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Sie alle bauten Deutschland.
Ein Geschichtsbuch für die Volksschule.


Das Erste Deutsche Reich
bis zum Westfälischen Frieden (Teil 5)

Die Rückgewinnung des deutschen Ostens

Die Züge der deutschen Kaiser nach Italien hatten Deutschland oft in schwere Kämpfe verwickelt und viel Blut gekostet. Der Norden und Osten des Reiches waren darüber vernachlässigt worden. Einzelne Männer erkannten dies und lenkten die deutsche Volkskraft dort hin. Im 12. Jahrhundert war Deutschland stark bevölkert; es fehlte an Siedlungsland. Der Osten dagegen bot Raum.

 
Brandenburg

Der Kampf gegen die Slawen wurde unter Kaiser Lothar, einem Vorgänger Barbarossas, wieder aufgenommen. Er gab 1134 die Nordmark an Albrecht den Bären aus dem Geschlecht der Askanier. Dieser und seine Nachfolger gewannen in zähem Kampf das Land bis zur Oder. Sie riefen Ritter, Bauern und Handwerker aus allen Teilen des übervölkerten deutschen Reiches in ihr Land.

 
Gen Ostland wollen wir fahren

Es war Flut. Laut donnerten, brausten und rauschten die Wellen der Nordsee gegen den Deich, hinter dem das friesische Dorf mit seinen strohbedeckten Scheunen, Stallungen und weiträumigen Bauernhäusern lag. So ist das schon Jahrhunderte gewesen.

Aber an diesem Tage herrschte große Aufregung unter den Bewohnern. Die Marschbauern waren bei der Kirche versammelt und lauschten aufmerksam den Worten des Ritters Friedhard von Bernburg, der am Morgen in das Dorf gekommen war: "Mein Herr, der Markgraf Albrecht der Bär, hat den Slawen jenseits der Elbe viel Land abgenommen. Nun braucht er Bauern, die das Land besiedeln, und Ritterschaft, die es verteidigen hilft. Aber auch Handwerker sind nötig für die Dörfer, Flecken und Städte, die im Ostland entstehen sollen. Schickt die zweiten und dritten Söhne eurer Höfe hinaus ins Brandenburger Land, damit es mit deutschen Menschen gefüllt und der Acker wieder bestellt werde."

Der Reisige machte eine kleine Pause. Mit erhobener Stimme sprach er dann weiter: "Eine Bedingung stellt allerdings unser Markgraf. Er will nur verheiratete Siedler ins Land nehmen."

Die Zuhörer dachten daran, wie oft die nachgeborenen Söhne schon gemurrt hatten, daß sie ihr Leben lang als Knechte bei ihrem ältesten Bruder arbeiten mußten. Jetzt konnte den Unzufriedenen geholfen werden. Bis zum nächsten Morgen baten sich die Bauern Bedenkzeit aus. Dann kamen sie wieder zusammen. In ihrer Begleitung befanden sich die Söhne, schlanke, blondhaarige Gestalten mit kühnen, schmalen Gesichtern.

"Dein Vorschlag gefällt uns, Friedhard von Bernburg," wandte sich der Dorfschulze an den Ritter; "in ernster Beratung haben wir ihn geprüft. Wir sind mit einer Abwanderung einverstanden. Hier stehen die Jungmannen des Dorfes, die den väterlichen Hof nicht erben. Unsere Söhne sollen aber nicht arm in das fremde Land kommen. Jeder Hof wird seine Kinder so gut ausstatten mit Rüstung, Vieh, Saatkorn, Haus- und Feldgeräten, wie es ihm nur möglich ist." Der eisgraue Uwe fuhr bedächtig fort: "Auch eine Frau bringt jeder mit. Du hast ganz recht, Ritter. Auf jeden Hof gehört eine Bäuerin. Erst, wenn Kinder heranwachsen, wird die Mark ein deutsches Land bleiben."

Mit festem Handschlag verabschiedete sich der Bernburger. Er mußte noch weiter in andere Dörfer, um noch mehr Siedler für seinen Markgrafen anzuwerben.


