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[Bd. 2 S. 182]
Gotthold Ephraim Lessing, 1729 - 1781, von Karl Holl

Gotthold Ephraim Lessing.
Gotthold Ephraim Lessing. Gemälde von
Johann Heinrich Tischbein d. Ä.(?), um 1755.
[Die Großen Deutschen im Bild, S. 180.]
Gotthold Ephraim Lessing ist ein Streiter des Geistes mit den Waffen des Wissens und des Wortes. Seine unerschrockene Kampfeshaltung gründet auf der Unbedingtheit sittlicher Überzeugung, sein nimmermüder Kampfeswille entströmt der unversieglichen Quelle leidenschaftlicher Wahrheitssuche. Aber unter der spiegelblanken Fläche seines Verstandes liegen tiefe Gefühlsabgründe verborgen, die seine herbe Männlichkeit zu verschließen sich bemüht und die dennoch immer wieder eruptiv Kraftströme aussenden und dadurch seine geistige und seelische Haltung bestimmend beeinflussen. So erweist sich Lessing als Sohn der Zeitwende in der Mitte des 18. Jahrhunderts, die als solche einerseits Verkrustung und Zerbröckelung des Überkommenen und andrerseits ungestaltet drängendes Wogen des Neuen enthält, und offenbart sich darin ebensowohl als Mahnmal des Bleibenden wie als Wegweiser des Kommenden.

Vorherrschend ist in Lessing der kritische Verstand. Der Engländer Macaulay huldigt Lessing, den sein Landsmann Herder den ersten Kunstrichter Deutschlands genannt hatte, als dem ersten Kritiker Europas. Damit bezeugt er sich nicht nur als Kind seines rationalistischen Zeitalters, sondern auch als Abkömmling einer durch Generationen zurückzuverfolgenden Akademikersippe.

Gotthold Ephraim wurde am 22. Januar 1729 geboren als drittes von zwölf Kindern des seit 1725 mit Justina Salome Feller verheirateten Pastors Primarius in Kamenz Johann Gottfried Lessing. Bis sechs Generationen zurück ist die väterliche Ahnenreihe von Theologen und Juristen besetzt, und gleicher Art ist die mütterliche Linie gestaltet. Der unstillbare Wissensdurst, der schon den Knaben bei einer Porträtsitzung das tändelnde Attribut eines Vogelbauers gegen einen Bücherhaufen eintauschen ließ und ihn später zu dem belesensten Mann seiner Zeit machte, ist also durch Erbanlage wohl begründet, ebenso aber auch die Neigung zu Streitschriften in anklagender oder verteidigender Form oder jenes tief eingeborene Religionsinteresse, das ihn zum Dichter des Hohenliedes der Toleranz werden ließ, wie auch schon sein Großvater dieser Idee den Boden bereitet hatte mit einer Schrift: "De religionum tolerantia."

Daß aber diese reichhaltige Akademikersippe sich gerade aus tätigen Richtern und Pfarrern zusammensetzte, hat doch der Gefahr eines reinen Intellektualismus in ihrem Abstämmling vorgebeugt durch die von ihrem Berufe geforderte wägende Gerechtigkeit und seelische Ausgeglichenheit, sowie durch die mit ihrer Tätigkeit [183] verbundene Lebensnähe. Ohne aber diese Deutungsversuche aus Erbmasse zu überspitzen, darf auf die Tatsache hingewiesen werden, daß Gotthold Ephraim Lessing zu jener Schar von Söhnen aus protestantischen Pfarrhäusern gehört, die im achtzehnten Jahrhundert als geistige Erben des zerbröckelnden und zerfallenden Altluthertums unter dem befruchtenden Wehen der Aufklärung den Entwicklungsgang der deutschen Literatur bestimmt haben, indem sie an Stelle der bis dahin vorherrschenden geistlichen Erbauungsliteratur ein weltliches schöngeistiges Schrifttum geschaffen haben.

Als Lessing als Wolfenbütteler Bibliothekar am 15. Februar 1781 nach einem überaus arbeitsreichen, fruchtbaren Lebenswirken die verstandeshellen Augen für immer schloß, fühlte gerade die geistig führende Schicht des Volkes seinen Verlust am schmerzlichsten. Besonders waren die in Weimar versammelten Großen deutschen Geisteslebens durch die Todesnachricht erschüttert. Herder sprach Wieland, Goethe und allen anderen aus dem Herzen, als er an Gleim schrieb: "Ich kann nicht sagen, wie mich sein Tod verödet hat; es ist, als ob dem Wanderer alle Sterne untergingen und der dunkele wolkichte Himmel bliebe." Und Gleim selbst fand das entsprechende Wort: "Es werde Finsternis! sprach Gott, und Lessing starb." Diese starke Wirkung Lessings auf so verschiedenartige Geister wie Klopstock und Wieland, Herder und Goethe, Schiller und Friedrich Schlegel mahnt zur Besinnung, wenn wir es auch heute noch gelegentlich an Versuchen nicht fehlen sehen, Lessing nur als rationalistischen Aufklärer zu bewerten und dadurch seine geistesgeschichtliche Bedeutung herabzusetzen.

[184] Gewiß ist Lessing Sohn der Aufklärung und bleibt ihr zeitlebens getreu. Aber es ist die geistesgeschichtliche Großtat Lessings, daß er die westlerische Aufklärung vertiefte, sie sittlich und völkisch unterbaute und ihr den religiös getönten Entwicklungsgedanken einpflanzte. Lessing ist der Reformator der Aufklärung, indem er sie zur deutschen Bewegung überleitete. Der Kraftstrom, mit dessen Hilfe er dieser Umbildung die Wege bahnte, ist der deutsche Pietismus, der ihm als Sproß des deutsch-protestantischen Pfarrhauses zugänglich war. Er konnte diese hohe geschichtliche Sendung nur erfüllen, weil er nicht bloß ein Talent, sondern ein Charakter war.

Ein Charakter bildet sich im Strom der Welt. Deshalb ist Lessing auch nicht jener gewiß liebenswürdige und lobenswerte Typus des Deutschen, der in stiller Abgeschlossenheit einsam und langsam seine Werke reifen läßt. Er entzündet sich an der Reibung mit anderen. Deshalb sucht er das flutende Leben, braucht er Gesellschaft, wobei er nicht immer wählerisch ist. Schon der junge Leipziger Theologiestudent suchte und fand mit zweifelhaften Literaten und Theaterleuten regen Verkehr, der dem streng gesinnten väterlichen Pastor schwere Sorgen verursachte. Zur gleichen Zeit aber legte er den Grund zu jener umfassenden allseitigen Belesenheit, die, stetig erweitert, ihm das Rüstzeug zu seiner Lebensarbeit bieten sollte. Und doch hat schon der von Lesewut geradezu besessene junge Studierende, wie wir aus dem Bilde des Gelehrten eines seiner Jugendlustspiele erkennen, allezeit über totes Bücherwissen fruchtbare Lebenserfahrung gestellt.

Um die Mitte des achtzehnten Jahrhunderts aber war das Geistesleben Leipzigs bereits zur Stickluft erstarrter Tradition geworden. Den regsamen Lessing verlangte es nach freierer Luft. Die glaubte er in dem aufblühenden Berlin zu finden. Rasch entschlossen warf er das unbefriedigende Universitätsstudium, in dem er mittlerweile die Medizin für die Theologie eingetauscht hatte, beiseite und übersiedelte nach der preußischen Hauptstadt, um dort das karge Brot eines freien Schriftstellers und Journalisten zu suchen. Es ist nicht unbedachter, haltloser Leichtsinn, der ihn zu diesem entscheidenden Schritte trieb, sondern das faustische Lebensgefühl: "Mut, mich in die Welt zu wagen, der Erde Weh, der Erde Glück zu tragen." Lessing, der innerhalb der geistig gerichteten Kreise Berlins überraschend schnell sich eine angesehene, führende Stellung errang, hat damit dem Gesamtstande der freien Schriftsteller den größten Dienst geleistet, indem er ihm durch das Beispiel eigener unbestechlicher Unabhängigkeit die bis dahin versagte bürgerliche Achtung erwarb, gerade zu der Zeit, als deutsches Bürgerbewußtsein und Bürgerstolz erwachten und emporschossen.

