übergangszeit, in der heftige Regengüsse mit intensivem Sonnenschein abwechseln, zeigen sich die heißen Tagesstunden, in denen die hochstehende Sonne auf den durchfeuchteten Boden brennt, ganz besonders unerträglich.
      Je weiter die Übergangszeit vorrückt, um so spärlicher werden die sonnigen Tage, und einen um so gleichmäßigeren Charakter nimmt der Regenfall an. Die Tornados werden selten und schwächer, schwächer die elektrischen Entladungen. Die Sonnenuntergänge sind meist klar, ebenso die Nächte, soweit nicht [143-144=Fotos] [145] Regengewölk sie verfinstert. Die Landbrise nimmt an Heftigkeit ab, die Regen kommen größtenteils von der See her. So vollzieht sich allmählich der Übergang in die eigentliche Regenzeit, die ihre Höhe wechselnd zwischen Juli und August erreicht. Selten ist nunmehr der Anblick der Sonne; unablässig fällt aus dem trüben, gleichmäßig grauen Himmel der Regen herunter, bald anschwellend, bald nachlassend, nachts mit größerer Intensität als tagsüber. Alles ist in einen matten, wässrigen grauen Schleier gehüllt, Tümpel und Pfützen entstehen, kleine ausgetrocknete Wasserläufe schwellen zu reißenden Bächen, Bäche zu Flußläufen an. Die Windbewegung ist abgeschwächt; trotzdem und trotz der zunehmenden Feuchtigkeit, die alle Gegenstände mit Schimmel überzieht, empfindet der Körper die namentlich nächtlich niedrigere Temperatur und das Fehlen der intensiveren Sonnenbestrahlung sehr wohltätig, und das zeitweise Hervorkommen der Sonne ist nichts weniger als angenehm und hat meist vermehrte Fiebererkrankungen zur Folge.
      Mit Unterbrechung dauert die Regenzeit bis in den Herbst hinein; dann beginnt langsam in umgekehrter Weise die Wende zur Trockenzeit. Der Pflanzenwuchs hat in dieser Zeit, wo sich die Einwirkung der Sonne zu der des mit Feuchtigkeit getränkten Erdreiches gesellt, seine höchste Entwicklung erreicht - zugleich aber auch die Fiebersterblichkeit, die bis gegen den Eintritt der trockenen Zeit ansteigt. Die Schwüle an den heißen Vormittagen ist besonders groß, und zu den Fiebererkrankungen gesellen sich auch wieder die Leiden der Trockenzeit in Gestalt von zunehmender Nervosität, von Darm- und Hautleiden. So vollzieht sich unter allmählichem Zunehmen der heißen Tage etwa im November wieder der Übergang zur Trockenzeit."

So der Verlauf der Jahreszeiten im Urwaldgebiet.



Sehr viel günstiger gestaltet sich das Klima auf dem Hochlandplateau, vor allem auf den am höchsten gelegenen Steppen im Norden der Kolonie; es steht in direktem Gegensatz zu dem, was wir bis jetzt als Tropen- oder Kameruner Klima kennengelernt haben. Die Besserung zeigt sich schon auf den höhergelegenen Stationen im Urwald; in Jaunde ist zwar das Maximum noch 32°, aber das Minimum 12°, und die einstige Station Baliburg hat die ideale Durchschnittstemperatur von 18° aufzuweisen. Trotzdem aber zeigt sich hier der Vorteil der äquatorialen Gleichmäßigkeit. Der Temperaturunterschied des wärmsten und des kältesten Monats betrug in Baliburg 1,6 - 2,8°, d. h. daß es selten mehr als 21°, selten weniger als 15° ist. Berlin hat mit seinen Julitemperaturen von 30 - 33° und seinen Februarkälten von 20 - 25° Unterschiede von über 50° (!). Auch die Niederschlagsmengen sind in der Höhe geringer, in Bali etwa um die Hälfte als im Küstengebiet - manchmal hagelt es zum größten Entsetzen der Neger auch hier.

Ein Gegenstück zu Plehns Schilderung der Urwaldwitterung gibt Hutter für das Hochland.

[146]      "Versetzen wir uns in den Oktober und damit in die das Ende der Regenzeit ankündigende Tornadoperiode. Der Morgen ist bereits nicht selten klar und schön nach einer sternenhellen Nacht angebrochen; bisweilen hüllt in den ersten Frühstunden dichter Nebel noch die Landschaft ein. Reichlich liegt der Tau auf den unendlichen Grasflächen. Eine leichte Brise aus Ost oder Südost trägt das Rauschen eines nahen Wasserfalles an unser Ohr. Langsam steigt die Temperatur, die nachts auf 13° oder 12° gesunken war, gegen Mittag auf 22° und 24° an; mit ihr steigert sich auch die Stärke des Windes, der meist von Ost nach Südwest umspringt und angenehm erfrischend wirkt; aber im Laufe des Vormittags ziehen sich in dieser Periode Tag für Tag Gewitterwolken zusammen, und nachmittags bereits oder spätestens abends entladen sie sich in kurzen und heftigen Stößen.
      Aus einem kurzen Tornado Kameruns kann man gut vier schwere deutsche Gewitter machen. Die Häufigkeit der Blitze läßt sich am besten durch den treffenden Ausdruck »Blitzregen« charakterisieren. Ist bei leichteren Gewittern ein Zählen der einzelnen Entladungen noch möglich, so gibt man das bei einem schweren Tornado sehr bald auf und überläßt sich rücksichtslos dem großartigen Schauspiel der entfesselten Naturgewalten.
      Schon das Heraufziehen eines Sturms am äußersten Horizont läßt das Gewaltige des nahenden Elementarereignisses ahnen. Schwer und breit schieben sich die Wolkenschichten schwarz und dunkelgrau übereinandergebaut höher und höher, und der noch in reichem Blau sich wölbende Himmel verschärft den Gegensatz. Bereits ist ein Drittel von ihm überzogen, und immer noch steigt die Wetterwand, obgleich der sich verstärkende Wind dagegen anzuprallen scheint. Endlich kommt seitliche Bewegung in die Massen; waagerecht zucken die Blitze durch die Schichten, und unaufhörlich rollt der ferne Donner. Durch drei Himmelsquadranten zieht die Wolkenwand - nun im Süden ein kurzes Stillstehen: wie ein Leopard über sein Opfer fällt es in immer steigender Geschwindigkeit über die winzige Behausung der winzigen Menschen her. Heulend setzt die Windsbraut ein, und im Nu liegen ganze Bananenreihen auf der Erde, und durch die zerfetzten Blätter der stehengebliebenen pfeift der Sturm. Die Häuser wanken und ächzen, von den Dächern fliegen in Garben die Grasbüschel, dunkler und dunkler wird es ringsum; jetzt der erste nahe Blitz und Donnerschlag zugleich, daß der Boden erzittert. Nun ist der Bann gebrochen; Blitz auf Blitz und Schlag auf Schlag zuckt und kracht es herunter, hinauf, nach allen Seiten. Ein Feuermeer, ein Feuerregen und Getöse wie rollendes Schnellfeuer aus Hunderten von Geschützen. Mit dem ersten Blitzstrahl fast brechen auch die Wassermassen herab; wie Sturzbäche tosen sie hernieder, und der Sturm schleudert sie dahin und dorthin.
      Trotz der so außerordentlichen Heftigkeit der elektrischen Entladungen und trotz der Häufigkeit der Gewitter sind Blitzeinschläge verhältnismäßig selten, wenigstens im Hochland; an der Küste wird von zahlreicheren berichtet, aber auch da beschränken sie sich auf leblose Objekte: Flaggenmaste, Bäume und der- [147] gleichen, am häufigsten sollen Kokospalmen von ihnen getroffen werden. Von vom Blitz erschlagenen Menschen berichtet keine Quelle.
      Am nächsten Tage wiederholt sich das gleiche Schauspiel. So naht die zweite Hälfte des November. Die elektrischen Entladungen werden schwächer, und schwächer wird auch der Regen: die Trockenzeit kündigt sich an. Von Nordost kommen bereits die »schwarzen Schneeflocken«, d. h. die niederfallenden, schwarzgebrannten Grasüberreste, die der Wind Hunderte von Kilometern aus dem tiefen Innern herantreibend hier niederstieben läßt. Mitte November nimmt mit einem letzten grollenden Donner die Regenzeit ihren Abschluß. Nun beginnen die schönen Tage der Trockenzeit. Die charakteristischen Merkmale ihrer ersten Hälfte sind fast gänzlicher Mangel an Gewittererscheinungen und an Regen. Kühl, ja kalt sind die Morgen, 8° und 7° sind nicht selten - noch lagert Tau, aber nicht mehr so stark, auf Blatt und Gras, und prächtig erhebt sich in wolkenloser Bläue der junge Tag. Rasch steigert sich die Temperatur bis aufs drei-, ja vierfache der Morgenablesungen, aber kräftig bläst ein tüchtiger Wind aus Ost oder Südwest übers Land, und kein Tag kommt einem wirklich heißen, schwülen Julisommertag in der Heimat nur annähernd gleich. Abends kühlt es sich rasch wieder ab; meist herrscht vollkommene Windstille. Die Tage ausgenommen, an denen der austrocknende Hamattan aus Nordwest anweht, läßt sich der Beginn der echten, rechten Trockenzeit vollkommen zutreffend mit einer langen Reihe schöner Herbsttage im bayrischen Vorbergland vergleichen.
      Die Schattenseite jeder Reihe von schönen Tagen fehlt auch hier nicht. Mit dem Aufhören der tropischen Unwetter hört auch jeder Regen auf, und eine äußerst lästige Folge der langandauernden Trockenheit ist der Staub, der den ganzen Körper, der Kleidungsstücke spottend, und alle Gegenstände täglich mit einer dichten Schicht überzieht. Die abgebrannten weiten Flächen lechzen nach Regen.
      Endlich sind die langen Wochen steten Sonnenscheins, steter Trockenheit vorbei; es ist Mitte Januar. Endlich rollt wieder der lange nicht mehr vernommene Donner, Wetterleuchten flammt da und dort, da und dort steigen dunkle Wolken auf, und um die Mitte des Januar herum rauscht der erste Gewitterregen mit ununterbrochenen elektrischen Entladungen herunter. Die Temperatur kühlt sich hierbei rasch so bedeutend ab, daß die Wasserniederschläge nicht selten als Hagelkörner herunterkommen.
      Eine Tornadoperiode in der Trockenzeit hat ihren Anfang genommen; bis Mitte März kracht es und gießt es in gleicher Weise fast jeden Tag. Dann folgt wieder eine Pause, aber nicht von sehr langer Dauer. Von Ende März bis Anfang Mai kommen in bald längeren, bald kürzeren Zwischenräumen die Tornados an. Im übrigen herrscht bis Mitte Mai Trockenzeitgepräge. Von da ab werden die Gewitter seltener und schwächer, die Stürme legen sich, der Himmel hüllt sich immer mehr und länger in graues Gewölk, die Nebel breiten sich immer häufiger über das Land, die Temperaturen verlieren die der Trockenzeit eigenen [148] bedeutenden Tagesschwankungen und verflachen sich. Morgens ist es nicht mehr so sehr kühl, mittags nicht mehr so sehr warm, den ganzen Tag über windig, der Feuchtigkeitsgehalt der Luft nimmt wieder zu, der afrikanische Sommer ist zum Herbst geworden, und nicht lange dauert es, so befinden wir uns in der richtigen Regenzeit.
      Dichter Nebel hüllt des Morgens die Landschaft ein, und feiner Sprühregen rieselt durchkältend und durchfröstelnd nieder, vergebens wartet man auf einen erwärmenden, erhellenden Sonnenstrahl; wohl jagt der sich allmählich erhebende Südwestwind die schweren Nebelmassen fort, doch nur, um nun schwere Regenwolken heranzuführen, die, tief herniederhängend, ihre Wasser in gleichem melancholischen Plätschern auf die regenschweren Grasflächen senden. Die kleinsten Bäche werden zu reißenden Strömen, und gegen Abend ballt der nimmer rastende naßkalte Südwestwind neue Nebelmassen undurchdringlich aufs neue und leitet so unter stetem Regen den grauen Tag in die Nacht hinüber, die den regensendenden Tag in gleicher Weise ablöst.
      Für die Monate Juni, Juli und August ist dieses Bild völlig zutreffend. Im September beginnen wieder die ersten schwachen Donner zu rollen, die Windstärken wechseln, und während in den eigentlichen Regenmonaten Wind, Wolkenzug und Regenrichtung Tag für Tag in eintöniger Übereinstimmung waren, lassen sich endlich wieder wohltuende Verschiedenheiten feststellen. Dadurch gelingt es auch hier und da einem Stückchen blauen Himmel hervorzulugen. Freudig begrüßt man die immer häufiger werdenden elektrischen Erscheinungen, endlich scheinen auch die Wasserquellen ab und zu wenigstens zu versiegen, und die Tornadoperiode des Oktober naht: der Kreislauf des Jahres im Hochland nordwärts des meteorologischen Äquators ist geschlossen."

In dem Gebiet zwischen Nordadamaua und dem Tschadsee, dem entferntesten Zipfel Kameruns, nimmt die Wärme zu (Tagestemperaturen bis 42°), die Niederschlagsmenge ab, und die Thermometerschwankungen verringern sich. Trotzdem ist infolge der verdunstenden Tschadseegewässer der Feuchtigkeitsgehalt der Luft ein sehr hoher, so daß die klimatischen Verhältnisse nicht gut sind. Nachtigal berichtet, daß sich nicht einmal die eingeborenen Bornuneger einer guten Gesundheit erfreuen; für den Europäer dürfte der längere Aufenthalt dort nicht ganz empfehlenswert sein.