Den langen Winter über wurde die Reise sorgfältig vorbereitet. In allen Marschdörfern gab es viel Arbeit. Überall waren die Männer damit beschäftigt, breite und starke Wagen zu bauen. Die Schmiede hatten Tag und Nacht zu tun, um alle Waffen, Truhen und Kästen herzustellen, die bei ihnen bestellt waren. Die Bäuerinnen webten für ihre abwandernden Kinder dicke Leinenballen und schönes Wollzeug.

Als im nächsten Frühjahr die ersten warmen Sonnenstrahlen über den fetten Marschen lagen, wurden die Pferde vor die großen Planwagen gespannt, die bis oben hin mit Hab und Gut beladen waren. Der Abschied fiel schwer. Lange schauten die Marschbauern dem Zuge nach, bis er schließlich in der Ferne verschwand.

Unterwegs trafen die Auswanderer ähnliche Wagenzüge. Die Fahrt ging über Bremen, dann durch die Lüneburger Heide. Nach vierzehn Tagen kamen die Siedler in Stendal an. Auf dem Marktplatz stand bereits Wagen an Wagen. Aus allen Teilen des Reiches, aus Friesland, Sachsen, Westfalen, Flandern und Holland waren die Jungbauern, die Rittersöhne und die Bürger hier zusammengetroffen.

Der Markgraf Albrecht war selbst erschienen. Ernst klang seine Stimme über den weiten Platz: "Nun wünsche ich euch, daß ihr euch wohlfühlt in der neuen Heimat, die ihr in wenigen Tagen erreicht. Dreierlei vergeßt niemals: euren Herrgott im Himmel, eure deutsche Sprache und Art und das gute deutsche Recht, das wir von unseren lieben Ahnen übernahmen. Bei den Städtern soll allzeit das Magdeburger Recht gelten. Ihr alle lebt in meinem Land als freie Bauern und freie Bürger. Ihr Ritter schützt mit starker Hand den märkischen Boden. Ihr dürft es jedoch niemals wagen, die Bauern zu unterdrücken. Pflug und Schwert gehören zusammen. Seid einig in Not und Gefahr. Haltet die neue Heimat fest, und steht auf der Wacht gegen alle Gefahren, die das Reich bedrohen. Und nun fahrt hin in das Havelland. Seid stets fleißig, treu und tapfer und haltet des Reiches Fahne hoch."

"Wir geloben es, Markgraf Albrecht!" riefen ihm die Neubauern zu. Dann gingen sie zu ihren Wagen zurück. Die Reiter stiegen zu Pferde. Bald rumpelten die schweren Planwagen zum Osttor der Stadt hinaus.

Friedhard von Bernburg war der Führer des langen Zuges. Fröhlichen Herzens stimmte ein Jungbauer das Lied an:

    "Naar Oostland wille wi vare,
    naar Oostland wille wi mee,
    well over de gröne Heyde
    frisch over de Heyde, da is een betere Stee!"

Allmählich löste sich die lange Wagenreihe auf. Friedhard hatte den Friesen, die inzwischen den klugen Sven zu ihrem Sprecher gemacht hatten, einen ortskundigen Führer beigegeben, der sie in ein fruchtbares Flußtal geleitete. "Hier soll euer neues Dorf entstehen!"

Mit Sven steckte er am anderen Morgen die Straße ab. Darauf wiesen beide jedem Siedler ein Stück Land zu. Zwei Hufe war es groß, sechzig Morgen.

Nun ging es mit Macht an die Arbeit. In den Wäldern der neuen Heimat erklangen bald die Äxte. Eichenpfosten wurden in die Erde geschlagen. Nach einigen Wochen stand zu beiden Seiten der Dorfstraße Gehöft an Gehöft.

Nach dem Häuserbau begannen sie mit der Anlage der Dorfflur. Rings um die Siedlungen wurde in weitem Umkreis der Urwald ausgerodet, das Buschwerk entfernt, Heide umgebrochen, Sumpf- und Moorland entwässert und Deiche gegen Überschwemmungen gebaut. Dann holten die Siedler die schweren Eisenpflüge herbei und brachen hinter ihren Gehöften einen langen, zusammenhängenden Streifen Ackerland damit um.

