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[Bd. 1 S. 9]
Einleitung: Wie Deutschland wurde.

Seit tausend Jahren haben von allen Völkern Europas die Deutschen das unglücklichste und leidvollste Schicksal gehabt. Ihre Geschichte ist ein Denkmal ungezählter Leiden und bitterer Qualen, und im Vergleich zu anderen Nationen ist der Raum nur bescheiden, den die Nachrichten über große und erhebende Taten füllen. Gewaltige Helden des Geistes, furchtlose Kämpfer für höchste Wahrheiten und edle Sittlichkeit vermochte Deutschland der Welt zu geben, und ihre Namen und Werke werden leuchten wie die Sterne am nächtlichen Himmel bis an den Untergang aller Kulturen. Was auf staatlichem Gebiete geleistet wurde, glich doch aber bis jetzt der mühevollen Arbeit eines Sisyphus: kaum ist unter unsäglichen Anstrengungen und Opfern an Kraft und Arbeit der schwere Felsblock auf den Gipfel des Berges gewälzt, da rollt er donnernd zu Tal, und alle Mühen beginnen von neuem.

Deutschlands
  geographische Lage  

Einer der wichtigsten Gründe für das politische Mißgeschick der Deutschen ist die unheilvolle, ungeschützte Lage mitten in Europa. Sie bringt Ablenkungen und Bedrohungen. Sie zerstört im wahrsten Sinne des Wortes die Kraft der Verinnerlichung und begünstigt das Auseinanderstreben der einzelnen Teile. War es etwa ein Segen für unser Volk, daß deutsche Herrscher des Mittelalters ihre und ihrer Untertanen kostbare Kraft in Italien vergeudeten? War es etwa ein Nutzen für das Reich, daß die Habsburger jahrhundertelang mit den Türken um Ungarn kämpften, während sich im Inneren die Macht mehr und mehr auflöste? Früh schon kamen Frankreich und England zur inneren Festigung, zu einer stetigen, zielbewußten, nationalen Entwicklung. Dreimal mußte Deutschland gewissermaßen von vorn anfangen, um das nachzuholen, was seine westlichen Nachbarn bereits seit Jahrhunderten vollbracht hatten: dem Willen, ein Volk zu sein, auch die nötige staatliche Macht zu geben!

  Das Reichsgebiet  

Man betrachte nur einmal, welchen Schwankungen das deutsche Staatsgebiet unterworfen war! Es gab Zeiten, da war [10] das Reich fast doppelt so groß wie heute! Derjenige, der den Versuch unternehmen würde, eine Geschichte der deutschen Reichsgrenzen zu schreiben, würde die ganze Tragik unseres Volkes enthüllen müssen, denn mit natürlicher Notwendigkeit zeigen sich die Leiden eines Volkes an seinen Grenzen grausamer und unbarmherziger als im sicheren, wohlgeschützten Herzen des Landes. Haben Frankreich und England die Hälfte ihres Staatsgebietes, das sie vor fünfhundert Jahren besaßen, verloren? Sie konnten es nicht verlieren, weil sie von Natur aus gut geschützt waren und, wie Frankreich, all ihre Kraft auf die einzige, ungeschützte Landesgrenze konzentrieren konnten. Wer wüßte nicht, wie und mit welch wechselndem Geschick Deutschland seit dem fünfzehnten Jahrhundert um den Rhein kämpfen mußte! Welch unsägliche Arbeit kostete es, die Baltische Tiefebene östlich der Elbe deutschem Geist, deutschem Blute, deutscher Kultur und deutscher Macht zugänglich zu machen! Achthundert Jahre webten Generationen um Generationen unverdrossen an dem mühevollen Teppich deutscher Kultur, der diesem Lande sein freundliches und schaffensfreudiges Gesicht gibt. Reißt ihn hinweg, und unversehens grinst euch slawische Barbarei, heute durch Zivilisation etwas übertüncht, wieder an!

Das Rumpfstück unseres Reichsgebietes, das seit dem Jahre 911, dem Geburtsjahr des Deutschen Reiches, als es sich von dem verwelschten Frankenreiche der Karolingernachkömmlinge losriß, bis zum heutigen Tage (mit der kurzen Unterbrechung von 1807 bis 1813) deutsch war, wird im Westen durch den Rhein, im Süden durch die Schweiz, im Osten durch die bayrische Grenze und die Elbe und im Norden durch die Eider begrenzt. Dieses Gebiet, das einen Umfang von etwa 320 000 Quadratkilometern hat, vergrößerte sich um fast 500 000 Quadratkilometer, von denen die Niederlande, die deutsche Schweiz und der westliche Teil Österreichs und das Elsaß, rund 65 000 Quadratkilometer, bereits im Jahre 911 dem Reichsgebiet angehörten und das etwa 60 000 Quadratkilometer große Herzogtum Lothringen vierzehn Jahre später hinzukamen. Damals wurden Schelde und Maas die Reichsgrenze gegen [11] Frankreich. Was ist von diesem lothringischen Gebiet heute noch reichsdeutsch? Lediglich das linksrheinische Preußen! Die Niederlande und die Schweiz splitterten im sechzehnten Jahrhundert, Belgien und Österreich im neunzehnten Jahrhundert ab. Interessant ist, daß die Ostgrenze des Reiches seit 1466, dem Verlust der preußisch-baltischen Landesteile an Polen, bis 1866, der Auflösung des Deutschen Bundes, das Odergebiet bildete, und erst seit 1867 wurde das Weichselgebiet und ostpreußische Land offiziell in die Reichsgrenzen einbezogen.

Dies ist, in großen Zügen, das Schicksal des deutschen Reichsgebietes gewesen:

911: zwischen Rhein und Elbe, Niederlande, deutsche Schweiz, westliches Österreich, Elsaß 385 000 qkm
925: Gewinn d. Herzogtums Lothringen 445 000    "  
1000–1100: Gewinn der Mark Österreich bis March und Leitha 550 000    "  
11. Jahrh.: Gewinn Böhmens 620 000    "  
um 1400: Mark Brandenburg bis zur Oder, Ost- und Westpreußen, Schlesien (1335) 770 000    "  
um 1430: Verlust großer Teile des ehemaligen Niederlothringen an Burgund 740 000    "  
1460: Verlust Holsteins an Dänemark 730 000    "  
1466: Verlust Preußens an Polen, des Oberelsaß, Teile des Breisgaues an Burgund 665 000    "  
1477: Gewinn der Erbschaft Karls des Kühnen von Burgund 740 000    "  
1499: Verlust d. Schweizer Eidgenossenschaft 715 000    "  
1581: Verlust der Niederlande 680 000    "  
1648: Verlust des Elsaß, Vorpommerns, Bremens, Verdens 640 000    "  
1719/20: Gewinn Bremens, Verdens, pommerscher Teile 655 000    "  
[12] 1738: Verlust Lothringens (an Frankreich 1766) 640 000    "  
1797: Verlust des gesamten linken Rheinufers an Frankreich 590 000    "  
1815: Gewinn des linken (preußischen) Rheinufers, ohne Belgien, des letzten Streifens Schwedisch-Vorpommerns, Einbeziehung Holsteins, – Deutscher Bund 630 000    "  
1866: Verlust durch Ausscheiden Österreichs und Luxemburgs 427 000    "  
1871: Einbeziehung der Provinzen Posen, West- und Ostpreußen, Schleswigs, Gewinn Elsaß-Lothringens 542 500    "  
1919: Verluste in Ost- und Westpreußen, Posen, Schlesien, Schleswig, Elsaß-Lothringen, Eupen und Malmedy 471 000    "  

Karte der Reichsgrenzen und des Reichsgebiets.
[Bd. 1 S. 12a]      Karte der Reichsgrenzen und des Reichsgebiets.      [Vergrößern]

Aber nicht nur der ein Jahrtausend ausfüllende Kampf um das Grenzdeutschtum zeigt die verschiedenartige, ja unglückliche Entwicklung Deutschlands im Gegensatz zu den westeuropäischen Staaten, sondern noch eine ganz andere, scharf ausgeprägte Erscheinung: das Fehlen eines natürlichen Mittelpunktes. Frankreich hatte seit dem zehnten Jahrhundert sein staatliches Zentrum in Paris, England in London. Von den Gebieten, die diese Städte umgaben, vollzog sich der Aufbau und Ausbau der Reiche. Wie der Baum seine Jahresringe ansetzt, so setzten diese Länder ihre Jahrhundertringe um das Mark ihrer traditionellen Hauptstädte an. Und wie war es in Deutschland? Noch keine zwei Menschenalter reicht die Tradition der Reichshauptstadt Berlin zurück.

  Die drei Schauplätze und Epochen  
der deutschen Geschichte

Deutschland hat seit dem zehnten Jahrhundert drei voneinander ganz verschiedene Schauplätze seiner Geschichte gehabt, und auf jedem spielte sich eine große Epoche ab. Jeder dieser drei Schauplätze war Jahrhunderte hindurch Zeuge deutscher Sisyphusarbeit, Zeuge deutschen Aufstiegs und deutschen Zusammenbruchs. Wie die außerordentlichen Schwankungen des [13] Reichsumfanges, war auch der Wechsel des Reichsschwerpunktes geographisch bedingt. Ein Blick auf die Karte zeigt, daß unser Reich in drei geographisch voneinander unterschiedene Teile zerfällt: im Westen das Rheinstromtal, im Süden das Donaustromgebiet und im Norden das Baltische Tiefland der parallelen Ströme.

Der älteste, ursprünglichste Schauplatz der deutschen Geschichte ist der rheinische, der, über Burgund nach Italien erweitert, etwa die Gestalt des ehemaligen karolingischen Lotharingien hatte. Die Könige des neuen deutschen Reiches knüpften an die Traditionen Karls des Großen in Aachen und Rom an, und so konnten sie ihr Land mit der ausschlaggebenden Macht des mitteleuropäischen Kaisertums ausstatten. Zwar stammten die ersten Herrscher aus dem östlichen Herzogtum Sachsen, aber sie gingen ganz in dem lotharingischen Schwerpunkt des Reiches auf und unter. Die fränkischen und schwäbischen (Hohenstaufen) Kaiser stammten zwar aus der rheinischen Machtsphäre, aber sie teilten das Schicksal der Sachsenkaiser und fanden in Italien ihren Untergang, mittelbar und unmittelbar. In dieser ersten rheinisch-italienischen Epoche der deutschen Geschichte, welche von 911 bis 1254 reichte, besaß das Reich keine feste Hauptstadt, aber die rheinischen Städte mit ihrer schon von Römerzeiten her datierenden Tradition bildeten den Mittelpunkt der Reichsgeschichte: Frankfurt, die Stadt der Königswahlen seit 1147, Aachen, die Stadt der Königskrönungen, in welcher bis 1531 insgesamt 32 deutsche Herrscher gekrönt wurden, 17 Reichsversammlungen und 11 Provinzialkonzilien stattfanden, Mainz, der Sitz des Erzbischofs, der zugleich Reichskanzler war. Vier von den sieben deutschen Kurfürsten regierten am Rheine: Mainz, Köln, Trier und Pfalz.

Der nächste Schauplatz der deutschen Geschichte war das Donaugebiet. Nach anderthalbjahrhundertelangen Kämpfen war es den Habsburgern gelungen, sich nicht nur in Österreich und Böhmen eine starke Hausmacht zu schaffen, nachdem sie die etwas ungeschickt fundierte lützelburgische Hausmacht zwischen Elbe und Oder (Böhmen, Mähren, Schlesien, Lausitzen und Brandenburg) größtenteils geerbt hatten, sondern [14] sich auch auf dem deutschen Throne zu befestigen. Jedoch der neue, von Norden her kühn aufstrebende Protestantismus zerstörte den letzten Rest ihrer politischen Reichsgewalt, so daß der Abschluß des Dreißigjährigen Krieges einen vollkommenen Bankrott der Habsburger und ihrer königlichen Macht im Reiche brachte. Das Deutsche Reich scheiterte abermals, wie vierhundert Jahre früher an den Hohenstaufen, so jetzt an den Habsburgern. Es war in jener Zeit, daß man dem Reiche eine feste Hauptstadt gab, unter den Lützelburgern war es Prag, seit der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts wurde es Wien, das sich bis 1806 in dieser Stellung behauptete.

Im nördlichen Tiefland der parallelen Ströme entwickelte sich seit der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts die protestantisch-preußische Macht der Hohenzollern. Sie war berufen, das dritte Reich zu begründen. Allerdings dauerten die Wehen dieser neuen Geburt viel länger, waren viel schmerzhafter als zu Ende des dreizehnten Jahrhunderts. Die territorialen Verhältnisse hatten sich gefestigt, und Brandenburg-Preußen, das noch unfertig war, erst eine Großmacht werden wollte, hatte ganz andere Widerstände zu überwinden als seinerzeit die Grafen von Habsburg oder die Grafen von Luxemburg. Das Haus der Habsburger blühte in ungebrochener Kraft weiter und beanspruchte nach wie vor die deutsche Kaiserwürde, während die Hohenstaufen ohne Erben und sonstige rechtmäßige Nachfolger ausgestorben waren. Schließlich war das neuaufstrebende Norddeutschland protestantisch, während das Zentrum am Rhein und jenes an der Donau dem katholischen Glauben zugehörte. Nur eine einzige große, sittliche Kraft konnte das kleine, unscheinbare und dürftige Brandenburg-Preußen der Welt als seinen Rechtstitel für die kommende Reichsgestaltung vorweisen: es stellte seine ganze Stärke ungeteilt in den Dienst der deutschen Sache. Die Wittelsbacher schielten nach Belgien und hielten es mit Frankreich, die Wettiner wurden katholisch und besetzten den polnischen Thron, die Welfen nahmen die englische Königskrone an, und die Habsburger verbrauchten ihre Kräfte in Ungarn und Italien. Das Reich war ein Vakuum geworden, seine bedeutendsten Fürsten wandten sich mit der Miene der Verachtung von ihm [15] ab, allein die Hohenzollern blieben sich ihrer deutschen Pflicht bewußt. Aber nur das siegreiche Niederringen der abgewirtschafteten Habsburger ebnete den Weg ins dritte Reich.

1871 erstand das neue Reich. Berlin wurde Hauptstadt, diese Stadt, die 1230 überhaupt zum ersten Male urkundlich erwähnt und 1450 erst Residenz der Markgrafen von Brandenburg wurde. Es ist nicht uninteressant, festzustellen, daß nur die Hälfte des ehemaligen rheinischen Reichszentrums und nur ein Fünftel des Donauzentrums sich dem neuen Reich unter preußischer Führung angeschlossen hatten. Es wäre irrig, zu glauben, daß die territoriale Gestaltung des dritten Reiches bereits beendet sei. Es sind Rückschläge 1919 eingetreten, sogar sehr empfindliche, am Rhein und an der Donau gab es Strömungen, welche sich von Preußen trennen wollten, auch auf die Gefahr hin, das Reich zu zerschlagen. Anderseits aber hat sich Österreich auf seine Zugehörigkeit zum Reiche besonnen, und stark ist die Strömung, welche die Vereinigung aller deutscher Länder im Reiche fordert, so etwa, wie dies zur Zeit der territorialen Blüte des Reiches, zur Zeit seiner größten Ausdehnung, etwa um 1400, der Fall gewesen war.

