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Auswanderung der Juden
aus dem Dritten Reich

Ingrid Weckert



Teil 9 - Das Rublee-Wohlthat-Abkommen

Die Haavara bezog sich ausschließlich auf die Auswanderung nach Palästina. Die zweite staatliche Regelung, das Rublee-Wohlthat-Abkommen, betraf die Auswanderung in andere Länder und damit die Mehrzahl der auswandernden Juden. Ähnlich wie in Palästina wurde auch in anderen Ländern der Nachweis der finanziellen Unabhängigkeit verlangt, was für Deutschland erhebliche Probleme mit sich brachte. Denn die Deutsche Reichbank war dadurch gezwungen, große Mengen der an sich schon knappen Devisenbestände für die Auswanderung zur Verfügung zu stellen. Viele Länder verhängten darüberhinaus Einwanderungsstops für Juden.

Dieses Problem war das Thema einer internationalen Flüchtlingskonferenz, die im Sommer 1938 im französischen Kurort Evian-les-Bains am Genfer See tagte. Vertreter von 32 Staaten trafen sich vom 6. bis 15. Juli im Hotel Royal zu gemeinsamen Besprechungen über Hilfsmöglichkeiten für die deutschen Juden. Alle Teilnehmer der Konferenz waren sich einig: Sie verurteilten den in Deutschland herrschenden Antisemitismus, sie waren voll Mitgefühl für die armen Juden, die aus ihrer Heimat vertrieben wurden, sie stimmten Resolutionen zu, daß es unbedingt notwendig sei, Orte zu finden, an denen die Juden unterkommen konnten - aber jeder einzelne Redner betonte, daß gerade sein Land leider nicht in der Lage sei, ihnen durch Aufnahme einer größeren Anzahl von Einwanderern zu helfen.

Das einzige Ergebnis der Konferenz war schließlich die Einrichtung eines "Zwischenstaatlichen Komitees", das sich in London etablierte. Sein Präsident wurde der Washingtoner Rechtsanwalt George Rublee.

George Rublee
George Rublee
Rublee versuchte von Anfang an, mit der deutschen Regierung in Kontakt zu kommen. Diese Bemühungen, die der deutsche Botschafter in London, Herbert von Dirksen und der Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, Ernst Woermann, unterstützten, wurden monatelang von dem damaligen Staatssekretär im Auswärtigen Amt, Ernst von Weizsäcker, dem Vater des letzten deutschen Bundespräsidenten, erfolgreich torpediert. Es gibt dazu ausführliche Aufzeichnungen in den deutschen Aktenbeständen.

Ernst von
Weizsaecker
Ernst v. Weizsäcker
Weizsäcker ließ Rublee sagen, daß er sich keinerlei Hoffnungen auf eine irgendwie geartete Mitarbeit der deutschen Seite zu machen brauche. Er wies wiederholt die Versuche anderer Diplomaten zurück, die Rublee mit deutschen Behörden in Verbindung bringen wolten. Er verbot sogar der deutschen Botschaft in London, auf die Kontaktversuche Rublees irgendwie zu reagieren, oder sie auch nur Berlin gegenüber zu erwähnen. Er erkundigte sich beim britischen Geschäftsträger in Berlin, ob Rublee überhaupt Arier sei. Als Rublee von sich aus nach Berlin fahren wollte, wies Weizsäcker dieses Angebot schroff zurück, weil das, nach seiner Meinung, keinen Wert habe.40

Schließlich erfuhr Hitler auf Umwegen von den Eigenmächtigkeiten Weizsäckers und bestellte kurzerhand Reichsbankpräsident von Schacht zu sich. Er beauftragte ihn, einen Finanzierungsplan auszuarbeiten, der die Auswanderung der noch in Deutschland lebenden Juden ermögliche. Schacht entwarf einen Vorschlag, und Hitler sandte ihn damit Mitte Dezember 1938 nach London zu Gesprächen mit Rublee und anderen Persönlichkeiten.

Nach dem Krieg hat Schacht das so dargestellt, als seien der Plan und die Englandreise seine Ideen gewesen, die er Hitler hätte mühsam einreden müssen. Die Dokumente der damaligen Zeit beweisen das Gegenteil. Nach seiner Rückkehr aus London war in der Berliner BZ vom 19. Dezember 1938 eine von ihm initiierte Notiz erschienen: "Schachts Gespräche in London, der Zweck der Reise". Das Auswärtige Amt reagierte darauf sauer und Weizsäcker bekam den Auftrag, Schacht zur Rede zu stellen. Das geschah in einem Telefongespräch vom 20. Dezember 1938, über das Weizsäcker eine Notiz anfertigte.41 Darin heißt es, Weizsäcker habe Schacht gefragt, ob ein Auftrag des Führers vorgelegen, oder ob er, Schacht, die Zeitungsmeldung veranlaßt habe.