Sven wurde der Erbschulze dieses neuen Dorfes. Für seine Mühe bekam er ein größeres Stück Land, ein Sechstel der Dorfflur. Außerdem erhielt er das Recht, eine Mühle und eine Schenke anzulegen.

Der Markgraf erließ den Neubauern den Zins für die ersten zehn Jahre. Aber auch Mönche, besonders vom Orden der Zisterzienser, kamen ins Land. Sie betrieben vorbildlich Acker- und Gartenbau und wurden dadurch Lehrer des Volkes. Die Ritter bauten Burgen zum Schutz gegen die Feinde.

Als die erste Ernte herankam, war die Freude der Bauern über den Ertrag groß. "Wenn es hier auch noch nicht so wächst wie in unserer alten Heimat," sagten sie zueinander, indem sie prüfend die Getreidekörner zwischen den Fingern rieben, "so wollen wir doch damit zufrieden sein. Laßt uns den Boden nur immer gut bearbeiten, dann werden wir in einigen Jahren hier ebenso reiche Ernten bekommen wie unsere Väter in den saftigen Marschen."

 
Sachsen

Die Mark Meißen an der Elbe und die Lausitz gab Lothar an Konrad von Wettin. Er und seine Nachfolger, die Wettiner, haben das heutige Sachsen und die Lausitz dem Deutschtum zurückerobert. Bergleute aus dem Harz gewannen das Silber aus dem Erzgebirge und förderten auch die Erzschätze in Böhmen. Leipzig wurde Haupthandelsplatz.

 
Böhmen

Die Herrscher Böhmens riefen deutsche Handwerker, Kaufleute und Bergleute in ihr Land. Ihre Städte, an der Spitze Prag, wurden nach deutschem Muster ausgebaut und nach deutschem Recht verwaltet. Ein großer Teil der Landbevölkerung dagegen blieb tschechisch.

 
Das Donaugebiet und die Alpenländer

Im Südosten erwarben sich die Herrscher der Ostmark, die Babenberger, unsterbliche Verdienste um die Ausbreitung des Deutschtums im Donauraum und in den Alpenländern. Die Siedler kamen vorwiegend aus Bayern. Unter Barbarossa entstanden hier nach der Aufteilung der Besitzungen Heinrichs des Löwen selbständige Herzogtümer. Sie wurden später unter den Habsburgern zum Staate Österreich zusammengeschlossen. Wien wurde Haupthandelsplatz und Ausgangspunkt der deutschen Kultur im Südosten.

 
Schlesien

Schlesien war durch Barbarossa von Polen getrennt worden. Seine Fürsten riefen deutsche Ritter, Bauern und Handwerker in das Land. In kurzer Zeit war ganz Schlesien deutsch. 1241 schlug ein Herzog von Liegnitz den Ansturm wilder Mongolenhorden ab und rettete Europa vor der Überflutung durch die asiatische Rasse.

 
Preußen und der Deutsche Ritterorden

a. Gründung des Ordensstaates und seine Blüte. In dem Lande zwischen Weichsel und Memel wohnten die alten Preußen. Ein Polenfürst versuchte vergeblich, sie zu unterwerfen. Deshalb rief er den Deutschen Ritterorden zu Hilfe.

Nach den Kreuzzügen hatten die Ritterorden Palästina verlassen müssen. Unter dem Hochmeister Hermann von Salza folgte der Deutsche Ritterorden dem Rufe des Polenfürsten und zog 1230 nach Preußen. Der deutsche Kaiser hatte ihm seine Unterstützung zugesagt und ihm zugebilligt, daß alles eroberte Land unabhängiges Eigentum des Ritterordens sein sollte.