  Deutschlands Wahlmonarchie  

Es ist notwendig, auch den inneren Charakter der drei Reiche zu betrachten, um die Kräfte kennenzulernen, die bis zur Gegenwart den Gang der deutschen Geschichte beeinflussen. Dem Namen nach war Deutschland ein Königreich, dem Wesen nach eine Republik, wenigstens in den ersten beiden Epochen seiner Geschichte. Es war eine Wahlmonarchie und blieb eine solche, im Gegensatz zu Frankreich und England, bis zum Jahre 1806. Eine deutsche Königsfamilie von Geburt hat es nie gegeben. Es hat nie königliche Prinzen oder Prinzen von Geblüt gegeben. Nach dem Sachsenspiegel durfte jeder freie, ehelich geborene, gesunde, nicht von der Kirche gebannte Mann zum König gewählt werden. Das gesamte Volk, das heißt die Gemeinschaft der freien Männer wählten den Herrscher, seit dem 12. Jahrhundert treten nur die geistlichen und weltlichen Fürsten als Wähler auf. 1257 sind es zum ersten Male deren sieben "Kurfürsten", und hundert Jahre später, [16] 1356, verbriefte Karl IV. in der Goldenen Bulle diesen sieben Kurfürsten das alleinige Recht der Königswahl. Das Königtum war ein Amt, ein Beruf, kein Besitz. Es gab nur "erwählte" deutsche Könige, die Pflichten zu erfüllen hatten, keine Könige "von Gottes Gnaden", wie in Frankreich. Natürlich wurden anfangs nur begüterte und angesehene Stammesherzöge zum Königtum berufen, um ihnen eine gewisse Bedeutung und Macht für ihren Beruf mitzugeben. Da naturgemäß die Auslese aus diesem Kreise gering war, gewöhnte man sich daran, auch die Erblichkeit in gewissem Umfange zu berücksichtigen, ohne sie indessen zum ausschlaggebenden Faktor werden zu lassen. Stets mußte der Sohn des Königs ordnungsmäßig gewählt werden, bevor er die Nachfolge seines Vaters antreten konnte und durfte. Starb eine Herrscherfamilie aus, dann wurde der nächste Angehörige gewählt, der meist schon vorher von dem kinderlosen Vorgänger den Fürsten empfohlen worden war. Man nannte diesen Wahlvorschlag die Designation. Aus diesem Zusammenwirken der Wahl, der Erbfolge und des Wahlvorschlages von seiten des regierenden Königs gingen die deutschen Herrscher der ersten, rheinischen Epoche hervor. Sie entstammten zwar verschiedenen

  Die Sachsenkaiser  

Herzogshäusern, dem sächsischen, bayrischen, fränkischen und schwäbischen, waren aber alle untereinander verwandt und verschwägert. Das Haus der Sachsenherzöge hatte das Königsamt 105 Jahre inne, das der Franken 101 Jahr, das der Schwaben (Hohenstaufen) 116 Jahre. Von den achtzehn Herrschern der ersten Epoche hatten außerdem dreizehn die römische Kaiserwürde. Die Kaiserkrönungen fanden in Rom statt. Karl V. wurde 1530 zum erstenmal außerhalb Roms, in Bologna, zum Kaiser gekrönt.

Stammtafel der Deutschen Herrscher der Ersten Epoche.
[Bd. 1 S. 16a]      Stammtafel der Deutschen Herrscher der Ersten Epoche.      [Vergrößern]

Das Wahlprinzip hatte natürlich auch seine großen Schattenseiten. Weniger starke und charakterfeste Könige mußten den mächtigen Fürsten, von deren Gunst und Gnade sie bei der Wahl abhängig waren, manche Zugeständnisse und Vorrechte einräumen, und die Päpste erzwangen sich ihrerseits Vorteile, wenn der König von ihnen die Kaiserkrone erlangen wollte. Und so ging nach und nach die königliche Macht in die Brüche. Deutschland glich schließlich nicht mehr einem [17] Königreiche, sondern einer führerlosen Republik. Schon Konrad I., Herzog von Franken, war nicht in der Lage, bei den Sachsen und Schwaben seine Anerkennung als deutscher König durchzusetzen. Zwar war in der ersten Periode einer rheinischen Epoche, die bis 1056 reicht, die königliche Macht noch stark genug, renitente Herzöge, die ebenfalls letzten Endes nur königliche Beamte waren, wie auch widerspenstige Päpste in Rom abzusetzen. Aber seit den unseligen Zeiten der Vormundschaftsregierung für Heinrich IV. geschah es doch, daß die Päpste den Kaisern über den Kopf wuchsen und dabei die allzeit bereite Bundesgenossenschaft deutscher Fürsten fanden.

Deutsche Ost- und
  italienische Südpolitik  

Man mag darüber denken, wie man will: die Abwendung von der aussichtsreichen Ostpolitik an Saale und Elbe, die Heinrich I. und sein großer Sohn Otto betrieben und die fast ausschließliche Hinwendung nach Italien richteten das Deutsche Reich in seiner ersten Daseinsepoche vollständig zugrunde. Letzten Endes und ausschließlich verdanken die Hohenstaufen ihren Untergang dem Papst zu Rom. So waren also die ersten 350 Jahre des Deutschen Reiches wenig ersprießlich an inneren und äußeren Großtaten.

Heinrich I. vereinigte 925 das Herzogtum Lothringen mit dem Deutschen Reiche. Das war ein bemerkenswertes Ereignis, und nach tausend Jahren gedachte man dankbar dieser Tat. Heinrichs Verdienste aber lagen ganz besonders im Osten. Er baute starke Burgen und feste Kastelle gegen die Hunnen, welche Sachsen und Bayern brandschatzten, und schlug diese wilden Gesellen 933 bei Reide, zwischen Halle und Merseburg, derart nachhaltig, daß ihnen die Lust an weiteren Plünderungszügen zunächst verging. Auch gegen die Slawen war er erfolgreich; er eroberte Brennabor (Brandenburg 928) und Lebusa (932), die Hauptstadt der Lausitzen. Otto I. wandte dem slawischen Osten ebenfalls seine Aufmerksamkeit zu. Er gründete 968 das Erzbistum Magdeburg, die Bistümer Brandenburg, Havelberg, Meißen, Zeitz und Merseburg, die den Slawen mit Feuer und Schwert das Christentum brachten. Auch er legte fünf Marken an: Nordmark, Ostmark, Meißen, Zeitz und Merseburg, militärische Bollwerke gegen die feind- [18] lichen Slawennachbarn. Otto aber hatte, aus einem tief persönlichen, religiösen Bedürfnis heraus, eine starke Vorliebe für die Kirche, und auf ihn führten die deutschen Kirchenfürsten des Mittelalters ihre bedeutende, mächtige Stellung in der Politik zurück. Daß aber die von ihm erst in großem Stile eingeleitete italienische Politik für das deutsche Volk nur eine Quelle zahlloser Leiden wurde, zeigte sich bereits unter seinem Sohn und Nachfolger Otto II. Er wurde 982 bei Cotrone durch die Sarazenen vernichtend geschlagen, weit unten in Süditalien, und die Niederlage kostete so vielen sächsischen Herren und Edlen das Leben, daß die Slawen an der Saale einen gewaltigen Aufstand entfachten und das ganze Kolonisationswerk der ersten Sachsenkönige zu vernichten drohten.

Zweihundert Jahre fast blieb die Wunde an der Elbe und Saale offen. Statt diesen von dauernden Poleneinfällen bedrohten Gebieten zu Hilfe zu kommen, stritten sich die deutschen Könige mit Päpsten und Fürsten herum, und Heinrich IV. mußte sich zu dem trotz allem demütigenden Bußgang nach Kanossa entschließen. Erst als wieder ein sächsischer Graf, Lothar von Supplingenburg, zum König gewählt worden war (1125–1139), ließen sich deutsche Kultur- und Staatsziele im Osten erkennen. Dieser Lothar war mit Otto von Nordheim und den Billungern verwandt und verfügte infolge der billungischen Erbschaft über den ganz ansehnlichen Besitz von etwa 120 000 Quadratkilometern, das Herzogtum Sachsen. Auch war er in enge Familienbeziehungen zu den Welfen getreten, die 1070 an Stelle des abgesetzten Ottos von Nordheim mit dem Herzogtum Bayern belehnt worden waren. Lothar knüpfte an die Ostpolitik Heinrichs I. und Ottos I. an und belehnte 1134 den kühnen Askanier Albrecht den Bären mit der Nordmark (heutige Altmark). Dieser machte sich das Havelgebiet untertan und setzte es durch, daß sein neuerobertes Land 1142 als selbständige Markgrafschaft Brandenburg vom Herzogtum Sachsen separiert wurde. Schulter an Schulter mit ihm drang ein anderer Pionier des Deutschtums gegen die slawische Ostsee vor, Graf Adolf von Holstein, der 1143 Lübeck gründete. Die folgende Generation setzte die von Lothar begründete Ostpolitik tatkräftig fort: sein eigener [19] Enkel, Heinrich der Löwe, Herzog von Sachsen und Bayern, ferner der Erzbischof Wichmann von Magdeburg und Graf Konrad der Große von Wettin. Das Werk der sächsischen Ludolfinger, das seit dem Zusammenbruch 983 verschüttet gelegen hatte, erhob sich neu aus seinen Trümmern und erlitt nun keine weiteren Unterbrechungen. Jeder Fußbreit Landes, den man den Slawen mit dem Schwerte abgenommen hatte, wurde mit niederdeutschen Kolonisten, Flamländern, besiedelt, von denen z. B. der Fläming bei Wittenberg seinen Namen erhalten hat.

  Von den Saliern zu den Hohenstaufen  

Trotzdem die Welfen die mächtigsten Fürsten des Reiches waren, erhielten die Hohenstaufen 1139 die Königswürde. Friedrich I., Barbarossa, erhob 1156 die babenbergische Markgrafschaft Österreich, die bisher dem Herzogtum Bayern unterstellt war, zum selbständigen Herzogtum. Heinrich der Löwe aber, der die Herzogtümer Sachsen und Bayern innehatte, war der mächtigste Fürst des Reiches und gebot über rund 200 000 Quadratkilometer, den dritten Teil des Reichsgebietes, während das Herzogtum Schwaben, das dem hohenstaufischen König gehörte, etwa nur 60 000 Quadratkilometer groß war. Deshalb verfiel Friedrich I., Barbarossa, auf den unglücklichen Gedanken, sich in der Po-Ebene der Lombardei eine ähnliche Hausmacht zu schaffen, wie sie sein Vetter Heinrich der Löwe aus dem Hause Welf innehatte. Friedrich geriet jedoch mit den oberitalienischen Städten und dem Papste wegen seiner Pläne in Streit und wurde 1176 besiegt, bei Legnano. Der Zorn des Königs entlud sich auf Heinrich den Löwen, der Friedrich nicht mit Waffen unterstützt hatte. Und Heinrich hatte recht. An Stelle der lombardischen Utopien hegte er große, bewußt deutsche Absichten und glaubte, seine Macht besser zu benutzen, wenn er sie gegen den slawischen Osten als gegen den italienischen Süden verwandte. Das Herzogtum Bayern verlor Heinrich an Otto von Wittelsbach, nachdem Steiermark als selbständiges Herzogtum abgetrennt worden war. Die östliche Hälfte des Herzogtums Sachsen erhielt der Askanier Bernhard, Sohn Albrechts des Bären, während die westliche Hälfte als Herzogtum Westfalen der Erzbischof von Köln bekam. Heinrich behielt nur sein braun- [20] schweigisch-lüneburgisches Allodium, das nicht ein Lehen des deutschen Königs war, kaum ein Viertel seines früheren Besitzes.

Der Sturz der Welfen ist das größte innenpolitische Ereignis des 12. Jahrhunderts, und seine Folgen reichten bis in unsere Zeit. Von hier datierte die Hoheit der Wittelsbacher in Bayern, der Askanier in Anhalt und der Welfen in Braunschweig und Hannover. Dieser letzte Staat ging schon 1866 in Preußen auf. Friedrich Barbarossa beteiligte sich am dritten Kreuzzug, der für das Deutsche Reich kaum unmittelbare Bedeutung besitzt, und ertrank 1190 im Seleph.

  Untergang der Hohenstaufen  

Der letzte wahrhaft gewaltige Herrscher jener ersten Epoche war Heinrich VI., Friedrichs Sohn. Er war es noch einmal, dem sich Europa fügte. Allerdings erwarb er Süditalien und Sizilien, und dies wurde das Verhängnis der Hohenstaufen: sie wandten sich nun fast ganz von Deutschland ab, und vor der erstarkenden Macht des Landesfürstentums schwand die Macht des Königstums mehr und mehr dahin. Schon nach sieben Jahren verstarb der mächtige Herrscher in Messina am hitzigen Fieber. Mit ihm ging die deutsche Hegemonie im Abendlande dahin, im Reiche setzte Auflösung und offene Anarchie ein. Sein Sohn war ein unmündiges Kind, und wer wäre stark und selbstlos genug gewesen, die Interessen des zukünftigen Königs gegen übermächtige Widerstände zu verteidigen? Die starke Hand, welche die Welfen zu Boden gedrückt hatte, war nicht mehr, und zwei Jahrzehnte lang wurde Deutschland durch den staufisch-welfischen Bürgerkrieg verheert und verwüstet. Die Päpste standen, wie immer bei solchen Gelegenheiten, auf der Seite der Opposition, der Welfen.

Endlich, 1212, erschien der neue König Friedrich II., Sohn Heinrichs VI., in Deutschland. Mit französischer Hilfe machte er den welfischen Gegenkönig Otto unschädlich (Bouvines 1214). Die letzten welfischen Widerstände wurden 1215 in den rheinischen Gebieten niedergeschlagen, doch fünf Jahre später zog Friedrich nach Italien und überließ das Reich sich selber. Zwar gelang es den norddeutschen Fürsten, Übergriffe des Auslandes auf Reichsgebiet abzuwehren: 1227 schlugen sie den anmaßenden König Waldemar II. von Dänemark bei Bornhövede. [21] Einen Aufstand Ludwigs von Bayern schlug 1229 Friedrichs Sohn Heinrich nieder, der von nun an die Stellvertretung seines königlichen Vaters im Reiche übernahm. Aber auch Heinrich erlag der allgemeinen Gärung in Deutschland: er empörte sich 1235 gegen den eigenen Vater, wurde von diesem gefangengenommen und bis zu seinem Tode gefangengehalten. Zu all dem inneren Unglück kam ein großer Mongoleneinfall in Schlesien, wobei Herzog Heinrich der Fromme von Schlesien 1241 bei Liegnitz fiel. Ein gewisser Lichtblick in jenen trüben Zeiten war die Kolonisation der baltischen Randgebiete durch die deutschen Ordensritter, eine deutsche Kulturtat ersten Ranges, die aber von der berufenen Reichsleitung in keiner Weise tatkräftig unterstützt wurde.

