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[Anm. d. Scriptorium:
eine detaillierte Karte
der deutschen Kolonien
finden Sie hier.]
Der Weltkrieg in den Kolonien   (Teil 1)
[263]

Der Kampf um Ostafrika
Dr. Alex Haenicke

Die geringe Zahl unserer Streitkräfte schien, als der Weltkrieg ausbrach, einen längeren Widerstand gegen die Übermacht der Alliierten unmöglich zu machen. Aber General von Lettow-Vorbeck, unterstützt vom Gouverneur Dr. Heinrich Schnee, der den
Scriptorium merkt an:
bei diesem Kapitel verweisen wir
noch besonders auf den Abschnitt
"Der Krieg um die Kolonien:
Deutsch-Ostafrika"
aus dem Sammelwerk
"Der Weltkampf um Ehre und Recht".
ganzen Feldzug bei der Truppe mitgemacht hat, gelang es, sich den ganzen Krieg hindurch nicht nur gegen die Verbündeten erfolgreich zu verteidigen, sondern sogar zur Offensive überzugehen und bei Abschluß des Waffenstillstandes unbesiegt den Feinden gegenüberzutreten. Es ist an allen Fronten des großen Ringens Übermenschliches, Unvorstellbares geleistet worden, und wir wollen hier nicht abwägen, ob die Kalkwüste der Champagne, die Wasseröde Flanderns oder der Fieberbusch Ostafrikas größere Anforderungen an die Nerven der Kämpfenden stellten. Es genügt,
Gouverneur Schnee und Lettow-Vorbeck.
[269]      Gouverneur Schnee und Lettow-Vorbeck.
sich darüber klar zu sein, daß die Verteidigung Ostafrikas durch die Schutztruppe unter Führung Lettow-Vorbecks zu den erstaunlichsten, zu den ganz heroischen, ganz unerwartet großartigen Leistungen gehört.

Es ist das für uns als Deutsche besonders schön; denn die Askaris der Schutztruppe, die farbigen Soldaten, haben sich mit nicht geringerer Tapferkeit und vor allem mit nicht geringerer Liebe zu Deutschland geschlagen - trotz der verlockendsten Angebote der Engländer stand "die gesamte Eingeborenenbevölkerung wie ein Mann zu den Deutschen, selbst unter schwersten Opfern an Gut und Blut, die sie freiwillig, nicht notgedrungen oder gezwungen, brachte". Man kann es nicht oft, nicht laut genug in alle Welt schreien, daß die ostafrikanischen Neger, vielleicht in noch höherem Maße als ihre Stammesgenossen in Westafrika, deutsch sein wollen, daß sie Leben und Eigentum genau so für Deutschland gegeben haben wie die Deutschen selbst - damit endlich, endlich wieder Gerechtigkeit in die Welt komme und die bösartigen Lügen der Konkurrenzneider übertöne. Deutschland muß schon aus dem Grund allein seine Kolonien wieder haben, weil die Neger mit ihrem Blut erklärt haben, welchem Land sie die Treue halten wollen.

Aber abgesehen von allem Heldentum, allen ethischen Einflüssen, hatte die erfolgreiche Verteidigung einen sehr realen Vorteil für die an den europäischen Fronten Kämpfenden: Es wurden sehr bedeutende alliierte Streitkräfte in Ostafrika gefesselt, die sonst auf den anderen Kriegsschauplätzen auf uns losgelassen worden wären - so bedeutende, wie wir damals gar nicht geahnt haben. Lettow-Vorbeck sagt:

      "Für die feindlichen Stärken stehen mir authentische Angaben nicht zur Verfügung, und ich muß den englischen Offizieren und den Pressemeldungen, auf die ich mich berufe, [264] die Verantwortung für die Richtigkeit der ihrigen überlassen. Nach diesen haben über 130 (!!) Generäle gegen uns im Felde gestanden; die Gesamtstärke der feindlichen Soldaten betrug rund 300 000, die Verluste an europäischen und indischen Toten 20 000, an Pferden und Maultieren 140 000. Diese Zahlen, besonders die Zahl der Generäle, scheinen mir allerdings selbst etwas zu hoch gegriffen; ich kann deswegen nur wiederholen, daß sie aus englischer Quelle stammen. Jedenfalls sind es aber recht achtbare Verluste gewesen. Unter Berücksichtigung des Umstandes, daß die Zahl der gefallenen und gestorbenen schwarzen Soldaten nicht bekannt gegeben ist, dürfte die Gesamtzahl der feindlichen Toten nicht unter 60 000 Soldaten betragen. Der Gefechtskalender weist schon heute, obwohl die Nachrichten von Tafel und Wintgens noch fehlen, mindestens 1000 Gefechte auf."

Die Engländer beziffern ihre Truppenstärke wie folgt: 52 000 Inder, 43 000 Südafrikaner, 3000 Koloniefreiwillige, 15 000 aus verschiedenen afrikanischen Regimentern, 15 000 Belgier und 20 000 Portugiesen - alles gegen ein paar tausend Mann Askaris und ein paar hundert Weiße! Schließlich können wir ja nur geschmeichelt sein!

Natürlich bot das Land einer so vorzüglich geschulten Truppe wie der deutschen und so erfahrenen Offizieren außerordentliche Vorteile. Ein englischer Bericht urteilt so:

      "Das Land war für eine längere Verteidigung vorzüglich geeignet, wenn es einen entschlossenen und harten Kommandeur hatte, als der Lettow-Vorbeck sich bewies. Ein großer Teil des Landes ist mit Busch besetzt, das heißt mit Unterholz, mehr oder weniger offen, aber durchweg dicht, aus dem Bäume bis zu 30 Fuß Höhe hervorragen. Dieser Busch bedeckt Berge und Täler, selbst dürre Steppen und schießt an der Küste in üppige Dschungel auf. Einige Gebiete sind mit dichten Wäldern bedeckt, andere mit Elefantengras von 6 - 10 Fuß Höhe und darüber. Fast alle Flußtäler sind sumpfig und fieberverseucht. Während der Regenzeit sind weite Gebiete überschwemmt. In der Trockenzeit herrscht oft Wassermangel. Wilde Tiere bilden eine schwere Gefahr, besonders für die Verwundeten. Das Klima ist tropisch und sehr ungesund, ausgenommen einige wenige Hochebenen; in einigen Berggebieten ist sogar Malaria heimisch. Solcher Art war die Lage in Ostafrika, einem Lande von doppelter Größe wie Deutschland selbst. Der »Busch« war der größte Aktivposten für die Verteidigung."