So durchläuft allerdings das Klima Kameruns die größten Gegensätze: Niederungen von feuchter, malariabrütender Hitze; Hochlande mit gesunder, reiner, manchmal nördlich kühler Luft; monatelange Trockenheiten auf der einen, tägliche Regengüsse auf der anderen Seite; Tornados mit Hagel und qualmende Nebel; ein verdunstendes Meer in "feuchtheißer Flachbeckensenke" - ein Land der geographischen Verschiedenheiten, die von keiner anderen Tropengegend übertroffen werden.


[149]
Die Tier- und Pflanzenwelt

Die starken Verschiedenheiten, die für die Bodengestaltung und das Klima Kameruns bezeichnend sind, bestimmen auch die Verteilung der Tier- und Pflanzenwelt - oblgeich die frei lebenden Tiere hin und wieder die Grenzen ihres eigentlichen Gebietes übertreten mögen.

Eine Dreiteilung der Pflanzenwelt ergibt sich sogleich aus der Landesbeschaffenheit selber: die Vegetation der Sumpf- und Brackwassergegend, des Urwaldes und des Hochlandes. Auch die Tierwelt fügt sich in dieses Schema ein. Der Kamerunberg bildet auch hier wieder ein Gebiet für sich, das von allen Zonen einen Teil besitzt.

In den Mitteilungen aus den deutschen Schutzgebieten wird eine Bootfahrt auf dem Mungo beschrieben, während der das mannigfach-bunte Leben der Brackwasserfauna und -flora an uns vorüberzieht:

      "Von der Joßplatte geht die Fahrt hinüber über das Kamerun-Ästuar zur Einmündung des Mungo-Kriek. Massen von Seeschwalben huschen über die schmutziggelben Wasser, und ein Geieradler zieht am Strande entlang, nach einer vom Meer ausgeworfenen Beute spähend. Unter der Gunst der Strömung biegen wir in den Krieg ein, und mühsam sucht sich das Boot in dem Gewirr von Wasserarmen seinen Lauf. Die fast feierliche über der Landschaft liegende Ruhe, die nur selten durch das Kreischen eines Papageis unterbrochen wird, übt einen eigentümlichen Eindruck aus. Bald jedoch nimmt die eigenartige Ufervegetation dieser Brackwasserzone unsere Aufmerksamkeit in Anspruch. In erster Linie fällt die Mangrove auf durch die besonders zur Ebbezeit sichtbaren bizarren Formen ihres stelzenartigen Wurzelwerks sowohl wie durch die oft seilartig ausgespannten oder frei herabhängenden Luftwurzeln und das einförmige, matte, an Weiden erinnernde Grün ihrer blanken, lederartig festen Blätter: sie bildet zum größten Teil die Pflanzendecke der Ufer. Im Wurzelwerk kriechen und klettern zahllose kleine eigentümliche Fische mittels ihrer zu einer Art von Armen umgebildeten Brustflossen, kleine Krabben verschwinden bei Annäherung schnell in ihren Löchern, schwarz und weiß gefärbte Eisvögel streifen hin und her, Reiher, Sumpf- und Schattenvögel holen sich von den Fischen und Krabben, und der graugrüne Bülbül huscht durch die Büsche der Mangroven.
      Die Fahrt geht weiter in dem enger und enger werdenden Kriek, in dem eine fast unerträgliche Hitze herrscht. Jetzt zeigen sich große Büsche eines der Brachwasserzone eigentümlichen gewaltigen Farnkrautes, ferner dichte Horste der herrlichen Weinpalme und stattliche, reich mit Früchten beladene Pandanus, mit deren stachligen Blättern man bei der Enge und den vielen Windungen des Kriek, der stellenweise eine Breite von nur 1 - 2 m hat, in recht unangenehme Berührung kommt.
      Festeres Schwemmland beginnt. Die Rhizophoren (Mangroven) treten mehr und mehr zurück, häufiger wird die Raphia, Scitamineen zeigen sich, und [150] endlich mündet der Kriek in den eigentlichen Mungofluß ein. Die Brackwasserregion ist durchfahren. Wohl machen sich Ebbe und Flut auch hier noch durch Sinken und Steigen bemerkbar, doch schon ist ständiger Abstrom vorhanden und infolgedessen süßes Wasser. Rasch wird die Vegetation jetzt mannigfaltiger, der Mangrovenwald wird zum Buschwald. Hier und dort erhebt sich riesenhafter Eriodendron, dessen gigantische Formen gerade in dieser Umgebung besonders auffallen. Außerordentlich dicht ist das Unterholz, das, mit europäischem Maßstab gemessen, immerhin die Höhen eines mittleren Buchen- oder Nadelholzwaldes erreicht. Auf ihm haust eine hellbraune Ameisenart; die Tiere lassen sich bei unvorsichtiger Annäherung des Kanus massenhaft in das Boot fallen und peinigen durch widerlichen Geruch und noch mehr durch ihren schmerzhaften Biß, der schon manchen Mungofahrer Hals über Kopf ins Wasser springen ließ, sich so von den Quälgeistern auf die rascheste Art zu befreien. Endlich auch findet das durch das stete Graugrün ermüdete Auge lebhafte Farben. In strahlendem Weiß schimmern Blüten, Schlingpflanzen leuchten rot und gelb, faustgroße, scharlachrote Schmetterlingsblüten winden sich um abgestorbene Stämme, tiefviolette Trauben eines anderen Gewächses ranken sich hinauf bis zu den Spitzen der hohen Urwaldriesen, während wieder andere ihre langen, gurkenähnlichen Früchte bis tief zum Wasserspiegel herabhängen lassen. Blüten und Früchte, frisches, junges und welkes Laub am gleichen Stamm: das ist es, was in den Tropen jeden Unterschied der Jahreszeit in unserem Sinne aufhebt. Nie findet man ganz entblätterten Wald, nie solchen in frischem, jungem Grün prangen.
      In der undurchdringlichen Uferwildnis schreien Affenherden, und in Scharen, laut lärmend, ziehen oben Graupapageien. Ab und zu hört man einen mächtig rauschenden, langsamen Flügelschlag: man schaut auf, und über einen weg fliegt ein Nashornvogel mit mißtönendem Geschrei. Da und dort ist in die dichte grüne Ufermauer ein Loch gerissen, das Unterholz geknickt und eine tiefe Furche in die Lehmsteinwand eingegraben. Da ist ein Elefant durchgebrochen, der seinen mächtigen Körper in den Fluten erfrischt hat.
      Das Vegetationsbild zu beiden Seiten des Flusses hat sich unterdessen nicht unwesentlich geändert: der Buschwald ist zum Mischwald, dem Mittelglied zwischen Busch und Hochwald, geworden. Graziöse Ölpalmen und hochstämmige Melonenbäume mengen sich in die bisherige Pflanzenwelt; und zahlreicher recken sich die Riesen des unberührten afrikanischen Hochwaldes in die Lüfte: wir sind in den Kameruner Urwald eingetreten."

Es wird vielleicht nie ganz gelingen, den Urwaldzauber mit all seinen Farben, Dunkelheiten, Überraschungen, Unheimlichkeiten, Freuden und Leiden dem mit Worten ganz deutlich vor Augen zu führen, der ihn nicht kennt. Leider vermag es auch das Lichtbild nicht - denn auf ihm verschwindet die Einzelheit, die aus tausendfältigem Wirrwarr hervorleuchtend die Wildnis ungeheuer lebendig macht. Außerdem aber verschieben sich die Größenverhältnisse, die Gliederungen verschwinden - kurz, wo das Auge in der Nähe über den größten Reichtum [151] an Formen, Färbungen und Nüancen schweift, bleibt auf der Platte eine einförmige und wenig imposante Undurchdringlichkeit zurück. Immerhin ist im Urwald sozusagen etwas los; man schlägt z. B. im Vorübergehen zufällig an einen Baum mit schwarz-weißer Rinde, die sich plötzlich auflöst und wegfliegt: es waren lauter Schmetterlinge, die auf dem Stamm saßen und Mimikry machten. Oder wunderbare Blüten hängen von Schlingpflanzen herunter, aber wenn man sie pflücken will, greift man in lauter unsichtbare Dornen und läßt sie lieber in Ruhe - was auch auf jeden Fall vernünftiger ist. Kleine Vögel stehen in einem Sonnenstrahl über einer Blume und bewegen die Flügel so schnell, daß man nur den winzigen Leib im Licht schimmern sieht - einen lebendigen Edelstein. Nur eine Tiergattung sieht man im Urwald nie: die "wilden" Leoparden, Elefanten, Löwen, Panther - sie sind im undurchdringlichen Dickicht verborgen und denken gar nicht daran, den Menschen anzugreifen, wenn sie nicht angeschossen, in die Enge getrieben oder plötzlich erschreckt sind. In der Nacht hört man sie heulen - aber das ist alles. Reisende können wochenlang den Urwald durchstreifen, ohne mehr als die Fährten der "reißenden Bestien" zu finden, wenn sie nicht das sich verbergende Wild auf dem Pirschgang aufstöbern. Gefahr droht dem Menschen von "wilden" Tieren jedenfalls nicht - auch von Schlangen kaum, wenn man nicht gerade auf eine größere giftige trifft - was sich aber vermeiden läßt. Kleinere sind für den Europäer mit seiner festen Fußbekleidung, die sie nicht durchbeißen können, ungefährlich.

Allerdings - es gibt eine Sorte von Tieren, die jeder Urwaldkenner fürchtet, weil sie in der Tat gefährlich ist: das Ungeziefer, nämlich Sandflöhe, Ameisen, Ratten, Fliegen und sonstiges greuliches und unappetitliches Zeug, das kriecht, klettert, fliegt, springt und hüpft.

      "Die Ratten fressen Stiefel und Sandalen an und machen nächtliche Kletterübungen am todmüden Schläfer; die Fliegen dringen in Augen, Mund und Nase, zerstechen den Körper und setzen sich, eitererzeugend, in Wunden. Die Ameisen überziehen im Nu den wehrlosen Wanderer, den ahnungslos Rastenden zu Tausenden und martern ihn mit ihren Bissen; die Sandflöhe bohren sich heimtückisch unter die Nägel der Zehen, erzeugen dort Geschwüre und machen den Menschen oft für Wochen vollkommen marschunfähig.
      Das sind die von Wissenden wahrhaft gefürchteten wilden Tiere der Wildnis!"

Die Flüsse im Küstenland sind reich an Krokodilen, Flußpferden und Fischen.

Die Vegetation des Urwaldes ist, ganz abweichend von unseren aus Nadel- oder Laubholz bestehenden, höchstens streckenweise eine Vereinigung beider zeigenden Wälder, von einer außerordentlichen Mannigfaltigkeit - an die hundert verschiedenen Arten finden sich oft auf wenigen hundert Quadratmetern zusammengedrängt. Eine der besten Urwaldschilderungen gibt uns Pechuël-Loesche;

      "In weiter, grün überwölbter Halle nimmt das Waldmeer den Eintretenden auf. Das Laubdach ist durch unzählige, oft wunderlich geformte Säulen an 20 m über dem Erd- [152] boden gespannt. Ungeheure Stämme, astlos, schnurgerade und walzenrund, verlieren sich nach oben in den Blättermassen. Zu ihren Füßen wuchern in üppigster Fülle Gesträuch und Gestrüpp. Lianenranken, sich kreuzend, verschlingend, die einen dünn und glatt, die andern von der Stärke eines Schenkels und mit scharfen Dornen bewehrt, kriechen in den seltsamsten Windungen auf dem Boden entlang und liegen zusammengerollt um die Stammenden der Urwaldriesen gehäuft; dann wieder umklammern sie in den mannigfaltigsten Umschlingungen Stamm und Geäst, schwingen sich in luftiger Höhe von Wipfel zu Wipfel, ranken sich erwürgend an den Stämmen hinan, oder hängen in wüstem Gewirr herab bis zum Boden, mit ihren erdrückten, erstickten Opfern niedergerissen. Über all diesem Chaos und den dichten Laubmassen entfalten - da und dort durch eine Lücke sichtbar - frei und hoch die mächtigen Stämme, die das Auge in den niedrigeren Wipfeln hat verschwinden sehen, in einer Höhe von 50 und 60 m breit ausgelegte Kronen: ein Wald über dem Walde."