Bei solchen in Deutschland herrschenden Zuständen war es geradezu eine selbstverständliche Folge, daß die deutschen Fürsten Friedrich II., den der Papst auf dem Konzil zu Lyon abgesetzt hatte, fallen ließen und den Landgrafen Heinrich Raspe von Thüringen 1246 zu ihrem neuen König wählten. Da dieser bereits im nächsten Jahre starb, wurde Graf Wilhelm von Holland zu seinem Nachfolger ausersehen. Er war der erste deutsche König, der nicht dem Reichsfürstenstande entstammte. Friedrich aber, im Kampfe mit der Lombardei und dem Papste, starb 1250, als der "erste Ausländer auf Deutschlands Königsthron". Sein Sohn Konrad IV., bereits 1237 nach seines Bruders Heinrich Gefangennahme zum deutschen Könige gewählt, starb bereits 1254 in Italien. Seinen Sohn Konradin ließ der Franzose Karl von Anjou 1268 in Neapel hinrichten, nachdem er sich mit päpstlicher Hilfe des Königreiches Neapel-Sizilien bemächtigt hatte.

Die Hohenstaufen waren ausgerottet. Das Deutsche Reich ging seinem Untergang entgegen, es befand sich in einem bedenklichen Zustande der Auflösung. Es folgten neue territoriale Veränderungen, die zum Teil bis in unsere Zeiten hineinreichen. Das hohenstaufische Herzogtum Schwaben zerfiel. Ihre westlichen Teile fügten die Zähringer ihrer badischen Markgrafschaft hinzu, während die Grafen von Württemberg sich im Osten ausbreiteten. Die Grafen von Habsburg rissen den hohenstaufischen Süden an sich, jene Gebiete, die sich [22] 1499 bzw. 1648 als Lande der Eidgenossen vom Reiche trennten. Im mittleren Reichsgebiet vergrößerten sich die Wettiner, die bereits um 1090 die Marken Lausitz und Meißen erhalten hatten, um die Landgrafschaft Thüringen und Pfalzgrafschaft Sachsen, die sie nach dem Tode Heinrich Raspes 1247 geerbt hatten.

  Verfassungswesen  

Auch tiefgreifende Veränderungen im Verfassungswesen hatten sich vollzogen. Der amtliche Charakter der niederen und hohen Lehensinhaber hatte sich in Besitztitel verwandelt. Eine durch Generationen geübte Gewohnheit, daß der Sohn dem Vater im Amte folgte, war zum Gesetz geworden. Schon im Jahre 1037 hatte Konrad II. in der "Constitutio de feudis" die Erblichkeit der kleinen Lehen anerkannt. Die Ministerialen, die bisher Beamte ihrer Landesherrn gewesen waren, wurden Besitzer ihrer "Rittergüter". Der König gab dem Rittertum diese Vergünstigung, um an ihm eine Stütze gegen die hohen Würdenträger, die Herzöge und Bischöfe, zu haben. Die weltlichen Territorialfürsten erreichten erst zweihundert Jahre später die Anerkennung ihrer Landeshoheit. Im Einverständnis mit seinem Vater Friedrich II. nahm König Heinrich 1231 das Statutum in favorem principum an, wodurch die königliche Macht in den Landesfürstentümern, besonders auch in bezug auf die Erbfolge der weltlichen, stark beschränkt wurde. So führte die Not der Herrscher zur Zersplitterung der nationalen Kraft, statt eine starke, zentrale und widerstandsfähige Reichsmacht zu schaffen. –

  Interregnum  

Die Geschichte des zweiten Deutschen Reiches wurde durch das sogenannte Interregnum eingeleitet. Es war aber eigentlich keine Zwischenherrschaft, sondern die einfache und logische Weiterentwicklung der seit zweihundert Jahren vorbereiteten Zustände bis zur Herabdrückung der königlichen Macht zu reiner Scheinherrschaft. Nach dem Tode Wilhelms von Holland konnten sich die sieben Kurfürsten nicht einig werden und wählten gleich auf einmal zwei Ausländer zur deutschen Königswürde: Alfons von Kastilien und Richard von Cornwallis, 1256. Diese Ausländer, so glaubte man, würden den [23] fürstlichen Sonderinteressen am wenigsten hindernd in den Weg treten; und in der Tat: Alfons kam überhaupt nicht nach Deutschland und Richard ließ nach Herzenslust in Deutschland sechzehn Jahre lang alles drüber und drunter gehen. Das Fürstentum, das stark und mächtig geworden war, fühlte das Bedürfnis, die Königs- und Reichsgewalt bis zur Ohnmacht zu schwächen. Die republikanische Idee entwürdigte den königlichen Nimbus bis zur Farce, und um diesen Zustand zu einem dauernden zu machen, gab es zwei vorzügliche Mittel. Zunächst wurde das Wahlprinzip radikal durchgeführt, der eigene Sohn sollte nicht mehr, wie noch bei den Hohenstaufen, dem Vater in der Königswürde folgen, das Erbrecht sollte gänzlich ausgeschaltet werden. Dann aber mußten unbedeutende, schwache Leute ohne eine angestammte Territorialgewalt auf den Thron gesetzt werden, arme Schlucker, über welche die reichen und mächtigen Landesfürsten zur Tagesordnung übergingen. Wilhelm von Holland, Rudolf von Habsburg, Adolf von Nassau und Heinrich von Lützelburg waren einfache Grafen ohne Tradition und fürstlichen Stand.

  Hausmachtspolitik  

Die gewählten Könige jedoch waren durchaus nicht willens, sich dem Machtgebot der Fürsten zu unterwerfen, sondern waren vielmehr bemüht, sich ein Gegengewicht zu schaffen durch Begründung einer königlichen Hausmacht, die sie von sich aus nicht mitbrachten. War dies nicht ein deutlich erkennbarer Rückschritt? Die Herrscher der ersten Epoche, die Sachsen-, Franken- und Schwabenherzöge, traten ihr königliches Amt an, wohlausgerüstet mit Macht, Ansehen und Tradition. Die Könige der zweiten Epoche, gewissermaßen unscheinbare Emporkömmlinge, dachten zunächst daran, das nachzuholen, was die Vorbedingung für ihr Amt war, sich nämlich Macht zu verschaffen, und sie kamen während ihrer Regierungszeit höchst selten über dieses Anfangsstadium hinaus. Schließlich wurde ihnen die Vorbedingung Selbstzweck, und sie benutzten also ihre Stellung, um für sich und ihre Familie neue Territorien, gewissermaßen Landesfürstentümer zu schaffen. Hatten die Könige des ersten Reiches die Schwäche, sich in Italien zu interessieren, so beschäftigten sich die Könige des zweiten Reiches mit Hausmachtspolitik. Dadurch trat eine starke Spannung [24] zwischen Reichsgewalt und Landesgewalt ein, die teilweise latent war, teilweise zum offenen Ausbruch kam und keineswegs geeignet war, die politische Macht Deutschlands zu stärken und zu festigen. Im Gegenteil: die Verhältnisse wurden trostloser und verwirrter denn je.

  Ostmark  

Es war ein reiner Zufall, daß die Hausmachtpolitik in des Reiches Ostmark und Böhmen vor sich ging. Das Aussterben der babenbergischen Herzöge in Österreich um die Mitte des 13. Jahrhunderts machte dieses Land als eröffnetes Reichslehen den Zwecken der Könige vorzüglich dienstbar. Dasselbe war in Böhmen der Fall, wo die Przemysliden Anfang des 14. Jahrhunderts ausstarben. So wurde ganz von selbst der Schwerpunkt des Reiches nach Osten, an die Donau verlegt. Aber dabei blieb es nicht. Zwar sank Italien zu einem Schauplatz zweiten Ranges hinab und wurde, wie das ehemalige Herzogtum Lothringen, zum Zankapfel zwischen den deutschen Königen und dem erstarkenden Frankreich. Aber das Interesse der deutschen Könige wuchs nun im Südosten über die Reichsgrenzen hinaus: nach Ungarn, und neben dem traditionellen Italien lenkte von jetzt an der Magyarenstaat deutsche Kraft von ihren eigenen politischen Aufgaben ab. Im Westen begann Frankreich die deutschen Grenzen zu bedrohen, und im Osten erhoben sich schwere, jahrhundertelange Kämpfe gegen die Türken.

Gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts fand ferner ein großer Wandel in den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Beziehungen statt. Ein großer Teil des niederen Adels, des Rittertums, geriet durch die territoriale Konsolidation der Landesfürstentümer in wirtschaftliche Nöte und sank zum Raubrittertum hinab. Andererseits wurde das Bürgertum stark und mächtig, und städtische Kultur verdrängte die aristokratische des ersten Reiches. Der Handel des städtischen Patriziats eroberte die Herrschaft über das baltische Meer (Ostsee) und verwickelte Norddeutschland in hartnäckige Kämpfe mit Dänemark. Die Geistlichkeit, die durch ihre Klöster bisher das einzige Privileg auf Kultur, Wissenschaft und Bildung hatte und diese von Italien und Frankreich importierte, trat hinter dem Bürgertum zurück, auf dessen Initiative mehr als ein Viertel- [25] hundert Universitäten auf deutschem Boden gegründet wurden. Diese bürgerliche Kultur, durch Wissenschaft und Bildung gefestigt, brachte schließlich die Reformation hervor, jene gewaltige Neuordnung der kirchlichen, sittlichen und wissenschaftlichen Dinge, die, in Norddeutschland entstanden, eine neue Zukunft und einen neuen Schwerpunkt Deutschlands herbeiführte, als das zweite Deutsche Reich im Westfälischen Frieden 1648 zersplittert war.

Im großen ganzen war das zweite Deutsche Reich, welches vierhundert Jahre, von 1254–1648 bestand und seinen Schwerpunkt im habsburgischen Österreich hatte, in seiner inneren, gärenden Zerrissenheit und Ohnmacht der Übergang von der ersten Epoche zur dritten. Politisch, wirtschaftlich, geistig zerrissen und zentrifugal, bildeten sich in Norddeutschland neue Machtmittelpunkte, die sich durch territoriale Konzentrationen ankündigten: 1417 wurden die tatkräftigen Hohenzollern Kurfürsten von Brandenburg, 1423 erhielten die Wettiner das Kurfürstentum Sachsen, das sie bis 1464 mit Thüringen vereinigten. In diesem Jahre teilten sich die Wettiner in die beiden Linien der älteren Ernestiner in Sachsen und der jüngeren Albertiner in Thüringen. 1547 tauschten beide Linien ihren Besitz aus. Hohenzollern und Wettiner waren die Beschützer der Reformation und machten die geistliche Bewegung politisch wirksam, indem diese die Habsburger aus dem Reiche verdrängte, was 1648 zum größten Teile geschah.

  Wahlkönige 1254–1347  

Die erste Periode des zweiten Reiches umfaßt die Zeit von 1254–1347. Nichts Erhebendes berichtet uns die Geschichte aus jener Zeit. Die Könige Wilhelm von Holland (1247 bis 1256) und Richard von Cornwallis (1256–1272) waren zwar ganz nach dem Herzen der Fürsten, denn sie kümmerten sich um keinerlei deutsche Angelegenheiten. Das Faustrecht wurde zum obersten Gesetz des Reiches, und niemand war vor seinem Nachbar sicher, so daß die rheinischen Städte sich gezwungen sahen, zum Schutze des Friedens 1254 den Rheinischen Städtebund zu gründen, dem auch einige Fürsten beitraten. König Ottokar von Böhmen eignete sich 1251, fünf Jahre nach dem Aussterben der Babenberger, das Herzogtum Österreich an und hatte sich ein Reich von etwa

  Rudolf von Habsburg  

200 000 Quadrat- [26] kilometern Größe geschaffen. Niemand hinderte ihn daran. Graf Rudolf von Habsburg, der zum Nachfolger Richards gewählt wurde, war zwar auch nur ein kleiner Herr, aber er hatte ausgedehnte Besitzungen im Oberelsaß, an Rhein, Aare und Reuß, die er zumeist aus der hohenstaufischen Hinterlassenschaft an sich gebracht hatte. Eine Art Habgier, die er mit einer gewissen Zähigkeit verfolgte, veranlaßte ihn, die königliche Stellung für die Mehrung seiner besonderen Macht auszunutzen, und so wurde er der erste deutsche König, welcher persönliche Hausmachtspolitik trieb. Das Herzogtum Österreich als erledigtes Reichslehen erkor er dazu und konnte es auch mitsamt Steiermark und Krain seinen beiden Söhnen übertragen, als Ottokar schließlich 1278 auf dem Marchfelde bei Dürnkrut Sieg und Leben verloren hatte. Allerdings hatte Rudolf bei der Durchführung des Landfriedens im Reiche keine großen Erfolge. Nur in Thüringen konnte er 1290 einigermaßen erfolgreich gegen die heillosen Raubritterzustände einschreiten. Sieben Jahre früher hatten sich Lübeck, Rostock, Wismar, Stralsund, Greifswald und andere Städte zum Schutze des Friedens auf zehn Jahre verbunden. So legten sie den Grund zur Hanse und zur Beherrschung der Ostsee durch den deutschen Handel. Die ewige Geldnot zwar zwang den armen Grafen von Habsburg zur Steuererhöhung, wodurch er die Sympathien der Städte einbüßte. Mit dem Papste hatte er sich durch Verzicht auf Mittel- und Norditalien geeinigt. Nachdem Rudolf sein Haus wohlbestellt hatte, starb er 1291. Nicht sein Sohn Albrecht, sondern Graf Adolf von Nassau wurde jetzt deutscher König. Er versuchte, nach seines Vorgängers Vorbild, sich in Thüringen eine Hausmacht zu schaffen, das er als ein durch den Tod Heinrich Raspes 1247 erledigtes Reichslehen von den Wettinern zurückforderte. Adolfs Versuche scheiterten und verstimmten außerdem die Kurfürsten, die sich nun Albrecht zuwandten. Adolf unterstützte die Widersacher seines Gegners, wo er konnte, und verbriefte 1297 den habsburgischen Waldleuten von Uri und Schwyz die Reichsunmittelbarkeit. Nachdem Adolf 1298 bei Göllheim gefallen war, wurde Albrecht, Rudolfs Sohn, zum Könige gewählt. Allerdings verdarb er es mit den vier rheinischen Kurfürsten, die sich gegen [27] ihn verbündeten, als er mit Philipp IV. von Frankreich ein Bündnis gegen Papst Bonifaz VIII. schloß. Albrechts Versuch, 1306, nach dem Aussterben der Przemysliden, Böhmen-Mähren für sich zu erwerben, scheiterte, ebenso wie die Hausmachtspolitik seines

  Die Lützelburger  

Vorgängers. 1308 wurde der König in der Nähe der Habsburg ermordet. Dagegen konnte sein Nachfolger, der ritterliche Graf Heinrich von Lützelburg, nach dem Muster Rudolfs seinen Sohn Johann mit Böhmen-Mähren belehnen und den Grund zu einer lützelburgischen Hausmacht legen. Heinrich VII. hatte viel unter der Rivalität der Habsburger zu leiden, und nach seinem Tode, 1313, war die habsburgische Partei so erstarkt, daß eine Doppelwahl stattfand. Der wittelsbachische Herzog Ludwig von Bayern und der habsburgische Herzog Friedrich der Schöne von Österreich wurden gleichzeitig Könige. Auch Ludwig verspürte, wie seine Vorgänger, das Bedürfnis nach starker Hausmacht und übertrug also nach dem Aussterben der Askanier, 1320, deren brandenburgische Markgrafschaft seinem Sohne. Da er außerdem sich in der Lombardei festsetzen wollte, reizte er den Papst. Friedrich den Schönen hatte er 1322 bei Mühldorf gefangengenommen und setzte ihn bis zu dessen Tode 1330 als Mitkönig ein. Dagegen war sein Verhältnis zu Johann von Böhmen gespannt, weil dieser Schlesien (1335), Kärnten und Tirol erworben hatte. Gegen die Anmaßung der französischen Päpste in Avignon erhob sich das deutsche Nationalgefühl, und die Kurfürsten erklärten 1338 mit Ausnahme des böhmischen Lützelburgers auf dem Kurverein zu Rense, daß ein von den Kurfürsten gewählter König päpstlicher Bestätigung nicht bedürfe. Aber durch sein gegen Johann von Böhmen eingeleitetes Verfahren entfremdete sich Ludwig die Kurfürsten, so daß diese, besonders auf Betreiben der Geistlichkeit, Johanns Sohn, Karl von Böhmen, den "Pfaffenkönig", wählten, dessen Vater 1346 bei Crécy auf französischer Seite gefallen war. 1347 erlag Ludwig einem Herzschlag.