Der Burengeneral Smuts, der Lettow-Vorbeck gegenüberstand, meinte:

      "Im afrikanischen Busch mit seiner beschränkten Übersichtlichkeit ist es praktisch unmöglich, einen Feind einzuschließen, der entschlossen ist zu entkommen. Die Methode ist einfach. Wenn einer Truppenmacht so hart beigesetzt wird, daß die Vernichtung unvermeidlich scheint, der Widerstand aber fortgesetzt werden soll, so wird der Befehl gegeben, »schlagt euch in den Busch,« worauf die Truppe sich in Partien zu dreien und vieren auflöst und im Busch verschwindet. Verfolgung ist hoffnungslos, und der versprengte Feind, wenn er gut geschult ist, sammelt sich wieder an einem verabredeten Punkte. Noch mehr, so dicht ist der Busch auf viele Tausende von Quadratmeilen, daß beträchtliche Streitkräfte bei einer Meile Entfernung aneinander vorbeimarschieren können, ohne einander gewahr zu werden. Diese Faktoren erklären es, warum bei genügender Bewaffnung und Nahrungsversorgung" - hier färbt Smuts die Lage der Deutschen rosiger, als sie war, um sich selbst zu entschuldigen - "Lettow-Vorbeck noch im Felde stand, als der Waffenstillstand in Europa unterzeichnet wurde, trotz der Isolation und der weit überlegenen Kräfte, die seit dem Jahre 1916 ins Feld geschickt wurden."

[265] Gouverneur Dr. Heinrich Schnee gibt folgende Übersicht über den Verlauf des Feldzuges:

      "Der Krieg in Deutsch-Ostafrika läßt sich in vier Zeitabschnitte einteilen.
      Der erste Abschnitt umfaßt die Zeit vom Kriegsausbruch bis zum Beginn der großen englischen Offensive, das ist vom August 1914 bis März 1916. Innerhalb dieses Zeitraumes verblieb das Schutzgebiet, abgesehen von kleinen unbedeutenden Teilen, in deutschem Besitz; es gelang der Schutztruppe nicht nur, feindliche Angriffe auf die Kolonie abzuwehren, sondern auch erfolgreiche Vorstöße in die dem Schutzgebiet benachbarten feindlichen Kolonien zu machen und ein kleines Gebiet in Britisch-Ostafrika zu besetzen.
      Der zweite Abschnitt umfaßt die Zeit vom Beginn des feindlichen Vordringens in den nördlichen Teil des Schutzgebietes bis zum Verlust der Zentralbahn und damit des größten Teiles der Kolonie, das ist vom März 1916 bis September 1916. Innerhalb dieser Zeit drangen starke feindliche Kräfte sowohl von Norden (Kilimandscharo) wie von Nordwesten (Kiwusee), Westen (Tanganjika) und Südwesten (Njassa) wie auch vorübergehend von Süden (Portugiesisch-Ostafrika) in das deutsche Gebiet ein. Obwohl dem Feind jeder Fußbreit Bodens streitig gemacht wurde, mußte die Schutztruppe doch unter beständigen Kämpfen vor den an
Ein Baumverhau im Kampfgebiet Mahenge in 
Deutsch-Ostafrika.
[270]      Ein Baumverhau im Kampfgebiet Mahenge in Deutsch-Ostafrika.
Truppenzahl wie an Kriegsmaterial jeder Art weit überlegenen feindlichen Streitkräften allmählich zurückweichen. Ende September 1916 befanden sich im wesentlichen die Gebiete südlich des Rowuma und kleinere Teile nördlich des unteren Rowuma sowie der westlich angrenzende Mahengebezirk noch in deutschem Besitz.
      Der dritte Abschnitt reicht bis zur Räumung des Schutzgebietes durch die Reste der Schutztruppe und Übergang dieser über den Rowuma in portugiesisches Gebiet, vom September 1916 bis Ende November 1917. Während dieses Zeitraumes hielt die Truppe unter täglich schwieriger werdenden Verhältnissen den weit überlegenen Gegner auf und brachte ihm trotz seiner gewaltigen Überzahl wiederholt schwere Verluste bei, so daß der Feind über ein Jahr brauchte, um unsere Truppe zur Aufgabe dieses letzten Teiles unserer Kolonie zu zwingen.
      Der vierte Abschnitt umfaßt die Zeit vom Übergang über den Rowuma bis zum Waffenstillstand, d. i. vom November 1917 bis November 1918. Die kleine noch mobile Truppe hielt sich nach dem Rowuma-Übergang zehn Monate lang in portugiesischem Gebiet, ihre Munition und Ausrüstung durch Wegnahme feindlicher Bestände und Eroberung portugiesischer Forts ergänzend und die Verpflegung aus dem Lande entnehmend. Teile der Truppe gingen östlich bis zur Küste, westlich bis in die Nähe des Njassasees, die ganze Truppe dann bis in die Gegend von Quelimane nach Süden, schließlich, nachdem stärkere englische Truppen in Portugiesisch-Ostafrika zu ihrer Einkreisung zusammengezogen waren, über den Rowuma nach Deutsch-Ostafrika zurück. In den letzten anderthalb Monaten wurde der Südwesten von Deutsch-Ostafrika durchquert und dann nach Nordostrhodesien hineinmarschiert. Bei Kasama in Rhodesien (etwa zehn [266] Tagemärsche von der deutsch-ostafrikanischen Grenze entfernt) erreichte uns die Nachricht vom Waffenstillstand."

Deutsches Feldgeschütz in Stellung. Deutsch-Ostafrika.
[269]      Deutsches Feldgeschütz in Stellung. Deutsch-Ostafrika.

Askaris in einem Ruhelager in Deutsch-Ostafrika. [269]      Askaris in einem Ruhelager in Deutsch-Ostafrika.

Eine Askarikompanie in Daressalam. Eine Askarikompanie in Daressalam fertig zum Abmarsch
in den Frontbezirk Neu-Langenburg.      [Vergrößern]

Aus: Der Weltkrieg in seiner rauhen Wirklichkeit, S. 534.
 


Mit Maschinengewehr und Munition vorgehende deutsche Askaris. Mit Maschinengewehr und reichlicher Munition vorgehende deutsche Askaris
stoßen auf den Feind und nehmen das Gefecht auf.      [Vergrößern]

Aus: Der Weltkrieg in seiner rauhen Wirklichkeit, S. 540.
 


Schutztruppen-Infanterie-Askari verfolgt sprungweise den Feind. Schutztruppen-Infanterie-Askari verfolgt sprungweise
den Feind.      [Vergrößern]

Aus: Der Weltkrieg in seiner rauhen Wirklichkeit, S. 542.
 
