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Bd. 2: Der deutsche Landkrieg, Zweiter Teil:
Vom Frühjahr 1915 bis zum Winter 1916/1917

Kapitel 4: Die große Offensive 1915 im Osten   (Forts.)
Generalleutnant Max Schwarte

[178] 5. Die Offensive über den Narew.

Der Durchbruch bei Przasnysz.

Die Abmachungen zwischen den Obersten Heeresleitungen nach der Eroberung von Lemberg hatten zu dem Entschluß geführt, die so erfolgreich begonnene Operation in ihren Zielen noch einmal auszuweiten. Feldmarschall v. Mackensen erhielt Befehl, nordwärts schwenkend gegen die in Polen stehenden starken russischen Heere den Angriff fortzusetzen. - Die weiteren Erwägungen, in welcher Weise die Offensive allgemein auf die ganzen Fronten ausgedehnt werden sollte, war durch die Entscheidung Kaiser Wilhelms in Posen am 2. Juli gefallen - nicht im Sinne der das volle Endziel durch ein Vorgehen auf Wilna suchenden Absicht von Hindenburg-Ludendorff, sondern im Sinne des näher anzusetzenden und zur Unterstützung Mackensens schneller wirkenden Angriffs der 12. Armee des Generals v. Gallwitz. Bestimmend für diese Entscheidung war vor allem die Beschränktheit der Kräfte, die für den beabsichtigten Stoß bereitgestellt werden konnten. Je geringer diese Kräfte, desto enger mußten natürlich auch die Ziele gehalten, desto näher auch der örtliche Zusammenhang der Operationen gefaßt werden. Kaiser Wilhelm schloß sich der Ansicht des Generalstabschefs an. General der Artillerie v. Gallwitz erhielt den Befehl zum Angriff gegen die russische Front am unteren Narew durch Vorgehen beiderseits von Przasnysz.

Auch diese Aufgabe war schwer. Die verfügbaren Kräfte mußten, selbst bei stärkster Entblößung der übrigen Frontstellen, beschränkt bleiben. Zahlenmäßig überlegene, gute, zähe russische Truppen standen auf der ausgewählten Front in tiefen, mehrfachen Stellungen bereit. Und waren diese durchbrochen, so stellte sich den deutschen Truppen ein außerordentlich schwieriger, durch ständige und feldmäßige Befestigungen verteidigter Flußabschnitt entgegen, der den Russen die beste Gelegenheit zu erneutem, energischem Widerstand bot, um so mehr, als die westliche Flanke durch Warschau und Nowo Georgiewsk, die rechte (je nach der Breite des deutschen Angriffs) durch einen der russischen Brückenköpfe am Narew auf das beste gesichert waren.

Wieder mußten die deutschen Entschlüsse auf die Überlegenheit der oberen und unteren Führung, der deutschen Ausbildung und den unerschütterlichen Siegeswillen der deutschen Soldaten vertrauen, - und zwar der Soldaten aller Waffen und aller Lebensalter. Denn aus aktiven und Reserve-Divisionen die für den Angriff erforderlichen Kräfte zusammenzubringen, war der Obersten Heeresleitung nicht möglich; sie mußte alles heranziehen, was soldatisch ausgebildet verfügbar war, gleichgültig, ob es Landwehr-, Landsturm-, Ersatzverbände oder Freiwilligenformationen waren. Schon im Sommer und Herbst 1914 hatten Hindenburg und Ludendorff zur Befreiung Ostpreußens aus den preußischen Festungen Verbände herausholen und neben den Linientruppen [179] einsetzen müssen, die nach Alter und Körperkraft nicht zur Verwendung im freien Felde vorgesehen waren. Der unerbittliche Kriegszwang hatte alle in dieser Hinsicht bestehenden gesetzlichen Bestimmungen über den Haufen geworfen; aber kein alter Landstürmer hatte gegen diese ungesetzliche Art des Einsatzes räsoniert: im Gegenteil waren sie stolz zu zeigen, daß auch Altersjahre den Kampfwillen nicht brechen können; und kein Volksvertreter hatte gegen diese Übertretung des Gesetzes in der Stunde und unter dem Druck der Not aufbegehrt. Die nach vorn geholten Besatzungen der Ostfestungen hatten ihren Standort nicht wiedergesehen; sie waren zum zweitenmal aufgestellt und abermals herausgezogen worden.

Jetzt mußte auf die dritten Besatzungen, also noch ältere Jahrgänge, gegriffen werden; und willig nahmen auch diese Strapazen und Kampfesaufgaben auf sich, an die sie vor dem Kriege kaum zu denken gewagt hatten. Das gegenseitige absolute Vertrauen sollte auch in diesen schweren Tagen auf eine harte Probe gestellt werden - und sie glänzend bestehen.

An festen Verbänden wurden der Armee Gallwitz unterstellt:

  • I. Armeekorps (General der Infanterie v. Eben) mit der 2. und 37. Infanterie-Division,
  • XIII. Armeekorps (Generalleutnant Freiherr v. Watter) mit der 26., 3. und der 4. Garde-Infanterie-Division,
  • XVII. Armeekorps (General der Infanterie v. Pannewitz) mit der 1. Garde-Reserve- und 36. Infanterie-Division,
  • XI. Armeekorps (General der Infanterie v. Plüskow) mit der 38. und 86. Infanterie-Division,
  • XVII. Reservekorps (Generalleutnant Surén) mit der 14. und 85. Landwehr-Division,
  • Korps Dickhuth, zusammengestellt aus Abgaben von Festungsbesatzungen usw. als Detachement Plantier, verstärkte 21. Landwehr-Brigade, Brigade Griepenkerl, Abschnitt Stamford.

Ferner traten hinzu: 35. Infanterie-Division und Brigade Pfeil - diese beiden als Armeereserve - und später die 83. und 54. Infanterie-, 50. Reserve-Division und das Detachement Menges.

Die Verstärkungen, die das Oberkommando Ost dem General v. Gallwitz zur Verfügung stellte, mußte es vor allem der vor Warschau liegenden 9. und der östlich an 12. Armee anschließenden 8. Armee entnehmen. Überdies erhielt der Führer der letzteren, General der Artillerie v. Scholtz, den Befehl, eine Stoßgruppe aus seinen eigenen Verbänden auf seinem rechten Flügel bereitzustellen, um sich später dem Vorgehen von Gallwitz anzuschließen. Auch diese, anscheinend so einfache Maßregeln trugen eine schwere Verantwortung des Oberkommandos in sich. Die Kampflinien waren auf der ganzen ihm unterstehenden Front nur sehr schwach besetzt; das Herausziehen jener Verbände bedeutete eine Schwächung, die nur ertragen werden konnte im Vertrauen auf die Truppe und auf einen [180] schnellen Erfolg; der letztere vor allem mußte sich in einer starken Entlastung der Nachbararmeen auswirken.

Durchbruch bei Przasnysz

[180]
      Skizze 5: Durchbruch bei Przasnysz.
Aber selbst innerhalb seines eigenen Frontabschnitts mußte General v. Gallwitz seine Kräfte ungleich gliedern, um für den schwierigen Durchstoß die notwendige Stoßmasse zusammenzufassen. Er wählte für den Durchbruch den Raum zwischen der Bahn Mlawa - Ciechanow und dem Orzyc und bestimmte dazu (von rechts nach links) das XI., XVII. und XIII. Armeekorps. Rechts bis zur Weichsel deckten XVII. Reservekorps und Korps Dickhuth, links bis zum Anschluß an die 8. Armee I. Armeekorps. Doch schied er sich aus den beiden Divisionen des letzteren einen besonderen Schutz seines linken Flügels aus durch eine zusammengesetzte Division Falk und als eigene Reserve die 35. Infanterie-Division und die aus Abgaben des XVII. Reservekorps und des Korps Dickhuth zusammengestellte schwache Brigade v. Pfeil. Landsturmtruppen mußten innerhalb der so geschwächten Verbände zur Verstärkung eingeschoben werden. - Das Angriffsgelände war den Truppen nicht unbekannt; sie hatten es im Angriff und im Zurückgehen vor Überlegenheit wiederholt durchschritten; besonders um die Stadt Przasnysz war schon erbittert gekämpft worden. Jetzt mußte aber mit besonders zähem Widerstand gerechnet werden, da die Russen mit der ihnen eigenen Geschicklichkeit das ganze Gelände durch mehrere Reihen durchlaufender, [181] stark ausgebauter, verdrahteter Stellungen zum Kampfe verstärkt hatten. Nach den Fliegererkundungen hoben sich zwei große Stellungssysteme ab, die - von der Weichsel ausgehend - von Krosnice über Grudusk - Mchowo nach Jednorozec und von Ciechanow über Przedwojewo - Zielona - Bogate - Ploniawy - Krasnosielc nach Grabowo liefen. Jede dieser Stellungen bestand aus mehreren Linien hintereinander; und zwischen beiden bildete der fast zu einer Festung ausgebaute Ort Przasnysz den Mittelpunkt für Zwischen- und Riegelstellungen, die sich nach Lysakowo, Ciechanow und Dronzdzewo erstreckten.

Besonders erschwerend für den Angriff, der von Linie zu Linie, von Stellung zu Stellung den Einsatz von schwerer Artillerie erforderte, war der Mangel an guten Straßen. Die Bahn Mlawa - Ciechanow kam vorerst nicht in Betracht; die einzig brauchbaren Straßen Mlawa - Przasnysz - Rozan und Ciechanow - Pultusk liefen nicht in der Vormarschrichtung; alle anderen Wege waren solche russischen Typs, d. h. einfache Landwege, ohne Kunstbauten usw., die bei dem sandigen Boden von den Truppen außerordentliche Strapazen verlangten und trotzdem nur ein langsames Vorwärtskommen gestatteten.

Die russische Führung rechnete mit einem ernsthaften Angriff nicht oder verließ sich auf die zweifellos große Stärke der Stellungen. Jedenfalls schob sie noch wenige Tage vor Beginn des Angriffs erhebliche Teile der hier stehenden Truppen nach Süden, wo ihr der neue Angriff Mackensens anscheinend große Sorge bereitete. - Als der Angriff von Gallwitz begann, standen in dem Angriffsabschnitt anscheinend nur die 11., 1. und 2. sibirische Division - erstklassige Truppen, aber der Stoßmasse gegenüber an Zahl unterlegen.

Die vorbereitenden Befehle für den Angriff erließ General v. Gallwitz vom 5. Juli ab; die notwendige Umgruppierung der Truppen erfolgte in der folgenden Woche; für den 13. Juli ordnete er den Beginn des Durchbruchs an. - Die aus den früheren Kämpfen bekannte Stärke von Przasnysz und der erneute Ausbau ließen erwarten, daß um diesen starken Stützpunkt besonders hartnäckige und verlustreiche Kämpfe entbrennen würden. Das führte den Oberbefehlshaber zu dem Entschluß, einen direkten Angriff dort zu vermeiden, vielmehr mit zwei starken Kampfgruppen östlich und westlich der Stadt die russische Stellung zu durchbrechen. Gelang dies, so mußte der von beiden Seiten umfaßte und im Rücken bedrohte Ort erheblich leichter genommen werden. Zur Angriffsgruppe rechts wurden das XI. und XVII. Armeekorps im Gefechtsstreifen Mlawa - Lysakowo - Opinogora und Krzynowloga Mala - Mchowo - Bogate bestimmt, während daran anschließend das XIII. Armeekorps bis zum Orzyc angreifen sollte. In beiden Gruppen sollten zum Stoß starke Massen auf engem Raum vorbrechen, demnächst die anstoßenden Fronten mit schwächeren Kräften sich deren Vorschreiten anschließen. Im rechten (westlichen) Angriffsraum sollte das XI. Armeekorps frontal gegen Grudusk - Pawlowo Koscielne angreifen, während das XII. Armeekorps, um die genannte Front zu umfassen, [182] auf Zberoz - Olszewiec angesetzt wurde; im linken Angriffsraum konzentrierte das XIII. Armeekorps seine Stoßtruppen gegen die Front Osowiec Szlachecki - Jednorozec. Der Angriffsbefehl bestimmte für den Fall des Gelingens sofort die weiteren Ziele für die durchgebrochenen Truppen. - Um die in dem nicht ernstlich anzugreifenden Przasnysz stehenden starken russischen Kräfte zu fesseln, erhielten die inneren Flügel der Korps XVII und XIII Weisung, frontal von Norden gegen die starke Stellung vorgehend mit sofortigem Angriff zu drohen. Immerhin erschien das nicht genügend, um die hinter den nicht angegriffenen Fronten - vor allem bei Przasnysz - stehenden schweren russischen Batterien von einem Eingreifen in die Entscheidung abzuhalten. Deshalb wurden eine Anzahl schwerer und schwerster deutscher Batterien - weittragendes Flachfeuer - bestimmt, um diese Batterien niederzuhalten.

