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Theresienstadt
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Bericht Nr. 91
Internierungslager "Kleine Festung"
Berichter: Dr. med. E. Siegel, prakt. Arzt
Da ich selbst acht Monate
in Theresienstadt verbracht habe, wobei ich als Arzt Gelegenheit hatte,
mehr zu sehen als andere, so will ich die Vorgänge in der sogenannten "Kleinen Festung"
in Theresienstadt (Tschecho-Slowakei) schildern; eine Schilderung, die mit geringen
Änderungen auch auf jedes andere Internierungslager oder Gefängnis der
Tschechoslowakei passen würde.
Als erste Insassen kamen dorthin die auf dem Durchmarsch oder Heimweg befindlichen
Soldaten
der Deutschen Wehrmacht, die von der tschechischen "Revolutionsgarde" (in Abkürzung
RG genannt) aufgegriffen wurden. Damals bildete die RG zum Großteil die
Besatzung.
Die "Kleine Festung"
Theresienstadt war in den Kriegsjahren von der ganzen Bevölkerung geräumt und
als
Ghetto eingerichtet worden, in welchem etwa 40.000 Juden Aufenthalt fanden. Ungefähr
einen Kilometer von der Stadt entfernt, am anderen Ufer der Eger, liegt die "Kleine Festung", die
als Konzentrationslager diente. Sie besteht aus vier Höfen, die sich konzentrisch an einen
kleinen Park mit Herrenhaus, einer Mannschaftskaserne, Wirtschaftsgebäuden,
Ställen und einem Kino, einem größeren Badebassin und einem Steingarten
reihen.
Die ersten drei Höfe umschließen Kanzleien,
Magazine, Tischler- und Schlosserwerkstätten. Als Unterkunftsräume für die
Internierten dienen die Kasematten, die direkt in den Wällen der aus der Zeit Maria
Theresias stammenden Festungsanlage liegen. In den ersten Monaten war jedoch nur der
sogenannte 4. Hof mit Gefangenen belegt. Dieser liegt
zwischen Innen- und Außenwall und man gelangt dorthin durch
einen 15-20 m langen, schräg abwärts führenden, tunnelartigen Durchgang.
Der Hof selbst ist ein ungefähr 80 m langer Platz, an dessen Längsseiten sich
neuerbaute ebenerdige Zellen befinden, und zwar rechts die Einzelzellen, in Gruppen zu 10
aneinandergereiht. Eine Einzelzelle ist aus blankem, glatten Beton, 1.45 m breit und 2.45 m
lang,
hat in einer Ecke eine Porzellanschüssel mit Wasserspülung und ein dickes
kleines Drahtglasfensterchen, das auf einen kleinen Hof hinaus geht. Die Tür geht auf ein
anderes kleines Höfchen und hat eine etwa 12x12 cm messende Luftöffnung, die
mit
Drahtgitter verschlossen ist. Die kleinen Höfe sind ungefähr 2,5 m breit und 15 m
lang. Jeder dieser Höfe mündet durch eine nachts ebenfalls abgeschlossene
Tür auf den Haupthof. Drei oder vier der kleinen Höfe waren mit Glas
überdacht, die anderen waren nach oben gänzlich frei.
Auf der linken Seite des Haupthofes befinden sich fünf Großzellen zur
Unterbringung
von je 200 Mann. In diesen Zellen stehen dreistöckige Holzpritschen als Schlafstellen.
Die
Pritschen sind aus Rohholzbrettern (wie diese aus der Säge fallen) gebaut. Jede Zelle hat
zwei Aborte und einige Waschgelegenheiten. Am Ende des Hofes befinden sich zu beiden Seiten
je drei Zellen, besser gesagt, dunkle, vergitterte Gänge, nämlich ehemalige
Kasematten im Außenwall.
Empfang der Opfer
Hier will ich einen größeren Empfang von ankommenden neuen Gefangenen
schildern, wie er unter anderem am 24. Mai 1945 stattfand. Es handelte sich um einen
ungefähr 600 Menschen beiderlei Geschlechtes umfassenden Transport. Alle Altersstufen
waren vertreten. Unter den Eingelieferten befanden sich
viele Rot-Kreuzschwestern aus den Prager Kliniken.
Auf dem Wall, durch den der Zugang zu dem 4. Hof führt,
wehten Rot-Kreuz-Fahnen, verschiedene Empfangspersonen
trugen Rot-Kreuz-Binden am Arm, wozu allerdings die mit Eisen beschlagenen Erdhackenstiele,
die sie in den Händen hielten, wenig paßten. In dem dunklen Durchgang war
ungefähr 4 m vor dem Ausgang das Pflaster tief aufgerissen worden. Unter Gebrüll
und Drohungen, Faustschlägen und Prügel wurden die angekommenen
Männer als erste im Laufschritt den dunklen Gang hinuntergetrieben. Gleich die Ersten
kamen bei dem tiefaufgerissenen Pflaster, das wie ein Graben quer zum Weg lief und im
Dunkeln
kaum gesehen werden konnte, zu Fall, auf sie traten und stürzten die Nächsten und
in diesen meterhohen Haufen von sich windenden Menschenleibern schlug die RG, die sich auf
beiden Seiten des Ganges aufgestellt hatte, unaufhörlich mit den langen,
eisenbeschlagenen
Knüppeln mit voller Wucht ein. Ohne schwere Schläge und Verletzungen kam
wohl
niemand auf den Hof. Der Grundsatz, daß jeder, der nicht von selbst wieder aufsteht, ganz
totgeschlagen
(der KZ-Ausdruck lautet hierfür: "fertig gemacht") wird, wurde eisern festgehalten. Am
Hof wurden die Leute weiter herumgetrieben, es war eine Art Spießrutenlaufen. Wer zu
Fall
und von selbst nicht wieder hoch kam, zu dem trat, sich herablassend, der Festungskommandant
Prusa und schlug ihm mit einigen Schlägen die linke und dann die rechte Niere ab. Die so
"Fertiggemachten" wurden in die Betonzellen geschleift, wo man sie verröcheln
ließ.
Der Herr Kommandant zählte die Reihen derart ab, daß er beim Zählen die in
der Reihe stehenden mit einem Eisenknüppel über den Schädel schlug. Nach
dieser Prügelei mußten sich alle mit erhobenen Händen acht Stunden an die
Wand stellen. Wer die Arme sinken ließ, wurde erbarmungslos wieder geprügelt.
Allein bei diesem Empfang büßten etwa 70 Mann ihr Leben ein. 500 Mann wurden
in eine Großzelle hineingetrieben, in der sie, eng aneinandergepreßt und nur auf der
Seite liegend, Platz landen. So mußten sie die Nacht zubringen, deren Stille immer wieder
von Schüssen und dem Geschrei der Geprügelten unterbrochen wurde. Die Hitze
war
entsetzlich, die Luft zum Ersticken. Und solche Nächte reihten sich monatelang
aneinander.
Am nächsten Tage wurden alle Kleidungsstücke weggenommen und zerlumpte
Sträflingskleider ausgegeben. Jedem Mann wurden mit
der Nuller-Haarschneidemaschine ein Streifen von der Stirn zum Nacken ausgeschoren. Als
Kapos
wurden in der Mehrzahl Schwerverbrecher und ausgesprochene Sadisten ernannt, die sich
dadurch
ihre Posten hielten und denen es Vergnügen machte, die Internierten auf jede erdenkliche
Weise zu quälen. Der Verkehrston war nur Brüllen. Die Gefangenen mußten
in
Hockestellung mit vorgestrecktem Arm eine halbe Stunde
auf Brot- und Essenempfang warten. Ein Umfallen oder Schwanken gab Anlaß, die
Betreffenden neuerlich zu prügeln. Im Raum selbst standen die Menschen dicht
gedrängt einer an dem andern. Sitzen oder Liegen war tagsüber streng verboten. So
also standen die Menschen von 5 Uhr in der Frühe bis 9 Uhr abends, manchmal zu einem
stundenlangen Appell auf den Hof getrieben, wobei gebrüllt, geprügelt und auf jede
nur erdenkliche Art schikaniert wurde. Kommandant Prusa und sein Verwalter Tomes
erklärten wiederholt, daß jeder, der hereingekommen sei, auch hier krepieren
müsse. Die Gnade, sofort erschlagen oder erschossen zu werden, wurde niemandem
erwiesen. Erst müsse jeder ordentlich "büßen", auf deutsch gesagt: durfte nur
langsam zu Tode gefoltert und geprügelt werden. Als weitere Konsequenz wurden fast
täglich in einer Hofecke neben dem Eingang Wertpapiere, Dokumente, Ausweise,
Andenken, Photographien usw., die den Gefangenen gehörten und die ihnen abgenommen
worden waren, zu einem Haufen getürmt und verbrannt, denn, so erklärte der
Kommandant höhnisch, niemand mehr wird einen Ausweis oder ein Andenken
brauchen!
Aus technischen Gründen scheiterte die beabsichtigte Vergasung und so blieb nur das
langsame Zu-Tode-Peinigen am Programm. Das unmenschliche Hineinpressen von über
500 Menschen in die Zelle 43 dauerte Wochen hindurch. Die anderen Zellen waren wohl auch
sehr überfüllt, wenn auch nicht in diesem unvorstellbaren Maße.
Das eigene Schicksal
Wenn ich jetzt meine Verhaftung so ausführlich schildere, dann nur deshalb, um ein
Beispiel aus eigener Erfahrung zu bringen.
Ich schicke voraus, daß ich nie politisch tätig war. Ich
war Kreisführer-Stellvertreter des Deutschen Roten Kreuzes. Kreisführer konnte
ich
nicht sein, weil dies ein Vertrauensmann der Partei sein mußte. Während des
ganzen
Krieges hatte ich täglich viele Tschechen, Slowaken, Slawen u. a. in meiner Ordination.
Mit diesen wurde stets tschechisch gesprochen. Ich hatte also keinerlei Ursache anzunehmen,
daß mir von den Tschechen etwas geschehen würde. Am 30. Mai 1945, in der
Mittagszeit, donnerte man plötzlich an meine Haustür. Zwei Autos mit
Schwerbewaffneten standen draußen. "Hier Polizei, sofort öffnen!" hörte ich
brüllen. Ich öffnete, wurde sofort vor die Brust gestoßen und mußte die
Horde in die Wohnung einlassen. Zuerst wurde ich fürchterlich geohrfeigt und mit der
Faust geschlagen. Man brüllte mich an, wo ich
die SA-Uniform und die Waffen versteckt habe. Auf meine Antwort, daß ich nie bei der
SA
gewesen sei, und die Waffen ordnungsgemäß abgeliefert habe, erhielt ich neuerlich
Ohrfeigen. Meine Frau wurde, wie auch ich selbst, dauernd mit der auf die Brust gesetzten
Pistole
bedroht, die Wohnung wurde systematisch geplündert. Wertgegenstände, Schuhe,
Wäsche, Kleider, Uhren, Geld usw. wurde in die bei mir vorhandenen Lederkoffer
verpackt
und weggeschleppt. Gold, Brillanten, wertvolle Uhren fand man nicht, da meine Frau alles in
einem Säckchen am Dachboden versteckt hatte. Ich kannte das Versteck aber gar nicht.