Stammtafel der Deutschen Herrscher vom 13.-18. Jahrhundert.
[Bd. 1 S. 32c]      Stammtafel der Deutschen Herrscher
vom 13.–18. Jahrhundert (Donauepoche).      [Vergrößern]

Mit dem Regierungsantritt Karls IV. von Böhmen, dessen unbedeutender Gegenkönig Günther von Schwarzburg bald erledigt war, beginnt die zweite Periode in der Geschichte des zweiten Reiches (1347–1438). Das wüste Durcheinander der [28] deutschen Dinge wurde etwas durch die Tatsache geordnet, daß nun neunzig Jahre hindurch Deutschland durch Herrscher aus einem Hause, dem lützelburgisch-böhmischen, regiert wurde. Zum erstenmal in dieser Ära erhielt das Reich eine Hauptstadt, eine feste Residenz des königlichen Oberhaupts: Prag. Doch fühlte sich Karl fast nur als König von Böhmen, kaum als König von Deutschland. Er besaß kaufmännisches Talent, und seine Hauptsorge galt den Erblanden Böhmen, Schlesien und Mähren, so daß man ihn allgemein als "des Heiligen Römischen Reiches Erzstiefvater" bezeichnete. Er gründete 1348 die Universität Prag und erwarb sich unzweifelhafte Verdienste um die Verdeutschung Böhmens. Auch förderte er sehr den Handel auf der Elbe, der letzten Endes hauptsächlich Böhmen zugute kam. Seine wittelsbachischen Rivalen belehnte der König im Bautzener Vertrage 1350 weiterhin mit der Mark Brandenburg, kaufte ihnen diese aber nach dreiundzwanzig Jahren im Vertrage von Fürstenwalde ab und schuf eine neue große, zusammenhängende Hausmacht der Luxemburger, Böhmen, Schlesien, Mähren und Brandenburg, Gebiete, die in ihrer Gesamtheit etwa so groß waren wie das Reich Heinrichs des Löwen oder Ottokars von Böhmen, ein Elbe-Oder-Reich im Zentrum Deutschlands.

Im Reich jedoch herrschte weiter Anarchie und Elend. Die Pest, der "Schwarze Tod", verheerte die Länder und Städte, und Geißlerfahrten und Judenverfolgungen regten das Volk auf. Karls bedeutendste Tat für das Reich wurde die "Goldene Bulle" 1356, worin den sieben Kurfürsten von Mainz, Köln, Trier, Böhmen, Pfalz, Brandenburg, und Sachsen-Wittenberg das alleinige Recht der Königswahl zugestanden und die Unteilbarkeit der Kurwürde und Kurlande festgelegt wurde. Es handelte sich um die Legalisierung eines Zustandes, der sich durch die Gewohnheit des letzten Jahrhunderts eingebürgert hatte. Aber im Süden schlossen sich 1376 die Städte, durch die königlichen Steuern bedrückt und durch den Grafen Eberhard von Württemberg bedrängt, zum Schwäbischen Städtebund zusammen, während im Norden die Hansestädte im Bunde mit den niederländisch-preußischen Städten die Übergriffe des Dänenkönigs Waldemar IV. 1368 [29] bis 1370 hatten zurückweisen müssen. Nach Karls Tode, 1378, folgte ihm sein Sohn Wenzel in der deutschen Königswürde, der den Wirren im Reich nicht gewachsen war. Ritter und Städte verbündeten sich gegeneinander: Ritterbündnisse 1379, Rheinischer Städtebund 1380, und 1388 kam es zum süddeutschen Städtekrieg, den Wenzel im folgenden Jahre durch den Egerer Landfrieden beendete. Die unzufriedenen Kurfürsten setzten Wenzel 1400 ab und wählten den Kurfürsten von der Pfalz, Ruprecht, zum Könige, der zehn Jahre lang ein höchst bescheidenes Herrscherdasein führte. Wenzel begünstigte den tschechischen Reformator Johann Hus, durch dessen Tätigkeit 1409 viele Deutsche Böhmen verließen und in Leipzig eine neue Universität gründeten. Auch die Regierung des letzten Lützelburgers Sigismund, der ein Bruder Wenzels war, bedeutete für das Reich keine Erlösung. Der Deutsche Orden wurde von den Polen bei Tannenberg geschlagen, und fünfzehn Jahre lang führten die Hussiten Krieg, wobei sie nicht nur Böhmen, sondern auch die angrenzenden Gebiete Schlesiens, Sachsens, Brandenburgs, Bayerns und Österreichs verheerten (1426/27). Die kirchliche Reformbewegung führte ebenfalls zu keinem Ergebnis. Zwei große Konzile fanden auf Reichsgebiet statt, zu Konstanz 1414–1418 und zu Basel 1431–1448. Es wurde viel Pomp entfaltet, viel geredet und wenig erreicht, lediglich die Hussitenfrage wurde in Basel durch die Prager Kompaktaten geregelt, ein Ereignis, das für Deutschland keine allzu große Bedeutung hatte. Bemerkenswert aus der Regierungszeit Sigismunds ist höchstens die Belehnung der Hohenzollern mit der Mark Brandenburg 1415–1417 und die Belehnung der Wettiner mit dem Kurfürstentum Sachsen-Wittenberg 1423 nach dem Aussterben der Askanier.

  Von Habsburgs Hausmacht  
zur Weltmacht

Die dritte Periode (1438–1556) sah den Aufstieg der Habsburger von deutscher Königsmacht zur Weltmacht. Umsonst suchen wir nach großen Taten und Ereignissen, die das Deutsche Reich und sein Volk aus dem Zustande der Not herausgerissen hätten. Die Habsburger waren grenzenlose Egoisten. Sie benutzten ihre königliche Stellung, um ihre Hausmacht zur Weltmacht zu erweitern. Im umgekehrten Verhältnis zu den Gebietsverlusten des zerbröckelnden Reiches standen die Gebietserweite- [30] rungen des Hauses Habsburg. Nicht durch Heldentaten und Siege auf dem Schlachtfelde wuchs Habsburgs Macht, sondern durch Heiraten: "Bella gerant alii, tu Felix Austria, nube" – "Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, heirate". Dieser Weg der Erbschaftspolitik war weniger gefährlich und ungewiß als der bisher befolgte, denn die deutschen Territorien befestigten sich im Besitze ihrer Fürstenfamilien, und die Aussicht auf erledigte Reichslehen wurde gering. Also heiratete man. Der erste Habsburger dieser Periode, Albrecht II., stammte in vierter Generation von Albrecht I. ab. Sein Schwiegervater Sigismund hinterließ keine männlichen Erben, und so erwarb der Gatte der einzigen Erbtochter die ganze böhmisch-luxemburgische Hausmacht; er beherrschte ein Gebiet von etwa einer Viertelmillion Quadratkilometern – ohne Italien und Ungarn. Doch nur kurze Zeit erfreute sich

Albrecht II.,
Friedrich III.
  und Maximilian  

Albrecht seines irdischen Besitzes und schied schon im Jahre seines Regierungsantrittes ab. Sein Vetter Friedrich III. folgte ihm im Besitz der Hausmacht und der Königskrone, er war aber ein schwacher Mann und hinterließ kein rühmliches Andenken. An allen Grenzen erlitt das Reich schwere Einbußen: 1441–1443 riß Philipp von Burgund Luxemburg an sich, 1460 wurde Holstein gemeinsam mit Schleswig durch König Christian I. mit Dänemark vereinigt, 1466 eroberte Polen in der Schlacht bei Tannenberg die Gebiete des Deutschen Ordens, 1467–1477 annektierte Karl der Kühne von Burgund Lüttich, Sundgau, das obere Elsaß und Teile des Breisgaues. Etwa 130 000 Quadratkilometer Reichsgebiet gingen verloren, und Friedrich hatte weder den Willen, noch die Kraft, diesen Verlusten zu wehren.

Stammtafel der Hohenzollern.
[Bd. 1 S. 48a]      Stammtafel der Hohenzollern.      [Vergrößern]

Auch im Innern ging es drüber und drunter. In Böhmen riß Georg Podiebrad die königliche Macht an sich (1458–1471), in Ungarn tat Matthias Corvinus das gleiche (1458–1490). Fehden zerrütteten die deutschen Territorien: Albrecht Achilles von Brandenburg gegen Nürnberg, Ulrich von Württemberg gegen Eßlingen, Albrecht von Österreich gegen Ulm, Dietrich von Mainz gegen Soest. Diesem Unwesen suchte Friedrich zwar 1467 durch den allgemeinen Landfrieden von Neustadt zu steuern, im großen ganzen aber blieb alles beim alten. Es fehlte die einheitliche, zentrale Macht, die im- [31] ponierende Herrschergestalt mit der festen Hand, um königliche Gesetze durchzuführen, und die Landesfürsten hatten längst den Gehorsam gegenüber dem Herrscher verlernt. Nur eine Tat von Bedeutung vermochte Friedrich durchzuführen, die aber nur mittelbar dem Reiche, in erster Linie aber dem Hause Habsburg dienen sollte; er verlobte 1473 seinen Sohn Maximilian mit der Tochter Maria des Herzogs von Burgund, Karls des Kühnen. Maximilian erbte 1477, als sein Schwiegervater gefallen war, dessen Gebiet mit Ausnahme des Herzogtums Burgund und der Pikardie, die an Frankreich fielen. So erwarb das Haus Habsburg etwa 70 000 Quadratkilometer, die ehemals zum deutschen Herzogtum Lothringen gehörten und von den burgundischen Herzögen geraubt worden waren. Seinen Sohn Philipp aber verheiratete Maximilian mit der Erbin von Spanien. Nach Friedrichs Tode, 1493, folgte ihm Maximilian als König. Im Jahre seines Regierungsantrittes tobte im Elsaß ein großer Bauernaufstand, der Aufruhr des Bundschuh. Der neue Herrscher hatte wohl den guten Willen, das zerrüttete Reich wieder aufzurichten, und es fehlte nicht an guten Vorschlägen dafür. Die Reformreichstage zu Worms 1493 und Augsburg 1500 beschlossen allerlei: den "gemeinen Pfennig", eine allgemeine Reichssteuer, ein Kammergericht, den ewigen Landfrieden, zu dessen Durchführung das Reichsgebiet in zehn Kreise eingeteilt wurde, ein Reichsregiment. Woher aber sollte das politisch vollkommen entartete Reich die Kraft nehmen, dies alles durchzuführen? Außerdem kämpfte Maximilian mit dem französischen König um den Besitz Oberitaliens, und diese Kämpfe kosteten dem Reich viel Geld, Kraft und Verluste. Frankreich trat, nachdem es seine Kriege gegen England beendet hatte, als eine neue Macht hervor, die von nun an die Zukunft bedrohen sollte. Maximilians Kämpfe mit der Schweizer Eidgenossenschaft führten dazu, daß der König im Frieden von Basel 1499 den Eidgenossen die Unabhängigkeit einräumen mußte. Dadurch verlor das Reich an die 20 000 Quadratkilometer, die sich einst die Habsburger aus dem hohenstaufischen Nachlaß angeeignet hatten. Ein neuer, schwerer Bauernaufstand des "armen Kunz" verheerte 1514 Schwaben.

  Karl V.  

[32] Den deutschen Fürsten war die stark angewachsene Macht der Habsburger schon längst ein Dorn im Auge, und sie liebten es absolut nicht, einen König über sich zu haben, der unter Umständen gewaltige Heeresmassen aufbieten konnte, um sie zur Vernunft zu bringen. Dieser ideale Zustand der "Libertät", der den Fürsten die ideale Freiheit gab, nach Herzenslust zu tun und zu lassen, was sie wollten, konnte leicht in Gefahr geraten. So kam es, daß nach Maximilians Tode, 1519, allen Ernstes der französische König neben Karl, dem Enkel Maximilians, als Mitbewerber um die deutsche Königskrone auftrat. Schließlich wurde der Habsburger Karl gewählt, nachdem er ausdrücklich in seiner "Wahlkapitulation" die Libertät der Fürsten verbrieft hatte. Der neue König war von gewaltiger Macht. Er gebot über Österreich, Burgund und Spanien mit seinen neuentdeckten Kolonien, und in seinem Reich ging die Sonne nicht unter; er war der Repräsentant der zur Weltmacht gewordenen habsburgischen Hausmacht, und dennoch war er im Deutschen Reiche, dessen König er war, ohnmächtiger als irgendein anderer König in seinem Lande. Karls V. Außenpolitik hatte kaum irgendwelche Beziehungen zum Reiche. Ein Vierteljahrhundert kämpfte der deutsche König mit dem Herrscher Frankreichs um Italien. Und welchen Nutzen für das deutsche Volk hatten letzten Endes die vier Kriege gegen den französischen König? Was ging es die Deutschen an, ob das unselige Italien zu Deutschland oder Frankreich gehörte? Anders verhielt es sich im Osten. Zwar konnte Karl endlich auch Ungarn mit seinem Weltreiche vereinigen, nachdem dessen letzter Herrscher 1526 bei Mohacz gegen die Türken gefallen war, aber schon nach drei Jahren standen die Türken vor Wien. Hier wurde das Reich, die Christenheit, Europa unmittelbar bedroht, und es ist vielleicht das bedeutendste Ereignis für Deutschland aus der Regierungstätigkeit Karls V., daß es gelang, die türkische Gefahr zu bannen; denn das damalige Europa zitterte vor den Türken, wie etwa unsere Zeit vor dem Bolschewismus. 1542 wurde der zweite Reichskrieg gegen die Türken eröffnet, und von nun an wurde Deutschland anderthalb Jahrhunderte lang von der türkischen Gefahr bedroht.

