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[Bd. 2 S. 503]
Ernst Moritz Arndt, 1769 - 1860, von Hans Kern

Ernst Moritz Arndt, 1843.
[496b]      Ernst Moritz Arndt, 1843.
Gemälde von Ferdinand Bender.
Berlin, Nationalgalerie.
Ernst Moritz Arndt, der große deutsche Volksmann, Sänger der Befreiungskriege und Seher des "Reiches", wurde am zweiten Weihnachtstage des Jahres 1769 in Groß-Schoritz, einem Rittersitz auf der Insel Rügen im Kirchspiel Garz, geboren. Nach alten Familienüberlieferungen war sein Urgroßvater als schwedischer Unteroffizier auf die damals noch schwedische Insel gekommen und hatte sich in ein Bauernwesen der Herrschaft Putbus eingeheiratet. Arndts Eltern waren also Bauern. Der Vater, Ludwig Nikolaus Arndt, hatte sich nicht nur in seinem landwirtschaftlichen Berufe, sondern auch sonst als ein so umsichtiger und lebenskluger Mann bewährt, daß der Graf Malte Putbus, der Erblandmarschall des Fürstentums Rügen, seine Leibeigenschaft aufhob und ihn zum Inspektor der Schoritzschen Güter ernannte. Der Vater verband eine unerschütterliche Lebenszähigkeit mit freier Beweglichkeit und besaß einen sicheren Blick für lebendige Wirklichkeit. Eben diese Eigenschaften hatten sich auf Ernst Moritz übertragen, während er von seiner Mutter, Friederike Wilhelmine Schuhmacher, einer einfachen, aber ausgezeichnet erzogenen und für ihren Stand recht gebildeten Frau, eine große religiöse Gemütstiefe als Erbteil erhalten hatte. Auf seine Ursprünge hinweisend, sagt Arndt einmal von sich selbst: "Ich bin geboren aus dem kleinen Volke, dicht an der Erde, nicht edel, nicht hoch, aber wohlgeboren und glücklich geboren, weil ich mich nicht von und unter den Schlechtesten geboren glaube. Schicksal, Sinn und Gemüt haben mich nun zu dem kleinen Volke gestellt und unten an der Erde festgehalten, weil es mir in den Furchen, wo die Lerchen wohnen und auffliegen, heimlicher und traulicher gedeucht hat als in den Räumen, wo die Adler über den Hochgeborenen und Edelgeborenen und Hochedelgeborenen hinschweben." Die Liebe zum Boden und zum Bodenständigen, die Herzensgebundenheit an die trächtige Scholle, eben an die Erde, die alles nährt und reift, ist von Jugend auf Arndts wesentlichster Zug gewesen und das Fundament seiner Persönlichkeit. Darin beweist er den lebendigen Wirklichkeitssinn des Bauern, und nur so konnte er der große Volkskundige werden und einer der tiefsten Deuter der germanischen Seele.

Geburtshaus von Ernst Moritz Arndt.
Geburtshaus von Ernst Moritz Arndt
Groß-Schoritz, Garz auf Rügen.
[Deutsche Fotothek, nach wikipedia.org.]
In Groß-Schoritz verlebte Ernst Moritz seine früheste Jugend. Hier bewohnten die Eltern ein neues, prächtiges Haus inmitten großer Gärten und in der Nachbarschaft weiter Eichenwälder. Das Meer war nicht fern, und freundliche Wiesen wechselten mit Hügeln, Teichen, Büschen und Hünengräbern. Die Natur befand [504] sich damals noch im romantisch-ungeordneten Zustande eines ursprünglichen Ackerbaus. Der Schauplatz der Kinderspiele Arndts änderte sich mehrfach, Landschaft und Leben blieben jedoch im Grunde immer die gleichen. Der Vater zog 1775/76 nach dem unweit von Schoritz gelegenen Dumsevitz und siedelte 1780 abermals um, indem er die Güter Grabitz und Breesen in der nordwestlichen Ecke von Rügen am Kubitzer Boden in Pacht nahm.

Ernst Moritz Arndt wurde durch kein frühes Lernenmüssen aus seinen Spielen und Träumen (er war ein großer Träumer!) aufgescheucht, sondern durfte in Feld und Wald und am Ufer des Meeres in Phantasieren und Denken sich bilden. Wer nun in den entscheidenden Jahren der Persönlichkeitsprägung (und diese Jahre liegen sehr früh) das Bild der ungeheuren See immer wieder vor Augen hat, die Großheit ihres Atems spürt, ihre stürmische Freiheit und den Unendlichkeitsduft der den weiten Horizont umzitternden Ferne, ihre frische Bewegtheit und herbe, ungebrochene Kraft, der wird von all dem ein Wesentliches auch in seiner Seele bergen. Arndts Antlitz verrät uns nicht zufällig einige unbezweifelbar seemännische Züge, und sein Charakter beweist es nur noch mehr: seine Kühnheit, sein Ernst und männlicher Trotz in Wind und Wetter des Geschicks, seine Erregbarkeit, die zürnende und rollende Gewalt seiner Rede und nicht zuletzt eine starke Unbändigkeit und Rauheit. Zuweilen aber auch die klare Spiegeltiefe der beruhigten und stillen See.

Den ersten ordentlichen Unterricht erhielt Ernst Moritz Arndt mit seinen Geschwistern in den Wintermonaten beim Vater, und zwar im Rechnen und Schreiben; bei der Mutter aber lernte er das Lesen in Luthers Bibel und im Gesangbuch. Die fromme Frau wußte die jungen flatternden Geister vor allem durch Märchen und Erzählungen oft bis über die Gespensterstunde hinaus zu fesseln. Ernst Moritz jedoch wollte nicht nur Geschichten lesen oder hören, sondern selber "Geschichten treiben", wie er es nannte. Mit seinen Spielkameraden fing er daher an, sich die langen Winterabende und ‑nächte durch umschichtiges Geschichtenerzählen zu verkürzen. Dabei gab nun jeder zum besten, was er selbst halb erlebt, halb zusammengefabelt hatte. In diesem "Geschichtentreiben" ist der Ursprung der wunderschönen Märchendichtungen des alten Arndt zu suchen. Es sind Märchen, die in Stoff und Form wahrhaft dem Volkstum entstammen. Oft hat der Dichter mit eigenen Worten nur wiedergegeben, was er als Junge von den "poetischen Bauern" selbst vernommen hatte, von Hinrich Vierk, Balzer Pievs, Jochem Eigen, Johann Geest, Schmied Mierk und anderen, und in diesen wiederum war es das Leben und Weben der Heimatinsel Rügen selbst, das die Geschichten von Wald- und Feldgeistern, Kobolden und unheimlichen Dämonen hervortrieb.

1787 bis 1789 besuchte Arndt das Gymnasium in Stralsund und 1791 bis 1794 die Universitäten in Greifswald und Jena, zunächst um Theologie zu studieren. Mehr noch aber beschäftigte er sich mit den alten Sprachen, mit der Geschichte und den Naturwissenschaften. In Jena hörte er den Kantianer Reinhold und Fichte, [505] dessen Persönlichkeit auf ihn großen Eindruck machte, während er aus seiner idealistischen Philosophie "wenig Scharfes und Spitzes" zu ziehen wußte.

Arndt liebte ausgedehnte Fußwanderungen. So pilgerte er zum Beispiel nach Abschluß seines Jenaer Aufenthaltes geruhsam über Leipzig, Dessau und Quedlinburg durch den Harz und die Lüneburger Heide bis nach Hamburg, erst von Lüneburg aus die Post benutzend. Wanderungen solcher Art behielt Arndt zeitlebens bei, denn er wollte die Landschaften und ihre Menschen gründlich kennenlernen. Und da er es verstand, auch mit den einfachsten Leuten sofort in ein gutes Verhältnis zu kommen, bekam er Einblicke in seelische, politische und volkskundliche Zusammenhänge, die er auf theoretische Weise niemals hätte erwerben können.

Daheim, jetzt in Löbnitz bei Barth, übernahm Arndt die Erziehung seiner jüngeren Geschwister und zog 1796, nachdem er sein Examen bei dem rationalistischen Theologen Schlegel in Greifswald abgelegt hatte, als Hauslehrer zu dem langjährigen Familienfreund Kosegarten, der in Altenkirchen auf Wittow eine Pfarrei innehatte. Hier predigte er einige Male mit Beifall; auch ward ihm eine Pfarrstelle durch Einheirat angeboten. Er verzichtete jedoch darauf, einmal, weil er die natürliche Tochter eines Greifswalder Professors, Charlotte Quistorp, heiraten wollte, sodann aber auch, weil er nach schweren und grüblerischen Kämpfen längst am überlieferten Glauben irre geworden war. Er spürte, daß die Welt ihn "nach einer anderen Seite hinzog". Die Freude an der Schönheit der Erde und dem Glanz des Lebens erfüllte ihn stärker als je, und eine große, unbezwingbare Sehnsucht lockte ihn in die Ferne. So wurde der Entschluß des nun Achtundzwanzigjährigen unumstößlich: "Ich wollte denn der Geistlichkeit Ade sagen und mich in die volle Weltlichkeit hineinstürzen." Es begann Arndts große Reise nach Bayern, Österreich, Ungarn und vor allem Norditalien. Arndts Schilderungen dieser Reise erschienen 1801 bis 1803 unter dem Titel Reisen durch einen Teil Deutschlands, Italiens und Frankreichs in den Jahren 1798 und 1799 in sechs Bänden.

