SucheScriptoriumBestellenArchiv IndexSponsor

Mädel im Kampf. Erlebnisse und Erzählungen.
[65]
2. Teil:
Kampf der Grenzmädel

"Nur wer am eigenen Leibe fühlt, was es heißt, Deutscher zu sein ohne dem Vaterland angehören zu dürfen, vermag die tiefe Sehnsucht zu ermessen, die zu allen Zeiten in den Herzen der vom Mutterlande getrennten Kinder brennt."
Der Führer



[66 = leer] [67]

"Liebe Mädel!

Es war an einem Heimabend hier bei Euch, nach Schattenspiel und Märchenerzählen, da spracht Ihr von Eurer Landheimat. Und eine von Euch erzählte von dem großen Bruder, der als Wickelkind auf dem Flüchtlingswagen den Russeneinfall erlebt hatte.

Zum erstenmal fühlte ich, wie weit das Erleben jener Tage, das uns Alten so gegenwärtig ist, hinter Eurer Jugend liegt. Zum erstenmal aber auch sah ich, wie sehr Ihr den damals Jungen gleicht, wieviel von ihrem besten Wesen in Euch weiter lebt in die neue Zeit. Mein Herz dachte an Lotte und sagte zu jeder von Euch das, was Lottes Vater bei dem schweren Abschied von seinem Hof und dem schwereren von der Heimaterde sagte:

'Ich verlaß mich auf Dich!' "
Agnes Miegel





[68 = leer] [69]
Lotte
Von Agnes Miegel

Sie hieß Lotte. Sie war genau so alt wie das Jahrhundert und in jenem Frühling 1914 eingesegnet. Mit dem weißen Kleid hing sie am Palmsonntagabend ihre Kinderzeit in den alten birknen Kleiderschrank auf der rauchdunklen Bodendiele in dem alten Niederungshaus. Gern wäre sie irgendwo in Dienst gegangen, hätte die feine Küche erlernt in einem Gasthof oder auf einem Gut - aber davon war keine Rede. Sie war die Älteste, und die Geschwister nach ihr, die Zwillingsbrüder und das Gretchen, waren alle drei an einem Wintertag an Diphtherie gestorben. So lag alles auf Lotte - die vier Kleinen, der Schutt (Gustav), die Lusche, die Lenerchen und der Hermann - das Warten und Mahnen, das Füttern und Zubettbringen. Dazu das Viehfüttern und Melken und oft noch das Kochen, denn die Mutter erwartete und war diesmal doch recht müde und elend dabei. Aber sie war groß und stark und breitschultrig, die Lotte, wie alle aus ihres Vaters Sippe, und sie arbeitete gern und geschickt und war stolz, wenn der Vater mal und sogar zu den Nachbarn sagte "Auf die Lotte, da ist Verlaß!"

[70] Es war der heißeste Sommer in vielen Jahren, und es war die größte Ernte seit Menschengedenken. Die Lotte und ihr Vater und alle im Dorf hatten so schwer zu arbeiten, daß sie gar nicht merkten, was da eigentlich in der Welt vor sich ging - und auf dem Grundstück hatten sie noch für sich selbst genug zu sorgen, denn es ging nicht alles so wie sonst, wenn ein Kleines kam, und die Mutter war so schwach und matt, und das Neugeborene so dünn, daß sie alle es das Nuschtchen nannten. Aber es war so hübsch und war ein Jungchen, sie waren alle stolz darauf, und Lotte und der Vater fanden, daß es aussah wie die Zwillinge und dachten an Kindtaufe und Fladenbacken - - da kam es.

Später sagte Lotte: "Es war, als ob uns einer mit einem Brett auf den Kopf schlug!" Sie standen vor dem Anschlag an dem Schulzenhaus und faßten gar nicht seinen Sinn. Und die Kleinen, die erschreckt an Lottes Rock rissen - "Komm weg!" - stammelten das Wort nach, das alle die Großen sagten: "Krieg!"

Wenn es brennt - da kommen alle und helfen löschen. Wenn das Hochwasser kommt, im Frühling - da wartet man oben auf dem Boden, bis die Pioniere kommen und das Eis sprengen und Essen bringen. Einer hilft dem andern - aber Krieg - das kommt über alle. Und die, an die man sich klammert, weil sie immer halfen - der Vater, der Ohm, die großen Brüder und Vettern, - [71] alle müssen sie fort. Auch der Vater. Jetzt, wo noch drüben das Korn draußen ist, jetzt, wo die Mutter noch so krank ist. Jetzt, wo der Russ' kommt.

