  |
Deutsche helfen Rußland
bauen
Der Beitrag der Deutschen in der Geschichte Rußlands.
Teil 6: Boris Godunow
und der falsche Demetrius
chon 100 Jahre vor der Westorientierung Peters des Großen und
seinem Bemühen
um Wissens- und Bildungseinfuhr aus Deutschland entstand in Boris Godunow ein Zar, der erste
aus tatarischem Geblüt und selbst Analphabet, der Schulen einrichtete und begabte junge
Russen auf deutsche Universitäten schickte. Boris, Hauptfigur in Mussorgskys grandioser
Oper, war durch eine gewiegte Heiratspolitik zum Herrscher aller Reußen aufgestiegen.
Aber der gutaussehende, gewandte und vor allem auch außenpolitisch erfolgreiche
Emporkömmling hatte unter den Fürsten gefährliche Neider, die nach Wegen
suchten, ihn zu beseitigen. Die Gelegenheit dazu ergab sich unverhofft, als ein in Polen von
Jesuiten herangezüchteter angeblicher Sohn Iwan Grosnys, den man schon lange für
tot erklärt hatte, auf den Plan trat.
Der deutsche Kaiser Rudolf II. hatte Boris die Warnung zustellen lassen, daß die Polen mit
einer neu aufgestellten großen Armee Rußland zu überfallen beabsichtigten.
An
die Spitze dieses Heeres hatten sie mit schlauer Berechnung besagten Dimitrij, Iwans des
Schrecklichen auf mysteriöse Weise wieder aufgetauchten jüngsten Sohn, gestellt.
Obwohl nie genau aufgeklärt, so darf als höchstwahrscheinlich angenommen
werden, daß der falsche Dimitrij ein raffiniertes Retortenprodukt aus der Giftküche
der Jesuiten war, mit allen Einzelheiten der orthodoxen Lehre vertraut gemacht und sogar in
jeder
seiner Verhaltensweisen den Eindruck der Echtheit erweckend. Papst Klemens VIII.
hatte ihn - wie sich später beweisen ließ - persönlich in Rom geprüft,
um mit diesem genialen Streich die Millionen russischen Orthodoxen wieder in den Schoß
der Mutter Kirche
zurückzuführen - freiwillig, notfalls aber auch "mit Feuer und Schwert".
Geschulte Agenten waren dem polnischen Heer vorausgeschickt worden, geführt von
polnischen Jesuiten. Psychologisch äußerst geschickt setzten sie Gerüchte
über den Zaren in Umlauf: daß Boris ein Mörder sei, und allerlei mehr, um
sein Ansehen im Volk zu untergraben und seinen Sturz vorzubereiten. Eine zu der Zeit durch
eine
lange Dürre und Mißernten entstandene Hungersnot ließen das
abergläubische Volk Dimitrij wie einen vom Himmel gesandten Retter in der Not
erwarten.
Gegen diese Unterwanderung erwiesen sich selbst die triftigsten Argumente des Zaren als
machtlos - er wurde ermordet. Doch sein Tod sollte sich für das Volk als
verhängnisvoll erweisen. Der seine Rolle teilweise hervorragend spielende falsche
Dimitrij
wurde am 30. Juli 1605 zum neuen Zaren gekrönt. Die ihm als Zarin zugedachte gerissene
polnische Adlige Maryna, Tochter des einflußreichen und noch gerisseneren Jurij
Mnischek
am polnischen Hofe, ließ ihn zappeln und mit immer neuen Forderungen ihres Vaters
hinhalten. Eine von dessen Bedingungen zur Heirat war die Einwilligung Dimitrijs gewesen,
Nowgorod und Pleskau abzutreten
und - das Recht, überall in russischen Landen katholische Kirchen zu errichten!
Nach den früheren Erfahrungen mit der mongolischen Schreckensherrschaft lernten die
Russen nun die Polen kennen, die sich in Moskau als Herren aufspielten, Fußgänger
niederritten und Mädchen in ihre Bordelle verschleppten. Sie entweihten die orthodoxen
Kirchen der Russen, zerschlugen die Ikone, fütterten ihre Hunde vor den Altären
und
zwangen Mönche und Nonnen, ihre Kirchenlieder in Zoten zu verwandeln. Und im
Untergrund sammelte sich Widerstand.
Der schwelende Haß der Bewohner entlud sich in einem Massaker von elementarer
Gewalt.