Erstaunlich war die Unvoreingenommenheit seines beobachtenden Geistes, die ungemeine Empfänglichkeit seiner bildfrohen Seele! Überall, da sein "Herz klopfte vom großen Gefühle des Lebens", gewann er Berührung mit den Landschaften, Städten und Menschen, überall erfaßte sein freier Blick das Wesentliche. Vor allem entwickelte er einen starken Sinn für den besonderen Zusammenhang von Natur und Menschenarbeit, Boden und Besiedlung, Landwirtschaft, Handel und Gewerbe. Arndt besaß eine ausgesprochene Begabung, "die verschiedenen Kreaturen voneinander zu unterscheiden und die bezeichnenden Charaktere der Tiere und Menschen leicht aufzufassen und zu schildern". In Florenz, wo ihm die hinreißend klare Formenschönheit der südlichen Natur, die großartige Gestalteinheit von Landschaft und Kultur zur Offenbarung wurde, weilte er längere Zeit; kam es doch hier zu Arndts innerlichster Befreiung, zum vollen Durchbruch [506] einer lebensvollen Weltfreude, zur Vergötterung, ja Vergottung des beseelten plastischen Leibes als naturgeborener "Gestalt". Das Leben gelangt da zur höchsten Entfaltung, wo es am meisten schöne Gestalt ist. Dieses hellenische Geheimnis, das ihm zweifellos bereits von Goethe nahegebracht worden war, erschloß sich ihm in der klassischen Landschaft (auch die Plastiken Michelangelos machten einen überwältigenden Eindruck auf ihn). Von hier aus auch mag es vollends verständlich werden, warum Arndt, als er mit seiner unerbittlichen Kritik der europäischen und deutschen Zustände begann, gerade Goethe als die höchste deutsche "Gestalt" in einer durch Rationalisierung zerstörten, ungestalthaften Welt pries.

In Süd- und Nordfrankreich traf Arndt auf die Spuren der Französischen Revolution. Die Eindrücke, die er empfing, waren im ganzen wenig erhebend. Überall erlebte er den "schrecklichsten Geist des scheidenden Jahrhunderts nicht in seiner Göttlichkeit und Menschlichkeit, sondern in jener Teufelskraft, die mächtig und unfühlend verzehrt und in der gewaltigen Lust des Umbildens vernichtet". Die Franzosen lernte Arndt dennoch bald schätzen als eine liebenswürdige Nation, die für die Bildung – allerdings auch Verbildung – des übrigen Europa viel getan habe, und nicht im mindesten verkannte er wegen der Greuelszenen der Revolution das Große und Menschliche dieses Volks. Frankreichs stolzen Freiheitssinn achtete er hoch, aber er verfiel niemals den reißerischen Schlagworten der revolutionären Phrasenmacher, zumal wenn diese sich moralisch gebärdeten. Arndt wußte allzu gut, daß die "physische Notwendigkeit" die Menschen stets weit stärker bestimmt als die "moralische Freiheit".

Damals geschah es, daß Arndt dem international gerichteten "Freiheitsgeist" der Französischen Revolution seine tiefere Erkenntnis der Bedeutung des "Volksgeistes" entgegenstellte. Er warf die entscheidende Frage auf, ob es denn nicht außer dem sogenannten Freiheitsgeiste noch einen ganz anderen gäbe, den die Zeitgenossen bei ihren Urteilen über die Franzosen vergessen haben. Seine Antwort lautete: "Man hat vergessen, daß es einen National- oder Volksgeist gibt, der oft ebenso kräftig wirkt und ebenso groß handelt als alles, was Schwärmerei und Begeisterung für Freiheit ausschreien. Dieser Volksgeist... lebt bei jeder edlen und großen Nation, die sich ihrer Unabhängigkeit versichern kann, und wirkt auf das herrlichste." Der "Volksgeist", das ist für Arndt die beseelende Kraft der tief erlebten Gemeinschaft von Menschen, die durch Art, Schicksal und vor allem Sprache verbunden sind, ungeachtet aller noch so verschiedenen Berufe, Kasten, Gesellschaftsschichten. Der Einzelmensch ist ein Nichts ohne den lebendigen Zusammenhang mit diesem Gesamtgeiste, aus dem er stammt, und durch den er allererst "Gestalt" wird. Bei den Engländern sah Arndt solchen Volksgeist besonders ausgeprägt, aber auch bei anderen Völkern; bei den französischen Emigranten, die trotz ihres Unglücks ihr Land liebten wie kein zweites auf der Welt, bewunderte er ihn zuhöchst. Aufs schmerzlichste mußte er ihn dagegen bei [507] den Deutschen vermissen. Das wurde ihm peinlich klar, als er von Paris über Brüssel und Lüttich den Heimweg antrat und die Rheinlande besuchte. In den linksrheinischen Gebieten erfuhr er den zügellosen Erobererstolz und gallischen Hochmut der Franzosen unerwartet stark. Waren das noch die Angehörigen jener Nation, die er zu verehren eben gelernt hatte? Die geduldige Langmut der Deutschen konnte Arndt nur mit Zorn erfüllen, dem er denn auch recht kräftigen Ausdruck gegeben hat. Nicht zuletzt aber warnte er das französische Volk vor dem Geiste der Eroberung, "der es selbst und andere elend machen würde".

Bonn: Ansichtskarte, Vater-Arndt-Denkmal auf dem alten Zoll.
Bonn: Vater-Arndt-Denkmal auf dem alten Zoll. Ansichtskarte.
[Nach ak-ansichtskarten.de.]

Daß der Rhein nicht Deutschlands Grenze, sondern Deutschlands Strom sein müsse, daß es ein Frevel wäre, den schönen rheinischen Volksschlag durch Teilung der Rheinlande mit den Franzosen zu einem Zwitter herabzuwürdigen, das hat Arndt schon hier, als er die Städte Köln, Bonn, Koblenz und Mainz bereiste, aufs deutlichste eingesehen. Gerade weil er den Blick hatte für den gestalthaften Zusammenhang von Volk und Heimat, Menschentum und Landschaft, Stammesart und ‑boden, erkannte er mit einem Schlage das rheinische Geheimnis des deutschen Volkes, wie er es einige Jahre später im "Geist der Zeit" besonders eindringlich verkündet hat: "Hier an beiden Ufern des Rheins ... hat sich das Germanische mitten in allen Stürmen der Jahrhunderte, in allen Umkehrungen und Wechseln der Völker immer zusammengedrängt erhalten, ja es ist gerade durch die Stürme und Wechsel derselben fester zusammengedrängt worden... von da sind unzeigbar, unscheinbar die zarten und geheimen Geister des deutschen Wesens in alle Lande ausgeflossen, aus diesem verborgenen Feuermeere sind die Funken ausgesprüht, die bis zur Ostsee und bis zu Polen, Ungarn hin das lebendig erhielten, was deutsch genannt werden durfte."

Als Arndt um die Jahrhundertwende heimgekehrt war, hatte er die Verhältnisse, Menschen und Völker Europas sehen und erkennen gelemt. Im März 1800 wurde er in Greifswald Privatdozent für "Historie und Philologie"; von seinen Vorlesungen möge die über die Geschichte der merkwürdigeren Revolutionen genannt sein. Im selben Jahre erschien die aus einer Vorlesung entstandene Schrift Ein menschliches Wort über die Freiheit der alten Republiken. Am 28. Februar 1801 heiratete er Charlotte Quistorp, die jedoch noch im gleichen Jahre bei der Geburt eines Knaben (Karl Treu) starb. Arndt wurde Adjunkt der philosophischen Fakultät und war nun mit der Universität Greifswald zehn Jahre verbunden. Ungefähr die Hälfte der Zeit dozierte er, die andere Hälfte verbrachte er auf Reisen oder in Schweden. 1803 trat Arndt mit seinem Versuch einer Geschichte der Leibeigenschaft in Pommern und Rügen nachdrücklich und mit Erfolg für die hart unterdrückten Bauern seines Heimatlandes ein. Im selben Jahre erschien sodann sein erstes großes Geschichtswerk Germanien und Europa, eine großzügige, wenn auch skizzenhafte Darstellung eines riesigen Völkerpanoramas, beginnend mit den Völkern des alten Orients und endend mit der deutschen Nation und ihrer durch die europäische Gesamtentwicklung bedingten Lage. [508] Dieses Buch wie ebenso der erste Teil des Geist der Zeit (1806), die Fragmente über Menschenbildung (I, II, 1805) und die Briefe an Freunde (I, 1805, erschienen 1810) sind ein Ausdruck jener Gesinnung, die Arndt mit folgenden Worten gekennzeichnet hat: "Ich denke, ein gewisses Heidentum hätte nie zerstört werden sollen, und jeder Mensch, der es mit seinem Geschlechte gut meint sollte daran arbeiten, es wieder lebendig zu machen. Unter diesem Heidentum verstehe ich die göttliche Gesamtheit des Menschen und der Welt."