Seine Zeitgenossen schildern ihn uns genau so, wie er uns aus seinen Schriften entgegentritt: feurig, offen und in seiner Wahrheitsliebe unerbittlich – Herder spricht von seiner "männlichen Wahrheitsliebe" –, im Umgang jedoch milde, freigebig und duldsam, allerdings ohne je das Bewußtsein eigener Würde zu verleugnen, wenn ihm Einbildung gegenübertrat. Er war nicht bequem. Seine [185] natürliche Liebenswürdigkeit schlug bei beobachteter Überheblichkeit leicht in Ironie um, die wieder zu "göttlicher Grobheit" auswachsen konnte. Die weiche Empfänglichkeit für Musik, für Natureindrücke war ihm versagt. Er war trotz warmen Herzens ein herber Mann, aber ein Mann, von dem wir anläßlich seines Aufenthalts in Italien in der Deutschen Chronik vom Dezember 1775 lesen: "Wie vieles läßt sich von einem Mann erwarten, der beinahe den Kreis des menschlichen Wissens ausmaß."

Äußere Glücksgüter fand er auf der eingeschlagenen Laufbahn nicht. Sein Leben lang hatte er mit Geldnöten und ‑sorgen zu kämpfen, die ihm auch ohne die treibende Unruhe im Blut ein unstetes Leben aufgezwungen hätten. Dieses führt ihn, um nur die wichtigeren Stationen auf seiner bewegten Lebensbahn zu nennen, nach Wittenberg, wo der ewige Kandidat übrigens doch noch sein Studium mit der Erwerbung des Magistergrades zu Ende brachte, wieder nach Berlin in den Kreis der Freunde Moses Mendelssohn und Nicolai, nach Leipzig, nach Breslau, wo er von 1760 bis 1763 inmitten des Kriegstreibens trotz mannigfacher Verdrießlichkeiten vielleicht die freudigsten Jahre seines entsagungsreichen Lebens genoß, nach Hamburg und endlich nach Wolfenbüttel, wo er als Bibliothekar durch das edelsinnige Verständnis des Erbprinzen und Herzogs von Braunschweig eine sicherlich zwar nicht ungetrübte, aber doch dauernde Bleibe bis zu seinem Tode im frühen Alter von 52 Jahren fand.

Der Lesesaal der Wolfenbütteler Bibliothek.
[192b]      Der Lesesaal der Wolfenbütteler Bibliothek
zu Lessings Zeit. Gemälde von Louis Tacke, vor 1887. Wolfenbüttel, Bibliothek.

Lessings Amtswohnung un Wolfenbüttel 1777-1781.
[183]      Lessings Amtswohnung
in Wolfenbüttel 1777–1781.

[Bildquelle: Grete Schmedes, Berlin.]
Hier glaubte er auch in seinem fünften Jahrzehnt das bürgerliche Glück an der Seite einer geliebten reifen Frau, Eva König, zu finden. Sechs Jahre lang hatten schwierige wirtschaftliche Hemmungen die geheimgehaltene Verlobung ausgedehnt, bis endlich 1776 die Verlobten getraut werden konnten. Jetzt schien dem Manne, der bislang sein ganzes Leben auf das Wirken nach außen, in die Weite und die Tiefe eingestellt hatte, auch der Kreis häuslichen Glücks geöffnet zu sein, in dem seine menschlich-gütige Natur Erholung von den harten Geisteskämpfen in zarten seelischen Beziehungen finden konnte. Sein Stiefsohn Friedrich König berichtet uns, wie gütig und liebevoll der Stiefvater war; die einzigen Gelegenheiten, bei denen Lessing zu körperlicher Züchtigung schritt, waren Verfehlungen gegen die Kardinaltugenden Wahrheitsliebe und Mut. Ein schlichtes inniges Eheleben zweier lebenserfahrener Menschen schien gewährleistet. Als aber seine Frau ihm zum zweiten gemeinsamen Weihnachtsfeste einen Sohn geschenkt hatte, der nur 24 Stunden lebte, folgte sie selbst nach vierzehntägigem Ringen dem Kinde nach. Lessing schreibt dazu: "Ich wollte es auch einmal so gut haben, wie andere Menschen. Aber es ist mir schlecht bekommen."

Lessing ist bei allem Selbstbewußtsein einer der seelisch keuschesten Menschen unseres Schrifttums. Er entblößt sein Herz nicht. Nur selten sind seine Äußerungen das Klopfen, aus dem wir die Stärke und die Bewegung seines Gefühls heraushören können. Sein Briefwechsel mit seiner Braut ist von einer fast nüchtern anmutenden Leidenschaftslosigkeit. Doch der starke, rücksichtslose Kämpfer mag [186] sich darin wohl als unsinnlicher Mann enthüllen, zugleich aber auch als ein Mensch von seltenem Takt und Zartsinn. In der überschwenglichen Empfindsamkeitsepoche, da auch die seichtesten, oberflächlichen Gefühlchen durch strömenden Wortschwall ihre eigene Nichtigkeit überschreien, berührt diese keusche Verschlossenheit doppelt männlich. Gerade weil Lessing so sparsam ist im Ausdruck eigenen Empfindens, glauben wir ihm, daß er gerne mit der Hälfte seiner übrigen Tage das Glück erkauft hätte, die andere Hälfte in Gesellschaft dieser Frau zu verleben. Das ihm nie günstige Geschick hat es ihm versagt. Es gehört Lessings ganze Männlichkeit dazu, um die verzweiflungsnahe Trauer in der Resignation zu überwinden: "Meine Frau ist tot, und diese Erfahrung habe ich nun auch gemacht. Ich freue mich, daß mir viel dergleichen Erfahrungen nicht mehr übrig sein können zu machen." Die in diesen Äußerungen sich offenbarende Seelenform Lessings kann nicht besser bezeichnet werden als mit dem Kunstschlagwort, das Lessings Zeitgenosse Winckelmann geprägt und das den gesamten gedämpften Stilwillen unserer Klassik bestimmt hat: "Edle Einfalt und stille Größe."

Darin liegt keine empfindsame Schwäche. Es spricht daraus die strenge Selbstzucht, die Lessing gegen sich ebenso übt, wie er sie von anderen verlangt, und die ihn karg in allen persönlichen Gemüts- und Gefühlsäußerungen sein läßt. Gerade dadurch wird er der große Erzieher des deutschen freien und gelehrten Schriftstellers. Dieser Aufgabe dient all seine kritische Arbeit, die er von Jugend an bis zu seinem Ende auf literarischem, kunsthistorischem, philologischem, philosophischem und theologischem Gebiet unermüdlich leistet. Was ihm die Lösung dieser Aufgabe ermöglicht und ihn zugleich über allen Zeitwandel hinaus zum Vorbild macht, ist seine nie versagende Fähigkeit, unbeirrt durch Autorität und Tradition klar und mutig zu Ende zu denken. Die Ergebnisse sind dabei gar nicht das Wesentliche, sie sind zeitgeschichtlich bestimmt. Seine Streitschriften etwa gegen den Horazübersetzer Lange und den gelehrten Archäologen Klotz mögen gegen Größen gerichtet sein, die schon zur Zeit seiner Angriffe ausgehöhlt waren, aber darüber hinaus legen sie das fordernde Bekenntnis ab zu strenger Gewissenhaftigkeit wissenschaftlicher Arbeit und zu makellosem Ehrbewußtsein des Gelehrten. Die ungenügend definierenden Voraussetzungen bei der Grenzziehung zwischen bildender und dichterischer Kunst im Laokoon geben wir heute preis, und dennoch bleibt uns der Laokoon ein bewundernswertes Wortkunstwerk wissenschaftlicher Beweisführung, die nach bedachtsam induktivem Aufbau mit zwingender Folgerichtigkeit die zu beweisenden Schlüsse zieht.

Deutlich zeigt sich hier schon, daß Lessing keineswegs als Nur-Rationalist abgetan werden kann, der von vorgefaßter rationaler Idee aus seine ästhetischen Gesetze ableitet. Gewiß ist er auch kein Nur-Empiriker, der alle konkreten Kunstformen sammelt, vergleicht und daraus die allen gemeinsamen Gesetze festzustellen sucht. Echt leibnizisch glaubt er auch in der Kunst an eine übergreifende Idee, eine prästabilierte Harmonie, aber sie wäre ihm bedeutungslos, wenn sie sich nicht [187] immer wieder in den Einzelmonaden spiegelte, in den konkreten Kunstformen bewahrheitete, bewährte. Dieses Spannungsverhältnis von Idee und Erscheinung ist Lessings Erkenntnis, die seine Ästhetik in die Klassik hinüberleiten läßt. Bei aller historischen Bedingtheit hat er die starre Dogmatik rationalistischer Kunstlehre zerschlagen, indem er als Erster die Theorie hinter das Kunstwerk gerückt hat.

