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War Hitler ein Diktator?
von Friedrich Christian Prinz zu Schaumburg-Lippe


Teil 4 - Der fatale Mangel an Menschenkenntnis

Ich war nicht häufig in München. - Eines Tages aber, als ich dort zu tun hatte, ging ich am "Braunen Haus" vorbei. In eben diesem Augenblick trat Hitler ohne jede Begleitung auf die Straße heraus. Er sah mich, begrüßte mich und fragte, ob ich mitkommen wolle. Er sei eben im Begriff, den großen Neubau nebenan zu besichtigen, da müsse etwas geändert werden. Ich freute mich und begleitete ihn gern.

Wir trafen auf dem Bau einige wenige Arbeiter, die ihn behandelten, als sei er einer der Ihren - nur eben besonders beliebt. Seine Beziehung zum Menschen schlechthin schien mir immer eine besondere. Hören wir doch gerade hier einmal Oswald Spengler, über den er nicht gerne sprach, zum Abschluß des zweiten Bandes seines Untergang des Abendlandes:

"Der letzte Schluß faustischer Weisheit, wenn auch nur in ihren höchsten Momenten, ist die Auflösung des gesamten Wissens in ein ungeheures System morphologisch-historischer Verwandtschaften. Dynamik und Analysis sind dem Sinne, der Formensprache, der Substanz nach identisch mit den Bildungen der gotischen Architektur und des dynastischen Staates, den Tendenzen unseres mehr und mehr sozialistischen Wirtschaftslebens und unserer impressionistischen Ölmalerei, der Instrumentalmusik und der christlich-germanischen Dogmatik. Ein und dasselbe Weltgefühl redet aus allen. Sie sind mit der faustischen Seele geboren und alt geworden. Sie stellen ihre Kultur als historisches Phänomen in der Welt des Tages und des Raumes dar.

Die Vereinigung der einzelnen wissenschaftlichen Aspekte zum Ganzen wird alle Züge der großen Kunst des Kontrapunktes tragen. Eine infinitesimale (hier: unendlich große) Musik des grenzenlosen Weltraumes - das ist immer die tiefe Sehnsucht dieser Seele im Gegensatz zur antiken mit ihrem plastisch-enklidischen Kosmos gewesen. Das ist, als Denknotwendigkeit des faustischen Weltverstandes auf die Formel einer dynamisch-imperativischen Kausalität gebracht, zu einer diktatorischen Naturwissenschaft gestaltet, ihr großes Testament für den Geist kommender Kulturen - ein Vermächtnis von Formen gewaltiger Transzendenz, das vielleicht niemals eröffnet werden wird. Damit kehrt eines Tages die abendländische Wissenschaft, ihres Strebens müde, in ihre seelische Heimat zurück." -

Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges gab es das ausgezeichnete Buch Kurt Pfisters über Kaiser Friedrich II. von Hohenstaufen, den man zu seiner Zeit schon den "Verwandler der Welt" nannte. Dieses Buch, so wußte ich, hat Hitler sehr gefallen und beschäftigt. Meine Frau kaufte es 1945 für mich - buchstäblich mit den letzten Groschen - um es mir ins Lager zu schicken. Da wir Gefangenen dort in jeder Beziehung menschenunwürdig zu leben gezwungen waren, mußte sie es unter größter Gefahr in das Lager hineinmogeln. Und ich durfte es nur ganz heimlich lesen. Es war - das wußte sie - für mich sicher von entscheidender Bedeutung. Später, Jahre danach, sagte sie mir einmal, ihr seien in dem Buch so viele Parallelen aufgefallen und sie habe gewußt, daß diese mir sehr helfen würden, am Leben zu bleiben. Und so war es dann auch. Es gibt tatsächlich Parallelen, nicht nur im Politischen - Reichsidee Abendland - sondern auch im rein Menschlichen.