Einige Kämpfe waren besonders bestimmend für den Verlauf des Feldzuges und bezeichnend für den Geist der Truppe, ebenso die erste Schlacht, die im November 1914 geschlagen wurde: Das etwa 8000 Mann starke englisch-indische Expeditionskorps wurde von Lettow-Vorbeck mit etwa 1000 Mann schwer geschlagen. Die Engländer beziffern ihre Verluste auf 795 Mann, davon 141 englische Offiziere und Mannschaften, außerdem verloren sie 16 Maschinengewehre; unsere Verluste geben sie mit 15 gefallenen Deutschen und 44 gefallenen Askaris an. Dann brachte am 11. März 1916 Major Kraut am Kilimandscharo der ersten Brigade der zweiten ostafrikanischen Division eine so schwere Niederlage bei, daß der General Malleson bat, seines Kommandos enthoben zu werden. Die verlustreichste Schlacht für die Engländer fand im Oktober 1917 bei Mahiwa statt: Lettow verlor von 1500 Mann 519, die Engländer büßten 3000 ein. Nach dem Übertritt auf portugiesisches Gebiet hatte Lettow noch im ganzen 2000 Mann - die Portugiesen schickten etwa 20 000 aus der Heimat herüber, was natürlich viel zu wenig war, und auch keinen weiteren Zweck hatte, als die Schutztruppe mit Waffen, Ausrüstungsstücken und Munition zu versehen. Dieser Aufgabe wurden die Portugiesen auf das beste gerecht.

Die Verlustliste der Deutschen betrug: Gefangene 1741, Vermißte 1135, Gestorbene 247, Gefallene 287, Verwundete 874, bei der Marine 160. Die Verluste unserer Askaris betrugen an Toten 10 292, an Verwundeten 3669 Mann.

General von Lettow-Vorbeck beschreibt in seinem Buche Meine Erinnerungen an Ostafrika die Schlacht bei Tanga folgendermaßen:

      "Erbeutete englische Zeitungen berichteten, daß Deutschland den Verlust seiner geliebten Kolonien, seiner »Küchlein,« so besonders schmerzlich empfinden würde, und daß Deutsch-Ostafrika der »wertvollste Happen« sei. Erbeutete Post sprach von der demnächstigen Ankunft eines indischen Expeditionskorps von 10 000 Mann, und da ich sowieso aus allgemeinen Erwägungen heraus schon immer mit einer feindlichen Landung größeren Stiles in der Gegend von Tanga gerechnet hatte, reiste ich Ende Oktober dorthin, fuhr mit meinem mitgenommenen Auto die Gegend ab und besprach mich an Ort und Stelle mit Hauptmann Adler, dem Führer der 17. Kompanie, sowie dem Bezirksamtmann Auracher. Erfreulicherweise trat dieser meiner Auffassung bei, daß bei einer ernsthaften Bedrohung Tangas vor allem einheitliches Handeln notwendig sei, und ich versicherte ihm, daß ich selbstverständlich für alle hieraus hervorgehenden Konsequenzen die Verantwortung übernähme. Dies war besonders deshalb von Bedeutung, weil nach den gegebenen Anweisungen des Gouverneurs eine Beschießung von Tanga unter allen Umständen vermieden werden sollte. Die Ansichten darüber, was im gegebenen Fall zu tun oder zu lassen sei, konnten also sehr verschieden sein.
[267]       Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Neumoschi, am 2. November, wurde von Tanga aus gedrahtet, daß 14 feindliche Transportschiffe und zwei Kreuzer vor Tanga erschienen seien. Diese verlangten die bedingungslose Übergabe der Stadt; die Verhandlungen darüber zogen sich in die Länge, da Bezirksamtmann Auracher, der an Bord gegangen war, darauf aufmerksam machte, daß er besondere Weisung einzuholen habe, und das angedrohte Bombardement durch die Bemerkung verhinderte, daß Tanga ein offener und unverteidigter Ort sei. Hauptmann Baumstark, der mit zwei Kompanien nördlich Tanga im Grenzgebiet war, wurde sofort auf Tanga in Marsch gesetzt. Ebenso wurden aus der Gegend von Taveta und vom Kilimandscharo die beiden Europäerkompanien und die Askarikompanien im Eilmarsch nach Neumoschi herangeholt. Zwei Lastautos, die zum Verpflegungstransport auf der Strecke Neumoschi - Taveta dienten, taten bei dieser Truppenverschiebung wertvolle Dienste.
      Meine Absicht, alle verfügbaren Truppen gegen die zweifellos in Tanga bevorstehende Landung mit größter Schnelligkeit dort zu sammeln, war trotz der den Truppen zugemuteten starken Märsche nur durchführbar, wenn die Nordbahn ihre Leistungsfähigkeit auf das äußerste anspannte, und das war bei den wenigen Lokomotiven - es waren nur acht - viel verlangt. Die etwa 300 km lange Strecke ist eine Schmalspurbahn, auf der im voll ausgelasteten Zuge von 24-32 Achsen nur eine Kompanie mit vollem Gepäck oder zwei Kompanien ohne Gepäck und ohne Träger befördert werden konnten. Nur dem Entgegenkommen aller mit diesen Transporten beschäftigten Personen - ich nenne besonders den als Leutnant zur Truppe eingezogenen Eisenbahnkommissar Kröber und den Betriebsdirektor Kühlwein -, die die Züge bei Tanga bis auf das Gefechtsfeld und in das Feuer hinein vorführten, ist es zu danken, daß diese Transporte überhaupt ausgeführt werden konnten. Noch am 2. November wurden die gerade in Neumoschi anwesenden Truppenteile, anderthalb Kompanien, mit der Bahn abtransportiert, am 3. morgens das Kommando mit einer weiteren Kompanie; drei andere Kompanien folgten später. Ebenso wurden alle kleineren Formationen des Bahnschutzes nach Tanga herangezogen. Die Stimmung der abfahrenden Truppen war glänzend; dies mag jedoch weniger darauf zurückzuführen sein, daß der Askari sich über den Ernst der Lage klar war, als vielmehr darauf, daß für ihn eine Eisenbahnfahrt unter allen Umständen ein großes Vergnügen bedeutete.
      Das Kommando traf am 3. November abends in Korogwe ein. Ich begab mich zu dem dort eingerichteten Lazarett und sprach die aus dem Gefecht von Tanga am 3. November zurückgekommenen Verwundeten. Einer derselben, Oberleutnant d. L. Merensky, berichtete mir, daß am 2. November bei Tanga Posten- und Patrouillengefechte in der Gegend von Ras Kasone stattgefunden hatten und daß am 3. November ein anscheinend mehrere tausend Mann starker Feind, der bei Ras Kasone gelandet war, die 17. Kompanie östlich von Tanga angegriffen hatte. Diese, durch die Europäer und Polizeiaskari aus Tanga unter [268] dem Oberleutnant Auracher verstärkt, hatte dem Angriff standgehalten, bis die ersten von Neumoschi eintreffenden anderthalb Kompanien eingriffen, sofort gegen die linke Flanke des Feindes vorstürmten und ihn zurückwarfen. Oberleutnant Merensky hatte den Eindruck, daß der Feind vollständig geschlagen und die Wiederholung eines Angriffes unwahrscheinlich wäre. Die während der Eisenbahnfahrt stückweise eintreffenden Telegramme hatten mir ein klares Bild der Lage nicht geben können, als das Kommando am 4. November um 3 Uhr morgens 6 km westlich von Tanga die Bahn verließ und dort den Hauptmann Baumstark antraf.
      Dieser hatte die Lage anders beurteilt und glaubte bei der großen Überlegenheit des Feindes, daß bei einem erneuten Angriff Tanga nicht zu halten sei. Er hatte deshalb seine von Norden kommenden zwei Kompanien und die Teile, die am 3. November bei Tanga im Gefecht gestanden hatten, am Abend dieses Tages 6 km westlich von Tanga gesammelt und in der Stadt selbst nur Patrouillen belassen. Ob Tanga frei oder vom Feinde besetzt war, darüber herrschte keine Klarheit. Starke Offizierspatrouillen wurden sofort über Tanga hinaus auf Ras Kasone zu vorgetrieben. Glücklicherweise hatte das Kommando einige Fahrräder mitgebracht, und so konnte ich, um schnell Aufklärung durch persönlichen Augenschein zu schaffen, sogleich mit Hauptmann v. Hammerstein und dem Kriegsfreiwilligen Dr. Lessel zum Bahnhof Tanga hinein vorfahren. Von der hier angetroffenen vorgeschobenen Postierung der 6. Feldkompanie konnte ich auch nichts Näheres über den Feind erfahren und fuhr weiter durch die leeren Straßen der Stadt vor. Die Stadt war vollständig verlassen, und die weißen Europäerhäuser leuchteten in den Straßen, durch die wir fuhren, im klarsten Mondschein. So erreichten wir den Hafen am jenseitigen Stadtrande; Tanga war also frei vom Feinde. 400 m vor uns lagen hell erleuchtet die Transportschiffe, auf denen großer Lärm herrschte; es war kein Zweifel, daß die Landung unmittelbar bevorstand. Ich bedauerte sehr, daß unsere Artillerie - wir hatten nämlich auch zwei Geschütze C/73 - noch nicht zur Stelle war. Hier, im hellen Mondschein, auf so nahe Entfernung, hätte sie trotz der Anwesenheit der feindlichen Kreuzer vernichtend wirken können.