In einem fünfzigjährigen, zähen Ringen, in dem der Orden durch freiwillige Kämpfer aus allen Gauen des Deutschen Reiches unterstützt wurde, gewann er das Land zwischen Weichsel und Memel. Er legte Burgen und Städte an (Königsberg), zog deutsche Siedler
Die Marienburg
Die Marienburg
in das Land und gründete den Ordensstaat Preußen mit dem Sitz in der Marienburg a. d. Nogat (Ordensfarben schwarzweiß). Es entstanden unzählige Dörfer und viele Städte, deren Namen noch heute an die Ordenszeit erinnern. (Rastenburg, u. a.) Das ganze Gebiet wurde deutsches Land.

Nach der Unterwerfung der alten Preußen dehnte der Orden seine Macht bis Kurland, Lettland und Estland aus. Auch die Gebiete westlich der Weichsel bis Pommern gehörten zum Ordensstaat. Im 14. Jahrhundert erlangte das Ordensland unter dem Hochmeister Winrich v. Kniprode seine höchste Blüte.

b. Der Untergang des Ordensstaates. Der Orden nahm nur Ritter aus dem Reiche als Mitglieder auf. Sie durften niemals heiraten. Angehörige des preußischen Landadels waren ausgeschlossen. So fehlte den Ordensmitgliedern die Bindung an Blut und Boden. Die Städte waren neidisch auf den Handel des Ordens; sie mußten hohe Steuern zahlen. Adel und Städte wurden unzufrieden und traten in geheime Verbindungen mit dem Landesfeind, dem König von Polen. Polen hatte sich mit Litauen vereinigt. Es wurde mächtig und begann den Kampf gegen das Deutschtum. 1410 besiegte der König von Polen den Orden in der Schlacht bei Tannenberg.

 
Die Schlacht bei Tannenberg

Schweigend breitet sich südlich von Osterode die Ebene aus. An manchen Stellen ist sie von großen Wäldern und Seen unterbrochen.

Während die Sonne über den weiten goldenen Kornfeldern liegt, zieht von allen Seiten die Streitmacht des Ordensmeisters Ulrich von Jungingen heran. Hier kommen die Gebietiger mit ihren Fähnlein; dort die Ratsherren der preußischen Städte mit ihren Kriegern, und zwischen den Scharen und Geschützen des Deutschritterordens marschieren die vielen Tausend Söldner aus dem Reich, die Bogenschützen aus Holland und die wallonischen Spießträger.

Von Osten her wälzen sich die Heere des Feindes heran. In unübersehbaren Haufen kommen sie über die Höhen. König Jagiello, der Herrscher über Polen und Litauen, hat sie alle aufgeboten, die Litauer, Ruthenen und Ukrainer, sogar die wilden Tataren, Walachen und Sarazenen. Ihnen folgen die Heerbanne der Polen; den Schluß bilden Schwärme böhmischer und mährischer Söldner.

Die Nacht ist scheußlich. Blitz auf Blitz erleuchtet das Feldlager des Deutschritterordens taghell. Ungeheure Regenfluten strömen nieder. Der Sturm reißt alle Zelte von den Pflöcken und weht die Planen in das Land.

Aber noch ist das Polenheer weit entfernt. Da sprengt ein Reiter in das Lager und berichtet von den Greueltaten der Polen. Rachedürstend bricht das Heer auf. Stundenlang dauert der Marsch.

Erschöpft, ausgehungert, durchnäßt trifft das Ordensheer bei Tannenberg auf den Feind. Bald steht es zum Kampf bereit. Doch beim Gegner herrscht noch ein wildes Durcheinander. In Ulrich von Jungingen lebt noch der Geist seiner germanischen Vorfahren. Er will die Schwäche des Feindes nicht ausnutzen und wartet, bis Jagiellos Heer kampfbereit ist.

Endlich ertönt das Signal zum Angriff. In einer gewaltigen Staubwolke prallen die Heere aufeinander. Nach langem, schwankenden Kampf weicht endlich Witowd, der Anführer der Litauer, zurück. Weithin erschallt das Siegeslied des Ordensheeres.