Nur mit Äxten und anderen primitiven Waffen ausgerüstet, aber voll grenzenloser
Wut, fielen die Moskowiter am 17. Mai 1606 unter dem Geläut von tausend Glocken
über die Polen her. Zur selben Zeit drang Fürst Schujskij mit etlichen
hundert
Bojaren in den Kreml ein, wo die gesamte Bewachung niedergemacht wurde. Der durch die
Gänge flüchtende Zar sprang in seiner Not aus einem Fenster und blieb
bewußtlos am Boden liegen. Die Aufrührer quälten ihn auf barbarische Art
zu
Tode, verbrannten anschließend seine Leiche und feuerten die Asche aus einer Kanone in
Richtung Polen.
Fürst Schujskij wurde der neue Zar. Doch schon vier Jahre später verlor er seinen
Thron bei einer erneuten polnischen Invasion. Für ihren neuen Raubkrieg hatten die Polen
einen zweiten Dimitrij in Reserve gehalten, der sich wiederum als rechtmäßiger
Zarennachfolger ausgab. Obwohl er unter dem einfachen Volk gläubige Anhänger
fand, ließen die Polen ihn fallen, nachdem sie sich in Moskau festgesetzt hatten und
bescheiden erklärten, ganz Rußland sei ein Teil des polnischen Reiches und der
König von Polen der von Gott für die Russen bestimmte Zar!
Die von den Russen als "Zeit der Wirren" bezeichnete Periode bot zahlreichen russischen wie
auch deutschen Dramatikern und Komponisten reichen Stoff, u.a. Puschkin,
Mussorgski, Rimski-Korsakow, in Deutschland Schiller, Hebbel und Walter Flex. Doch die
schlimmste Zeit, die sogenannte Polenzeit, stand den Russen noch bevor. Die Polen
fühlten
sich in ihrer Arroganz den Russen turmhoch überlegen. Von willigen Opportunisten unter
den russischen Adligen
unterstützt - diese Sorte scheint unausrottbar zu sein wie die
Fliegen - überboten sie sich in ihrer Grausamkeit und Verachtung gegenüber dem
russischen Volk.
Wieder waren es die einfachen Menschen, die dem polnischen Spuk ein Ende bereiteten, und es
waren Frauen, die sich als erste, ohne Organisation, ohne Planung spontan mit
Waschhölzern, Beilen und Messern auf die polnischen Peiniger stürzten. Ihre Tat
wurde zum Fanal für den allgemeinen Aufstand, der die Polen völlig
überraschend traf. Die im Kreml eingeschlossenen Polen wurden ausgehungert, wo sie
nach
Abschlachtung ihrer Pferde ihre eigenen Toten verzehrt hatten. Ein vom polnischen König
entsandtes Entsatzheer wurde 1612 von den Russen bei Moschaisk geschlagen. Der polnische
Traum, aus ihrer Großmannssucht geboren, war ausgeträumt!
Am 21. Februar 1613 setzten die russischen Würdenträger den erst
16jährigen
Michael Romanow, dessen Vorfahren um 1280 aus Preußen eingewandert waren und
dessen Vater die höchste geistliche Instanz in Rußland war, auf den Zarenthron. Mit
dem Tode von Iwans des Schrecklichen Sohn Fjodor war das Haus der Rurikiden 1598
ausgestorben. Der junge Zar, der erste aus dem Hause Romanow, empfing am 19. August 1634
eine holsteinische Gesandtschaft unter Führung von Adam Olearius
(Ölschläger) im Kreml. Die Audienz wurde erleichtert durch den Leiter der
Dolmetscherabteilung, dem vielsprachigen Deutschen Hans Helms, der es am Zarenhofe zu
hohem Ansehen gebracht hatte. Der Reichtum und der Prunk des russischen Hofes waren
für die Deutschen sehr beeindruckend. Allein der von dem Nürnberger
Goldschmied
Zinckgräff gebaute Zarenthron stellte mit seinen 800 Pfund Silber, den goldenen Adlern
und vielen anderen kostbaren Verzierungen einen unermeßlichen Wert dar.