Die neue Weltanschauung des jungen Arndt ist gerade für uns Heutige von ganz besonderer Bedeutung. In ihrem Mittelpunkt steht der Begriff der "Gestalt" oder des "Bildes". Die Natur ist ein beseeltes, gestalthaftes Ganzes, selber die "Mutter aller Gestalten", das "Bild der Bilder". Und so bringt sie in unbewußtem, stetigem Bilden auch nur Ganzheiten hervor. "Gestalt" ist ferner sinnliche, konkrete Wirklichkeit, Leibhaftigkeit, denn anders als leiblich kann das Leben sich nicht offenbaren. Natur ist daher niemals etwas Abstraktes wie der Gedanke; sie kennt nichts Leibloses. Als "Mutter aller Gestalten" stellt die Natur den beseelenden Urgrund der Erscheinungen dar, die ungeheure "physische Notwendigkeit", den erhabenen Kreislauf des Geschehens. Sie vollzieht ihr Werk des Webens und Auflösens "wahrhaftig willenlos", einem gewaltigen Müssen folgend. Arndt erneuert den großen Begriff des Schicksals. "Sicher geht der Mensch auf der Erde, indem er alles als Notwendigkeit nimmt und in dieser Notwendigkeit fromm forttreibt, wie das Wasser fließt und der Baum wachst und der Vogel singt. So befestigt sich bei dem Menschen der erhabene Begriff einer physischen Notwendigkeit... Wir sehen diese Notwendigkeit der Erde, die physische Macht und Herrschaft der Elemente, nicht mehr als etwas Unheiliges an, weil wir in ihnen die Göttlichkeit und ein überschwengliches Leben finden."

Die Gestalt ist beseelter Leib. Arndt verkündet immer wieder die frohe Botschaft vom lebendigen Leibe. Als der Träger des Lebens der Welt ist das Stoffliche heilig. Gerade dieses Moment ist wesentlich für Arndts bäuerliches Heidentum; von hier aus kam er dazu, die seit dem Ausgang der Antike herrschende Spaltung zwischen Leib und Seele für einen "gemeinen Dualismus" zu erklären.

Als die drei "Hauptkräfte" des Menschen nennt Arndt Leib, Seele, Geist. Sie sollten eine Einheit bilden. Der Geist (das Vermögen der Ideen) indessen hat sich vom Lebensurgrund losgelöst und ist zum "Überflieger" geworden (Überfliegung ist bei Arndt soviel wie Transzendenz). Und eben damit begann das Verhängnis der Geschichte, wie es Arndt in den genannten Werken aufzeigt. Der Antrieb dieses "Überfliegers" gab dem Menschen eine natur- und leibfeindliche Richtung, ließ ihn die Gestaltenwelt immer schwerer verkennen und schließlich verachten. Des Menschen Seele verlor die Bindung an die schöne, mütterliche Erde und glaubte im gestaltlos-abstrakten Bereiche der Ideen sich wohler zu fühlen. Furchtbare Verblendung! "Als die Menschen anfingen sich klug zu dünken, alles mit dem Geiste zu betasten und zu probieren und durch ihn [509] ihre Erde einzurichten, da wurden sie dumm, verloren die Einfalt der Natur, die Kunst und den Begriff von Maß und Gestalt. Sie wurden Luftflatterer, Himmelsstürmer und Sklaven. Alle Gesetze – die der bloßen Idee, welche oft gar nicht für die Erde gehörten, sondern nur von ihr in ihren Äther aufsteigen sollten, und die der Elemente, oder des festen Naturleibes – wurden nun miteinander vermischt und verwechselt; daher das mannigfaltige Elend der Welt seit Jahrtausenden und die Schwäche, die nirgends einen festen Punkt hat, weil sie den Weltverstand verlor." Mit solchen Anschauungen durchbricht Arndt bereits die Schranken des "Idealismus" und zugleich damit die des geistgebundenen Bürgertums, das über Begriffen und Ideen, Programmen und Paragraphen sich um die Wirklichkeit des Lebens betrügt.

Wenn Arndt es als das Verhängnis der Geschichte ansah, daß sie das gestalthafte, blutgebundene Leben mehr und mehr durch rationalisierende Geistigkeit zerstöre, "anatomiere", so stemmte er sich der Richtung dieses Geschehens mit glühender Leidenschaft entgegen, um das Leben der Menschen aus der Einschnürung durch Begriff und Mechanismen aller Art befreien und der heiligen "Schwere" der Erde wieder verbinden zu helfen. "Wie hat man die Natur und ihre Produkte verarbeiten und bearbeiten gelernt, indem man die Ansprüche aufgab, ihr Gefühl zu dem seinigen zu machen! Ackerbau und Handel, Bergbau, Fabriken und Manufakturen, Häfen, dem Meere abgezwungen, Kanäle, durch Gebirge geführt, Maschinen, durch Wasser, Feuer und Luft für tausend Hände arbeitend, sind treffliche Denkmäler dieser Zeit. So ist endlich eine solche überkünstliche Staatsmaschinerie entstanden, daß selbst die Gescheitesten die Maschine nicht mehr im Gang erhalten können." Vor allem aber sah Arndt das deutsche Verhängnis: "Solches Ideenleben, wie wir es getrieben haben und noch treiben, ist einer verzehrenden Flamme gleich, welche die Welt und uns selbst zu einem Skelett ausdörrt ... Könnten Ideen allein die Welt bilden und beherrschen, so müßten wir im Himmel und auf Erden die Ersten sein... aber mit Wehmut müssen wir gestehen, daß dieser himmlische Reichtum uns irdisch arm gemacht hat und daß andere unsere Erde zu besitzen gekommen, während wir für sie den Himmel erobern... Solches Hinausspielen des Lebens in eine fremde Welt, solche Ungestalt und Überfließung in ein fast ganz leibloses Dasein ist nirgends so in Europa zu sehen wie bei uns... Daher unsere politische Erbärmlichkeit und Hilflosigkeit, das Unnationale und Trauriggleichgültige bei dem allgemeinen Elende des Volkes."

Das Arndtsche Geschichtsbild ist von gewaltiger metaphysischer Tiefe. Wohl lassen sich heute im einzelnen leicht die verschiedensten Korrekturen anbringen; der großartige Versuch jedoch, die Menschheitsgeschichte (insbesondere die europäische mit ihren Sonderabschnitten) von den genannten Grundgedanken aus zu durchleuchten, ist von grundsätzlicher Bedeutung. Zumal die von Arndt im Zusammenhang mit jener Geschichtsdeutung vorgetragene Kritik seiner Zeit ("Alles [510] hat sich in leiblose Form, in körperlosen Geist aufgelöst!") greift so tief und enthält so treffsichere Bemerkungen über den Siegeszug der europäischen Zergeistigung, über die Krisis der Kirchen, der Wissenschaft ("Hexenmeister sind wir geworden unter unsern Kathedern und Folianten!"), der Kunst, des Schrifttums, der Kultur überhaupt, über Deutschland und die Deutschen sodann und über das Verhältnis von Bürger und Bauer, über Sitte und Sprache usw., daß die zum Teil bereits vor etwa hundertzwanzig Jahren geschriebenen Sätze ihre Gültigkeit bis auf den heutigen Tag behalten haben, ja vielfach sich erst heute wirklich bewähren.

Seinen Grund hat das nicht zuletzt darin, daß der Tiefengeschichte eines Volkes andere Zeiträume entsprechen als der Oberflächengeschichte, mit der es die "Historiker" meist nur zu tun haben. Arndt erkannte damals mit seherischem Blick, daß den Deutschen nur noch durch die entscheidende Rückkehr zu den Mächten und Kräften der Erde und des Leibes (des "Bodens" also und des "Blutes") und durch eine dementsprechend Umwertung der gesamten überlieferten Kulturwerte geholfen werden könne. Arndt war ein Seher der wahren Wirklichkeit und als solcher ein Prophet wie nur irgendeiner, er hatte "Blick" und "Perspektive" und sah in Abgründe des Lebens und der Geschichte, wie sie damals außer ihm niemandem und nach ihm erst wieder Friedrich Nietzsche sichtbar geworden sind. Und dann wollen wir nicht vergessen: er war überhaupt der erste Geschichtsschreiber, der uns in deutscher Sprache eine Weltgeschichte geschenkt hat. Ranke oder Mommsen, die ihm an Darstellungsbreite und geschichtswissenschaftlicher Genauigkeit überlegen sind, waren noch fern. Gewiß gab es Herder, bei dem sich wie bei Schiller und einigen anderen Völkerschilderungen finden, aber Arndt übertrifft sie alle bei weitem in seiner Fähigkeit der lebendigen Charakterisierung und Typisierung und überragt sie vollends durch die Tiefe seiner Geschichtsmetaphysik.