"Ihr werdet ja wohl fliehen müssen." Er schluckte bei dem Wort. Lotte hatte es noch nie gehört - fliehen - es lief ihr der Tod über den Rücken dabei. "Der Pfarrer sagt es und auch der alte Neumann. Seine Tochter aus Gumbinnen ist all bei ihm. Lotte! Ich verlaß mich auf dich. Du bringst die Mutter fort und die Kinder. Bis Königsberg. Von da - da wird es ja wohl gehn."

Er reicht ihr die Hand - es war vor der Stalltür, und seine großen graublauen Augen sahen in das Dunkel, wo die Hühner im Stroh scharrten, und die kleine Emailkanne mit Milchkaffee, die er trug, schlug an das Schloß. Lotte sah, wie grau er war und ein bißchen krumm in den Schultern und sein Gesicht so fremd, still und so, als sah er weit über den Hof und das Haus und die Felder. Sie wollte was sagen - aber sie bekam kein Wort heraus. Und es war auch Zeit zum Füttern.

Sie hatte so viel zu arbeiten, die Lotte, daß sie nicht zum Grübeln kam und eigentlich kaum sah, wie sich alle im Dorf sammelten und redeten und packten - bis dann am zweiten Abend die Nachbarin kam und sagte: "Lottchen - wir müssen alle 'raus!" Lotte schob die Alte aus der Stube in den Flur, damit die Mutter nicht das verstörte Gesicht sah - die Kleinen schliefen schon - und [72] dann fragte sie noch. Dann, während die alte Frau auf der Hausbank saß, raffte Lotte was sie bloß konnte und packte alles auf den Leiterwagen. "Wenn doch jetzt der Fritzke und der Wilhelmche lebten!" das war das einzige, was sie dachte, wenn sie die schweren Kisten und Körbe anschleppte und ins Stroh hob.

Eine ostpreußische Sommernacht ist kurz - viel zu kurz für einen, der allein denken und packen muß für einen solchen Auszug und dem keiner hilft, weil alle rundum dasselbe tun - alle wie betrunken von der Bitternis, daß sie von ihrem Grund und Boden, von ihrem Feld und Hof und Haus fort müssen.

Dann kam der Morgen, - so schön und heiß wie all diese Augustmorgen. Lotte hatte alles fertig, und die beiden Braunen standen vor dem Wagen, und die Fliegen stachen sie. Oben auf den Kisten lagen die Federbetten - alle neu blaubunt und rotbunt bezogen - und Decken und Vaters Pelz und darin, gebettet so gut es bloß ging, die Mutter mit dem Kleinen. Die andern vier liefen noch auf dem Hof rum, alle schon in den dicken Wintermänteln, rannten in den offenen Stall und sahen zu, wie die Ferkel sich's im Gemüsegarten behaglich machten. Lotte füllte die Morgenmilch in die große Meiereikanne, sie hatte sie noch abgekocht, und trieb die beiden Kühe auf die Weide. Die alte Nachbarin brachte ihre auch heraus. Sie tüderten sie nicht an, und sie [73] ließen noch das große Gattertor auf, damit die Kühe an den Kanal konnten.

Wie sie zurückkamen, hörten sie Geschrei und Wagenknarren, und da kam über die Dorfstraße ein erster Wagen - der Vorläufer einer langen Kette, die nun unablässig über das Holperpflaster rollte. Der Wagen war staubbedeckt, und die Frauen und Kinder und die beiden alten Männer da oben sahen todmüde aus - sie sprachen schon ganz heiser, aber sie riefen deutlich genug: "Macht bloß, daß ihr fortkommt!" Und die eine Frau rief: "Bei uns in der Forst steht hinter jedem Baum ein Russ'!"

Und nun kroch aus dem Neumannschen Hoftor der bepackte Leiterwagen und schob sich zwischen den Zug der fremden Wagen. Und die alte Nachbarin wurde von ihren Kindern auf die bunten Züchen gesetzt und mit der Schlittendecke bedeckt, und sie rief noch: "Lottchen, komm man!" und dann waren sie fort.

Lotte sammelte die Kleinen und hob sie herauf, und der Schutt bekam die Peitsche zu halten und durfte neben ihr sitzen. Die Mutter zog das schwarze Kopftuch über die Augen, um nicht zu sehen, wie sie vom Hof fuhren, und drückte das Nuschtchen an sich, und Lotte schnalzte und schwenkte die Leinen - aber die Braunen rührten sich nicht.