Olearius war im Herbst 1633 mit einer 34 Köpfe zählenden Expedition, finanziert
vom Herzog Friedrich III.
von Holstein-Gottorf, von der Schlei nach Moskau aufgebrochen. Vor dieser für die
späteren deutschrussischen Beziehungen bedeutungsvollen Reise hatte schon im
Frühjahr 1517 ein Mann namens Sigismund von Herberstain das fast in Vergessenheit
geratene, vom Westen weitgehend isolierte Rußland neu entdeckt. Herberstain sollte im
Auftrag von Kaiser Maximilian I. versuchen, den russischen Großfürsten als
Bundesgenossen gegen den gemeinsamen Feind, die von Süden Wien bedrohenden
Türken sowie die unberechenbaren Polen, zu gewinnen. Von seinen unter
ungewöhnlichen Strapazen gewonnenen Eindrücken rührt die erste
ausführliche Beschreibung Rußlands, seiner Geographie, Geschichte, seiner viele
Zungen sprechenden Völker, seines Rechtswesens und seiner
Verkehrsverhältnisse.
Olearius, der Sohn eines Schneiders aus Aschersleben, war Philosoph und Mathematiker. Seine
Gewissenhaftigkeit und Gründlichkeit befähigten ihn, ein reich illustriertes, 800
Seiten umfassendes Werk, eine russische Chronik von unschätzbarem Wert herzustellen.
Der intelligente, humanistisch gebildete Herzog Friedrich, der schon damals Pläne
für einen Nord-Ostsee-Kanal anfertigen ließ, hatte der Gesandtschaft den Auftrag
gegeben, Rußlands Verkehrswege und Klima, dazu Möglichkeiten für
Handelsverträge zu erkunden. Zur Gesandtschaft gehörten u.a. der Rechtsgelehrte
Philipp Kruse aus Eisleben, unter dem Namen Crusius bekannt, der Hamburger Kaufmann und
Wirtschaftsexperte Brughmann, ferner der Hofarzt des Herzogs Dr. Sybelist, dessen Ruf schon
bis
Moskau gedrungen war.
Ihre erste Station war Riga, das seit 1621 zu Schweden gehörte, obwohl nach wie vor eine
fast rein deutsche Stadt. Die Schweden waren von den Bürgern als förmliche
Befreier
begrüßt worden, nachdem die Polen während ihrer Besatzung nach
anfänglichem Versprechen der Religionsfreiheit mit brutalsten Mitteln versucht hatten,
den
lutherischen Glauben und die deutsche Kultur auszurotten.
Ihre nächste Station war Dorpat, die alte Bischofsstadt, wo an der schwedischen
Universität vorwiegend deutsche Professoren, Theologen, Philosophen und Mediziner
lehrten. Sie fanden zu ihrem Staunen, daß hier, nahe dem Peipus-See, noch plattdeutsch
gesprochen wurde wie daheim an der Kieler Förde. Auf dem Weg nach Nowgorod trafen
sie mehrfach deutsche Landsknechte, darunter auch deutsche Offiziere, die unter den Russen bei
der Abwehr der polnischen Invasoren gedient hatten.
Die Reise der Deutschen dauerte insgesamt sieben Jahre, während der sie alle russischen
Städte und Landschaften kennenlernten. Sie bauten sogar nach den Plänen des
Kapitäns Cordes einen eigens für die Wolga konstruierten flachen und breiten
Dreimaster, den sie nach ihrem Landesherrn Friedrich tauften. Großes Aufsehen erregten
sie, als sie, unbeeindruckt von den Geschichten über plündernde und mordende
Kosaken, bis nach Astrachan, zum Kaspischen Meer und nach Persien gelangten.
Olearius erhielt wegen seiner Kenntnisse und bewiesenen Tüchtigkeit das Angebot,
Hofastronom und Hofkartograph zu werden, ferner eine Sternwarte zu bauen, das Land zu
vermessen und ein entsprechendes Kartenwerk anzulegen. Gern hätte er diese Aufgabe
angenommen; doch angesichts der finsteren Borniertheit des Hofadels, dem alle
Naturwissenschaft Teufelswerk war und für den nur die Theologie als einzig Wahres galt,
mußte er ablehnen. Die Gefahr war zu groß, eines Tages als Zauberer verbrannt,
gepfählt oder vergiftet zu werden.
.
Teil 7: Rußland wendet sich
nach Westen
eter I., durch Albert Lortzing in allen westlichen Kulturländern
volkstümlich gemacht, war nicht gerade der Mann, wie er sich mit der sentimentalen Arie
im "Zar und Zimmermann" darstellt. Mit ihm beginnt vielmehr eine erneute, sorgfältig
geplante und stete machtvolle Ausdehnung des russischen Reiches nach mehreren Richtungen,
vornehmlich aber an die eisfreien Häfen der Ostsee.