Weit deutlicher noch erscheint in der Hamburger Dramaturgie, gewissermaßen Krönung und Abschluß seiner früheren weit und tief wirkenden Literaturbriefe, diese Loslösung von überkommener statischer Betrachtungsweise. Mit gutem Recht zerschlägt er die hohle Gottschedsche Statue. Lessing ist nicht der Vollender Gottscheds, er ist der Vorläufer Herders.

Allerdings nur Vorläufer, daher auch eine ganze Reihe von Aussagen, die durchaus rationalistischen Geistes sind. Aber entscheidend ist doch seine neue Auffassung des Kunstwerks als eines individuellen eigengesetzlichen Ganzen, des Künstlers als dessen gottähnlichen, unbewußt schaffenden Schöpfers, der Wirkung als der seelischen Erregung des genießenden Subjekts. Diese fruchtbaren, weil in die Zukunft weisenden Errungenschaften seiner ästhetischen Erkenntnis treten am deutlichsten in seiner Theorie der Tragödie und des Tragischen hervor, die das Kernproblem seiner Dramaturgie bildet.

Wenn Lessings Beweisführung gewiß Allgemeingültigkeit beansprucht und damit der Auffassung kosmopolitischer Aufklärung entspricht, so ist doch der Ausgangspunkt seiner Erörterung im Gegensatz dazu bestimmt durch einen veränderten Kulturinstinkt. Dieser ist zwar noch nicht zum nationalen Kulturbewußtsein gediehen, stellt aber doch schon gegenüber dem Unbedingtheitsanspruch französischer Kultur die Gemeinsamkeit und Eigenart germanischer Auffassung heraus, indem an Stelle der abgelehnten französischen Klassiker der stammverwandte englische Shakespeare als vorbildlich erkannt wird. Gewiß bleibt die Allgemeingültigkeit des Aristoteles unbestritten, aber die rationalistisch normative Gesetzmäßigkeit der Franzosen verfälscht ihn, während Shakespeare ihn erfüllt. Shakespeare ist jenes instinktsichere schöpferische Genie, sein Kunstwerk ist jenes geforderte eigengesetzliche Ganze, seine Tragödie der Affekte und Leidenschaften bewirkt jenes Mit-Leiden, worin nach Lessings Erklärung die seelische Ursache der aristotelischen Katharsis beruht. Die Hamburger Dramaturgie mag in ihrer Bewertung französischen Dramas überholt und in ihrer dramatisch-tragischen Theorie mindestens nicht endgültig sein, es bleibt ihr aber das Verdienst, dem deutschen Drama durch die endgültige Vernichtung des französischen Regelmusters und die Aufstellung Shakespeares als Vorbild die Bahn freier nationaler Entwicklung eröffnet zu haben.

Was all sein kritisches Schrifttum auszeichnet und was selbst seine romantischen Antipoden dankbar bewundernd anerkannten, ist, daß Lessing nie bei negativer, niederreißender Kritik beharrte, sondern zu positiver, aufbauender, wegweisender "produktiver" Kritik weiterschritt. Sein aufklärerisches Unabhängigkeitsgefühl [188] verlieh ihm die unbedingte Skepsis, die ihn alle erreichbaren autoritären Götzenbilder in Frage stellen, ja stürzen hieß, aber zugleich lebte in ihm das hohe Verantwortlichkeitsbewußtsein vor der Idee oder dem Ideal, das ihn Wege danach suchen ließ. Und wenn die jugendlichen Stürmer und Dränger in seinem letzten Lebenszehnt noch so revolutionär alle auch von ihm aufgestellten Regeln umwarfen, einer ihrer lautesten und radikalsten Wortführer, Lenz, hat dennoch Lessing in seinem Pandämonium Germanicum mit Klopstock und Herder als anerkannten Schutzheiligen aufgeführt.

Der Stürmer und Dränger hat damit einer Erkenntnis von Lessings geistesgeschichtlicher Stellung Ausdruck gegeben, wie sie erst heute wieder Neubesitz wird durch Forschungen, die der Erhellung des Übergangs vom Rationalismus zum Irrationalismus im achtzehnten Jahrhundert gelten. Allerdings dürfte dabei in erster Linie bestimmend gewesen sein, außer seiner Neufassung des Geniebegriffs und seiner Entdeckung Shakespeares, der unumstrittene Eindruck seiner starken und lauteren Persönlichkeit.

Diese Persönlichkeit war sicherlich geprägte Form, die lebend sich entwickelte. Aber diese entfaltende Entwicklung vollzog sich unter dauernder strenger Selbstbeobachtung und Korrektur. Entsprechend auch das Mittel ihres Ausdrucks, die Sprache. Diese war der Verstandesherrschaft der ersten Hälfte des achtzehnten Jahrhunderts unterworfen mit ihren Grundforderungen nach Klarheit und übersichtlicher Verständlichkeit. Sie soll gemäß dem rationalen Charakter der Aufklärungsepoche klären und erklären; es fehlen ihr zunächst noch, bis sie Klopstock erschloß, die Quellen irrationaler Phantasie, die weniger auf Erklärung als auf Verklärung hinwirken. Es ist nicht das geringste Verdienst der Aufklärung, daß sie diese klare Verstandeskultur der Sprache dem deutschen Schrifttum, auch dem gelehrten Schrifttum geschenkt hat. Man sollte über der immer wieder gerühmten logisch bildenden Kraft des Latein nicht die zerstörende Wirkung vergessen, die die jahrhundertelang an das volksfremde Latein gewöhnte Gelehrtensprache auf die Entwicklung des deutschen Prosastils ausgeübt hat. Wenn einer unserer größten deutsch schreibenden Denker, Kant, in neuester Zeit erst gewissermaßen übersetzt wurde, um weiteren Kreisen verständlich zu sein, so liegt die Nötigung dazu in der Latinität seiner relativischen Satzschachtelung, in jener Latinität, die schon Leibniz in seinen Unvorgreiflichen Gedanken beklagte als stärkstes Hindernis einer, wenn auch anscheinend kunstlosen, doch kernigen und kraftvollen "Haupt- und Heldensprache". Christian Wolff, der Systematiker und Popularisator von Leibniz, lehrte den deutschen Gelehrten Deutsch schreiben. Liscov, der satirische Vorläufer Lessings wandte die klare, helle Verstandessprache auf schöngeistigem Gebiet an. Lessing war es beschieden, die deutsche Prosasprache gleichermaßen auf gelehrtem, schöngeistigem und dichterischem Gebiete zu einem Gipfel zu führen, so daß ihn der Romantiker Friedrich Schlegel den "Prometheus der deutschen Prosa" nennen konnte.

[189] Wir brauchen dabei nicht zu verschweigen, daß Lessing in der Ausbildung seines scharf geschliffenen, dialektischen Prosastils viel von der damals entwickelteren und kultivierteren französischen Sprachform gelernt hat. Es war immer Lessings Art, das Gute zu nehmen, wo er es fand. Aber er wußte das Sprachinstrument durch fruchtbare Bilder, neugebildete Eigenschaftswörter, Gliederung der Satzteile, Umstellung, Pausen und andere Mittel einer immer wachen und überlegten Stilkunst derart zu schärfen und zuzuspitzen, daß er für seine beliebten Waffengänge eine stets bereite, nie versagende und deshalb allgemein gefürchtete Waffe zur Hand hatte. Der grundsätzliche Gegner aller Verstandesherrschaft, der glühende nordische Magus Hamann, fordert von der Sprache: "Unsere Individualität muß in jedes Punktum und Periode wirken". Der rational-helle Lessing erscheint gewiß zunächst als Gegenpol zu dem irrational-dunklen Hamann, aber wie wenig andere erfüllt sein Stil dessen Forderung. Ob er gesellig scherzt, gewichtig belehrt oder aber, was er am liebsten tut, sich zur Mensur stellt, ohne Mucken und Holzen treffsichere Quarten und Terzen schlägt, oder aber durch Finten den Gegner aus der Deckung vorlockt, stets beherrscht er meisterlich seine Waffe. Die strenge Zucht des Denkens bestimmt auch seine Ausdrucksweise. Sie verleiht ihm die unvergleichliche Gabe, sichere Grenzen zu ziehen, die Kraft zu energischer Anklage, aber auch zu wohlüberlegter, schrittweiser Formulierung. Er ist der große, umsichtige und scharfsichtige Klärer. Er ist kein Stubengelehrter, er schreibt keinen Papierstil, er ist ein Massenredner, der seine Hörer derart zu packen weiß, daß jeder einzelne den Eindruck gewinnt, unmittelbar selbst angesprochen zu sein. Dabei ist der spannungserfüllte Strom seiner Rede, der es nie am richtigen Ausdruck mangelt, von solcher überlegten Gliederung und wohlbemessenen Abgewogenheit, daß jeder Satz zur Wirkung kommt, jedes Wort auf ganz bestimmtem wirkungsvollem Fleck sitzt. Noch heute bieten Lessings Schriften die beste Schulung in der Handhabung deutscher Sprache.

