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IV. Übersicht über die Wirtschaftsentwicklung   (Forts.)

2. Sozialpolitischer Lagebericht   (Forts.)

b) Arbeitslosenfürsorge

Die verantwortlichen Staatsmänner der tschechoslowakischen Republik preisen die Prager Demokratie als das Prinzip der Humanität. Die Staatsphilosophie [254] Masaryks und Beneschs ist auf diesem Humanitätsprinzip aufgebaut, und in diesem Geist der Nächstenliebe werden angeblich alle Maßnahmen des Staates getroffen. Die staatliche "Fürsorge" für die zum größten Teil unverschuldet um Arbeit und Brot gekommenen Arbeitnehmer kündet von einem anderen Geist! Mag sein, daß die Arbeitslosenfürsorge in erster Linie deutschen Arbeitsmenschen zuteil werden muß und daß man für sie das Gebot der Menschlichkeit ausschließt. Jedenfalls können die auf die staatliche Fürsorge angewiesenen Erwerbslosen diesen Geist der Menschlichkeit nicht spüren. Aber auch der Geist der von den Marxisten gepredigten Brüderlichkeit berührt sie nicht. Wenn es noch eines Beweises bedürfte, wie wenig die Marxisten soziale Probleme und Arbeiterfragen zu lösen vermögen, die Arbeitslosenfürsorge in der Tschechoslowakei würde ihn liefern. Von 1918 bis 1926 und von 1929 bis zum heutigen Tage sitzen vier marxistische Minister in der Prager Regierung, und einer von ihnen verwaltete stets das Ministerium für soziale Fürsorge, in dessen Kompetenz auch die Betreuung der Erwerbslosen fällt. Sie erweist sich als völlig
Arbeitslose erhalten Lebensmittel durch die Sudetendeutsche
Volkshilfe.

[254]
      Arbeitslose erhalten Lebensmittel durch die Sudetendeutsche Volkshilfe. Die staatliche Arbeitslosenunterstützung ist so gering, daß sie dem Hunger nicht steuern kann. Bei Verheirateten beträgt sie wöchentlich 20 Kronen (2 RM). Da setzt, soweit die Mittel reichen, die Eigenhilfe der Volksgenossen ein. Die Sudetendeutsche Volkshilfe brachte im Winter 1936 über 1,5 Millionen Mark auf.
unzulänglich und unsozial. Die staatlichen Hilfsmaßnahmen sind so unzureichend, daß die deutschen [255] Erwerbslosen schon alle Hungers gestorben wären, wenn ihnen nicht durch einen deutschen Sozialismus der Tat geholfen würde. Wenn man sich vor Augen hält, daß der Staat einem verheirateten Erwerbslosen ohne Anrechnung der Kinder RM 2. — pro Woche in Form von Lebensmittelanweisungen auszahlt und mehr als 500.000 Sudetendeutsche Opfer des tschechischen Wirtschaftskrieges geworden sind, dann wird die Ungeheuerlichkeit der sicher nicht im Geiste der Humanität getroffenen Maßnahmen so klar erkenntlich, die das sudetendeutsche Winterhilfswerk, das auf dem völkischen Selbsthilfeprinzip aufgebaut dort helfen will, wo der Staat untätig zusieht, in seiner Tätigkeit einschränkt und für einzelne Staatsgebiete verbietet! Hier wird der brutale Vernichtungswille kund, der kein Erbarmen und kein Mitleid für Deutsche kennt.

Die Arbeitslosenfürsorge in der Tschechoslowakei wird auf Grund des Gesetzes vom 19. Juli 1921 Slg. 267 und der Kundmachungen des Ministeriums für soziale Fürsorge vom 23. Dezember 1924 nach dem "Genter System" durchgeführt. In die "Fürsorge" für den Erwerbslosen teilen sich Staat und eine staatlich anerkannte Arbeitnehmergewerkschaft! Der Arbeitslose gewinnt einen Anspruch auf die Unterstützung, somit auch auf den Staatsbeitrag zu dieser, nur dann, wenn er Mitglied einer Arbeitnehmergewerkschaft ist, die nach ihren Satzungen und Vorschriften den Mitgliedern Unterstützungen während der Dauer der Arbeitslosigkeit auszahlt.