Peter, später nicht nur wegen seines riesenhaften Körpers der Große genannt,
wurde Rußlands bedeutendster Herrscher. Er war der erste Russe, der sich vorwiegend als
Europäer fühlte. Seine junge und schöne Mutter war des Zaren zweite Frau,
aus niederem Adel und daher von den führenden Moskauer Fürstenhäusern
verachtet. Hinzu kam ihre von ihrem Pflegevater übernommene Neigung zu westlicher
Kultur. Sie las nicht nur Bücher, was allein schon verdächtig war, sie übte
zusammen mit dem Pastor Gregori von der deutschen lutherischen Gemeinde
Theaterstücke
in deutscher Sprache ein. Und die Musikanten, die bei ihren Aufführungen aufspielten,
hatte ihr Mann eigens aus den deutschen Städten Kurlands holen lassen.
Nach der grauenvollen Ermordung seiner Mutter wurde Peter zusammen mit seinem
schwachsinnigen Halbbruder zum Zaren gekrönt. Die Regentschaft der beiden Kinder
übernahm ihre Schwester Sophia, in Wahrheit jedoch deren "Sklave" und Geliebter, der
Fürst Golizyn. Auch Sophia hatte es durchgesetzt, sich mit westlicher Kultur zu umgeben.
Ihre Mahlzeiten wurden von Tafelmusik begleitet, wie an den Höfen von Dresden oder
Berlin üblich. So ließ die emanzipierte Sophia auch Peter gewähren, wenn er
in
der Njemezkaja Sloboda, für ihn Abbild der großen Welt, in der die Mehrzahl der
etwa 18.000 in Rußland lebenden Deutschen wohnte, daran ging, Kontakt mit dort
wohnenden Menschen aus ganz Europa zu suchen: Künstler, Gelehrte, Ärzte und
Apotheker, Handwerker und Handeltreibende. Der deutsche Arzt Dr. Laurentius Blumentrost
sowie dessen Söhne, alle in Deutschland studiert, weil es in Rußland keine
Universität gab, regten zeitlebens sein Interesse an der Medizin an. Einen der
Söhne
machte er später zu seinem Leibarzt.
In einem abseits von Moskau gelegenen kleinen Dörfchen, Preobraschenskoje, fern von
den
Intrigencliquen des Kreml, baute der junge Peter sich seine eigene Welt auf: mit aus der
deutschen
Njemezkaja Sloboda entlehnten Freunden und Kameraden, von denen er, vielbelächelt,
einen Teil als ein "Kinderregiment" zusammenstellte, mit Kartographen und Ingenieuren,
Brückenbauern, Sprengmeistern, Artilleristen, Taktiklehrern und Fechtmeistern.
Sophia hatte lange Peters Treiben mit nachsichtigem Lächeln beobachtet und ihn
für
ebenso harmlos gehalten wie seinen Halbbruder. Doch eines Tages gingen ihr die Augen auf,
und
sie beschloß, ihn mit Hilfe ihr ergebener Strelitzen zu liquidieren. Zu seinem Glück
wurde Peter gewarnt und konnte im Nachthemd entfliehen. Nach seinem sofortigen
Gegenschlag,
bei dem immer mehr Strelitzen zu ihm überliefen, ließ er seine Halbschwester
festnehmen, kahlscheren und in ein Kloster sperren. Ihre Strelitzen aber ließ er an einem
Baum unter Sophias Fenster aufhängen.
Peters Regierungsprogramm wies drei Hauptziele auf: Eine gründliche Reform des Staates
im Innern, einen breitbandigen Zugang nach Süden zum Asowschen und Schwarzen Meer,
und vor allem den Durchbruch zu den für seine Verbindungen nach Europa wichtigen
Häfen der Ostsee. Die Eroberung Asows erfolgte zu Beginn seiner Regierungszeit. Damit
hatte er mit 23 Jahren sein erstes Ziel erreicht. Bevor er jedoch seine weiteren Pläne in
Angriff nahm, ging der
stets unternehmungs- und wissensdurstige Peter auf eine große Lehrreise in alle
bedeutenden Länder Europas.
Unter dem bescheidenen Namen Peter Michailow suchte er zuerst die deutschen, jetzt zu
Schweden gehörenden Städte in Livland und Kurland auf. In Berlin traf er durch
Vermittlung der Kurfürstin Sophie Charlotte mit dem Universalgenie Leibniz und mit
dem
berühmten preußischen Architekten Andreas Schlüter zusammen, dem
Erbauer
des Berliner Schlosses und des Denkmals des Großen Kurfürsten. Von Leibniz, mit
dem er sich bei einer zweiten Reise jeden Nachmittag in Bad Pyrmont unterhielt, holte er sich
Anregungen für die Schaffung eines modernen Staatswesens. Leibniz wurde
darüber
hinaus der geistige Vater der späteren Petersburger Akademie der Wissenschaften.