Aber auch Hutter hat die auffallenden Merkmale des Kameruner Urwaldes klar erkannt und geschildert:

      "So bietet sich der Urwald zu Anfang. Bald aber wird man vertrauter mit ihm und in ihm, und bald unterscheidet man sehr wohl zwei ausgeprägte, verschiedene Formen: Hochwald und Buschwald. Da und dort trifft man auf zwei weitere Bedeckungsarten der Urwaldzone: auf Parklandschaft und Morast.
      Anknüpfend an die Schilderung des Gesamteindruckes, läßt sich der Unterschied zwischen Hochwald und Buschwald kurzgefaßt am besten in der Aufzählung der hier, bzw. dort fehlenden Glieder zeichnen. Der Hochwald ist der »Wald über dem Walde«. Gesträuch und Gestrüpp fehlen größtenteils; an ihre Stelle treten blattpflanzenartige dichte Bestände niederer Farne und Moose; der Boden ist meist sandig. Der Buschwald ist der »Wald unter dem Walde«. Dichtes Untergeholz, Lianen usw. füllen ihn im reichsten Wachstum.
      Tief atmet man auf, wenn nach tagelanger Wanderung durch dieses Waldmeer der Fuß wieder freie, lichte Gegenden betritt, das Auge endlich wieder Sonne und Himmel schaut und ein frischer Windhauch weht statt drückender Schwüle und Dunst des Urwaldes. Ab und zu wenigstens sind solche ersehnte Unterbrechungen die Parklandschaften. Aus Gras, Buschwald oder dem reinen Busch setzen sie sich zusammen in der Form, daß die waldigen Partien inselartig im hohen Gras liegen.
      Das tiefe Gras der Parklandschaft ist natürlich grundverschieden von dem weichen Rasenteppich unserer Wiesen. Gräser, 1 - 2 m hoch, bilden die Hauptmasse. Größere Flecken sind besetzt mit den starren Schiefhalmen des berüchtigten Elefantengrases, das 3 - 7 m hoch wird, und mit dem westafrikanischen Tropenunkraut, der Canna indica. Das frische satte Grün unserer heimatlichen Gräser fehlt diesem offenen Bestandteil der Parklandschaften. An Stelle der Blumen treten verstreute Einzelpflanzen, vom Strauch bis zum mächtigen Baum.
      Als gewaltigster Vertreter der letztgenannten sei der Affenbrotbaum, der Baobab, genannt, das Wahrzeichen der Parklandschaft. Er ist die Eiche der Tropen; mächtigen, knorrigen Stammes, wie der deutsche Baum, sendet er be- [153] reits in geringer Höhe gewaltige dichtbelaubte Äste in den mannigfaltigsten Verrenkungen waagerecht hinaus. Gleich dem Wollbaum ist auch er ein gern gesehener und viel benutzter Biwakbaum. Bietet jener zwischen seinen weitausholenden Tafelpfeilern natürliche Kammern, so hat der Baobab den nicht zu unterschätzenden Vorteil eines riesigen Naturregenschirmes. Schlangenartig sich auf dem Boden hinringelnde Wurzeln, aber fast von der Stärke eines Mannes, strahlen auf 30 und 40 Schritt nach allen Seiten aus. An fast meterlangen Stielen hängen die Früchte in Gestalt von riesigen, gelbgrünen Gurken hernieder.
      In der Parklandschaft findet man auch die nach heimatlichen Begriffen in einer richtigen Tropenlandschaft unbedingt notwendigen Palmen in größerer Zahl: die Ölpalme, die Wein- und die Kokospalme, in Gruppen für sich und miteinander vermischt. Auch der palmenähnliche Melonenbaum und Fächerpalmen finden sich gleichfalls, büschelförmig stehend. Das eigentliche Reich der Kokospalme ist die Nähe der See; weiter einwärts tritt sie immer vereinzelter auf."

Die letzte ortseigentümliche Abwechslung, die die Urwaldregion bietet, ist ebenso unerfreulich, als die Parklandschaft mit Vergnügen begrüßt wird.

      "Morastige Strecken, in den Niederungen des Nordteils und in den ausgedehnten Gebieten des Südkameruner Urwaldes, erschweren das Vorwärtskommen ganz außerordentlich durch ihren Pflanzenwuchs, ebensosehr fast wie durch den sumpfigen Boden selbst. Dschungelartig wachsen cannaähnliches Schilf und Elefantengras hoch und dicht in Mengen. Nässe- und sumpfliebende Stauden und Gestrüpp mengen sich darunter, und der Pflanzenwuchs, aus Gräsern, Schilf und niederem Busch bestehend, verfilzt sich förmlich. Dazu kommt, daß derartige Stellen mit Vorliebe von Elefanten als Suhlen benutzt werden - und welch metertiefes Gemisch von Schlamm und Sumpf und Morast, zertrampeltem Schilf und Gras und Busch diese ungefügen Dickhäuter dabei zu schaffen vermögen, kann nur der sich vorstellen, der unter Verwünschungen durch den zähen, stinkenden Schmutz und Schlammbrei sich durcharbeiten muß, in dem die Stiefel bei jedem Tritt fast steckenbleiben!"

Den Reichtum der Insektenwelt, der so unwillkommen ist, haben wir schon erwähnt; zu den Ameisen gesellen sich Termiten, die ihre Bauten freistehend errichten oder an Bäume ankleben, unzählige Zikaden bringen ein beinahe gellendes Zirpen hervor; Gespenstheuschrecken, die einem trockenen Blatt, einem dürren Zweige gleichen, tauchen auf, rote, glänzende Libellen schwirren über den Wasserläufen, und, schönstes von allem, wunderbar gefärbte Schmetterlinge aller Schattierungen und Zeichnungen von Schwarz bis zum schimmernden Weiß, riesenhafte Tiere, größer als die ausgespannte Männerhand, taumeln schweren Flügelschlages vorüber. Das ist für den Neuling einer der merkwürdigsten Anblicke: der majestätisch langsame Flug dieser großen Schmetterlinge, da wir das unruhige Flattern unserer kleinen Falter gewohnt sind. Moskitos, die zu den schlimmsten Quälgeistern der Menschen gehören, sind überall da, wo es feucht und warm ist; im Kamerun kommt noch die Tsetsefliege hinzu, die die gefährliche Eigenschaft [154] hat, die Schlafkrankeit zu übertragen. Bunte Eidechsen, die Agama, häufig 50 cm lang, schlüpfen über den Grund und beteiligen sich an der Vertilgung des Ungeziefers - ohne daß eine sichtbare Abnahme der teuflischen Flieger festzustellen wäre.

Charakteristisch für Westafrika sind die Vogelansiedelungen, deren Mitglieder sich ganz bestimmte Baumsorten aussuchen und oft vollkommen ruinieren. So zerzaust sind die Blätter, so kahl ist die Krone, daß sie "wie ein Besenreis" in die Luft ragt. So ist z. B. die Ölpalme häufig von den Nestern der kleinen Webervögel bedeckt, die die Tierchen sich zu Hunderten auf einem Baume sehr kunstvoll aus Reisern, Bastfastern und biegsamen Grashalmen bauen. Der Nashornvogel, ausgezeichnet durch seinen mächtigen Schnabel, kommt am häufigsten in Parklandschaften und im Hochwald vor - auch er ein Tagesvogel, während der rabengroße, aber blau-gelb-braun gefiederte Turako nur abends und morgens durch das Holz streift, ebenso wie die Graupapageien, die besonders vor Sonnenuntergang den Wald mit ihrem recht mißtönenden Geschrei erfüllen.

Wenn man die Papageien nennt, muß man auch der Affen Erwähnung tun, dieser vierfüßigen Komiker im Busch; Brehms Wort, daß der Papagei der gefiederte Affe ist, ist wohl berechtigt. Und wo man in Afrika Papageien findet, sind auch die Affen nicht weit.

Da sind in erster Linie die verschiedenen Arten von Meerkatzen zu nennen; Schimpansen sind häufig, und nicht selten ist jener gewaltige Zweihänder, dessen Urheimat ja in Guinea liegt, der von einem förmlichen Sagenkranz umwobene Gorilla. Am unteren Mbam und in verschiedenen anderen Gegenden, wie westlich der Yaundestation, ist er geradezu häufig. Das erwachsene Männchen, größer als der Mensch (bis 2,40 m Höhe) und weit breitschultriger (bis 1 m), mit langen, ungemein kräftigen, muskulösen Armen und gewaltigen Händen, mit kammartig gewölbtem Nacken, der breiten, tiefdurchfurchten Nase, dem mächtigen, vorspringenden Maul, aus dem ein furchtbares Gebiß mit scharfen Eckzähnen vorfletscht, der schwarzen Behaarung, die sich auf dem Genick zu einer sich sträubenden Mähne verlängert - bietet einen furchtbaren Anblick.

An kleineren Säugetieren kommen im Urwald Buschkatzen, Stachelschweine, Antilopen, eine kleine rote Büffelart vor; ferner gibt es natürlich Elefanten und Leoparden - alles Tiere, die auch auf der Hochlandsteppe zu Hause sind. Von den Schlangenarten mögen die größte und ganz harmlose, die Python, die bis zu 6 m lange "Riesenschlange", und die kleinste, wenigstens für den unbekleideten Eingeborenen gefährliche schwarze Natter erwähnt werden - sie soll den in ihre Nähe kommenden Menschen anspringen und mit ihrem Biß tödlich vergiften. Endlich existieren die üblichen Nachttiere, wie Fledermäuse, fliegende Hunde und dergleichen geisterhafte Unwesen, die sich nur durch klagendes Geschrei und sonderbar weiches Vorübergleiten im Dunkel bemerkbar machen.

Kameruns Arbeiter befördern die Ölfrüchte in
den Sortierraum.
[144]      Kameruns Arbeiter befördern die Ölfrüchte in den Sortierraum.
Auf den Plantagen werden, soweit als möglich,
moderne Arbeitsmethoden angewandt.
Eine Anzahl von Nutzpflanzen war für unsere Kolonie wichtig.

[155] Der Steilhang der Hochplateaus, die Vorberge und Täler sind mit Waldungen von Ölpalmen bedeckt:

      "Die Gewinnung des Öles geht in der Weise vor sich, daß die an den Fruchtständen abgepflückten Palmnüsse, wie sie sind, in Wasser erhitzt und dann in großen Trögen mit Stößeln oder den bloßen Füßen ausgestampft werden. Bei reichlichem Zugießen von Wasser schwimmt das aus dem Fruchtfleisch durch das Stampfen herausgepreßte Öl oben, wird abgeschöpft und zur Reinigung von anhaftenden Fasern durchgesiebt. Die Siebe der Eingeborenen bestehen aus feinmaschigem Gitterwerk von Pflanzenfasern."

Die Gummigewinnung in Kamerun erfordert sehr viel Arbeit.
[252]      Die Gummigewinnung in Kamerun
erfordert sehr viel Arbeit.
Das wertvollste Ausfuhrgut Kameruns war der Kautschuk (Gummi) - es gab Zeiten, in denen während der auf dem Weltmarkt herrschenden Hausse das Kilo Kautschuk, das heute in England weniger als einen Schilling kostet, mit neun, ja sogar mit achtundzwanzig Mark bezahlt wurde. Eine "wilde Jagd" auf Kautschuk begann; "die ganze arbeitsfähige Bevölkerung war in Bewegung geraten; die Dörfer waren leer. Was nicht in den Wäldern Gummi zapfte, war als Träger von und nach der Küste unterwegs", sagt Dr. Theodor Seitz, der von 1907 - 1910 Gouverneur von Kamerun war.

Der im Urwald wildwachsende Gummibaum wird eingekerbt und die herausträufelnde Flüssigkeit in Gefäßen aufgefangen. Die Eingeborenen, denen nach dieser Methode die Gewinnung aber nicht schnell genug ging, schlugen häufig die Bäume ab und erhielten den gewünschten Stoff nun allerdings reichlicher und rascher; aber die Bäume waren für immer vernichtet. Infolgedessen sah man sich trotz der unermeßlich großen Bestände nach einem Ersatzbaum um und fand diesen auch: die sogenannte Kixia elastica, deren Wurzel Kautschuk liefert.

Reiche Ernten liefert vor allem der Kakaostrauch, sowie die in ganz Adamaua wild wachsende Kolanuß und die überall als Farmpflanze gebaute Erdnuß: die Kerne der ersten, von bitterem Geschmack, haben belebenden Einfluß auf die erschlafften Nerven; die Erdnuß hat sich in den Nachkriegsjahren als sehr wohlschmeckende und billige Näscherei bei uns überall eingebürgert. Wie jeder, der sie gern ißt, weiß, enthält sie einen hohen Ölgehalt.

Außer einer Reihe von Nutzholzarten finden sich manchmal auch wildwachsend der Kaffeebaum, der Pfefferstrauch und andere Gewürzträger, Baumwollpflanzen, Reis, die Indigopflanze und die Tabakstaude; kurz, alles, was das Herz eines Kolonialwarenhändlers nur begehren kann, ist aus der verlorenen Kolonie herauszuholen, - dazu bietet Adamaua noch einen unendlichen Überfluß an Mais und Hirse... Wieviel Menschen könnten dort Beschäftigung erhalten, wieviel Konsumenten hier billig ihr Leben angenehmer gestalten, wenn - nun: wir wissen eben, daß es eines Tages anders werden muß!

Den Urwald des Küstengebietes und des höher gelegenen Landes haben wir durchwandert; nun stehen wir am Rande der Steppe, auf dem Hochplateau.

Zwei verschiedene Welten liegen vor den Augen des Forschers, wenn er, auf den Höhen von Bali haltmachend, den Blick nach Süden und Norden wendet. Rückwärts gegen Süden stürzen die Hänge ab in Täler und Schluchten, und [156] Berg reiht sich an Berg, mit Ölpalmen überdeckt, aus Tiefen von 500 und 1000 m rauschen Wasser herauf - vorwärts nach Norden, Osten und Westen: Hügelwelle auf Hügelwelle, dazwischen weite Täler, und wie grüne Wogen schwanken in ungemessenen Flächen die hohen Schilfgräser darüber hin.

Der erste Anblick dieser wogenden, grünen Meere ist überwältigender fast als der der Urwaldmassen des Waldgebiets. Da unten wirken die Ausmaße in der großen Höhe, hier oben die maßlosen Flächen... Blumenschmuck ist reinen Grassteppen fremd, nur verstreut wächst die mattrot oder gelbblühende Indigostaude. Gespenstisch ragt ab und zu das knorrige, krüppelhafte Geäst einer einzelnen Zwergakazie aus dem Halmenmeer empor. Die Rinde ist geborsten, Stamm und Äste sind angekohlt von den jährlich wiederkehrenden Grasbränden; doch unermüdlich sprossen bald wieder die Blätter, unermüdlich ersetzt der zählebige Baum, was das Feuer zerstört hat.