Unter Karl V. nahm die deutsche Reformation ihren An- [33] fang. Hervorgeflossen aus dem gesunden, unverfälschten Sinne des Volkes, veredelt durch den Geist vertiefter Wissenschaft nahm die Bewegung gegen die römische Kirche ihren Ausgang von einem Bauernsohn, der Mönch geworden war und, dem Fortschritt der Zeit folgend, vom Kloster zur Universität überging. Damit wies Dr. Martin Luther seiner Befreiungstat den Weg in eine große Zukunft, und ein großer Teil des Volkes folgte ihm gläubig. Fast schien es ein Fingerzeig des Schicksals, daß die große geistige Erhebung gegen das Welschtum vom mittleren und nördlichen Deutschland ausging, von Gebieten, die noch absolut nicht gänzlich vom Christentum durchdrungen waren, sondern noch sehr starke Reste heidnischen Aberglaubens bewahrten. Karl V. aber und mit ihm das südliche und westliche Deutschland verschlossen sich der Lehre Luthers, indem sie sich stark genug fühlten, die Auflehnung des Nordens zu unterdrücken, und von dem Ausgang des Kampfes zwischen dem geistig konservativen Süden und dem geistig revolutionären Norden hing die fernere Zukunft Deutschlands ab.

  Die deutsche Reformation  

Die Reformation begann 1517 mit den 95 Thesen und behauptete sich zum ersten Male auf dem Wormser Reichstag 1521. Bilderstürmer, Wiedertäufer und Bauernkrieg (1522 bis 1525) wurden niedergeschlagen und waren nicht in der Lage, die Gemüter zu verwirren, da Luther das unerschütterliche Bekenntnis zur weltlichen Obrigkeit abgelegt und in Kürze

  Karl V. und die Reformation  

Anhänger unter den regierenden Fürsten, besonders als Schutzherrn den sächsischen Kurfürsten, gewonnen hatte. Durch die Weigerung Karls V., die neue Lehre anzuerkennen, wurde die reformatorische Bewegung in die politische Bahn gedrängt. Auf dem Reichstage zu Augsburg, 1530, wurde vor aller Welt die protestantische Glaubenslehre dargelegt, in der Confessio Augustana, und im gleichen Jahre schlossen die evangelischen Fürsten das Verteidigungsbündnis von Schmalkalden. Zwei Jahre später schloß Karl V. mit ihnen den Nürnberger Religionsfrieden. Um 1540 waren die mächtigsten und bedeutendsten Fürsten Mittel- und Norddeutschlands, Wettiner, Hohenzollern, Welfen, auch die Württemberger, evangelisch geworden, und sie unterstützten sogar den Kaiser in seinem vierten Kriege [34] gegen Frankreich (1542–1544) Die deutschen Heere marschierten in Frankreich ein und erzwangen den günstigen Frieden von Crépy. Karl V. dankte es den Protestanten, indem er 1546, nach Luthers Tode, den Krieg gegen die Mitglieder des Schmalkaldischen Bundes, den sogenannten Schmalkaldischen Krieg, entfesselte, der 1547 durch die Schlacht bei Mühlberg zugunsten des Kaisers entschieden wurde. Damals mußte die besiegte Ernestinische Linie die Wettiner Kurwürde und Land gegen den thüringischen Besitz der katholischen Albertiner eintauschen.

Es schien, als habe die alte Lehre gesiegt, doch wurde im "Augsburger Interim" den Protestanten eine Gnadenfrist bis zur Entscheidung der Glaubensfrage durch das 1545 zusammengetretene Konzil von Trient gewährt. Inzwischen war Moritz von Sachsen, der "Judas von Meißen", der den Kaiser im Schmalkaldischen Kriege unterstützt hatte und dafür 1547 Kurfürst von Sachsen geworden war, auf die Seite der Protestanten übergetreten und hatte sich mit König Heinrich II. von Frankreich gegen Karl V. verbunden. An den französischen König wurde von den deutschen Fürsten für seine Unterstützung Metz, Toul und Verdun abgetreten. Fast hätte Moritz den Kaiser 1552 bei Innsbruck gefangengenommen. Drei Jahre später wurde zu Augsburg der Religionsfriede geschlossen, wodurch das protestantische Bekenntnis rechtlich dem katholischen Glauben gleichgestellt wurde und die weltlichen Fürsten nach dem Satze cujus regio, ejus religio das Recht erhielten, die Religion ihres Landes zu bestimmen. Die Niederlage der Habsburger war also das Ende dieser Entwicklung. Die kirchliche Einheit, welche noch das letzte Band der Einheit deutscher Stämme und Fürsten war, war hinüber, und indem der König bei dem Versuche, die neue Lehre zu unterdrücken, scheiterte, verlor er den letzten Schimmer seines überparteilichen Amtes als primus inter pares, und wurde, da er nun selbst Partei war als Vertreter des alten Glaubens, auf die Linie eines einfachen Territorialfürsten zurückgedrängt. Diese Entwicklung hatte sich angebahnt, als Karls Regierung sich seinem Ende zuneigte und vollendete sich in der letzten Periode des zweiten Reiches, die mit dem Westfälischen Frieden abschließt. 1556 legte Karl, ermüdet und enttäuscht, die Krone [35] nieder und ging ins Kloster. Er teilte sein Reich zwischen Bruder und Sohn und begründete so die beiden Linien der deutschen (bis 1740 bzw. 1918) und spanischen (bis 1700) Habsburger. Er hatte ein sterbendes Reich hinterlassen und starb selbst 1558.

Die vierte Periode (1556–1648) zeigt das Zurücksinken der deutschen Habsburger von ihrer Weltmacht in ihr von einer gewaltigen Glaubensrevolution erschüttertes Deutsches Reich, und darüber hinaus ihr weiteres Sinken von der Königsmacht zur reinen Territorialmacht. In weitesten Kreisen unseres Volkes waren die Gemüter aufgerüttelt worden, und die königliche Macht war nicht imstande, der Bewegung Einhalt zu gebieten. Sie zog sich in ihre böhmisch-österreichisch-ungarischen Erbländer zurück. In Scharen verließen die Mönche und Nonnen norddeutscher Gebiete ihre Klöster, die Reformation fand ihren Weg bis in die kleinsten Dörfer. Geistliche Länder wurden säkularisiert, in weltliche Herzogtümer verwandelt, allen voran bereits 1525 das deutsche Ordensland Preußen. Die katholische Kirche, welche etwa die Hälfte des deutschen Grund und Bodens innehatte, verlor einen sehr großen Teil ihrer Besitztümer. Quellen neuen Lebens begannen zu sprudeln; nicht nur das geistig-sittliche Leben, auch das nationale, wirtschaftliche, soziale wurde neu befruchtet. Die neue Welt- und Gotteserkenntnis äußerte sich im Gemeinschaftsleben durch rühriges Schaffen, nimmermüde Arbeit auf sämtlichen Gebieten des Lebens und der Kultur.

Die katholische Kirche hatte eine Abwehrorganisation gegen die Reformation eingeleitet, und das Konzil von Trient, 1545 bis 1563, begünstigte stark die Gegenreformation, die in den Händen des 1540 von Ignaz Loyola gegründeten Jesuitenordens lag. Trotzdem machte der Protestantismus in Norddeutschland starke Fortschritte. In jener Zeit sollen etwa neun Zehntel des gesamten deutschen Volkes, etwa 16 Millionen, von Rom abgefallen gewesen sein. Zwar war es nicht gelungen, Luthertum und Calvinismus zu vereinigen. Der Calvinismus, die französisch-schweizerische Form des Protestantismus und aus dem Luthertum hervorgegangen, hatte in der Pfalz festen [36] Fuß gefaßt und griff von den Niederlanden her auch nach Nordwestdeutschland über. Weihnachten 1613 trat auch der hohenzollernsche Kurfürst Johann Sigismund von Brandenburg zum Leidwesen seiner lutherischen Untertanen zur Lehre Calvins über. Die calvinischen Niederlande fielen 1581 von den spanischen Habsburgern ab, denen Karl V. den burgundischen Teil seines Reiches übergeben hatte. Die Jesuiten gründeten Pflanzstätten ihres Ordens, Klöster und Universitäten, vor allem in Süd- und Westdeutschland. Die deutschen Habsburger zeichneten sich durch Untätigkeit und Schwäche aus. 1608 hatte der Kurfürst von der Pfalz die protestantische Union zustande gebracht. Im nächsten Jahre organisierten sich die katholischen Fürsten unter der Führung Maximilians von Bayern in der Liga. Wie zur Zeit Karls V. die Wettiner, traten jetzt die beiden Linien der Wittelsbacher an die Spitze der feindlichen Lager. Der menschenscheue König Rudolf II. mußte den böhmischen Protestanten ihre Forderungen im "Majestätsbrief" bewilligen. Da die geistige Umnachtung dieses Herrschers zunahm, entthronte

Religiöse Kämpfe
  im 16. u. 17. Jahrhundert  

ihn 1611 sein Bruder Matthias, der vergeblich zwischen Union und Liga zu vermitteln suchte. 1618 brach der Dreißigjährige Krieg aus, der unseligste Bürgerkrieg, den Deutschland je erlebt hat, durch die Schuld der Habsburger. Als im folgenden Jahr Matthias starb, wählten die Böhmen den reformierten Kurfürsten Friedrich von der Pfalz zu ihrem König. Wie zu den Zeiten des Johann Hus der Lützelburger Wenzel die Unterdrückung und Verdrängung der Deutschen duldete, so wurden nun unter habsburgischem Regiment rücksichtslos die deutschen Protestanten von Haus und Hof vertrieben, und ihre Güter kamen in tschechische Hände. Dreißig Jahre lang wurde das Reich zerrüttet durch die Kämpfe der Deutschen um ihres Glaubens willen, und den Protestanten hatten sich Schweden und Frankreich verbündet zur gemeinsamen Unterdrückung des Hauses Habsburg. Wüste Heerscharen aus aller Herren Länder, Kroaten und Panduren, Spanier und Italiener, Franzosen und Schweden, tummelten und schlugen sich auf Deutschlands Fluren und verwandelten sie in Wüsten. In dem blutenden Herzen Europas strömten alle feindlichen Kräfte zusammen, um sich nicht nur [37] gegenseitig, sondern auch das deutsche Volk zu zerfleischen. Die Hälfte seiner Einwohner verlor damals Deutschland durch die Schrecken des Krieges und die in seinem Gefolge auftretende Pestilenz. Der Westfälische Friede zu Osnabrück und Münster, 1648, machte dem Morden ein Ende, und Martin Rinckarts: "Nun danket alle Gott" kam aus tiefstem Herzensgrunde des unglücklichen Volkes.

  Der Westfälische Friede  

Das Ergebnis des Westfälischen Friedens war dies: der Kampf blieb unentschieden, aber durch das Fehlen der Entscheidung hatte geistlich und geistig der Protestantismus gesiegt, politisch war das Haus Habsburg niedergeworfen, aus dem Reiche verdrängt, in seine Erblande zurückgeschreckt. Er bedeutete zwar nicht die formelle, aber die tatsächliche Auflösung des zweiten Reiches. Der Protestantismus hatte sich behauptet gemäß den Friedensschlüssen von 1552 und 1555. Das jus reformandi wurde anerkannt. Die beiden Erzbistümer Magdeburg und Bremen, dazu zwölf norddeutsche Bistümer, wurden säkularisiert, d. h. in weltliche Herzogtümer verwandelt. Man gewöhnte sich an Donau und Rhein, dies protestantische Norddeutschland, das letzten Endes in dem großen Krieg gesiegt hatte und zweihundert Jahre später dem Reiche die Erlösung brachte, gleichsam als einen verlorenen Sohn zu betrachten. Die Niederlande und die Schweiz schieden formell aus dem Reiche aus. Frankreich erhielt außer Metz, Toul und Verdun (1552) das habsburgische Elsaß, Schweden nahm Vorpommern, Bremen und Verden. Etwa 85 000 Quadratkilometer lösten sich vom Reichsgebiet. Rund 250 Fürsten, Grafen und Herren erhielten das Recht, auf eigene Faust Politik zu machen. Während Frankreich sich zu höchster politischer Machtkonzentration fortentwickelte, verwandelte sich Deutschland in einen ohnmächtigen, losen Staatenbund. Der Kaiser war tatsächlich nur noch in seinen Erblanden Herr. Pufendorf nannte zwanzig Jahre später das Reich "irregulare aliquod monstro simile", er verglich es mit einem ganz außergewöhnlichen Ungeheuer.

Es ist unrichtig, irgendein geschichtliches Ereignis als Abschluß oder als Anfang einer Entwicklung zu betrachten, es ist [38] gewöhnlich beides: Ende und Anfang. Das trifft auch für den Westfälischen Frieden zu. Er ist das Ende der Entwicklung des Protestantismus in hundert Jahren und der daraus entstandenen Kämpfe und gleichzeitig der Beginn einer neuen Reichsgründung. Zum erstenmal um die Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, in all dem Wirrwarr der Auflösung, lassen sich doch schon Spuren nationaler Sammlung erkennen, die bald stärker, bald schwächer, wie die an- und abschwellenden Harmonien einer gewaltigen Melodie anklingen, bis sie sich schließlich überwältigend über die störenden Dissonanzen emporschwingen. Vom baltischen Norden des Reiches, von der Mark Brandenburg, nahm die Verkündung der nationalen Heilslehre ihren Anfang, hier fand sie ihre Erfüllung. Aber im gleichen Maße, als die nationale Selbstbesinnung der Deutschen zunahm, wuchs der Haß Frankreichs, das für sich die Vorherrschaft Europas beanspruchte, und so dröhnt die Geschichte des dritten Reiches wider von gewaltigen Kämpfen, die mit wechselndem Erfolge zwischen Deutschland und Frankreich ausgefochten wurden.

In fünf Perioden laufen die Ereignisse des dritten, nordischen Reiches ab, und es ist interessant, wie sich auch das historische Tempo, sich dem allgemeinen Lebensgange anpassend, beschleunigt.

Die erste Periode, vier Menschenalter umfassend, füllt die Zeit von 1648 bis 1740 aus. An allen Grenzen müssen Kämpfe ausgefochten werden. Franzosen, Schweden und Türken bedrängen das Reich, das zu einem kraftlosen Vakuum herabgesunken ist.

Die zweite Periode, drei Menschenalter lang, währte von 1740 bis 1815 und bringt das erste gewaltige Aufflammen des Kampfes zwischen Nord und Süd, zwischen Preußen und Österreich, der von der französischen Revolution als einem retardierenden Moment beeinflußt wird.

Die dritte Periode, aus zwei Menschenaltern bestehend, 1815 bis 1867, versuchte die Lösung und Erfüllung des deutschen Willens zum Reiche auf gesetzmäßigem und revolutionärem Wege, bis die Entscheidung auf dem Schlachtfelde bei Königgrätz fällt.

[39] Die vierte Periode, ebenfalls zwei Menschenalter ausfüllend, 1867 bis 1918, verwirklicht das neue Deutsche Reich in seiner kleindeutschen Gestalt unter Führung Preußens und unter Ausschluß Österreichs.

Die fünfte Periode schließlich, beginnend 1918, hat aus den Trümmern des Weltkrieges ein neues Reich aufzurichten und erstrebt die großdeutsche Gestalt, indem der hilflose Rest Deutsch-Österreichs den Anschluß an das Deutsche Reich zu verwirklichen sucht.