Verstandesklarheit, Willenskraft, leidenschaftliche Anteilnahme, Temperament, Weltoffenheit und Menschlichkeit: all dies verleiht seinem Denken und Schreiben den hin- und mitreißenden subjektiven Charakter trotz der objektiven Unbestechlichkeit, d. h. Lessings dramatisch bewegter Stil, der, wie es Lessing von der Dichtung allgemein fordert, nichts beschreibt, sondern entwickelt, keine Ergebnisse berichtet, sondern sie entstehen läßt, alles in Handlung auflöst: dieser immer bewegte und doch sein Ziel nie aus den Augen lassende Stil ist Lessing selbst. Mit Recht hat man die formale Entsprechung von Lessings Freude am Suchen und Finden der Wahrheit in seinem Stile gefunden, "der den Leser gleichsam immer an der Spannung des Suchens und am Finderglück teilnehmen läßt". Eine solche Einheit von Stil und Mann ergibt sich nur bei einer starken, geschlossenen und wahrhaften Persönlichkeit.

Dadurch wurde Lessing im sechsten und siebenten Jahrzehnt seines Jahrhunderts die entscheidende Großmacht in der deutschen Schriftstellerwelt, der arbiter litterarum. Ihm ist es zu danken, der strengen, herben Männlichkeit seiner [190] ziel- und verantwortungsbewußten Kritik, daß die, namentlich von Wieland her, drohende Gefahr des fremd-völkischen, genießerischen Rokokos gebannt wurde. Gewiß ist der Dichter Lessing, zeitbedingt, in seinem dichterischen Schaffen vom Rokoko ausgegangen. Dafür sind seine anakreontischen Gedichte wie seine Jugendlustspiele Beweis. Aber wie in seinen kritischen und ästhetischen Anschauungen hat er sich auch in seinem dichterischen Schaffen rasch und selbständig weiter entwickelt. Und wiederum bedeutet diese Entwicklung, die sich an der Bewältigung des Zeitproblems des Subjektivismus entfaltet, den Durchbruch des Irrationalen und bildet dadurch die Brücke vom Rokoko zur Klassik. Sein Drama durchläuft die Bahn von Elias Schlegel–Gellert zu GoetheSchiller.

1755 hat Lessing mit seiner "Miß Sara Sampson" das bürgerliche Drama in Deutschland eingeführt und dabei zugleich gewagt, den gewaltigen Medeastoff der antiken Tragödie aus dem Raum der pathetisch-rationalistischen Alexandrinertragödie herauszuheben und in bürgerlich-subjektivistisches Gewand zu hüllen. Das zentrale Problem der sittlichen Existenz des Menschen ist nicht Auswirkung eines rationalistischen Moralismus, es ist bedingt durch den Subjektivismus, der sich seiner selbst darin bewußt wird. Sicherlich ist uns heute das Schauspiel in seiner allzu weichlichen Rührseligkeit des Gehalts und seiner ins Uferlose zerfließenden Sprachform nicht mehr genießbar, aber seine zeitgeschichtliche Bedeutung wird es behalten als Ausdruck jener Erschütterung überkommener Ordnungen und normativer Gesetze durch das erregte Fühlen des Subjektivismus.

Wenn nach einem glücklichen Wort der Träger von Lessings Drama nicht mehr "der moralisch vollkommene, sondern der leidenschaftlich bewegte Mensch" ist, so trifft dies sowohl auf Sara wie auf Mellefont und die Marwood zu und öffnet Bahnen neuer Menschengestaltung im deutschen Drama. Ein Schulbeispiel dafür scheint mir auch "Philotas" zu sein. Man könnte typologisch in dem jungen Philotas fast eine ins Heroische übertragene Sara sehen, denn wie das gefallene Mädchen als Vertreterin bürgerlicher Moral, so wirkt auch der kindliche Knabe als Vertreter heldischer Tugend fast paradox. Bei beiden führt eine aus empfindsamem Subjektivismus genährte sittliche Gefühlsdialektik folgerecht zur Unbedingtheit der sittlichen Forderung. Aber wie schon äußerlich durch die lakonische Kürze der der Stimmung des Siebenjährigen Krieges entwachsene "Philotas" in schärfstem Gegensatz zu der aufgeweichten Breite der "Miß Sara Sampson" steht, so auch innerlich. Statt der Passivität des Duldens der Tugendträgerin Aktivität des Handelns des jugendlichen Helden, statt eines abstrakten Tugendideals, das im Himmel verankert ist, ein konkretes Heldenideal, das auf den Staat bezogen ist. Das Kriegserlebnis hat in dem kosmopolitischen Aufklärer Lessing das nationalpolitische Staatsbewußtsein erweckt, und Philotas ist sein Verkünder. Die Verpflichtung des Einzelnen gegenüber dem Vaterlande verlangt die freiwillige Unterordnung, die Preisgabe aller Sonderinteressen, Zurückstellung selbst menschlich edelster und wertvollster Gefühle wie Vater- und Sohnesliebe hinter das Wohl [191] des Staates. Der Einzelne ist nichts, der Staat ist alles, und deshalb opfert sich Philotas auf dem Altar des Vaterlandes. Was zwei Jahre zuvor der bewunderte Preußenkönig für den Fall seiner Gefangennahme angeordnet hatte: "sollte mir ein solches Unglück geschehen, so will ich mich opfern für den Staat", führt der Knabenheld Philotas aus. Aber der Dichter schildert ihn keineswegs als gefühllos-stoischen Spartaner, er füllt ihn mit der ganzen Empfindsamkeit an, die das zu erstrebende tragische Mit-Leiden erst ermöglicht. Auch in diesem kurzen, epigrammatischen Dramolet kommt es Lessing darauf an, keine hohlen Tiradenpuppen, sondern innerlich beseelte und erregte Menschen zu gestalten. Hier fällt ja auch das für Lessings dramatisches Schaffen so bezeichnende Wort: "Ich bin ein Mensch und weine und lache gern."

Schon vor seinem bürgerlichen Schauspiel hat Lessing als Aufgabe des Dramatikers es bezeichnet, "dem menschlichen Leben am nächsten zu kommen", und als Ziel der Komödie im Gegensatz zum Possenspiel

Radierung Chodowieckis zu Lessings 'Minna von Barnhelm'.
[191]      Radierung Chodowieckis
zu Lessings "Minna von Barnhelm".
sowohl wie zum weinerlichen Lustspiel die Mischung von Lachen und Rührung angegeben. Bei dem Nachdruck, den Lessing auf die menschlichen Charaktere als Träger dramatischer Handlung legt, geht auch diese Forderung natürlich nicht auf eine äußerliche Mischung von possenhaften und rührseligen Typen, sondern auf Gestaltung von Handlungsträgern als realistisch klar und psychologisch tief angelegten individuellen Menschen, in denen vielfältigste und widersprechende Gefühle seelischer Erregung nebeneinander Platz haben. Mit dieser Zielsetzung gelingt dem Dichter sein Meisterwerk "Minna von Barnhelm", worin er ebenso lebens- wie zeitnahe Vertreter des zeitgenössischen Subjektivismus in bezug auf Gefühlsauffassung und sittliche Anschauung in reichster Abwandlung gestaltet hat. Ob Major Tellheim sich in höchst gesteigertem Ehrgefühl durch ungerechte Gesellschaftsordnung verfemt sieht oder Minna in naiver Natürlichkeit persönliche Ehre als durch äußere Ordnung unverletzbar im Innern gründend erkennt, wie immer auch das persönliche Sitten- und Ehrgesetz sich in dem geradlinigen Wachtmeister, in dem pudeltreuen Just oder in dem gerissenen Riccaut sich auswirkt: es sind Menschen mit Tugenden und Schwächen, sie können lachen und weinen.