Ehe
ich noch etwas erklären konnte, wurde ich solange gewürgt, bis ich
bewußtlos
am Divan lag. Meiner Frau wurde ich in diesem Zustand gezeigt und es wurde ihr erklärt,
daß sie ebenfalls erwürgt werde und den Kindern werde man die Augen ausstechen,
wenn nicht sofort das Gold und der Schmuck herbeigebracht würden. Angstzitternd lief
meine Frau nach den Wertsachen. Die gründliche und systematische Plünderung
der
Wohnung bewies die bereits erworbene Praxis der Polizei. Da man
keine SA-Uniform fand, wollte man mich durchaus zwingen, zu gestehen, wo ich dieselbe
versteckt hätte. Ich konnte jedoch nichts angeben, weil ich nie eine SAUniform besessen
hatte. Ich wurde deshalb wiederholt mit einem eisernen Schürhaken mit aller Gewalt
geschlagen, mußte die Schuhe ausziehen, mich auf den Bauch legen, die Fußsohlen
hochheben und erhielt eine Bastonade (Schläge auf die Fußsohlen). Nach vielen
Schlägen, Ohrfeigen und anderen Mißhandlungen wurde ich schließlich, ohne
meine Angehörigen nochmals gesehen zu haben, die Treppe hinuntergestoßen und
in
einem Auto nach Theresienstadt gebracht. Während der Fahrt wurde mir ununterbrochen
erklärt, auf welche grausame Art und Weise man mich totprügeln werde.
In der Festung Theresienstadt angekommen, mußte ich erst einige Stunden mit erhobenen
Händen an der Wand stehen, eine Zeit, die nur durch wiederholte heftigste Ohrfeigen
unterbrochen wurde. Dann begann das Verhör. Es wurde gefragt: "Warst du bei der SS?,
SA?? usw.". Und auf jede Antwort erhielt ich Ohrfeigen und Faustschläge mit voller
Wucht. Dann wurde ich vor der Kanzlei aufgestellt und erhielt schwere Fausthiebe in die
Magengegend, so heftig, daß ich jedesmal zu Boden stürzte. Am Boden liegend
wurde ich mit aller Gewalt mit Füßen getreten und gehackt, besonders auf den
Brustkorb, Kopf und Geschlechtsteile. Einer versuchte mir immer wieder, den Arm auszurenken.
Später sah ich viele mit ausgerenkten Armen. Kaum stand ich wieder, ging ich infolge
Bauchschlags zu Boden. Dies wiederholte sich längere Zeit. Dann wurde ich auf eine
Pritsche gesetzt und man stopfte mir ein schmutziges Handtuch in den Mund. Dann zeigte man
mir einen mehr als meterlangen, mit Eisen beschlagenen Knüppel und erklärte mir,
man werde mir alle Zähne aus dem Mund stoßen. Ein Internierter mußte
meinen Kopf halten und mit dem eisenbeschlagenen Ende des Knüppels stieß man
mir dann mit aller Gewalt gegen die Zähne. Da sich das Tuch vor die Zähne legte,
hielten die Zähne die Stöße aus, die Lippen aber wurden unförmig
zerstoßen. Wie mir später der Internierte, ein gewisser Karl Erben, erzählte,
konnte er es nicht mehr mit ansehen und mußte weg, da ihm beim Halten meines Kopfes
übel wurde. Dann wurde ich mit dem Bauch auf die Pritsche gelegt und mit dem
Knüppel, der mit beiden Händen geführt wurde, mit voller Wucht auf das
Gesäß, den Rücken und den Nacken geschlagen. Auch jedes Gelenk sowie
der
Brustkorb erhielt systematisch einen oder mehrere Hiebe. Dabei wurde mir der Zeigefinger der
rechten Hand gebrochen und zwei weitere Brüche erlitt ich an den Mittelhandknochen.
Auf
meiner Stirn zieht sich von der Stirnhaargrenze senkrecht bis durch die Augenbrauen eine Narbe,
die rechte Ohrmuschel wurde eingerissen und zerquetscht und zahllos waren damals die
Abschürfungen und Risse. Der ganze Körper war blutunterlaufen. In diesem
Zustand
wurde ich in eine direkt an dem Festungswall liegende Zelle geschleift, die noch voller
Winterkälte steckte. Dort ließ man mich drei Tage und drei Nächte lang, am
blanken Beton in einer Blutlache liegen. Bekleidet war ich nur mit einem total zerfetzten Hemd,
sodaß der Oberkörper so gut wie nackt war, und den Hosen.
Durch die Schläge auf die Wirbelsäule und die Gelenke kam es zu einer teilweisen
Lähmung meines Körpers, sodaß ich fast bewegungslos mit wahnsinnigen
Schmerzen und vor Kälte zitternd am eiskalten Betonboden lag. Ich flehte zu Gott, er
möge mich schon sterben lassen und von meinen Qualen erlösen. Am dritten Tag
kam ein tschechischer Arzt und brüllte mich an, ich solle aufstehen, da ich mich jedoch
nicht rühren konnte, riß er mich am Haar hoch und warf mich wieder zu Boden.
Dies
war die erste ärztliche Behandlung von einem tschechischen Kollegen. Wahnsinnig
quälte mich der Durst. Zu essen bekam ich auch nichts, aber ich hätte mit meinen
Mundverletzungen auch gar nichts essen können. Als ich dann eine Schale Kaffee
hingestellt bekam, mußte mir ein Soldat, den man in der dritten Nacht zu mir in die Zelle
gesperrt hatte, die Flüssigkeit langsam durch einen Mundwinkel einflößen.
Wiederholt wurde durch die Schergen nachgesehen, ob ich noch lebe. Dabei wurde jedesmal
festgestellt: er krepiert schon, er wird gleich verreckt sein, usw.
Als Lagerarzt eingesetzt
Am 4. Tage kam ein Häftling zu mir herein, um nachzusehen, ob ich noch lebe. Er sagte
mir, ich müßte mich arbeitsfähig melden, sonst müßte ich hier
elend zugrunde gehen. Da ich glaubte, man würde mich aufgrund der falschen Meldung
wenigstens rasch im Freien erschlagen, meldete ich mich arbeitsfähig. Ich hatte
Glück. Ich wurde als Arzt eingesetzt. Nach einer Stunde teilte mir dies der Häftling
mit. Er hob mich hoch, stellte mich auf, sodaß ich dann, nach mehrfachen Versuchen ganz
langsam heraustaumeln konnte. Durch das Haar wurde mir auf der Stirn beginnend bis zum
Nacken mit der Haarschneidemaschine eine Bahn ausgeschnitten, ich bekam andere Hosen, ein
Hemd, einen Rock und Schuhe und konnte meinen Dienst antreten. Dienst antreten ist etwas
zuviel gesagt. Ich konnte mich ohne fremde Hilfe nicht einmal auf einen Stuhl setzen, noch
weniger von einem solchen aufstehen. Mit der linken Hand mußte ich mir dauernd den
Kopf
halten, da die Nackenmuskulatur furchtbar zerschlagen war und mir der Kopf immer wieder auf
die Brust herunterfiel. Am linken Auge sah ich nur zentral einen Schein, hören konnte ich
sehr schlecht infolge der vielen Schläge auf die Ohren. In der ärztlichen Ambulanz
erhielt ich erstmals einen Verband und konnte auch zum ersten Male, allerdings nur mit fremder
Hilfe, genügend trinken. Eine Ärztin, die auf der deutschen Klinik in Prag
gearbeitet
hatte,
dort gefangengenommen und nun ebenfalls hier in Theresienstadt interniert war, kannte mich.
Sie
schickte mir einen Strohsack, auf dem ich nun schlafen konnte, denn alle Internierten
mußten ausnahmslos auf Brettern direkt am Boden liegen. Welche Schmerzen die oft am
ganzen Körper Zerschlagenen ausstanden, ist kaum vorstellbar. Vielfach wurde das
zerschlagene Fleisch brandig und es kam zur Abstoßung von oft handgroßen
Gewebsfetzen und viele Internierte erlagen dadurch oft nach Wochen qualvollen Leidens den vor
längerer Zeit erlittenen Schlägen. Man legte mich in eine Zelle auf den Strohsack
und ich fiel in einen totähnlichen Schlaf. Nach zwei Stunden wurde bereits gefragt, ob ich
arbeite. Man erklärte, daß ich gerade bis jetzt gearbeitet habe und mich nur ein
wenig
hingelegt hätte. Ich erwähne nur nebenbei, daß ich im Anschluß an die
Mißhandlungen schwere Herzstörungen bekam und nur
durch Kombetin-Traubenzuckerinjektionen am Leben blieb. Diese erhielt ich von einem
gleichfalls internierten Arzt namens Dr. Benna, der in Prag verhaftet und nach Pankratz
eingeliefert worden war. Er hatte noch vom Empfang in Theresienstadt (24. Mai) stark eiternde
Wunden am Kopf, die von Knüppelschlägen herrührten. Dr. Benna hatte sich
u.a. auch diese Injektionen selbst verschafft, denn im ehemaligen Ghetto Theresienstadt lagen
Medikamente wirklich in Bergen herum.