Ob die Russen die Entscheidung annahmen oder sich ihr entziehen würden, war nicht vorauszusehen. Auch die große Stärke der von ihnen angelegten Befestigungen hatte die russische Führung nie davon abgehalten, sie nach kurzem oder ohne Kampf aufzugeben, wenn es ihren Absichten entsprach. Sie handelte und fühlte sich darin freier als die deutschen Führer; und der russische Soldat war so erzogen, daß er ohne Murren Arbeiten aufgab, zu denen viel Zeit und Arbeit erforderlich waren. Und die ganzen Verhältnisse - jetzt lag der Narew mit nicht allzu vielen Brücken dicht hinter der feindlichen Front; bei einem Zurückgehen hätte man in ihm ein außerordentlich schwer zu überwindendes Hindernis vor der Kampffront gewonnen - ließen einen solchen Entschluß als sehr wohl möglich erscheinen. Für diesen Fall hatte General v. Gallwitz sofortige, energische Verfolgung befohlen, die das XI. und XVII. Armeekorps vor die West- und Nordfront von Pultusk, das XIII. Armeekorps gegen Rozan (beides befestigte Stromsperren) führen sollte.

Die russische Führung sah aus den bisherigen Niederlagen in Galizien keine Veranlassung, den nach Westen vorspringenden Frontbogen als gefährdet zu erkennen. Mackensens Vormarsch in nördlicher Richtung mußte die russische Südfront zwischen Bug und Weichsel zunächst einmal erfolgreich angreifen, bevor Großfürst Nikolai Nikolajewitsch an einen solchen schwerwiegenden Entschluß auch nur denken mochte. An einen Angriff gegen den Narew glaubte, wie die Abtransporte zeigten, auch er anscheinend nicht.

Der Angriff des Generals v. Gallwitz war der zweite Durchbruch großen Stils, den die Oberste Heeresleitung anordnete. Er war vielleicht noch schwieriger als Mackensens Durchbruch bei Gorlice. Dort war allerdings stark bergiges Gelände, dafür hier ein bis vor kurzem als fast unpassierbar angesehenes Fluß- und Sumpfgelände zu durchschreiten; und Gorlice hatte bei den Russen dahin gewirkt, daß ihre Kampfanlagen einen erheblich stärkeren Ausbau erhalten hatten. Mehr noch als bei Gorlice war deshalb eine systematische Niederkämpfung der russischen Stellung eine Vorbedingung für das Gelingen.

[183] Diese vorbereitende Arbeit, planvoll überlegt, war bis zum 12. Juli abends vom Gegner unerkannt durchgeführt. Täuschungsmaßnahmen, energische Erkundungsvorstöße, Feuerüberfälle, die von den nicht zum Angriff bestimmten Frontstrecken am 12. Juli erfolgten, machten die Russen um diese Räume besorgt und lenkten die Aufmerksamkeit von dem Einschießen der deutschen Batterien ab.

Feldmarschall Hindenburg wollte in diesen entscheidenden Tagen in der Nähe seiner angreifenden Armee sein; er traf am 12. Juli in Willenberg, dem Gallwitzschen Hauptquartier, ein. Allerdings hatte dieser mit seinem engsten Stabe sich weiter vorwärts eine Befehlsstelle geschaffen. - Die Nacht vom 12. zum 13. Juli verlief ruhig - nach dem lebhafteren Vortage sogar ruhiger als sonst. Selbst das Vorgehen der Angriffsinfanterie in die Ausgangsstellungen, das Freimachen der Sturmwege durch die Pioniere und das Bereitlegen des zahlreichen Sturmgeräts war den Russen entgangen. So traf sie der Beginn des Feuers unerwartet.

Um 3 Uhr 45 Minuten früh eröffneten - außer der gesamten Artillerie der Korps - etwa 60 schwere Batterien gleichzeitig das Feuer gegen die feindlichen Kampfstellungen, die Batterien, die Unterkünfte und die von dort zur Front führenden Wege.

Ein um 5½ Uhr einfallender Nebel ließ zeitweise das Artilleriefeuer langsamer werden; aber er begünstigte die Infanterie und Pioniere bei ihren letzten Vorbereitungen.

Bald steigerte sich auch das Artilleriefeuer wieder zu stärkster Wirkung, bis zwischen 8 und 9 Uhr zu verschiedenen Zeiten die Korps zum Angriff schritten. Während des vierstündigen Artilleriefeuers hatten die Russen, völlig überrascht, keine ausreichenden Abwehrmaßregeln treffen können. Die Graben- und Ortsbesatzungen leisteten, wie immer, tapferen Widerstand, der aber dem ungestümen Angriff der Deutschen erliegen mußte.

Die auf dem rechten Flügel kämpfende 38. Infanterie-Division erstürmte Grudusk; die links neben ihr angreifende 86. Infanterie-Division die Gräben vorwärts Kosmowo, ohne jedoch sofort auch den zäh verteidigten Ort selbst nehmen zu können. Auch die 1. Garde-Reserve-Division konnte in schnellem Ansturm die feindliche starke Stellung zwischen Pawlowo Koscielne und Wengra, die 33. Infanterie-Division die daran nach Osten sich anschließenden Kampfanlagen in Besitz nehmen. Fünf Minuten nach Beginn des Vorgehens waren die von den Gräben gekrönten Höhen in deutscher Hand; ungestüm drängten die Truppen sofort dem weichenden Gegner nach. Der hinter der feindlichen Front entlang fließende Wengierka-Bach gab den Russen die Möglichkeit eines vorübergehenden neuen Widerstandes. Aber die Stoßrichtung des XVII. Armeekorps mußte bei weiterem Fortschreiten den vor der 86. Infanterie-Division noch haltenden Kräften verderblich werden. Die Besatzungen von Pawlowo Koscielne und des südöstlich davon gelegenen Zberoz wurden [184] unsicher - beide Orte fielen jetzt schnell in die Hände der erneut angreifenden 86. Infanterie-Division.

Die Flankenbedrohung wirkt weiter. Die zweite Linie der Russen, die in dem Nordrande eines größeren Waldkomplexes südlich der ersten Linie ausgebaut war, schien gegenüber dem über die Wengierka vordrückenden Gegner nicht mehr sicher. Als die Divisionen des XI. Armeekorps nach kurzer Artillerievorbereitung wieder angriffen, gingen die Russen fluchtartig in südlicher Richtung auf die dritte Linie Lysakowo - Pszczolki Gorne - Dzielkin zurück. Da der Gegner weiter südwestlich die nicht angegriffene erste Linie hielt, mußte das weitere Vorgehen des XI. Armeekorps in der rechten Flanke gesichert werden; dazu wurde die Brigade Pfeil bestimmt. Das XI. Armeekorps schob sich, die dazwischen liegenden Ortschaften unter leichten Gefechten besetzend, gegen die dritte russische Linie vor.

Weiter östlich nahmen die Verbände des XVII. Armeekorps jetzt die Front nach Süden und setzten sich, etwa in gleicher Höhe mit dem XI. Armeekorps, vor der dritten Linie Choinowo - Obromb fest. Dazu stellte das Oberkommando die bisher als Reserve zurückgehaltene 35. Infanterie-Division zur Verfügung, die sich links neben die 1. Garde-Infanterie-Division schob. Die vor der Nordfront des Stützpunktes Przasnysz hinhaltend kämpfende 36. Infanterie-Division durchschritt, als die erste feindliche Linie rechts und links genommen war, gleichfalls die vor ihr liegenden Gräben und nahm die Orte Mirow und Mchowo fest in die Hand. Sie hielt über Mchowo Fühlung mit der an der Murawka entlang angreifenden 26. Infanterie-Division des XIII. Armeekorps.

Auch dieses Korps setzte sich kurz vor 9 Uhr zum Angriff in Bewegung; und auch hier fiel die erste Linie zwischen Osowiec Szlachecki und Jednorozec sofort; 26. und 3. Infanterie- sowie 4. Garde-Infanterie-Division drangen gleichzeitig in die zäh verteidigten und durch das Gelände starken Stellungen ein. Der geworfene Feind setzte sich erneut zum zähen Widerstande in der zweiten Linie südwestlich Oborki und in den Ortschaften und Waldstücken der Zwischenzone; gleichzeitig setzte er aus Gegend nördlich Dronzdzewo zu energischem Gegenangriff auf Jednorozec an. Dort wurde noch heftig um die stark ausgebaute Höhe dicht südwestlich des Orts gerungen. Die Garde konnte nur mühsam die heftigen Angriffe abweisen und zunächst an ein Vortragen des Angriffs nicht denken. Um aber auch hier einen erneuten Impuls zu geben, setzte der Kommandierende General die ihm zur Sicherung des linken Flügels zugeteilte Division Falk (s. S. 180) zwischen Jednorozec und dem Orzyc zum Angriff ein.

Die Umgruppierung und das Zusammenschieben der 4. Garde-Infanterie-Division erforderten Zeit, so daß erst in den frühen Nachmittagsstunden der Angriff erneut vorgetragen werden konnte. Die Russen waren durch die außerordentlich schweren Verluste bei ihren vergeblichen Gegenstößen stark erschüttert, so daß sie den neuen deutschen Angriff nicht auf die Dauer aufhalten konnten. [185] Unter Kämpfen, die sich bis in die Nacht erstreckten, gingen sie in den Waldungen südlich Jednorozec langsam in Richtung Dronzdzewo zurück. - Der rechte Flügel des XIII. Armeekorps konnte unterdes größere Fortschritte machen; auch feindliche, anscheinend von Przasnysz ausgehende Gegenangriffe vermochten das Vorgehen nicht zu verhindern. In den Mittagsstunden fiel die feindliche zweite Stellung südwestlich Oborki, in den Nachmittagsstunden Przejmy und Lipa in deutsche Gewalt. Dagegen erwies sich der vom Generalkommando befohlene Versuch, auch die dritte Linie Bartniki - Krempa und östlich anzugreifen, angesichts des starken Ausbaus und der mangelnden Artillerievorbereitung als nicht mehr durchführbar.

Bei der westlichen Kampfgruppe gelang dieser Versuch. Nachdem von 5 Uhr ab vorbereitendes Artilleriefeuer den vorspringenden Winkel der dritten Linie bei Pszczolki Gorne unter umfassendes Feuer genommen hatte, schritt um 7 Uhr abends die 38. Division noch einmal zum Angriff, der nach einstündigem blutigen Ringen auch diese dritte Linie durchbrach; frische Reserven stießen sogar darüber hinaus in südlicher Richtung vor. Auch das XVII. Armeekorps setzte noch einmal zum Sturm an; nach Einbruch der Dunkelheit hatte es die Stellung beiderseits Choinowo fest in der Hand. Jenseits der Wengierka konnte der linke Flügel der 35. Division noch Boden gewinnen und sich der Gräben nördlich Obromb bemächtigen. Der Gegner wich fluchtartig auf Przasnysz und die Gräben der zweiten Stellung zurück.

Der Kampftag erbrachte einen vollen Erfolg. Westlich des starken Stützpunktes Przasnysz war bis dicht an Lysakowo heran die ganze erste russische Stellung in deutscher Hand; östlich von Przasnysz lagen die Truppen des XIII. Korps unmittelbar vor der dritten (letzten) Linie der ersten Stellung - alles bereit, am folgenden Morgen den Angriff fortzusetzen. Tausende von Gefangenen und erhebliche Beute waren Siegeszeichen des Tages.

Selbst das rechts anschließende XVII. Reservekorps hatte, obschon außerhalb des Angriffsfeldes, sich nicht abwartend verhalten wollen; sein Angriff erzielte einen mehrere Kilometer breiten Einbruch in die erste russische Stellung. - Konnte am folgenden Tage der Angriff beiderseits Przasnysz erfolgreich weitergeführt werden, so mußte das zum Abschnüren des Stützpunktes führen.

Das XI. Armeekorps wartete den folgenden Morgen aber gar nicht ab. Beide Divisionen drängten auch in der Nacht weiter vor. Prywilcz fiel in die Hand der 38., Dzielin in die der 86. Division. Der rücksichtslose Angriff und das energische Nachdrängen sollte aber einen weiteren großen unerwarteten Erfolg bringen. Der Gegner erkannte die schwere Gefahr, die seinen Kräften in Przasnysz drohte - er gab die Stadt und die starken Anlagen kampflos auf; die nachdrängenden Truppen fanden sie am frühen Morgen geräumt.