[192] Diese Wahrheitstreue verhindert, daß sie von Raum und Zeit losgelöste unklare Typen sind, sie macht sie zu raum- und zeitgebundenen Einzelwesen. Die Bindung aber ist die notwendige Ergänzung zu ihrer subjektiven Freiheit. Sie ist gegeben durch die verpflichtende sittliche Vernunft, die selbst wieder jene gegensätzlichen Charaktere in die Bezirke freier Menschlichkeit führt und sie darin Lösung ihrer Problematik und Vereinigung finden läßt. Sie ist aber weiter getönt durch jenes soziale Gemeinschaftsgefühl, das sich schon im "Philotas" als Ethos des Nationalbewußtseins darstellte. Schon Goethe hat nachdrücklichst in "Dichtung und Wahrheit" diese große Bedeutung hervorgehoben. "Minna von Barnhelm" ist die Verkündigung und Verkörperung eines deutschen Volksgefühls, das die dynastischen Grenzen von Preußen und Sachsen – eben noch Kriegsgegner! – ebenso wie die gesellschaftlich ständischen Klassenunterschiede überspringt im betätigten Bewußtsein einer freien deutschen Menschlichkeit, die die Humanitätsidee der Klassik vordeutet. Allerdings tönt aus ihr statt der weltbürgerlichen die phrasenlose "fritzische" Gesinnung. Denn in diesem, in den sonnigen Breslauer Jahren des Kriegsendes entstandenen Lustspiel, dem frühesten dichterischen Wegweiser zu einheitlichem deutschem Volkstum, bringt der Sachse Lessing dem großen preußischen König, von dem er nie die geringste Gunst, nur kränkende Zurücksetzung empfangen hat, die edelste und würdevollste Huldigung dar. Hier hat Aufbau und Sprache gegenüber dem epigrammatischen Lakonismus des "Philotas" wieder eine Auflockerung erfahren, die, wenn auch nicht zu der zerfließenden Prosa der "Sara Sampson", so doch zur gefühls- und lustbetonten Natürlichkeit trotz aller räsonierenden Spitzfindigkeiten führt. Wenn immer wieder Lessings Dichtertum in Frage gestellt wird, so ist dafür ja Lessing selbst der Kronzeuge, der mit unbestechlicher Wahrheitsliebe vom eigenen Schaffen ausgesagt hat, daß alles durch ein Druck- und Pumpensystem bei ihm zu Tage gefördert werden müsse. Aber man darf doch nicht vergessen, daß seine "Minna von Barnhelm" noch heute zu den meist gespielten Stücken der deutschen Bühne zählt, und da genügt kaum zur Erklärung jenes bissige Lessingwort, daß unter Blinden der Einäugige König sei.

Sein nächstes, ebenfalls noch heute bühnenwirksames Drama ist "Emilia Galotti". Er gestaltet darin die antike Virginiafabel in neuzeitlicher Gewandung zur Angriffsfanfare gegen Menschenwürde verachtende sittliche Verantwortungslosigkeit absolutistischer Fürstenhöfe. Entsprechend der ernsten Handlung ist hier Aufbau und Sprache weit strenger als in dem Lustspiel gezügelt, so daß uns die epigrammatische Zuspitzung des öftern mehr aus dem Kopf als aus dem Herzen zu kommen scheint.

Gotthold Ephraim Lessing.
[192a]      Gotthold Ephraim Lessing.
Gemälde von Anton Graff, 1771.
Berlin, Privatbesitz.
Wenn aber auch so scheinbar der Denker vor dem Dichter steht, so ist doch das Denken Lessings nicht die Bewältigung einer logisch-mathematischen Rechenaufgabe, sondern erlebnisgeboren und lebensnahe. Auch Friedrich Schlegels Wort von "Emilia Galotti" als dem "großen Exempel dramatischer Algebra" darf bei aller Berechtigung für die dramaturgische Form, wie sie hier fast als [193] Musterbeispiel für die in der Hamburger Dramaturgie niedergelegte Theorie erscheint, nicht auch für den seelisch-dramatischen Gehalt Geltung beanspruchen. Wieder entstammt dieser dem Zeiterleben Lessings: voll Mannesmut ruft er der Selbstischkeit autokratischer Kleinfürsten Halt zu im Bewußtsein, daß der wahre Herrscher ein Diener, ein Vater seines Volkes sein müsse; schon in "Philotas" hat der Dichter mahnen lassen: "Was ist ein König, wenn er kein Vater ist", und in gleichem Sinne ließ er Minna von Friedrich dem Großen rühmen, daß er "nicht nur ein großer, sondern auch ein guter Mann sei". Sicherlich ist also die zeitgeschichtliche politische Forderung der Tragödie tiefste Überzeugung Lessings, aber ihr Gehalt wurzelt doch noch tiefer. In tiefsten Gründen entstammt er wiederum Lessings Ringen um die Klärung des problematischen Subjektivismus, den er hier in vielfältigen Formen ichbetonter Innerlichkeit gegenüber der bestehenden Welt- und Gesellschaftsordnung Form gewinnen läßt. Gerade die Präzision, mit der die einzelnen Räder und Räderchen des Handlungsablaufs ineinander greifen und die diesen gleich einem Uhrräderwerk abrollen läßt, macht dieses Drama zur wahrhaften Schicksalstragödie, indem jenes Problem des Subjektivismus unabänderlich zum tragischen Ausgang hingetrieben wird. Hier liegt die tiefste Verbindung mit dem klassischen Tragiker Schiller, weit mehr als in der äußerlichen Stoffverwandtschaft mit "Kabale und Liebe": denn hier ist der tragische Konflikt von Freiheit und Notwendigkeit zwingend und unausweichlich dargestellt, von Freiheit der menschlichen Willensentscheidung und Notwendigkeit übergreifender Weltordnung. Gewiß ist "Emilia Galotti" für die Sturm- und Drangdramatik bedeutsam gewesen, thematisch durch ihre revolutionäre Fanfare, typologisch durch die Gestaltung sowohl des Prinzen als Vorläufers von Wilhelm Heinses ästhetischem Immoralismus wie der Gräfin Orsina als Vorbild typischer Machtweiber. Aber ihre wesentliche und tiefste Bedeutung ragt über den Sturm und Drang hinaus in die Klassik durch die folgerichtige Entwicklung schuldloser, sittlicher Verantwortung eingeborener Tragik. Auch Lessings dichterisches Schaffen ist damit wie seine theoretische Leistung nicht Abschluß einer Vergangenheitsepoche, sondern Vorbereitung der Zukunft, der Klassik.

Der Aufklärer Lessing hätte diese geistesgeschichtliche Sendung gewiß nicht erfüllen können, wenn er im Grunde nicht ein religiöser Mensch gewesen wäre, der in den "Nouveaux Essais" von Leibniz die eigene Ahnung eines im Irrationalen wirkenden Seelenvermögens bestätigt fand. Nur dieses irrationale Empfinden, wie es in der pietistischen subjektiven Evidenz der Glaubenswahrheiten entsprechenden Ausdruck fand, verbürgt ihm die Wahrheit der objektiven Religion. Von diesem Standpunkt aus trifft der kritische Geist Lessings die reinliche Scheidung in dem Jahrhunderte alten Prozeß zwischen Aufklärung und Christentum, worin immer wieder versucht worden war, das dogmatische christliche Lebensideal mit den neuen Kräften und Überzeugungen der weltlichen Aufklärung zu versöhnen, zu vereinen. All diese Versuche lehnt er mit der epigrammatischen Erklärung ab: [194] "Man... macht uns unter dem Vorwande, uns zu vernünftigen Christen zu machen, zu höchst unvernünftigen Philosophen."

Hierin liegt das Problem, wie es Lessing sieht und zu lösen versucht: Wie ist es möglich, Christ und Philosoph, d. h. in seinem Sinne: Wahrheitssucher, zugleich zu sein? Es ist ein Problem, das ihn schon in den Jugendjahren beschäftigt hat. Als der Zwanzigjährige seine anakreontische Gedichtsammlung "Wein und Liebe" veröffentlicht und als Lebensziel sich gesteckt hat, ein deutscher Molière zu werden, da muß er sich dem pfarrherrlichen Vater gegenüber über seinen unchristlichen Lebenswandel verantworten und schreibt am 30. Mai 1749 das bedeutsame Wort: "Die Zeit soll lehren, ob der ein besserer Christ ist, der die Grundsätze der christlichen Lehre im Gedächtnisse, und oft, ohne sie zu verstehen, im Munde hat, in die Kirche geht und alle Gebräuche mitmacht, weil sie gewöhnlich sind; oder der, der einmal klüglich gezweifelt hat und durch den Weg der Untersuchung zur Überzeugung gelangt ist, oder sich wenigstens noch darzu zu gelangen bestrebet." Nicht Kenntnis der Lehre, nicht Lippenbekenntnis und nicht äußerliches Gebaren machen den Christen, sondern allein die innere, durch Zweifel und Ringen erlangte Glaubensüberzeugung. Auch in den tiefsten menschlichen Fragen, den religiösen, erweist sich Lessing als der unermüdliche Wahrheitsucher, der nichts ohne Prüfung als gegeben hinnimmt, der Schritt für Schritt die Grenzen absteckt, bis er zum letzten Kerne durchgedrungen ist. Jahrzehntelang scheint er an diesen religiösen Fragen uninteressiert, bis er dann seine letzten Lebensjahre diesem wichtigsten Kampfe um die christliche Glaubensüberzeugung widmet. Immer scheint Lessing nur zufällig durch äußern Anstoß zu seinen Untersuchungen und Beweisführungen, zu seinen Kämpfen und Rettungen gebracht zu werden, und doch zeigt sich rückblickend, wie planvoll dieses Leben angelegt und aufgebaut war, gleichsam als ob die höhere Führung einer übermenschlichen Vorsehung am Aufbau dieser Lebenspyramide am Werke gewesen wäre.