Schlüter wurde später von ihm für die Baupläne von Petersburg
angeworben, starb jedoch schon ein Jahr nach seiner Ankunft in der neuen Stadt. Nach dem
Besuch der Niederlande und Englands kam Peter über Dresden nach Wien. Dort erreichte
ihn allerdings die Nachricht von einem Putsch der Strelitzen.
Am 4. September 1698 wieder in Moskau, wo ihm getreue Männer den Aufstand schon
niedergeschlagen hatten, übte er grausame Rache. Wiederum vor Sophias Klosterfenster
ließ er Galgen errichten, an denen er 130 der Verschwörer aufhängen
ließ, wobei er mehreren Strelitzen eigenhändig den Kopf abschlug. Die
Strelitzenregimenter wurden aufgelöst und eine völlig neue Armee von ihm
geschaffen unter der Leitung von 900 ausländischen Offizieren, in erster Linie
Deutschen.
Nachdem Peter damit die volle Kontrolle über sein Land erreicht hatte, konnte er es
wagen,
einige seiner eigenen Vorstellungen zu verwirklichen. Neben einer neuen, mehr westlichen
Kleiderordnung verbot er sogar die langen Bärte, ohne die bis dahin ein echter Russe
undenkbar war. Frauen durften nicht länger als Lustobjekt ihres Mannes im Terem
eingesperrt bleiben. Neben mehr persönlichen Schrullen wie etwa seine Vorliebe, Leuten
mit geschwollener Backe ihre Zähne zu ziehen oder Widerstrebenden den Bart
abzuschneiden, ging er mit großer Energie an die Reform der russischen Verwaltung,
wobei
er unfähige oder korrupte Beamte kurzerhand nach Sibirien verbannte.
Seine kulturellen Errungenschaften bestanden in der Gründung des ersten
öffentlichen Theaters in Moskau und im Ankauf und der russischen Übersetzung
von
wissenschaftlichen, philosophischen und schöngeistigen Büchern aus den
Ländern Mitteleuropas. Für eine fürstliche Gage holte er den deutschen
Theaterdirektor Johannes Kunst aus Danzig an den Kreml und ließ ihn gleich seine
Schauspieler und Musikanten als Grundstock für das Moskauer Ensemble mitbringen.
Dort
wurden zuerst die deutschen Komödien und Singspiele aufgeführt, oder auch aus
anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt.
Da Moskau für ihn sozusagen Symbol russischer Rückständigkeit war und
neben geheiligten Traditionen auch Korruption, Cliquenwirtschaft, Intrigantentum, Faulheit und
Bestechlichkeit bedeutete, ging sein Bestreben dahin, eine völlig neue Stadt nach seinen
Vorstellungen zu schaffen, weltoffen und zugleich Vekehrsknotenpunkt zwischen dem Meer und
dem großen russischen Flußsystem: Sankt Petersburg, nach ihm benannt! Das
Problem war, daß er dieses Gebiet noch gar nicht besaß. Das Baltikum war seit dem
30jährigen Krieg in schwedischer Hand. Während das Deutsche Reich durch diesen
Krieg weitgehend zerstört und entkräftet war, über die Hälfte seiner
Bevölkerung verloren hatte und machtlos am Boden lag, hatte Schweden ohne die
geringsten Zerstörungen seinen Machtraum entlang der Ostsee um ein bedeutendes
erweitert.
In einem dann 21 Jahre dauernden Krieg gelang es Peter, im Bündnis mit Polen und
Dänemark die Schweden zu besiegen. Die Deutschen, denen das Land an der Ostsee einst
gehört hatte, waren nach dem durch den deutschen Partikularismus bedingten Untergang
von Orden und Hanse gezwungen, auf schwedischer Seite gegen die Russen zu kämpfen,
in
deren Reihen ebenfalls Deutsche standen! Zwei Drittel aller schwedischen Offiziere waren
Deutsche noch aus den alten Familien der Ordensritter. Jeder dritte von ihnen ist gefallen!