Unaufhaltsame Verfolgung ordnete General v. Gallwitz zwar sofort an; aber auf der ganzen Angriffsfront hatte sich schon alles in Bewegung gesetzt; auch [186] die Zwischenstellung vorwärts der Straße Ciechanow - Przasnysz wurde von den Russen geräumt; schon in den späteren Vormittagsstunden war diese von den deutschen Kolonnen überschritten. - Auch weiter nach Westen dehnte sich die Wirkung des siegreichen Angriffs aus: das XVII. Reservekorps meldete, daß die Russen auch vor seiner Front zurückgingen.

So kam General v. Gallwitz um so mehr zu der Überzeugung, daß der Gegner erheblich erschüttert sei und möglicherweise auch die zweite Stellung (die letzte vorwärts des Narew) in Linie Ciechanow - Opinogora - Zielona - Bogate - Ploniawy - Krasnosielc - Grabowo räumen werden, wenn die Divisionen unaufhaltsam nachdrängten.

Aber der Mangel an leidlich guten Wegen machte sich an diesem Tage empfindlich fühlbar, weil einsetzender schwerer Regen den Boden aufweichte und den Vormarsch außerordentlich erschwerte. Vor allem wurde davon die Artillerie betroffen; sie konnte nicht so rechtzeitig in Stellung gebracht werden, daß sie den Angriff noch hätte erfolgreich vorbereiten können.

Wohl gelang es, auf der ganzen Front die vor der eigentlichen Kampfstellung liegenden Vorstellungen zu nehmen; dann mußte der Angriff zum Abwarten kommen - die Erkundungspatrouillen stellten eine starke Besatzung der zweiten Stellung und - anscheinend - das Eintreffen von Verstärkungen beim Gegner fest.

Der Angriff wurde auf den folgenden Tag verschoben. Die beiden Stoßgruppen blieben unverändert. Die neu eingetroffene 50. Reserve-Division schob General v. Gallwitz hinter den linken Flügel (in Gegend Lipa) zu dessen Schutz. Zusammengestellte Division Falk sollte die 4. Garde-Infanterie-Division im Angriff auf Krasnosielc unterstützen, vor allem aber die linke Flanke des Angriffs gegen den östlich des Orzyc stehenden Feind schützen. - Die bisher kaum ernstlich in den Kampf getretene 36. Infanterie-Division wurde als Reserve des Oberkommandos hinter der Mitte der Angriffsfront, bei und südlich Przasnysz, bereitgestellt.

Die in der Nacht durchgeführten Erkundungen bestätigten die in den Vortagen bewirkten Fliegererkundungen; die anzugreifende Stellung erwies sich als tief gegliederte, in mehrfachen Linien bestehende, mit russischem Geschick angelegte, besonders stark ausgebaute Stellung. Man stand also vor einem schweren Kampf; schwerer wahrscheinlich, als um die erste Stellung, weil die russische Führung jetzt die Absicht des Durchbruchs zweifellos erkannt und Verstärkungen dorthin in Marsch gesetzt hatte. - Die in der Nacht trotz aller Wege- und Witterungsungunst in Stellung gebrachte Artillerie eröffnete um 5 Uhr morgens ihr Feuer. Die Erwartung, daß der Gegner Verstärkungen herangezogen habe, bewahrheitete sich durch die erheblich stärkere Feuererwiderung.

Tapferen Infanteristen der 38. Division gelang es noch in der Nacht, an einer Stelle nordöstlich Opinogora in die russische Stellung einzudringen und sich [187] dort einzunisten. Sie konnten sich aber nicht ausbreiten, sondern sich nur mühsam heftiger feindlicher Gegenangriffe erwehren. Gerade hier schien sich der Widerstand zu konzentrieren, so daß der Kommandierende General XI. Armeekorps den Nachdruck auf den Angriff der 86. Division legte. Auch die benachbarte 1. Garde-Reserve-Division glaubte, in Gegend Klonowo - südlich Zielona bessere Einbruchsmöglichkeiten zu erkennen. - Weiter östlich, vor der Front des XIII. Armeekorps, schien die russische Stellung wieder von besonderer Stärke zu sein.

Um der von Ciechanow zu erwartenden Flankenbedrohung entgegentreten zu können, gleichzeitig aber auch, um der 38. Division eine erhöhte Stoßkraft zu geben, wollte General v. Gallwitz die 50. Reserve-Division auf dem äußersten rechten Flügel einsetzen und, im Hinblick auf den starken Ausbau der Stellung, außerdem den Angriff durch die Artillerie nachdrücklich vorbereiten. Die Ereignisse zwangen aber zu schnellerem Handeln, als in den Vormittagsstunden durch Flieger der Anmarsch erheblicher russischer Verstärkungen gemeldet wurde; der Kampf um die Stellung mußte entschieden sein, bevor diese eingetroffen waren. General v. Gallwitz stellte nunmehr die 50. Reserve-Division zur freien Verfügung des XI. Armeekorps. General v. Plüskow erwartete schnellen Erfolg vom Angriff der 86. Division und zog die 50. Reserve-Division hinter diese; auch stellte er ihr sofort die schwere Artillerie und die zuerst eintreffenden Regimenter und Abteilungen zur Verfügung.

Während dieser Vorbereitungen zum Angriff lief ein Befehl des Armeeführers ein, der die ursprünglichen Aufträge der Korps änderte. Bisher sollte jeder eingebrochene Verband nach gelungenem Durchbruch möglichst weit in südlicher Richtung vorwärts drängen. General v. Gallwitz ordnete jetzt an, daß die eingebrochene Truppe, sofort rechts und links schwenkend, die feindliche Stellung aufrollen solle, um so den benachbarten Kräften den Kampf zu erleichtern und ein schnellstes Vordringen der Armee in breiter Front zu ermöglichen.

Die Vorbereitungen zogen sich bis in die frühen Nachmittagsstunden; dann brachen die Truppen zum Sturm vor. Die 1. Garde-Reserve-Division erzwang südlich Zielona den ersten Erfolg; rechts und links stieß der deutsche Angriff mit russischen Gegenangriffen zusammen, so daß es zu außerordentlich schweren Kämpfen kam. So sah sich das XVII. Armeekorps veranlaßt, die zunächst zurückgehaltene 36. Infanterie-Division vorzuziehen und zur Erweiterung der errungenen Lücke links von der 1. Garde-Reserve-Division - zwischen dieser und der 35. Division - einzusetzen.

Die erste Erweiterung der Stoßlücke gelang aber der 86. Infanterie-Division westlich der Garde. Sie stieß bei Klonowo (südöstlich Zielona) durch und half, mit starken Teilen rechts einschwenkend, auch den weiter rechts kämpfenden deutschen Verbänden zum Erfolg. Am schwersten war der Kampf bei der 38. Division, gegen die der Gegner mehrere, mit außerordentlicher Energie aus- [188] geführte Stöße richtete. Erst als diese unter schwersten Verlusten für den Gegner gescheitert waren, konnte in schneidigem Gegenangriff die Division mit den zurückflutenden Russen in Richtung Opinogora in die Stellung einbrechen.

Die hartnäckigen Kämpfe zogen sich in die Nacht hinein, hatten aber den großen Erfolg, daß XI. Armeekorps, 50. Reserve-Division, vom XVII. Korps die 1. Garde-Reserve-, sowie die 36. Division auf 20 km Breite etwa 3 - 4 km über die russische Stellung südwärts vordringen konnten. Nur die 35. Division vermochte westlich Bogate die gegnerische Stellung nicht zu gewinnen.

Weniger erfolgreich war das verstärkte XIII. Armeekorps. Wohl wurden die dicht vor der russischen Stellung liegenden Orte Ploniawy und Przytuly von der 3. Division und der Division Falk gestürmt; sonst aber lagen 26., 3., 4. Garde-Infanterie-Division und Division Falk unmittelbar vor den Gräben; nur an wenigen Stellen gelangen kleine örtliche Einbrüche. Weitere russische Verstärkungen, die in den Nachmittags- und Abendstunden bis Ciechanow vorgeführt wurden, griffen in der Nacht wiederholt, aber ergebnislos den rechten Flügel der 38. Division an.

Auch weiter westlich, bis zur Weichsel, waren trotz ihrer Schwäche Korps Dickhuth und XVII. Reservekorps im Vorgehen geblieben; Korps Dickhuth näherte sich schon bis auf etwa 25 - 30 km den nordwestlichen Außenfort von Nowo Georgiewsk.

War auch der Angriff der östlichen Hälfte der Front noch nicht zum abschließenden Erfolg gediehen, so schien das bisherige Ergebnis doch so entscheidend, daß man damit rechnen konnte, daß die Russen nördlich des Narew - außer an den Brückenköpfen - keinen längeren Widerstand mehr leisten würden.

In einer Besprechung zwischen General v. Gallwitz und dem Generalstabschef Oberost, General Ludendorff, konnten deshalb schon an diesem Tage die weiteren Angriffsziele festgelegt werden.

Es sollten:

  • Korps Dickhuth und XVII. Reservekorps die Festung Nowo Georgiewsk von Westen und Nordwesten einschließen;
  • XI. Armeekorps und 1. Garde-Reserve-Division gegen Pultusk vorgehen;
  • XVII. Armeekorps den Narew zwischen Pultusk und Rozan überschreiten;
  • XIII. Armeekorps gegen Rozan vorgehen;
  • I. Armeekorps (linkes Flügelkorps der 8. Armee) gegen Ostrolenka (Brückenkopf) decken.

Im Anschluß befahl General v. Gallwitz für den 16. Juli, daß XI. und XVII. Armeekorps energisch nachdrängen, den sich setzenden Feind immer wieder angreifen und dabei die westlich der Wengierka haltenden russischen Kräfte abschneiden sollten. - Der Kampfwille des Gegners war aber noch nicht gebrochen.

Korps Dickhuth und XVII. Reservekorps drangen unter wechselnden Kämpfen vor; XVII. Reservekorps nahm in den Vormittagsstunden Ciechanow, in [189] den Nachmittagsstunden Sonsk und erreichte damit festen Anschluß an die Hauptstoßgruppe.

Auf dem rechten Flügel derselben machten 38. und 86. Infanterie-, sowie 50. Reserve-Division nach z. Tl. heftigen Nachhutkämpfen am Vormittag, aber später nachlassendem Widerstande erheblichen Geländegewinn. Sie standen am Abend nach Überschreiten der Sona zwischen Sonsk - Golymin Stary und Lukowo.

Schwere Kämpfe mußte das XVII. Armeekorps durchfechten. Als 1. Garde-Reserve- und 36. Infanterie-Division gegen den vor der 35. Division zäh haltenden Gegner einschwenkten, stießen sie auf eine gut ausgebaute, stark verdrahtete Riegelstellung, die sich von der Nordwestecke der Befestigungen von Pultusk über Karniewo und Krasne auf Bogate hinzog und dort Anschluß an die zweite russische Stellung fand. Unter sehr zähen Kämpfen mußten die Divisionen alle Stützpunkte im Vorgelände dieser Stellung erobern und konnten sich erst am Abend dicht an diese heranschieben; nur an zwei Stellen gelang es am späten Abend (bei Krasne und Szezuki) einzudringen und diese beiden Orte fest in die Hand zu nehmen.

Auch das XIII. Armeekorps stieß am 16. Juni auf heftigsten Widerstand. Pommern der 3. Division gelang es zuerst, die russische Stellung zu durchstoßen und im ungestümen Nachdrängen sogar bei Podos den Orzyc zu überschreiten. Gegen die noch geringen übergegangenen Kräfte warf die russische Führung starke Massen im Gegenstoß vor, denen es schließlich gelang, den Ort wieder zu nehmen und die Pommern über den Fluß zurückzudrücken. Nach kurzer Atempause griffen diese aber erneut an und am späten Abend waren Übergang und Ort fest in ihrer Hand.

Dieser Vorstoß und der Einbruch der 35. Infanterie-Division bei Szezuki brachte auch der 26. Infanterie-Division Entlastung; sie konnte nicht nur die Stellung zwischen Bogate und Podos in Besitz nehmen, sondern darüber hinaus mit dem linken Flügel den Orzyc erreichen. Auch der 4. Garde-Infanterie-Division gelang es, zwischen Podos und Krasnosielc den Orzyc zu erreichen und den stark befestigten Ort auf der West- und Nordseite zu umspannen. Division Falk konnte schon ziemlich früh östlich Przytuly den Fluß überschreiten und auf dem linken Ufer Gelände gewinnen; sie nahmen weiter östlich Fühlung mit dem I. Armeekorps, das zwischen Orzyc und Szkwa dem langsam weichenden IV. sibirischen Armeekorps folgte.