Doch entbehren auch die eigentlichen Grasgebiete durchaus nicht höherer Vegetation. In den Mulden und Tälern längs der zahlreichen quellfrischen Wasserläufe ziehen sich Waldstreifen hin: dichter Busch, Buschwald und hohes Schilf auf feuchtgrundigem, streckenweise sogar sumpfigem Boden. Diese Waldstreifen bleiben ewig grün und frisch. In ihnen erinnert uns die Natur, daß wir eben doch mitten in den Tropen uns befinden; als wollte sie uns für die sonst so einfachen Pflanzenformen entschädigen, häuft sie in diese in die Talsohlen eingesprengte Buschvegetation eine solche Überfülle der Lebenskraft, daß es jeder Gesetzmäßigkeit zu spotten scheint. Hier treffen wir die meisten Bekannten aus dem Buschwald der Waldlandstufe wieder.

In diesen Mulden und Tälern findet sich auch in langausgedehnten Hainen die Raphia, diese dem reinen Grasland so recht eigene Palme. Ihre Bestände treten nicht selten an Stelle der Buschwaldbäume; an anderen Wasserläufen sind Laubbäume und Weinpalmen gemischt.

Ein so häufiger Baum auch die Raphia ist, das Auge erfreut sich doch jedesmal wieder an dem Anblick dieser vollendet schön gebauten Palme. Geradezu riesenhafte Gebilde bekommt man zu sehen. Der Wurzelstock oder Stammstock hat einen Umfang von 3 m, 30 - 40 Wedel, jeder ist 15 - 20 m lang und am untern Ende der Blattrippe fast schenkeldick: solche Palmen sind durchaus keine Seltenheit.

Die Tierwelt des Hochlandes umfaßt außer den Arten, die wir schon im Waldland kennengelernt haben, auch einige Schlangenarten; die Rhinozerosschlange ist ziemlich gefürchtet. Schlimmer aber als alle anderen Tiere können die Wanderheuschrecken werden, gegen die der Mensch machtlos ist. Ein Bericht aus Baliburg sagt:

      "Gegen 2 Uhr nachmittags kamen vereinzelte Tiere aus Osten, gewissermaßen als Aufklärer voraus, und nun auf einmal, 10 Minuten nach 2 Uhr, quollen zwischen zwei Hügeln, in einer Breite von mehreren Kilometern, die dichtesten Wolken, so dicht und breit, daß ein Durchsehen unmöglich war und buchstäblich Dämmerung eintrat. Das Geräusch dieser [157] Tausende von Milliarden gleicht dem entfernten Rauschen eines mächtigen Wasserfalles. Im Augenblick war alles besetzt, Hütten, Wege, Geräte, Bäume, Boden; alles so dicht, daß auch nicht das geringste des bedeckten Gegenstandes mehr sichtbar war. Als der Schwarm nach Norden und Nordwesten weiterzog und die Sonne von rückwärts in die Massen hineinschien, glaubte man das dichteste Schneegestöber zu erblicken, hervorgerufen von dem Glitzern der von den Sonnenstrahlen weißen Flügeln der Tiere. Der Neger ißt sie roh oder in Palmöl gebraten mit Leidenschaft..."

Der Elefant ist im Hochland ebenso häufig wie im Wald; außerdem aber ist der Antilopenreichtum der Steppe bemerkenswert, die viele verschiedene Arten, von der kleinen Zwergantilope bis zur riesigen Kuhantilope, birgt. Auch Affen, Eichhörnchen, Baumratten, Schuppentiere, wilde Katzen und schließlich als "Räuber" der Leopard: die ganze Steppe scheint ein ausgedehnter zoologischer Garten zu sein. Noch weiter im Innern, auf der Hochfläche von Ngaundere, gesellen sich Hyänen, vereinzelt auch Löwen und ganz sporadisch auch Nashörner zu den anderen Arten. Den größten Reichtum zeigt aber die Vogelwelt an den vielen Hochlandflüssen - schwarze Störche und Reiher in ungeheuren Massen, Ibisse, Enten, Trappen, Wildgänse, Bekassinen, Rohrdommeln, Marabus: immer wieder der gigantische Überfluß, das Überschwengliche der Tropen!



Die Bevölkerung

Wir treffen Sudan- und Bantustämme auf Kameruner Boden: die Bantuneger im Küstenland, im Urwald und im Süden des Kameruner Hochlandes, die Sudanneger im nördlichen Hochland, in Adamaua und im Tschadseegebiet - wo auch die zu Nichtnegerrassen gehörigen fremden Einwanderer wohnen. Alle drei Gruppen befanden sich vor nicht allzu langer Zeit noch auf Wanderungen - wir erinnern uns, daß die Hereros in Südwestafrika zu den Bantus gehören - und sind erst in neuerer Zeit seßhaft geworden. Einzelne Stämme mögen auch jetzt noch nicht zur Ruhe gekommen sein.

Es würde den Rahmen dieser Darstellung überschreiten, wenn wir die Geschichte der Negerwanderungen, die nach Kamerun führten, im einzelnen verfolgen wollten. Es sei nur so viel gesagt, daß der Sudan in den Verschiebungen der Völker Afrikas eine große Rolle spielte und mit seinen Reichtümern, seiner Fruchtbarkeit, seinen Wasserläufen die armen Wüstenvölker immer mit großer Kraft anzog. Der Islam drang im Mittelalter bis tief in das Innere vor; große Sudanreiche entstanden, wuchsen und vergingen - wie der Staat Bornu -, neue Völker erschienen, die "Fulbe" oder "Fulla", das heißt die "Gelben", genannt wurden: Sie kamen aus Marokko und erschienen im 11. Jahrhundert am Niger. Diese Gelben lebten nur als Geduldete unter den Negerstämmen und hielten ihre Rasse rein, während ein anderes Volk nordafrikanischen (hamitischen) Ursprungs dies nicht tat: die Haussa, die große Staaten, wie Sokoto, gründeten, sich stark mit den Negern vermischten und schließ- [158] lich zu dem heute sehr ausgebreiteten Stamm wurden, der wenigstens seinen Namen bewahrt hat. Die Fulbe erschienen auch in den Haussastaaten, aber wiederum hielten sie sich rein und fachten im Anfang des 19. Jahrhunderts einen Aufstand aus religiösen Gründen an, der die Haussastaaten beseitigte; nur das Bornureich konnte sich behaupten.

Der Mahdiaufstand in Ägypten kostete ihm schließlich die Existenz: der Sultan, Rabeh, dehnte seinen Eroberungszug bis an den Tschadsee aus, zertrümmerte den Bornustaat Scheich Auars und beherrschte sein riesiges, quer durch Afrika reichendes Gebiet von der Hauptstadt Dikoa aus, die mehr als 100 000 Einwohner hatte. Aber auch diese letzte, blutige und bei aller Orientromantik grausam-fanatische Herrschaft Afrikas mußte der überlegenen europäischen Kriegstechnik, deren Waffen auch wildester fanatischer Glaubenshaß nicht standzuhalten vermochte, weichen. Die Franzosen rüsteten eine Anzahl von Expeditionen gegen den ohne Frage imponierenden Despoten aus; am 22. April 1900 wurde Rabeh bei Küsseri geschlagen und fiel: ein Mann außergewöhnlichen Formates, der "Napoleon Zentralafrikas". Sein Reich wurde nun von den europäischen Kolonialmächten aufgeteilt.

Die Fulbe aber dehnten die nunmehr in ihren Besitz gekommenen Haussareiche weit aus - das heute Adamaua genannte Gebiet gehörte ihnen. Eine ganze Reihe von Fulbestaaten wurde errichtet - bis hinunter nach Ngaundere und Tibati, und Außenposten wurden vorgeschoben bis tief in den Süden an die Grenzen der großen Kongowälder. Die Haussa aber, die durch ihre Vermischung mit den Negern viel Verschlagenheit und List geerbt, wurden, was sie heute noch sind: die großen Handelsmänner des Sudans und Mittelafrikas. Überall haben sie ihre Wohnstätten, von der Küste Kameruns, von Senegal bis nach Kairo: ihre Karawanen durchziehen die Länder, und Reichtümer wurden erworben. Ihre Macht wuchs, wurde groß und besiegte schließlich die einstigen Unterdrücker, die Fulbe, zwar nicht politisch, aber wirtschaftlich: die Fulbe verarmten und den Haussas ging es gut.

In den Gebieten, die von den Fremden aus dem Norden Afrikas überrannt wurden, saßen Sudanneger; die Fulbe betrachteten sie als geeignete Objekte für die Sklavenjagd. So flüchteten die Neger zum Teil, andere wurden verkauft, vernichtet; aber es gelang auch manchem, sich in Adamauas Felsnestern zu halten, gegen die die gute, vermutlich beduinenmäßige Reiterei der Fulbe nichts ausrichten konnte. Im ganzen aber schoben sich die Sudanneger nach Süden, trafen auf andere ihres Stammes, neuer Kampf um Land und Wohnsitz entspann sich; aber schließlich kam das unruhige Wesen doch zum Stillstand, und zwar an einer Grenze, die mitten durch Kamerun hinläuft: der Hochlandrand im nördlichen Teil, das Sanagaufer im südlichen Teil bezeichnen sie. Hier begann und beginnt das Gebiet der Bantuneger. Geschichtliche Überlieferungen fehlen diesem reinen Negerstamm: die Geschichte der islamischen Reiche ist von der hohen alten arabischen Kultur der Eroberervölker aufgezeichnet worden.

[159] Es ist wahrscheinlich, daß die Küstenländer und die Waldzone von einer heute wohl so gut wie ausgestorbenen Urbevölkerung bewohnt waren; ihre letzten Reste haben sich in den tiefsten Urwald zurückgezogen - Zwerge, wie sie auch in anderen Wäldern Afrikas angetroffen und sogar gefilmt worden sind.

An der Völkergrenze zwischen Sudan- und Bantunegern aber setzten sich die blutigen Kämpfe fort, die erst allmählich aufhörten, als die Europäer ins Land gekommen waren. - Die Stationen, die eingerichtet wurden, "stehen wie Felsburgen inmitten der Völkerbrandung. So kurzen Bestand sie auch haben, so gewährleisten sie doch den gegenwärtigen Stand und Sitz der Stämme und vermindern die Fehden, die die Bruderstämme in unbegreiflicher Verblendung gegenseitig führen, so ihren Erbfeinden in die Hände arbeitend. Sie garantieren stabile Verhältnisse, wenigstens hinsichtlich größerer umwälzender Verschiebungen."

Eine Unzahl von Namen klingen auf, wenn wir die Stammliste der Neger von Adamaua bis Tibesti verfolgen - die Batta, die Musgu, die Baia im Norden, die Bakundu, die Duala, die Bakoko, die Maka im Süden - um nur ein paar von ihnen zu nennen. Ein anderer Bantustamm ist erst in verhältnismäßig junger Zeit in die Waldgebiete eingewandert - die Fang- oder Pangwe. Alle diese Negerstämme sind einander ziemlich ähnlich; die Verschiedenheiten der Sprache enthalten wohl die wichtigsten Unterscheidungsmerkmale. Natürlich sind auch die Anlagen und Neigungen der einzelnen Völker nach ihrer Art voneinander abweichend.

Von den Zwergvölkern sagt Curt v. Morgen (aber wir dürfen nicht vergessen, daß die Worte Zeiten der neunziger Jahre beschreiben):

      "An dem unbewohnten Urwaldgürtel dicht östlich von Kribi verkünden hin und wieder Pfiffe und einige für den Europäer unartikulierte Zurufe das Vorhandensein von Menschen, von denen schon Forscher im innersten Afrika berichtet haben, und die hier, ohne festen Wohnsitz, lediglich der Jagd obliegen. Zum Schutz gegen Regen und Kälte bauen sie sich auf ihren Lagerplätzen kleine Hütten, befinden sich jedoch am Tage mit ihren Familien stets auf der Wanderung, um dem Wild nachzustellen."

Dr. Plehn macht einige Angaben über das Äußere:

      "Stirn niedrig, unterer Gesichtsteil von der Nasenwurzel ab vorgeschoben, Nase kolossal breit, plattgedrückt, mit gewaltigen fleischigen Flügeln; Gesicht besonders um den Mund herum faltig; Lippen dünn, stark behaarter Oberkörper, Farbe heller als bei den übrigen Negern, kupferig und mit erdigem Ton."

Ganz anders beschaffen ist der Bantuneger, den Passarge folgendermaßen beschreibt:

      "Die Hautfarbe wechselt sehr. Hellbraune bis rotbraune Leute, ja ganze Stämme sind nicht selten. Ihrer Physiognomie nach sind sie durchweg echte Neger. Der Schädel ist rund und plump, das Haar wollig, die Stirn im allgemeinen mittelhoch und meist zurücktretend. Das Gesicht ist rund und breit, die Nasenwurzel gleichfalls rund und flach, die Nasenflügel stark aufgebläht, die Nasenspitze stumpf und oft aufgestülpt. Die Lippen sind dick, wulstig und geschwungen, alle Fleischteile meist massig entwickelt. Der Körper ist gewöhnlich plump und knochig und hat ein reichlich entwickeltes Fettpolster."

[160] Der Sudanneger bildet den Übergang von Mittel- zum Nordafrikaner. Einwandfreie körperliche Rassenunterschiede zwischen Sudan- und Bantunegern sind nicht vorhanden.

Ebenso stellt der Haussa infolge seines Mischblutes eine Übergangsform in seiner Erscheinung dar.