      Wir fuhren dann weiter auf Ras Kasone zu, ließen im deutschen Gouvernementshospital unsere Räder stehen und gingen zu Fuß an den Strand, an dem dicht vor uns ein englischer Kreuzer lag. Auf unserem Rückweg wurden wir am Hospital anscheinend von einem indischen Posten - wir konnten die Sprache nicht verstehen - angerufen, sahen aber nichts. Wir setzten uns auf die Räder und fuhren zurück. Der Tag begann zu grauen, und linker Hand von uns hörten wir die ersten Schüsse fallen. Es war dies die Offizierspatrouille des Leutnants Bergmann der 6. Feldkompanie, die westlich Ras Kasone auf feindliche Patrouillen gestoßen war. Einer meiner Radfahrer brachte nun an Hauptmann Baumstark den Befehl, sogleich mit allen Truppen auf Bahnhof Tanga anzutreten. Für die Art, wie ich das sicher [269-270=Fotos] [271] bevorstehende Gefecht zu führen gedachte, war die Beschaffenheit des Geländes mit ausschlaggebend. Im Norden boten die Häuser der am Hafen gelegenen Europäerstadt Schutz gegen Sicht und daher auch gegen das Artilleriefeuer der nahe gelegenen Kreuzer. Umgeben war die Stadt von ununterbrochenen Kokospalmen- und Kautschukpflanzungen, die sich fast bis Ras Kasone ausdehnten, und in die außer der Eingeborenenstadt auch einige Anpflanzungen von Eingeborenen eingestreut waren. Unterholz war nur an wenigen Stellen vorhanden und das Gelände durchaus flach. Es war wahrscheinlich, daß der Feind, mochte er nun bei Ras Kasone allein oder gleichzeitig an mehreren Stellen, zum Beispiel auch bei Mwambani, landen, einen Druck gegen unseren südlichen, also rechten Flügel ausüben würde. Auch für uns war hier südlich von Tanga die Aussicht auf größere Bewegungsfreiheit durch die Beschaffenheit des Geländes gegeben. Ich beschloß, den sicher zu erwartenden feindlichen Angriff am Ostrande von Tanga anzunehmen und starke Reserven hinter unserem rechten Flügel zum Gegenstoß gegen die feindliche Flanke zu staffeln.
      Bei den verschiedenen Aufgaben galt es, die Eigenart der Truppenteile zu berücksichtigen. In der damaligen Zeit hatte jede Kompanie noch nach der Art ihrer Zusammensetzung und dem Standpunkte ihrer Ausbildung ihr besonderes Gepräge. Die gute 6. Feldkompanie, die im Frieden in Udjidji auch mit Maschinengewehren eine sorgfältige Ausbildung im Schießen erhalten hatte, wurde beauftragt, in einer breiten Front den Ostrand von Tanga zu besetzen. Rechts rückwärts von dieser, außerhalb Tanga, wurde das Bataillon Baumstark, bestehend aus der aus Polizei gebildeten 16. und 17. Feldkompanie sowie kleineren, zu einer Kompanie zusammengezogenen Formationen, gestaffelt. Rechts rückwärts hiervon, an der Telegraphenstraße Tanga - Pangani, blieben drei gute Kompanien, nämlich die aus Europäern bestehende 7. und 8. Schützenkompanie mit ihren vier Maschinengewehren, zu meiner Verfügung. Das Kommando selbst blieb zunächst an der Straße Tanga - Pangani und schloß sich an die dortige Drahtleitung an. Die 4. und 9. Feldkompanie sowie die zwei Geschütze C/73 (Batterie Hauptmann Hering) waren noch im Anrollen und die Zeit ihres Eintreffens ungewiß. So verblieb die Lage im wesentlichen bis zum Nachmittag. In der heißen Sonne der Küstenzone litten wir nicht wenig unter Durst, stillten ihn aber durch das Wasser der jungen Kokosfrüchte. Auch sonstige Getränke gab es damals noch in Tanga; wir hatten noch Wein und Selterswasser. Sogar warme Würstchen wurden den Truppen vom Schlächtermeister Grabow gebracht.
      Die Vorgänge bei den feindlichen Schiffen wurden dauernd scharf beobachtet. Man sah jedes Boot, das von ihnen abstieß, und dessen Besatzung. Ich schätzte die Summe der bis zum Mittag gelandeten Feinde auf 6000. Aber auch bei dieser noch zu niedrigen Schätzung des Feindes mußte ich mir die Frage vorlegen, ob ich es wagen durfte, mit meinen tausend Gewehren einen entscheidenden Kampf aufzunehmen. Ich habe die Frage aus verschiedenen Gründen bejaht. Es war zu wichtig, den Feind an einem Festsetzen bei Tanga zu hindern. Wir [272] würden ihm sonst die beste Basis für Unternehmungen gegen die Nordbezirke überlassen; bei seinem Vordringen würde er in der Nordbahn ein glänzendes Hilfsmittel für seinen Nachschub haben, und immer neue Truppen und Kampfmittel könnten bequem und überraschend heran- und vorgeführt werden. Dann war aber mit Sicherheit zu erwarten, daß das Gebiet der Nordbahn für uns unhaltbar würde, und unsere bisherige so erfolgreiche Art der Kriegführung mußte aufgegeben werden. Gegen diese gewichtigen sachlichen Gründe mußten enge Bedenken, wie der Befehl des Gouverneurs, die Beschießung von Tanga unter allen Umständen zu vermeiden, zurücktreten.
      Einige Umstände sprachen auch zu unseren Gunsten. Einmal war mir persönlich von früher her, aus Ostasien, die Schwerfälligkeit englischer Truppenbewegungen und englischer Gefechtsführung bekannt, und es war sicher, daß diese Schwierigkeiten in dem sehr gedeckten und dem Feinde unmittelbar nach seiner Landung ganz unbekannten Gelände ins Unendliche wachsen würden. Die geringste Störung der Ordnung mußte weitgehende Folgen nach sich ziehen. Ich hatte Aussicht, mit meiner Truppe, deren Europäer die Gegend von Tanga gut kannten und deren Askari im Busch zu Hause waren, die Schwächen des Feindes durch geschicktes und schnelles Manövrieren auszunutzen.
      Freilich, wenn die Sache unglücklich ablief, war es schlimm. Schon bisher war die Art meiner aktiven Kriegführung mißbilligt worden. Kam hierzu noch eine große Niederlage im Gefecht, so war es mit dem Vertrauen der Truppe wahrscheinlich endgültig vorbei, und mit Sicherheit würden mir auch von vorgesetzter Stelle aus unüberwindbare Schwierigkeiten in der Kommandoführung bereitet worden sein. Mein Entschluß war nicht leicht, und seine in der kriegerischen Lage begründete Schwere wurde dadurch noch in unnötiger Weise vergrößert, daß die Bestimmungen dem eigentlich verantwortlichen Führer nicht die genügende Freiheit einräumten. Aber es half nichts: es mußte alles an alles gesetzt werden.
      Noch am Vormittag gab ich an Hauptmann v. Prince persönlich den Befehl, mit seinen zwei Europäerkompanien nach Tanga hineinzurücken, um bei einem Angriff gegen die am Ostrande des Ortes liegende Askarikompanie schnell und ohne Befehl eingreifen zu können. Schon fing ich an zu zweifeln, ob der Feind am 4. November überhaupt noch angreifen würde, als um 3 Uhr nachmittags ein Askari in seiner einfachen und strammen Art die Meldung machte: "Adui tajari" ("Der Feind ist bereit"). Das kurze Wort werde ich niemals vergessen. Im nächsten Moment ging gleichzeitig das Gewehrfeuer auf der ganzen Front los, und man konnte auf den raschen Verlauf des Gefechts mit seinem Hin- und Herwogen nur aus der Richtung des Knalles der Schüsse Schlüsse ziehen. Man hörte, daß das Feuer sich vom Ostrande Tangas her in die Stadt hineinzog: hier war also die 6. Kompanie zurückgeworfen worden. Bis dicht an den Bahnhof und in die Stadt hinein war der Feind mit zwanzigfacher Übermacht vorgedrungen. Hauptmann v. Prince war mit seinen beiden Europäerkompanien [273] sofort vorgestürmt und hatte die zurückgehenden braven Askari augenblicklich zum Stehen und Wiedervorgehen gebracht. Das britische, nur aus Europäern, langgedienten Mannschaften, bestehende North-Lancashire-Regiment, 800 Mann stark, wurde mit schweren Verlusten zurückgeworfen, und auch der zwischen diesem Regiment und dem Strande vorgehenden indischen Brigade (Kaschmir-Schützen) wurden die von ihr genommenen Häuser in hartnäckigem Straßenkampf entrissen.