Die bis in die Nacht hinein fortgesetzten tapferen russischen Gegenangriffe hielten das Vorgehen der deutschen Divisionen stark auf und konnten stellenweise sogar Rückschläge herbeiführen, aber das Vordringen nicht hemmen. Als sie am Abend noch einmal besonders heftig auflebten, glaubte das Oberkommando sogar, darin die Einleitung des nächtlichen Abmarsches zu erkennen, und gab unter dieser Voraussetzung die Anordnungen für den folgenden Tag. Es sollten

[190]   Korps Dickhuth und XVII. Reservekorps zwischen Weichsel und der Bahn Ciechanow - Nasielsk die Festung Nowo Georgiewsk einschließen;
         XI. Armeekorps gegen die Befestigungen von Pultusk vorgehen und, wenn möglich, durch Handstreich nehmen (86. und 50. Reserve-Division umfassend gegen die Nordwestecke, 38. Division zwischen den Straßen Szyszki - Pultusk und Golymin Stary - Pultusk);
         XVII. Armeekorps den Angriff gegen die am 16. Juni angegriffene Front zur Entscheidung bringen, dann 1. Garde-Reserve-Division gegen die Nordfront von Pultusk einschwenken lassen, 36. und 35. Division zum Vormarsch gegen den Narew abwärts von Rozan bereitstellen;
         XIII. Armeekorps Krasnosielc nehmen, den Orzyc überschreiten und auf Rozan vorgehen;
         I. Armeekorps sich dem Vordringen gegen den Narew anschließen.

Diese Maßnahmen hätten am 17. Juni erneut zu schweren Kämpfen führen müssen; aber die russische Widerstandskraft war gebrochen. Krasnosielc wurde ohne Kampf geräumt und auf der ganzen Front entwickelten sich, allerdings mit der den Russen eigentümlichen Hartnäckigkeit, nur Kämpfe mit den zurückgelassenen Nachhuten; die Hauptkräfte waren abmarschiert.


Der Kampf um den Narew.

Sofort nach Erkennen dieser Lage ergingen vom Oberkommando Befehle zur Verfolgung - wenigstens bis an die Festungswerke von Nowo Georgiewsk und an den Narew; gegen die befestigten Brückenköpfe sollte der Angriff rücksichtslos vorgetragen werden.

  • Die Einschließung von Nowo Georgiewsk zwischen der Weichsel und der Eisenbahn Ciechanow - Nasielsk (einschl.) wurde dem rechten Armeeflügel (Korps Dickhuth und XVII. Reservekorps) übertragen;
  • XI. Armeekorps mit unterstellter 1. Garde-Reserve-Division sollte den nördlichen Teil von Pultusk angreifen;
  • XVII. Armeekorps zwischen Pultusk und Rozan bis zum Narew vorstoßen und das Überschreiten des Flusses vorbereiten;
  • XIII. Armeekorps Rozan angreifen und gleichzeitig Übergangsmöglichkeiten über den Narew ober- und unterhalb des Brückenkopfes erkunden.

Das I. Armeekorps, in dessen Verband die zur Division Falk zusammengestellten Teile zurücktraten, sollte Ostrolenka auf dem rechten Narew-Ufer einschließen und im Anschluß an XIII. Armeekorps Übergänge über den Fluß vorbereiten.

Die beiden Korps des rechten Flügels gingen an die Werke von Nowo Georgiewsk näher heran und drängten die vorgeschobenen Sicherungen auf die Außenstellungen zurück.

Das XI. Armeekorps schob sich mit seinem rechten Flügel bis dicht an die - [191] sehr bald als stark ausgebaut erkannten - Befestigungen am Pultusk, stieß aber mit 50. Reserve-Division und 1. Garde-Reserve-Division nochmals auf eine befestigte Riegelstellung um und nordöstlich Karniewo. In die sich hier entspinnenden blutigen Kämpfe griffen die Russen wiederholt mit starken Gegenstößen ein, die erst am Abend unter schweren Verlusten abgewiesen werden konnten; der Ort Karniewo blieb bis in die Nacht in feindlicher Hand; die nordöstlich anstoßenden Gräben wurden am Abend von der Garde besetzt.

Auch das XVII. Armeekorps mußte um die gleiche Riegelstellung kämpfen. Hie gelang es am Nachmittag der 36. Division, durchzubrechen und im Nachdrängen den Ort Makow in Besitz zu nehmen. Das Korps überschritt die Wengierka und stieß dann auf die Flanke einer neuen russischen Stellung, die sich an den Stützpunkt der Gora Krzyzewskie anlehnte und vor deren östlicher Fortsetzung das XIII. Armeekorps sich in hartnäckigen Kämpfen festsetzte.

Division Falk und I. Armeekorps drängten die langsam weichenden russischen Kräfte zurück; ihr Vorgehen verzögerte sich, weil das große Waldgelände nordwestlich des Narew dem Feinde die Möglichkeit zähesten Widerstandes bot.

In den Kämpfen dieses Tages wurden, besonders bei den Gegenstößen, Truppenteile festgestellt, die bisher vor anderen Fronten gelegen hatten. So erwies sich die Vermutung richtig, daß die russische Heeresleitung von dort und aus Galizien Verstärkungen heranführte; sie wurde bestätigt durch Fliegermeldungen, die Truppenausladungen bei Nasielsk und Ostrow und Kolonnen im Vormarsch von dort auf Pultusk und Rozan feststellten. Da die bisherigen Erkundungen den starken Ausbau der Brückenkopfanlagen hatten erkennen lassen, war ein handstreichartiger Angriff kaum durchführbar; sorgfältige, vor allem artilleristische Vorbereitung mußte dem Sturm vorhergehen. Das war um so bedauerlicher, als die traurigen Wegeverhältnisse dem Nachschub an schwerer Munition die größten Schwierigkeiten bereiteten. Die beiden nächsten Tage wurden dazu voll in Anspruch genommen, die Artillerie in Stellung gebracht und die Truppen in die zum Durchstoß in Aussicht genommenen Angriffsräume geschoben.

Zwischen Pultusk und Rozan aber gab der Gegner unter dem Druck der Umfassung die Stellungen beiderseits Gora Krzyzewskie in der Nacht zum 18. Juli preis; XVII. Armeekorps schob sich durch die enge Lücke zwischen den Angriffsvorbereitungen durch und drängte gegen den Narew auf der Strecke Orzyc-Mündung - Ostrykol vor; am Abend des 19. Juli waren alle stärkeren russischen Kräfte über den Narew zurückgedrückt; nur Patrouillen hielten sich noch in dem Flußknie nördlich Lachy.

Während des 18. Juli durchgeführte Erkundungen bestätigten erneut die große Defensivstärke der russischen Front vor dem I. Armeekorps, so daß es angewiesen wurde, den Gegner festzuhalten, aber keinen entscheidenden Angriff durchzuführen. Um so verwunderlicher war es, daß trotzdem in der folgenden [192] Nacht der Gegner seine starken Stellungen räumte und bis hinter den Narew zurückging, indem er die große Chausseebrücke bei Ostrolenka sprengte. Am Abend des 19. Juli stand das I. Armeekorps von der Ruz-Mündung aufwärts dicht am Narew. Auch vor den weiter östlich stehenden Korps der 8. Armee war der Feind unter heftigen Kämpfen auf den Narew zurückgegangen, die 8. Armee schob sich an den Fluß vor.

Die Kommandierenden Generale des XI. und XIII. Armeekorps beabsichtigten, am 20. Juli die Vorbereitungen für den Angriff zum Abschluß zu bringen und diesen am 21. Juli zu beginnen.

In diese Absichten stieß die russische Heeresleitung mit kräftiger Faust hinein. Die in die Brückenköpfe vorgeführten Verstärkungen setzte sie zu energischer Offensive ein, um den mit seinen Vorbereitungen vollauf beschäftigten Angreifer zurückzuwerfen. Die ganzen Verhältnisse, die durch die weit vorgeschobenen Brückenköpfe gefesselten Truppen, der eigenartige Lauf des Narew mit dem tief zurückspringenden Winkel bei Ostrykol, die zahlreichen Brücken waren für eine Offensive außerordentlich günstig. Die Vorbereitungen dazu hatte die russische Führung - abgesehen von der Heranführung der Verstärkungen - gut zu verdecken gewußt (s. Skizze S. 194).

Die deutschen Korps setzten am 20. Juli ihren Angriff zunächst noch weiter fort. Um den Angriff auf Rozan am 21. durchführen zu können, griff XIII. Armeekorps die geschickt angelegten Vorstellungen auf der Südwestfront, beiderseits der Straße Rozan - Pultusk, an. Nach starker, anscheinend zur Niederkämpfung der Grabenbesetzung gediehener Artillerievorbereitungen gingen die Regimenter der 26. Infanterie-Division zum Sturm vor und eroberten die auf beherrschenden Höhen angelegten Stützpunkte; auch die angrenzenden Stücke der Verteidigungslinien wurden besetzt. Der Erfolg war gegen eine sehr starke Grabenbesetzung errungen; dann aber brachen aus Rozan aus der zweiten Stellung und der Linie der kleinen Forts außerordentlich heftige und von starken Kräften geführte Gegenstöße vor, gegen die die deutschen Truppen sich nur mühsam halten konnten.

Gleichzeitig schritten aber auch auf der Front zwischen Rozan und Pultusk die Russen zu einem Gegenangriff großen Umfangs. Auf zahlreichen Brücken zwischen der Orzyc-Mündung und Rozan, nördlich Sokolowo, westlich Lachy, bei Ostrykol und beiderseits Dzbondz überschritten ihre Kolonnen den Fluß und warfen sich auf die hier eingeengt stehenden inneren Flügel der 35. und 36. Division. - Auch aus der Nordfront von Pultusk brachen starke Massen zum Stoß über Boby, das von der 1. Garde-Reserve-Division geräumt werden mußte, und Szwelice vor.

Die Gefahr des Angriffs war groß. Hatte er Erfolg, so drohte den Divisionen des XVII. Armeekorps die Gefahr, völlig umfaßt und abgeschnitten zu werden. Aber noch bevor das Oberkommando eingreifen konnte, trafen XIII. [193] und XVII. Armeekorps die ersten Abwehrmaßregeln: feste Abwehr in der Front bei Szelkow - Las nach Süden, bei Pruszki - Zaluze nach Nordosten und schleuniges Heranführen aller verfügbaren Reserven nach der am stärksten gefährdeten Frontstellen Napiorki - Pruszki. Die 35. Division dachte an die Möglichkeit eines Rückzuges so wenig, daß sie ihrerseits gegen die bei Dzbondz übergegangenen starken russischen Kräfte zum Flankenstoß schritt.

Die blutigen und verlustreichen Kämpfe dehnten sich bis zum Abend aus. Dann zwangen die mit dem Eintreffen der Reserven zunehmenden deutschen Gegenangriffe die erschütterten russischen Kolonnen zum Rückzug. Auch bei der 1. Garde-Reserve- und der 50. Reserve-Division scheiterten alle mit äußerster Tapfekeit und ohne Rücksicht auf die furchtbaren Verluste erneuerten russischen Angriffe völlig. Am Abend wichen sie unter Verlust von Bondy wieder hinter die Befestigungen zurück.

Trotzdem glaubte General v. Gallwitz mit einer Wiederholung des Angriffs rechnen zu müssen, da die Flieger den Antransport und Vormarsch neuer russischer Kräfte meldeten. Er zog deshalb die Truppen stärker nach dem gefährdeten Raum zusammen und holte von den Korps des rechten Flügels ausreichende Reserven zu seiner eigenen Verfügung nach der Gegend Karniewo - Makow heran.

Die erlittenen Verluste aber hatten den russischen Angriffswillen gebrochen; die getroffenen Maßnahmen erwiesen sich als nicht mehr erforderlich. Nur in dem Flußwinkel Lachy - Dzbondz hielten sich noch russische Abteilungen, die jedoch eine Gefechtsberührung vermieden. Jedenfalls ließ sich klar erkennen, daß man vorerst mit offensiven Absichten des Gegners nicht zu rechnen brauchte; anderseits aber zeigte die hier an den Tag gelegte Energie, daß die Russen nicht gewillt waren, ohne Kampf den Narew-Abschnitt und die Brückenköpfe preiszugeben. Ein neuer und durch die Geländeverhältnisse vielleicht noch schwererer Kampf stand der Armee bevor.

Unterdes wurden aber auch weitere Änderungen für die Weiterführung der Operation notwendig.