Bosshart hat einmal geschrieben: "Das Genie hat etwas vom Instinkt der Zugvögel." - Es besagt gar nichts, wenn manche dann entgegnen: "Ja, aber Hitler endete in der größten Katastrophe!" Wir Menschen sind offenbar nicht geschaffen, zu wissen, warum wir leben und was in Wahrheit hinter uns liegt. Vielleicht würde uns das nur verrückt machen. Unsere Aufgabe ergibt sich aus unserer Pflicht und unsere Pflicht geht zurück auf die der Natur innewohnenden ethischen Gesetze. Diese sind in uns und überall um uns zu erkennen, für jeden. Und die Wunder der Natur sollen uns Anreiz sein, den rechten Weg zu gehen, nämlich den der ewigen Ordnung der Natur.

Man ist heutzutage mit der Beurteilung sogar der genialsten Menschen geradezu verbrecherisch leichtfertig. Man lügt und betrügt nicht einmal um der Ideale, sondern nur um der klingenden Münze willen. Tiefer geht es nicht mehr. Die Ebbe ist am tiefsten Punkt angekommen, es ist höchste Zeit, daß die Flut über sie hinwegrast, sie niederzwingt, den ganzen Dreck an Land schwemmt, auf daß er in der Sonne verbrennt und das Wasser wieder so klar macht, daß wir wenigstens da, wo wir stehen, wieder auf den Grund sehen können.

im Auto Nicht Kritiken und Wissenschaft halfen mir, den Menschen Hitler zu erkennen, sondern die Beobachtung seines Denkens. Ich hatte das Glück, ihn ohne dienstliche Verpflichtungen und ohne jede Voreingenommenheit erleben zu können. Der Herkunft nach war ich von ihm wohl das krasseste Gegenteil. Jeder von uns hat das dem anderen gegenüber ganz offen zugegeben. Diese Tatsache war wahrscheinlich der Schlüssel zum späteren Verstehen, welches ebenfalls auf Gegenseitigkeit beruhte. Ich war für ihn meiner Herkunft wegen interessant, und zwar, weil er in mir, wie er mir später einmal sagte, einen revolutionären Menschen entdeckte. Für ihn war ich zunächst ein Rätsel - wie er für mich. Vertrauen zu mir gewann er auf eine für ihn typische Weise: Dadurch nämlich, daß er sah, wie ausgezeichnet meine Ehe funktionierte. Gerade das hatte er bei einem Menschen meiner Herkunft wohl nicht erwartet.

Er freute sich immer über glückliche Ehen. Das hatte, glaube ich, irgendwie mit seiner Mutterliebe zu tun. Wenn er bei seinen Freunden und Kameraden eine unglückliche Ehe sah, dann ruhte er nicht, bis er die Eheleute wieder miteinander versöhnen konnte. So auch bei der Goebbel'schen Ehe. Ich habe das in vielen Fällen erlebt und manchmal waren die Betreffenden meines Erachtens diese Mühe des Staatsoberhauptes gar nicht wert. Im Falle Goebbels jedoch war es ein Segen, daß er es tat. Immer ging ihm das Menschliche vor dem Politischen - oder besser gesagt: das Politische galt ihm als solches nur so weit, wie es vom Menschlichen her berechtigt erschien.

Und hier kommen wir zu seinem Mangel an Menschenkenntnis. Wobei ich einschränkend festellen muß, daß das Wort "Menschenkenntnis" in diesem Zusammenhang vielleicht nicht ganz das Richtige ist oder zumindest einer Erklärung bedarf. Er wußte wohl einen treuen von einem untreuen Menschen zu unterscheiden, einen arbeitsamen von einem faulen, einen ehrlichen von einem unehrlichen usw. Aber es gab Eigenschaften bei ihm, welche ihn bei der Beurteilung von Menschen ablenkten. So neigte er dazu, bei Menschen, die ihm in schwersten Zeiten treu zur Seite gestanden hatten, später auftretende schlechte Eigenschaften und Taten allzu leicht zu übersehen, zu vergeben.

Einer der eklatantesten Fälle in diesem Zusammenhang war der Gauleiter von Mittelfranken - Julius Streicher - der sich immer schlechter, schließlich geradezu skandalös benahm. Hitler stellte ihn oftmals zur Rede und zog ihn sogar ganz aus dem Verkehr, um ihn nach Jahren dann doch wieder sozusagen zu rehabilitieren, was niemand von uns, auch nicht Dr. Goebbels, verstehen konnte. Julius Streicher hatte immerhin jahrelang mit seiner Zeitschrift Der Stürmer einen antisemitischen Feldzug geführt, der grundsätzlich mit der offiziellen Einstellung der NSDAP nicht nur nichts mehr zu tun hatte, sondern darüber hinaus uns alle in ein falsches Licht brachte.