  Franzosen- und Türkenkriege  

Wenden wir uns der ersten Periode von 1648 bis 1740 kurz zu. Im Jahre 1663 wurde der letzte Reichstag des alten Römischen Reiches Deutscher Nation eröffnet, der durch nichts besser den todähnlichen Zustand des Starrkrampfes im alten Habsburgerreich dokumentierte, als durch die Tatsache, daß man 143 Jahre lang vergaß, ihn zu schließen. Deshalb nannte man ihn, der wie einst der selige Ahasverus nicht sterben konnte, den Immerwährenden Reichstag. Erst der Napoleonische Sturm mußte ihn wegfegen. Hauptgrund seiner Eröffnung war der drohende Türkenkrieg. Achtzig Jahre fast beschäftigten die Türken jetzt die Habsburger in Ungarn. Vier lange und schwere Kriege mußten geführt werden, mit wechselndem Erfolge: 1663 bis 1664, 1683 bis 1699, 1716 bis 1718, 1737 bis 1739. Ums Jahr 1680 hatten die Türken die größte Ausdehnung ihres Reiches erlangt und konnten sogar 1683 vor Wien erscheinen. Österreich gewann in diesen Kriegen Ungarn (im Süden), Siebenbürgen, Slawonien (1699), das Banat, Serbien und die Kleine Walachei (1718), verlor aber 1739 wieder Serbien und die Kleine Walachei.

Wesentlich und unmittelbarer jedoch waren die Bedrohungen Deutschlands durch das Frankreich Ludwigs XIV. Französische Kultur hatte Deutschland, seinen Adel und sein Bürgertum, erobert und beeinflußte Kunst und Literatur. Man sprach und schrieb französisch. Der Bourbone Ludwig XIV. selbst brach mit Heeresmacht ein in die rheinischen Gebiete, einst die Stütze und das Fundament des alten Reiches, jetzt ein bedeutungsloses, lächerliches, zersplittertes und zerrissenes Vakuum. Bereits Kardinal Mazarin hatte sich in der 1658 von Erzbischof [40] Johann Philipp von Mainz begründeten Rheinischen Allianz ein williges Werkzeug geschaffen, was vorderhand ohne praktische Bedeutung war, da die Allianz nach ihrem Ablauf 1665 nicht wieder erneuert wurde. Fünf schwere Kriege von 1667 bis 1738, die insgesamt 37 Jahre ausfüllten, mußte das Reich mit Frankreich führen, davon vier mit Ludwig XIV.: 1667 bis 1668, 1672 bis 1679, 1688 bis 1697 und den Spanischen Erbfolgekrieg 1701 bis 1714. Die Reunionen 1681 (Raub Straßburgs) kennzeichneten Ludwigs Übergriffe in Friedenszeiten, und die entsetzliche Verwüstung der Pfalz durch General Mélac (Zerstörung des Heidelberger Schlosses) charakterisierten die grausame Art seiner Kriegführung. Sogar die wittelsbachischen Kurfürsten von Bayern und Köln unterstützten aktiv den Franzosenkönig, aus Rivalität gegen die Habsburger, und Ludwig versprach dem bayrischen Wittelsbacher die den Habsburgern gehörigen belgischen Niederlande als Königreich Burgund! Deshalb mußte Kaiser Joseph I. 1705 bis 1707 die Reichsacht über die beiden wittelsbachischen Kurfürsten von Köln und Bayern aussprechen! Durch den Polnischen Thronfolgekrieg 1733 bis 1738 verlor das Reich das Herzogtum Lothringen an Stanislaus Leszcynski, den französischen Scheinkönig von Polen, nach dessen Tode 1766 es an Frankreich gelangte. Der Herzog Franz Stefan von Lothringen heiratete die kaiserliche Erbtochter Maria und übernahm für den Verlust Lothringens 1737 das italienische Großherzogtum Toskana.

  Der Aufstieg Brandenburgs  

Eine wohltuende Ausnahme von diesen ganz trostlosen Zuständen machte die Markgrafschaft Brandenburg. Hier vollzog sich eine stetige Entwicklung ohne Rückschläge unter der tatkräftigen Hand des Großen Kurfürsten. 1640 hatte dieser das Regiment übernommen, und die Mark war wenig mehr als 81 000 Quadratkilometer groß. Im Westfälischen Frieden wurden Hinterpommern, Halberstadt, Minden, Kamin und Magdeburg (1680) hinzugefügt, zusammen etwa 10 000 Quadratkilometer, im Frieden von Oliva (1660) die Souveränität über Ostpreußen ohne Ermeland außerhalb des Reichsgebietes, etwa 30 000 Quadratkilometer, 1666 der endgültige Besitz von Kleve, Mark und Ravensberg, 1679 [41] ein Streifen am östlichen Oderufer, etwa tausend Quadratkilometer, so daß Friedrich Wilhelm seinem Nachfolger ein Land von etwa 112 000 Quadratkilometern Umfang hinterließ. Der Große Kurfürst kämpfte siegreich gegen die Schweden: Fehrbellin 1675, und unterstützte den Kaiser gegen die Türken. Er war der erste deutsche Territorialfürst, der 1658 die klare politische Losung aufstellte: "Gedenke, daß du ein Deutscher bist."

Brandenburg, dessen Schwerkraft zwischen Elbe und Oder lag, war nach Osten über das Reich hinausgewachsen bis zur Memel, und im Westen, an Weser und Rhein, in das alte rheinische Reichsgebiet hineingewachsen. Es war zu einer Macht geworden im baltischen Meeresgebiet, neben dem dänischen, schwedischen und jungen russischen Reiche. Im Innern hatte die starke Hand des im niederländischen Calvinismus gehärteten Fürsten eine unerschütterliche Staatsgewalt errichtet. Die ständischen Gewalten, insonderheit der Adel, der nach dem Beispiele des zerrütteten Reiches auch in den Territorien und Landesfürstentümern, vom Dreißigjährigen Kriege begünstigt, sein selbstherrliches Sonderregiment eingeführt hatte, wurde rücksichtslos zum Gehorsam gebracht. Der Große Kurfürst erzog ein Beamtentum, das ihm als obersten Herrn in Treue ergeben, keine sonderbündlerischen Interessen einzelner Gebiete kannte, sondern nur dem Staatsganzen diente. So wie der Fürst selbstlos seine Pflicht seinem Staat gegenüber erfüllte, so taten die kurfürstlichen Beamten, sich stets am Vorbild ihres Fürsten aufrichtend, unermüdlich ihre Pflicht für ihr Land, ihren Staat. Die zersplitterten Landfetzen in Ost und West und in der Mitte, zwar geographisch getrennt, wurden geistig, sittlich, politisch, administrativ zu einem einzigen, unteilbaren Ganzen zusammengeschmiedet. Friedrich Wilhelm, der Große Kurfürst, wurde durch die von Frankreich eingeführte, aber vom deutschen Geist durchdrungene Staatsform des Absolutismus zum Begründer des dritten Reiches, und es hing alles davon ab, daß er ebenbürtige Nachfolger hatte, die sein Werk ausbauten. Wie aber unterschied sich dieser brandenburgische, protestantische Absolutismus aus Pflicht von dem kursächsischen, der auch von Frankreich importiert war, aber einzig [42] und allein die genießerische Seite kultivierte! Wie anders aber war er auch als der süddeutsche Absolutismus in Österreich und Bayern, der sich auf den orthodoxen, katholisch-jesuitischen Klerus stützte und hartnäckig jede freie geistige Regung unterdrückte, die Völker in bevormundeter Unfreiheit fesselnd!

Friedrich I. und
  Friedrich Wilhelm I.  

Friedrich Wilhelms Nachfolger Friedrich erhob das außerhalb des Reiches stehende Herzogtum Preußen zum Königreich. Der zweite Schritt auf dem Wege zum neuen Reiche war getan. Seine Regimenter fochten im Pfälzischen und Spanischen Erbfolgekrieg gegen die Franzosen und unter Prinz Eugen gegen die Türken. Seine kluge Zurückhaltung im Nordischen Kriege, 1700 bis 1721, brachte seinem Staate im Stockholmer Frieden 1720 den Erwerb eines Streifens des bisher schwedischen Vorpommerns. Sachsen dagegen, das mit Polen durch Personalunion verbunden war, wurde durch seine Teilnahme am Kriege durch den Schwedenkönig Karl XII. erheblich drangsaliert.

In dem matten, kriegsmüden Menschenalter von 1715 bis 1740 speicherte Preußen unter der Herrschaft Friedrich Wilhelms I. kostbare, schier unerschöpfliche Kräfte auf. Dieser etwas brutale König saß still zu Hause, dressierte Beamte, drillte Soldaten, legte Taler um Taler im Staatsschatz zurück und erzog seine Kinder in Sparsamkeit und Gottesfurcht. Seine Vettern und Nachbarn dagegen versäumten über ihren ausländischen Herrscherpflichten ihre deutsche Heimat: die sächsischen Wettiner herrschten in Polen (1697 bis 1763), die hannoverschen Welfen in England (1714 bis 1837), und die Habsburger hatten vollauf in Ungarn zu tun. Der Soldatenkönig tat den dritten Schritt zum neuen Reiche, indem er den Kampf Preußens mit Österreich um die Macht und die Großmachtstellung Preußens vorbereitete.

  Friedrich der Große  

Die zweite Periode dieses Abschnittes deutscher Geschichte wird eingeleitet durch den Regierungsantritt Friedrichs des Großen, 1740. Dieser Monarch, aufgewachsen in der harten Schule seines Vaters, des Soldatenkönigs, tat den vierten Schritt zum neuen Reiche, indem er in drei schweren Kriegen seinem [43] Staate den Platz als fünfte Großmacht Europas neben Österreich, Frankreich, England und Rußland erkämpfte. Er liebte das Leben um seiner geistigen Genüsse willen, wie ein Kind seiner Zeit, und verachtete es um der Pflicht willen, wie ein Stoiker der Antike. In seiner Kultur ganz und gar Franzose, war er seinem Wesen nach einer der edelsten Deutschen. Er spottete über Gott und seine Diener, weil es zum guten Ton der französischen Schöngeisterei gehörte, er beugte sich demütig vor Gott, weil es die Stimme seines deutschen Gewissens verlangte. Im Jahre 1740 eröffnete er gegen Maria Theresia, die gemäß der Pragmatischen Sanktion ihrem Vater Karl VI. auf dem Kaiserthron gefolgt war, den Krieg und fügte nach zweimaligem Waffengange 1740 bis 1742 und 1744 bis 1745 seiner Monarchie die wohlhabende und zukunftsreiche Provinz Schlesien zu. Nebenher ging der österreichische Erbfolgekrieg, 1740 bis 1748, der Frankreich, Sachsen und Bayern, alle Gegner Habsburgs, an Friedrichs Seite führte für die Kaiserkandidatur Karls VII. Albrecht von Bayern. Im Frieden von Dresden verlor Maria Theresia 1745 an Preußen Schlesien und im Frieden von Aachen 1748 opferte die Kaiserin Parma, Piacenza und Guastalla um den Preis der Zurückziehung von Karls VII. Kandidatur.

Der Siebenjährige Krieg, in dem Friedrich das "praevenire" spielte, 1756 bis 1763, wuchs sich zu einem allgemeinen europäischen Kriege aus. An der Seite Englands behauptete sich Preußen siegreich gegen die Koalition des Grafen Kaunitz, Österreich, Frankreich und Rußland, in welcher die von Friedrich verspotteten Frauen, die Kaiserin, die Pompadour und die Elisabeth Politik machten. Die Mühen und Sorgen des Königs wurden belohnt: sein Staat wurde nicht zertrümmert, wie man hoffte und glaubte, er behauptete Schlesien und errang seiner Monarchie die Großmachtstellung. 1772 vereinigten sich Österreich und Preußen zur ersten Teilung Polens, wodurch Preußen Ermeland, Westpreußen und den Netzedistrikt, 36 000 Quadratkilometer, und Österreich Galizien bekam. Als fünf Jahre später Maximilian Joseph von Bayern kinderlos gestorben war, erhob Joseph II., Sohn der Maria Theresia und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, Anspruch auf das Land der Wittelsbacher. Friedrich [44] jedoch war stark genug, als Schirmherr anderer deutscher Fürsten gegen Habsburg aufzutreten; erfolgreich verteidigte er im unblutigen Bayrischen Erbfolgekriege (Kartoffelkrieg) 1778 die Rechte Karl Theodors von Pfalz-Sulzbach auf Bayern. Als der Kaiser 1784 nochmals versuchte, Bayern durch Tausch gegen Belgien zu erwerben, verhinderte dies der preußische König durch Gründung des Fürstenbundes, welchem Sachsen, Hannover, Anhalt, Mecklenburg, Mainz u. a. Staaten beitraten. Es war der erste Versuch dauernder Einigung deutscher Fürsten unter Preußens Führung. Die tatkräftige Verteidigung deutscher Fürsteninteressen gegen habsburgische Habgier erweckte im übrigen "Reiche" viele Sympathien für Friedrich. 1786 starb der König, nach einem langen Leben, das mit Arbeit, Mühen, Sorgen und großen Erfolgen gesegnet war. Es war den Deutschen im Norden ein neuer Polarstern aufgegangen, zu dem sie gläubig und hoffend ihre Augen erhoben.

Preußen war im allgemeinen ein nüchterner Staat, und wenig Poesie vermochte auf seiner spröden Flur zu blühen. Den harten und strengen Glauben an die Pflicht verkündete im fernen Königsberg Immanuel Kant, und sein Ethos war der ins praktische Leben übertragene Protestantismus. Friedrich tat wenig für die deutsche Kultur, er stand ihr zu fern. Dem imposanten, schweren deutschen Barock in der Kunst der Bildhauer und Dichter war das zierliche französische Rokoko gefolgt, und der Lebensgenuß war das höchste Evangelium des Volkes. Aber durch seine Persönlichkeit beeinflußte der König die geistigen Strömungen des Volkes, und im fernen Norden, wo die Wiege des Ernst Moritz Arndt stand, auf dem schwedischen Rügen, und im lebensfreudigen Frankfurt im Rheingebiet, wo der behäbige Rat Goethe seinen Sohn erzog, bewunderte man den Helden von Berlin. Es begann sich im deutschen Bürgertum ein nationales Bewußtsein zu entwickeln, das seine Blicke mehr und mehr konzentrisch nach der preußischen Hauptstadt richtete. Hoffnungen, welche Habsburg enttäuscht hatte, begann Hohenzollern aufs neue zu wecken.

  Die Französische Revolution  
und Napoleon

Kaiser Joseph II. war 1790 gestorben, und ein Jahr vorher begann in Frankreich die Revolution, welche nun fünfundzwanzig Jahre lang maßgebenden Einfluß auf Deutschland [45] hatte. Österreich und Preußen waren gezwungen, zu gemeinsamer Abwehr französischer Angriffe zusammenzustehen, und die nationale Bewegung kam vorläufig ins Stocken. Drei Koalitionskriege, 1793 bis 1797, 1798 bis 1801 und 1805, brachten dem Reiche schwere Verluste. Im Frieden von Basel, 1795, und Campo Formio ging das ganze linke Rheinufer verloren, und die Friedensschlüsse von Lunéville, 1801, und Preßburg, 1805, bestätigten diese Verluste. Österreich aber verlor Italien. Für ihre Verluste hielten sich die beiden Großmächte Preußen und Österreich gemeinsam mit Rußland schadlos durch die zweite und dritte Teilung Polens 1793 und 1795, ein Verfahren der Selbstbereicherung, das die deutschen Groß- und Mittelstaaten 1803 durch den Reichsdeputationshauptschluß auf das gesamte Reichsgebiet anwendeten und zahllose kleine Fürsten, Grafen, Herren und Reichsstädte zugunsten der größeren Territorien mediatisierten, der Reichsunmittelbarkeit beraubten, d. h. einfach verschluckten. Der Zusammenbruch Österreichs, 1805, hatte die formelle Auflösung des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1806 zur Folge, dieses Reiches, das seit den Tagen Ottos des Großen dem deutschen Volke seine unglückliche Form aufgezwungen hatte.