Auf Befehl des Oberkommandos Ost traf am 20. Juli der bisherige Kommandierende General III. Armeekorps, v. Beseler, von der 9. Armee ein, um den Angriff auf Nowo Georgiewsk zu leiten. Gruppe Beseler blieb dem General v. Gallwitz unterstellt, aber in den Kampfmaßnahmen gegen die Festung selbständig. An Truppen traten zunächst dazu Korps Dickhuth und 14. Landwehr-Division des XVII. Reservekorps; sie sollten vorerst die Einschließung zwischen der Weichsel und der Bahn Ciechanow - Nasielsk durchführen; zur Einleitung des Angriffs selbst war naturgemäß die vorherige weitere Zurückhaltung der russischen Kräfte am Narew Vorbedingung.

Die infolge des russischen Angriffs am 20. Juli hinter das XVII. Armeekorps geschobenen Verbände (38. Division und Garde-Kavallerie-Brigade) [194] blieben als Armeereserve hinter dem rechten Flügel jenes Korps - sie sollten voraussichtlich später denselben unterstellt werden.

An Stelle der 38. Division trat beim XI. Armeekorps das Generalkommando XVII. Reservekorps mit der 85. Landwehr-Division und der zusammengestellten Brigade Pfeil zum Angriff auf Pultusk an.

Kampf um den Narew

[194]
      Skizze 6: Kampf um den Narew.
XVII. Armeekorps sollte an zwei Stellen in Gegend Sokolowo den Übergang über den Narew einleiten.

XIII. Armeekorps hatte den Angriff auf Rozan beschleunigt zu Ende zu führen. Dazu wurden ihm schwerste Geschütze (ein 30,5 cm- und ein 42 cm-Mörser) überwiesen; nach nochmaliger Vorbereitung wollten die Divisionen am 22. bzw. 23. Juli stürmen.

I. Armeekorps sollte, in engstem Anschluß an das XIII. Armeekorps, zwischen der Ruz-Mündung und Kamionka den Narew überschreiten und durch lebhafte Tätigkeit auf der ganzen Front die gegenüberstehenden Kräfte fesseln.

Daß der bevorstehende Kampf außerordentlich schwer sein würde, darüber [195] konnte kein Zweifel bestehen; die glänzenden Erfolge der bisherigen Kämpfe gaben aber die Gewähr für neue Erfolge. Anderseits drängte die allgemeine Lage - nicht nur an der Ostfront, sondern auf allen Kriegsschauplätzen - auf eine schnelle Entscheidung in Polen. Mackensens Vorgehen zwischen Weichsel und Bug hatte Erfolge gebracht, aber der zähe Widerstand der Russen nur langsames Fortschreiten seiner Armee gestattet. Bei der 10. und der Niemen-Armee waren gleichfalls Erfolge (südlich Kowno und bei Schaulen) erzielt; die 9. Armee lag immer noch vor der Blonie-Stellung, Armee-Abteilung Woyrsch nahe vor Iwangorod. Nur schärfstes Anfassen auf beiden entscheidenden Fronten konnte die Russen verhindern, überlegene Kräfte gegen Mackensen oder Gallwitz zusammenzuziehen, um dort mit entscheidender Überlegenheit in den Kampf zu treten. Je schneller beide gegen die aus Polen nach Rußland führenden Bahnen vorgingen, desto größer war die Aussicht, die noch im Weichsel-Bogen stehenden Kräfte abzuschneiden.

Aus diesen Erwägungen heraus entschloß sich der Oberbefehlshaber Ost, unter noch weiterer Schwächung der 9. Armee noch zwei Divisionen vor Warschau herauszuziehen und mit ihnen die Stoßkraft am Narew zu steigern; er stellte die 83. Infanterie-Division und die Division Menges dem General v. Gallwitz zur Verfügung und ließ von der 8. Armee eine starke Division mit schwerer Artillerie zu seiner Unterstützung am rechten Flügel bereitstellen. Auch die vom westlichen Kriegsschauplatz anrollende 54. Division sollte Gallwitz überwiesen werden. Eine dortige Verstärkung tat dringend not - einmal in Hinblick auf den russischen Widerstand, dann aber auch mit Rücksicht auf die Schwierigkeiten des Geländes.

Allerdings war der Narew durch die Korrektion des letzten Jahrzehnts nicht mehr, wie früher, unpassierbar; vor allem war das ihn begleitende, früher sumpfige Gelände betretbar geworden; das war in dem sehr heißen und trockenen Sommer 1915 in besonderem Maße der Fall. Trotzdem war die Forcierung des breiten, vielfach vom linken Ufer überhöhten Flußtals schwer; wo das rechte Ufer überhöhte, hatten die Russen durch die Befestigungen sich dessen Besitz gesichert.

Am Anschluß an die Anordnungen des Oberkommandos wurden zufolge der notwendig gewordenen Truppenverschiebungen nunmehr angesetzt:

  • 85. Landwehr- und 86. Infanterie-Division gegen die Nordhälfte der Westfront, 50. Reserve- und 1. Garde-Reserve-Division gegen die Nordfront von Pultusk;
  • XVII. Armeekorps mit zugeteilter 38. Infanterie-Division gegen den Narew beiderseits Lachy;
  • XIII. Armeekorps gegen Rozan.

Der 22. Juli verging unter den letzten Vorbereitungen; einen entscheidenden Erfolg erzielte 4. Garde-Infanterie-Division, die in schneller Erfassung eines günstigen Augenblicks die Nordfront von Rozan durchstieß und den zwischen [196] innerer und äußerer Stellung liegenden Ort Miluny in Besitz nahm, während schwere und schwerste Artillerie Stadt und Befestigungsanlagen befeuerte.

Den schwersten Kampf schien Pultusk zu bringen. Die Lage schien hier besonders schwer, weil man damit rechnen mußte, daß während des Kampfes aus dem Bereich von Nowo Georgiewsk - Warschau - Serock der Feind zu Gegenangriffen schreiten würde. XI. Armeekorps ordnete deshalb besondere Maßregeln hiergegen an. Da die Truppen zu einem Angriff auf die ganze Frontlinie von Pultusk nicht ausreichten, ordnete General v. Plüskow an, daß die Kräfte sich gegen die Frontstrecken Kozlowo - Pelta-Fluß bzw. zwischen diesen und dem Narew zusammenziehen und auch innerhalb dieser Strecken die Stoßverbände auf engere Angriffsräume konzentrieren sollten.

Starke Artillerie, auch schwerste Kaliber, eröffnete am 23. Juli in den frühen Morgenstunden ihr Feuer, vor allem gegen die zum Sturm bestimmten Teile der Befestigungen; Minenwerfer schlossen sich an und die Infanterie schob sich unterdes bis dicht an die feindlichen Hindernisse. Um 8 Uhr brach die rechte Angriffsgruppe gegen Szlacheckie - halbwegs Chmielewo, um 9 Uhr gegen diesen Ort und die ihn schützenden Anlagen vor. Trotz tapferster Gegenwehr fielen jedesmal nach kurzem Kampf die Stellungen in deutsche Hand; auch die südlich Szlacheckie liegenden Waldungen wurden von der 50. Reserve-Division dem Gegner entrissen. Noch während des Kampfes erkundeten Abteilungen der 1. Garde-Reserve-Division Übergänge über den Narew bei und südlich Chmielewo, um durch Vorgehen auf dem linken Ufer Pultusk im Rücken abzuschließen; Pioniere begannen sofort mit dem Bau von Brücken, aber die unaufhörlich vorwärts drängende Infanterie durchwatete mit starken Abteilungen kämpfend den Fluß.

Die Verbände folgten dem südwärts weichenden Gegner; die Absicht, den Angriff sofort auf Pultusk fortzusetzen, verhinderte ein Befehl des Kommandierenden Generals, der ein Neuordnen der Verbände vor dem Überschreiten des Pelta-Bachs anordnete. Die Verluste waren teilweise recht erheblich, besonders an Offizieren.

Gleichzeitig mit dem Sturm auf Chmielewo setzte auch die rechte Angriffsgruppe zum Vorgehen vor. Auch hier brachen in wenigen Minuten die Regimenter in die stark befestigten Stellungen ein und hingen sich dem zurückgehenden Gegner an. Bis Mittag fiel nicht nur Kozlowo mit den anstoßenden Grabenstücken, sondern auch die großen Waldstücke bei Budy Dembiny. Die 86. Infanterie-Division konnte ihre Erfolge mit geringen Verlusten erreichen - die 42-cm-Mörser hatten die russischen Stellungen auf das stärkste zerstört und die Besatzungen schwer erschüttert. Die zunächst zur Sicherung der rechten Flanke bereitgehaltene 85. Landwehr-Division hatte sich dem Vorgehen angeschlossen, brach südlich Kozlowo in die Stellung ein und rollte sie, rechts einschwenkend, in südlicher Richtung auf.

[197] Nach dem Eintreffen der durch 40stündige Bahnfahrt und sofort anschließenden 25-km-Fußmarsch stark ermüdeten Division Menges schloß sich auch die Brigade Pfeil dem allgemeinen Vorgehen an. Die glänzenden Erfolge ließen den General v. Gallwitz hoffen, durch sofortigen Nachstoß gegen die innere Befestigung (Fortslinie) von Pultusk und Vorgehen der 1. Garde-Reserve-Division östlich des Flusses einen nochmaligen Kampf zu vermeiden; Flieger meldeten ein Anstauen der weichenden russischen Kolonnen an den Narew-Brücken. Aber der hartnäckige Widerstand starker Nachhuten in immer neuen Stellungen und starkes Feuer aus den inneren Pultusker Werken hemmten das Vordringen so, daß an diesem Tage die Artillerie nicht mehr den Gegner niederkämpfen konnte. Dicht am Gegner und dicht vor den inneren Werken blieben die Truppen liegen, um am 24. Juli den Kampf zu erneuern. Dazu sollte es aber nicht mehr kommen.

Der Gegner räumte Pultusk; die vorgeschobenen Postierungen, von den alarmierten Gros gefolgt, drängten sofort nach - schon um 3 Uhr 30 Minuten früh waren Teile der 50. Reserve-Division in Pultusk und bald die ganzen Divisionen im Vorgehen gegen den Narew. Alle Übergänge fanden sie zerstört; sofort begannen die Vorbereitungen zum Überschreiten des Flusses. Auch dieser sollte sich leichter vollziehen, als man hoffen durfte.

Der 1. Garde-Reserve-Division war es schon am 23. Juli gelungen, bei Chmielewo den Narew zu überschreiten, sich weiter östlich bis Gnojno einen Brückenkopf zu schaffen und unter dessen Schutz eine Brücke zu schlagen, die sofort vom Gros der Division zum Übergang ausgenutzt wurde. Wohl leisteten die Russen in den Waldungen östlich Pultusk zähen Widerstand; aber die 1. Garde-Reserve-Division drängte, wenn auch langsam, so doch unwiderstehlich in Richtung Gladczyn und Barrodzieje nach. Unter dem Druck dieser Rückenbedrohung hatten die Russen Pultusk aufgeben müssen und räumten jetzt auch das jenseitige Flußufer. So konnten, ohne vom Feinde gehindert zu werden, an mehreren Stellen Brückenschläge sofort begonnen werden. Aber auch die örtlichen Hindernisse waren so groß, daß die Brücken teils am Nachmittag, teils erst am Abend fertiggestellt werden konnten; nur auf ihnen war der Vormarsch der Gros möglich, während kleine gemischte Abteilungen mit Kähnen und anderem Behelfsmaterial schon früher übersetzten und folgten.

Am Abend des 24. Juli standen fünf Divisionen mit ihrer Artillerie auf dem linken Ufer zwischen der Mündung des Prut-Baches und der Südwestecke des großen Sumpfgebietes Bagno Pulwy - ein hervorragendes Stück deutschen Soldatentums. Die am Westrande des Bagno Pulwy gelegenen Ortschaften bis Rzonsnik hatte die 38. Division in schweren Kämpfen den Russen entreißen müssen.

Weiter westlich konnte XVII. Armeekorps an mehreren Stellen den Übergang über den Narew am 23. Juli erzwingen, während die linke Flügeldivision[198] bei Napiorki und nördlich gegen die noch im Flußwinkel stehenden feindlichen Abteilungen sicherte.

Der erste Versuch der 38. Division, nördlich Zambski eine Brücke zu bauen, scheiterte unter dem Feuer des dort sichernden starken Gegners. Dagegen konnten Teile der 36. Infanterie-Division bei Kalinowo ohne Widerstand den Fluß durchwaten. Als dann aber eine Brücke über den Narew geschlagen werden sollte, wurde diese wiederholt von russischer Artillerie zerstört; 35. Division mußte mit Brückenmaterial aushelfen. Unter Überwindung mehrerer schlimmer Krisen gelang es aber, das gewonnene Gelände auf dem südlichen Flußufer zu behaupten und zu erweitern. Während 38. Division am Westrande des Bagno Pulwy sich festsetzte (die Russen hatten vor dem Abzug die Orte, Gutshöfe und das Getreide auch hier in Brand gesteckt), nahm 36. Infanterie-Division die an der Nordostecke liegenden Orte Olszaki und nördlich in Besitz und fühlte gegen den vom Feinde gehaltenen Bahnkörper Wyszkow - Ostrolenka vor; eine starke vorbereitete Stellung wurde auf den Höhen östlich der Bahn festgestellt.