      "Im allgemeinen kann man sagen, daß sie zwischen dem Typus der Saharabewohner einerseits, dem des Bantu-, sowie des Sudannegers andererseits stehen und bald nach dieser, bald nach jener Seite hin die mannigfaltigsten Übergänge und Kombinationen in Körperform und Gesichtsbildung aufweisen: hier ein plumper, knochiger, zur Fettbildung geneigter Körper, dort eine schlanke, magere und doch kräftige Gestalt; hier ein langes Gesicht mit schmaler, sogar gebogener Nase, hoher Nasenwurzel und dünnen Lippen; oder sehr häufig eine Mischung der Typen, wie lange hagere Gesichter, aber plumpe flache Nasen nebst dicken Lippen, oder runde Gesichter mit geringer Entwicklung der Weichteile, lange, aber flache und aufgestülpte Nasen; kurz alle nur denkbaren Variationen der Formen sind zu beobachten, doch sind gerade die Extreme eine Ausnahme, Mischung der Charaktere die Regel. Alle aber haben die dunkle Hautfarbe und echtes Negerwollhaar, wenn vielleicht auch nicht ganz so dicht wie bei den Negern reiner Rasse" (Passarge).

Die Fulbe drangen als friedliche Hirten in die Haussastaaten ein, die sie in einem blutigen Aufstand durch ihre Reiter eroberten. Sie sitzen im Hinterland von Kamerun, in Adamaua, und sind Mohammedaner.

      "Bei den hellsten Fulben ist die Haut sehr hellgelb, wie helles Leder, aber stets mit einem Stich ins Rote. Was den Fulbe vom Neger unterscheidet, ist der schlanke, feinknochige, sehr magere und doch sehnige Körper. Oftmals haben wir über diese mageren, scheinbar verhungerten Windhundgestalten unsere Beobachtungen angestellt, die trotz der scheinbaren Schwächlichkeit bei spärlicher Nahrung große körperliche Anstrengungen, besonders unglaubliche Marschleistungen vollführen können, ganz wie die Wüstenstämme. Der Schädel ist meist mittellang, die Stirn hoch, das Gesicht lang und schmal, die Nase lang und gerade, Wurzel und Rücken schmal und hoch, die Flügel zart und klein, desgleichen die Lippen. Das Haar ist schwarz, wellig und zeigt keine Spur der Negerwolle. Bei den Frauen erreicht es einen halben Meter und mehr Länge. Die Frauen sind, solange jung, z. T. große Schönheiten; nur ihre Magerkeit wirkt häufig störend. So mancher und manche Fullah würde als Marmorbüste wohl eher für einen Hermes oder eine Diana, als für einen afrikanischen Typus gehalten werden."

Trotz der günstigen Lebensbedingungen der Tropen waren die Gesundheitsverhältnisse naturgemäß nicht die besten; alt wurden und werden die "Naturneger" nicht, durchschnittlich etwa 40 Jahre. Auf dem Hochland sind Lungenkrankheiten, im Waldland Lepra und Pocken nicht selten; außerdem setzt auch die Malaria den Eingeborenen zu.

[161-162=Fotos] [163] Aber - der Naturneger werden immer weniger. Die alten religiös-magischen Vorstellungen und Begriffe sind verschwunden, die neuen Gedanken noch nicht richtig aufgekommen - so daß die in vieler Hinsicht ihnen gefährliche Zivilisation im großen ganzen nur Unheil angerichtet hat. Das gemeinsame Ziel der Mission und der Kolonialbehörden, Erziehung zu freier, geordneter Arbeit, zu der kein deutsches Kapital nötig ist und die den Neger auf sich selbst stellt, verlangt Charakterschulung und Ertüchtigung von Hand und Verstand. Nur sie können die Zerstörung der Stammessitten auf die Dauer aufhalten.

So hat es eine immer stärker werdende Strömung in der Mission gegeben, die auf die Erhaltung der alten Kultur Wert gelegt hat; es ist ihr in den letzten Jahren auch gelungen, ihre Absichten an einigen Stellen durchzusetzen. Der Umschwung der Geistesrichtung, der uns aus der vollkommen kommerziellen Äußerlichkeit des 19. Jahrhunderts auf den Weg der seelischen Erfassung geführt hat, verbreitet sich von Deutschland aus über die Welt: es ist nicht unmöglich, daß der neue Geist auch einmal in den "dunklen" Erdteil übergreift - der immer dunkler wurde, je mehr das Licht der "Zivilisation" leuchtete - und aus Karikaturen, aus "Hosenniggern", wieder echte Neger macht; Errungenschaften auf gesundheitlichem Gebiet werden dadurch in keiner Weise beeinträchtigt.

Das Unheil selbst liegt in der Zersetzung, Auflösung und allmählichen Zerstörung der urtümlich afrikanischen Lebensgemeinschaften, in der Zertrümmerung der Sitten, der völkischen Einheiten, die Mutterboden und Halt ihrer Kultur, ihrer Sittlichkeit, ihrer Religion sind (Ludwig Weichert). Von der Hörigkeit wurden die Afrikaner befreit, um als Sklaven auf den Kriegstheatern elende Statistenrollen zu mimen. Dafür durften sie sterben. Ach, allzu teuer ist dieser Tod! Denn sie opfern dazu noch ihre Unschuld (Leo Frobenius).

Interessant ist das verschiedene Urteil der Forscher über die ethischen Qualitäten der reinen Naturneger. Eine gewisse Charakterlosigkeit, ein völliges Hingeben an den Augenblick werden ihm zum Vorwurf gemacht und mit dem Fehlen des kräftigenden Daseinskampfes entschuldigt. Schlauheit und Pfiffigkeit unterstützen seinen starken Handelssinn - er wird eine "ausgesprochene Schachernatur" mit allen unschönen Folgerungen genannt. Aber auch dafür findet der gerecht Denkende die Erklärung: der Neger ist jahrhundertelang von Eroberervölkern aller Art unterdrückt, verjagt, übervorteilt und - verkauft worden; seine einzige Waffe war die List. "Daß er", sagt Hutter mit sehr erkenntnisreichen Worten, "auch uns Europäern gegenüber von keiner besonderen Dankbarkeit erfüllt sein kann - nun: dafür haben wir durch den jahrhundertelangen Sklavenhandel und durch stete Übervorteilung bis zur Stunde gesorgt."

Der Fulbe steht natürlich auch charakterlich in scharfem Gegensatz zum Neger.

"Der Charakter der Fulbe ist ein abgeschwächter Berbercharakter. Sie sind als rinderhütende Nomaden eine ritterliche Nation. Arbeit, Handel und Industrie sind nicht ihr Fall, Jagd, Krieg und Viehzucht dagegen ihre Lieblings- [164] beschäftigung. Der Fulbe ist wesentlich ernster und ruhiger, weniger geschwätzig und leichtlebig als der Neger. Unzweifelhaft besitzt er mehr Selbstbeherrschung und Selbstüberwindung" - nicht nur mehr als der Neger, fügt Hutter, der die Stelle aus Passarge zitiert, hinzu, sondern auch mehr - als wir...

      "Energie, Stolz und Ehrgefühl fehlen ihm nicht. Er kann auch wirklich hassen - und mehr: überlegte Hinterlist ist ihm sicherlich zuzutrauen. Er ist der größere Charakter, aber auch im gegebenen Moment der größere Schurke, jedenfalls der gefährlichere Feind. Bezeichnend ist es, daß er allein religiös fanatisch ist, der Neger nie. Dafür ist er aber im Verkehr viel angenehmer, zurückhaltender, weniger bettelhaft, kurz, von vornehmerer Gesinnung. Geldgierig und habsüchtig ist er wohl in demselben Grad wie jener, aber er kann sich bezwingen und zeigt es weniger."

Die Sudanneger, an erster Stelle die mit ihnen ja durch Vermischung nahe verwandten Haussa, nehmen auch in ethischer Beziehung eine vermittelnde Stellung ein: sie besitzen eine Reihe von Eigenschaften, die den Wüstenvölkern eigentümlich sind und ihnen die Überlegenheit über die Bantu sichern.

Eine soziale Gliederung findet sich bei den mohammedanischen Völkern in sehr ausgeprägter Weise, wie ja schon aus den Gründungen der erwähnten großen Staaten hervorgeht: die Organisation dieser und auch der kleineren Sultanate war die der mittelalterlichen Feudalstaaten mit absoluter Herrschergewalt des Fürsten. Aber auch bei einigen Stämmen der Sudanneger in Adamaua sind manche ähnliche staatliche Einrichtungen in ihren Anfängen vorhanden - bei den Bamum z. B. gab es "Ortsvorsteher" und ein ganz genau vorgeschriebenes Hofzeremoniell. Das alles gibt es bei den Bantunegern nicht: die soziale Gliederung heißt hier nur Häuptling und Volk, Freie und Sklaven.

      "Kann ein Lamidoreich in Adamaua", sagt Hutter, "mit seinem Hof- und Beamtenapparat, bei dessen Betrachtung wir vollkommen vergessen, daß wir uns in Afrika bei den »Wilden« befinden, überhaupt nicht mit einem Bantustamm verglichen werden, so ist auch schon zwischen einem solchen und dem kleinsten Sudannegerstamm der Kontrast ein außerordentlich großer; dort der erbärmliche, von seinen Dorfuntertanen geprügelte Dorfschulze - hier die 1000köpfige Menge, die lautlos den Gesetzen lauscht, die der Herrscher nach beendeter Ratsversammlung seinen Untertanen verkünden läßt, hier die ehrfurchtsvoll dem Häuptling nahende Gesandtschaft, der ihr in würdevoller Haltung, in seine Tobe gehüllt, Audienz erteilt - dort der mit seinem alten Zylinder und einer knallroten Husarenjacke angetane »King,« der jeden Träger einer Expedition um ein paar Blätter Tabak anbettelt..."



Ehe und soziale Verhältnisse

Kameruner Familienidyll, das sich meist im Freien abspielt.
[161]      Kameruner Familienidyll, das sich meist im Freien abspielt.
Das interne soziale Leben baut sich, wie überall auf der Erde, auch bei den Negern auf der Familie auf - deren Bestand wiederum vom Verhältnis der beiden Geschlechter zueinander abhängig ist. Dieses Verhältnis aber wird weniger von der Zugehörigkeit zu dem einen oder anderen Volksstamm, sondern vom [165] religiösen Bekenntnis bestimmt - allerdings mit Einschränkungen und Unterschieden. Bei den Mohammedanern regelt der Koran mit seinen Vorschriften über Familienrecht, Vielweiberei, Stellung der Frau usw. das Eheleben, das Verhältnis der Eltern zu den Kindern und umgekehrt; indessen zeigt sich bei den Mohammedanern des Sudans (und den aus diesen Gebieten kommenden) eine viel größere Freiheit der Frau als in der arabischen Welt.

Bei den heidnischen Sudan- und Bantunegern spielt sich das Ehe- und Familienleben einfacher ab. Der Mann ist der Herrscher, die Frau hat für ihn zu arbeiten, gilt als das tiefer stehende Wesen, das im übrigen nur Kinder zu gebären hat.

      "Die heidnische Auffassung von der Frau ist eine niedrige; denn sie ist religiös bei den meisten Stämmen ohne Wert, auch bei den Konde. Sie kann kein Opfer bringen. Wie manche Araberstämme leugnen, daß die Frau eine Seele habe, so beurteilen auch viele afrikanische Völker die Frau schlechthin als minderwertig. In Ufipa am Tanganjikasee sagen die Männer halb im Scherz, halb im Ernst: Die Frauen haben keinen Verstand, sie sind fast wie die Ziegen.
      Das Verhältnis der Geschlechter zueinander bei den »Negern« wird von vielen Europäern für ein durchaus willkürliches und ungeregeltes und der Sinnlichkeit unterworfenes gehalten. »Neger« und »Ehe«, das scheint unvereinbar zu sein. Sie haben etwas von der Vielweiberei gehört, und mit dieser Vielweiberei der »Neger« verbinden sich die unglaublichsten Vorstellungen" (Weichert).

Da sei zunächst einmal erklärt, daß manche Afrikaforscher zu der Überzeugung gelangt sind, daß die Monogamie als die älteste Form der afrikanischen Ehe anzusehen ist, die - abgesehen von dem Fall der Kinderlosigkeit - erst durch Mehrung des Besitzes und der Macht in der Hand einzelner zur Vielweiberei geworden ist. Professor Carl Meinhof, einer der besten Kenner der afrikanischen Volkskunde, schreibt hierzu:

      "Wo die Kinderlosigkeit der ersten Frau den Mann veranlaßt, sich eine zweite Frau zu nehmen, wird das nicht eigentlich als Polygamie aufgefaßt. Der Zweck der Ehe ist nach der Vorstellung des Afrikaners die Erzeugung von Kindern. Die Ehe wird also nicht als vollständig angesehen, wo Kinder fehlen. Es kommt noch die religiöse Vorstellung hinzu, daß nur der Sohn die Gebete und Opfer für die Ahnen darbringen kann. Es kann vorkommen, daß die Frau selbst den Mann veranlaßt, dem Mangel abzuhelfen durch eine zweite Frau...
      Abgesehen von dieser Form der Vielehe, die in den Augen des Afrikaners keine ist, steht die Polygamie in engstem Zusammenhang mit dem Erwerbsleben, dem Hackbau und der Viehzucht. Sie ist eine Besitzfrage und um deswillen eine Begleiterscheinung einer gehobenen Kulturstufe. Die Vielweiberei hat also - da nur ein geringer Überschuß von Frauen vorhanden ist - zur Voraussetzung, daß einige bevorzugte Männer mehrere Frauen bekommen und andere Männer keine. Das ist aber nur möglich, wo das soziale und wirtschaftliche Übergewicht von einzelnen sich geltend gemacht hat. Die Vielweiberei ist also nicht eine ursprüngliche Einrichtung, sondern eine Sitte, die durch den Besitz und die Häuptlingsschaft hervorgebracht wird... Das Volk im ganzen kann sich schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht daran beteiligen. Das alles spricht gegen das Alter der Polygamie."