In den Jahren um 1800 bis etwa 1807 eröffnete Arndt gewaltige Angriffe auf das Christentum. Die Erkenntnis, zu der er sich damals ahnend vortastete (siebzig Jahre vor Nietzsche), hat er sich wahrhaft abgerungen: "Die neue Welt ist unter einem andern Gesetz und einem andern Gott gebildet als die alte; aus dem Gefühl eines erniedrigten und kümmerlichen Geschlechts sah der Mensch in ihr nach einem anderen Leben als diesem hin und nach einem Gott außer der Natur. Es mußte also zwischen diesem Menschen und der Natur, die seine Natur gewesen war, eine Trennung erfolgen. Er fing an, das Herrliche zu verachten, was er hatte, um sich etwas herrlicher zu träumen, was er glaubte... Dies gab Kampf zwischen Himmel und Erde, und im Streit hat mein Geschlecht gelebt seit der Herrschaft des Christentums auf Erden... Manches Jahrhundert arbeitete und disziplinierte der Geist, aber das süße Gesetz der Schwere riß oft irdisch nieder, was er himmlich baute, und er mußte seine Arbeit wieder von vorne anfangen. Doch endlich war der Kampf durchgekämpft, der physischen Stärke ward weniger, und der Sieg schien dazusein. Aber mit der Stärke ist auch die Schnellkraft dahin; [511] entkörpert genug sind die Sterblichen, aber sie sind selbst den geistigen Flügeln zu leicht geworden, denn ohne Schwerpunkt gelingt kein Flug!... Nach langem Kampf und tausend Rückfällen sind sie endlich der Natur entfremdet und aus ihrer süßen Gemeinschaft ausgeschieden, die irdische Kraft hat sie verlassen, wie sie Antäus verließ, als er in den Armen des Göttersohns zwischen Himmel und Erde erwürgt ward."

Zugleich setzte Arndt mit einer Kritik der christlichen Moralität ein, die an Schärfe nicht leicht zu überbieten ist. "Man trug die Religion, die Moralität in alles hinein, wo sie gar nichts zu tun hatten; der Himmel ward durchaus das Maß, woran man die Erde hielt; sie an sich selbst zu messen und durch sich selbst zu halten, davon hatte man keine Idee. Man wußte in der Verkehrtheit des Wahnes zuletzt nichts mehr mit der Erde zu beginnen. Wohin man sah, stieß man auf Gebrechen und Sünde; jeder Genuß, der aus dem Erdboden aufwuchs, ward ein Verbrechen; jede unschuldige Lebensfreude, jeder lustige Trieb empfing die Disziplin. So kam man dahin, daß man die Erde, die bekannte mütterlich-liebe Erde, verachtete für einen Himmel, der hier unten nur sich auftat, um seine Schrecken zu zeigen." Folgerichtig wurde Arndt auch zum Kritiker des überlieferten Gottesbegriffs: der christliche Gott ist transzendent, die Gottheit des Lebens erscheint in der Welt der Gestalten als Schicksal und "physische Notwendigkeit".

Im einzelnen waren Arndts Ansichten gerade hier verständlichermaßen den mannigfaltigsten Schwankungen unterworfen. Auch in dem genannten Zeitraum beurteilte er das Christentum gelegentlich positiver und glaubte schließlich daran, daß Heidentum und Christentum zu einer harmonischen Vereinigung gebracht werden könnten. Endlich aber wandte er sich dem (protestantischen) Christentum entschieden wieder zu, wenngleich er zunächst aus seinem gewaltigen Heidentum noch ein bedeutendes Stück mit herübernahm, an Theologie und Kirche revolutionäre Forderungen stellend: "Wahrlich, ich sage euch und verkündige euch, der alte Papst und der alte Luther sind lange tot und stehen in der früheren Gestalt nimmer wieder auf; mit einem höheren Atem des Lebens muß die Welt und das Christentum wandeln; einer neuen Kirche und eines neuen Heils warten wir." (Geschrieben 1813!)

Gerade durch diesen leidenschaftlichen Kampf mit seinen vielfach sich kreuzenden Motiven ist uns Arndt heute wieder zu einem Sinnbild geworden: er hörte das Rollen der unterirdischen Gewitter, er spürte die seltsamen Zuckungen der elementaren Mächte germanisch-deutschen Seelentums schon damals.

Titelblatt der Erstausgabe von Arndts ‘'Geist der Zeit'‘.
[513]      Titelblatt der Erstausgabe
von Arndts "Geist der Zeit".
Der erste Teil des Geist der Zeit ist besonders interessant durch Arndts scharfe Kritik an den Vertretern des öffentlichen Lebens, den Schreibern und Rednern, Diplomaten und Pfaffen, Fürsten und Edelleuten. Zumal mit den deutschen Fürsten geht Arndt unerbittlich zu Gericht. Die meisten von ihnen nennt er Tyrannen, die einem krankhaften Machtegoismus verfallen seien und ihre Untertanen zu Sklaven erniedrigt hätten. Um die deutsche Nation hätten sie sich nie gekümmert; ihr Volk sei ihnen gleichgültig oder ein reines Beuteobjekt gewesen. [512] Es hätte ihnen gar nichts ausgemacht, Landeskinder zu verschachern und "Deutsche zu vertilgen, wenn durch viel Blut und mehr Schmach einige Quadratmeilen Land zu gewinnen wären". Daher wird "der Tag der Rache schnell kommen, und unvermeidlich und ohne Tränen wird das Volk die unwürdigen Enkel besserer Väter vergehen sehen". Das Adelsprinzip hielt Arndt damals für eine völlig historisch gewordene Angelegenheit (während er sich 1848 für die Beibehaltung des Adels aussprach). Der Feudalismus habe, so führte er aus, die halbe Erde verwüstet und das Volk um sein Recht auf den Boden betrogen. Nicht verschwiegen sei ferner, daß Arndt in dieser Zeit zu harter Kritik Friedrichs des Großen gelangte. Der König habe durch unorganische Aufmästung Preußens und seine reichsfeindliche Politik dem Mythus des Reiches schweren Schaden zugefügt. Außerdem habe er seinen Staat in eine reine Verwaltungsmaschinerie verwandelt und damit den Grund zu dessen Entseelung gelegt. Als Arndt später einsah, daß das alte Heilige Römische Reich Deutscher Nation auf keine Weise länger lebensfähig geblieben wäre, hat er die große Bedeutung Preußens für die zu errichtende neue deutsche Nation sofort erkannt und rückwirkend nun auch das Werk des großen Friedrich weit positiver beurteilt.

Aufs neue schätzen wir Arndt auch als Pädagogen. Seine Fragmente über Menschenbildung enthalten die Gedanken eines großen Menschenkenners und wahren Lebensfreundes. Arndt hatte es in den Bildungsanstalten seiner eigenen Zeit erfahren, daß der Mensch die natürliche Bildkraft, die in ihm webt, immer wieder durch Überzüchtung und einseitige Bewertung des Geistes verdirbt, da er kein Gefühl mehr besitzt für den wahren Schwerpunkt des Menschenwesens. So entwickelte denn Arndt (äußerlich in manchem an Rousseau anknüpfend, über dessen flachen Naturbegriff jedoch weit hinausgehend) eine entscheidende Grundforderung: die bildende Lebendigkeit der Natur, wie sie im jugendlichen Menschen vom frühesten Alter an wirksam ist, soll ungestört zur Ausprägung kommen, und es sei alles zu beseitigen oder fernzuhalten, was irgendwie zu Hemmungen, Störungen oder Verbiegungen des kindlichen Innenlebens führen könnte. Mit einem Worte: während der übliche Begriff der "Bildung" einseitig den Vervollkommnungsprozeß des geistigen Prinzips im Menschen in Richtung auf die bewußte Verarbeitung der sogenannten "Kulturgüter" bedeutet (also einen idealistischen bezw. aufklärerischen Einschlag aufweist), bedeutet "Bildung" bei Arndt die Steigerung der seelischen Aufgeschlossenheit für die Lebensfülle der Welt, für das beseelte "Reich der Bilder". Die Welt ist in allen ihren Teilen lebendig; diese Lebendigkeit zu erfassen, das ist die Aufgabe der wahren Bildung, die Arndt die "mythische Bildung" nennt. Dabei steht auch für Arndt von vornherein im Vordergrund: die Vertiefung des Lebenskontaktes mit der Heimat und dem deutschen Volkstum. Damit rückt er uns abermals außerordentlich nahe, denn genau wie er wird auch jede künftige, wirklich deutsche Menschenbildung von der Idee des Lebens auszugehen haben!