Nach den unglücklichen Schlachten von Jena und Auerstedt war auch Preußen für den Untergang reif. Im Frieden von Tilsit mußte es sein ganzes, westlich der Elbe gelegenes Gebiet an Napoleon abtreten, der es als Königreich Westfalen seinem Bruder Jerôme übergab (Residenz Kassel). Der französische Kaiser stellte neben die beiden Großmächte Österreich und Preußen den Rheinbund, das dritte Deutschland, "la troisième Allemagne", in welchem die deutschen Mittel- und Kleinstaaten vereinigt waren. Es gehörten ihm an vor allem das Königreich Westfalen und die zu Königreichen beförderten Staaten Sachsen, Bayern, Württemberg und Baden, welches ein Großherzogtum geworden war. Und dieser Rheinbund war mit Frankreich aufs engste verbündet. Es schien, als sollten scharf und tief die alten Trennungslinien zwischen den drei geographischen und historischen Mittelpunkten deutscher Geschichte aufs neue gezogen werden.

Niemand hätte es für möglich gehalten, daß Preußen sich [46] von seiner Katastrophe erholen könnte, am allerwenigsten die Franzosen. Und dennoch kam es zur Erhebung. Anderthalb Jahrhunderte großer Geschichte hatten genügt, um im Staate der Hohenzollern eine derart starke sittliche Willenskraft groß werden zu lassen, daß sie nicht nur den magnetischen Anziehungspunkt für die edlen Geister ganz Deutschlands bildete, sondern es diesen auch sehr erleichterte, ihren Willen dem Volke, der breiten Masse aufzudrücken. Aus der Fülle der großen Ereignisse aus jener Zeit seien nur einige genannt: die Errichtung des humanistischen Gymnasiums, die Begründung der Universität Berlin, die Bauernbefreiung, die Selbstverwaltung der Städte, die Gewerbefreiheit, die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht. Jedes Einzelwesen wurde befreit, alle sittlichen Kräfte des Volkes wurden gelöst und auf ein großes, edles Ziel gerichtet: die Befreiung. Als dann Napoleon 1812 in Rußland von seinem Schicksal ereilt wurde,

  Befreiungskriege  

trug Preußens emsige reorganisatorische Tätigkeit ihre Früchte. Mit Österreich und Rußland zusammen – England schloß sich später auch an – führte der preußische Staat die siegreichen Befreiungskriege, welche Napoleons Sturz brachten und durch den Wiener Kongreß 1815 beendet wurden. Preußen verlor zwar große Teile der Gebiete aus der zweiten und dritten polnischen Teilung, erhielt aber Zuwachs am Rhein und in der nördlichen Hälfte Sachsens. Sein Gebiet war auf etwa 280 000 Quadratkilometer angewachsen, wurde aber durch den welfischen und wettinischen Besitz zwischen Weser, Elbe und Saale geteilt.

Indem Preußen gegen Napoleon seine Stärke und seinen Lebenswillen bewiesen hatte, tat es einen weiteren Schritt zur Herbeiführung eines nationalen Deutschen Reiches. Noch aber beanspruchte Österreich die Führung in Deutschland, und Preußen, das immer noch ein absolutistischer Staat war, hatte ohne den Beistand und erklärten Willen seines Volkes nicht die Kraft, Österreich die Führung streitig zu machen. Das Reich war nicht mehr, und es mußte irgendeine neue Form des politischen und nationalen Zusammenschlusses gefunden werden. Durch die Bundesakte vom 8. Juni 1815 war der Deutsche Bund geschaffen worden, der die gemeinsame Politik [47] Preußens, Österreichs und der anderen deutschen Staaten bestimmen sollte. Die Existenz des Deutschen Bundes, 1815 bis 1866, beherrscht die dritte Periode in der Geschichte des neuen Reiches.

  Der Deutsche Bund  

Der Deutsche Bund umfaßte ein Gebiet von 630 100 Quadratkilometern und hatte im Osten die Grenze von 1466, die mit dem Odergebiet zusammenfällt. Die drei preußischen Provinzen Posen, West- und Ostpreußen gehörten ihm nicht an, und im Westen war Belgien, das mit den Niederlanden vereinigt worden war, ausgeschieden. Elsaß-Lothringen war französisch geblieben, aber Luxemburg schloß sich dem Bunde an. Schleswig war ausgenommen, und von den habsburgischen Ländern fehlten Galizien, Ungarn und Italien. Ein Kaiserreich, Österreich, fünf Königreiche, Preußen, Bayern, Sachsen, Hannover und Württemberg, achtundzwanzig Monarchien und vier freie Reichsstädte gehörten zum Bunde.

Interessant war die Kräfteverteilung, die folgendermaßen aussah:

Österreich: 197 573 qkm Umfang mit 9 120 000 Einwohnern
Preußen: 185 496     "         "       " 7 617 000         "
Rest: 247 031     "         "       " 12 431 500         "

Zusammen: 630 100 qkm Umfang mit 29 168 500 Einwohnern

  Reaktion und Revolution  

Das Volk jedoch war mit dieser Regelung der deutschen Frage nicht einverstanden und wollte selbst tatkräftig an einer befriedigenden Lösung mitarbeiten. Es entspann sich nun der Kampf zwischen Reaktion und Revolution, der schließlich um 1850 mit der Begründung konstitutioneller Monarchien endete. Die Fürsten wollten an ihrem Absolutismus festhalten, während das gebildete Volk Verfassungen und nationale Einheit forderte. Als ein Hort der Reaktion bildete sich das Österreich der Habsburger heraus, und so vollendete sich der Gang seines Schicksals. Wie das Haus Habsburg sich dreihundert Jahre zuvor der geistlichen Freiheit, der Reformation widersetzte und deswegen 1648 seiner Macht im Reiche entkleidet wurde, so war es im neunzehnten Jahrhundert ein Gegner der politischen Freiheit und mußte deshalb an jeder Teilnahme bei Wiederaufrichtung des neuen Reiches 1866 verzichten. 1648 [48] und 1866 waren die beiden Etappen der Befreiung Deutschlands vom Hause Habsburg, es waren aber gleichzeitig die beiden Etappen der Vollendung Preußens – und aus beiden, dem absteigenden südlichen und dem aufsteigenden nördlichen Entwicklungsgange, bildete sich das nationale Deutsche Reich 1871.

Als Träger des Verfassungsgedankens und der Reichsidee kam vor allem die akademische Jugend in Frage, die an den Befreiungskriegen teilgenommen hatte. Das fortschrittliche Großherzogtum Sachsen-Weimar verkündete bereits 1816 eine Verfassung. Hier fand auch 1817 auf der Wartburg bei Eisenach das Burschenfest statt, und im folgenden Jahre entstand an der ebenfalls weimarischen Universität Jena die "Allgemeine Deutsche Burschenschaft". Da kam die tragische Komplikation: 1819 wurde Kotzebue, ein Knecht der Reaktion, durch den Studenten Sand ermordet. Jetzt faßten unter Österreichs Führung die Regierungen die Karlsbader Beschlüsse. Durch die harten Maßnahmen der Obrigkeit erreichte die "revolutionäre" Bewegung zunächst ihr Ende, bis, angestachelt durch die französische Julirevolution 1830, neue Ausbrüche erfolgten: 1832 Hambacher Fest, 1833 Frankfurter Putsch. Zwar machte sich nun die 1833 dem Deutschen Bunde angegliederte Bundeszentralkommission durch ihre "Demagogenverfolgungen" äußerst unbeliebt, aber immerhin erhielten die Königreiche Sachsen und Hannover ("Staatsgrundgesetze") eine Verfassung. Als 1837 Ernst August den hannoverischen Thron bestieg, versuchte er, die Verfassung zu beseitigen. Sieben mutige Professoren der Universität Göttingen, unter ihnen Dahlmann und Grimm, standen treu zur Verfassung und protestierten. In Preußen wurde 1847 aus den einzelnen Provinzialständetagen der erste Vereinigte Landtag gebildet.

  Die französische Revolution 1848  

Da brach im Februar 1848 die Revolution in Paris aus. Mächtig war der Widerhall, den sie in Deutschland auslöste, besonders da die jetzt hervortretende, vom französischen und russischen Nihilismus (Bakunin) geschaffene und tief ins Kleinbürgertum und Proletariat hineingreifende radikal-revolutionäre Strömung hauptsächlich in Berlin und Wien bis zu Barrikadenkämpfen schritt. In Baden und Württemberg wur- [49] den liberale Ministerien gebildet. Die gemäßigte, akademisch begründete nationalpolitische Strömung hatte die Oberhand. Sie berief das Frankfurter Parlament, das vorzugsweise aus Gelehrten (z. B. Arndt, Uhland, Grimm, Dahlmann u. a.) bestand, während Landwirtschaft und Gewerbe nur schwach vertreten waren. Wenn dieses, von den Regierungen boykottierte Parlament nichts leistete, soll man es nicht schmähen. Es hat dennoch seine historische Bedeutung und seinen Anteil an der Reichsgründung, denn es verkündete kühn die Forderung, daß man ein Deutsches Reich unter Ausschluß Österreichs gründen müsse, wenn das Haus Habsburg sich weiterhin weigere, den Wünschen des Volkes entgegenzukommen. Diese unter Heinrich von Gagerns Führung bald vorherrschende sogenannte "kleindeutsche" Richtung mußte mit zwingender Notwendigkeit ihre deutschen Hoffnungen an Preußen knüpfen, und so wurde dem Hohenzollern Friedrich Wilhelm IV. die deutsche Kaiserkrone 1849 angeboten. Doch der König, der am 5. Dezember in seinem Staate die oktroyierte Verfassung verkünden ließ, lehnte ab, und am 18. Juni 1849 ging das Parlament auseinander.

  "Dreikönigsbündnis"  

Friedrich Wilhelm IV., beeinflußt von den Frankfurter Ideen, wollte auf eigene Faust die verfassungsmäßige Einigung Deutschlands herbeiführen und gründete zu diesem Zwecke 1849 mit Sachsen und Hannover das "Dreikönigsbündnis", die Union. Trotzdem Sachsen und Hannover aus Eifersucht gegen Preußen bald wieder ausschieden, berief Preußen 1850 ein Unionsparlament nach Erfurt, das jedoch bald auf unbestimmte Zeit vertagt wurde und nicht wieder zusammentrat. Österreich zwang nun Preußen in der Olmützer Punktation, sämtlichen Unionsplänen zu entsagen. Der Deutsche Bund wurde wieder zum Leben erweckt, und die revolutionäre Ära hatte ihr Ende erreicht.

Inzwischen hatte der Deutsche Bund den mißglückten Versuch unternommen, Schleswig zu gewinnen. Christian VIII. von Dänemark hatte in seinem "offenen Brief" verlangt, daß Schleswig, entgegen der Zusage Christians I. 1460, daß die beiden Elbherzogtümer Schleswig und Holstein auf ewig ungeteilt bleiben sollten, insofern mit Dänemark vereinigt wer- [50] den sollte, als auch hier die weibliche Erbfolge in der Regierung, wie in Dänemark, gültig sein sollte. Dieses Dekret bedeutete aber ein Auseinanderreißen beider Herzogtümer, und der Deutsche Bund warf sich zu deren Beschützer 1848 auf. Aber infolge innerer Zwietracht wurde der Krieg verloren. 1850 mußte Preußen zugleich im Namen des Deutschen Bundes zu Berlin Frieden schließen mit Dänemark, worin die Elbherzogtümer den Dänen ausgeliefert wurden. Das Londoner Protokoll von 1852 verschaffte diesem Frieden die Garantie der Großmächte.

Die Entwicklung der deutschen Dinge befriedigte niemand, und Friedrich Rückerts Sehnsucht nach der Wiederkehr Kaiser Friedrich Barbarossas aus dem Kyffhäuser, um das Deutsche Reich aufzurichten, blieb unerfüllt, denn noch flogen die alten Raben deutscher Zwietracht um den ehrwürdigen Berg. Doch auf einem Gebiete wenigstens bahnte sich die Einigung Deutschlands an: auf wirtschaftlichem. 1818 hatte Preußen ein Zollgesetz erlassen. Zehn Jahre später schlossen Bayern und Württemberg einen Zollbund, Preußen und Hessen taten dasselbe, während sich unter Sachsens Führung Hannover, Braunschweig, Bremen und Frankfurt zum Mitteldeutschen Handelsverein verbanden. Am 1. Januar 1834 schließlich trat der Preußisch-Süddeutsche Zollverein unter Ausschluß Österreichs in Kraft, dem sich in den nächsten Jahren die mitteldeutschen Staaten anschlossen.

  Bismarck  

Otto von Bismarck, der märkische Landjunker, trieb eine weise Politik. Von ihm strahlte eine Energie aus, die bereits in den fünfziger Jahren Preußen vorbereitete, die politische Führung Deutschlands zu übernehmen. Die in Olmütz geschaffene Grundlage nahm er als gegeben hin, denn eine vielleicht mit Waffengewalt versuchte Änderung mußte von vornherein in ihrem Erfolg mindestens als zweifelhaft angesehen werden. Deswegen war es das Richtige, wenn man sich Österreich erst einmal auf dem Schlachtfelde schwächen ließ. Das Reich der Habsburger wurde in den Krimkrieg, 1853 bis 1856, und in den italienischen Krieg, 1859, verwickelt. Preußen blieb neutral und wehrte Napoleons III. Wünsche ab, der sich schon lange auf die Rolle des lachenden Dritten freute und [51] sich für seine gehabten Mühewaltungen durch "Kompensationen" auf linksrheinisch-deutschem Gebiete zu entschädigen gedachte. Auch durchkreuzte Bismarck den Plan des argwöhnisch gewordenen Österreichs, auf dem Fürstentag zu Frankfurt 1863 eine Reform des Deutschen Bundes durchzuführen und 1864 einen österreichisch-deutschen Zollverein zu begründen.

Trotz schwerer Konflikte zwischen Bismarck und den Liberalen wurden den Dänen im siegreichen Kriege von 1864 die beiden umstrittenen Elbherzogtümer abgenommen. Als der preußische Ministerpräsident zwei Jahre später, in seinem eigenen Lande grimmig gehaßt und angefeindet, zum siegreichen Entscheidungskampfe gegen Österreich auszog, gewann er die öffentliche Meinung Deutschlands durch ein höchst revolutionäres, den Tagen von 1848 entlehntes Mittel, er verhieß die Einberufung eines auf Grund des allgemeinen, gleichen und direkten Wahlrechtes gewählten Nationalparlamentes. Süddeutschland, Sachsen und Hannover fochten für Österreich. Der maßvolle Friede von Prag brachte Österreich keine territorialen Verluste, sondern nur die Bedingung, aus dem Deutschen Bunde auszuscheiden. Preußen selbst rundete sich ab, indem es Schleswig-Holstein, Hannover, Kurhessen, Nassau und Frankfurt am Main annektierte. Sein Gebiet hatte jetzt einen Umfang von 350 000 Quadratkilometern. – Das Ereignis von 1866 war ein Gottesurteil. Das Haus Habsburg, das vierhundert Jahre das Reich in Zwietracht und Unfrieden regiert hatte, das Geschlecht auf Geschlecht die nationalen Hoffnungen des Volkes enttäuscht hatte, war als unfähig und unwürdig ausgeschlossen worden, bei der Neugestaltung des Reiches mitzuwirken. Das Ergebnis war für die Deutschen, die von dieser Dynastie beherrscht wurden, ein hartes Schicksal, waren sie doch nun politisch getrennt von ihren Brüdern im alten Reichsgebiet. Bismarck suchte zwar später durch seine Bündnispolitik die Kluft zu überbrücken; aber der Fluch von Millionen vergangener Geschlechter, der auf dem Hause Habsburg lastete, traf vierzig Jahre später in voller Schwere auch das Deutsche Reich.

