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Auf den Straßen des Todes. Leidensweg der 
Volksdeutschen in Polen.
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Schandfleck Polens: Bereza Kartuska
Von ***

In ganz Polen wurden am 1. September Angehörige fremder Nationalitäten interniert und nach dem sogenannten Isolierungslager Bereza Kartuska, etwa 100 Kilometer östlich von Brest-Litowsk verschleppt. Bereza war bis zu diesem Zeitpunkt Besserungsanstalt für Schwerverbrecher und politische Gefangene; mehr wußte niemand in ganz Polen von dieser Anstalt. Der Kommandant des Lagers hatte jede Vollmacht und war nur dem Innenminister verantwortlich. Die Sträflinge saßen für unbestimmte Zeit fest. Wenn es einem von ihnen gelang, die Anstalt lebend zu verlassen, mußte er sich zu völligem Stillschweigen verpflichten. So kam es, daß die Welt nichts davon erfuhr, mit welcher Grausamkeit in Polen, das sich oft als Beschützer der Christenheit aufgespielt hatte, mit Menschen umgegangen wurde. In dieses Lager, über dem der Atem des Todes wehte, ergoß sich aus dem Mosaikstaat der Strom der Internierten, deren einziges Verbrechen darin bestand, sich zu einem fremden Volkstum zu bekennen. Für etwa 6.000 Reichs- und Volksdeutsche, Danziger Staatsbürger, Litauer, Ukrainer und Weißrussen begann mit dem 1. September ein beispielloser Leidensweg. Der unerhörte Vormarsch der deutschen Truppen brachte ihnen am 18. September die Freiheit. Was diese Menschen erlebt hatten, stempelt Bereza zu einem Schandfleck für Polen und die ganze zivilisierte Welt.