"Präsident Schacht gab unumwunden zu, daß derArtikel von ihm stamme. Es handle sich um einen Auftrag des Führers, den er, der Präsident, in dem ihm gesteckten Rahmen in London ausgeführt habe. Der Führer wünsche von ihm Berichterstattung nach Rückkehr. Er, Schacht, habe sich daher jetzt beim Führer zum Vortrag gemeldet, hoffe diesen in ein bis zwei Tagen erstatten zu können und werde danach umgehend sich auch bei dem Herrn Reichsminister (Ribbentrop) zur Berichterstattung einfinden. Ehe er dem Führer Meldung gemacht habe, möchte er sich in dieser Sache nicht weiter äußern."

Schachts späte Erinnerungen an diese Phase seiner Tätigkeit wurden offensichtlich von den historischen Ereignissen beeinflußt und getrübt. Er hat verschiedenes völlig anders dargestellt, als es die Dokumente belegen.

Jedenfalls wurde 1938 der Schacht-Plan vom Zwischenstaatlichen Komitee als Diskussionsbasis angenommen. Im Januar darauf wurde Rublee, unter Umgehung des Auswärtigen Amtes, nach Berlin eingeladen. Er verhandelte dort zunächst mit Schacht, dann mit Görings Ministerialdirektor Helmut Wohlthat. Innerhalb von vier Wochen kam es zum Abschluß des Rublee-Wohlthat-Abkommens.

Die Grundidee dieses Abkommens war: Ein international überwachter Treuhandfonds sollte gegründet werden, dem 25% des sich in Deutschland befindlichen jüdischen Vermögens zugeführt würde. Ausländische Kreditgeber sollten ihrerseits Auswanderungshilfen leisten, die die Reichsregierung mit 20 Jahresraten in ausländischer Valuta zurückzahlen würde. So sollte jeder Auswanderer außer dem notwendigen "Vorzeigegeld" ein Mindestkapital zur Errichtung einer Existenz erhalten. Zur Auswanderung sollten zunächst 150.000 arbeitsfähige Juden kommen, deren Angehörige später folgen sollten. Rublee bzw. das Zwischenstaatliche Komitee wollten sich um Länder bemühen, in die die Juden einwandern könnten. Alle über 45 Jahre alten Juden sollten in Deutschland bleiben können und von Diskriminierungen verschont werden. Wohn- und Arbeitsbeschränkungen für diese Juden sollten aufgehoben werden.

Der Text des Memorandums über die zwischen Rublee und Wohlthat getroffenen Vereinbarungen galt offiziell als Vertrag. Dieses Memorandum hatte Rublee nach seiner Rückkehr nach London verfaßt und an Wohlthat geschickt. Weizsäcker weigerte sich jedoch, das Abkommen zu paraphieren,42 weil das Auswärtige Amt in die Verhandlungen nicht eingeschaltet worden war - was er ja selbst verhindert hatte.

Daraufhin legte Hermann Göring den Text Adolf Hitler vor, der dem Abkommen ausdrücklich zustimmte. Rublee seinerseits unterbreitete den Text einer internationalen Kommission, die aus den Regierungsvertretern von 30 Staaten bestand. Rublee wurde von dieser Kommission beauftragt, Wohlthat mitzuteilen, daß diese Länder das zwischen ihnen getroffene Abkommen mit Interesse zur Kenntnis genommen hätten, und daß sie alles tun würden, um die Auswanderung der Juden aus Deutschland aufgrund dieses Abkommens weitgehend zu fördern. - In der Praxis sah das mit der Förderung dann freilich anders aus, aber das lag nicht an den von deutscher Seite initiierten Vereinbarungen.

Nach erfolgreichem Abschluß der Verhandlungen legte der 72jährige Rublee sein Amt als Direktor des Zwischenstaatlichen Komitees aus Altersgründen nieder.

In England wurde eine Finanzierungsgesellschaft mit einem Startkapital von 1 Million Dollar gegründet. In den Vereinigten Staaten verpflichteten sich jüdische Bankiers, die genügenden Mittel aufzubringen, um die Durchführung jedes einzelnen Siedlungsprojektes zu garantieren. Der neue Direktor des Zwischenstaatlichen Komitees, Sir Herbert Emerson, war überzeugt, daß die Auswanderung der Juden gesichert sei und in drei bis fünf Jahren abgeschlossen werden könne.43

Im Januar 1939 wurde in Berlin die "Reichszentrale für die Auswanderung der Juden" gegründet. Ihre Arbeit basierte auf dem Rublee-Wohlthat-Abkommen. Sie arbeitete eng mit der jüdischen "Reichsvereinigung der Juden" zusammen, um die Abwicklung der Auswanderung zu vereinfachen.