[166] Der Kampf gegen die Polygamie ist vom sittlichen, religiösen und volkswirtschaftlichen Standpunkt mit allen Mitteln zu führen. Durch die Polygamie - so schreibt D. Ludwig Weichert in seinem Buch Kehre wieder, Afrika - werden viele Männer einfach zur Ehelosigkeit verdammt. Nur der vermögende Konde kann sich eine dritte und vierte und fünfte Frau erwerben. Aber meistens sind nur die älteren Männer reich genug dazu. Regelmäßig "kaufen" sich dann die älteren Männer junge und ganz junge Mädchen. Dem jungen Mann bleiben nur ältere und alte Frauen, vielfach Witwen übrig, so daß der Mann auf den Stolz der Nachkommenschaft verzichten muß. Daß diese Verhältnisse zum Ehebruch führen, ist klar.

Ein anderer Kenner des afrikanischen Volkslebens, Heinrich Norden, hat seine Erlebnisse und Erfahrungen als Arzt, Lehrer und Missionar in seinem Buch Als Urwalddoktor in Kamerun niedergelegt und ergreifende Bilder der durch diese falschen Verhältnisse gegebenen Not der Frauen und Kinder, ja des gesamten Volkslebens, gegeben. Seinem Buche entnehmen wir einige von ihm zusammengestellte besonders eindringliche Beispiele über die ungleiche Verteilung beider Geschlechter durch die ungesunde und unsoziale Vielweiberei. Norden hat in ganz verschiedenen Gegenden unserer Kolonie Kamerun die reichsten Polygamisten und die Zahl ihrer Weiber feststellen lassen. Seine Übersicht zeigt:

    Ort 1  2  3  4  5 
    Bagom 100 70 15 12 10
    Bamum 500     170       80       75       75
    Bali 150 60 40 30 27
    Banzum 150 70 40 30 30
    Sakbayeme 80 70 65 50 30
    Duala 25 20 8 4
    Bakosi 40 20 15 10 10
    Edea 30 28 24 24 20

    1075 508 287 231 206

Also haben die acht reichsten Männer in diesen acht verschiedenen Gegenden zusammen 1075 Frauen. Die acht zweitreichsten Männer 508 und diese 40 Männer zusammen 2307 Weiber, und viele hundert arme, aber junge gesunde Männer sind ohne Frauen.

Und nach einer anderen genauen Statistik haben 2547 Männer 8374 Frauen, das sind durchschnittlich auf einen Mann drei Frauen.

      "Eine Folge dieser unerträglich ungesunden Zustände sind die Kinderverlobungen. Die jungen Männer sind gezwungen, um sich rechtzeitig eine junge Frau zu sichern, das Mädchen schon als Kind von den Eltern zu kaufen. Wieviel Unglück daraus entsteht, ist oben schon angedeutet worden. Der Ein- [167] druck davon wird noch verstärkt, wenn man sich darauf besinnt, daß bei der endlichen Eheschließung der dann vorhandene Altersunterschied wieder zu den eben geschilderten Mißständen führen muß."

Die deutsche Kolonialverwaltung hat in der Vielweiberei eine Ursache der geringen Bevölkerungsziffer in Kamerun erkannt. Gouverneur Dr. Seitz sagte 1909 in einem Vortrag: "Es steht fest, daß die Bevölkerung bei Vielweiberei abnehme. Das Übel müsse von innen heraus geheilt werden. Wenn es den christlichen Missionaren gelänge, die Neger zu der idealen Auffassung der Einehe zu erziehen und die moralische und soziale Stellung der Frau zu heben, so würden sie damit dem Land und Volk einen Dienst leisten, der nicht hoch genug geschätzt werden könne."

Heinrich Norden macht in seinem Buch aus seinen Beobachtungen im gegenwärtigen Kamerun verschiedene Vorschläge, die geeignet erscheinen, die Vielweiberei innerhalb 15 - 20 Jahren gänzlich auszurotten. Er fordert eine steigende Besteuerung der Polygamisten. Damit träfe man zuerst die allerreichsten "Frauenbesitzer", denn der Frauenbesitz ist ein Fluch des afrikanischen Kapitalismus. Weiter schlägt er vor, den Besitz von Weibern vielleicht ganz allgemein so zu besteuern, daß es unmöglich würde, eine vierte oder fünfte oder weitere Frau zu kaufen.

Die durch die Vielehe verursachte Kinderarmut findet ihren Ausdruck in folgenden Tabellen (nach Norden). Sie zeigen, daß die Vielehen nicht allein weniger Geburten aufzuzeigen haben, sondern daß auch die Kindersterblichkeit viel höher ist als bei den Einehen, besonders bei den christlichen.

Tabelle 1: Vielehen mit mehr als 30 Frauen in 3 Kameruner Gebieten.

Ergebnis: 2351 Frauen, 561 lebende Kinder, 866 tote Kinder. Also 0,23 lebende Kinder pro Weib, Kindersterblichkeit 60%.
Tabelle 2: Vielehen aus 11 Kameruner Bezirken mit mehr als 11 Frauen.
Ergebnis: 3014 Frauen, 2297 lebende Kinder, 2707 tote Kinder. Also 0,76 lebende Kinder pro Weib, Kindersterblichkeit 53%.
Tabelle 3: Vielehen aus 9 Kameruner Bezirken mit weniger als 11 Frauen.
Ergebnis: 2510 Frauen, 3201 lebende Kinder, 3349 tote Kinder. Also 1,27 lebende Kinder pro Weib, Kindersterblichkeit 51%.
Tabelle 4: Heidnische Einehen aus 8 Kameruner Bezirken.
Ergebnis: 310 Frauen, 518 lebende Kinder, 443 tote Kinder. Also 1,67 lebende Kinder pro Weib, Kindersterblichkeit 45%.
Tabelle 5: Christliche Einehen aus 7 Kameruner Bezirken.
Ergebnis: 361 Frauen, 794 lebende Kinder, 551 tote Kinder. Also 2,19 lebende Kinder pro Weib, Kindersterblichkeit nur 40%.

Die Mission ist sicher auf diesem Gebiet der bedeutendste Kolonisationsfaktor.

Über dies dunkle Kapitel im Leben der Eingeborenen kann hier nicht mehr gesagt werden. Es wird nach Weicherts Urteil jahrhundertelanger Erziehung bedürfen, bis der Afrikaner ein streng sittliches Leben führen wird. Aus seiner Willensschwäche und einer stark entwickelten Sinnlichkeit erklären sich auch die [168] Zuchtlosigkeit und Maßlosigkeit des geschlechtlichen Lebens, um so mehr, als es an einer sexuellen Jugenderziehung völlig fehlt.

Die geschlechtliche Freiheit wird nur dem Mann zugebilligt. Von der Frau wird in der Ehe vollkommene Treue verlangt. Ehebruch wurde bei den Kondenegern mit dem Tode bestraft. Es sind nicht viel Dinge - so urteilt D. L. Weichert - die mit der Herrschaft des weißen Mannes den Konde so verbittert hatten, als gerade dies, daß er bei Ehebruch auf sein natürliches Recht verzichten soll. Und er verzichtet auch nicht so ohne weiteres auf sein Recht. Es ist seltener geworden, aber es geschieht noch immer wieder, daß der Ehebrecher von dem Betrogenen getötet wird. Der beteiligten Frau wurden zum mindesten die Ohren abgeschnitten.

Das Erbrecht ist im monogamen Sinn geregelt - also nur die Kinder der Hauptfrau kommen als Erben in Frage. Die Verwandtschaft schließt sich zu einer Sippe zusammen; das älteste männliche Mitglied ist ihr anerkanntes Oberhaupt mit weitgehenden Rechtsbefugnissen - also auch hier wieder Anklänge an alte europäische Verhältnisse. Kindererziehung fehlt völlig - wenn die Kleinen, die lange, 2 - 3 Jahre, von der Mutter gestillt werden, einigermaßen imstande sind, zu arbeiten, werden sie auf Farmen, zum Lastenschleppen und anderen Diensten verwendet.

Dorfstraße in Djale, Kamerun.
[287]      Dorfstraße in Djale, Kamerun.
In den Behausungen und Siedlungen der Stämme prägt sich die Verschiedenheit der Rassen ebenfalls aus: Viereck und Rundung stellen die Gegensätze dar, das erste in Form eines rechteckigen Lehmhauses bei den Bantu, das zweite als Kegeldachhaus bei den Sudannegern - zwischen beiden finden sich Übergangsformen. Baumstämme und Lehm bilden das Material der Wände, deren vordere von einer Haustür durchbrochen ist. Die Firsthöhe beträgt 4 - 5 m, die Länge des Rechtecks 6 - 8 m, die Breite 3 - 4 m. Die Dächer werden aus demselben Gitterwerk hergestellt wie die Hauswände, die Türen sind hübsche, aus Palmblattrippen gefertigte dichte Schiebematten. Im Innern erheben sich ganz behagliche Lehmsitze, die Wände schmücken ornamentale Malereien in Schwarz, Weiß, Rot. Alle Einrichtungsgegenstände, besonders die Hausgeräte, sind sehr sorgfältig gearbeitet und zeigen künstlerische Gestaltungskraft.

Einiges über Negerkunst sei hier eingefügt. Leo Frobenius schreibt in seinem Werk Sterbendes Afrika:

      "Nie sah ich in Innerafrika eine eingeborene Stillosigkeit. Der Bauer trägt nie das Kleid des Städters, der Farmer imitiert nie die Wohnstätte des Handwerkers. Und wo von außen her ein neuer Gedanke in Tracht oder Bauweise eindringt, da findet er sogleich eine neue, dem neuen Raume entsprechende Form. Das geht soweit, daß, wenn mehrere Völker verschiedener Kulturzugehörigkeit durcheinander wohnen, ein jedes seine eigene Art beibehält und sich nicht etwa der anderen anpaßt. Im Gebiete des alten Kororofa haben die feldbauenden Jukum, die handwerktreibenden Haussa, die viehzüchtenden Fulbe und die der Fischerei nachgehenden Wurbo eigene Architektur, eigene Tracht, eigenen Schmuck. Wenige Kilometer landeinwärts wohnen die gartenbauenden Muntschi; sie haben mit den Vorerwähnten die gleichen Märkte; es wird ihnen aber nie einfallen, aus ihrem Lebensstil herauszutreten und die Tracht der anderen nachzuahmen.
[169]      Stets ist die Tracht ein Schmuck. - Und wie in der Tracht und in der Wohnung, so ergießt sich auf allen Gebieten das wirkende Leben bildend und schmückend über das zweckdienlich Geformte und arbeitsgemäß Verwendete. Eine liebenswürdige Launenhaftigkeit, die ganz der in der natürlichen Umwelt uns als solche erscheinenden entspricht, läßt steigende und fallende Freude oder Lust in besonderer Beachtung gewahren. Hier ist ein Völkchen, das wird plötzlich dazu angeregt, seinen Töpfen eine betonende Sorgfalt zu widmen. Da werden dann die alten Schnörkel aus Großvaters Zeiten, die lange vernachlässigt wurden, wieder lebendig. Sie werden aber nicht etwa stumpfsinnig kopiert und unverständig zusammengepackt. Solche Sünden kennt nur der zweckbewußte Europäer. Dort drüben geht das anders vor sich. Sowie sich ein solches Lüstchen an reicherem Schmuck einstellt, fließt aus dem von praktischer Handhabung geleiteten Werke die Formsprache ganz natürlich und ungezwungen heraus. Die neue Gestaltung wächst, genau wie eine Pflanze wächst. Über Nacht hat sich ein neues Blütchen am Stamm der Stilarten entfaltet. An dem erfreuen sich nun seine Betrachter und hätscheln und liebkosen es eine Zeitlang und tun sich darin wohl, bis das Interesse sich eines Tages von ihm abwendet und nun vielleicht einer neuen Art von Mattenflechtkunst oder von Löffelformen oder was es auch immer ist zusteuert. - Bei diesem Volke finde ich besonderen Schmuck in Gesichtsschnitten. Bei jenem dort eigenartige Haarpfeile. Bei jenem merkwürdige Plüschlendenstoffe. Bei jenem einen großen Reichtum an Trommelformen. Bei jenem allerfröhlichste Gestalten von Schemeln. Das steigert sich hier zu imposanten Holzschnitzereien, die ganze Häuser überziehen, und schrumpft dann wieder zusammen zu kleinen Schnörkelchen am Hüftband. Aber das Wesen ist immer das gleiche, ob im tropisch üppigen und hypertrophischen oder im senil, kraftlos abtastenden Sinne. Niemals hört die Pflanze Kultur auf, sich zu verwandeln. Immer ist Arbeit gleich Leben und Schmuck gleich Sein. - Wenn man von den Ausdrucksformen der Kultur sehr wohl sagen kann, daß man über schön und häßlich streiten kann - denn das ist eine Angelegenheit des nach Person und Zeit stets schwankenden Geschmacks - so wird doch niemand an ihnen eine Stillosigkeit nachweisen können. Das ist das Großartige und Bedeutende. Und der Grund hierfür liegt eben in der Tatsache, daß das alles aus freier Auswirkung des tätigen Lebens heraus erwächst und nicht verstandesgemäß betrieben wird. Darin liegt die natürliche Begrenzung."

Ebenso verschieden wie die Hausformen sind die Dorfformen der Bantu- und Sudanneger: das Straßendorf der ersten, das Haufendorf der zweiten; allerdings bringt es der Bantu kaum zu einer größeren Ansiedlung, da gewöhnlich nur eine der erwähnten Sippen zusammen lebt. Es mag der Vollständigkeit halber erwähnt sein, daß der Reinlichkeitssinn der Neger entschieden ausgeprägt ist, wie auch das Tier seinen Wohnbezirk aus natürlichem Selbsterhaltungstrieb heraus sauber zu halten pflegt. An verschiedenen Stellen beim Dorf führen Schneisen in den Wald, an deren Ende Gabelbänke, wie Dr. Mansfeld von den Croßfluß- (Bantu-) Negern berichtet, sogar richtige Sitzbänke mit tiefen Gruben darunter aufgestellt sind, eine Anlage, die allen alten Soldaten wohlbekannt sein dürfte.