Lessing trat glänzend gerüstet in den theologisch-philosophischen Kampf. Seit frühster Jugend hat er in nie versiegendem Lernhunger, der schon in seiner Schulzeit doppeltes Futter benötigte, ein ungeheures Wissen in sich angehäuft, und zugleich ist er nie ermüdet, die kritische Waffe seines Verstandes immer erneut zu schärfen. Aber er ist nicht Stubengelehrter und Lebensfeind. Die Vorstellung des unerbittlich kühlen und scharfen Verstandesstreiters wird ihm nicht gerecht. Der immer wieder bezeugte Mut zu verantwortungsbewußter Tat kann aus Verstandesquellen allein nicht gespeist werden. Schon der Einundzwanzigjährige sagt in seinen "Gedanken über die Herrnhuter": "Der Mensch ward zum Tun und nicht zum Vernünfteln erschaffen." Der klare Denker Lessing war zugleich auch ein warm fühlender Mensch. Er war nicht nur richtig denkend, sondern auch rechtlich denkend und handelnd. Diese Rechtlichkeit als sittliches Empfinden und moralisches Bewußtsein bildete den Kern seiner innersten Weltanschauung und damit den Schlüssel zu seinem Leben und Wirken. Nachdem er sie in seinen kritischen Schriften, [195] insbesondere in seiner Theorie des Tragischen, dargelegt und in seinen dichterischen Werken gestaltet hatte, machte er sie nun zur Grundlage seiner religiösen und philosophischen Überzeugung. Das Organ dieses moralischen Subjektivismus, auf dem er sein Weltbild aufbaut, ist die Vernunft, die allerdings nicht mehr nur rationales Denkorgan ist, sondern seelisches, Denken, Fühlen und Wollen umfassendes Erlebnisorgan. Dieses allein ermöglicht ihm die Grenzziehung zwischen Theologie und Philosophie, läßt ihn religiöse und philosophische Wahrheit finden.

1774 wirft er mit der Herausgabe der "Fragmente eines Ungenannten" der Orthodoxie und der rationalistischen Aufklärung zu gleicher Zeit den Fehdehandschuh hin. Da das rationalistische Lager sich in zwei Richtungen, Deismus und Neologie, gespalten hatte, so kämpft er gleichzeitig gegen drei Fronten. Aber zunächst entwickelt sich der Kampf wesentlich mit dem orthodoxen Hamburger Hauptpastor Goeze. Die darin gezeitigten Anti-Goeze-Streitschriften zählen zu den stärksten, gewandtesten und treffsichersten Angriffen aus Lessings Feder. Nirgends wird deutlicher, wie unerträglich ihm jede autoritäre Orthodoxie, namentlich aber die theologische war. Es ist eine Verkleinerung von Lessings Kampfesmut und ‑kraft, wenn Goeze immer wieder als kleinlich-enger, beschränkter Kopf hingestellt wird. Goeze war klug, belesen und ein beachtenswerter Gegner. Trotzdem Lessing mit all seiner stilistischen Kunst seine persönliche Stellung, wonach er die Deckung von Bibel und Religion ablehnte, zu verschleiern trachtete, um dem Gegner die Gesetze des Handelns aufzuzwingen, durchschaute der Hauptpastor doch klaren Blickes seine Finten und richtete schärfstes Geschütz gegen seine Zentralposition. Man kann dem orthodoxen Dogmatiker nicht unrecht geben, daß er seinen Glauben gegen die "Fragmente" verteidigte; daß er aber nicht nur den Ungenannten – Reimarus – angriff, sondern den gefürchteten schreibgewaltigen Herausgeber Lessing, macht seinem Glaubensbekenntnis alle Ehre. Unverhüllt setzt er sich für das Wort Gottes und die damit offenbarte Wahrheit ein, während Lessing, darin scheinbar minder aufrichtig als der Dogmatiker, seine eigene Überzeugung zunächst verhüllt. Vielleicht ist auch diese eigene, teils erzwungene, teils pädagogisch bestimmte Halbwahrhaftigkeit des Wahrheitsuchers Lessing mit der Grund, daß der Ton seines "Anti-Goeze" so grob und schneidend ausfällt, besonders, wenn er im Innern doch der Behauptung Goezes recht geben mußte, daß er – allerdings nur im orthodox-dogmatischen Sinne – überhaupt kein Christ sei.

Dazu kam noch, daß es diese offenbarungsgläubige Orthodoxie gar nicht war, der sein eigentlicher Kampfeseifer galt. Hier hatte er ja keine Hoffnung, zu überzeugen. Ihn lockt die moderne Aufklärungstheologie mit ihrer rationalistischen Bibelkritik und Kirchengeschichte. Die Diskussion mit einem Manne wie Walch oder gar Semler wäre ihm mehr wert, weil fruchtbarer, gewesen als der Streit mit zehn orthodoxen Goezes. Dabei hätte er auch die irreführende Taktik entbehren können, die, wenn er auch seinen Gegner zum Schweigen gebracht, ja ihn in den Augen der Mitwelt geistig erledigt hat, uns doch bedauern läßt, daß er aus äußeren [196] Gründen entgegen seiner Natur das wahrheitsmutige Bekenntnis nicht offen und klar ausgesprochen hat, so daß erst jahrzehntelange Forschung uns darüber Klarheit erarbeiten mußte.

Lessings klares grenzsetzendes Denken muß von vornherein sich gegen die Grenzverwischung der Neologie, wo man nicht weiß, "wo die Vernunft und wo das Christentum liegt", wenden. In der Ablehnung des Anspruchs der Neologie, mittelst der Vernunft die Offenbarung beweisen zu können, findet er sich einig mit der Orthodoxie. Aber wenn er auch, wie der Orthodoxe, eine klare Scheidewand zwischen Theologie und Philosophie aufgerichtet sehen will, so ist ihm im besten Falle die Orthodoxie doch nur unreines Wasser gegen die Mistjauche der Neologie. Gegenüber der Autonomie der Vernunft gibt es keine in sich gründende unbedingte Geltung der Offenbarung. Hierin scheint er sich mit dem rationalistischen Deismus eines Reimarus, des Verfassers der "Fragmente eines Ungenannten", zu berühren. Dieser glaubt durch vernünftige Kritik die Offenbarung als dem Naturgesetz widersprechend widerlegen zu können. Lessing aber zeigt, daß sie gar nicht mit solchen Mitteln bekämpft werden kann, da sie ja gar keinen "natürlichen" von Raum und Zeit unabhängigen Wahrheitsgehalt hat, sondern geschichtliche Erscheinung ist. In dieser Geschichtlichkeit liegt ja auch die Widerlegung des Anspruchs der Orthodoxie auf ihre autoritäre Ewigkeitsgeltung.

Weder Offenbarung noch schärfstes Denken vermögen tragbare Fundamente überzeitlichen christlichen Heilsglaubens zu liefern. Diese entstehen einzig und allein im innern subjektiven Erlebnis. Dieses Glaubenserlebnis aber bleibt unberührt von aller orthodoxen Dogmatik und aller rationalistischen Kritik. "Was gehen den Christen dieses Mannes Hypothesen, Erklärungen und Beweise an? Ihm ist es doch einmal da, das Christentum, welches er so wahr, in dem er sich so selig fühlt. Wenn der Paralytiker die wohltätigen Schläge des elektrischen Funkens erfährt, was kümmert es ihn, ob Nollet oder ob Franklin oder ob keiner von beiden recht hat?"