Tötung auf Befehl
Langsam fing meine ärztliche Tätigkeit wieder an, da wurde ich aber auch schon
aufgefordert, Internierte, die auf der nebenanliegenden Zelle Nr. 50 untergebracht waren, durch
Injektionen zu töten. Ein "Nein" meinerseits hätte nur bedeutet, zu Tode
geprügelt zu werden. Ich wies auf meine zerschlagene rechte Hand hin und erklärte,
daß ich noch keine Injektionen ausführen kann. Zwei oder drei Tage später
wurde mir neuerdings der Befehl gegeben, diese Leute mit der Spritze ins Jenseits zu
befördern. Man erklärte mir kurz, es sei schade, diese älteren Leute weiter zu
füttern, der Aufwand stehe in keinem Verhältnis zu dem, was sie noch leisten
könnten. Daß meine zerschlagene Hand dies unmöglich mache, wurde nicht
anerkannt. Welche Pein mir dieser Auftrag verursachte, kann jeder fühlende Mensch
ermessen. Die Weigerung bedeutete für mich den Tod. So sagte ich "ja", ließ aber
die
für die Injektion bestimmten Ampullen heimlich aus dem Medikamentenschrank
verschwinden und versteckte sie unter meinem Strohsack. Ein weiteres Hinausziehen aber war
kaum möglich - es ging nur um Tage - es wurden neue Ampullen besorgt. Da kam mir ein
anderer Umstand zu Hilfe. Da im Lager Flecktyphus ausgebrochen war, kam der Vorstand des
Hygienischen Institutes in Prag, Dr. Patocka, nach Theresienstadt und überprüfte
die
Internierten auf Infektionsfälle. Er stellte 16 Fleckfieberkranke fest und gab daraufhin den
Auftrag, außerhalb des 4. Hofes, in den Räumen des abseits liegenden Kinos eine
Fleckfieberstation zu errichten, und ich wurde als Arzt für dieselbe bestimmt. Dies war
am
6. Juni 1945.
Ich war dadurch außerhalb des 4. Hofes, der am Abend immer abgesperrt wurde und hatte
Gott sei Dank keine Gelegenheit mehr, die Einspritzungen, die in der Nacht durchgeführt
wurden, auszuführen. Als Flecktyphusarzt hatte ich die Pflicht, regelmäßig
sämtliche Zellen zu kontrollieren, und so kann ich auch als Augenzeuge über die
bereits erwähnte Zelle 50 berichten. Die ärztliche Ambulanz befand sich auf Zelle
49, die der Zelle 50 angegliedert wurde. Strohsäcke gab es in diesen Zellen nicht, sondern
nur ungehobelte, ungesäumte Bretter lagen auf dem Fußboden. Da lagen nun die
Kranken so eng, daß sie nicht auf dem Rücken, sondern nur auf der Seite liegen
konnten. Dabei befanden sich unter den Kranken viele frisch amputierte, meistens handelte es
sich
um Bein- bzw. Oberschenkelamputationen, mehrere hatten auch den Arm abgesetzt. Es waren
fast
durchweg Burschen im Alter
von 16-18 Jahren, angeblich SS-Leute. Sie saßen am blanken Betonboden
aneinandergepreßt, stießen sich gegenseitig mit den Stümpfen, die
Verbände waren völlig mit Eiter durchtränkt, stanken entsetzlich und
wimmelten von Fliegenmaden. Bei einigen waren die Verbände abgefallen, und es war
die
bloße eiternde Wunde, bzw. der Knochenstumpf zu sehen. Sie baten flehentlich,
verbunden
zu werden und ich werde nie in meinem Leben die verhärmten und von furchtbaren
Qualen
und unendlicher Verzweiflung gezeichneten Gesichter vergessen, wie sie eng
aneinandergepreßt am Boden hockten und dauernd sich gegen ihre Wunden stießen.
Diese Ärmsten waren das Entzücken des Festungskommandanten Prusa und seiner
Helfershelfer. Im allgemeinen wurden diese Zellen den wiederholt von Prag kommenden
Kommissionen nicht gezeigt; nur ab und zu kam es zu Vorführungen der dort Liegenden,
wenn der Kommandant Prusa speziell guten Bekannten eine kleine Freude machen wollte. Ich
durfte als Arzt weder einen Verband anlegen, noch ein Wort zu den Burschen sprechen. Beim
Kontrollieren wurde ich am Arm gehalten und man erklärte mir, wenn ich nur ein Wort
mit
den Amputierten spräche, müsse ich gleich mit hier bleiben. Das Martyrium dieser
Ärmsten dauerte einige Wochen. Ich sah
sie noch einmal - als Leichen, mit Spuren von Hieben, besonders auf den Stümpfen
Blutunterlaufungen. Ob sie zu Tode geprügelt oder nach "Patent Theresienstadt"
erwürgt worden waren, oder eine gnädige Spritze bekommen hatten, das entzieht
sich meiner Kenntnis.
Die Fleckfieberstation
Als ich am 6. Juni 1945 die Fleckfieberstation einrichtete, bekam ich 2 Schwestern zugeteilt und
hatte den ersten Tag eine Belegung von 16 Fleckfieberkranken (Männern), den 2. Tag
kamen noch 15 Männer dazu. Alle hatten 40 Grad Fieber, hörten infolge der
Erkrankung sehr schlecht, waren größtenteils völlig benommen, unruhig und
mit Durchfall behaftet. Wäsche für die Kranken war nicht vorhanden. Es wimmelte
von Flöhen. In der Benommenheit verließen sie dauernd ihr Lager, reagierten auf
keinen Anruf und in kurzer Zeit war der ganze Raum und Abort mit dünnem Stuhl
völlig verschmiert, ebenso die Strohsäcke und die Patienten selbst. Dazu kamen die
Umenge von Flöhen und Schwärme von Fliegen, die von der
gegenüberliegenden Leichenhalle herüberkamen, wo viele Leichen oft tagelang
nackt
lagen. Wanzen gab es in rauhen Mengen. Da wir für die Patienten nichts zu trinken hatten,
taumelten sie dauernd auf die Wasserklosetts hinaus, um dort aus den Abortschüsseln das
Wasser zu trinken. Ich selbst war am ganzen Körper so zerschlagen, daß ich vom
Sessel ohne fremde Hilfe kaum aufstehen konnte; abends mußte mich eine Schwester auf
das Lager legen, mich waschen und in der Früh wieder herausheben.
Ich war verzweifelt und hoffte nur, daß mich das Fleckfieber von meinen ganzen Qualen
und Sorgen erlösen möge.
Am dritten Tage änderte sich plötzlich die Situation. Man erwartete eine Inspektion
von Prag. Ich bekam 5 Schwestern zugeteilt, reichlich Wäsche, genügend Kaffee
für die Kranken zum Trinken und das amerikanische Präparate D.D.T., auch Neozit
genannt, ein mehlartiges Pulver, mit dem alle Strohsäcke, Kranke, das Personal, kurz die
ganze Infektionsabteilung eingestäubt wurde, sodaß es aussah wie in einer
Mühle. Der Erfolg war verblüffend. In ein bis zwei Stunden waren die Scharen von
Flöhen restlos vernichtet, der Fußboden war schwarz von krepierten Fliegen, und
binnen zwei Tagen begannen auch die Wanzen einzutrocknen, ebenso die Läuse, um die
es
ja hauptsächlich hier ging, wurden vernichtet. Der erste Lichtblick in meiner grenzenlosen
Verzweiflung! Rasch wurde jetzt die Fleckfieberabteilung eine kleine, gute Mustereinrichtung,
die
allerdings mit den übrigen Lagerunterkünften und der Behandlung der Internierten
im krassen Widerspruch stand. Prof. Dr. Patocka kam häufig inspizieren; ich bekam die
nötige Wäsche, ebenso Medikamente und auch Neozit in genügender Menge.
Einen kleinen Zwischenfall will ich jetzt schildern, der bezeichnend ist für den Ton und
die
Einstellung der Lagerleitung selbst:
Menschliche Bestien
Ich hatte einen neuen Fleckfieberfall festgestellt und ließ den Kranken vom Hof heraus zur
Infektionsabteilung tragen. Als ich aus dem dunklen Durchgang herauskam, wurde ich vom
Verwalter Tomes gestellt: "Was hast Du für ein Schwein hier auf der Bahre?" Ich
entgegnete: "Einen Fleckfieberkranken." Darauf er: "Wozu die Umstände mit dem
Schwein,
schlag doch die Bestien gleich tot! Warum man überhaupt solche Bestien hier
füttert,
das ganze Lager muß krepieren." So brüllte er laut und hielt weiter brüllend
eine Ansprache an die in seiner Nähe stehenden Gendarmen mit der Aufforderung, doch
alles zu erschlagen. Da der Kommandant, er und der größte Teil der Besatzung
alles,
was an Wertgegenständen, Kleidern, Geld usw. im Besitze der Internierten gewesen war,
sich angeeignet hatten, bzw. dem Staate unterschlagen hatten, wurden der Kommandant, Tomes
und mehrere andere später verhaftet und an das Kreisgericht in Leitmeritz
eingeliefert.
Dies geschah nicht wegen der unzähligen Morde, die diese auf dem Gewissen hatten,
sondern wegen Unterschlagungen von Gold und Wertsachen, die sie, statt an den Staat
abzuführen, für sich zurückbehalten hatten. Des Kommandanten Tochter
Sonja Prusova hat z. B. ein kleines Köfferchen voll von Brillanten, Gold, Damenuhren,
Schmuck und anderen Wertgegenständen, welches alles von Internierten aus Prag
stammte.
Sie läuft heute noch in Leitmeritz in einer Wildlederjacke herum, die sie einer
Ärztin
gestohlen hat. Ich habe übrigens noch nie ein Mädchen gesehen, welches derart
sadistisch veranlagt war wie diese Sonja, die kaum 20 Jahre alt war. Man sagte mir, sie habe
allein 28 Leute mit totprügeln helfen. Daß sie Frauen büschelweise die Haare
ausriß, sie mit den Fäusten ins Gesicht oder in den Bauch schlug, oder mit den
Füßen trat und sie auspeitschte, haben mir davon betroffene Frauen selbst
erzählt. Jedenfalls wußte ich immer, wenn sie aufgeregt, mit leuchtenden Augen
und
gierigem Mund zum 4. Hof lief, jetzt werden wieder Leute gepeinigt und Blut wird in
Strömen fließen.
Des öfteren in der Woche, besonders des abends oder nachts kamen Russen in die Festung
in betrunkenem Zustand. Die Frauen mußten antreten und man suchte die zum
Geschlechtsverkehr gewünschten heraus. Dafür erhielten die Vorgesetzten Schnaps,
Tabak, Speck und dergleichen. Der damalige Hofkommandant, ein gewisser Alfred Kling, der
aus
Polen stammte, infizierte sich mit Tripper, was ihn jedoch nicht hinderte, immer wieder neue
internierte Mädchen zum Geschlechtsverkehr mit ihm zu kommandieren.
Dieser "Alfred" betrachtete übrigens das Totschlagen von der wissenschaftlichen Seite. Er
erklärte, er könne so prügeln, daß der Betreffende sofort, in zwei
Stunden oder in zwei Tagen, selbst erst nach 8 Tagen sterbe oder auch in 14 Tagen wieder
gesund
sei. Diese seine Fähigkeit führte er auch praktisch ad exemplum wiederholt
vor. Ein
Beispiel: ein Internierter hatte zum dritten Male Brot gestohlen. Der Zellenkapo, ein
früherer Berufsverbrecher, Männe genannt, bestimmte ihn daher zum
"Fertigmachen". Vorher wurde er etwas blutig geschlagen. Als ich ihn das letzte Mal lebend sah,
rann ihm das Blut aus verschiedenen Rißwunden über das Gesicht und in diesem
Zustand wurde er zu Alfred gebracht. Dieser erklärte:
"Fünfzig Schläge - zwei Stunden." Vor internierten Mädchen, die zusehen
mußten, zerschlug er dann zählend dem Herbeigebrachten Arme und Beine,
Brustkorb usw. und ließ ihn so am Boden liegen. Nach zwei Stunden starb dieser und
Alfred war sichtlich stolz. Diese unsere Kommandanten waren wirklich stolz darauf, daß
nach zwei bis drei Monaten Internierungslager die Internierten so elend und herabgekommen
aussahen, wie früher die
KZler nach 3-4 Jahren. Man warf sich in die Brust: "Wir haben Euch in zwei Monaten so fertig
gemacht, wozu die Gestapo 5 Jahre gebraucht hat."