Die dem Armeekorps unterstellte Garde-Kavallerie-Brigade folgte der 36. Infanterie-Division und übernahm die Sicherung ihres rechten Flügels durch die Sperrung aller Wege im Bagno Pulwy.

Die 35. Division mußte am 23. Juli noch heftige Kämpfe gegen die im Narew-Knie noch stehenden Kräfte durchfechten, konnte ihnen folgend dann aber den Narew teils durchwaten, teils überschreiten und sich nördlich der 36. Division mit Front gleichfalls gegen den Bahndamm östlich des Flusses festsetzen.

Zur gleichen Zeit entschied sich auch der Kampf um Rozan; der Kampf war schwer: Die Russen hatten eine frische, tüchtige Division in den Brückenkopf geschoben; mehrere innere Stellungen und die - wenn auch alten - Forts gaben den nötigen Rückhalt. Am 20. Juli wurden von der 26. Infanterie-Division die Vorstellungen beiderseits der Pultusker Chaussee, am 22. Juli von der 4. Garde-Division ein Stück der Nordfront und der Ort Miluny gestürmt. Am 23. Juli schloß sich der Angriff der 3. Infanterie-Division gegen die starke Stellung von Podboro an. Der erste Angriff führte trotz eingehender Vorbereitung nicht zum Erfolg, so daß eine nochmalige zweistündige Artillerievorbereitung notwendig wurde. Unter blutigen Kämpfen wurden bis zum späten Nachmittag die Stellungen erobert und der dahinterliegende Wald besetzt. So lagen am 23. abends alle Verbände dicht vor dem inneren Abschnitt, der am 24. Juli gemeinsam gestürmt werden sollte. - Da räumte, wie so oft, der Gegner den Brückenkopf, den Ort in Brand steckend. Die Divisionen drängten sofort nach; bei Sonnenaufgang war der Narew erreicht. Mit Ausnahme einer Kolonnenbrücke bei Dyszobata waren die Brücken zerstört; auf den Waldhöhen des Ostufers hatten die Russen sich erneut eingegraben.

Das Generalkommando ordnete die Erzwingung des Übergangs an: 26. Infanterie-Division zwischen Rozan und Dzbondy, 3. Division bei Rozan, 4. Garde- [199] Division bei Dyszobata. Die Versuche, den Fluß zu überschreiten, gelangen am 24. Juli nicht mehr; die sofort nachgezogene Artillerie vermochte die russische nicht mehr niederzukämpfen. Der Übergang mußte auf die Nacht verschoben werden.

Auf der ganzen Front standen die Russen mit starken Kräften dicht gegenüber.

Während diese Kämpfe sich abspielten, gingen vom Oberbefehlshaber Ost neue Direktiven für die Armeegruppe Gallwitz am 23. Juni abends ein:

  • "Nach Erzwingung des Übergangs über den Narew hat der rechte Flügel der Armee Dembe, Zegzre und Benjaminow (Brückenkopfbefestigungen am Narew östlich Nowo Georgiewsk) zu nehmen und Nowo Georgiewsk anzugreifen.
  • Die übrigen Teile der Armee setzen Vormarsch über die Linie Wyszkow - Ostrow und Straße Ostrow - Lomza bis zum Ruz-Abschnitt fort.
  • Rechter Flügel der 8. Armee geht längs des Ruz-Baches vor."

Die daraufhin von General v. Gallwitz erlassenen Befehle besagten:

  • Die Gruppe Beseler mit unterstellter Brigade Pfeil (Teile des XVII. Reservekorps) nimmt Befestigungsgruppe bei Nasielsk und zieht ihre Hauptkräfte allmählich vor die Nord- und Nordostfront der Festung beiderseits der Bahn Ciechanow - Nowo Georgiewsk. (Damit wurde auch die Hauptangriffsrichtung für den Festungskampf erklärt; sie war bestimmt durch die Notwendigkeit der Basierung auf die einzig verfügbare Bahn.) Vor der Westfront ist nur ein Schleier zu belassen, aber Weichsel-Brücke bei Wyszogrod ausreichend zu schützen.
  • 85. Landwehr-Division (des XVII. Reservekorps) deckt, an den Narew angelehnt, die rechte Flanke der Armeegruppe Gallwitz gegen Nowo Georgiewsk; sie verbleibt in ihrer Stellung nördlich des befestigten Brückenkopfes von Sirock: 86. Infanterie- und 1. Garde-Reserve-Division stehen am 25. Juli, 8 Uhr vormittags, in Linie Zatory - Pniewo zum Vormarsch bereit.
  • XI. Armeekorps (jetzt 50. Reserve- und 38. Infanterie-Division) steht bei Pniewo - Rzonsnik bereit zum Vormarsch südlich Bagno Pulwy.
  • Division Menges bei Obrytte als Armeereserve.
  • XVII. Armeekorps (35. und 36. Division) geht nach Vollendung des Narew-Übergangs über die Bahn Wyszkow - Ostrolenka auf Diugosiodlo vor;
  • XIII. Armeekorps nach Überschreiten des Narew beiderseits Rozan auf Ostrow;
  • I. Armeekorps deckt anschließend die linke Armeeflanke bis zum Ruz-Abschnitt.

Am 25. Juli früh wurde der Befehl dahin erweitert, daß die zwischen Narew und Bagno Pulwy stehenden Korps die gegenüberstehenden Russen angreifen und über den Bug zurückwerfen sollten. Die Ausführung stieß aber auf starken Widerstand in zahlreichen Vorstellungen nördlich des Prut-Baches, der den Vormarsch stark verzögerte; südlich des Baches wurde eine stark ausgebaute [200] Verteidigungsstellung festgestellt, die ohne sorgfältige Vorbereitung große Opfer erfordert hätte. Das Nachziehen der schweren Artillerie auf den schlechten Wegen beanspruchte den Rest des Tages; sie konnte erst in der folgenden Nacht in Stellung gebracht werden. Der Durchbruch wurde auf den 26. Juli verschoben.

Nördlich des Bagno Pulwy zogen sich (s. S. 198) die Kämpfe der Divisionen des XVII. Armeekorps noch bis zum Abend des 25. Juli hin; die auf dem äußersten linken Flügel kämpfenden Westpreußen der 35. Division konnten sich nur mühsam der heftigen Gegenstöße erwehren, die sie bei Grondy wieder auf den Narew zurückwerfen sollten. Erst das Vorgehen des XIII. Armeekorps konnte ihnen Entlastung bringen.

Auf allen Divisionsabschnitten gelang es auch, teils watend, teils auf Flößen, zunächst Pionier- und Infanterieabteilungen auf das östliche Narew-Ufer zu schieben und Übergangsmöglichkeiten zu schaffen. Aber der ganze 25. Juli verstrich, bis unter außerordentlich schweren Kämpfen die Divisionen auf dem linken Ufer Fuß gefaßt und dem Gegner die den Fluß beherrschenden vordersten Höhen entrissen hatten. Der gewonnene Raum reichte aber bei den beiden Korps XVII und XIII in der Tiefe noch nicht soweit, daß sie schon ausreichende Artillerie auf das jenseitige Ufer nachziehen konnten. - Das I. Armeekorps stand noch jenseits des Flusses.

Auf der Front aller zehn Divisionen, die bisher den Narew überwunden hatten, sollte am 26. Juli der Angriff vorgetragen, die neue feindliche Front durchbrochen werden. Um den Flügeln stärkeren Nachdruck zu geben, stellte das Oberkommando den Korps des rechten Flügels die bisherige Armeereserve (Division Menges) zur Verfügung. Von der nachgeführten 83. Infanterie-Division wurde der 4. Garde-Division eine verstärkte Brigade am Übergang von Sielun (nördlich Rozan) unterstellt, um die beherrschenden Höhen von Kruszewo wegzunehmen. Die von Westen herantransportierte 54. Division sollte dem I. Armeekorps die Erzwingung des Narew-Übergangs bei Ostrolenka ermöglichen.

Während die Divisionen die einleitenden Vorbereitungen trafen, brach gegen 8 Uhr früh ein gewaltiger, einheitlicher russischer Angriff gegen die deutschen Divisionen vor, augenscheinlich ein geschickt angelegter und sorgfältig vorbereiteter Massenangriff, der mit überwältigender Überlegenheit die Deutschen in den dicht hinter ihrer Front fließenden Narew werfen sollte. Mit Sicherheit wurden acht Armeekorps und drei Kavallerie-Divisionen festgestellt, die zu diesem Stoß einheitlich in Bewegung gesetzt wurden. Die Lage der deutschen Divisionen war besonders an den Stellen gefährdet, wo auf dem linken Flußufer bisher nur wenig tiefes Gelände hatte in Besitz genommen werden können.

Auch auf die westlich des Narew nördlich Serock stehenden Truppen dehnte sich der Angriff aus. - Er wurde mit rücksichtsloser Opferwilligkeit und ungestümer Tapferkeit durchgeführt und konnte, da er völlig überraschend kam, auch an einigen Stellen Erfolge bringen.

[201] Seine größte Energie zeigte er beiderseits des Narew nördlich Serock, wo vier russische Divisionen gegen die 85. Landwehr- und die 86. Infanterie-Division anstürmten. Bei der 85. Landwehr-Division ging der Ort Losiewo verloren, wurde aber noch am Abend zurückerobert. Der linke Flügel der Gruppe Beseler, der unterdes die Befestigungen von Nasielsk ohne Widerstand besetzt hatte, konnte in diese Kämpfe unterstützend eingreifen. - Wie wenig der russische Gegenangriff den Angriffswillen der deutschen Truppen gestört hatte, wird daraus gekennzeichnet, daß die 1. Garde-Reserve-Division erst durch Befehl des Kommandierenden Generals veranlaßt werden konnte, von ihrem schon begonnenen Angriff über den gestürmten Ort Pniewo hinaus vorläufig Abstand zu nehmen. - Schwere Verluste erlitt die 50. Reserve-Division, gegen die anerkannt beste russische Divisionen anstürmten. - Die in besonders schwieriger Lage kämpfenden Divisionen 35 und 36 mußten mehrere, erst kurz vorher in der Nacht genommene Orte (Grondy, Borki) wieder aufgeben; sie konnten sich aber, ebenso wie die dicht östlich Rozan kämpfenden Divisionen des XVII. Korps, halten und den Gegner unter schwersten Verlusten abweisen; hier, auf dem äußersten linken Flügel, konnten die beiden Divisionen sogar Fortschritte erzielen und das Waldgelände südlich Kruszewo und den Ort selbst den Russen entreißen.

Der feindliche Ansturm, mit 18 bis 20 Divisionen unternommen, einer der größten einheitlich geführten Gegenangriffe des Krieges, wurde siegreich abgeschlagen, aber unter sehr schweren Verlusten auch für die Deutschen, die durch ununterbrochene vierzehntägige Märsche und schwere Kämpfe stark angestrengt, hier ihr Äußerstes hergeben mußten. Da auch der Munitionsnachschub auf Schwierigkeiten stieß, ordnete General v. Gallwitz an, daß im allgemeinen die Korps am 27. Juli den Vormarsch nicht fortsetzen sollten. Nur XIII. Armeekorps solle den Angriff fortsetzen, um dem I. Armeekorps den Übergang über den Narew zu erleichtern.

Allerdings gab die russische Führung ihre Absicht noch nicht auf; am 27., teilweise sogar am 28. und selbst noch am 29. Juli erneuerten tapfere russische Divisionen ihre Anstürme, ohne irgendwelche Vorteile zu erzielen, aber unter schweren Verlusten. Dagegen hatte der Angriff des XIII. Korps Erfolg. Nach Osten drang er am 27. Juli bis über den Weg und die Eisenbahn Wyszkow - Goworowo - Ostrolenka vor; die linke Flügeldivision wandte ihren Stoß von Kruszewo aus in Richtung Kamionka, öffnete dadurch der 2. Division den Übergang über den Narew und nahm dort engen Anschluß an deren linken Flügel.