[513] 1806 wurde Arndt außerordentlicher Professor in Greifswald. Da aber damals alle Welt vom Begeisterungstaumel für Napoleon erfaßt war, wurde die Stellung Arndts, der Bonaparte leidenschaftlich haßte, immer unhaltbarer. Er ging deshalb nicht ungern im Auftrag seiner Regierung nach Stralsund, um die Akte der schwedischen Reichstage ins Deutsche zu übertragen. In Stralsund kam es zu einem Ereignis, das für Arndts männlich-deutschen Charakter sehr bezeichnend ist: er duellierte sich mit einem schwedischen Offizier, der das deutsche Volk beleidigt hatte. Dabei wurde er von der Pistolenkugel des Gegners schwer verletzt und genas nur langsam.

Mittlerweile war der Krieg zwischen Frankreich und Preußen ausgebrochen, die Katastrophe von Jena hatte die Gemüter erschüttert, und gegen Ende 1806 rückten die französischen Truppen auch nach Pommern ein. Arndt zog sich nach Schweden zurück, und nun begann für ihn ein neuer Abschnitt seines Lebens und Wirkens. Mit dem mehrere Einzelschriften zusammenfassenden zweiten Teil des Geistes der Zeit (1807, erschienen 1809) setzte Arndts Kampf gegen Napoleon und für die geistige und politische Einigung der damals bekanntlich in zahllose Einzelstaaten zerrissenen deutschen Nation ein.

In Schweden verkehrte Arndt viel in der Familie des Freiherrn von Munck in Edeby. Mit dessen Gemahlin Elisa Maria, einer tiefreligiös gestimmten Frau, war Arndt innig befreundet. Ihr widmete er seine "Psychidion"-Gedichte, die Briefe an Psychidion (den dritten Teil der Fragmente über Menschenbildung, 1819) und die Reime aus einem Gebetbuch für zwei fromme Kinder. Nicht zuletzt war es der Einfluß dieser Frau, der zu Arndts Rückwendung zum (protestantischen) Christentum Entscheidendes beigetragen hat. Es sei noch erwähnt, daß eine für Arndt sehr charakteristische Erlebnisweise diese Rückwendung [514] unbewußt vorbereitet hat (wobei sich in seiner Eigengeschichte zugleich ein Stück deutscher Vorgeschichte wiederholt hat). Arndt war, wie wir ausgeführt haben, den Kräften und Mächten der "Erde", des "Leibes" und "Wachstums" besonders innig verbunden, zugleich aber kam in ihm die Sehnsucht zur erdüberhobenen "Ferne" immer wieder gewaltig zum Durchbruch. Auch in seiner Brust wohnten "zwei Seelen", von denen die eine in der Lichtwelt der Sonne und im verklärten Reich der Sterne ihre eigentliche Heimat erkannte. So kam es bei ihm zum typisch germanisch-nordischen Konflikt zwischen Erdenliebe und Fernstensehnsucht. Es war die Fernzone des Kosmos, die er (wie so viele andere) unter der Einwirkung des christlichen Weltbildes unversehens mit dem "Jenseits" vertauscht hat. Es gibt dafür in seinen Schriften zahlreiche Belege. "Daß es das Edelste, Tiefste und Unergründlichste im Menschen ist, was als das Tätige und Bewegliche in den Mystikern erscheint, dasjenige, was mit Gott und mit der alten Sternenwelt(!) wunderbar verknüpft und immer wieder zur alten Heimat(!) zurückwinkt, darüber sind sich alle einig, welche über das Innerlichste und Geheimste nicht spotten dürfen." Hierher gehört auch der folgende Ausspruch Arndts: "Alles, was germanischen gotischen Stammes ist, sowie es das Meer erblickt, reißt sich mit allen sehnsuchtgeschwellten Segeln in die Weltweite hinaus." Von solchen Phänomenen hätte auszugehen, wer das Problem der "religiösen Entwicklung" Arndts gültig erörtern wollte.

In Schweden erlebte Arndt den Sturz Gustavs IV. Adolf und den rasch anwachsenden Napoleon-Enthusiasmus. Da beschloß er, wieder in die Heimat zurückzukehren. Über Kolberg eilte er nach Trantow zu seinen Geschwistern (die Eltern waren inzwischen verstorben) und ging im Winter 1809/10 nach Berlin, wo er sich bei dem befreundeten Verleger Georg Reimer verborgen hielt und Beziehungen zu jenen Männern anknüpfte, die heimlich eine preußische Volkserhebung vorbereiteten. Er lernte Scharnhorst, Gneisenau und Blücher, Chazot, Eichhorn und Gruner kennen. Mit ihnen blieb er von nun an in Fühlung, auch als er für einige Jahre wieder in Greifswald amtierte. Als es Napoleon gelungen war, mit Österreich und Preußen ein Bündnis gegen Rußland abzuschließen und eine Riesenarmee an der russischen Grenze zu versammeln, reiste Arndt zweimal nach Berlin und schließlich nach Breslau und Prag, wo er sich mit Gruner traf. Durch ihn erhielt Arndt von Napoleons größtem Gegenspieler, dem Freiherrn vom Stein, die Aufforderung, sofort nach Petersburg zu kommen. Auf gefährlichen und mühsamen Schleichwegen gelang es ihm, als Diener eines Kaufmanns verkappt durch die Front der "Großen Armee" ins Innere Rußlands, nach Moskau und schließlich nach Petersburg zu gelangen, wo er dem Freiherrn vom Stein zur Seite stand, Flugschriften verfaßte, Depeschen bearbeitete und ähnliches. Damals erschien die Glocke der Stunde, ein Aufruf zur Bildung einer deutsch-russischen Legion aus deutschen Flüchtlingen und Überläufern. An die Soldaten ebendieser Legion ist der berühmte Katechismus für teutsche Soldaten gerichtet (der später [515]  – 1813 und 1815 – erheblich umgearbeitet wurde in den Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann). Gewaltig war die Kraft der Arndtschen Stimme, aufrüttelnd sein Ruf zur heiligen Ehre! "Das ist die deutsche Soldatenehre, daß der brave Krieger dem Könige oder Fürsten, der ihm zu gebieten wagt, für die Franzosen und ihren Despoten den Degen zu ziehen und gegen die Freiheit und Ehre ihres Landes zu fechten, den Degen im Angesicht zerbreche, weil er nicht den Mut hat, gleich seinen Vätern stolz und frei zu herrschen oder freier und stolzer zu vergehen... Das ist die deutsche Soldatenehre, daß der Soldat fühlt: er war ein deutscher Mensch, ehe er von deutschen Königen und Fürsten wußte: es war ein deutsches Land, ehe Könige und Fürsten waren; daß er es tief und inniglich fühlt: das Land und das Volk sollen unsterblich und ewig sein, aber die Herren und Fürsten mit ihren Ehren und Schanden sind vergänglich."

Der Soldatenkatechismus atmet lutherischen Geist und ist ein deutliches Zeugnis für die große Gesinnungswandlung Arndts, die zum erstenmal eindeutig in der Hoffnungsrede vom Jahre 1810 (erst 1847 erschienen) sichtbar wird und deren Hauptgrund das Napoleonerlebnis war, das für Arndt immer zentralere Bedeutung erhielt. Napoleon, der Erschütterer Europas, war der gigantische Zerstörer, der eigensüchtige Eroberer und Tyrann, der hemmungslose Lügner und Gleisner, mit einem Wort: das fleischgewordene Böse! Mit dem Augenblick aber, da Arndt durch Napoleon ein radikal Böses in der Welt wirken zu sehen glaubte, wuchs in ihm auch der Glaube an die Wirklichkeit des Guten als des höchsten Gegenprinzips und zugleich das Vertrauen auf den schließlichen Sieg dieses Guten. Die christliche Weltansicht war da und zeigte Bonaparte im Lichte eines Widersachers Gottes, ja des "Antichristen". Diese Überzeugung führte zu gewichtigen Folgerungen. Wenn damals alle Welt Napoleon als den Gesandten Gottes pries, dem gegenüber jeder Widerstand nutzlos sei, so konnte Arndt jetzt gerade im Namen "Gottes" zum Kampf aufrufen gegen den Feind des Friedens, den Zertrümmerer der Völker und Schänder der deutschen Ehre. Die Gerechtigkeit der Dinge verlangte gebieterisch, daß Bonaparte niedergerungen werde. Und der inbrünstige Glaube an eine Macht, die das Gerechte will und die Verletzung der ewigen Ordnung ahndet, konnte nach Arndts Überzeugung den Menschen mit der Kraft für die große Tat der Befreiung erfüllen. Arndt ersetzte den Schicksalsbegriff durch den Begriff einer Weltgerechtigkeit, die durch die Persönlichkeit Gottes dargestellt wird. Die Weltgeschichte mit ihren Untergängen und Siegen war nun in dem Einen Gott befaßt und zum Weltgericht für alle diejenigen geworden, die dem Willen Gottes einen eigenen Ungehorsam entgegensetzten. So wurde Arndt ein streitbarer Kämpfer im Geiste Luthers, an dessen glühendem und großmächtigem Deutsch er sich mit hohem Erfolg geschult hat. Arndt ist ganz zweifellos einer der sprachgewaltigsten politischen Schriftsteller Deutschlands gewesen. Seine nun folgenden Schriften sind keine Schriften mehr der überschauenden Weltweisheit, sondern Kampfschriften voller Gegenwartsklugheit und Tatbewußtsein.