Die Kommandanten
Gegen Ende des Monats Juni-Anfang Juli wurde ein neuer Festungskommandant, ein gewisser
Stabskapitän Kálal, für das Lager bestimmt. Er war bestimmt kein Freund
der Deutschen, jedoch korrekt, ein wirklicher Offizier, was in einem derartigen Lager sehr viel
heißen will. Er stand dort auf einem einsamen Posten. Sämtliche Untergebenen
bildeten einen Block gegen ihn.
Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich annehme, daß hauptsächlich ihm und
vielleicht auch zum Teil Prof. Dr. Patocka es zu verdanken ist, daß nicht sämtliche
Lagerinsassen restlos vernichtet wurden, wie es im Programm Prusas's, Tomes's und Konsorten
stand. Auch der Amtsarzt Dr. Schramm, sowie einige wenige Angestellte des Lagers zeigten sich
als anständige Menschen, die zwar korrekt ihre Pflicht taten, jedoch noch etwas für
Menschlichkeit übrig hatten. Der erste Kommandant der "Kleinen Festung" vom Mai
1945
an war ein gewisser Alois Prusa, der sich Kapitän (in der tschechischen Armee war
Kapitän soviel wie Hauptmann) nannte und meist mit dem Sowjetstern, Hammer und
Sichel, geschmückt in Uniform herumlief. Er war sehr feist, hatte ein brutales Aussehen
und war früher im KZ Theresienstadt unter den Deutschen gewesen. Quälereien
waren seine größte Freude, ebenso möglichst brutal Totschlagen und
besonders
ergötzte er sich an den in zwei Zellen zusammengepreßten Amputierten, die er
immer
wieder aufsuchte. Bei diesen Besuchen sprang er wie ein Clown vor Freude auf und nieder. Fast
alltäglich wurden Feste gefeiert, d. h. wüste Gelage. Diese fanden in den
Räumen statt, die knapp neben seiner Wohnung lagen, wo seine Frau mit zwei
Töchtern schlief. Dazu wurden internierte Mädchen "eingeladen", und das Gelage
schloß meist mit seinem Lieblingsspiel ab: es wurde Puff oder Bordell gespielt, und die
Mädchen mußten sich nackt ausziehen und von den folgenden Orgien will ich nicht
weiter erzählen. Diese Mitteilung habe ich von einem Mädchen erhalten, dem
Prusa
in seiner Trunkenheit eine Weinflasche am Knie zerschmetterte. Sie erlitt dadurch eine tiefe
lange
Wunde, deren Heilung Monate in Anspruch nahm. Auch eine Zweite bestätigte mir das
gleiche, die ebenfalls von ihm "geladen" worden war. Näherer Details will ich mich
enthalten.
600 Kalorien - aber Millionen Raubgut pro Tag
Die Kost war im Anfang reichlich, wenn auch des öfteren das Fleisch verdorben oder das
Brot etwas schimmelig war. In Bälde wurde die Verpflegung bedeutend dürftiger.
Während früher ein Brot auf vier Leute verteilt wurde und die Suppe immerhin
nahrhaft war, wurde aufgrund einer einheitlichen Regelung des Ministeriums des Innern die
Brotzuteilung auf die Hälfte herabgesetzt und die Suppe wurde einem Abwaschwasser
ähnlich, in welchem einige Graupen und einige Kartoffelstückchen schwammen.
Dieses alles ohne jedes Salz durch Monate hindurch. Wir rechneten zirka 600 bis 800 Kalorien
pro Tag aus, dasselbe auch im Winter, wo die Leute dauernd froren und auch noch arbeiten
mußten. Man kann daraufhin einwenden, daß 250 g Brot und knapp 70 g
Nährmittel unbedingt zum Tode führen müßten, was auch richtig ist
und
auch beabsichtigt war. Wenn dennoch ein großer Teil der Lagerinsassen den
vorgeschriebenen und gesetzlich festgelegten Hungertod nicht starben, so nur deshalb, weil eines
Teils die Russen, die sich ja in vieler Hinsicht viel menschlicher zeigten als die Tschechen,
vielen
Kommandos, die bei ihnen arbeiten mußten, reichlich Verpflegung gaben, sodaß
diese sogar ihren Kameraden im Lager Nahrungsmittel mitbringen konnten; andererseits war es
bei den landwirtschaftlichen Arbeitern ähnlich, da sich die tschechischen Bauern sehr oft
nicht als Bestien, sondern als Menschen zeigten. Darüberhinaus kam es immer wieder bei
dem vielfach herrschenden Durcheinander Gelegenheit zu wiederholten und auch
größeren Diebstählen.
Auch sonst zeigten sich die Russen oft bedeutend anständiger. Sie schritten z. B.
wiederholt
dagegen ein, wenn unsere Leute zu stark geprügelt wurden. Ein russischer Arzt verband
regelmäßig des morgens die zerschlagenen Köpfe derjenigen, die bei den
Russen arbeiten mußten und nahm am Abend die Verbände selbst wieder ab, damit
den Rückkehrenden in der Festung die Verbände nicht mit dem Prügel vom
Kopf geschlagen werden sollten. Die Russen waren es auch, die vielen Internierten zur Flucht
verhalfen, indem sie sie einfach im Auto mit über die Grenze nahmen. Ich gab in der
damaligen Zeit vielen Mädchen den Rat, wenn sie verzweifelt zu mir kamen wegen
wiederholter Vergewaltigungen, sich doch lieber an einen Russen zu halten und mit diesem
abzuhauen und weiß, daß in vielen Fällen dieser Rat Erfolg hatte.
In der freien Zeit nahmen wir aufgrund einer ausgedehnteren Rundfrage eine Schätzung
vor, wie hoch das in Theresienstadt gestohlene Vermögen zu veranschlagen sei. Bei
vorsichtiger Einschätzung konnte man das Geraubte mit 500 Millionen tschechischen
Kronen ungefähr veranschlagen. Ich glaube nicht, daß an den tschechischen Staat
mehr als 5% abgeführt wurden.
Eine Anerkennung muß man dem tschechischen Innenministerium zollen, nämlich,
daß es durch auf streng wissenschaftlicher Basis gegründetem Ausschalten jeder
nennenswerten Zuteilung von Eiweiß sowohl in den vielen Gefangenenlagern als auch an
die übrige deutsche Bevölkerung außerhalb derselben, eine unbedingt Erfolg
versprechende Ausrottung aller Nichttschechen durchzuführen versuchte. (Außer
einem Viertel Liter Milch für Kinder, einem Halben Liter Milch für Kleinkinder
weisen die Nährmittelkarten
keinerlei Eiweiß-Zuteilung auf.) Wenn diese Ausrottung nicht so planmäßig
und vollkommen gelang wie sie beabsichtigt war, so ist dieses z. T. auf eine gewisse
Schlamperei
zurückzuführen, die es der deutschen Bevölkerung doch ermöglichte,
sich hinten herum noch Nahrungsmittel zu verschaffen, und das umsomehr, da ja reichlich
solche
zur Verfügung standen; desweiteren, weil immerhin einige Tschechen und auch die
Russen
Menschen geblieben waren und halfen, und auf ein Unverständnis der amtlichen Organe,
die dem tatsächlichen Sinn und Zweck der Anordnung nicht erfaßten. So konnte es
vorkommen, daß zweimal ein notgeschlachtetes Pferd an die Internierten zur Verteilung
gelangte und einige Male Blut als Essen zur Ausgabe gelangte. Auch daß man im
Dezember 1945 die Verteilung einiger Zentner Trockenkäse zuließ, die das
Schweizer Rote Kreuz zur Verfügung stellte, war eine unbewußte Durchkreuzung
des
amtlichen Programmes durch untergeordnete Organe, welche die wirkliche Sachlage nicht
kannten. Dazu kommt die im Spätherbst und im Winter erfolgte Zulassung
von Lebensmittel-Paketen bis zu 3 kg einmal monatlich. All dieses vereitelte den
hundertprozentigen Erfolg der Planung. Zum Verständnis für den Laien will ich nur
bemerken, daß man durch Ausschaltung des Eiweises aus der Ernährung zwar nicht
rasch, jedoch sicher den Tod jedes Menschen herbeiführen kann. (Deutsch:
Hungerödem, Hungerwassersucht; Englisch: protein deficiency. Die Russen bezeichnen es
als Dystrophie, was zugleich der lateinische, wissenschaftliche Ausdruck ist.) Die Leute starben
dann entweder: "durch Mangel an anderer Nahrung zum Skelett abgemagert" oder
"unförmig aufgeschwollen", wobei ein terminaler Durchfall das Sterben erleichtert. Ich
weise darauf hin, daß auch die russischen Gefangenen noch vor einiger Zeit stark
aufgedunsen zurückkamen, ebenfalls
durch Eiweißvitamin-Mangel bedingt, ein Zustand, der sich wohl in letzter Zeit gebessert
hat.
Wir hatten reichlich Vertreter beider Arten, Skelette sowohl wie Aufgedunsene. Was aber ein
Mensch vorher mitmacht, der zum Skelett abmagert, die Nacht auf rohen Brettern oder auf
Betonboden liegend zubringen muß, durch nächtlichen Urindrang gequält,
von
Kälte oder Hitze gepeinigt in einer Luft zum Ersticken, mit Prügel oder
Gebrüll immer wieder zur Arbeit gejagt wird, ist grauenhaft und den wohlgewogenen
Intentionen des Prager Innenministeriums entsprechend. Auch die Prügel und
Quälereien, die es jedesmal für die Insassen gab, wenn Aufseher durchgingen,
dürften in allen Lagern aufgrund einer einheitlichen Regelung durchgeführt worden
sein.