Deutlich wird hier Glaubenswahrheit von Wissenswahrheit getrennt, und wir sehen uns in die Nähe Kants geführt. Lessing erweist sich nicht etwa als vollendeter Rationalist, sondern als Träger der deutschen Bewegung, die durch die Aufnahme des pietistischen Unterstroms das deutsche Geistesleben verbreitert und vertieft hat. Gewiß ist er ebensowenig ein vollendeter Irrationalist, aber gerade in seiner betonten Diesseitigkeit rückt er in die Nähe unserer klassischen Denker und Dichter, die gleich ihm ihr philosophisches Weltbild weit genug gestaltet haben, um darin auch die religiösen Fragen einer Lösung entgegenzuführen.

Dieser diesseitigen philosophischen Weltanschauung liegt letzterdings die Überzeugung von der Gültigkeit der Idee des Sittlichen zugrunde, die ebensowohl subjektiv im Sinne des Pietismus innerlich als Forderung erfahren wie objektiv im Sinne autonomer Vernunft als Aufgabe des Weltganzen erkannt wird. In der hiermit gesetzten Harmonie der sittlichen Freiheit des Einzelmenschen und des [197] Willens der göttlichen Weltordnung nimmt der moralische Subjektivismus Lessings den Gehalt der Humanitätslehre unserer Klassik vorweg.

Der Kritiker Lessing durfte den Religionsstreit nicht zu Ende führen. Sein Herzog legte ihm Schreibverbot auf. Da sprach denn der Dichter das Schlußwort in seinem "Nathan dem Weisen": "Ich muß versuchen, ob man mich auf meiner alten Kanzel, auf dem Theater wenigstens noch ungestört will predigen lassen." Er nennt diese Schlußpredigt – den "zwölften Brief gegen Goeze" –, die weder Tragödie noch Lustspiel ist und die der eigentlich dramatischen Spannung ermangelt, ein "dramatisches Gedicht", das in der Sprachform des Shakespearischen Blankverses und dem tiefen seelischen Gehalt vorbildlich geworden ist für das klassische Ideendrama. Aus edelster, reinster Menschlichkeit tönt hier zum ersten Male das Preislied jenes erhabenen Humanitätsideals, das dann durch unsere Klassiker als brausender symphonischer Hymnus erschallen sollte. Nicht dramatischer Aufbau und nicht dramatisches Geschehen machen den Wert des dramatischen Gedichtes, sondern der ernste sittlich-religiöse Gehalt, der hier nach jenem Stilprinzip edler Einfalt und stiller Größe gestaltet ist und damit Lessings Rassen, Völker und Konfessionen vereinigende Überzeugung zu unvergeßlichem Ausdruck bringt. Nicht das objektive Religionsbekenntnis findet den echten Ring, sondern das subjektive, Denken, Reden und Handeln bestimmende Religiöse. In der eigenen Brust wohnen Himmel und Hölle.

Alle geschichtlichen Religionen verblassen gegenüber der natürlichen Vernunftreligion, deren Bekenner aus innerer Überzeugung heraus werktätige Vertreter sittlicher Nächstenliebe sind. Der reine Wohlklang dieses Hohelieds werktätiger Menschenliebe kann daher auch nicht getrübt werden durch die scheinbare Benachteiligung der Christenvertreter gegenüber Mohammedaner und Juden in der Charakterisierung der Handlungsträger. Da keine der geschichtlichen Erscheinungsformen religiösen Glaubens den echten Stein besitzt und die Dichtung doch gerade zur Erweckung und Erziehung der christlichen Kirchen, denen Lessings Kampf gilt, dienen soll, so will er Vorbilder zeigen, die aber auch selbst wieder keineswegs in ihrer geschichtlichen Glaubensform absolute Geltung haben, sondern einzig und allein in ihrer täglichen Bewährung als individuelle Menschen. Lessing, der aus Leibniz den Entwicklungsgedanken aufgegriffen hat, glaubt an eine aufsteigende Entwicklung alles Menschlichen und Religiösen. Nicht wie die Rationalisten setzt er die Vollkommenheitsreligion als dem Naturzustand entsprechende natürliche an den Anfang und betrachtet alle positiven Religionen nur als davon abgeleitete und abführende Verderbungen, sondern die ideale Vollkommenheitsreligion steht am Endzustand, sie ist nur zu erreichen durch Überwindung aller trennenden Unterschiede in tätiger Menschenliebe, in demütiger Gesinnung. Erst diese Gesinnung "innigster Ergebenheit in Gott", die der durch den Verlust von Frau und Kind schwer getroffene und erschütterte Einsame sich erkämpfte, hebt seine Sittlichkeitslehre zur Religion. Wenn dem diesseitig verankerten Aufklärer dazu der Glaube [198] an ein Jenseits fehlte, so wußte er ihn in seiner Seelenwanderungslehre durch den Ewigkeitsglauben zu ersetzen. Diesem letzten und tiefsten Gedanken, der Lehre von dem dritten Reiche, in das die stetig sich aufwärts entwickelnde Seele eingeht, gibt er in seinem sprachlich reifsten Kunstwerke, "Erziehung des Menschengeschlechtes," unmittelbar vor seinem Lebensende 1780 Ausdruck.

Auch hierin hat der Aufklärer die Aufklärung überwunden, sie reformiert, sie hingeleitet zu Kant, zu dem deutschen Idealismus. Knapp hat Friedrich Schlegel sein Werden erfaßt: "Ganz klein und leise fing Lessing wie überall so auch in der Poesie an, wuchs dann gleich einer Lawine; erst unscheinbar, zuletzt aber gigantisch."

Diese zeitgeschichtliche Riesengröße offenbart sich am deutlichsten in Lessings langsam eroberter Auffassung des Problems vom moralischen Menschen bzw. des vielberufenen Freiheitsproblems. In der berühmten "Erziehung des Menschengeschlechts" hat er endgültig den philiströsen Optimismus der Aufklärung von der natürlichen moralischen Güte des Menschen preisgegeben und Kants aufregende Lehre vom radikalen Bösen vorgedeutet, indem er bei aller Ablehnung der dogmatischen Erbsünde doch bekennt, "daß der Mensch auf der ersten Stufe seiner Menschheit schlechterdings so Herr seiner Handlungen nicht sei, daß er moralischen Gesetzen folgen könne." Diese Willensunfreiheit des Menschen ist echt leibnizisch bestimmt durch die in jenem Entwicklungsstadium bestehende Vorherrschaft der dunklen über die deutlichen Vorstellungen, der sinnlichen Begierden über die Vernunft. Damit ist aber auch dem Menschen die Wahl gegeben, in der weiteren Entwicklung seinen sinnlichen Begierden oder seiner Vernunft zu folgen, er ist an den Scheideweg zum Bösen und Guten gestellt. Es liegt an ihm, die Freiheit zu erlangen, je mehr er nämlich jene demütige Gesinnung innigster Ergebenheit in Gott sich erringt, die Vernunftentwicklung und damit unmittelbar die Entwicklung sittlichen Handelns fördert.

Darin vollzieht sich der Einklang autonomer sittlicher Freiheit mit dem göttlichen Willen der Weltordnung, indem der Mensch demütig seine Freiheit in die Hände Gottes zurücklegt, sich ohne Murren in die Fügung des Göttlichen schickt, eine Unterordnung, die erst dann die den Besitz des wahren Steins erweisende sittliche Tat ist, wenn sie in schweren Schicksalsschlägen ungebeugt handelnd sich bewährt. Es bedarf nur der inneren Stimme, die dem wahrhaft religiösen Menschen den Ratschluß Gottes kundtut, um ihn den eigenen Willen auf den Gottes ausrichten zu lassen, wie Nathan sagt:

      "Ich stand und rief zu Gott: ich will!
      Willst du nur, daß ich will!"

Hier bekundet sich Lessing als der unmittelbare Vorläufer der Lehre von der menschlichen Freiheit, wie sie Kant und Schiller aufgestellt haben, so sehr er sich auch in der Annahme von der Anlage und der allgemeinen Entwicklungsvorbestimmung von beiden trennt. Der Mensch unterliegt nach Lessing weder [199] unbedingtem Zwang noch ist er absolut frei. Die berühmte Nathansfrage, ob der Mensch müssen müsse, läßt sich nur nach dem jeweiligen Entwicklungszustand des Menschen beantworten; am Anfange, da die dunklen Vorstellungen, die Begierden und Triebe überwiegen, wird er das Böse müssen, je mehr er moralisch reift, wird er das Gute wollen und schließlich zu dem Zustande gelangen, da er mit Lessing ausruft: "Ich danke dem Schöpfer, daß ich muß, das Beste muß." Es gehört zu den schönsten Zeugnissen von Lessings wertvoller Persönlichkeit, daß er sich von dem leichtherzigen Optimismus der rationalistischen Aufklärung befreit und der Seele die tätige Kraft zuschreibt, ebensowohl zu irren wie das Rechte zu tun. Damit wird er einer der großen Führer und Mahner zur sittlichen Verantwortlichkeit des Menschen.