Der Staatsbeitrag betrug zuerst ebensoviel wie die Unterstützung, welche die Gewerkschaften den Arbeitslosen aus eigenen Mitteln auszahlten. Seit dem Gesetz vom 5. Juni 1930 Slg. 74 ist das Verhältnis zu Gunsten der Gewerkschaften auf 1 : 4 abgeändert worden. Verheiratete Mitglieder, die wenigstens die einjährige Mitgliedschaft nachweisen können und solche Ledige, die fünf Jahre Mitglieder sind, erhalten die vierfache Gewerkschaftsunterstützung als Staatsbeitrag. Die Gewerkschaftsunterstützung darf nicht weniger als 0,75 Kronen, d. s. 7,5 Pfennige, täglich betragen. Die oberste Grenze des Staatsbeitrages ist 18 Kronen, d. s. 1,8 Mark täglich. Beide Beträge dürfen zusammen nicht mehr als zwei Drittel des letzten Lohnes ausmachen. Die Unterstützung wurde nach den früheren Gesetzen für 26 Wochen im Jahre gewährt und ist jetzt auf 39 Wochen verlängert, wobei die Unterstützung der letzten 13 Wochen niedriger ist.

Für die ausgesteuerten Arbeiter und die nicht gewerkschaftlich Organisierten zahlte der Staat pro Woche einem Verheirateten ohne Rücksicht auf die Kinderzahl 20 Kc, später 16 Kc und für den Ledigen 10, bezw. 8 Kc in der Form von Lebensmittelanweisungen (die sogenannten "Czechkarten", genannt nach dem sozialdemokratischen Minister Czech, der sie einführte) in der genannten Geld-Höhe, wofür die Arbeitslosen in den Gemeinden über Aufforderungen Hilfs- [256] arbeiten leisten mußten!102 Wer nicht gewerkschaftlich organisiert ist, erhält daher seit 1. April 1925 keine staatliche Arbeitslosenunterstützung. Dadurch schied mit Einführung des "Genter Systems" der Großteil der Arbeitslosen des Staates aus dem Bezuge einer ordentlichen Arbeitslosenunterstützung aus. Heute erhält nicht einmal ein Drittel aller Erwerbslosen eine Unterstützung nach dem "Genter System". Die anderen zwei Drittel bleiben unberücksichtigt, bezw. erhalten bestenfalls Zuwendungen von 10,— bezw. 20,— Kc pro Woche aus der sogenannten Ernährungsaktion.

Der staatliche Aufwand für die Arbeitslosenhilfe war folgender:

Vom 15. Dezember 1918 bis Ende 1919 zahlte sie 260,532.480 Kc, im Jahre 1920 - 91,856.514 Kc an Arbeitslosenunterstützungen aus. Nach amtlichen Mitteilungen betrugen die reinen Ausgaben für Arbeitslosenunterstützungen im Jahre 1921 (bei einem Jahresdurchschnitt von 71.511 Arbeitslosen) 69,085.438 Kc; 1922 (bei 127.177) 194,851.258 Kc; 1923 (bei 207.288) 348,129.295 Kc und 1924 (bei 96.819) 91,947.160 Kc. Demgegenüber betrug der Staatszuschuß zur Arbeitslosenunterstützung nach dem "Genter System" für neun Monate des Jahres 1925 (bei 43.703 Erwerbslosen) nur 3,265.718 Kc, 1926 (bei 67.850) 20,032.423 Kc; 1927 (bei 52.869) 17,815.457 Kc; 1928 (bei 38.635) 13,972.784 Kc; 1929 (bei 41.630) 18,788.696 Kc; 1930 (bei 105.441) 44,855.657 Kc; 1931 (bei 291.332) 171,415.559 Kc; 1932 (bei 554.059) 359,331.762 Kc; 1933 (bei 738.267) rund 515 und 1934 (bei 676.993 Arbeitslosen) nur rund 310 Millionen Kc. [257] Die Staatskassa zog somit aus der Einführung des "Genter Systems" wesentliche Vorteile.