"Hitler hat schlecht gearbeitet"
Vielleicht ist es interessant, einen vielfach erwähnten Vorwurf, den die dortigen
Tschechen
Hitler machten, anzuführen, nämlich, daß er schlecht gearbeitet habe, denn es
seien noch immer Juden am Leben. Da hätte er wirklich bessere und gründlichere
Arbeit leisten können. Diese Ansicht ist wohl allgemein im tschechischen Volk verbreitet,
wie mir auch von anderer Seite bestätigt wurde. Die antisemitische Einstellung geht
vielleicht am besten aus Folgendem hervor: Ein slowakischer Jude namens Müller,
welcher
bereits 5 Jahre im deutschen KZ zugebracht hatte, wurde Anfang Juni nach Theresienstadt in die
Kleine Festung eingeliefert. Er hatte sich jedenfalls in der allerletzten Zeit gut erholt, sah
blühend aus und war ein Held in seiner Art. Er sagte immer: "Zum Arbeiten werden sie
mich nicht bringen." Da er ein etwas komisches Benehmen hatte, wurde er tagsüber des
öfteren zu verschiedenen Arbeiten, die er nicht machen wollte, kommandiert. Das Ende
war
immer eine
ausgedehnte Ohrfeigen- und Prügelszene zur Erheiterung der Besatzungsmannschaften.
Wenn z. B. eine Gruppe flott Ziegel zureichte, dann steckte man plötzlich den
Müller
dazwischen, der aus Prinzip jeden Ziegel zu Boden warf, obwohl er wußte, was danach
kam. "Nicht zu fest schlagen, Herr Kommandant", sagte er immer und zog den Kopf ein und die
Ohrfeigen und Prügel beendeten immer seine Arbeit. Oder es wurde ihm eine
Eisenbahnerkappe auf den Kopf gesetzt und ein roter Schal um den Hals gebunden, und er
mußte im Laufschritt einen Schubkarren schieben, wobei ein Kapo neben ihm herlief, ihm
ein Bein stellte, sodaß er hinfiel. Wieder gab es Ohrfeigen. Er wurde dann einige Tage
nach
Theresienstadt kommandiert. Dort traf ich ihn wieder und erkannte ihn kaum mehr, so verfallen
und elend sah er aus. Die Tschechische GPU fragte mich über ihn aus und ein Jude aus
dem Reich, der das Ghetto von Theresienstadt noch nicht verlassen hatte, interessierte sich
ebenfalls für Müller. Ich schilderte seine 5 Jahre KZ und bat, ihn doch zu entlassen,
da er bestimmt kein Nazi und auch kein Deutscher sei. Aber Müller saß weiter und
er, der nach 5 Jahren deutschen KZ's dasselbe in guter Gesundheit und gutem Aussehen
verlassen
hatte, starb nach 5 bis 6 Monaten in Theresienstadt infolge vieler Prügel und wenig
Essen.
Auch andere Juden bzw. Halbjuden, die in Theresienstadt interniert sind und so viel ich
weiß auch heute noch sitzen, will ich namentlich anführen: ein gewisser
Schück, Glässner, Spieker, Herbert, Geitler u. a.
Sterblichkeitsziffer über 50%!
Es wurden 72 Soldaten der Wehrmacht, jedoch keineswegs SS, im Mai 1945 nach
Theresienstadt
eingeliefert. Im September 1945 waren davon noch 34 am Leben. Die Sterblichkeit im
Monat Mai-Juni betrug buchmäßig etwas über 200 Männer, soweit
überhaupt gebucht wurde, und 6 Frauen. (Viele Totgeschlagene wurden ja
überhaupt
nicht gebucht.) Die Erklärung der auffallend
hohen Männer-Sterblichkeit bei gleicher Zahl ungefähr von Männern und
Frauen im Lager, das ist 33 Männer zu einer Frau, ist sehr einfach: Mißhandlungen
und Prügel waren ja hauptsächlich die Männer ausgesetzt.
Die Sterblichkeit an Flecktyphus war dank des möglichen ärztlichen Einsatzes und
gefundener Medikamente in Theresienstadt und dank der relativ guten
Unterbringungsmöglichkeiten sowie der wirklich gutartigen Flecktyphusepidemie (nur 11
Tote bei 74 Erkrankungen) gering. Von diesen starben die Hälfte an Aufliegen,
nämlich die Betreffenden waren vorher so zerschlagen worden, daß
handgroße
Gewebsfetzen am Gesäß und Rücken ausfielen. Eine besondere Diät
für Erkrankungen gab es nicht. Eine Epidemie von Dysenterie (Ruhr) konnte mit
Bakteriophag (wieder vom Laboratorium Prof. Dr. Patocka zur Verfügung gestellt)
weitgehendst bekämpft werden, obwohl es keinerlei Diät für Dysenterie
gab.
Pathologische Verlogenheit
Die Verlogenheit der Lagerführung war pathologisch.
Wie z. B. Kommissionen u.a. düpiert wurden: eine Kommission kam, Prusa ging voraus
und führte die Kommission unter folgenden Worten in die Zelle ein: "Hier ist alles SS und
Gestapo!" Als ein Mitglied der russischen Kommission dies bezweifelte, da er mehrere Knaben
im
Alter von 12 bis 14 Jahren sah, die kaum SS gewesen sein konnten, erklärte Prusa frei
erlogen, das sind
Söhne von SS- und Gestapo-Leuten und einer davon hat alleine 11 Tschechen
erschlagen.
Daß das Innenministerium dem Ausland im Radio wiederholt erklärte, in
Theresienstadt befände sich nur SS, Gestapo oder zu langen Strafen Verurteilte, wurde
mehrfach gehört, obwohl doch die Hälfte der Insassen in Theresienstadt Frauen bis
zum Alter von 92 Jahren und Kinder waren, und auch die Männer, hauptsächlich
Prager Deutsche, Blinde, blinde Soldaten aus dem Aussiger Krankenhaus verschleppt und bei
den
Raubzügen aufgegriffen sowie Gefangene waren, die vom Kreisgericht wegen
Überfüllung überstellt wurden, weil gegen sie nichts Besonderes vorlag. Ich
führe gleichzeitig ein Beispiel über Kinderbehandlung an. Beim Abzählen
schlug Kommandant Prusa mit dem Knüppel die internierten Männer auf die Stirn.
Weil die Knaben noch klein waren, wurden sie von dem Knüppel nicht auf die Stirn,
sondern auf das Schädeldach gedroschen. Durch die Schwellung bekamen sie einen
spitzen
Kopf, verbunden durfte die Wunde nicht werden und es siedelten sich Fliegenmaden an, und der
mit Eiter durchtränkte, behaarte Kopf stank furchtbar. Sehr ungünstig wirkte sich
der
fast regelmäßig für jeden Monat angesetzte Entlassungstermin aus, der z. T.
auch von der Lagerleitung inspiriert wurde. Es wurde vorübergehend Hoffnung auf
Entlassung erweckt, aber die immer wieder eintretende Enttäuschung gab zu schweren
Depressionen Veranlassung. Für die Lagerleitung hatten die dauernd auf den
nächsten Monat vorgespiegelten Entlassungstermine einen weiteren Vorteil,
nämlich,
daß viele die Flucht verschoben, weil sie immer wieder hofften, auch einmal so entlassen
zu
werden.
Aussiger Opfer tot eingeliefert
Ende Juli 1945 kam es bei Schön-Priesen (in der Nähe von Aussig a. E.) zur
Explosion eines Munitionslagers. Darauf setzte besonders in Aussig in der Hauptsache durch
herbeigeführte Swoboda-Gardisten eine allgemeine Deutschenverfolgung ein. Viele
wurden
in die Elbe getrieben und dort erschossen oder mit Handgranaten beworfen. Die aus der
Schichtfabrik Kommenden wurden auf die Elbebrücke gestellt und gezwungen, von dort
in
die Elbe zu springen, wobei man ihnen nachschoß und Handgranaten warf. In einem
geschlossenen Auto kamen am 31. Juli 1945 21 Leute an, mit weißen Binden am Arm, mit
der Aufschrift: "Závody Schicht". Sie standen den ganzen Nachmittag an der Wand und
wurden
als Werwölfe bezeichnet. Knapp vor Mitternacht hörten wir das wohlbekannte
Krachen von Knüppeln auf Schädel, Gebrüll und Klatschen von Prügel
auf Leiber besonders stark. Ein Bekannter teilte mir später mit, daß er mit anderen
Internierten noch in der Nacht im Toreingang Blut, Gehirn, Zähne und Haare wegputzen
und frischen Sand streuen mußte. Die 21 Mann sah ich nie mehr. Ich erkundigte mich
unter
der Hand in der Kanzlei; dort wurden sie geführt mit dem Vermerk: "tot
eingetroffen".
Ich lasse hier einen Bericht von M. W. selbst folgen:
Bericht über meine Internierungszeit
vom 13. Mai 1945 bis 10. Oktober 1946
in Theresienstadt CSR.
(von M. W.)
"Am 13. Mai 1945 wurde ich von 20 bewaffneten Tschechen in meinem Elternhaus in
Zwettnitz bei Teplitz-Schönau verhaftet und von da aus in das Internierungslager
Theresienstadt gebracht. Mit mir wurde mein Vater und ein landwirtschaftlicher Lehrling
eingeliefert. Als wir nach Theresienstadt kamen, wurden wir getrennt und in arg verschmutzte,
kalte, dunkle Einzelzellen gesperrt. Unser Lehrling war Kriegsinvalide und wurde angeblich
gleich erschlagen; bis heute wissen wir nichts mehr von ihm. Mein Vater wurde in einer
Einzelzelle neben mir untergebracht. In diesem Einzelzellengang waren ungefähr 20
Zellen,
davon auch einige Dunkelzellen. Alle diese Zellen waren bis aufs Letzte belegt. Ich war als
einzige Frau dort untergebracht hinter 3 Schlössern einer starken Eisentür.
Tagsüber und auch nachts hörte ich, wie Menschen geschlagen und
mißhandelt wurden. Auch mein Vater wurde von einem Tschechen mit einem Schlageisen
so geschlagen, daß er die ganze Nacht in der Zelle neben mir geschrieen hat. Am
nächsten Tage kam eine Krankenschwester zu ihm und an dem Nachmittag sollten wir
zum
Verhör drankommen. Hierbei bekam ich meinen Vater zu sehen und erkannte ihn nicht,
da
die Kleider ihm in Fetzen vom Leibe hingen und er total zerschlagen war. Nach drei Tagen
wurde
er von einem russischen Offizier mitgenommen und ich mußte allein zurückbleiben.
Mein Vater wurde bereits im Februar 1946 von den Russen entlassen, als er jedoch in meine
Heimat kam, wurde er von neuem bis Mai 46 interniert. Ich blieb in dieser Einzelzelle noch 12
Tage. Auch mich hat man mißhandelt und geschlagen und das bißchen
Wassersuppe,
was mir zustand, wurde mir manchmal ins Gesicht geschüttet. Nach diesen Tagen wurde
ich, eines abends von einem Posten weggeholt, es war das erste Mal nach meiner Verhaftung,
daß ich wieder frische Luft atmen konnte. Man hat mich auf einen anderen Hof der
Festung
gebracht. Dort wurden erst meine Daten aufgenommen, dabei wurde ich so geschlagen,
daß
man mir sogar einen Zahn einschlug. Eine Frau
von einem SS-Mann wurde mit mir zusammen geschlagen, diese hatte man da erst verhaftet.