Das I. Armeekorps und weiterhin die 8. Armee hatten bisher den Narew nicht überschreiten können. Die russische Stellung war beiderseits Ostrolenka dicht an das Flußtal vorgeschoben, das sie von den überhöhenden Bergrücken völlig übersah und beherrschte. Brückenschläge hatten von dort verhindert, hergestellte Brücken durch Artilleriefeuer wieder zerstört werden können. Es [202] mußte alles darangesetzt werden, der 8. Armee den Vormarsch in breiter Front zu ermöglichen, um der hart ringenden und seither nur langsam vorwärts gekommenen Armee Mackensen Erleichterung zu bringen und endlich die russische Stellung im Weichselbogen zum Einsturz zu bringen.

Die Versuche des I. Armeekorps, den Narew frontal zu überwinden, waren an einigen wenigen Stellen unter schwersten Kämpfen und außerordentlich starken Verlusten so weit geglückt, daß die Truppe auf dem jenseitigen Ufer kleine Brückenköpfe gewonnen hatte. Mehrere Tage mit rücksichtslosen Opfern durchgeführte russische Gegenangriffe hatten nur mühsam abgewehrt, weiteres Gelände nach vorwärts nicht gewonnen werden können. - Alle Tapferkeit der Ostpreußen war der starken Überlegenheit der Russen (auch an Artillerie und Maschinengewehren) und der vorteilhaften Stellung gegenüber vergeblich gewesen; alle Versuche zur Herstellung von Übergängen waren trotz der Aufopferung der Pioniere gescheitert.

Den einzigen Ausweg aus dieser Lage konnte nur der Versuch ergeben, hinter der 4. Garde-Division den Narew (also außerhalb des Angriffsstreifens des I. Armeekorps) zu überschreiten. Die 83. Infanterie-Division entschloß sich hierzu, stellte auch selbst Brückenmaterial der vor ihr übergehenden Division zur Verfügung und wurde bis zum Abschluß der Kämpfe bei Rozan dem XIII. Armeekorps unterstellt. Ihr Vorgehen Narew aufwärts von Kruszewo auf Kamionka sollte endlich dem I. Armeekorps den Weg über das schwierige Hindernis öffnen.

Als das erfolgreiche Vordringen der 83. Division erkennbar wurde, ordnete General v. Gallwitz an, daß auch die anderen Divisionen des I. Armeekorps alle verfügbaren Verbände nach Süden schieben und hinter der 83. Division übergehen sollten. Ein Ausholen über Sielun war nicht mehr nötig. Als das linke Narew-Ufer bis Kamionka von den Russen gesäubert war, konnten Pioniere westlich jenes Orts eine Brücke herstellen, nachdem Infanterie dort den Fluß durchwatet hatte. So schlossen sich Teile aller Divisionen des I. Armeekorps zusammen, um einmal den nun schon sieben Tage in einem engen Brückenkopf bei Kamionka aushaltenden Ostpreußen Erlösung zu bringen und weiterhin dem Rest des Korps in Gegend Zeran (westlich Kamionka) - Grabowo den Weg zum Überschreiten des Flusses frei zu machen.

Am 27. Juli traf die von Westen antransportierte 54. Infanterie-Division nördlich Ostrolenka ein. Ihr glückte es, in der Morgenfrühe des 28. Juli überraschend zwei Kompagnien auf das südliche Ufer zu werfen, dann scheiterten aber auch hier alle weiteren Versuche unter dem Frontal- und flankierenden Feuer der außerordentlich geschickt aufgestellten russischen Batterien und Maschinengewehre. Um weitere schwere Verluste zu vermeiden, befahl General v. Gallwitz, daß auch diese Division auf der Brücke bei Kolaki (westlich Kamionka) den Fluß überschreiten solle. Noch am Abend des 29. Juli ging sie über den Narew [203] und stellte sich, durch die 83. und 2. Infanterie-Division gedeckt, bei Jawory (dicht südlich Kruszewo) bereit. Um die völlig durcheinander geratenen Verbände wieder in die Hand der Führer zu bringen, wurde die 83. Division wieder dem I. Armeekorps zurückgegeben. - Bei der außerordentlichen Zähigkeit der bei Ostrolenka haltenden russischen Verbände hatte sich in diesen Tagen der Schwerpunkt des Angriffs der Armeegruppe auf den linken Flügel verschoben. Um die Entscheidung hier baldigst zu erzwingen, ordnete General v. Gallwitz an, daß der ganze rechte Flügel zwischen Narew und Bagno Pulwy vorerst defensiv bleiben und sich eingraben solle. Die 1. Garde-Reserve-Division wurde, durch die Division Menges abgelöst, herausgezogen und in Richtung Rozan zur eventuellen Verstärkung des I. Armeekorps bestimmt; schließlich wurde auch noch die 50. Reserve-Division mit schwerer Artillerie herausgelöst und auf Rozan in Marsch gesetzt.

Für die Korps des linken Flügels ordnete General v. Gallwitz an:

  • XIII. Armeekorps drückt die gegenüberstehenden starken feindlichen Kräfte über die Bahnlinie und den Orz-Bach östlich Goworowo zurück und übernimmt den Schutz der rechten Flanke des I. Armeekorps;
  • I. Armeekorps greift zwischen Narew und Orz an derart, daß die bei Ostrolenka haltenden russischen Kräfte umfaßt und aufgerollt werden.

Bis zum 31. Juli zogen sich die Vorbereitungen für die Entscheidung hin. Als an diesem Tage 54. und 83. Infanterie-Division zum Angriff ansetzten, traf sie überraschend ein mit äußerster Gewalt geführter Gegenstoß, der in die Front der 83. Division einbrechen konnte. Eben eingetroffene Verstärkungen hatte die russische Führung einsetzen können. Bevor aber der Einbruch bei Cisk gefährlichen Umfang annehmen konnte, griffen die Nachbardivisionen (2. und 54.) von den Flanken her ein und stellten bis zum Abend die Lage wieder her. Allerdings hatte die 83. Division schwere Verluste erlitten und mußte vorerst in Reserve genommen werden.1

Die Besatzung des Brückenkopfes nordwestlich Kamionka wurde an diesem Abend endlich aus ihrer schwierigen Stellung befreit. Auf Anregung von General v. Gallwitz hatte der Kommandierende General der Truppe (Teilen des Füsilier-Regiments 33) freigestellt, den Brückenkopf zu räumen, was allerdings voraussichtlich große Verluste nach sich gezogen hätte. Die Ostpreußen zogen es vor, in gewaltsamem Stoß die trennende Schranke in Richtung Kamionka gemeinsam mit Teilen der dort stehenden Truppen den Russen zu entreißen. [204] Die sehr stark ausgebaute Waldhöhe, gegen die eine sorgfältige Niederkämpfung durch die Artillerie ergebnislos geblieben war, fiel bei Einbruch der Nacht.

Trotz des großen Erfolges gaben die Russen aber auch jetzt ihre Stellung bei Ostrolenka nicht frei; sie gingen sogar in der Nacht vom 2. zum 3. August noch einmal gegen die sich vorarbeitenden Divisionen (2. und 37.) zum tapferen Gegenstoß vor. Dann aber setzte das I. Armeekorps noch einmal am 3. August zum Durchbruch an, der endlich einen vollen Erfolg brachte. Das von den Russen selbstredend in Brand gesteckte Städtchen fiel am Abend; das Narew-Ufer wurde von den Russen geräumt. Auch die 83. Infanterie-Division hatte den Echec vom 31. Juli schon überwunden und nahm an diesem letzten Kampf mit den sich verzweifelt wehrenden Russen wieder erfolgreich teil.

Die durch Herausziehen der 50. Reserve- und der 1. Garde-Reserve-Division in seiner Kampfkraft geschwächte Gruppe der 12. Armee am unteren Narew konnte in diesen Tagen an eine Wiederaufnahme des Angriffs nicht denken. Sie hatte sich zur Abwehr eingegraben; aber auch der Gegner hatte durch den blutigen, erfolglosen Angriff vom 26. anscheinend den Willen zur Offensive eingebüßt; er grub sich gleichfalls ein.

Auch bei der Mitte war es zu keinen Kämpfen mehr gekommen. Die Division (36., 35., 3., 1. Garde-Reserve-, 4. Garde-) gruben sich zunächst ein und schoben sich dann zur Fortsetzung des Angriffs dicht an der feindlichen Stellung vor. Daß die Russen in dieser Kampfpause Verstärkungen heranführen würden, mußte erwartet werden; es konnte aber bei der Überanstrengung der Truppen und dem äußerst schwierigen Nachschub - vor allem an Munition - nicht verhindert werden. Eine sorgfältige artilleristische Vorbereitung des nächsten Durchbruchs war die notwendige Folge.

Die auf den anderen Armeefronten in den letzten Tagen erzielten Erfolge machten für die 12. Armee des General v. Gallwitz eine Verlegung des Vorgehens nötig.

Die Armee Mackensen hatte in erbittertem Ringen Cholm und Lublin genommen und drang weiter nordwärts vor. Die Armee-Abteilung Woyrsch hatte unterhalb Iwangorod die Weichsel überschritten, die 9. Armee die Blonie-Stellung genommen und war im Vormarsch gegen die äußere Fortslinie südlich von Warschau. Gruppe Beseler schob sich dicht an die Außenforts von Nowo Georgiewsk vor. Der Raum der russischen Armee verengte sich von Tag zu Tag; die an der Weichsel stehenden Kräfte mußten zurückgezogen werden, wenn sie nicht erdrückt werden sollten. In der Tat meldeten auch die Flieger allenthalben russische Massen im Abtransport und Abmarsch nach Osten.

Ein Vorstoß der 12. Armee dicht östlich Warschau hätte deshalb kaum noch Erfolge zeitigen können; er mußte erheblich weiter nach Osten verlegt werden. Allerdings war damit zu rechnen, daß sich zur sicheren Rückführung ihrer Massen die russische Heeresleitung auf den Flügeln gegen Mackensen im Süden, gegen [205] Gallwitz und Scholtz im Norden starke Abwehrkräfte bereitstellen und einsetzen würden.

Der Oberbefehlshaber Ost ordnete deshalb an, daß der Angriff von den inneren Flügeln der 8. und 12. Armee in Richtung Sniadowo (nördlich Ostrow) vorgetragen und daß zur Verstärkung der Stoßkraft des linken Flügels die 75. Reserve-Division (rechter Flügel der 8. Armee) und die vom Westen ankommende 58. Infanterie-Division dem General v. Gallwitz unterstellt werden sollten.

Seine Anordnungen besagten: Es greifen an:

  • XVII. Armeekorps (36. und 35. Division), mit dem linken Flügel bei Jozefowo stehend, in südöstlicher Richtung;
  • XIII. Armeekorps (26., 3. Infanterie-, 1. Garde-Reserve-, 4. Garde-Infanterie-Division), linker Flügel südlich Grabowo, in Richtung Suchcice;
  • I. Armeekorps (54., 83., 2., 37. Infanterie-Division) mit dem rechten Flügel am oberen Orz-Bach, mit dem linken entlang der Bahn Ostrolenka - Sniadowo;
  • 58. Infanterie-Division (8. Armee) geht nördlich der Bahn auf Tarnowo;
  • 50. Infanterie-Division, noch im Antransport, wird zunächst als Armee-Reserve bei Rozan bereitgestellt. Sie wurde, als sich die Notwendigkeit herausstellte, die 54. Infanterie-Division südlich des Orz-Baches einzusetzen und sie dazu dem XIII. Armeekorps zu unterstellen, dem I. Armeekorps zugewiesen.

Der Angriff sollte also diesmal vom linken Armeeflügel geführt werden, während die Gruppe Plüskow ihre Stellungen zwischen Serock und Bagno Pulwy hielt und Gruppe Beseler, der auch die 85. Landwehr-Division westlich des Narew unterstellt wurde, den Angriff auf Nowo Georgiewsk einleitete.

Wie erwartet, hatten die Russen neue Kräfte in die Gegend Ostrow - Sniadowo herangeführt. Bei den Kämpfen um die stark ausgebaute, zäh verteidigte Stellung, die sich etwa von Przetycz auf westlich Wonsewo - Rossosz in fast nördlicher Richtung hinzog, griffen diese frischen Divisionen mit immer wiederholten, rücksichtslos unter schwersten Opfern durchgeführten Gegenangriffen ein, die mehrfach empfindliche Rückschläge für die stark beanspruchten deutschen Truppen brachten. Aber auch die überlegene Zahl und das die Verteidigung außerordentlich begünstigende Gelände konnten der überlegenen Kriegskunst und dem unerschütterlichen Siegeswillen der zwar angestrengten und auch durch die blutigen Kämpfe zusammengeschmolzenen deutschen Truppen nicht den Sieg abgewinnen.