In Adamaua, wie auch in anderen Gegenden, z. B. in Ngaundere haben die größeren Niederlassungen oft bedeutende Befestigungsanlagen, Palisaden, auch Lehmmauern mit Türmen und Gräben. Passarge schildert eine solche Befestigung in Ngaundere wie folgt:

      "Im Innern läuft der Mauer entlang ein breiter Weg und eine Stufe, auf die sich die Verteidiger stellen, um durch Scharten zu schießen. In dem von Mauern umschlossenen [170] Stadtraum steht Hof an Hof, getrennt durch Lehmmauern oder Mattenzäune oder schmale Gänge. Außer wenigen Hauptstraßen sind die Wege eng. Die Mauern sind fahl, grau oder bemalt, reiterhoch; Dracänen und die Dächer der Häuser unterbrechen angenehm die einförmigen Linien..."

Das war im Jahre 1894; heute ist der Platz zerfallen, eine Lehmruinenstadt mit wenigen Einwohnern...

Die Lebensweise der Neger richtet sich nach der Jahreszeit und dem Stand der Farmarbeiten: die trockene Hälfte gehört dem Ackerbau und wurde außerdem früher für die Stammesfehden benutzt; die Regenperiode wird zu Hause bei der Beschäftigung mit den verschiedenen Hausindustrien verbracht.

Die Speisekarte der Bantu- und Sudanneger ist bei der Fülle der Nahrungsmittel eine sehr reichhaltige, obgleich die Hauptplatten in Mais und Hirse bestehen.

Die Speisen werden meist in stark gepfefferter Palmölbrühe gekocht, Mais und Hirse in Knödelform geknetet, mit der Hand in die heiße Brühe getaucht und daraus verspeist. Das sehr begehrte Salz, zum Teil da und dort im Lande gewonnen, ist ein wichtiger Handelsartikel. Fleisch wird gebraten oder gekocht. Ziemlich gleichgültig ist der Zustand und der Frischgrad des Fleisches. Kleinwild, wie Vögel, Ratten, Mäuse, Schlangen, Eidechsen und Schnecken werden ebenfalls verzehrt; ganz besondere Delikatessen bilden Raupen, Puppen und Engerlinge, Termiten und Ameisen. Diese allerdings werden mit Palmöl, Pfeffer usw. lecker zubereitet und mit großem Appetit verspeist. Bei dem Sudanneger treten als weitere Delikatesse hinzu die Heuschrecke und die Kola- oder Guronuß.

Auch der Palmwein, von der Weinpalme, eigentlich Getränk, muß bei einigen Sudanstämmen schon mehr zu den Genußmitteln gezählt werden, so leidenschaftlich gern und in solchen Quantitäten wird er vertilgt. Er wird stets in frischem Zustande, also ungegoren getrunken und
Eingeborener in Kamerun führt sein Pinselohrschwein an der Leine.
[162]      Eingeborener in Kamerun führt sein Pinselohrschwein an der Leine.
meist gewärmt. Beinahe ebenso beliebt ist im Sudan eine Art Bier, aus Mais und Hirse unter Zusatz von Honig gewonnen und stets kalt genossen. Es ist eine "braune, trübe, angenehm säuerliche Flüssigkeit, durch wiederholtes Kochen der Körner, Abseihen und Gärenlassen zubereitet" (Hutter).

Geraucht wird überall heftig - von Frauen und Männern und Kindern.



Den heidnischen Negern sind Lesen und Schreiben unbekannte Dinge; der Herrscher der Bamum erfand eine eigene, den ägyptischen Hieroglyphen verwandte Bilderschrift - ein weiterer Beweis für die Bildsamkeit der "Wilden".

Wie in dieser Beziehung, so trennt auch das religiöse Moment Mohammedaner und Heiden: allerdings hält sich der mohammedanische Neger nicht wie die Fulbe und Araber an die Lehren des Korans, sondern schließt sich den Gebräuchen seiner heidnischen Volksgenossen an. Zum Islam bekennen sich eine ganze [171] Anzahl der im Norden des Kamerungebietes lebenden Stämme, wie die Kanuri, die Makari, die Musgu, sowie die in den Familien der Fulbe lebenden Sklaven und Hörigen aus den Sudannegerstämmen. Auch in der Bekleidung spricht sich der Unterschied der Religionen aus; die Heiden beiderlei Geschlechts behelfen sich mit der primitivsten Verhüllung - "man ist nur schwarz und damit gut", wie Wilhelm Busch sehr richtig sagt - und reiben sich den Körper mit Rotholz ein, während der Glaube an Allah und seinen Propheten Bekleidung des Leibes und Bedeckung des Hauptes verlangt. Die malerische und bunte Tracht der arabischen Völker ist jedem bekannt, der die Südküste des Mittelländischen Meeres berührt hat: ein "Tobe" oder Burnus aus rotem, blauem oder weißem Stoff, weite gestreifte Hosen, ein farbiger Turban und gelbe oder rote Schuhe oder Reitstiefel. Alle möglichen Putz- und Verschönerungsmittel, verschiedenartiger Schmuck, Ringe, Frisuren, groteske Verzerrungen der Lippen, wie bei den Musgufrauen, betonen das den Negern wie den anderen Menschen auch angeborene Schmuckbedürfnis - es ist leicht, über diese primitiven Äußerungen einer uns fremden Ästhetik zu lächeln, aber man darf nicht vergessen, daß das Schmuckbedürfnis bei allen Völkern und Rassen der Erde in mehr oder minder ausgeprägter Form vorhanden und durchaus nicht auf die primitivsten unter ihnen beschränkt ist.

Der Neger ist ein großer Freund von Festen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit gefeiert werden. Familien- und Kultfeierlichkeiten spielen eine große Rolle. Die zweitgenannten sind gewöhnlich mit der Natur verbunden, Saat- oder Erntefeste, oder sie richten sich nach dem Monde, der wie bei allen Naturvölkern seine magische Wirkung auch bei den Negern nicht verfehlt: "bei Mondfinsternissen herrscht große Aufregung, und gleich den Kelten und Germanen kommen sie dem Mond mit Lärm und Geschrei und Schießen zu Hilfe" (Hutter). Leider sind die schönen Waffenfeste der Sudanneger, de viel prächtiger waren als die "Dorftanzereien" der Bantu, in ihrer ursprünglichen Form europäischer Gleichmacherei im großen ganzen zum Opfer gefallen und werden wohl nur noch gegen Honorar für den Film vor der alles verzehrenden und verschlechternden Kamera aufgeführt. In feierlicher Form wurde und wird wohl noch die Blutsbrüderschaft, auch mit Weißen, abgeschlossen; sie vertritt vom sozialen und religiösen Standpunkt aus unsere Eidesleistung und verpflichtet zur Bundes- und Waffentreue bis zum Tode.

Der heidnische Glaube der Neger dreht sich naturgemäß, wie alle primitiven Gedanken, um "das Unbekannte", um den Tod; die Leichenfeierlichkeiten werden infolgedessen mit großem Zeremoniell begangen, das noch bei Lebzeiten des Hinübergehenden beginnt, wie wohl bei manchen Stämmen unserer ländlichen Bevölkerung auch. "In dem Augenblicke, in dem die Seele den Leib verläßt, verstärken sich Lärm, Geschrei und Klagen zu einem ohrenzerreißenden Getöse. Die Totenklagen werden auch noch fortgesetzt, wenn der Kranke verschieden ist." Merkwürdiger Aberglauben spielt eine große Rolle: man stirbt nur, wenn man verzaubert oder vergiftet wird - wir werden noch einige "praktische Anwendun- [172] gen" derartiger Überzeugung kennenlernen. Die Sudanneger sind in dieser Beziehung aufgeklärter; alle Stämme, Sudan und Bantu, besitzen übrigens gewisse ärztliche Kenntnisse und eine Anzahl ganz wirksamer Hausmittel gegen die häufig vorkommenden Fiebererkrankungen, Unterleibs- und Geschlechtsleiden. Auf die Leichenbestattung, die auf sehr verschiedene Weise, aber immer in der Erde erfolgt, wird viel Wert gelegt und oft große Pietät verwandt - die Furcht vor den Toten, die wir nicht nur bei den Naturvölkern, sondern auch in anderen Erdteilen antreffen, spielt hierbei eine wichtige Rolle. Häufig werden Speisen mit ins Grab gegeben - auch dies ist eine weitverbreitete Sitte, der auch die klassischen Ägypter ergeben waren; bei ihnen waren auch Menschenopfer beliebt - Sklaven und Sklavinnen wurden dem Toten zur Begleitung mit ins Felsengrab eingemauert: bei einigen westlich des Mbam lebenden Stämmen war dies ebenfalls Brauch.

Fast alle Bantustämme und eine ganze Reihe der Sudanvölker waren und sind wohl gelegentlich noch Menschenfresser - schon vor dem Weltkrieg war indessen die Sitte des "Kannibalismus" im Rückgang begriffen. Die Duala haben noch zur Zeit der Besitzergreifung Kameruns durch die Deutschen, 1884, ihm ganz ungescheut gehuldigt... Die Maka, ein Bantustamm, mästen geradezu Menschen für diese Mahlzeiten; der gleiche Stamm verkauft sogar zu diesem Zweck die Eltern, wenn sie alt und arbeitsunfähig geworden sind. Ngita, der Häuptling der Wuti, von dem auch Morgen berichtet, ließ, wie Dominik schreibt, bisweilen über den Mißerfolg eines Sklavenzuges ergrimmt, Hunderten von Haussahändlern die Köpfe abschlagen und seinen Leuten das Fleisch der Ermordeten zum Festmahl vorsetzen.

Aus dem Aberglauben-, Sagen-, Märchen- und Naturwirrwarr, der die religiösen Vorstellungen der heidnischen Neger bildet, können wir erkennen, daß ein höheres, übernatürliches Wesen für sie existiert, ein Geist, der bald der "Gute", bald der "Böse", bald der "Verstorbene" ist - der Glaube an ein Leben nach dem Tode war und ist wohl allen heidnischen Völkern gemeinsam, daher auch der eifrig betriebene Ahnenkult.

Dieses übernatürliche Etwas kann durch Zeremonien, Anbetung von Fetischen (die oben beschriebenen "Kunstwerke"), Opfer und der gleichen versöhnt oder bedankt werden.

      "Für den guten und den bösen Geist aber hat der Mensch als Modell gedient: Gott oder guter Geist ist der verbesserte, Teufel oder böser Geist der verschlechterte Mensch, d. h. der Mensch mit übermenschlich gedachten positiven bzw. negativen Kräften und Leidenschaften.
      Daß bei den Naturvölkern Kameruns überwiegend das böse Prinzip in der Vorstellung herrscht und der Kult, soweit von einem solchen die Rede sein kann, sich mit Abwendung seiner schädigenden Einwirkungen beschäftigt, ist psychologisch aus ihrem kindlichen Begriffsvermögen erklärlich, ja selbstverständlich. Seien wir ehrlich: unsere Bitten haben, streng genommen, alle den unausgesprochenen Nachsatz: und verschone uns vor dem Übel."


[173]
Die Erforschung und Erschließung

Als Deutschland im Jahre 1884 vom Kameruner Gebiet Besitz ergriff, gehörte dieses Land zu den unbekannten Gegenden Afrikas: außer einem schmalen Küstenstreifen war es so gut wie nicht erforscht, in das Innere war noch kein Europäer gekommen, und die Karte zeigte hauptsächlich weiße Stellen.

      "Der fatale »weiße Fleck« reichte an der Küste landeinwärts im Norden bis Benuë, genauer bis zu einer mit ihm gleichlaufenden Linie Donga - Kontsha - Ngaundere; im Osten lagerte er sich breit bis zum Wasserlauf des Ssanga, im Süden breitete er sich ein gut Stück über die kartographische Abgrenzungslinie aus. Nicht einmal die Westgrenze der Kolonie, der Küstenstreifen, war im Zusammenhang und genügender Zuverlässigkeit der Angaben bekannt" (Hutter).

Die Berliner Kolonialkonferenz von 1884 hatte die Schiffahrt auf dem Niger und dem Kongo mit allen Nebenflüssen für alle Nationen freigegeben; der Afrikaforscher Flegel, der schon auf zwei Reisen 1880 - 1882 nach Adamaua vorgedrungen war, die Quellen des Benuë und andere Flüsse entdeckt hatte, erkannte sogleich die Wichtigkeit dieser Bestimmung für die noch ganz unbestimmten Kamerungrenzen im Inneren; er trat außerdem mit Eifer für die Gewinnung Adamauas als Hinterland der jungen Kolonie ein. Der deutsche Kolonialverein nahm sich der Pläne des Forschers mit Eifer an - aber das Tempo war damals in Deutschland noch ein allzu behagliches, so daß einige Zeit verging, bis Flegel seine dritte Reise nach "Kamerun und Umgegend" antreten konnte. Er hatte die Aufgabe, "unter Begründung von Stationen den Niger und den Benuë aufwärts zu gehen, sowie Verträge in Adamaua abzuschließen, um dann südwärts bis zur Küste durchzudringen."