Wir
mußten mit der Fahne stehend das Deutschlandlied singen; dann brachte man uns einen
Führerkopf, worauf wir spucken mußten und sagen 'Hitler, du Schwein, was hast du
mit uns gemacht', dann mußten wir ihn wieder abküssen und sagen 'ich danke dir
für alles, was du uns die Jahre getan hast' usw. Ich wurde dann weggebracht
und die SS-Frau wurde über einen SA-Dolch gesetzt. Ich hörte sie bloß noch
schreien. Mich brachten ein paar Männer wieder zu meiner neuen Einzelzelle, wo ich
mich
vor allem ausziehen mußte und noch einmal geschlagen wurde. Da ich ganz von Blut
überströmt war, brachte man mir Wasser zum Waschen. So nackt wie ich war
wurde
ich dann in eine der Zellen gesperrt und bekam nur eine Fahne zum Draufstellen.
Während
der ganzen Nacht mußte ich so in der Zelle stehen. Am nächsten Morgen wurde ich
herausgeholt und bekam Sträflingskleider, die alle Frauen trugen. Dann kam ich in eine
Zelle, wo schon 200 Frauen untergebracht waren. Am selben Tage noch wurde ich sofort zur
Arbeit angesetzt, obgleich ich so zerschlagen war, daß ich mich kaum bewegen konnte.
Wir
mußten in Theresienstadt das ehemalige Judenghetto reinigen und kranke Juden, die
Typhus
hatten, pflegen. In Theresienstadt waren damals Russen einquartiert, die uns dauernd
belästigten. Diese Arbeit verrichtete ich 4 Tage. Da ich aus der Landwirtschaft stammte,
wurde ich dem Feldkommando zugeteilt. Dort mußten wir schwerste Männerarbeit
leisten und bekamen dabei nur einen halben Liter Wassersuppe und ein kleines Stück
Brot,
welches uns für den ganzen Tag reichen mußte. Nachts hatten wir in den Zellen
auch
keine Ruhe, denn es kamen Russen und holten sich Mädels, die die tschechischen Posten
für ein paar Zigaretten oder Schnaps auslieferten. Die Russen machten ja vor keinem
Alter
Halt und so lebten wir ständig in Angst. Bei diesem Kommando blieb ich bis 12. August
1945. An diesem Tage holte man mich in die Kanzlei und teilte mir mit, ich hätte in der
Revolution Tschechen ermordet. Man ließ mich gar nicht zu Wort kommen und sperrte
mich gleich wieder in die Einzelzelle. Daraufhin wurde ich als Massenmörderin
bezeichnet.
Ich verlangte dauernd, vor Zeugen gestellt zu werden, was man jedoch gar nicht beachtete. Vom
ersten Tage an wurde ich vier Wochen lang von einem Posten des Frauenhofes täglich 20
Mal um den ganzen Hof gejagt, dann mußte ich in den Duschraum und wurde kalt
geduscht
und so naß wie ich war mußte ich mich auf eine Pritsche legen, und bekam
täglich 25 Schläge mit dem Gummiknüppel, Rohrstock, Riemen oder was
sonst der Posten erwischen konnte. Es war ein ganz junger Kerl und er versuchte dauernd, mich
zu vergewaltigen; da ich mich jedoch wehrte, wurde ich noch mehr von ihm geschlagen, bis ich
ohnmächtig zusammengebrochen bin. Dann wurden mir meine Haare geschoren und
außer einer Decke hatte ich nichts in meiner Zelle, sodaß ich auf dem Steinboden
liegen mußte. Man hoffte, daß ich eines Tages diesen Strapazen erliegen
würde. Eine Frau, die Aufseherin war, stand mit lächelndem Gesicht dabei. Damit
die anderen Frauen, die im Hofe waren, nicht hören sollten, wie ich schreie, wurde mir ein
Tuch in den Munde gestopft. Trotzdem hörten es aber alle und sahen auch, wie
zerschlagen
und blutig ich immer aus dem Duschraum kam und wie ein Stück Vieh in die Einzelzelle
gejagt wurde. Oft bekam ich den ganzen Tag nichts zu essen. Die Frauen sagten mir später
immer, ich sähe wie der wandelnde Tod aus. Da ich das alles nicht mehr ertragen konnte,
versuchte ich Selbstmord, was mir aber nie gelungen ist, denn dauernd kamen Posten vorbei.
Nach diesen 4 schrecklichsten Wochen mußte ich mit einer Gruppe
ehemaliger SS-Männer als einzige Frau Leichen tragen gehen. Diese Leichen waren
Häftlinge gewesen, die meistens an Typhus gestorben waren. Bei dem Leichengraben
wurde ich auch derart arg geschlagen und mußte
zusehen, wie die SS-Männer solange geschlagen wurden, bis sie tot liegen geblieben sind.
Wenn ich durch den Geruch ohnmächtig wurde, wurde mir ein Eimer Wasser
übergeschüttet und ich mußte weitergraben. Des öfteren bin ich in so
ein
Massengrab auf die Leichen gestürzt. Ich hatte am Fuß eine Wunde, die sich stark
entzündete, worauf ich einen Schuh bekam und weitergraben mußte. Mit
bloßen Händen und ohne jeden Schutz mußten wir diese Leichen ausgraben
und jeden Toten in einen Sarg legen. Nach 6 Tagen hatte auch das ein Ende. Ich blieb weiter in
der Einzelzelle und man kümmerte sich nicht um mich. Als es kalt wurde, bekam ich eine
zweite Decke, aber weiter nichts. In ungeheizten Zellen mußten wir frieren, denn
später kamen auch noch andere Frauen, die in Einzelzellen gesperrt wurden. Das Essen
war
knapp und meist ungesalzen. Wir bekamen einen halben Liter Wassersuppe, in der man die
Kartoffelstücke suchen mußte, dabei war diese Suppe auch noch ungesalzen. Zehn
Frauen bekamen ein Zweikilo Brot, das war unsere Tagesration; dazu kam noch ein halber Liter
schwarzer, meist kalter Kaffee. So mußte ich über Weihnachten bleiben. Am 15.
Februar wurde ich heraugeholt und durfte nach langer Zeit das erste Mal wieder zum Baden
gehen. Den nächsten Tag wurde ich früh in eine Kanzlei gebracht, wo viele
tschechische Notare waren. Dort wurde ich nochmals vernommen. Nach zwei Stunden sagte
man
mir, daß man keine Zeugen finde und daß ich unschuldig sei und sofort in die
große Zelle zu den anderen Frauen komme. Auch sollte ich bald entlassen werden. So
geschah es, daß ich nach über 20 Wochen wieder unter Menschen durfte. Ich war
sehr menschenscheu geworden und viele zweifelten an meinem Verstand. Dank der guten
Kameradschaft, die unter uns herrschte, erholte ich mich rasch. Im April wurden bereits die
ersten
entlassen. Ich hoffte von Tag zu Tag. Als ich aus der Einzelzelle kam, durfte ich das erste Mal
meiner Mutter Nachricht geben. In den kalten Monaten sind viele Kameradinnen und
Männer vor Hunger gestorben. Viele Mädchen wurden schrecklich von den Russen
vergewaltigt. Abends wurden sie einfach aus der Zelle geholt oder kamen erst gar nicht von der
Arbeit zurück. Die Aufseher verkauften uns, was konnten wir machen? Wenn sich eine
weigerte, wurde sie geschlagen und in die Einzelzelle gesperrt. Als ich in der Einzelzelle war,
ließ man Russen zu mir herein und ich wurde dort wie alle anderen vergewaltigt. Sehr
vielen Mädchen wurde dadurch ihr ganzes Leben zerstört. Im Krankenrevier lagen
viele geschlechtskranke Mädchen. Ich arbeitete in der Lagerbäckerei und als die
gewesene Kapo entlassen wurde, war ich Kapo und hatte alle Frauen zu beaufsichtigen und die
Buchführung zu machen. Dort habe ich mich dann etwas erholt. Auch war meine
Aufseherin gut zu mir und gab mir hin und wieder ein Stück Brot, da ich ihr Zimmer
aufräumte. Dauernd gingen dann Transporte, nur ich war nie dabei; man vertröstete
mich von einer Woche zur anderen. Endlich am 10. 10. 46 als nur noch gegen 40 Frauen
übrig geblieben waren, wurde auch ich als Einzelne entlassen. Ich kam nach Leitmeritz
ins
Evakuierungslager. Meine Mutter konnte ich noch rasch verständigen; sie kam und konnte
mich ein paar Minuten sprechen. In zwei Tagen ging dann schon der Transport und ich ging
nach
Bayern. Was uns die goldene Freiheit bedeutete, kann nur ein Internierter wissen. Meine Eltern
und meine Schwester leben noch heute in unserer Heimat in der CSR. Mein Vater arbeitet dort
und meine Schwester besucht die tschechische Schule. Ich hoffe aber, daß ich sie bald
auch
bei mir haben darf, denn nun sind wir schon seit Mai 1945 getrennt. Als ich interniert wurde,
war
ich noch keine 20 Jahre alt. Ich wurde 1925 geboren. Alle mit mir Internierten können
bezeugen, daß mein Bericht auf Wahrheit beruht. Das mir Angetane werde ich mein Leben
lang nicht vergessen können. Viele mußten unschuldig sterben."
Der Wert internationaler Kommissionen
Fast komisch war das Benehmen der Lagerleitung, wenn eine Kommission angesetzt war. Im
Anfang kam es z. B. vor, daß ein Russe die Frage stellte, was es für eine Bewandtnis
habe mit dem blutigen Knüppel, der am Tisch der Zelle lag. "Wird vielleicht jemand
geschlagen?" Natürlich schrien alle 500 Zelleninsassen unisono: "Nein". Es wäre
unvorstellbar gewesen, welche Qualen einer hätte mitmachen müssen, falls er "Ja"
gerufen hätte. Später, wenn Engländer angesetzt waren (vereinzelte
Journalisten), war alles in Aufregung. Die Zellen wurden hermetisch abgesperrt, kein
Internierter
durfte die Zelle verlassen, und der Journalist wurde vom Kommandanten und Angestellten der
Festung links und rechts eskortiert durch die Festung geführt. Er ging an allem
Sehenswerten vorbei und ihm wurde nur ununterbrochen von den Grausamkeiten der Deutschen
erzählt. Dabei hörte man oft Dinge, die lächerlich wirkten, z. B.: Es
wären in einem steilen Steingarten tausende von Frauen (unter tausenden tat man es ja
nie)
von der SS vergewaltigt und dann in dem Badebassin ertränkt worden. Der Steingarten
war
derart steil, daß es auch dem gewiegtesten Lebemann schwer gewesen wäre, ein
Plätzchen zum Geschlechtsverkehr zu finden.