      Aber auch südlich von Tanga hatte Hauptmann Baumstark seine Kompanien an der Front eingesetzt, und nach etwa einstündigem Gefecht beobachtete ich, wie hier die Askari durch die Palmen bis an die Straße Tanga - Pangani zurückgingen. Die Europäer des Kommandos liefen sofort hin und brachten die Leute zum Stehen. Ich sehe noch heute den temperamentvollen und zähen Hauptmann v. Hammerstein vor mir, wie er voller Empörung einem zurückgehenden Askari eine leere Flasche an den Kopf warf. Es waren ja schließlich zum großen Teil junge, gerade erst aufgestellte Kompanien, die hier fochten und durch das starke feindliche Feuer verblüfft waren. Aber als wir Europäer uns vor sie hinstellten und sie auslachten, kamen sie schnell wieder zu sich und sahen, daß eben nicht jede Kugel traf. Aber im ganzen war der Druck, der gegen unsere Front ausgeübt wurde, doch so stark, daß ich glaubte, mit dem Herbeiführen der Entscheidung nicht länger warten und zum Gegenstoß ansetzen zu müssen. Hierzu stand allerdings nur eine einzige Kompanie zur Verfügung, aber es war die gute 13. Feldkompanie. Die 4. Kompanie, deren Ankunft ich von Minute zu Minute sehnsüchtigst erwartete, war noch nicht eingetroffen.
      Das bisherige Gefecht hatte gezeigt, daß der Feind sich mit seiner in der Flanke ungesicherten Front nicht weiter nach Süden ausdehnte, als der rechte Flügel unserer Front reichte. Hier also mußte ihn der Gegenstoß vernichtend treffen, und jedem Teilnehmer wird der Moment unvergeßlich sein, als hier die Maschinengewehre der 13. Kompanie mit ihrem Dauerfeuer einsetzten und den sofortigen Umschwung des Gefechts herbeiführten. Die ganze Front raffte sich auf und stürzte sich mit jubelndem Hurra vorwärts. Inzwischen war auch die 4. Kompanie eingetroffen; wenn sie infolge eines Mißverständnisses auch nicht noch weiter über die 13. ausholend eingesetzt wurde, sondern sich zwischen dieser und unserer Front einschob, so kam sie doch noch vor Dunkelheit zum wirksamen Eingreifen. In wilder Flucht floh der Feind in dichten Klumpen davon, und unsere Maschinengewehre, aus Front und Flanke konzentrisch auf ihn wirkend, mähten ganze Kompanien Mann für Mann nieder. Mehrere Askari kamen freudig strahlend heran, über dem Rücken mehrere erbeutete englische Gewehre und an jeder Faust einen gefangenen Inder. Die Handfesseln aber, die wir bei diesen vorfanden, zum Gebrauch an deutschen Gefangenen, wandte niemand von uns ihnen gegenüber an.
      Man stelle sich diesen Augenblick vor; im dichten Walde, alle Truppenteile, vielfach sogar Freund und Feind durcheinander gemischt, die verschiedensten [274] Sprachen durcheinander geschrien, und dazu die rasch hereinbrechende tropische Dunkelheit, und man wird verstehen, daß die von mir angesetzte Verfolgung gänzlich mißglückte. Ich hatte mich auf dem rechten Flügel befunden und schnell die zunächst erreichbaren Teile in der Richtung auf Ras Kasone zu energischem Nachdrängen angesetzt. Dann hatte ich mich auf den linken Flügel begeben. Dort fand ich von unseren Leuten fast nichts vor; erst nach längerer Zeit hörte ich in der Nacht Schritte von den Nagelstiefeln einer Askariabteilung. Ich war froh, endlich eine Truppe zu haben, wurde aber etwas enttäuscht, als es eine Abteilung des rechten Flügels unter Leutnant Langen war, die die Richtung auf Ras Kasone verfehlt hatte und so auf unseren linken Flügel geriet. Aber nicht genug mit diesen Reibungen. Auf unerklärliche Weise glaubte die Truppe, auf einen Kommandobefehl wieder in das alte Lager westlich von Tanga abrücken zu sollen. Erst im Laufe der Nacht gewann ich am Bahnhof in Tanga Klarheit darüber, daß fast alle Kompanien dahin abmarschiert waren. Sie erhielten selbstverständlich Befehl zu sofortiger Rückkehr. Leider war hierdurch aber doch eine solche Verzögerung eingetreten, daß es nicht möglich war, die Geschütze der nachträglich eingetroffenen Batterie Hering noch in der Nacht bei Mondschein gegen die Schiffe in Wirkung zu bringen.
      Erst am Morgen des 5. November trafen die Truppen, deren starke Erschöpfung ja begreiflich war, wieder in Tanga ein und besetzten im wesentlichen wieder die Stellung des vorigen Tages. Jetzt mit allen Kräften gegen die feindliche Einschiffung bis Ras Kasone vorzurücken, war nicht angebracht, da die dortige Gegend ganz übersichtlich war und von den beiden in unmittelbarer Nähe liegenden Kreuzern beherrscht wurde. Aber den starken Patrouillen und einzelnen Kompanien, die zur Störung des Feindes auf Ras Kasone vorgingen, gelang es doch, einzelne Abteilungen des Feindes, einige seiner Boote und auch das Deck des am Hospital liegenden Kreuzers überraschend unter Maschinengewehrfeuer zu nehmen. Im Laufe des Tages verstärkte sich der Eindruck immer mehr, daß die Niederlage des Feindes gewaltig gewesen war. Zwar wurden die Verluste in ihrem vollen Umfange zunächst nicht bekannt, aber die vielen Stellen, wo Hunderte und wieder Hunderte von gefallenen Feinden sich häuften, sowie der Verwesungsgeruch, der unter der Einwirkung der tropischen Sonne auf der ganzen Gegend lag, gaben uns einen Anhalt. Wir schätzten den Verlust sehr vorsichtig auf etwa 800 Tote; ich glaube aber, daß diese Zahl viel zu niedrig ist. Ein höherer englischer Offizier, der genau über Einzelheiten unterrichtet war, hat mir später gelegentlich eines Gefechts, dessen englische Verluste er auf 1500 Mann angab, gesagt, daß die Verluste bei Tanga ganz erheblich größer gewesen seien. Ich halte sie jetzt mit 2000 Mann noch für zu niedrig geschätzt. Größer noch war die moralische Einbuße des Feindes. Er fing beinahe an, an Geister und Spuk zu glauben; noch nach Jahren wurde ich von englischen Offizieren danach gefragt, ob wir bei Tanga »dressierte Bienen« verwandt hätten, aber ich kann jetzt wohl verraten, daß bei uns, bei einer Kompanie, im entscheidenden [275] Moment alle Maschinengewehre durch diese »dressierten Bienen« außer Gefecht gesetzt wurden, wir also unter dieser Art der Dressur genau so gelitten haben wie die Engländer.
      Der Feind fühlte sich vollständig geschlagen und war es auch tatsächlich. In wilder Auflösung waren seine Truppen geflohen, Hals über Kopf in die Leichter gestürzt. Die Möglichkeit eines erneuten Kampfes wurde überhaupt nicht erwogen. Aus Gefangenenaussagen und aufgefundenen offiziellen englischen Schriftstücken ging hervor, daß das gesamte englisch-indische Expeditionskorps, 8000 Mann stark, von unserer wenig über 1000 Mann starken Truppe so vernichtend geschlagen worden war. Erst am Abend wurde uns die Größe dieses Sieges vollständig klar, als ein englischer Parlamentäroffizier, Hauptmann Meinertshagen, erschien und mit dem von mir entsandten Hauptmann von Hammerstein über Auslieferung von Verwundeten verhandelte. Hauptmann von Hammerstein begab sich in das Hospital, das mit schwerverwundeten englischen Offizieren angefüllt war, und genehmigte in meinem Namen, daß diese auf ihr Ehrenwort, in diesem Kriege nicht mehr gegen uns kämpfen zu wollen, von den Engländern abgeholt werden durften.
      Die Beute an Waffen gestattete, mehr als 3 Kompanien modern zu bewaffnen; die 16 erbeuteten Maschinengewehre waren uns hierbei besonders willkommen. Der Geist der Truppe und das Vertrauen in die Führer hatte sich mächtig gehoben, und mit einem Schlage war auch ich von einem großen Teil der Schwierigkeiten befreit, die sich als hemmende Gewichte an die Führung hingen. Das dauernde Feuer der Schiffsgeschütze, das in dem ganz unübersichtlichen Gelände wirkungslos gewesen war, hatte in den Augen unserer braven Schwarzen seine Furchtbarkeit verloren. Die Materialbeute war erheblich; außer den 600 000 Patronen hatte der Feind sein gesamtes Telephongerät und so viele Bekleidung und Ausrüstung liegen lassen, daß wir auf mindestens ein Jahr unseren eigenen Ansprüchen, besonders an warmen Mänteln und wollenen Decken, genügen konnten.