  Das neue Kaiserreich  

Die Eifersucht Österreichs gegen Preußen, die solange hem- [52] mend auf die Erfüllung des Reichswillens eingewirkt hatte, war beseitigt, und Bismarck konnte ungesäumt die Arbeit der Reichsgründung beginnen. So wird die vierte Periode, 1867 bis 1918, erfüllt von dem neuen Deutschen Reiche auf der Höhe seiner Macht unter dem Kaiserzepter der preußischen Hohenzollern. Zunächst gründete Bismarck den Norddeutschen Bund, dessen 1867 zusammengetretener Reichstag nach dem versprochenen Wahlrecht gewählt worden war. Die Einigung mit Süddeutschland erfolgte zunächst auf wirtschaftlicher Basis durch Schaffung eines Zollparlamentes, 1868, und durch Abschluß geheimer Militärbündnisse, bis der infolge der Neubesetzung des spanischen Thrones durch Frankreichs Herausforderung ausgebrochene Deutsch-Französische Krieg 1870 die günstige Gelegenheit zur Proklamation des Deutschen Kaiserreiches am 18. Januar 1871 in Versailles brachte. Der König von Preußen vereinigte von nun an als Deutscher Kaiser Nord- und Süddeutschland. Preußen aber blieb die Stütze, der Eckstein des Reiches. Das Reich umfaßte 540 000 Quadratkilometer, da Elsaß-Lothringen den Franzosen wieder abgenommen worden war, und fast zwei Drittel dieser Fläche gehörten zu Preußen.

Wenn auch die Einigung Deutschlands vom Volke mit großer Genugtuung aufgenommen wurde, so wurde doch von vielen das betonte Gottesgnadentum des Kaisers als ein dem deutschen und protestantischen Geiste Fremdes empfunden. Wohl hatte die Gnade Gottes den jahrhundertelangen Traum der Deutschen erfüllt, aber nach der Entwicklung des neunzehnten Jahrhunderts war es nicht angebracht, dem Gottesgnadentum jenen barocken Sinn des absolutistischen Friedrich unterzulegen, als er sich am 18. Januar 1701 in Königsberg zum König von Preußen krönte. Auch die Zeiten Friedrich Wilhelms IV. waren unwiederbringlich dahin. Wohl hing im Dichten und Trachten des Volkes ein romantischer Schimmer über der Sehnsucht nach der Kaiserherrlichkeit der Hohenstaufen, aber mit dem Augenblicke seiner Verwirklichung trat der Kaisergedanke in die rauhe Wirklichkeit eines nüchternen Zeitalters, das sich eher für ein Berufskaisertum als für ein Gottesgnadenkaisertum erwärmen konnte. Nach alledem, was [53] ich oben über das Wesen des deutschen Königtums in der ersten Epoche deutscher Reichsgeschichte gesagt habe, entsprach die von Bismarck bereits in dem Ausdruck "Deutscher Kaiser" ausgeprägte nüchterne Auffassung am ehesten dem im innersten Kern republikanischen Wesen der Deutschen. Die Tatsache, daß es dem dritten Kaiser nicht gelang, gewisse romanische und romantische Schlacken aus der Zeit des Absolutismus von der Vermischung mit der Kaiserwürde fernzuhalten, war immerhin ein gewichtiger Grund, daß ein großer Teil unseres Volkes, nicht nur Sozialdemokraten, sondern auch das liberale Bürgertum, bei dem Gedanken an das "Kaisertum von Gottes Gnaden" fröstelte, ja offen oder geheim darüber spottete. –

  Innere Kämpfe im neuen Reich  

Innere Erschütterungen, von Preußen herkommend, blieben dem jungen Reiche nicht erspart. Der Kampf mit der katholischen Kirche, der Kulturkampf, zog sich in seinen verschiedenen Etappen anderthalb Jahrzehnte hin: 1872 bis 1887, und verstimmte den katholischen Teil der Bevölkerung gegen den protestantischen König von Preußen, der zugleich Deutscher Kaiser war. Aus ihm entsprang das Gesetz über die Aufhebung des Jesuitenordens 1872 und das Zivilehegesetz vom Oktober 1874. Ein zweiter innerer Gegner erwuchs der Monarchie in der sozialistischen Bewegung, welche, den nationalen Einschlag Lassalles beiseiteschiebend, ganz in das radikale Fahrwasser des Marx und Engels und ihrer Epigonen, Bebel und Liebknecht, geriet. Nach zwei Attentaten auf Kaiser Wilhelm I. am 11. Mai und 2. Juni 1878 wurde das Sozialistengesetz geschaffen, das 1880, 1884 und 1888 verlängert wurde. Ein großer Streik im Ruhrgebiet 1889 wurde gegen Bismarcks Willen von der Regierung durch weiteres Entgegenkommen beigelegt. Aber neben dieser Abwehr feindlicher Einflüsse leistete das Reich unter Bismarcks Leitung eine gewaltige Aufbaugesetzgebung, von der außer den Justizgesetzen 1876 und dem Reichsmilitärgesetz 1880 besonders die den Arbeiterschutz betreffenden Gesetze zu nennen sind: 1883 Gesetz über die soziale Krankenversicherung, 1884 über Unfallversicherung, 1889 über Alters- und Invalidenversicherung. Für die "Reichslande" Elsaß-Lothringen wurde 1872 die deutsche Universität [54] Straßburg eröffnet. Die innere Kolonisation in den ehemals polnischen Provinzen Posen und Westpreußen wurde durch das Ansiedlungsgesetz von 1886 außerordentlich belebt. Seit 1882 erwarb das Reich auch überseeische Kolonien. Die Deutsche Kolonialgesellschaft hatte sich gegründet. 1884 wurden Südwestafrika, Kamerun und Neuguinea unter Reichsschutz gestellt, 1885 Ostafrika. Aber die Welt war bereits vergeben und verteilt, und so kam es, daß Deutschlands Kolonialreich weit hinter demjenigen Englands und Frankreichs zurückblieb.

  Friedenspolitik  

In der Erkenntnis der inneren Spannungen, Schwächen und Feindschaften war Bismarcks Außenpolitik ganz ausschließlich auf die Erhaltung des Friedens gerichtet. Eine 1875 auftauchende Kriegsgefahr im revanchelüsternen Frankreich wurde glücklich überwunden. Im Berliner Kongreß, drei Jahre später, fiel Deutschland die Rolle des Schiedsrichters in Osteuropa zu, wodurch sich Rußland verstimmt zeigte. 1879 wurde das Österreichisch-Deutsche Bündnis geschlossen, das 1882 durch Italiens Zutritt zum Dreibund erweitert wurde. Nachdem bereits 1881 ein Vertrag zwischen Deutschland, Österreich-Ungarn und Rußland zustande gekommen war, wurde 1887 der Rückversicherungsvertrag mit Rußland abgeschlossen. Allerdings gelang es Bismarck nicht, einen ähnlichen Vertrag mit England zu erreichen. Durch ein kluges Bündnissystem mit Rußland, Österreich und Italien suchte der Kanzler dem jungen Reiche nicht nur Schutz vor Frankreichs Angriffslust zu verschaffen, sondern ihm auch die Gefahr eines Zweifrontenkrieges zu ersparen. Am 20. März 1890 wurde Bismarck entlassen.

Die neue Phase der deutschen Geschichte wurde innenpolitisch durch das große Arbeiterschutzgesetz vom 1. Juni 1890 eingeleitet. Ein zweites bedeutendes Ereignis war die Einführung des deutschen Bürgerlichen Gesetzbuches im Juli 1896. Kaiser Wilhelm II., der 1888 die Regierung übernommen hatte – sein Vater Friedrich hatte nur drei Monate nach dem Tode Kaiser Wilhelm I. am 9. März 1888 regiert –, wandte seine Sorgfalt besonders der Kriegsflotte zu. Ihr Ausbau begann 1897, als Tirpitz zum Staatssekretär des Reichsmarine- [55] amtes berufen und nachdem 1895 der Nordostseekanal eröffnet worden war. Da die Sozialdemokratie im Reichstag unter Bebels und Liebknechts Führung stark angewachsen war, hatte die Regierung bei Gesetzesvorlagen über Heer und Flotte mit starken Widerständen der oppositionellen Parteien: Sozialdemokratie, Freisinn und Zentrum zu kämpfen.

Der Friedenswille
  des deutschen Kaisers  

Die äußere Politik war nach wie vor auf die Erhaltung des Friedens gerichtet, wenn auch mit untauglichen Mitteln. Kaiser Wilhelm II. mag viele Fehler begangen haben, in einem Punkte steht er rein vor der Geschichte da: er war unschuldig am Weltkrieg und seinem Ausbruch. Die Nichterneuerung des Rückversicherungsvertrages trieb Rußland seit 1891 in die Arme Frankreichs. Durch das Krüger-Telegramm des Kaisers an den aufständischen Burenführer wurde England erbittert. Dies fühlte sich noch besonders durch die deutschen Flottenverstärkungen bedroht, so daß am 11. September 1897 die Saturday Review geradezu schreiben konnte: Germaniam esse delendam. Trotzdem lehnte Deutschland 1900 den russischen Vorschlag ab, dem englischen Vorgehen in Südafrika gemeinsam entgegenzutreten. Nachdem das Reich 1897 Kiautschou besetzt hatte, beteiligte es sich 1900 mit den anderen Mächten an der Niederwerfung des Boxeraufstandes in China. 1904 bis 1906 wurde ein Herero-Aufstand in Deutsch-Südwestafrika unterdrückt.

Friedenswille
  trotz Zickzack-Kurs  

Den Zickzackkurs der deutschen Politik nahm das Ausland zum Vorwand, um sich gegen Deutschland und seinen Verbündeten, Österreich-Ungarn, zusammenzuschließen. Aber die Gründe lagen viel tiefer: Frankreichs Haß, Rußlands Panslawismus und Englands Angst führten diese drei so verschiedenartigen und von so viel Gegensätzen gegeneinander beherrschten Großmächte im Vernichtungswillen gegen das junge und starke Deutsche Reich zusammen. Das Jahr 1904 brachte die englisch-französische Verständigung über Ägypten und Marokko und den Abschluß eines Bündnisses beider Mächte, der Entente Cordiale, welche der englische König Eduard VII. 1908 durch Hinzuziehung Rußlands zum Dreiverband erweiterte. Der "Panthersprung" nach Agadir am 1. Juli 1911 rief in Paris große Erregung hervor, die noch durch eine kriegs- [56] drohende Rede Lloyd Georges in London am 21. Juli geschürt wurde. Im folgenden Jahre bildete sich unter Rußlands Protektorat der gegen die Türken und Österreich gerichtete Balkanbund, und trotzdem um die gleiche Zeit der Dreibund erneuert wurde, hatte sich bereits seit 1902 Italien Frankreich zugewendet. So war im Jahre 1912 die Einkreisung und Isolierung der verbündeten Mächte Deutschland und Österreich tatsächlich beendet.

  Der Weltkrieg  

Die beiden Balkankriege 1912 und 1913 hatten vorläufig örtlichen Charakter und richteten sich gegen die Türkei. Jedoch in der Linie ihrer Fortsetzung lag die Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers Franz Ferdinand in Serajewo am 28. Juni 1914, wodurch am 1. August 1914 der Weltkrieg gegen Deutschland und seine Verbündeten entfesselt wurde. Trotz der unvergleichlichen deutschen Heldentaten auf allen Kriegsschauplätzen schien der im Jahre 1915 einsetzende Stellungskrieg den Kampf ins Unabsehbare zu verlängern. Alle Kräfte des von den Feinden blockierten und dem Hunger preisgegebenen Volkes wurden aufs äußerste angespannt. Da durch den russischen Krieg die Kräfte Polens freigeworden waren, sahen sich Deutschland und Österreich gezwungen, am 5. November 1916 das Königreich Polen zu errichten. Am 2. Dezember 1916 nahm der Deutsche Reichstag das Gesetz über den Vaterländischen Hilfsdienst an. Ein Friedensangebot der Mittelmächte vom 12. Dezember 1916 wurde höhnisch von der Entente abgelehnt, man wollte Deutschland durch die Blockade aushungern und in den Zusammenbruch treiben.

Am 21. November 1916 war Kaiser Franz Joseph von Österreich-Ungarn gestorben. Sein Nachfolger Kaiser Karl war schwach und unreif und stand unter dem Einfluß seiner Gemahlin Zita von Bourbon und Parma und deren Mutter, der Herzogin von Parma. Das Haus Parma war ententefreundlich und verleitete den Kaiser zu Sonderfriedensbestrebungen, zu Abfall und Verrat an seinem deutschen Bundesgenossen. So brachte die Jahreswende 1916–1917 zugleich den Wendepunkt des Weltkrieges zu Deutschlands Ungunsten.

Im Januar 1917 wurde, viel zu spät, der uneingeschränkte U-Boot-Krieg angekündigt, wodurch sich die Vereinigten Staa- [57] ten von Amerika zum Eintritt in den Krieg gegen Deutschland veranlaßt sahen. Frankreich, England und Rußland indessen vereinbarten die Aufteilung des linksrheinischen Deutschland. Die Kerenski-Revolution in Petersburg am 14. März brachte Deutschland keine Erleichterung, da die Menschewiki den Krieg nach wie vor fortsetzten. Das Starkwerden der inneren Kriegsgegner, der Demokratie, des Zentrums, der Sozialdemokratie, fand seinen Ausdruck in der am 19. Juli 1917 im Reichstag angenommenen Resolution eines Friedens der Verständigung und Versöhnung der Völker. Zwar brachte die bolschewistische Revolution Anfang November in Rußland der deutschen Westfront vorübergehende Erfolge, jedoch nach diesem kurzen Hoffnungsschimmer ging es seit dem Juli 1918 rapide bergab. Die innere Front war schon längst zusammengebrochen, jetzt brach auch das letzte Bollwerk des Deutschen Reiches, die militärische Front, zusammen, nachdem Deutschlands Bundesgenossen bereits die Waffen niedergelegt hatten. Der Zusammenbruch des Heeres riß auch die Monarchie in seinen Strudel, und am 10. November floh der Kaiser nach Holland. Deutschland war Republik, und eine neue Periode seines mit Leiden und Qualen reichgesegneten Daseins hub an: die Geschichte unserer Zeit.



Geschichte unserer Zeit
Dr. Karl Siegmar Baron von Galéra