Die Russen hatten zunächst Narwa, Dorpat und Marienburg erobert. Erst 1710 fielen auch
Riga und Reval. Peter wußte jedoch um die Bedeutung
dieser deutsch-baltischen Städte. Er gab den Gutsbesitzern ihr Land zurück und
bestätigte die früheren Privilegien der Bürger sowie ihre städtische
Selbstverwaltung und
die evangelisch-lutherische Landeskirche. Während die Deutschen hier die oberen
Stände ausmachten, bestand die breite Landbevölkerung vorwiegend aus Esten,
Letten und Litauern. Rußlands spätere Kaiserin, Katharina I., die damals noch
Martha hieß, entstammte diesen Kreisen. Sie wuchs als Hausmädchen bei dem
Pastor
Ernst Glück in Marienburg auf, wo sie wie alle Einwohner der von Deutschen
gegründeten Stadt deutsch sprach.
Als die Russen 1702 diese Stadt eingenommen und reiche Beute gemacht hatten, dann die Stadt
niederbrannten, war auch Pastor Glück mit seiner Familie in einer Herde von
Flüchtlingen nach Rußland vertrieben worden. Nur Martha, die schon früh
neben einem gefälligen Wesen über besondere körperliche Reize
verfügte, wurde im Lager des russischen Heerführers, des steinreichen Generals
Scheremetjew, zurückbehalten. Doch als der noch mächtigere Fürst
Menschikow Martha bei einem Besuch im Lager des Generals entdeckte, sah dieser sich
genötigt, sie an den Fürsten abzutreten. Und als Peter sie bei einem Besuch
erblickte
und gleich für sie entflammt war, blieb auch dem Fürsten keine andere Wahl, als
sie
dem Zaren zu überlassen. Zu Peters Entzücken zeichnete sich Martha, wohl von
Menschikow angelernt, nebenbei durch besondere Trinkfestigkeit aus. Und bald hatte er keine
Bedenken mehr, auch öffentlich mit seiner geliebten Mätresse aufzutreten.
Zur Besänftigung des russischen Volkes und der Geistlichkeit ließ Peter die
katholisch getaufte, dann evangelisch konfirmierte
Martha russisch-orthodox neu taufen. Obwohl sie ihr Leben lang, auch später als Zarin nie
ihren deutschen Akzent verlor, war Martha nun als echte Russin eingestuft mit dem neuen
Namen
Katharina Alexejewna. Ungewohnt unter den arglistigen Cliquen am Hofe, war einer der
Grundzüge Katharinas, daß sie gegenüber Menschen, die ihr Gutes getan
hatten, nie das Gefühl der Dankbarkeit verlor. Sie ließ sobald wie möglich
die
Familie von Pastor Glück, die in Marienburg alles verloren hatte, nach Moskau holen. Der
hochgebildete Pastor erhielt den Auftrag, ein Volksbildungswerk aufzubauen und Bücher
aus etlichen Sprachen ins Russische zu übersetzen. Auch für seinen Sohn und seine
Tochter sorgte sie. Der Sohn wurde Kammerherr im Finanzministerium, und die Tochter wurde
von ihr als ihre Hofdame mit einem angesehenen Admiral verheiratet. Peter lebte mit Katharina
zehn Jahre zusammen, bevor er sie heiratete. Es dauerte 20 Jahre, bis sie den Thron als
Katharina
I. besteigen sollte. Sie gebar Peter insgesamt acht Kinder, teils vor, teils nach der Hochzeit. Nur
zwei überlebten: Anna, die später Herzogin von Holstein wurde, und Elisabeth, die
spätere Zarin Elisabeth I.
Es konnte nicht ausbleiben, daß Katharina wegen ihrer schönen, üppigen
Figur
auch die Aufmerksamkeit anderer Männer am Hofe erweckte. Im November 1724 wurde
sie von Peter in einer peinlichen Situation mit einem Hofbeamten ertappt; Wilhelm Mons
hieß der Unglückliche. Peters Rache war furchtbar. Mons erduldete nach seiner
Kerkerhaft die Folter, ohne ein belastendes Wort gegen die Kaiserin zu verlieren. Peter zwang
Katharina, während seiner Enthauptung dicht neben ihm zu stehen. Als sie am Abend
schlafen gehen wollte, entdeckte sie bei Kerzenlicht zu ihrem Entsetzen den in Spiritus in einem
Glasbehälter konservierten Kopf ihres Liebhabers. Erst nach Wochen erlaubte Peter ihr
auf
ihr flehentliches Bitten, den Kopf von Wilhelm Mons in die neugegründete Akademie der
Wissenschaften holen zu lassen, wo er noch lange Zeit ausgestellt blieb.
 
Deutsche helfen Rußland bauen
Der Beitrag der Deutschen in der Geschichte Rußlands
|