Ein ostpreußischer Augusttag ist lang - aber wie lang er sein kann, wenn man nicht fort kann und das Unheil [74] rückt näher und näher -, das lernte Lotte an jenem Tag, als sie da oben saß und die Braunen nicht anzogen. Das ganze Dorf wanderte an ihr vorbei und rief ihr zu und sagte: "Lottchen, nu fahr bloß!" Die Frau Lehrerin, die sah sie so traurig an - sie dachte, die Lotte könnte sich nicht entschließen, vom Elternhaus zu gehn. "Ich komm - ich komm gleich!" sagte Lotte, als sie merkte, der alte Pfarrer wollte heruntersteigen, ihr helfen - "ich wart man bloß auf die vom Abbau!"

Aber die kamen erst später - so viele andere schoben sich vor. Die Kleinen hatten geschlafen und waren wieder aufgewacht und hatten Brot gegessen und waren heruntergeklettert, und der Schutt hatte vor Ärger geweint, weil er nicht mit der Peitsche knallen durfte. Der Schatten der alten Stubbellinde war wie ein Uhrzeiger über den Hof gekrochen und lag schon auf der Schwelle, die Hühner badeten sich im Staub und schliefen, und die Kleinen schliefen auch, überwältigt von der Hitze. Sogar die Mutter schlief vor Erschöpfung mit dem Nuschtchen an der Brust, der von der Wärme zum erstenmal rote Bäckchen hatte. Nur Lotte wachte und saß da, schaudernd in der dicken ausgewachsenen Winterjacke, und sah den Zug vorüberziehn - die bepackten Wagen und die Menschen, die darauf saßen oder nebenher liefen. Dazu hörte man überall das unausgemolkene Vieh brüllen und nun, vom Mittag an, so was wie fernen Donner und wie das [75] Mahlen einer großen Kaffeemühle. Sie zogen vorüber, und die meisten sahen gar nicht den Wagen auf dem Hof - wer ihn sah, der rief was und winkte oder schüttelte den Kopf. Da waren viele Leiterwagen und ein paar altmodische kleine Jagdwagen, und einmal eine uralte Kutsche mit fünf Kindern drin, über die lag quer ein großer Bernhardiner.

Auf einem Wagen waren bloß Kinder, die meisten barfuß, ein paar hingen hinten am Leiterbaum, und neben dem uralten Kutscher lag eine ganz junge Wöchnerin. Mit den großen, langen, alten Sarghandtüchern hatte man ihr das Kleine auf die Brust gebunden.

Lotte saß da und sah das alles, und es war ihr, als wäre ihr Herz zu Stein geworden und sie selbst ein einziger großer Stein, so wie der Heidenstein drüben am Feldweg.

Aber das Schrecklichste war, wie der Wagenstrom immer dünner wurde - nun kamen sie bloß noch vereinzelt. Da war ein altes Ehepaar auf einem kleinen Wagen mit ganz kleinen Pferden, die holten sich Wasser vom Brunnen, und der Alte wollte Lotte helfen. Aber die Braunen rührten sich nicht, und er mußte weiter. "Na - auf Wiedersehn!" - sagte er. Das tat Lotte gut. Und dann kam noch mal ein Zug - ein ganzes Gut kam, neben dem letzten Wagen stattlich und siedend von der Mittagshitze schritt die Gutsfrau. "Kind", rief sie, [76] "um Gottes willen, komm bloß!" Sie wollte stehenbleiben, aber die alten Frauchen und ihre Enkelkinder, die da oben im Stroh saßen, weinten laut los vor Angst - denn die Kaffeemühle mahlte immer lauter.

Dann waren auch die fort. Nichts war mehr da, als die leere Dorfstraße, zerwühlt und voller Stroh, auf der ein paar Fohlen spielten.

Da sprang Lotte vom Wagen. Sie legte die Kleinen zurecht, die schlaftrunken um sich blickten, sie warf ihre Jacke über das Hermannchen und schritt nach der Stalltür.

Sie lehnte an dem Pfosten, sie taumelte vor Übermüdung und Verzweiflung.

"Ich verlaß mich auf dich!" sagte sie.

Im selben Augenblick gewahrte sie an der Wand die Arbeitsjacke und die grauleinenen Arbeitshosen des Vaters. Sie sah seine Mütze darüber hängen - und ohne recht zu denken, nahm sie die vom Nagel und stülpte sie auf ihren heißen Kopf.