Goebbels hat bei Hitler oftmals das Verbot des Stürmer verlangt - bis er aber damit bei Hitler endlich Erfolg hatte, verging eine lange Zeit großer Fehler. Ein Mann wie Streicher hätte gerade deswegen, weil er zu den ersten Mitgliedern gehört hatte und früher ein treuer Gefolgsmann Hitlers gewesen war, besonders schwer bestraft werden müssen. Er wurde zwar als Gauleiter abgesetzt, aber das genügte nicht.

Mit dem Führer der "Deutschen Arbeitsfront" (DAF) - Dr. Robert Ley - war es nicht viel besser. Als ich Hitler persönlich schon im Jahre 1929 sagte, daß Ley mich und eine Reihe anderer Menschen in übelster Weise um unser Geld betrogen habe, uns so der größten Not aussetzte - da antwortete Hitler: "Ich habe Ihnen nie geraten, Ley Geld zu leihen - ich habe nur mit dem Gauleiter, nicht mit dem Geschäftsmann Ley zu tun - tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen!" Ich wandte ein: "Ich habe aber Ley nur vertraut, weil ich annahm, ein Gauleiter ist kein Strolch", da sagte Hitler, er sei nicht imstande, das Privatleben all seiner Unterführer zu kontrollieren. "Sehen Sie sich die anderen Parteien an - jede der großen Parteien hat mehrere Ley's in ihrer Führung - das ist schlimm, aber leider sehr schwer und nur allmählich zu ändern. Ich werde auf Ley achtgeben, das verspreche ich Ihnen - aber Ihr Geld müssen Sie sich alleine von ihm zurückholen." - Es ist mir Jahre später zu einem geringen Teil gelungen.

Der dritte Fall, den ich selbst erlebt habe, war der Balte Alfred Rosenberg, Leiter des Außenpolitischen Amtes der NSDAP. Er machte auf Kosten der deutschen Politik Adolf Hitlers baltische Politik nach eigenen Vorstellungen, welche mit denen Hitlers zum Teil überhaupt nicht übereinstimmten. Wie konnte nur ein Balte deutsche Außenpolitik machen?

Er war in der "Kampfzeit", also vor 1933, der Chefredakteur des Völkischen Beobachters gewesen, der größten der Parteizeitungen. Im Kriege war er der "Reichskommissar für die besetzten Ostgebiete" und damit verantwortlich für die entsetzlichen Fehler, welche man mit den uns so außerordentlich zugetanen Ukrainern machte.

Dr. Goebbels sagte mir damals, er glaube zu wissen, daß Rosenberg ein russischer Spion sei - dessen Freundin sei es mit Sicherheit. Goebbels wollte während des Krieges auf keinen Fall, daß zwischen den Herren der Auslandsabteilung seines Ministeriums und dem sogenannten "Amt Rosenberg" Verbindungen bestanden.

Rosenberg hingegen hielt engste Verbindung mit Martin Bormann, welcher zunächst unter Rudolf Heß der Stabsleiter beim "Stellvertreter des Führers" war. Bemerkenswerterweise wurde anläßlich des Englandfluges von Heß der politisch völlig unwichtige Adjudant von Heß eingesperrt, der politisch aber sehr exponierte Stabsleiter von Heß, Herr Martin Bormann, in die Reichskanzlei berufen und dann zum Chef der "Parteikanzlei des Führers und Reichskanzlers" - mit Sitz in der Reichskanzlei! - gemacht. "Reichsleiter" Bormann war in den Jahren 1943 bis 1945 der mächtigste Mann nach Hitler. Dies weiß ich aus eigener, trüber Erfahrung und auch persönlich von Dr. Goebbels.

Goebbels bezeichnete Anfang 1945 in meiner Gegenwart Bormann und den Leibarzt Hitlers, Professor Morell, als "die Verbrecher in der Reichskanzlei". Auch Bormann hatte aus zurückliegenden Zeiten meines Wissens Beziehungen zur UdSSR - nach Dr. Goebbels' Ansicht aber "genau die falschen".