[516] Die wechselreichen Erlebnisse Arndts in Petersburg wurden durch den Winterrückzug des französischen Heeres nach dem Brande Moskaus zum Abschluß gebracht. Anfang Januar 1813 brachen Stein und Arndt auf, folgten der französischen Rückzugsstraße und trafen gegen Ende des Monats in Königsberg ein, wo die Wogen der Begeisterung hochschlugen. Die Bildung der ersten Landwehr wurde eingeleitet, Freiwillige meldeten sich in großen Scharen. Damals war es, als Arndt das Lied dichtete: "Was ist des Deutschen Vaterland"; andere Freiheitslieder folgten, so das Lied vom Gneisenau, vom Dörnberg oder vom Chazot. Daß diese und viele andere Freiheitslieder mehr sind als bloße Bekenntnisse eines Privatmannes, daß sie Eingang und Bleibe fanden im Herzen des Volks, hat seinen Grund darin, daß Arndt mit großem Schwung und heißer Leidenschaft die allgemeine Not und Begeisterung, den Sturm und Drang des Heeres, das Wehen des Volksgeistes dichterische Sprache werden ließ. Arndts eigentliches Element des Ausdrucks war nicht die Dichtung, sondern die (geschriebene) Rede; aber er wurde dennoch ein wirklicher Dichter, als sein feuriges Herz überfloß vom Erlebnis der großen Stunde seines Volkes. Der Durchbruch der volkhaften Kräfte in den Raum der politischen Geschichte Deutschlands war es, den er sang und der in seinen Liedern Ton wurde. Darum sind die besten seiner Freiheitsdichtungen lebendig geblieben und werden es bleiben, solange das Volk noch als Volk sich fühlt.

Im Auftrage Steins verfaßte Arndt ein Büchlein mit dem Titel Was bedeutet Landwehr und Landsturm?, das zu seiner Freude bald über ganz Deutschland hinflog und ohne sein Zutun in vielen tausend Abdrucken vervielfältigt wurde. Von höchster politischer Bedeutung war der dritte Teil des Geistes der Zeit, an dem Arndt in den Königsberger Tagen schrieb. Scharf genau erkannte Arndt das, was alleiniges Ziel der beginnenden Freiheitsbewegung sein müsse: die Gründung eines einheitlichen Deutschen Reiches. Im einzelnen forderte er den Einschluß Österreichs, die Errichtung einer starken kaiserlichen Zentralgewalt, bedeutende Einschränkung der Selbständigkeit der Fürsten und der Einzelländer, Einführung eines nach vier Ständen gegliederten Reichstages mit einem Oberhaus als Ergänzung, eine einheitliche Reichsgesetzgebung, ein oberstes Reichsgericht, ein Reichsheer unter dem Oberbefehl des Deutschen Kaisers, Aufhebung der Zollschranken innerhalb der Reichsgrenzen und Einheit von Maß, Münze und Gewicht.

Während der nun beginnenden Feldzüge blieb Arndt ständig in Fühlung mit Stein oder den Männern des preußischen Hauptquartiers. Nach der Schlacht bei Leipzig hielt er sich in der befreiten Stadt auf und ließ eine ganze Reihe neuer Schriften erscheinen: "Über Volkshaß und über den Gebrauch einer fremden Sprache", "Über das Verhältnis Englands und Frankreichs zu Europa", "Das preußische Volk und Heer" und die "Grundlinien einer teutschen Kriegsordnung". Großes Aufsehen und eine mächtige Wirkung erregte seine Schrift "Der Rhein, Deutschlands Strom, nicht Deutschlands Grenze". Hier sprach er in Erinnerung [517] seiner rheinischen Erlebnisse vom Jahre 1799 wieder einmal zur richtigen Stunde das richtige Wort, denn es drohte Gefahr, daß die Heere der Verbündeten die Verfolgung der Franzosen nicht über den Rhein fortsetzen würden. Damit aber wären die geplanten Friedensverhandlungen von vornherein für die territoriale Neuordnung Preußen-Deutschlands wenig verheißungsvoll gewesen. So war diese Schrift eine politische Tat. Von einer Belassung der Rheinlande bei Frankreich war von nun an bei den deutschen Staatsmännern keine Rede mehr. Stein, Geßler, Eichhorn und viele andere äußerten begeistert ihre Zustimmung zu den Ideen Arndts. Der Staatskanzler von Hardenberg bot ihm eine Stelle im preußischen Staatsdienst an.

Anfang Januar 1814 traf Arndt in Frankfurt am Main ein, dem Sitz der Zentralverwaltung, die die von den Franzosen befreiten Länder provisorisch regierte. Hier hielt er sich längere Zeit auf, bereiste aber wiederum die Rheingegenden und Baden. Im Herbst des Jahres überwältigte ihn sein alter Wandertrieb, und er machte sich zu Fuß auf nach Berlin. Von den Frankfurter kleinen Schriften Arndts sind vornehmlich zwei zu erwähnen: die mit dem Titel "Über künftige ständische Verfassungen" und der "Entwurf einer teutschen Gesellschaft". Sein besonderes Augenmerk richtete Arndt naturgemäß jetzt auf den Wiener Kongreß, an den er drei anonyme Schriften richtete: "Beherzigungen vor dem Wiener Kongreß", "Die Regenten und die Regierten" und "Friedrich August, König von Sachsen und sein Volk im Jahre 1813". Seine alten großen Forderungen faßte er noch einmal in dem Buch Blick aus der Zeit auf die Zeit zusammen. Auch sei die bedeutsame politische Schrift "Über Preußens Rheinische Mark und über Bundesfestungen" erwähnt.

Im Frühjahr 1815, nach Wiederausbruch des Krieges mit Napoleon, finden wir Arndt in Köln. Dort gab er eine Zeitschrift mit dem Namen Der Wächter heraus. Die meisten Artikel dieser Zeitschrift verfaßte er selbst, der unermüdliche Wächter des Rheines. Er nahm Stellung zu den wichtigsten Problemen des neuen Krieges, der europäischen und deutschen Politik. Zu dieser Zeit hatte Arndt bereits eingesehen, daß die Rolle Habsburgs in Deutschland ausgespielt war. Seine Hoffnungen auf die künftige Errichtung eines deutschen Kaisertums gingen auf Preußen über. "Preußen wird", rief er prophetisch aus, "durch sein eigenes großes Herz, es wird durch den fortreißenden Strom der Umstände und Verhältnisse, es wird durch die Notwendigkeit des Kampfes um sein eigenes Dasein zu seiner Höhe hinaufgetrieben werden, vor welcher ihm jetzt selbst noch schwindeln würde, wenn es sie sehen könnte, wie sie sein wird. Oh, ich könnte weissagen, so klar steht Preußens und Germaniens Zukunft vor meiner Seele; aber ich will die Wonne der Gesichte in meiner Brust verschließen, deren Erfüllung nicht mehr in weiter Ferne dämmert."

Auch die Kriegsgeschehnisse der Hundert Tage vollzogen sich so, wie Arndt vorausgesehen hatte. Es gelang Napoleon nicht mehr, das verlorene Glück zu [518] korrigieren. Der neue Friedenskongreß führte zwar zu etwas günstigeren Ergebnissen für Preußen, doch kam es noch nicht zu der von Arndt erwarteten durchgreifenden innerdeutschen Neugestaltung. Österreich gab den deutschen Kaisergedanken endgültig auf, und an Stelle eines einheitlichen Deutschen Reiches kam ein lockerer Staatsverband, der "Deutsche Bund", zustande. Der Partikularismus hatte auf der ganzen Linie gesiegt. Ideen, wie Arndt sie hegte, fingen bereits an, politisch verdächtig zu werden. Der deutsche Einheitsgedanke, die "Germanomanie", galt den einzelnen Fürsten und ihren Ländern gegenüber mehr und mehr als Hochverrat. Arndt ließ sich indessen nicht beirren, wenngleich ihn der Unmut über seine unerfüllten Wünsche wiederum zum Aufbruch trieb. Er sah 1816 seine Heimat wieder und besuchte Schleswig-Holstein und Kopenhagen. Daß dieser Besuch das genauere Studium der "Schleswig-Holsteinischen Frage" zum Zweck hatte, steht ziemlich außer Zweifel.