Der gewaltige Unterschied in den staatlichen Aufwendungen vor und nach Einführung des "Genter Systems" tritt am sichtbarsten in Erscheinung, wenn man die ausbezahlten Beträge auf die Durchschnittszahl der Arbeitslosen in den einzelnen Jahren aufteilt. Hiebei entfallen auf die einzelnen Jahre folgende Kopfquoten, u. zw. - im Jahre 1921 - 966 Kc; 1922 - 1.532 Kc; 1923 -1.679 Kc; 1924 - 950 Kc. Sie machte dagegen im Jahre 1926 - also nach Einführung des "Genter Systems" - nur 295 Kc; 1927 - 337 Kc; 1928 - 362 Kc; 1929 - 451 Kc; 1930 - 425 Kc; 1931 - 588 Kc; 1932 - 648 Kc; 1933 - 697 Kc und 1934 - wiederum nur 458 Kc aus.

Nach einer Feststellung des sudetendeutschen Arbeiterführers Rudolf Kasper wurden im Jahre 1932

    im Januar   von 583.000 Arbeitslosen 186.000 gewerkschaftlich
    im Februar   "   631.000       " 197.000           "

unterstützt, d. h., daß der Staat seinen Beitrag zur Arbeitslosenunterstützung im Verhältnis 1 : 4 leistete.

Wenn man nun annehmen würde, daß durchschnittlich ein Viertel der Arbeitslosen gewerkschaftlich unterstützt werden, und zwar mit dem staatlichen Höchstzuschuß von 18 Kc, dann ergäbe sich für das Jahr 1932 das nachstehende Bild, das sich in den nachfolgenden Jahren nur relativ verändert haben dürfte:

    130 000 Erwerbslose à 100 Kč wöchentlich . . . 376 Millionen
    Rest . . .   16       "

Es zeigt sich also, daß dieser Unterstützungsschlüssel unmöglich anwendbar ist. Wenn man den staatlichen Zuschuß für die gewerkschaftlich Unterstützten auf 50 Kc wöchentlich herabsetzt, ergibt sich für den Staat eine Ausgabe von 338 Millionen im Jahre, so daß ihm für die restlichen drei Viertel Erwerbslose 354 Millionen verblieben wären, was bedeutet hätte, daß die durchschnittliche wöchentliche Unterstützung 17 Kc betragen hätte, die ungefähr dem Mittel gleichkommen würden der wöchentlichen Beihilfe von 10 bzw. 20 Kc für die ausgesteuerten und nichtorganisierten Arbeiter, vorausgesetzt, daß die Zahl der Ledigen und Verheirateten gleich groß ist. Daraus ergibt sich, daß für drei Viertel der erfaßten Arbeitslosen die Unterstützungsbasis 15 Kc wöchentlich ist, d. s. 1,75 RM.

In Wirklichkeit liegen die Verhältnisse aber viel schlechter!

Einer in tschechischen Tageszeitungen veröffentlichten Statistik nach ist die Höhe der Arbeitslosenunterstützung vom Jahre 1919 bis zum Jahre 1935 von 5,56 Kc auf 2,45 Kc je Kopf und Tag gesunken.

[258]

    Jahr     Arbeitslose   Unterstützungs-   
    gelder Kč
    Durchschnitt
    täglich je Kopf Kč
    1919 169.000 344,000.000 5,56
    1923 202.000 392,000.000 5,30
    1932 553.800 591,000.000 3,42
    1933 758.000 820,000.000 3,04
    1934 677.000 643,000.000 2,60
    1935 696.000 625,000.000 2,45

Auch diese Berechnung bezieht sich auf Unterstützung von Gewerkschaftsmitgliedern.

In diesem Zusammenhang ist die folgende Darstellung des Gewerkschaftswesens in der Tschechoslowakei von Interesse:

In der Tschechoslowakei wird das Existenzminimum mit 5.000 Kc angegeben. Der Lohnausfall betrug in der Zeit von 1929 bis 1933, wenn man die angeführten unvollständigen Arbeitslosenziffern als Grundlage der Berechnung nimmt, 5,5 Milliarden. Die staatliche Hilfe 1,2 Milliarden, so daß der Verlust an Volksvermögen 4,3 Milliarden beträgt.

Auch diese Berechnung erreicht die tatsächliche Höhe nicht!