In Warschau wurden am 1. September 112 Reichs- und Volksdeutsche (unter ihnen der Verfasser) sowie Danziger verhaftet. Fast die Hälfte von uns waren Frauen. Unter ihnen befand sich eine vierundachtzigjährige Greisin. Stundenlang saßen wir in den verwanzten und verlausten Arrestlokalen der Stadt zwischen allerlei Gesindel. In den Abendstunden schaffte man uns mit Autos in das Untersuchungs- [108] gefängnis. Es begannen endlose Verhöre, die sich bis früh 8 Uhr hinzogen. Wir mußten die Nacht unter scharfer Bewachung, die meisten stehend, in dem Korridor zubringen. Nachher wurden wir in den unterirdischen Zellen des Gefängnisses eingesperrt. Die Fenster blieben wegen deutscher Luftangriffe geschlossen. Einige bekamen Ohnmachtsanfälle. Wir erhielten keinerlei Verpflegung. Am späten Nachmittag wurden wir auf Lastautos verladen und auf den Westbahnhof transportiert. Jeder Fluchtversuch wurde mit dem Tode bedroht. Zur Unterstreichung dieser Drohung luden die Polizisten vor unseren Augen die Karabiner, wobei sie sich gegenseitig behilflich sein mußten. In drei Viehwagen traten wir, Männer und Frauen getrennt, die Reise an. Ein Ziel wurde uns nicht angegeben. Verpflegung während der Fahrt erhielten wir nicht. Einige von uns hatten Brot, das wir teilten. Dazu tranken wir Wasser, das wir auf zwei Stationen erhielten. Als wir nach zwei Tagen Brest erreichten, ahnten wir, daß es nach dem berüchtigten Bereza Kartuska ging. Wir hatten uns nicht verrechnet. Völlig entkräftigt langten wir am 4. September auf dem Bahnhof Bereza an. Nach einem Fußmarsch von 6 Kilometern erreichten wir die Strafanstalt. Da wir aber doch nur interniert waren, hofften wir und besonders die Reichsdeutschen auf eine anständige Behandlung. Alle von uns waren überrascht durch die jedem Völkerrecht hohnsprechende Niedertracht, die einsetzte, als sich das Tor der Strafanstalt hinter uns schloß. In Doppelreihen standen wir vor dem endlosen Zaun des Lagers. Plötzlich hob der uns empfangende Kommandant Kommissar Kurhanski die Hand. Ein Polizeileutnant kommandiert: Laufschritt, marsch marsch! Die hinter uns stehenden Polizisten hieben auf dieses Kommando mit Gummiknüppeln und Stöcken auf uns ein und trieben uns durch das Tor. Es begann ein Spießrutenlaufen entlang der etwa 100 Meter langen Front des Kasernenblockes I. Dicht hintereinander stand eine Kette von Polizisten, die unbarm- [109] herzig auf uns einschlug. Vor der Bäckerei hatten die Sträflinge Aufstellung genommen, die mit Keulen hineinschlugen, wo sie trafen. Man trieb uns in einen durch Drahtverhaue begrenzten quadratischen Platz hinein, der durch Drahtzäune in vier Rechtecke geteilt war. Dort mußten wir uns mit unserem Gepäck in einer Reihe flach auf die Erde werfen. Uns gegenüber lag eine Gruppe ukrainischer Bauern, die uns angsterfüllt anstarrten. Ein tiefes Atmen und Stöhnen ging durch die Reihen. Als wir es wagten, den Kopf zu heben, blickten wir in die Mündung von Maschinengewehren, die auf zwei Ecktürmen postiert waren. Die Augen des vor mir liegenden Ukrainers waren voll abgrundtiefen Hasses auf einen Polizisten gerichtet, der mit dem Gummiknüppel die Reihen der Liegenden ausrichtete. Die Sonne brannte unbarmherzig herab. Wir hatten quälenden Durst. Nach einer halben Stunde durften wir aufstehen. Alle Wertsachen, Geld, Messer und sonstige Gegenstände wurden uns abgenommen. Wir durften nur unseren Anzug behalten, ein Hemd, ein Handtuch und eine Decke, soweit wir diese Sachen überhaupt besaßen. Da viele von uns von der Straße oder vom Büro weg verhaftet worden waren, hatten sie nichts als das, was sie auf dem Leibe trugen. Dieser oben geschilderte Empfang wiederholte sich in der Folgezeit täglich mehrere Male. Wir sahen, wie im christlichen Polen Pastoren, Popen und sogar katholische Geistliche mißhandelt wurden. Greise, die unter den Schlägen ihrer Henker zusammengebrochen waren, warf man mit einem "Verrecke, du Hund" an den Zaun. Ein silberhaariger Wolhyniendeutscher, der nach Wasser lechzend am Drahtverhau lag, wurde vom Lagerkommandanten Kurhanski vor einigen tausend Augenpaaren mit der Reitpeitsche mißhandelt.