Da streifte Lotte den bunten Rock ab. Eins, eins, war sie in der Hose - sie war genau so groß und so langbeinig wie der Vater. Dann war sie auch in der Jacke.

Sie lief quer über den Hof. Sie stellte sich vor die beiden Braunen. Die waren auf einmal ganz wach und ruckten an.

Lotte sprang aufs Rad, es drehte sich schon. Sie ent- [77] riß dem Schutt die Peitsche und knallte und pfiff - genau wie der Vater. Und die beiden Braunen zogen und setzten sich in einen forschen Trab. Platz genug war da. Die Fohlen liefen noch ein Weilchen nebenher, die Hühner schraken auf, eine Sau lief quer herüber - und nun lag das Dorf hinter ihnen. Nichts war da zu sehen. Nur hinten eine Staubwolke und hoch an dem hellblauen Himmel kleine schneeweiße Wattewölkchen.

Dann kam der Wald, und Lotte besann sich auf den Feldweg hinter seinem Rand und bog ab. Es war ja sandig genug - aber es kürzte doch den Weg. Und nachher sah sie da andere Wagenspuren und fand die Furt im großen Graben, und als die Kleinen vor
Mädel im Kampf
Vergnügen kreischten, schrie sie mit. So gegen Abend mußte sie in die Wiesen biegen, da kam ihr schon Militär entgegen, und sie seufzte tief auf, wie befreit. Und dann sah sie schon an einem kleinen Kirchhofsberg über den zermahlenen Stoppeln die ersten Feldfeuerchen der Flüchtlinge. Sie fand sogar die beiden Altchen und die große Gutsfrau, die ihr für die Kleinen und die Mutter warme Suppe gab und die Mutter zu sich nahm für die paar Nachtstunden.

Lotte kroch oben ins Stroh zu den Kleinen - der Wagen stand mitten auf einer Wiese -, und sie hörte die Grillen und hörte nicht, wie die andern sagten, daß sie nicht mehr nach Königsberg konnten, sondern bis zur [78] Weichsel müssten. Lotte hatte den Arm um den Schutt geschlungen, das Bein über die beiden Kleinen gelegt und die eine Hand hielt das Hermannchen - und sie murmelte im Einschlafen: "Kannst dich verlassen!"

Und er, der zur selben Stunde im Heidekraut an der Kiefernschonung über dem masurischen See die Augen schloß und keine Grillen hörte, bloß das Pfeifen der russischen Kugeln - er verließ sich auf sie.

A. Mg.





[79]
Von denen, die kämpfen
Von Inge Klamroth

Wir sind schon viele Tage auf Fahrt. Eine kleine Schar BDM.-Mädel... Wir haben gespart und "gehamstert" und es tatsächlich fertigbekommen, unseren größten Wunsch zu verwirklichen: Wir konnten auf Fahrt gehen - auf Großfahrt. Nun sind wir in Masuren. Heiße Sonne brütet auf den Sandwegen, die Luft über den weiten Seen flimmert. Manchmal will eine von uns stöhnen - "ist das heiß" -, manchmal singen wir, doch meistens gehen wir still nebeneinander her. Wozu reden, wenn doch alles so neu, so fremd und so schön ist!

Am Nachmittag liegen wir an einem Waldrand, gucken in den Himmel und freuen uns. Nicht laut, sondern ganz still... Es ist ganz ruhig um uns. Grete schläft sogar... Da kommen ein paar Frauen mit klappernden Blechtöpfen des Weges, sie wollen zum Blaubeerenlesen. Als sie dicht vor uns sind, sehen sie uns und nicken uns zu. "Tag!"

"Heil Hitler!" sagen wir und hören deutlich, wie eine von ihnen vor sich hinsagt: "Haben die es gut!"

Wir liegen wieder ganz still. Jede hat eigene Ge- [80] danken - und dann richtet sich eine auf, greift stillschweigend zum Brotbeutel und nestelt ihren Becher los. Wir haben schnell begriffen, was werden soll, und machen es ebenso. Unsere Affen [= Tornister, Fellranzen; Anm. d. Scriptorium] verstauen wir gut, unser großer Fahrtentopf muß mit, und bald sind wir eifrig beim Beerenlesen. Nach einer ganzen Weile fragt eine: "Wieviel kostet eigentlich das Liter?"