      Die eigenen Verluste, so schmerzlich auch an
Auch hier in Tanga, Deutsch-Ostafrika, fielen Helden
für Deutschlands Größe.
[287]      Auch hier in Tanga, Deutsch-Ostafrika,
fielen Helden für Deutschlands Größe.
sich, waren an Zahl doch gering. 15 Europäer, unter ihnen auch der treffliche Hauptmann von Prince, und 48 Askari und Maschinengewehrträger waren gefallen. Die Europäer wurden in einem würdigen Kriegergrab unter dem Schatten eines prachtvollen Bujubaumes bestattet, wo eine einfache Gedenktafel ihre Namen verzeichnet. Die Aufräumung des Gefechtsfeldes und die Bestattung der Toten erforderte mehrere Tage angestrengtester Arbeit für die ganze Truppe; die Straßen waren buchstäblich besät mit Gefallenen und Schwerverwundeten. In unbekannter Sprache flehten sie um Hilfe, die ihnen trotz des besten Willens nicht immer gleich gewährt werden konnte.
      Auf unserem innerhalb von Tanga gelegenen Hauptverbandsplatze hatte unser männliches und weibliches Pflegepersonal im Feuer auch der schweren Schiffsgeschütze Freund und Feind gewissenhaft versorgt. Noch am Abend des [276] 4. November hatte ich die Verwundeten aufgesucht. Ich ahnte nicht, daß der Leutnant Schottstaedt, der hier mit schwerem Brustschuß auf einem Stuhle saß, nur noch wenige Minuten zu leben hatte. Der englische Leutnant Cook, vom 101. indischen Grenadierregiment, lag mit schwerem Beinschuß da. Die Verwundung dieses frischen jungen Offiziers, der im Brennpunkt des Gefechtes auf dem indischen linken Flügel in unsere Hände gefallen war, vermochte seine heitere Stimmung nicht zu beeinträchtigen. Mit dem Hauptteil der anderen Verwundeten wurde er im Feldlazarett Korogwe von unserem besten Chirurgen, dem Stabsarzt Dr. Müller, dreiviertel Jahr lang behandelt. Er ging bereits wieder umher, als ein unglücklicher Fall auf der Treppe leider zu tödlichem Ausgange führte.
      Die Gefechtstage von Tanga stellten zum erstenmal erhebliche Ansprüche an die Verwundetenfürsorge. Zu diesem Zweck waren in Korogwe sowie an verschiedenen anderen Orten der Nordbahn Lazarette eingerichtet worden, zu denen die Kranken mit der Bahn ohne Umladen transportiert werden konnten. Für den Transport waren besondere dauernde Lazaretteinrichtungen nicht getroffen worden, und es hat auch niemals Schwierigkeiten gemacht, das Erforderliche zu improvisieren.
      Trotz der zweifellosen Niederlage bei Tanga war es doch wahrscheinlich, daß die britische Zähigkeit diese Entscheidung nicht als eine endgültige hinnehmen würde. Auch nach seiner Niederlage war der Feind uns um ein Mehrfaches numerisch überlegen und ein Landungsversuch an anderer Stelle nicht unwahrscheinlich. Eine Fahrt zu Rad am 6. November in nördlicher Richtung, an die Mansabucht, überzeugte mich aber, daß die feindlichen Schiffe hier offenbar nur zum Zweck der Pflege ihrer Verwundeten und Beisetzung ihrer Toten eingelaufen waren und keine Landung beabsichtigten. Die Schiffe fuhren dann auch bald in der Richtung auf Sansibar ab.
      Interessant war nun dann ein kurzer Besuch in unserem Regierungshospital bei Ras Kasone, das inzwischen von den auf Ehrenwort entlassenen englischen Verwundeten geräumt worden war. Es lagen hier unter anderen zwei am 3. November bei Tanga sowie andere in einem früheren Gefecht verwundete deutsche Offiziere, die die Vorgänge während des Hauptkampftages am 4. November hinter der englischen Front vom Lazarett aus hatten beobachten können. Mit größter Spannung hatten sie die Landung bei Ras Kasone und den Vormarsch gegen Tanga verfolgt, hatten dann am Nachmittag das entscheidende Einsetzen unseres Maschinengewehrfeuers und die Beschießung durch die feindlichen Schiffsgeschütze gehört, sowie dicht am Hospital die wilde Flucht des Feindes gesehen. Die zahlreich in der Nähe des Lazarettes einschlagenden Geschosse hatten erfreulicherweise keinen Schaden verursacht. Am 5. November, ganz früh, hatten sie plötzlich wieder Geschützfeuer vernommen, und zwar von Tanga her; sie hatten erkannt, daß es deutsche Geschütze sein müßten. Es waren dies unsere zwei Kanonen C 73, denen es zwar nicht mehr gelungen war, in der Nacht bei Mondschein die eng- [277] lischen Transportschiffe aufs Korn zu nehmen, die aber wenigstens nach Tagesanbruch noch einige erfolgreiche Treffer anbringen konnten. Ein längeres Wirkungsschießen war leider nicht möglich, da die Rauchentwicklung den Standpunkt der Geschütze sofort verriet und das Feuer der Schiffsgeschütze auf sich zog.
      Inzwischen war es klar geworden, daß der Angriff des Feindes bei Tanga keine einzelne Unternehmung, sondern im größeren Rahmen gleichzeitig mit anderen gedacht war. Nordwestlich des Kilimandscharo, am Longidoberg, den Hauptmann Kraut mit 3 Askarikompanien und einer berittenen Europäerkompanie besetzt hatte, erschienen im Morgennebel des 3. November überraschend englische Truppen. Gerade als am Longido heliographisch der Befehl eintraf, Hauptmann Kraut solle nach Moschi abrücken, schlugen die ersten Geschosse ein. Der etwa tausend Mann starke Feind hatte den in der freien Steppe gelegenen mächtigen Longidoberg an mehreren Stellen unter der Führung von Massais erstiegen, die unseren Posten zuriefen: »Wir sind Leute vom Hauptmann Kraut.« Aber unseren sich rasch entwickelnden drei Feldkompanien gelang es, die Teile des Feindes im felsigen Gelände zu umfassen und rasch zurückzuwerfen. Eine feindliche berittene Europäerabteilung, die in der Steppe am Fuße des Berges sichtbar wurde und diesen anscheinend von Süden her ersteigen oder auf unsere Verbindung wirken wollte, wurde unter wirksames Feuer genommen und schnell zurückgetrieben.
      Wahrscheinlich im Zusammenhange mit diesen Ereignissen im Gebiete der Nordbahn standen feindliche Unternehmungen am Viktoriasee. Ende Oktober waren zahlreiche Wagandakrieger von Norden in den Bezirk Bukoba eingedrungen. Zur Unterstützung ging am 31. Oktober eine Truppe von 670 Gewehren, 4 MG., 2 Geschützen von Muanza auf dem kleinen Dampfer »Muanza« mit 2 Schleppern und 10 Dhaus
Ein Posten in Deutsch-Ostafrika mit selbstgebautem
Geschütz.
[270]      Ein Posten in Deutsch-Ostafrika mit selbstgebautem Geschütz.
(Booten) ab. Kurz nach dem Auslaufen wurde dieser Transport durch bemannte englische Dampfer angegriffen, gelangte aber unbeschädigt nach Muanza zurück. Ein englischer Landungsversuch bei Kajense, nördlich Muanza, scheiterte an dem Feuer unserer Posten.
      Es lag also Anfang November ein an mehreren Stellen großzügig angelegter konzentrischer Angriff gegen unsere Kolonie vor. Sein Scheitern erweckte in jedem die Erwartung, daß wir uns würden halten können, so lange die Heimat hielt. Die lückenhaften Nachrichten aber, die wir von dort auffangen konnten, flößten uns Zuversicht ein. Wir hatten zwar zur Zeit des Gefechts bei Tanga den Namen Hindenburgs noch nicht gehört, wußten aber auch nichts von dem Rückschlag an der Marne und standen noch unter dem erhebenden Eindruck des siegreichen Vormarsches nach Frankreich."