Wir schliefen auf Holzpritschen, zwischen deren Brettern große Zwischenräume waren. Die Kanten schnitten schmerzhaft ins Fleisch. Deshalb zogen wir es vor, auf dem Betonfußboden zu schlafen. Decken bekamen wir nicht. [110] Unsere Sachen zogen wir niemals aus. Alle Bitten und Beschwerden wurden mit dem Gummiknüppel beantwortet. Berufungen, wie sie im Internierungsbefehl vorgesehen waren, wurden hohnlachend abgewiesen. Am nächsten Morgen, 4 Uhr früh, wurden wir auf den Kasernenhof hinausgetrieben. Die Sonne war noch nicht aufgegangen und wir schlotterten vor Kälte. Dann begann das Exerzieren, das den ganzen Tag lang durchgeführt wurde. Jede Übung wurde bis zur völligen Erschöpfung wiederholt. Wir mußten stundenlang in Kniebeuge stehen, oder die Arme seitwärts halten. Alte Männer, die die unmenschlichen Quälereien nicht aushielten, wurden mit dem Gummiknüppel wieder auf die Beine gebracht. Besonders beliebt waren Auf- und Niederübungen, worauf wir den Kasernenhof kriechend durchqueren mußten, dabei hagelte es Fußtritte ins Kreuz. Zur Überwachung der Übungen wurden Schwerverbrecher auf uns losgelassen, die sich mit ihren Meistern, den Polizisten, in Mißhandlungen und unflätigsten Schimpfworten überboten. Unsere einzigen Erholungen waren die Fliegeralarme, die sich in der letzten Zeit unseres Aufenthaltes einige Male täglich wiederholten. Dann mußten wir uns platt auf die Erde werfen und hatten Ruhe vor unseren Peinigern. Besonders Freude machte uns ein deutscher Flieger, der eine in der Nähe liegende Bahnlinie mit Bomben belegte. Sämtliche Polizisten, die alle für sich den Titel "Kommandant" beanspruchten, rannten wie die Hasen davon und ließen uns allein auf dem Kasernenhof. Es war streng verboten, bei Fliegeralarm den Kopf zu heben. Wir taten es natürlich doch. Aber wehe dem, der dabei erwischt wurde. Dann gab es regelmäßig Rippenbrüche und Nierenschläge. Nach einigen Tagen Exerzierübungen auf dem staubbedeckten Kasernenhof waren wir vollkommen verdreckt. Wir hatten entsetzlich unter Durst zu leiden. Da stellte man uns Eimer mit Wasser auf den Hof. Sehnsüchtig schauten wir auf das erfrischende Naß. [111] Als wir aber kein Wasser erhielten, brachen plötzlich aus den Reihen einige Leute und stürzten sich auf den Eimer. Im Nu waren die Polizisten und Sträflinge da und hielten die Leute fest. Man stellte sie in einer langen Reihe auf und mißhandelte jeden von ihnen unbarmherzig mit einem Gummiknüppel. Erst dann bekamen wir je Mann ein Töpfchen Wasser. Etwas später gab es Suppenwasser, oder Wassersuppe, wie man will. Je zwei Mann erhielten eine Schüssel von dem Getränk, das wir heißhungrig mit einem Löffel, auf dem "100 Jahre Gesundheit" stand und den wir uns zum Andenken mitgenommen haben, ausaßen.

Am Nachmittag erhielten wir dasselbe Gesöff noch einmal. Das war unsere Verpflegung. Wir hungerten von Mahlzeit zu Mahlzeit. Vom sechsten Tage unseres Aufenthalts bekamen wir regelmäßig Brot, das auf eine raffinierte Weise von den Polizisten verteilt wurde. Unser Saal erhielt drei runde Brotlaibe je 2 Kilogramm, so daß ein Brot auf 20 Mann kam. Das Brot war nicht geteilt. Wir hatten keine Messer. Man rechnete offenbar damit, daß es bei dem Heißhunger, der in unseren Gedärmen wütete, zu Streitigkeiten bei der Verteilung kommen würde, die auch tatsächlich in einigen Sälen ausbrachen. Auf unserm Saal hatte jemand einen alten Löffel, mit dem sorgfältig jedes Brot in zwanzig Teile geschnitten wurde, während 60 Mann wie hungrige Wölfe jede Bewegung des Mannes verfolgten. Nach zwei Wochen stellten sich Schwindelgefühle und Ohnmachtsanfälle bei uns ein. Sechs internierte Ärzte liefen von Saal zu Saal. Immer wieder stellten sie fest, daß die Leute vor Hunger zusammengebrochen waren. Nachdem einige Ärzte bei Interventionen um bessere Verpflegung mit dem Gummiknüppel mißhandelt worden waren, schwiegen auch sie. Dann stellten sich die ersten Ruhrerkrankungen ein, da die sanitären Verhältnisse jeder Beschreibung spotteten.

Es ist unmöglich, all die grausamen Mißhandlungen, die sich auf dem Kasernenhof vor den Augen Tausender ab- [112] spielten, hier im einzelnen wiederzugeben. Es gab Polizisten, die kalt berechnend ihre Schläge setzten und andere, die sich ihrem grausamen Geschäft mit sadistischer Freude hingaben. Es gab unter ihnen Spezialisten für Nieren- und Kopfschläge. Einige schlugen nur mit dem Gummiknüppel, andere mit Stöcken, die den Krüppeln abgenommen wurden und sogar mit dünnem Eisendraht. Wahre Bestie war der Polizist Stempien, der z. B. beim Transport von schweren Glasplatten 4 Mann mit dem Knüppel niederschlug und dessen Ankunft auf dem Kasernenhof von den Internierten mit Zittern hingenommen wurde.