Arndts zweite Ehefrau ‘'Nana'‘.
Arndts zweite Ehefrau "Nana".
[Nach wikipedia.org.]
Im Herbst 1817 ließ sich Arndt, nachdem er sich zuvor in Berlin mit Nana Schleiermacher, der Halbschwester des Theologen, verheiratet hatte, in Bonn nieder. Er hatte von Hardenberg jetzt bestimmtere Versprechungen wegen einer Professur an einer neu zu gründenden preußischen Universität erhalten. Diese Universität sollte anfangs in Köln eröffnet werden. Arndt aber schlug in einer Schrift an Hardenberg aus bestimmten Gründen Bonn vor, und in der Tat: Bonn wurde als Sitz der neuen Hochschule gewählt. Vor dem Koblenzer Tore ließ Arndt sich ein Haus bauen, das "die Schönheit des Siebengebirges gerade aufs Korn nahm", und bald fing er an, im neuen Heim sich wohl zu fühlen, neue Freunde zu gewinnen und ein stilles, arbeitsames Leben zu führen. Er sammelte seine Märchen zu einem Bande, bereitete eine neue Gedichtausgabe vor und schrieb am vierten Teil des Geistes der Zeit. Im Herbst 1818 begann Arndt an der Bonner Universität mit seiner Vorlesungstätigkeit als Professor der Geschichte. Eben jener vierte Teil des Geistes der Zeit mit seiner Forderung der deutschen Reichs- und Volksgemeinschaft und seinen Ausfällen gegen die reaktionären Dunkelmänner und "Herren Polizeimeister" führte jedoch zu einem Konflikt mit der preußischen Regierung. Eine Kabinettsorder des Königs sprach die Drohung der Amtsentsetzung aus. Arndts Rechtfertigungsschreiben an den Staatskanzler blieb ohne Antwort. Da kam es am 22. März 1819 zur Ermordung Kotzebues durch den Studenten Sand. Und nun holte die preußische Regierung zu einem großen Schlage aus, denn sie glaubte jetzt den Beweis zu haben für die Tatsache einer hochverräterischen Verschwörung der Studenten und gewisser Professoren gegen den Staat. Am 14. Juli hielt man Haussuchung auch bei Arndt. Aus der Haft zwar wurde er wieder entlassen, aber man behielt sämtliche Papiere und Manuskripte zurück. Arndt wandte sich sofort und im Frühjahr 1820 abermals beschwerdeführend an Hardenberg. Beidemal vergeblich.

Eine gerichtliche Anklage wurde merkwürdigerweise niemals gegen Arndt erhoben; es blieb bei Schnüffelei und Schikane. Am 10. November 1820 mußte Arndt von seinem Amte als [519] Universitätsprofessor zurücktreten, und vom Februar 1821 an begann die "genaue" Untersuchung des "Falles". Durch brutale Verhöre (fast täglich und stets mehrstündig) suchte man Arndt mürbe zu machen. Seine Abwehrversuche blieben erfolglos, ebenso die weiteren Gesuche, die er an die Regierung oder den König richtete. Mitte 1822 hörte die infame Inquisition plötzlich auf, ohne daß Arndt dafür eine Begründung erfahren hätte. Auch ist ihm niemals ein Urteilsspruch zugegangen. Die Vorlesungstätigkeit wurde ihm verboten, sein Gehalt durfte er weiterbeziehen. Arndt hat nach eigenem Eingeständnis unter dieser Behandlung (die er 1847 in dem Notgedrungenen Bericht aus meinem Leben näher beschrieben hat) schwer gelitten. Zum Glück besaß Arndt in seinem Hause und Freundeskreis eine unwandelbare Stütze. Sein Weib hatte ihm bis 1827 sechs Kinder – fünf Knaben und ein Mädchen – geschenkt, und die alten Freunde, Stein, Niebuhr, Eichhorn und andere, wurden keinen Augenblick an ihm irre. Arndts schriftstellerische Tätigkeit war unter den traurigen Umständen naturgemäß besonders stark beeinträchtigt. Er schrieb nur wenige kleine Schriften. 1831 veröffentlichte Arndt die Schrift "Die Frage über die Niederlande und Rheinlande", in welcher er abermals auf die Zugehörigkeit der Rheinlande zu Deutschland hinwies und in Frankreichs Bestrebungen, Belgien zu einem französischen Vasallenstaate zu machen, eine erneute Bedrohung des Rheins erblickte. Die gleichen Fragen behandelte er 1834 in der Schrift "Belgien und was daran hangt". Im selben Jahre wurde Arndt von einem furchtbaren Schlage heimgesucht. Vor seinen eigenen Augen ertrank beim Baden im Rhein sein Lieblingskind, der neunjährige Willibald, von dessen Begabung der Vater Großes erwartet hatte. Bis an sein Lebensende konnte Arndt diesen Verlust nicht überwinden.

Mit dem Jahre 1840 trat in Arndts äußerem Leben eine Wendung von Bedeutung ein. Friedrich Wilhelm IV. ließ nach seiner Thronbesteigung Arndt Gerechtigkeit widerfahren. Der alte Mann wurde in sein Amt wiedereingesetzt; die geraubten Papiere und Manuskripte erhielt er zurück. 1841 wählte ihn die Bonner Universität zu ihrem Rektor. Er las über "Vergleichende Völkergeschichte" (1843 als Buch erschienen), über neuere Geschichte und über die Germania des Tacitus. 1840 gab er seine Erinnerungen aus dem äußeren Leben heraus, ein besonders schönes, lesenswertes Buch. Von den übrigen Schriften dieser und der folgenden Jahre bis 1848 seien noch die Rhein- und Ahr-Wanderungen und die dreibändige Sammlung seiner vaterländischen Schriften für und an seine lieben Deutschen erwähnt.

Das Jahr Achtzehnhundertachtundvierzig, das Jahr des Aufruhrs, kam Arndt nicht überraschend. Mit ganzem Herzen stellte er sich auf die Seite der großen volksnationalen Bewegung, doch verwahrte er sich mit Entschiedenheit gegen den Radikalismus. Arndt schrieb damals über "Das verjüngte oder vielmehr zu verjüngende Deutschland" und über "Polenlärm und Polenbegeisterung" und gab seine (zum Teil nicht gehaltenen) "Reden und Glossen" heraus. Bei den [520] Abgeordnetenwahlen für die Paulskirche wurde der Achtzigjährige in fünf Wahlkreisen, vier rheinischen und dem Stralsunder, gewählt. Er war Mitglied des rechten Zentrums. Im Parlament vertrat Arndt weiterhin seine Meinung, daß nur das preußisch-deutsche Kaisertum die "deutsche Frage" werde lösen können. Arndt wußte, daß Österreichs Rolle in Deutschland ausgespielt sein mußte. Österreich habe das Schwergewicht seiner Politik allzu stark auf den Balkan verlegt, wo ihm doch keine ewige Herrschaft blühen werde. So trat er denn unerschrocken und entgegen seinen eigenen früheren Ansichten für die Hinausdrängung Österreichs aus dem deutschen Staatenverbande ein. Die Nationalversammlung rief Arndt entgegen: "Das ganze Deutschland soll es sein!" Arndt aber blieb bei seiner Meinung. Daher auch forderte er Friedrich Wilhelm IV. in einem sehr frischen und mit Offenheit verfaßten Briefe auf, zur Rettung der Reichsidee die deutsche Kaiserkrone anzunehmen. In seinem ausführlichen Antwortschreiben an Arndt lehnte der König ab. Er blieb bei dieser Ablehnung, als ihn am 28. März 1849 die Frankfurter Nationalversammlung zum Kaiser gewählt hatte und ihm eine Deputation, der auch Arndt angehörte, die erbliche Kaiserkrone anbot. Niedergeschlagen kehrte die Deputation nach Frankfurt zurück. Nicht das deutsche Volk, die deutschen Fürsten hatten versagt. Erbittert erklärte Arndt: "Ihnen am meisten fehlt die Hoheit der Gedanken, der Sinn stolzer und edler Herrscher, womit sie den Unsinn des Tages bändigen können; sie sind entweder wunderliche Phantasten, in der Gottesgnadenlehre behext, oder übermütige Verblendete, welche die wirklichen Notwendigkeiten der Zeit... nicht anerkennen wollen. Gerade sie und ihre versessenen und besessenen Verkünder arbeiten der roten Republik, wenn sie eine deutsche Möglichkeit ist, am allerwirksamsten vor." Eine solche Möglichkeit war Arndt indessen äußerst zuwider. Er hoffte jetzt nur noch, daß in nicht zu ferner Zeit ein einzelner starker Geist die Macht ergreifen und die deutsche Frage durch eine Revolution von oben lösen würde. Es sei, so gestand er, "dem Jahre Achtzehnhundertachtundvierzig ein Gewaltiger not gewesen, ein Dreinschläger und Durchhauer, der ein scharfes Eisen um die Köpfe der Menschen geschwungen und mit Zepter und Schwert wie mit Keulen geschlagen hätte". Einst muß es so kommen! "Große Helden und Herrscher haben Preußen geschaffen und zusammengeschlossen; es werden die nicht fehlen, die einen größeren Ring zusammenschließen." Im Mai 1849 legten die preußischen Abgeordneten des Frankfurter Parlaments ihre Mandate nieder, und Arndt kehrte zu seiner Familie nach Bonn zurück.