Der Übergang über den Rowuma und die Eroberung eines portugiesischen Lagers

Am 25. November 1917 überschritt die Vorhut der deutschen Schutztruppe den Grenzfluß der Kolonie, den Rowuma, und betrat portugiesisches Gebiet. Das [278] Gefühl, von allen Hilfsmitteln entblößt zu sein, und die völlige Unsicherheit aller Zukunft hatten, wie Lettow-Vorbeck schreibt, in den meisten das Gefühl "allgemeiner Wurschtigkeit" gezeitigt, so daß unbekümmert um die taktische Lage das Leben ruhig weiter ging, Jagdpatrouillen unterwegs waren und sogar angesichts des Feindes ruhig im Flusse gebadet wurde.

Bald begannen die Feindseligkeiten mit den Portugiesen, die Vorhutkompanien stießen auf feindliche Späher; die Deutschen gelangten dicht an das feindliche Lager heran und konnten eine größere Truppenanzahl sowie Trägerkolonnen feststellen. Nach kurzer Zeit trat eine in Kaki gekleidete Askarikolonne der Portugiesen den Vormarsch auf die Deutschen an, und das Gefecht entwickelte sich. Lettow sagt darüber:

      "Ich selbst befand mich auf einem kleinen Hügel westlich des Lagers, in der Nähe unseres Geschützes. Unmittelbar hinter mir marschierte die zuletzt über den Fluß gehende Abteilung des Generals Wahle nach und nach in einer Geländesenkung auf... Die Maschinengewehre des Gegners schossen nicht schlecht, und ihre Garben lagen mehrfach auf unserem kleinen Sandhügel, von wo ich eine Anzahl Europäer und Askari, die sich hier unnötigerweise angesammelt hatten, in Deckung zurückschicken mußte. Der uns von früher bekannte helle Klang der feindlichen Gewehre und das Fehlen der Minenwerfer machten es wahrscheinlich, daß der Gegner aus Portugiesen bestand"...

Unsere Askaris waren diesem Gegner gegenüber infolge ihrer Bewaffnung mit dem alten 71er Gewehr nicht so im Nachteil, wie den Engländern gegenüber; "heute ist der Tag der alten Gewehre", riefen sie ihren Führern zu und griffen nach kurzem Feuergefecht im Sturm die feindlichen Befestigungen an, die nun beim ersten Anlauf genommen wurden. Der Gegner war durch das konzentrische Feuer stark geschwächt und erschüttert, von 1000 Mann dürften nach Lettows Angabe kaum 300 entkommen sein. Die deutschen Askaris stürzten sich sofort auf die reiche Beute, die im Lager gefunden wurde, und nahmen, was man den durch die langen Entbehrungen erschöpften Leuten nicht übelnehmen kann, was sie fanden, vor allen Dingen Konserven. Die gefangenen portugiesischen Askaris beteiligten sich mit größtem Vergnügen an dieser Tätigkeit; "es war ein furchtbares Durcheinander", und der General wurde gezwungen, "recht deutlich zu werden" - was, wie es heißt, eins von Lettow-Vorbecks größten Talenten war.

Die Beute, besonders an Munition, war gewaltig; etwa 1 Million Gewehrpatronen wurden gefunden. Die Hälfte der deutschen Truppe konnte neu bewaffnet werden. "Aus den Beutepapieren ging hervor, daß die portugiesischen Europäerkompanien erst wenige Tage vorher bei Ngomano eingetroffen waren, um den unmöglichen englischen Befehl auszuführen, das Entweichen der Deutschen über den Rowuma zu verhindern. Es war wirklich ein reines Wunder, daß diese Leute alle so rechtzeitig für uns in Ngomano versammelt waren, daß die Einnahme des Ortes sich wirklich lohnte und wir mit einem Schlage von einem großen Teil unserer Verlegenheiten befreit waren."

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Das Buch der deutschen Kolonien
Herausgegeben unter Mitarbeit der früheren Gouverneure
von Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwestafrika, Kamerun, Togo und Deutsch-Neuguinea.
Vorwort von Dr. Heinrich Schnee.