Die Arbeit lief zuerst nur langsam an, weil sich die meisten Länder weigerten, jüdische Einwanderer aufzunehmen. Aber durch das Rublee-Wohlthat-Abkommen war wenigstens die finanzielle Barriere beseitigt worden. Rublee sagte später über diese Zeit:

"Die Deutschen erfüllten alle ihre Verpflichtungen (...) In den Monaten zwischen meiner Abreise aus Deutschland und dem Ausbruch des Krieges kam es kaum noch, wenn überhaupt, zu Judenverfolgungen in Deutschland. Einige reisten aus, und die übrigen hatten es in Deutschland leichter. Ich erhielt eine ganze Anzahl von Briefen aus Deutschland, in denen (...) mir (Juden) (...) ihren Dank für das, was ich für sie getan hatte, zum Ausdruck brachten."44

Mit Kriegsbeginn wurden allerdings die Aussichten für die Auswanderer, ein Zielland zu finden, immer geringer. Zudem sperrte die englische Blockade den bis dahin benutzten Seeweg. Palästina wurde von England durch verschärfte Einwanderungsbedingungen ebenfalls so gut wie geschlossen.

Die Auswandererrouten führten ab dann vor allem auf Landwegen, z.B. über Griechenland und die Türkei. Das Jüdische Nachrichtenblatt veröffentlichte in seinen Ausgaben vom 18. und 21.6.1940 eine abenteuerliche Route "über Yokohama nach Amerika". Eine Landkarte zeigte die neuen Reisewege: Berlin - Warschau - Moskau - Tschita - Schanghai - Yokohama - San Francisco/Los Angeles. Ab hier entweder in östlicher Richtung nach Chicago - New York oder nach Süden: Mexiko - Panama - Santiago de Chile. Die deutsche Regierung bot Auswanderern mit gültigem Visum einen Weg über das besetzte Frankreich nach Spanien und Portugal an, von wo aus sie dann Schiffe in ihr Zielland nehmen könnten (Jüdisches Nachrichtenblatt, 10.12.1940).

Daß die Auswanderung auch nach Kriegsbeginn, wenn auch in geringerem Umfang, weiterging, lag erstens an den internationalen Verbindungen der Juden, die in zahlreichen Einzelfällen mit Phantasie und Einfallsreichtum genutzt werden konnten, zweitens an der fördernden Hilfe deutscher Dienststellen und schließlich drittens an einer Einrichtung, die später für eine ganz andere Aufgabe eingesetzt werden sollte, dem "Mossad le Aliyah Bet".


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Anmerkungen

40vgl. die Aufzeichnungen Weizsäckers in: Akten zur Deutschen Auswärtigen Politik 1918-1945 (ADAP), Serie D (1937-1945), Bd. 5: Polen, Südosteuropa, Lateinamerika, Klein- und Mittelstaaten, Juni 1937 - März 1939, Baden-Baden 1953: "27.7.1938: Der Amerikanische Botschafter sprach mich heute (...) darauf an, ob wir nicht in irgendeiner Weise dem Evian-Komitee (...) unsere Mitarbeit leihen würden. Ich habe ihm gesagt, er möge sich darauf keine Hoffnungen machen." (Dok. 641, S. 754.) "18.10.1938: Der Britische Botschafter brachte heute bei mir das anliegende Memorandum vor, welches das zwischenstaatliche Comité (...) behandelt. In dem Memorandum wird - wie schon vor etwa zwei Monaten - angeregt, daß der in London residierende Direktor des Comités, der Amerikaner Rublee und sein Mitarbeiter Herr Pell nach Berlin kommen, um mit den deutschen Behörden in eine Besprechung (...) einzutreten (...) Ich habe dem Botschafter - wie schon einmal im Sommer - auseinandergesetzt, daß eine Reise von Herrn Rublee nach Deutschland nach meiner persönlichen Auffassung keinen Wert habe." (Dok. 645, S. 758.) "7.11.1938: Der Britische Geschäftsträger fragte mich heute wieder nach dem Stande der Sache Rublee. Ich erklärte" ihm, (...) "die Sache müsse ihre Zeit haben. (...) habe ich ihn gefragt, wieviel prozentig Rublee Arier sei (...)" (Dok. 648, S. 761); ferner Dokumente 646, 647, 662. Weitere ablehnende Stellungnahmen von Weizsäcker und dem AA sind zitiert bei: Vogel (Anm. 21), S. 180-228. ...zurück...

41ADAP Serie D, Bd. 5, S. 768f., Dok. 655. ...zurück...

42"Paraphierung von Vereinbarungen mit Mr. Rublee kommt nicht in Betracht." ADAP Serie D, Bd. 5, Dok. 662. ...zurück...

43Vogel (Anm. 21), S. 252ff. ...zurück...

44Vogel (Anm. 21), S. 238f. ...zurück...


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