Da geschieht der Verrat. Die Ritter vom Eidechsenbund verlassen das Kampffeld. Die Kulmerländische Ritterschaft schwenkt zu den Polen. In die Lücken des Ordensheeres rückten die Feinde ein. Nach kurzem Kampf liegen der Hochmeister, die Ordensgebietiger und fast alle Deutschherren auf der blutgetränkten Kampfstätte.

Nur einige Haufen der Söldner, ein Teil der Landritter und die städtischen Aufgebote entkommen. In wilder Flucht ziehen sie der Weichsel zu. Die Polen sind jetzt Herren im Ostland des Reiches.

 
Heinrich von Plauen

Schweiß- und staubbedeckt steht der Bote vor Heinrich von Plauen, dem jungen Komtur von Schwez. "Graf Friedrich von Zollern sendet mich. Es ist alles verloren, gnädiger Herr! Das Ordensheer ist vernichtet, der Hochmeister erschlagen. Rettet euch und euer Heer vor der Übermacht der Feinde! Zieht nach Westen ins Reich!"

Aber der Großgebietiger folgt diesem Rat nicht. Er begibt sich im Eilmarsch nach Norden. Nur dreitausend Ritter, Söldner und Kriegsknechte zählt sein Heer. Nach drei Tagen hält der Komtur seinen Einzug in die Marienburg. Sie ist der letzte Schutz des Reiches im Osten.

Schon nach wenigen Stunden reiten Boten in das Land hinaus. Am anderen Morgen fahren Bauernwagen auf Bauernwagen mit Hab und Gut vollbeladen in die Ordensburg. Ihnen folgen die Bürger der Stadt Marienburg. Als der nächste Tag graut, steht die Stadt in hellen Flammen.

Im Remter ist der Konvent versammelt. Ernst spricht der Komtur zu den Rittern: "Der König von Polen zieht mit großer Heeresmacht heran. Laßt uns dem Kampf mit starkem Herzen entgegensehen. Wir Deutschritter wollen bis zum letzten Atemzuge für unsere Fahne kämpfen, wie es uns die Regel unseres Ordens vorschreibt."

Die Ritter treten vor. Einer nach dem anderen reicht Heinrich von Plauen fest und stumm die Hand. Dann wählen sie ihn zum Nachfolger des toten Hochmeisters.

 
Der Kampf um die Marienburg

Zehn Tage später bringt ein Kundschafter die Meldung: "Der Feind ist im Anmarsch." Daraufhin nehmen die Ritter auf den Wehrgängen die Plätze ein. Am nächsten Morgen ist die Burg von allen Seiten von Feinden eingeschlossen, und der Sturm beginnt. Polen und Litauer, Tschechen, Ruthenen, Ukrainer, Tataren, Walachen und Sarazenen rennen gegen das Bollwerk an.

Tag für Tag wiederholen sie die Angriffe. Aber die Verteidiger halten stand. Von den Handwerkern werden nachts die Schäden wieder ausgebessert, welche die Kanonenkugeln in die Mauern hineingerissen haben. Ruhig und entschlossen stehen die Ritter. Nicht einen Augenblick wankt ihr Mut. Auch die Bürger und Bauern in der Burg sind bereit, heldenhaft zu sterben.

Im Lager der Feinde herrscht wilde Zügellosigkeit. Im weiten Umkreis plündern ihre Kriegerhorden die Dörfer aus. Schon nach wenigen Tagen sind alle Gehöfte verwüstet. Die Beute wird verpraßt und verjubelt.

Auf der Ordensburg werden bald die Nahrungsmittel knapp. Heinrich von Plauen sinnt, ob nicht eine Rettung möglich ist. Unerschrocken begibt er sich mit einigen Ordensrittern zum polnischen König und bittet: "Schließe mit uns Frieden! Wir geben dir als Kriegsentschädigung das Kulmerland und Pommerellen." Hochmütig weist ihn der Polenkönig zurück: "Das gesamte Ordensland ist der einzige Friedenspreis. Übergebt die Burg! Danach fleht um Gnade!"