Während im Anfang brutale Grausamkeit geherrscht hatte und ununterbrochen und
hemmunglos geprügelt worden war, wurde das Schlagen später verboten. Der
Festungskommandant selbst stand mit Strenge hinter dem Verbot; und sah auch sonst strikt auf
Ordnung. Er konnte jedoch natürlich, bei der geringen Disziplin und der Einstellung der
Untergebenen gegen ihn, die Mißhandlungen nur einschränken; hinter seinem
Rücken geschah trotzdem noch ziemlich viel.
Hilfe aus der Schweiz
Den gleichen Erfolg hatte auch eine Zuteilung von Nahrungsmittel durch das Schweizer Rote
Kreuz, das vielfach herbeigesehnt wurde und endlich zum ersten Mal im Dezember 1945 sich
sehen ließ mit einer Spende von ca. 4 Tonnen Lebensmittel in Form von Nudeln,
Büchsengemüse, Trockenkäse usw. Dabei war auch Milch in Konserven oder
getrocknet für Kinder. Die Sterbeziffer sank auf die Hälfte. Ich danke bei dieser
Gelegenheit dem Roten Kreuz, das so viel guten Willen zeigte und wirklich reichlich half und
bedaure nur sehr, daß man sieben Monate auf das Erscheinen warten mußte.
Wahrscheinlich durch Erfahrung gewitzigt, wurden mir und den Internierten dieses Lagers diese
Lebensmittel übergeben, ich und die Internierten mußten die Übernahme
bescheinigen, und ich wurde gefragt, ob auch die Internierten davon etwas bekommen
würden. Ich sagte damals: "Hoffentlich." Dieses Vorgehen war das einzige
Mögliche
und Richtige, um eine tatsächlich zweckentsprechende Verwendung zu erlangen. Ich hatte
dauernd schwere Kämpfe zu bestehen, weil man immer wieder versuchte, die
Verpflegung
einzustellen und diese Lebensmittel zur Verpflegung zu verwenden. Ich kann jedoch mit Freuden
sagen und bitte dies dem Roten Kreuz mitzuteilen, daß tatsächlich über 80%
und mehr der Spende den Internierten zu Gute kam, ein außerordentlich erfreulicher
Erfolg,
denn ohne diese Vorsicht des Roten Kreuzes wären wohl kaum 10% zweckentsprechend
verwendet worden.
Nachträglich muß ich noch etwas richtig stellen. Bei meiner
Entlassung Ende Januar 1946 war noch ein stattlicher Rest dieser Zuteilung vom Roten Kreuz
vorhanden. Wie mir aber später Entlassene mitgeteilt haben, ist dieser Rest der Zuteilung
doch noch zum größten Teil verschoben worden und kam nicht den Internierten zu
Gute.
Säuglinge, Kleinkinder und Jugendliche
Interessant ist die Internierung von Säuglingen, Kleinkindern und Kindern bis zu 12
Jahren,
deren wir etwa 100 hatten. Die über 12 Jahre alten Kinder wurden wie Erwachsene
gerechnet
und ebenso be- und mißhandelt. Obwohl die Schweine in der Festung mit Milch
gemästet wurden, war für die Säuglinge keinen Tropfen Milch aufzutreiben;
es
mußte erst die Bewilligung der vorgesetzten Dienststelle eingeholt werden, was
ungefähr zwei bis drei Wochen dauerte. Ich war in Verzweiflung und stand vor dem
Problem, ungefähr 20 Säuglinge ohne jeden Tropfen Milch mit Schleim und etwas
Zucker aufzuziehen. Das Problem wurde insofern gelöst, als es mir gelang, auf
Schleichwegen eine
entsprechende Alete- und ähnliche Büchsenmilch aufzutreiben und ins Lager zu
bringen. Später flog diese Sache zwar auf und ein Internierter, der Geld für diese
Säuglingsmilch gegeben hatte, wanderte in die Einzelzelle. Die Kinder selbst wurden in
einer Bretterbaracke, wo früher alte Häute lagerten, untergebracht, hatten einen
großen Hof zum Spielen, es konnten dort Windeln und Wäsche getrocknet werden,
kurzum diese Kinderabteilung, die von einer Ärztin geleitet wurde und mir direkt
unterstellt
war, wurde eine kleine Musterabteilung und wurde auch zu Reklamezwecken Journalisten
vorgeführt,
die sogar Film-Aufnahmen machten. Die Einstellung des Innenministeriums, die sich auch dort
zeigte, beweist deutlich ein Ausspruch, der mir auch heute noch genau in Erinnerung geblieben
ist: "Wir Tschechen sind hier gestorben und wir lassen Euch am Leben." So gut diese
Bretterbaracke in den Sommermonaten war - sie war sehr luftig, man sah überall durch
die
Bretter den Himmel und konnte zwischen den Brettern mit der Hand ins
Freie greifen - so
unangenehm wurde es, als es immer kälter wurde. Man versprach jede Woche, die Kinder
entweder zu entlassen oder anderweitig unterzubringen. Der Festungskommandant selbst und
noch mehr der Amtsarzt gaben sich größte Mühe; aber alle
Außenbehörden lehnten ab, nirgends war ein Platz für die Kinder. In
Leitmeritz stand zwar eine Unmenge größerer Räume leer und ebenso
über 600 Wohnungen, für diese Kinder war jedoch nirgendwo Platz. Es kam der
Oktober, die Kinder froren schon entsetzlich und mit dem November setzten die ersten heftigen
Fröste ein. Das Wasser war in der Frühe gefroren und wenn auch die Kinder mit
zwei Decken zugedeckt zusammengepreßt beieinander lagen, so froren doch alle
entsetzlich.
Heizmaterial war sehr wenig da und das Heizen nützte auch nur so weit, als die
Temperatur
in nächster Nähe des strahlenden Ofens einigermaßen erträglich war;
die Temperatur in der Baracke selbst blieb unter dem Nullpunkt. Einzelnen erfroren die
Händchen, verschiedene konnten in der Kälte das Wasser nicht halten und lagen
dann noch in der nassen Wäsche und auf dem nassen Strohsack. Endlich nach langem
Bemühen und dank des Entgegenkommens des Festungskommandanten, Major
Kálals
selbst, gelang es mir, Ende November oder anfangs Dezember, die Überführung der
Kinder auf den 4. Hof in eine Große Zelle durchzuführen, in der 2 große
Öfen aufgestellt waren und die Temperatur einigermaßen erträglich war. Die
Pflegerinnen schliefen in der eingangs erwähnten Holzbaracke zu sechst in einem
Zimmer,
was den Hofkommandanten namens Benes, einen jungen Burschen, nicht hinderte, mehrmals in
der Woche in der Nacht ins Zimmer zu kommen, dort sich mit den Stiefeln mit einer der
Internierten ins Bett zu legen und vor den anderen geschlechtlich zu verkehren.
Handel mit Schnaps, Tabak und Frauen
Bezeichnend war das Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Untergebenen, eigentlich
waren die Untergebenen die weitaus stärkeren und kam es zu Differenzen, so bekam
immer
der Untergebene Recht. Man kann sich daher auch den schwierigen Stand des
Festungskommandanten vorstellen. Gewisse Sadisten wie ein Truka, ein Unteraufseher und 2.
Kommandant des 4. Hofes, konnten die ganze Festung terrorisieren. Vor derartigen Bestien hatte
ein jeder Angst. Eine ähnliche Type war ein gewisser Valchar, der bei keinem
Totschlagen
fehlte und auch sonst zu jeder Gemeinheit bereit war. Er war Kommandant des 2. Hofes. Viele
von diesen kleinen Leuten waren dabei Schwerverdiener. Ein gewisser Ortl ließ von den
Internierten Lederblumen herstellen, bis zu 45.000 in zwei Monaten. Man kann sich vorstellen,
was dieser kleine Mann an den Lederblumen verdiente. Hunderte von Roßhaarmatratzen
wurden in die Festung gebracht. Sie wurden in Theresienstadt nach dem Abtransport der Juden
aus deren Wohnungen gesammelt. In der Festung wurden sie von den Internierten zerzupft, in
große Ballen verpackt und verkauft. Wieder eine schöne Einnahme für die
kleinen Leute. In der am 2. Hofe befindlichen Großtischlerei wurden dauernd
Möbel
hergestellt und auch noch andere Dinge. Außerdem verhandelte Ortl für Schnaps,
Speck und Tabak Frauen an die Russen, einmal als besondere Delikatesse neun Frauen im
letzten
Monat der Schwangerschaft. Daß es dabei ein bis zwei tote Kinder gab, dürfte
Herrn
Ortl wenig gestört haben. Eine von diesen Hochschwangeren wollte sich zum
Geschlechtsverkehr nicht hergeben, ich sah sie zwei Tage später, der Oberkörper,
besonders die Brüste und Arme waren zerkratzt und blau geschlagen und der Bauch wies
mehrere Spuren von Stiefelabdrücken auf. Ich wunderte mich damals, daß diese
Frau
nicht vorzeitig entband. Offiziell wurden die Frauen den Russen immer zur Arbeit zugeteilt, die
dann die zur Verfügung gestellten Frauen auch geschlechtlich gebrauchten. Wenn sich die
Frauen jedoch weigerten oder nicht entsprachen, wurden sie als faul ins Lager
zurückgeschickt, wo sie dann entsprechend schwer bestraft wurden.
Das Altersheim
Einige Reihen von kleineren Zellen am 4. Hof waren als Altersheim und Heim für
Invalide
eingerichtet. Die Türen gingen auf den kleinen Hof. Wenn es regnete, lief das Wasser auf
dem Beton in die Zellen und die Strohsäcke, die dort am Boden lagen, verfaulten. Im
September ging es noch an; aber im Oktober, als die kalten Nächte kamen, froren diese
Leute entsetzlich. In einer Zellenreihe, in der 27 (drei in jeder Einzelzelle) untergebracht waren,
lebten nach zwei Monaten Kälte und Hunger nur noch sieben. Man kann sich vorstellen,
was diese Leute an Hunger, Kälte und seelischen Qualen ausstanden. Als der Winter
schon
seinen Einzug gehalten hatte, gelang es mir nach dreitägigem Kampf, endlich
ungefähr fünfzig Leute, den Rest des Altersheims, in einer Kasematte
unterzubringen, wo sie zumindest nicht mehr so durch die Kälte litten. Viel schlimmer
hatten es die Insassen der Zelle 44 am 4. Hof. In dieser Zelle wurden wegen
Überfüllung des Kreisgerichtes in Leitmeritz etwa 60
Untersuchungshäftlinge
von dort in die Festung abgestellt und dort gemeinsam mit den Insassen der Einzelzellen
untergebracht. Es durfte nicht geheizt werden, von den Decken tropfte unaufhörlich das
Wasser, der Mörtel löste sich dauernd und fiel von der Decke. Alles war feucht,
auch
die zwei Decken, die die Häftlinge zum Zudecken hatten. Wintermäntel gab es nur
ganz vereinzelte. Diese armen Teufel durften die Zelle überhaupt nicht verlassen, in kein
Krankenrevier kommen, sie durften nur auf der Zelle sterben. Solange sie noch Kraft hatten,
liefen
sie die halbe Nacht herum, um sich einigermaßen zu wärmen, dann mußten
sie
wieder unter die nassen Decken kriechen. Zeitweise war der Boden vereist. Daß hier ein
Massensterben einsetzte, ist selbstverständlich. Wenn auch das Prügeln, seit Major
Kálal das Festungskommando übernommen hatte, verboten war,
bekümmerten sich
die Untergebenen zeitweise recht wenig um dieses Verbot; oft gab es Nachtmusik spät
abends, man hörte dann das Krachen von Knüppeln auf Schädel, das
Klatschen von Ohrfeigen und Gummiknüppeln, das Schreien der Mißhandelten und
Brüllen der Wachmannschaften.