Professor Morell hat meines Wissens vor dem Internationalen Militär-Tribunal (IMT) in Nürnberg zugegeben, daß er Hitler umbringen wollte. Ich hingegen glaube eher, daß er ihn durch seine Injektionen zu einem gehorsamen Werkzeug einer bestimmten Clique von maßgebenden Politikern machen wollte.

Daß Hitler in der Reichsregierung Dönitz - neben Goebbels - ausgerechnet Martin Bormann unterbrachte, hat meines Erachtens mit Hitlers letztem großen Vorhaben zu tun: Bündnis mit der UdSSR gegen die USA. Hitler telegrafierte in letzter Stunde an die Heeresgruppe Kesselring: "Unter allen Umständen noch durchhalten, Vereinigung mit den Russen gegen die Amerikaner steht unmittelbar bevor."

Daß eine solche Vereinigung schlagartig ein vollkommen anderes Bild geschaffen hätte, erscheint mir sicher. Deutsche und Russen zusammen hätten im Handumdrehen ganz Europa in ihre Hand bekommen. Zumindest würde es heute noch ein Deutsches Reich geben und keine Verleumdung unseres Volkes - niemand würde das wagen.

Deutschland - Europa - wären heute dominierend auf dieser Erde - das Dritte Reich hätte das Erbe des Ersten Reiches antreten können und der internationale Kapitalismus hätte ausgespielt. Goebbels muß noch ein wenig begründete Hoffnung gehabt haben, sonst hätte er nicht kurz vor seinem Tode noch fast eine Stunde lang mit dem russischen Marschall Schukow telefoniert.

Wir ersehen daraus ganz deutlich, daß eben derselbe Hitler, welcher im Verlaufe des Krieges viermal den Feinden einen äußerst fairen Friedensvertrag anbot und nicht einmal eine Antwort bekam - sogar in allerletzter Stunde noch die Kraft aufbrachte, total umzuschwenken und das Äußerste zu wagen. Das wird es wohl gewesen sein, als er in seiner letzten ganz großen Rede zum deutschen Volk sagte, er hoffe vom Volk verstanden zu werden, wenn er etwas ganz Außerordentliches zu wagen gezwungen sei.

Im Krieg hängt logischerweise zu viel vom Feind und dessen Haltung ab, als daß man den eigenen Staatsmann wirklich mit Recht erschöpfend beurteilen könnte. Ganz gewiß war der Gefreite Hitler auch als Feldherr ein Genie. Keiner seiner vielen Generale, unter ihnen viele von großer Begabung und reicher Erfahrung, hat ihn als solchen abgelehnt, die meisten haben ihn bewundert. Er wußte auch in diesem Zusammenhang sehr vieles, was er niemals gelernt haben konnte. Wie oft habe ich Generale sagen hören: "Woher hat er eigentlich all die Voraussetzungen dazu? Ist das nur Instinkt?"

Hitler haßte es, gepriesen zu werden. Er mochte es gar nicht, wenn man ihn sozusagen vergötterte. Aber die politische Propaganda wollte mit ihm werben. Und die Bedeutung dieser Werbung zur Verbreitung seiner Idee des nationalen Sozialismus konnte er nicht bestreiten. Von Laotse stammt diese Aussage, welche - so meine ich - ausgezeichnet zu Hitler paßt: "Der Weise stellt sein Selbst hintan - und siehe: Es tritt hervor. Er gibt auf sein Selbst - und siehe: Es wird bewahrt."

Tatsächlich wurden ihm jene zum Verhängnis, denen er half, ohne ihnen helfen zu müssen. Und in dieser Beziehung ist sein Schicksal das aller wirklich Großen. Wie Friedrich Nietzsche 1885 an seine Schwester schrieb: "Es scheint mir, daß ein Mensch beim allerbesten Willen unsäglich viel Unheil stiften kann, wenn er unbescheiden genug ist denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist."

Hitler hat doch ganz zweifellos dem deutschen Volk und Reich ganz außerordentlich viel Gutes getan. Jeder ernsthafte, gerechte Kritiker muß das sehen und zugeben. Es wäre sinnlos und nur sehr nachteilig für alle, dies zu leugnen.




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