Aber das englische Tempo war dem deutschen überlegen gewesen: am 5. Juni 1885 traf in Berlin die Mitteilung ein, daß die Küstengebiete von Lagos, die Gebiete auf beiden Niger- und Benuëufern unter englische Schutzherrschaft gestellt seien. Erst am 5. Oktober legte Flegel eine Station am Benuë an, wurde dann aber am weiteren Vordringen von den Engländern gehindert, "die behaupteten, durch 200 Verträge das ganze Ufergebiet des Niger und Benuë bis Yola erworben zu haben".

Die Aufgaben, die Flegel gestellt worden waren, konnten nicht gelöst werden - die Expedition endete tragisch mit dem Tode des Forschers, der zu Akassa an der Nigermündung starb.

1886 begann mit den Reisen Dr. Eugen Zintgraffs († 1897 an der Malaria zu Teneriffa) die Erforschung Kameruns durch das Reich: Zintgraff war 1886 - 1892, Hutter von 1891 - 1893 im Norden des Gebietes tätig. Es sollte mit Anlage von Stationen gegen Norden vorgedrungen und das Hinterland für die Dauer erschlossen werden. Am 28. Mai 1889 war mit Zintgraffs Einzug in Donga die Aufgabe gelöst: er hatte als erster Europäer Adamaua vom [174] Golf von Guinea aus erreicht. Der Anschluß an Flegels Reisen war gewonnen und das deutsche Gebiet bis zu der Station Baliburg, d. i. etwa bis zum 6. Grad nördl. Breite, ausgedehnt.

Die Unternehmung hatte bald (1891) eine schwere Gefährdung zu überstehen: eine Expedition gegen zwei große feindliche Stämme, die Bafut und die Bandeng, wurde infolge Abfall und Verräterei einiger für treu gehaltener Dörfer zu einer verlustreichen Niederlage; 4 Europäer, 170 Mann der Expedition und mehrere hundert Bali - in deren Gebiet die letzte Station lag - fielen, so daß das Hochland zunächst geräumt werden mußte. Aber bereits nach vier Monaten befand sich Zintgraff wieder im Besitz der verlorenen Gebiete, und nun festigten sich das deutsche Ansehen und der deutsche Einfluß mit großer Schnelligkeit, so daß alles auf das beste zu gedeihen schien.

Aber die Wege der deutschen Kolonialverwaltung von damals waren unerforschlich...

Am 1. Januar 1893 kam der unerwartete Neujahrsbefehl, die "Nordexpedition sei aufgelöst und der Rückzug an die Küste anzutreten"... Man kann sich die Empfindung Zintgraffs und seiner Leute ohne große Mühe vorstellen!

Es war alles umsonst gewesen, alle Opfer, alle Kosten, aller seelische und körperliche Mut waren am grünen Tisch von Berlin zunichte geworden: im Sommer 1893 hatte die Nordexpedition aufgehört zu existieren, das ganze Land war wieder verloren und verschlossen. Der Eindruck, den das Verfahren der Regierung auf die Eingeborenen machen mußte, untergrub erneut das Ansehen Deutschlands.

"Die kolonialpolitische Strömung war in Totwasser geraten", sagt Hutter sehr treffend.

Im Süden der Kolonie war von 1888 - 1889 eine andere Regierungsexpedition unter Hauptmann Kund und Leutnant Tappenbeck tätig: sie drangen den Sanaga aufwärts bis zu den Nachtigalstromschnellen vor und legten die Station Yaunde an. Aber Tappenbeck starb; Kund war schwer verwundet und litt außerdem heftig unter den Unbilden des Klimas.

Als Nachfolger Tappenbecks wurde der Leutnant Curt Morgen ausersehen, der sich eigentlich für die Wissmanntruppe in Ostafrika gemeldet hatte und am orientalischen Seminar einen Kursus in Negersprachen absolvierte, als er vom Auswärtigen Amt die Kommandierung nach dem Kamerungebiet erhielt. 1889 übernahm er an Stelle Kunds selbst das Expeditionskommando und durchquerte bis zum Jahre 1891 die Kolonie von Süden nach Norden; teils folgte er den Wegen seiner Vorgänger, teils aber erforschte er noch ganz unbekannte Gebiete, entdeckte z. B. den Mbam, hatte schwere Kämpfe mit den Eingeborenen zu bestehen und erreichte endlich Ibi am Benuë. Die ungewöhnliche Tatkraft des jungen Offiziers unterwarf große Strecken des bis dahin nur dem Namen nach [175] deutschen Landes vollkommen, so daß Curt Morgen zu den bedeutendsten Pionieren Kameruns zu zählen ist; seine spätere Laufbahn zeigt seine Bedeutung auch im politisch-militärischen Sinn. Nach seiner Heimkehr wurde er bald Flügeladjutant Kaiser Wilhelms II. und Militärattaché in Konstantinopel: während jener Zeit einer der wichtigsten Auslandsposten. Er erkannte die Gefahr, die uns von Rußland drohte, klar und machte sich mit seiner politischen Betätigung bei manchen Leuten der kaiserlichen Umgebung höchst unbeliebt, so daß auch Wilhelm II., der ihm sehr zugetan war, ihn nicht zu halten vermochte. Er wurde abberufen, bekam das Münsterer Infanterieregiment und ging als General in den Weltkrieg. Er führte eine Armee in Frankreich und auf dem Balkan zu den berühmten glänzenden Siegen, die seinen Namen den bekanntesten der Kriegsführer hinzugefügt haben. Derselbe Schneid, der ihn mit rücksichtsloser Energie durch Kameruns Steppen und Wälder trieb, beseelte ihn auch im europäischen Kriege. Er ist im Jahre 1928 einer Grippe erlegen, nachdem er seine ganze Kraft der Organisation der vaterländischen Verbände gewidmet hatte. In seinem Werk Durch Kamerun von Süd nach Nord hat er seine Erlebnisse auf das anschaulichste geschildert.

Als Nachfolger Morgens im Kommando der in Kamerun verbliebenen Streitkräfte sind Hauptmann v. Gravenreuth, der aber schon 1891 am Kamerunberge im Kampf gegen die Bakwiri fiel, und Rittmeister v. Stetten zu nennen. Nun kümmerte sich das Reich wieder einmal geraume Zeit nicht mehr um die Kolonie - die Forschungsexpeditionen hatten ein Ende. Die vom Reichstag zur Verfügung gestellten Mittel waren so gering, daß der Verwaltung des Schutzgebietes in der Erschließung des Landes die Hände gebunden waren. Ein tragisches Ende fand infolge des Unverstandes der leitenden Heimatstellen der Stationschef der Balingastation, nahe am Zusammenfluß des Mbam und des Sanaga, Leutnant v. Volckamer; man ließ ihn monatelang ohne jede Unterstützung von der Küste aus: "Im Kampf der Balinga gegen die Barrongo hat er wohl einen martervollen Tod gefunden; Bestimmtes darüber hat man nie in Erfahrung gebracht." Welch ein grausiges Geheimnis liegt in der kurzen Mitteilung...

Energischer als die deutsche Regierung betrieben die Franzosen - es war allerdings nicht allzu schwer - die Ausdehnung ihrer Herrschaft im Hinterlande ihrer Kolonie des französischen Kongo, zu dem ihnen die Wasserstraße des mächtigen Flusses einen bequemen Zugang bot. Dieser Tätigkeit stand auf deutscher Seite nur der Unternehmungsgeist von Privatleuten gegenüber: Konsul Ernst Vohsen rief das Kamerunkomitee zusammen, das die Mittel zu einer Adamauaexpedition sicherstellte. Es gelang den Forschern v. Uechtritz und Dr. Passarge, einer französischen Expedition unter dem berühmten Reisenden Mizon zuvorzukommen und bindende Verträge mit den mächtigen Sultanen abzuschließen, so daß Land für Deutschland gerettet wurde, das sonst auch an die Franzosen gefallen wäre. 1893/94 wurden die Grenzen der Kolonie durch genaue Verträge mit Frankreich und England festgesetzt.

[176] Die nächsten Jahre bis 1910 brachten ebenfalls nur private Forscherarbeit; das Reich hüllte sich in Schweigen... Botaniker, wie Dr. Preuß, Geologen, wie Dr. Esch, trugen zur Erforschung des Landes bei, ebenso wie Leutnant v. Carnap, der in der Südostecke den Dschafluß entdeckte. Dann aber, im neuen Jahrhundert, wachte man in Deutschland ein wenig auf, vielleicht nicht ganz von selber; aber die Gefahr, die vom Mahdi und seinen glaubensfanatisierten Armeen drohte, konnte nicht übersehen werden. Eine Schutztruppe war geschaffen worden, die im Anschluß an die Kämpfe der Franzosen mit dem Mahdi und der Engländer mit dem Sultan von Yola eine ganze Reihe von kriegerischen Ereignissen in Mandara, Marua, Ngaundere und Buhendjidda unter Hauptmann Dominik zu bestehen hatte. Die Schutztruppe zog bis zum Tschadsee, um dort den Engländern und den Franzosen die deutsche Flagge zu zeigen. In Adamaua wurden Residenzen und Stationen angelegt, ebenso setzte man sich im Baliland von neuem fest. Die Befriedung der Kolonie kostete noch viel Blut, und militärischen wie wissenschaftlichen Führern ist gleichzeitig ein großer Teil der Erforschung des Landes zu danken. Die zahlreichen Unruhen der Eingeborenen wurden in den Jahren 1900 - 1904 von der Schutztruppe niedergeschlagen. Bis zum Ausbruch des Krieges war das ganze Gebiet der 1911 erweiterten Kolonie vollkommen erforscht und unterworfen. Zwei Bahnstrecken, die Nord- und die Mittellandbahn, wurden teilstreckenweise eröffnet und schufen ganz neue Möglichkeiten der Ausbeutung; auch die Flußschiffahrt hatte sich bedeutend entwickelt. Während der Monate Juli bis Oktober können Dampfer bis 800 Tonnen den Benuë hinauf bis Garua, dem Hauptplatz Adamauas, kommen, doppelt so lange bis zum englischen Yola in Nigeria; auch die mittleren und südlicheren Flüsse, der Mungo und Wuri, der Sanaga und Njong bieten die Möglichkeit für den Warentransport zu Wasser. Schon 1908/09 passierten fast 1400 große Handelskanus die Station Akonolinga und beförderten 26 515 Lasten.

Kamerun ist, wie Hutter es ausdrückt, "unsere am wenigsten fixierte Kolonie" gewesen. Das kann auch gar nicht anders sein. Bei der Erwerbung dieses Landes, das etwa so groß ist wie das Deutsche Reich von 1914, reichte das unbekannte Afrika gerade hier bis dicht an die Küste, dann kamen sieben Jahre Stillstand, und der dritte wohl am schwersten wiegende Grund: fast an keiner Stelle zeigte Afrika, die schwarze Schöne, ein so ernstes, finsteres Antlitz, drohend abschreckend! Fast an keiner Stelle Afrikas stellten sich dem Eindringling bereits auf der Schwelle Hemmnisse entgegen wie gerade in Kamerun.

Eine Arbeiterwohnung in einer Ölplantage in Kamerun.
[414]      Eine Arbeiterwohnung in einer Ölplantage
in Kamerun.

      "Man ist sich in Kamerun lange darüber im unklaren gewesen", sagt Paul Rohrbach, "welche Wege für die Entwicklung der Kolonie eingeschlagen werden sollten. Für den Anfang war es günstig, daß die guten Böden am Kamerunberg, dicht an der Küste, zur Anlegung von Pflanzungskulturen bequem lagen. Zunächst versprach Kakao das meiste. Wilde Ölpalmenbestände waren reichlich vorhanden. Den größten wirtschaftlichen Ertrag gab jahrelang der im Südkameruner Urwald gewonnene Wildkautschuk. Sollte aber aus der Kolonie [177] mehr werden als ein Sammelgebiet für dies Produkt, allenfalls noch mit Hinzunahme von Palmkernen und Palmöl und den Plantagenprodukten am Kamerunberg, so mußte man mit Bahnbauten ins Innere gehen."

Mit solchen Bahnbauten wurde infolge des mangelnden Verständnisses der Heimat viel zu spät begonnen. Nur eine schnelle Erschließung der Innengebiete versprach hohe kolonialwirtschaftliche Ausbeuten. Straßen für den Kraftwagenverkehr gab es nur wenige. Die waren aber zu leicht gebaut, um schwere Lastautos zu tragen. So blieben neben der Schiffahrt auf dem Njong, Mungo und Wuri die Trägertransporte, die jedoch der geregelten Feldarbeit im Wege standen und obendrein seit 1910 zur Verschleppung der Schlafkrankheit beitrugen, als einzige Beförderungsmöglichkeiten dem Handel zur Verfügung und ließen zuletzt immer geringere Überschüsse zu.

Es würde zu weit führen, hier darzulegen, wie im einzelnen die Erschließung und Entwicklung in den letzten beiden Jahrzehnten vor Ausbruch des Weltkrieges vor sich ging. - Viel Blut ist geflossen, denn die Zerrissenheit des Geländes und der Eigenwille einer tapferen Bevölkerung, die sich ohne militärische Machtmittel nicht zähmen ließ, erforderten zahlreiche Einzelkampfhandlungen. In zähem Ringen hat unsere tapfere Schutztruppe Schritt für Schritt das Land befriedet und anschließend getreulich mitgearbeitet, das Land auch wirtschaftlich zu erschließen. - Die Fortschritte in der Entwicklung Kameruns während des letzten Jahrzehnts vor dem Weltkrieg waren so vielversprechend, daß wir getrost in die Zukunft schauen konnten in gläubiger Zuversicht, dem Vaterlande ein wertvolles Stück afrikanischer Erde erschlossen zu haben.

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Das Buch der deutschen Kolonien
Herausgegeben unter Mitarbeit der früheren Gouverneure
von Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo und Deutsch-Neuguinea.
Vorwort von Dr. Heinrich Schnee.