Sofort am ersten Angriffstage hatte das I. Armeekorps einen großen Erfolg zu verzeichnen; 2. und 37. Division durchstießen die feindliche Stellung in ihrer ganzen Tiefe, bis ihnen Sumpfgelände zunächst Halt gebot. Auch das XIII. Armeekorps fesselte am 4. und 5. August in außerordentlich schweren, verlustreichen Kämpfen in Gegend Goworowo den Sieg an seine Fahnen, den auch der Einsatz eines frischen russischen Armeekorps ihm nicht entwinden konnte (es war eins der als beste, tapferste anerkannten sibirischen Armeekorps).

[206] Am folgenden 6. August verbreiterte sich das entscheidende Ringen weiter südwärts; kam es an diesem Tage auch nicht zu einer Entscheidung auf der ganzen Front, so gelang es doch fast allen Divisionen, in die russische Stellung derart einzubrechen, daß die sofort zu erwartende Auswirkung sie zu einem einheitlichen Siege zusammenführen mußte. So gelang es der 3. Division und der 1. Garde-Reserve-Division, bei Czernie und Brzezienko die feindliche Stellung zu durchstoßen. Weiter nördlich drang die 4. Garde-Infanterie-Division bei Rossosz, die 54. Division bei Chrosnice, die unterdes in die vorderste Linie gezogene 50. Reserve-Division bei Grudzisk in die Stellung ein; 83. und 2. Infanterie- konnten sie bei Stylongi und Chrostowo durchbrechen.

Die erbitterten Kämpfe setzten sich zwar am nächsten Tage noch fort; aber einen Einfluß auf die Entscheidung brachten sie nicht mehr. Im Gegenteil: das Gefühl einer großen Niederlage bei den Russen war so groß, daß es sich auch auf die anstoßenden Fronten in ihren Folgen ausbreitete. Schon am 7. August gaben die in der geschickt ausgebauten Stellung hinter dem Prut-Bach stehenden russischen Divisionen ohne Kampf die Gräben auf und gingen hinter den Bug zurück. Die Divisionen der Gruppe Plüskow folgten sofort, indem sie sich zugleich in die von der 12. Armee eingeschlagene westöstliche Richtung einpaßten.

Die russische Front nördlich und südlich der Straße Rozan - Ostrow konnte unter dem scharfen Nachdrängen der deutschen Divisionen zu einer einheitlichen Widerstandslinie nicht mehr kommen; Nachhuten setzten sich allerdings auch jetzt wieder in der gewohnten russischen Zähigkeit ein, um das schnelle Vorschreiten der Deutschen aufzuhalten. Etwa am 8. August konnte die der 12. Armee gestellte Aufgabe, die Straße Myszkow - Ostrow - Lomza zu gewinnen, als gelöst angesehen werden.

Die Verluste der ihr angehörigen Divisionen waren sehr groß, sie entsprachen der Schwere der Kämpfe und der Ungunst aller Verhältnisse. Aber ihre Erfolge waren groß. Sie prägten sich nicht so sehr in den Beutezahlen aus: 270 Offiziere, etwa 75 000 Mann bedeuten für die große eingesetzte Streiterzahl nicht allzuviel. Aber die Möglichkeit operativer Umfassung hatte ihr gefehlt; Durchbrüche taktischer Art pflegen selten oder doch erst in ihren späteren Wirkungen größere Beutezahlen einzubringen. Dafür waren die operativen Auswirkungen um so größer. Nur die furchtbaren Schläge der von General v. Gallwitz Kunst geführten Truppen waren es, die - gemeinsam mit gleichartigen Erfolgen Mackensens - die Lage in Polen für die Russen unhaltbar machten.

Innerhalb des engen operativen Rahmens, der den Kampf um und über den Narew zur Folge hatte, wurde erreicht, was die Oberste Heeresleitung erstrebte. Die große Kunst des russischen Oberbefehlshabers allerdings verhinderte die vielleicht erhoffte Katastrophe des ganzen, in Polen stehenden Heeresteils.

[207] Die nicht gegen Nowo Georgiewsk eingesetzten Korps der 12. Armee paßten sich fortan in die Front des einheitlich nach Osten gerichteten Vormarsches ein: rechts, durch den Bug getrennt, marschierte die 9. Armee; links konnte die 8. Armee, die durch den Stoß der 12. Armee endlich den Übergang über den Narew geöffnet sah, am 10. August Lomza nehmen und in gleicher Höhe mit jener ostwärts marschieren.


Der Kampf um Nowo Georgiewsk.

Während die Armeen diesen Vormarsch durchführten, spielte sich hinter ihrer Front der Angriff auf Nowo Georgiewsk ab.

General v. Beseler mußte mit den Vorbereitungen allerdings warten, bis die Kämpfe um den Narew, die sich bei Pultusk und Serok in der Schlagweite der Festung abspielten, ihm dazu die Möglichkeit gaben - hatte sein linker Flügel doch bei der Abwehr des großen russischen Angriffs am 26. Juni eingreifen müssen, um der westlich des unteren Narew stehenden, hart bedrängten 85. Landwehr-Division die Abwehr zu ermöglichen. Als dann die 12. Armee anfangs langsam, dann schneller den weichenden Russen südost- und ostwärts folgte, trat an die Armeegruppe Beseler als erste vorbereitende Aufgabe die Eroberung der im Narew-Bogen liegenden Sperrforts. Das Heranziehen und Instellungbringen der schweren und schwersten Batterien zog sich infolge der schlechten Wege und der Beschränkung auf die einzige Bahn Mlawa - Nasielsk, die überdies noch nicht wieder voll leistungsfähig war und auch für die 12. Armee stark beansprucht wurde, bis zum Abend des 4. August. Als aber erst die schweren Geschütze ihre Geschosse in die Werke hineinwarfen, wurde ihre Widerstandkraft bald gebrochen; moralisch niederdrückend wirkte sich aber auch die Besetzung von Warschau aus; der Teil der Stadt westlich der Weichsel wurde am 5. August früh ohne Kampf von den Russen geräumt. Während des Artilleriekampfes schoben sich die zum Angriff bestimmten Teile der 21. Landwehr-Brigade und der Brigade Pfeil an die Außenstellungen der beiden Brückenköpfe Dembe und Zegrze heran; schon um 7 Uhr morgens fielen die vordersten Linien in deutsche Hand. Am folgenden Tage wurde in erneutem Angriff auch die letzte Vorstellung genommen und die Russen auf die Werke selbst zurückgeworfen. Wie so oft, ließen sie es dann auf einen Sturm gegen die Forts selbst nicht ankommen. In der Nacht vom 6. zum 7. August räumten sie die Befestigungen und das rechte Narew-Ufer unter Zerstörung der Brücken. Aber auch die letzte Verbindung der Festung sollte unterbrochen werden; nachdem ein vom linken Flügel der 9. Armee entsandtes Detachement Westernhagen die Südfront von Nowo Georgiewsk eingeschlossen hatte, mußte in dem Winkel zwischen Narew und Weichsel oberstrom der Ring geschlossen werden.

Schon am 9. August wurde die 169. Landwehr-Brigade, eben von den Kämpfen um Serock eingetroffen, bei Dembe über den Narew gesetzt. Die dort [208] stehenden feindlichen Verbände wichen teils auf die Festung, teils in östlicher Richtung zum Anschluß an die Feldarmee zurück. Als am 10. August die Russen das Sperrfort Benjaminow in die Luft sprengten und deutsche Truppen - mit dem linken Flügel an der oberen Weichsel - gegen die Südostfront eingeschwenkt waren, war die Festung auf sich selbst angewiesen.

Alle Einschließungsbewegungen des Korps Dickhuth, des XVII. Reservekorps, des Detachements Westernhagen und schließlich auch der 169. Landwehr-Brigade wurden unter verhältnismäßig leichten Kämpfen bewirkt; trotz der Schwäche der eingesetzten Truppen, über die der Kommandant durch Spionage zweifellos genau unterrichtet war, ist eine offensive Abwehr der Einschließung, ein Ausfall, nirgends versucht worden. Das Zeichen mangelnder Energie hatte auf deutscher Seite den Plan entstehen lassen, gewaltsam in und durch den Fortsgürtel einzubrechen und die Festung durch Handstreich zu nehmen. Der erste starke russische Gegenstoß am Narew am 26. Juli hatte aber das Herausziehen erheblicher Kräfte aus den Belagerungstruppen notwendig gemacht und zum Verzicht auf jene Unternehmung gezwungen. Der naheliegende Rückschluß war, daß der Kommandant nur über eine zahlenmäßig geringe und vielleicht auch wenige gute Besatzungstruppe verfüge. Erst nach dem Fall der Festung stellte sich heraus, daß die Besatzung an Zahl und an äußerlicher Güte der Truppen dem Angreifer erheblich überlegen war.

Die dem General v. Beseler zugeteilten Truppen zeigten in ihrer Zusammensetzung in besonders krasser Weise die kolossale Beanspruchung, die auf dem deutschen Volke lastete. Alle Feld- und Reservetruppen forderte der Bewegungskrieg; für den Angriff auf die stärkste russische Festung konnten nur Landwehr-, Landsturm-, Ersatz- und eben aufgestellte Kriegsfreiwilligenverbände, älteste und jüngste Jahrgänge bereitgestellt werden. Und für den Antransport des zahlreichen, schweren Belagerungsgeräts war eine einzige unzulängliche Eisenbahn verfügbar. Dazu forderte die ganze Lage einen schnellen Fall der Festung. So entschloß General v. Beseler sich zum abgekürzten gewaltsamen Angriff im Vertrauen auf die Tapferkeit seiner Truppen und die furchtbare Wirkung seiner schwersten Artillerie.

Nowo-Georgiewsk (Modlin)

[210a]
      Nowo-Georgiewsk (Modlin). Fort 6 durch 42 cm zerstört
Beides täuschte ihn nicht. Sofort nach Einnahme von Dembe und Zegrze, am 8. August, begannen die letzten Vorbereitungen; schon der 13. August sollte den Angriff - zunächst auf die vorgeschobenen Stellungen - bringen. - Nach mehrstündigem intensiven Artilleriefeuer brach die Infanterie vor gegen die zäh verteidigte, stark ausgebaute Stellung; tapfer geführte russische Gegenstöße wandten sich gegen die Punkte, an denen ein Einbruch gelungen war. Der Kampf endigte mit dem Zurückwerfen der Russen auf die äußere Fortslinie. Schon am 14. August setzte das Zerstörungsfeuer der schweren deutschen Batterien gegen diese ein, das sich am 15. und 16. zu äußerster Heftigkeit steigerte - soweit es die spärliche Munition zuließ. Am Vormittag des [209] 16. August erfolgte der Sturm gegen die Forts XV und XVI der Nordostfront, der jedoch nur stellenweise Erfolg hatte, immerhin aber eine Lücke in die starke feindliche Stellung riß. Noch zwei Tage, bis zum 17. August, währten die Kämpfe, während sich gleichzeitig die eingebrochenen Verbände einschließlich der nachgeschobenen Artillerie gegen die Linie der inneren Forts heranschoben.

Zwei weitere schwere Kampftage gingen noch hin; am 19. August nachmittags stürmten, nach dem Fall der inneren Forts sofort nachdrängend, verschiedene Truppenteile auch den Außenwall des Kernwerks der Festung; am Abend begab sich der Kommandant in das Hauptquartier Beselers, wo in der Nacht die Kapitulation unterschrieben wurde. Erst jetzt stellte sich durch die große Beute heraus, daß Nowo Georgiewsk nicht, wie es bei anderen russischen Festungen geschah, nach Rettung der stärksten Kampfmittel nur von Nachhuten gehalten, sondern daß in ihr eine überlegene Armee bester Truppen und bester Ausrüstung dem Angreifer gegenübergetreten war. Eine Tat war geschehen, die sich stolz neben Lüttich, Namur, Maubeuge und Antwerpen stellen konnte.


2 [1/203]Kennzeichnend für die Anspannung der personellen Kräfte Deutschlands ist die Zusammenstellung der in all diesen Tagen hervorragend tapferen Division. Unter der direkt irreführenden Bezeichnung "Infanterie"-Division waren keine Linien-, nicht einmal Reserve- und Landwehrtruppen, sondern Landsturmbataillone aus Posen, Rawitsch, Brieg, Münster, Trier, Aachen, Koblenz unter neuen Kommandobehörden vereinigt! Wer hätte vorher an diesen Einsatz des Landsturms gedacht?! Und was hat er an Leisungen vollbracht! ...zurück...


Der Weltkampf um Ehre und Recht.
Die Erforschung des Krieges in seiner wahren Begebenheit,
auf amtlichen Urkunden und Akten beruhend.
Hg. von Exzellenz Generalleutnant Max Schwarte