Ein weiteres Einzelschicksal
Der Graf Ledebur, früherer Politiker der Christlich-Sozialen im Parlament, ein feiner,
ruhiger und äußerst sympathischer Mensch, wurde trotz seines hohen Alter (72
Jahre)
in den ersten Monaten dauernd in Einzelhaft gehalten, wobei ihm jeder Verkehr mit anderen
verboten war, ausgenommen mit dem Arzt. Er war ein Idealist und glaubte, man würde
ihn
vernehmen. Er erzählte mir, er säße wegen eines archäologischen
Schmuckes hier, der im Besitze seiner Frau sei und den man bis heute noch nicht gefunden habe.
Er würde gerne sagen, wo sich der Schmuck befände, wenn er nur hier
herauskäme. Doch er habe sich nie darum gekümmert, wo seine Frau den Schmuck
aufbewahrte und konnte daher nichts aussagen. Aus diesem Grunde, nahm er an, würde er
so streng bewacht. Trotz seines hohen Alters hielt er sich Monate lang tadellos. Nach einigen
Monaten jedoch mußte er sich legen, da er ein Abszeß am Fuß hatte, das ich
ihm öffnete und behandelte. Ich selbst kam 8 Tage lang nach Leitmeritz ins Hospital, um
meine bei den Mißhandlungen gebrochene Hand röntgen und behandeln zu lassen
(und eigentlich meine Frau und Kinder zu sehen). Als ich zurückkam, mußte ich
eine
Verschlechterung des Fußes und drohende Brandgefahr feststellen. Ich ging deshalb zum
Sekretär und bat, den Graf nach Leitmeritz ins Krankenhaus überweisen zu
dürfen, da der Fuß abgenommen werden mußte, sonst würde er sterben.
"At chcipne!" war die Antwort, d. h. er möge krepieren. Ich flog hinaus. Da mir der alte
Herr sehr leid tat, versuchte ich noch mehrmals, ihn nach Leitmeritz ins Spital zu bringen,
jedoch
stets mit dem gleichen Mißerfolg. Seine Frau, die man ebenfalls wegen des
verschwundenen Schmuckes befragte (sie war noch frei und lebte in einem kleinen
Häuschen in Milleschau), benützte die Gelegenheit, ihm mehrere Körbe mit
Obst zu schicken. Ich weiß nicht, ob er zwei Äpfel von diesem Obst gesehen und
bekommen hat. Nach weiteren 10 bis 14 Tagen war der Zustand des alten Herren recht traurig.
Es
kam eine Kommission aus Prag und ich wurde furchtbar angebrüllt, warum ich den
Grafen
nicht schon ins Spital gebracht hätte und noch am gleichen Tage kam der Graf ins Spital.
Ich ließ noch der geistlichen Schwester ausrichten, sie möchte sich besonders um
ihn
bemühen, er wäre der
Führer der Christlich-Sozialen gewesen und sei ein äußerst wertvoller
Mensch,
sie möchte daher das Menschenmöglichste mit ihm tun. Die katholischen
Schwestern, die immer ein gutes Herz für die Internierten hatten und von den Internierten
selbst mit Recht als "Engel" bezeichnet wurden, taten ihr Bestes. Der Graf selbst starb am
gleichen Tage, als ihn der englische Gesandte und der Fürst Lichtenstein besuchen
wollten.
Die Gräfin wurde in den Wintermonaten in das Kreisgericht von Leitmeritz
eingeliefert.
Verbrecher
Auch von einem Verbrecher will ich noch sprechen, von einem gewissen Kurt Landrock, Kapo
der
berüchtigten 50sten Zelle, Spezialist im Erdrosseln mit Stock und Schnur, einer
ausgesprochenen Bestie in Menschengestalt, der allerdings zu seinen Lieblingen sehr nett sein
konnte. Er machte das Krankenrevier für die Kranken zu einer Hölle. Ich war
damals
schon Chefarzt der Festung und versuchte, ihn als Kapo vom Revier wegzubekommen mit der
Begründung, daß er nicht entspreche und auch nicht tschechisch könne. Aber
der Mann hatte so viel Verdienste als Schwerverbrecher, daß seine Stellung nicht zu
erschüttern war. Erst nachträglich fiel mir auf, daß er anfangs Leute mit
Goldzähnen gern auf seine Abteilung aufnahm. Es stellte sich heraus, daß er
Sammler von Goldzähnen war, die er den Leidenden aus dem Munde nahm. Dieses jedoch
sollte ihm zum Verhängnis werden. Da er diese Goldzähne nicht abgeliefert hatte,
wurde er ins Kreisgericht nach Leitmeritz eingeliefert. Wie gering man die Intelligenz der
internationalen Öffentlichkeit einschätzte, zeigt folgendes: Der Pole Alfred Kling,
der
sehr viele Morde persönlich ausgeführt hatte, sollte als Deutscher erklärt
werden. Landrock war Deutscher, ein Schwerverbrecher, der von den Tschechen wegen seiner
Grausamkeiten als Kapo ausgesucht worden war und früher schon mehrere Jahre im
deutschen KZ gesessen hatte. Also: Das damals vorgenommene Programm war: die ganzen
zahlreichen Morde sind nicht durch die Tschechen sondern durch die Deutschen erfolgt.
Dadurch
wollte man einerseits sich selbst entlasten von dem Vorwurf des unberechtigten Massenmordes
und die Deutschen aufs Neue schwer diffamieren. Daß Kapitän Prusa oder Tomes
die
dauernden Mißhandlungen durch ein Wort hätten einschränken
können,
und darüber hinaus jeden Mord hätten verhindern können, wird das dumme
Ausland ja nicht annehmen. So rechnete man damals und ein möglicher Prozeß in
dieser Richtung zur Täuschung der Öffentlichkeit würde mich nicht
wundern.
Von den vielen zerschlagenen Kiefern wird wohl keiner von den Betroffenen reden, denn wer
einen schweren Kieferbruch hat und nichts als hartes Brot und wenig Suppe erhält, der
stirbt.
Auch eine sportliche Kanone war vorhanden. Alfred Kling konnte mit einem kleinen
Knüppel durch einen einzigen Schlag in den Nacken einen Menschen töten. Diese
Leistung wurde trotz vieler Versuche von keinem der Tschechen erreicht und Alfred hatte
hierdurch sehr an Ansehen gewonnen.
Vergleichende Betrachtungen, die sich
aufdrängen
Ich bin durch die vielen, in ehemaligen deutschen KZ Eingesperrten, die in Theresienstadt
weiter
sitzen mußten, ziemlich genau und aus erster Quelle über die Methoden der Gestapo
und die Grausamkeit der KZ's unterrichtet und zwar von solchen Leuten, die ja selbst Insassen
waren und diese KZ's nicht lobten, aber doch alle übereinstimmend feststellten, daß
das Lager in Theresienstadt schlimmer sei. Ich will nicht ausführlich werden und
erwähne nur die Namen von zwei Bestien in Menschengestalt, einen gewissen Valchar,
die
personifizierte Grausamkeit und Böswilligkeit, und einen gewissen Truka, der ihm nichts
nachgab. Was diese Leute brüllten, schlugen, ohrfeigten, mit den Füßen
hackten und auf jede nur erdenkliche Weise Menschen quälten, würde Seiten
füllen. Truka ließ u. a. die SS sich auf den Boden legen, ging auf ihnen spazieren,
wobei er die empfindlichsten Stellen zum Hintreten aussuchte, und sprang mit beiden
Füßen auf die Nierengegend und was derlei Vergnügungen mehr waren. Was
Kälte, dauernder Hunger, Gebrüll, Mißhandlungen, an der Wand stehen, am
Boden wälzen usw. Menschen seelisch und körperlich quälen kann, ist leicht
vorstellbar. Zu schildern, wie man die
Internierten Sonn- und Feiertags zur Erholung der Wachmannschaften dauernd in die dunklen
Grabgewölbe sperrte und dergleichen mehr, würde zu lange aufhalten. Ich will nur
eines noch dazu bemerken: Theresienstadt steht nicht allein. Ich habe mit Insassen aus anderen
Lagern und Gefängnissen gesprochen, das System ist überall das Gleiche, es wird ja
vom Innenministerium geregelt und angeordnet, wenn auch nach tschechischer Art niemand
daran
Schuld haben will, sondern immer nur der andere Schuld daran hat.
Man mag diese Schilderung glauben oder auch bezweifeln, es kommen jedoch immer wieder
viele
Leute aus der Festung Theresienstadt selbst frei, es werden zwar nur wenige so viel wissen wie
ich, aber alle können sie bestätigen, daß das, was ich hier mitgeteilt habe,
weder übertrieben noch unwahr ist. Wenn auch in späteren Zeiten das
Totprügeln im Großen und Ganzen aufgehört hat, so sind dafür wieder
andere Faktoren an die Stelle getreten. Die Kälte bei mangelnder Bekleidung, der Mangel
an Heizmaterial und der Monate lang andauernde Hunger. Die Qualen sind dadurch keineswegs
geringer, als sie bei dem Totprügeln waren, denn man kann eine Unmenge Leute sterben
lassen, ohne eine gewaltsame Einwirkung.
Noch heute schmachten Tausende unschuldiger Menschen in einer Sklaverei, wie im tiefsten
Mittelalter. Ich habe nur einen Wunsch: möge mein wahrheitsgetreuer Bericht, den zu
beeiden ich jederzeit bereit bin, dazu beitragen, daß endlich einmal maßgebende
internationale Stellen dazu veranlaßt werden, gegen diese menschenunwürdigen
Zustände mit allen zu Gebote stehenden Mitteln einzuschreiten.
 
Dokumente zur Austreibung der Sudetendeutschen
Überlebende kommen zu Wort
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