Heinrich von Plauen reißt ein wenig den Kopf in den Nacken. Stolz entgegnet er Jagiello: "Wir haben ein Gesetz, das uns befiehlt, den Tod der ehrlosen Feigheit vorzuziehen. Solange noch ein einziger Ordensritter lebt, wird euch die Burg nicht übergeben werden. Wir sind entschlossen, eher miteinander zu sterben, als die Ehre des Ordens aufzugeben. Nimmermehr werden wir uns einem schändlichen Frieden beugen." Er wendet sich um und reitet nach der Marienburg zurück.

Im Remter empfängt ihn erwartungsvoll die Ritterschaft. Der Statthalter gibt den Befehl: "Wir verteidigen die Burg bis in den Tod." Schweigend gehen die Ritter hinaus.

Wieder rennen König Jagiellos Sturmscharen gegen die Mauern an. Aber die Eingeschlossenen verteidigen sich tapfer und verbissen, obwohl Not und Nahrungsmangel ihre Kräfte schwächen. Allmählich werden auch die Lebensmittelvorräte bei den Feinden knapp; denn das umliegende Land ist weithin verwüstet.

Eines Morgens erhält der Ritterorden Hilfe. Die Stadt Königsberg hat Schiffe mit Mannschaften und Vorräten an Mehl, Brot und Fleisch gesandt. Die Ordensritter wagen einen kühnen Ausfall. Während der Schlacht gelangen die Schiffe ungehindert an die Burg. Dadurch erleidet die Zuversicht der Feinde einen heftigen Stoß. Zudem brechen in dem Lager der zügellosen, feindlichen Horden Ruhr und Pest aus, und ihre Angriffe hören bald auf.

Als noch die Nachricht in die Burg gelangt, daß der Ungarnkönig und der Landmeister von Livland in Polen eingefallen sind, steigt bei aller Not die Zuversicht der Eingeschlossenen.

Nach einigen Tagen schickt Jagiello einen Boten zu Heinrich von Plauen. "Unser König bietet dir Frieden. Du mußt aber das Kulmerland und Pommerellen an ihn abtreten!" Aber heute lehnt der Statthalter ab: "Damals schlug mir eurer König diese Friedensbedingungen ab. Jetzt gebe ich kein Land mehr heraus."

Die Feinde räumen nach fast zweimonatiger Belagerung das Feld. Ihr großes Lager geht in Flammen auf. Um die Ordensburg legt sich ein mächtiger Ring von Feuer und Rauch. Nur mit großer Mühe wehren die Verteidiger die wütenden Flammen von ihrer Burg ab.

Als am anderen Morgen der Brand erlischt, ist kein Feind mehr zu sehen. Jagiello ist in sein polnisches Reich zurückgezogen. Heinrich von Plauen aber reitet mit seinem Heer durch das weite Ordensland. In wenigen Tagen hat er die vier verräterischen Bischöfe des Preußenlandes, die treulose Kulmer Ritterschaft, den abtrünnigen Adel und die Städte Pommerellens niedergeworfen. Das Preußenland ist wieder deutsch.


Nach neuen Unruhen im Innern und neuen Kämpfen mit Polen verlor der Orden im zweiten Frieden zu Thorn 1466 Westpreußen, Danzig und Thorn an Polen und behielt nur Ostpreußen, aber auch nur als polnisches Lehen.

Zur Zeit der Reformation wurde der Ordensstaat in ein weltliches Herzogtum umgewandelt. Dieses fiel 1618 durch Erbschaft an Brandenburg.

 
Ungarn und Polen

Die Fürsten von Ungarn und Polen wußten den Wert der deutschen Siedler zu schätzen. Nach Ungarn kamen Bauern und Handwerker aus den Gebieten von Rhein und Mosel und fanden im heutigen Siebenbürgen Wohnsitze. Hier entstanden die Städte Klausenburg und Kronstadt. Die Nachfolger dieser Zuwanderer haben ihr Deutschtum bis heute erhalten; es sind die "Siebenbürger Sachsen".

In Polen ließen sich die Deutschen vorwiegend in den Städten nieder, so in Warschau, Krakau und Litzmannstadt. Zahlreiche polnische Städte hatten deutsches Recht.



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