Die Grundvoraussetzung ist die eigene lautere Persönlichkeit, die bei allem Angriffsgeist nie zum Raufbold ausartet. Eine beabsichtigte scharfe Zurückweisung eines verleumderischen Gegners unterläßt er mit der stolzen, vornehmen Begründung: "Auf wen alle zuschlagen, der hat vor mir Friede." Wie stark bei all seinem Temperament sein Verantwortlichkeitsgefühl war, erhellt aus seiner Antwort an einen ängstlichen Menschen, der eigene Briefe zurückerbittet und dafür auch Lessings Briefe zurücksenden will: "Mit meinen Briefen kann Er machen, was Er will. Denn ich bin mir nicht bewußt, an jemanden jemals eine Zeile geschrieben zu haben, welche nicht die ganze Welt lesen könnte."

Dieses sittliche Verantwortungsbewußtsein ist die Triebkraft wie seines Lebens so aller seiner Schriften. Auf niemand scheint mir das Erkenntniswort des Dichters Novalis über den Unterschied von Mann und Frau besser zuzutreffen als auf Lessing: "Der Mann ist das Symbol der Wahrheit und des Rechts". Überall entspringt sein Dichten der erkannten Reibung zwischen sittlichem Wollen und der Realität der Umwelt. Eine sinnliche Natur ist Lessing nicht, an diesem Mangel kranken ja auch alle seine Dichtungen, aber ein fester, sittlicher Charakter und ein vollkommen klarer Kopf, und dadurch wird er zu dem stärksten und fruchtbarsten Kritiker, den Deutschlands Schrifttum aufweist, weil er beide Eigenschaften in den Dienst der ihn stetig treibenden Leidenschaft der Wahrheitserforschung stellt, wobei ihm nach seinem eigenen Worte das Vergnügen der Jagd allezeit mehr wert ist als der Fang. Oder wie er deutlicher während seines theologischen Feldzuges es ausdrückt: "Nicht die Wahrheit, in deren Besitz irgendein Mensch ist oder zu sein vermeint, sondern die aufrichtige Mühe, die er angewandt hat, hinter die Wahrheit zu kommen, macht den Wert des Menschen. Denn nicht durch den Besitz, sondern durch die Nachforschung der Wahrheit erweitern sich seine Kräfte, worin allein seine immer wachsende Vollkommenheit besteht. Der Besitz macht ruhig, träge, stolz", und nichts wäre dem ewig bewegten kämpferischen Diener der Wahrheit unangemessener. Und weil er weiß, daß unsere Wahrheitserkenntnis immer zeitbedingt sein wird, daß aber auch der Irrtum, falls er nur auf dem Wege unbestechlicher Wahrheitssuche erlangt ist, ein Stück Wahrheit in sich schließt, [200] fährt er mit jenem oft zitierten Worte fort: "Wenn Gott in seiner Rechten alle Wahrheit und in seiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obschon mit dem Zusatze, mich immer und ewig zu irren, verschlossen hielte und spräche zu mir: Wähle!, ich fiele ihm mit Demut in seine Linke und sagte: Vater, gib! Die reine Wahrheit ist ja doch nur für dich allein!"

Noch heute gibt es keine bessere zusammenfassende Charakteristik von Lessings Bedeutung als den Nachruf, den Herder dem Toten widmete und der hymnisch ausklingt: "Und wo bist du nun, edler Wahrheitsucher, Wahrheitkenner, Wahrheitverfechter – was siehest, was erblickst du jetzt? Dein erster Blick, da du über die Grenzen dieser Dunkelheit, dieses Erdennebels hinweg warst, in welch anderem höherem Lichte zeigte er dir alles, was du hinieden sahest und suchtest? Wahrheit forschen, nicht erforscht haben, nach Gutem streben, nicht alle Güte bereits erfaßt haben, war hier dein Blick... Viele Stellen in deinen Büchern voll feiner Wahrheit, voll männlichen, festen Gefühls, voll goldner, ewiger Güte und Schönheit werden, solange Wahrheit Wahrheit ist und der menschliche Geist das, wozu er erschaffen ist, bleibet – sie werden aufmuntern, belehren, befestigen und Männer wecken, die auch, wie du, der Wahrheit durchaus dienen, jeder Wahrheit, selbst wo sie uns im Anfange fürchterlich und häßlich vorkäme; überzeugt, daß sie am Ende doch gute, erquickende, schöne Wahrheit werde".


Lessing-Denkmal in Braunschweig.
Lessing-Denkmal in Braunschweig.
[Nach wikipedia.org.]
Die Vorbildlichkeit der Großen unserer Vergangenheit liegt nicht so sehr in ihrer tatsächlichen Lebensweise oder in den tatsächlichen Ergebnissen ihrer Arbeit als in dem Wesen ihres Geistes, ihrer geistigen Gesamthaltung. Zu diesen fruchtbaren Gestalten unserer Geistesgeschichte, zu denen wir immer wieder zurückblicken sollten, nicht um bestimmte Regeln und Gesetze der Lebensführung zu gewinnen, sondern um angeweht zu werden von dem Wirkungshauch ihres Geistes, zählt Lessing. Vorbildlich ist jene fruchtbare, wirkungsfrohe und wahrheitsuchende, lebenbejahende, geistige Haltung, wie sie in Lessing verkörpert erscheint und deren Kennwort Hölderlin geprägt hat: "Wer das Tiefste gedacht, liebt das Lebendigste."

Uns Heutigen gehört zu diesem Lebendigsten auch unser überzeugtes Nationalbewußtsein. Darf Lessing in diesem Sinne Nationalpatriot genannt werden? Nein! Gewiß ist er der Dichter des vaterländischen Ethos in "Philotas", des Stämme und Stände vereinigenden Volkstums in "Minna von Barnhelm", er ist einer der ersten unserer deutschen Geister, die mit innerem Anteil das Volkslied betrachten. Entgegengesetzt dem unvölkischen Gelehrtendünkel seiner Zeit, findet er den Weg zu echtem Volksgut, erkennt die Notwendigkeit einer Rettung der volkstümlichen Hanswurstfigur und entwirft die erste deutsche Faustdichtung. Er tritt ein für ein deutsches Nationaltheater, mit Recht hat ihn Rückert den Befreier genannt, denn er hat deutsche Lehre und Dichtung aus den Fesseln unvölkischen, französischen Geistes befreit. Und dennoch ist er bei aller, gerade auch im nationalen Sinne, vorwärtsweisenden Tat zeitgebunden. Dem Sohne der Aufklärung steht [201] das Menschheitsgefühl über dem Nationalgefühl. Dem humanitären Weltbürger sind auch Volk und Staat wie die geschichtlichen Bekenntniskirchen nur Übergangsformen in der Entwicklung und Erziehung des Menschengeschlechts.

Wenn wir heute im Gegensatz zu diesem Weltbürgertum die tiefsten Wurzeln des Menschen und seiner Kultur in Volkstum und Rasse eingebettet und damit Lessings Anschauung als zeitgebunden erkennen, so hat auch er selbst schon die Relativität des geschichtlichen menschlichen Seins erkannt und sie in seiner diesseitigen Seelenwanderungslehre zu überwinden gestrebt. Er ist und bleibt der Wegbereiter der Klassik, das von ihm begründete Humanitätsideal bestimmt noch zentral die Weltanschauung unserer Klassiker. Keiner aber hat rückhaltloser als Lessing die ideale Forderung erfüllt, die Schiller seinen Zeitgenossen zuruft: "Freiheit der Vernunft erfechten, heißt für alle Völker rechten, gilt für alle ewige Zeit." Keiner war ein unerschrockenerer und unentwegterer Kämpfer für die Freiheit der Vernunft als Lessing.

Das historische Bild von Lessings Persönlichkeit und seinem Wirken mag dem Wandel der Zeit unterworfen sein, aber solange Deutschsein sittliche Verpflichtung zur Wahrheit in all unserem Denken, Reden und Tun heißt, so lange werden wir stolz sein auf den Deutschen Lessing, der in sich den Geist von Potsdam und Weimar vereinigt hat, so lange wird bestehen bleiben das Bekenntnis der Großen in Weimar:

"Vormals im Leben ehrten wir dich wie einen der Götter,
Nun du tot bist, so herrscht über die Geister dein Geist."




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Die großen Deutschen: Neue Deutsche Biographie.
Hg. von Willy Andreas & Wilhelm von Scholz