"Zwanzig Pfennig!" Dann lesen wir stumm weiter. Beere um Beere - wie viele faßt doch ein Liter! Und das kostet dann 20 Pfennig.

Als unser Topf voll ist, gehen wir zu den Frauen hinüber. Ob wir den jetzt in ihren Eimer ausschütten könnten? Sie sehen uns erstaunt, verständnislos an, und eine von uns sagt: "Die sollen für Sie sein."

Da nickt die Frau - es ist dieselbe, die vorher fand, wie gut wir es hätten, und reicht uns ihren Eimer.

"Dann helft uns nur!"

Wir lesen stumm weiter. Es ist ungewohnte Beschäftigung, und der Rücken tut uns weh, aber keine sagt's der anderen.

Als die Frauen nach Hause wollen, sind alle Eimer und Töpfe voll. Die Frauen sehen uns nachdenklich an: Wo wir hinwollten?

Eigentlich noch bis Lötzen, aber dazu wird's jetzt schon zu spät sein. Vielleicht können wir hier im Dorf in einer Scheune unterkommen?

[81] "Bei mir!" Die eine sagt's, und wir folgen ihr dankbar, müde und ein wenig erwartungsvoll... Das Dorf sieht aus wie alle Dörfer in Masuren: Niedrige Holzhäuser mit bunten Gärten davor, eine sandige Dorfstraße und ein blinkender See dahinter... Der Hof von Frau Plaga liegt mitten im Dorf. Die Scheune ist groß - wir werden schon Platz finden! Am Abend sitzen wir vor dem Haus und singen, Ruth begleitet auf der Flöte. Die Frau sitzt still auf der Bank, der Bauer neben ihr. Er hat eine kurze Pfeife zwischen den Fingern, ein braunes, verwittertes Gesicht und ganz helle, wache Augen. Die beiden hören uns zu, dann nimmt der Bauer die Pfeife aus dem Mund: "Gut habt ihr's, daß ihr so durch die Gegend ziehen könnt. - Es ist doch besser geworden mit unserer Jugend - sie guckt nicht erst immer nach draußen, sondern sieht sich erst die Heimat an!"

Nach einer Weile fährt der Bauer fort:

"Seit 1707 steht mein Haus hier. Das hat schon viel gesehen."

Während wir eng zusammenrücken und in den Himmel sehen, der immer dunkler wird, erzählt er uns vom schweren Mühen hier, jahraus, jahrein, vom Fischen und Holzfällen, vom Pflügen und Säen. Ein Leben wächst vor uns auf, ganz einfach - aber voll zwingender Härte und schwerster Arbeit. Ein Leben, das reich war - so [82] reich, wie es nur die Menschen leben können, die mit wachen und klaren Augen in alles Geschehen blicken...

"Und das ist dann das Schönste -, wenn überall auf den Feldern das Korn reift, wenn die Ähren sich tief zur Erde beugen und so voll von Segen sind. Wenn ich dann durch die Felder gehe, mir ist dann immer, als müßte ich beten..."

Unvermittelt erzählt er dann vom Krieg.

"Uns hatten sie verschont, aber überall rundherum brannten die Höfe, war der Himmel rot vom Feuerschein. Wie eine böse Horde kamen die Russen, ließen nichts leben auf ihrem Weg, schlugen sogar Frauen und Kinder tot. Ich marschierte damals bei Lötzen. Wußte nicht, ob nicht auch mein Haus brannte. Immer hatte ich es brennend vor Augen, glaubte Frau und Kinder erschlagen - furchtbare Wochen waren es, bis ich dann wußte, daß ich verschont geblieben war. So viele starben damals ohne Sinn... Eltern, Frauen, Kinder der Kameraden neben mir. Wir haben nicht viel geredet damals. Aber jeder wußte, daß er kämpfen mußte bis zuletzt."

Bis zuletzt kämpfen -, ganz dunkel ist es, und viele Sterne stehen über uns. Wir geben unseren Gastgebern die Hand. Als wir schon im Stroh liegen, sagt eine ganz ruhig:

"Die Leute hier kämpfen doch immer noch für die [83] Heimat. Mit Arbeit und Mühen und ihrem harten Leben. Wir müssen wohl noch viel lernen."

Am andern Morgen ziehen wir weiter. Sonne liegt über uns. Wir wandern weiter ins Neue und Schöne - auf allen Wegen, ein weiter großer Himmel spannt sich in die Heimat.

Seite zurückInhaltsübersichtSeite vor

Mädel im Kampf
Erlebnisse und Erzählungen