In Bonn setzte Arndt seine Vorlesungstätigkeit fort und griff weiter mit der Feder in die politischen Fragen der Zeit ein. Seine 1850 erschienene Schrift über die "Frage um Schleswig-Holstein", eine Eingabe an den preußischen König, erklärte die schleswig-holsteinische Frage prophetisch als die "gegenwärtig größte deutsche Frage", die zur "blutrotesten Frage" werden könne. 1854 gab Arndt sein letztes politisches Buch, Pro populo Germanico heraus, ein Buch der großen [521] Rückschau und des Ausblicks. Im selben Jahre stellte er seine öffentliche akademische Arbeit ein. 1855 sammelte er verschiedene kleinere Arbeiten zu einem vierten Bande der Schriften für und an seine lieben Deutschen, 1857 gab er Übersetzungen als

Porträt von Ernst Moritz Arndt.
Porträt von Ernst Moritz Arndt.
Gemälde von Julius Amatus Röting, 1859.
[Nach kreis-ahrweiler.de.]
Blütenlese aus Altem und Neuem heraus und bereitete eine Ausgabe letzter Band der eigenen Gedichte vor (erschienen 1860). Und endlich geschah noch etwas ganz Überraschendes: der Neunundachtzigjährige veröffentlicht 1858 eines seiner frischesten und schönsten Bücher unter dem Titel Meine Wanderungen und Wandlungen mit dem Reichsfreiherm H. K. Fr. vom Stein.

Arndts neunzigster Geburtstag am 26. Dezember 1859 wurde vom gesamten deutschen Volk wie ein Nationalfeiertag begangen. Eine Flut von Ehrungen und Glückwünschen aus allen deutschen Landen traf ein. Das war zu viel für das alte Herz. Die große Erregung hatte einen Rückschlag zur Folge; eine Erkältung, zu der eine Lungenentzündung hinzukam, brachte am 29. Januar 1860 das Ende. Auf dem alten Friedhofe zu Bonn fand der große alte Mann seine letzte Ruhestätte.


Wir erkennen heute aufs deutlichste, daß das bisher überlieferte Arndtbild höchst einseitig vom Geiste der liberalen Epoche geprägt worden ist, wobei es einigermaßen gleichgültig bleibt, ob man Arndt mehr als den Propheten des neuen deutschen Kaiserreichs oder mehr als den Befürworter eines "freieren" Verfassungslebens pries. Wir wissen wieder, daß Arndt die "große Freiheit" des Volksganzen stets über die "kleine Freiheit" des einzelnen gestellt hat und daß er in Wahrheit der revolutionäre Vorkämpfer für ein Reich gewesen ist, dessen Bau sich auf die ewigen Fundamente der "Deutschheit" gründet, für ein Reich, das mehr ist als nur eine konstitutionell gesicherte "Zusammenfassung" der deutschen Stämme, weil sich in ihm die wahre Volkwerdung nicht nur der Stämme, sondern auch der Stände und Klassen und die grundsätzliche Überwindung der alten Konfessionen vollziehen soll.

Arndt erklärte: "Die Weisesten geben die Gesetze durch das Volk. Ich will damit nicht sagen, daß alles Volk sie mit entwerfe oder wenigstens von diesen Weisesten den Schein empfange, als wenn es sie mit entwerfe: sondern 'durch das Volk' heißt mir 'durch die Idee des Volks', indem sie nicht vergessen, was diese größere Menschenmasse eigentlich wollte, als sie mit mancher Aufopferung in den Staat trat. Dem Volke werden diese Gesetze vorgehalten, indem die Gesetzgeber sie ihm an dem Zweck des Staates beleuchtet zeigen. Erkennt das Volk sie an als diesen Zweck sichernd und befördernd, so sind sie durch und für das Volk gegeben; dann kennt und erkennt es sie; anders soll das Volk als Masse nie gesetzgebend sein; aber nicht gesetzgebend soll ein Volk nie sein, d. h. du darfst keine Gesetze geben, die nicht die Masse des Volks kennen und erkennen könne noch dürfe; alle Gesetze, bei denen das nicht ist, sind Sünden an einem Volke oder an vielen." Auf diese, und nur auf diese Weise soll der künftige Gründer des Reiches Gesetze geben.

Mit besonderem Nachdruck forderte Arndt sodann die ständische Gliederung des Bürgertums, denn er hatte das politische Chaos, das der Liberalismus heraufbeschwören würde, im voraus erkannt. "Damit nun bei [522] der zu großen Flüchtigkeit und dem zu geschwinden Wechsel der Dinge im städtischen Leben und bei der Wirkung, welche diese Art notwendig auf das Gemüt der Menschen haben muß, aller Grund von Sitte und Gesetz nicht erschüttert und endlich verschüttet und der Mensch nicht in Wildheit und Unglück der Triebe hineingerissen würde, suchten alle wohlgeordneten Staaten ein Gegengewicht gegen diese zu große Leichtigkeit und Flüchtigkeit, und auch unsere Vorfahren haben das getan: sie schufen etwas, das die wilden Triebe zügeln und die flatterhaften Geister fesseln könnte, nämlich Innungen, Zünfte und Gilden. Ich weiß wohl, daß die Theorie der Freiheit unserer Tage diese Ordnungen als Gängelbänder der Unmündigkeit verlacht und als Notbehelfe der Barbarei des Mittelalters verspottet hat, deren unselige Reste auf das geschwindeste weggeschafft werden müßten, damit die mündige Menschheit in ungefesselter und würdiger Freiheit wandeln könne; aber ich habe den Begriff von der mündigen Menschheit nicht, den gewisse Herren von ihr hegen... Wollen wir also ein festes, frommes, ehrbares und gehaltenes Bürgerwesen haben, so müssen wir unsere Bürgerschaften nach alter Weise unserer Väter wieder in sichere Schranken von Innungen und Zünften schließen. Aus diesen wiederhergestellten und erfrischten Einrichtungen, welche echt germanischen Stammes sind, räumen wir alles Nichtige und Tote weg, das für unsere Zeit nicht paßt, alle unnützen Mißbräuche und Hemmungen menschlicher Kräfte und Entwicklungen. Man befestige aber dreifach, was die Menschen als Gemeinheiten zusammenbindet und was den gemeinsamen Geist des Volks reizt und erweckt... Tut man dies oder ähnliches nicht, so treiben wir als schwächliche und gestaltlose Sklaven aller Begierden dem Unglück und der Knechtschaft immer steuerloser entgegen."

"Es gibt", so wußte Arndt, "in jedes Volkes Geschichte etwas Ewiges und Allgemeines, das sich besonders in den mythischen Urgeschichten hinstellt und das im gebildeten Zustand nur bei außerordentlichen Menschen und Verhängnissen erscheint." Arndt war der Beschwörer dieses Ewigen der deutschen Seele, und allein von hier aus kann uns ein angemessenes Verständnis seiner geschichtlichen Sendung erwachsen. Arndt verfiel nicht in den Irrwahn der rationalistischen Revolutionäre des westlichen Europa; niemals wollte er die Idealkonstruktion eines neuen Gesellschaftszustandes mit Gewalt durchsetzen. Gerade weil er als Bauernsohn und Bauernpolitiker (er forderte zum Beispiel die Einrichtung von Erbhöfen!) um das Geheimnis der lebendigen "Gestalt", um Wachstum, "Leib" und "Erde" wußte, war er tief davon durchdrungen, daß "Volkwerdung" in dem von ihm gemeinten Sinne ein Substanzgeheimnis des Lebens ist. Daher fragte er vor allem: "Ist noch fester und kräftiger Urstoff in uns, an welchem vielleicht noch ein paar Jahrtausende arbeiten können?" Erst als er diese entscheidende Frage mit einem Ja glaubte beantworten zu dürfen, suchte er die "Zeichen", in denen sich das geheime Wachsen des "göttlichen Stromes" ankündigte. Arndt fühlte, bitteren Enttäuschungen zum Trotz, durch die Jahrzehnte hindurch das [523] "deutsche Gemeingefühl" heimlich wachsen und den Mutterboden einer neuen Religiosität von zukunftschaffender Kraft bilden. Was er 1807 als sein "Glaubensbekenntnis" ausgesprochen hat, ist immer die tiefste Triebfeder seines Wirkens gewesen: "Ein Volk zu sein, ein Gefühl zu haben für eine Sache... das ist die Religion unserer Zeit: durch diesen Glauben müßt ihr einträchtig und stark sein, durch diesen den Teufel und die Hölle überwinden. Laßt alle die kleinen Religionen und tut die Pflicht der einzig höchsten, und hoch über dem Papst und Luther vereinigt euch in ihr zu einem Glauben."

Mit solchen Anschauungen aber gewinnt Arndt die Bedeutung einer Führergestalt im Zusammenhang der großen deutschen Revolution, die sich im "Sturm und Drang" vorbereitet und über Goethe, Hölderlin und Friedrich Nietzsche in die Gegenwart führt.




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Die großen Deutschen: Neue Deutsche Biographie.
Hg. von Willy Andreas & Wilhelm von Scholz