Unter den Internierten befanden sich 80 Krüppel, die im Saal 9 des Blockes I untergebracht waren. 44 von ihnen waren über sechzig Jahre alt. Die Krüppel wurden mit dem Gummiknüppel gezwungen, stundenlang aufrecht zu stehen. In ihrem Saal herrschte ein furchtbarer Gestank, da die Fenster verschlossen waren und der in dem Zimmer befindliche Kübel nicht entleert werden durfte. Unter den Insassen dieses Saales befanden sich Leute mit offener Lungenentzündung und schweren Rippenbrüchen. Sie erfuhren keinerlei ärztliche Behandlung. Immer hieß es: "Verreckt." Die internierten Frauen wurden zu den schwersten Arbeiten in der Kommandantur herangezogen. Es wurden keinerlei Rücksichten genommen. Auch sie erhielten Stockschläge. Einzelne Frauen erlitten Nervenzusammenbrüche. Allen wurde das Haar kurz gestutzt. Bei der Desinfizierung wurden die Frauen gezwungen, sich vor den Polizisten zu entkleiden.

Es wird wohl nie festgestellt werden können, wieviele Menschen in den Krallen der Bluthunde von Bereza ihr Leben lassen mußten. Was sich in den Karzern des Lagers, die tief unter der Erde lagen, abspielte, ist in ewiges Dunkel gehüllt. Alle wichtigen und belastenden Papiere wurden von den abziehenden Polizisten auf Befehl Warschaus verbrannt.

[113] Die Polizisten erzählten uns, daß die Polen bei einem Durchbruch in Ostpreußen und Oberschlesien 30.000 Gefangene gemacht hätten. Aber schon am nächsten Tage merken wir, daß die Sache faul steht. Der Sträfling 2250 erklärt, daß es an der Front "dreckig" gehe. Sträflinge und Polizisten lassen uns ihre Wut fühlen. Die Suppe wird immer dünner und schließlich fast reines Wasser. Wir dürfen nicht mehr auf den Hof und werden durch stundenlanges Strammstehen in den Sälen gequält. Die Sträflinge werden bis auf 48 Mann entlassen und zum Militär einberufen. Am 16. September werden drei unserer Kameraden aus dem Saal herausgeholt. Alle drei sind Beamte der Warschauer Seidenfabrik "Schlicht". Ihnen wird vorgeworfen, vom Dach des Hauptgebäudes aus Lichtsignale gegeben zu haben. Sie werden stundenlang verhört und geschlagen. Der Direktor Kopiera erhält 118 Schläge mit dem Gummiknüppel, bis er besinnungslos wird. Er wird mit Wasser übergossen und weitergeschlagen. Nachdem die drei Beamten von zwei Sträflingen mit Fußtritten bearbeitet worden sind, werden sie in den Karzer gesteckt. Am 17. September abends wird der auf unserem Saal liegende Kantor der evangelischen Kirchengemeinde in Grodno, Robert Wegner, aus unserm Saal geholt. Um 12 Uhr nachts erhalten die Polizisten in einem von einigen internierten Frauen belauschten Telefongespräch aus Warschau den Befehl, Bereza sofort zu verlassen. Sie bekommen den Auftrag, alle Schmucksachen und das Silber mitzunehmen. Den Polizisten brennt der Boden unter den Füßen. Es herrscht ein unbegreifliches Durcheinander. Die Polizisten raffen alles, was an Wertsachen und Silbergeld in ihre Hände fällt, zusammen und verlassen in Autos die Strafanstalt. Am frühen Morgen des 18. September hören wir einen ungewöhnlichen Lärm in den Korridoren der Anstalt. Die Tür unseres Saales wird aufgerissen, jemand schreit hinein: "Ihr seid frei!"



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