Nach dem Stand der Arbeitslosigkeit im Februar 1935 waren von 844.000 gemeldeten Erwerbslosen nur 294.000, also nur 35 v. H., denen eine Unterstützung nach dem "Genter System" zugute kam. Volle 65 v. H. erhalten überhaupt keine Unterstützung oder müssen sich mit den Lebensmittelkarten, den sogenannten Czechkarten, abfinden, und dabei hat der Staat bisher nach Angaben des Senators Johannes im sozialpolitischen Ausschuß des Senates 4.126,245.000 Kronen an staatlicher Arbeitslosenunterstützung ausgezahlt.

Von der staatlichen "Fürsorge" für die Erwerbslosen in den sudetendeutschen Gebieten gibt ein Bericht des Vizepräsidenten des Prager Abgeordnetenhauses, Abg. Siegfried Taub, im sozialpolitischen Ausschuß einen bezeichnenden Überblick.

In Brandau waren am 14. November 396 Arbeitslose. 90 von diesen beziehen die Unterstützung nach dem Genter System, 119 erhielten Ernährungskarten, 187 haben keinerlei Unterstützung erhalten. Dazu kommen noch 14 Personen, die aus der Ernährungsaktion ausgeschieden wurden, so daß 200 Personen in Wirklichkeit ohne jede Unterstützung sind. Die Schule in Brandau hat 418 Kinder, 46% davon sind Arbeitslosenkinder!

In Katharinaberg zählen wir 280 Arbeitslose. Davon erhalten 90 Personen die Unterstützung nach dem Genter System, 26 Personen beziehen Ernährungs- [259] karten, die übrigen 164 erhalten überhaupt keine Unterstützung. Es wurden Leute von der Ernährungsaktion ausgeschlossen, die im bittersten Elend leben. Wer ein kleines Häuschen hat, bekommt keine Ernährungskarte. Dasselbe trifft zu, wenn jemand in der Familie eine kleine Rente hat oder sonst jemand noch ein paar Kronen verdient.

In Gebirgsneudorf wurden 172 Arbeitslose gezählt. 77 Personen beziehen Unterstützung nach dem Genter System, 17 erhalten Ernährungskarten, die übrigen 78 haben überhaupt keine Unterstützung.103

Diese Beispiele sind typisch für die Verhältnisse im Erzgebirge und geben folgende Übersicht:

    Ort   Arbeitslose   Gewerk.-
    Unterstützung
      Lebensmittel-  
    karten
    ohne
    Unterstützung
    Brandau 396 90 119   187
    Katharinaberg 280 90 26 164
    Gebirgsneudorf 172 77 17   78

    848 257   162   429

Demnach sind von den 848 Erwerbslosen 30,3 v. H. gewerkschaftlich unterstützt, 19,1 v. H. erhalten Ernährungskarten und 50,6 v. H. stehen ohne jede Unterstützung da.

In den Egerländer Industriegebieten ist das Verhältnis folgendes:

    Unterstützung nach
    Genter System
      Lebensmittelkarte   ohne
    Unterstützung
    In Falkenau mit 5,0 % 39,0 % 56,0 %
    In Fischern mit 4,3 % 16,7 % 79,0 %
    In Karlsbad mit 8,5 % 62,0 % 29,5 %
    In Altrohlau mit 9,2 % 76,0 % 14,8 %

Eine solche Elendsstatistik gibt es nicht für einen einzigen tschechischen Ort!

Mit welchen Schikanen die tschechischen Bezirksbehörden bei der Verteilung von Lebensmittelkarten vorgehen, zeigen die Beispiele aus Graslitz, die Vize-Präsident Taub anführt:

Die Bezirksbehörde Graslitz a. B. teilt Lebensmittelkarten zu, wenn in einer Familie das Gesamteinkommen nicht 15 Kc pro Erwachsene und 10 Kc für ein Kind erreicht. Der Versuch der Bezirkssozialkommission, diese Grenze mit 25 [260] und 15 Kc festzulegen, ist am Widerstande der Bezirksbehörde gescheitert. Praktisch sieht es nach den Mitteilungen aus Graslitz folgendermaßen aus:

Eine Familie: beide Elternteile und ein Kind unter 14 Jahren; Vater arbeitslos, ausgesteuert; Mutter verdient als Wäscherin 40 Kc. Vater erhält keine Karte. Er könnte sie nur dann erhalten, wenn die Frau nur 39 Kc verdienen würde!

Ein zweiter Fall: Familie, bestehend aus Vater, Mutter und einer erwachsenen Tochter: Vater ausgesteuert, Mutter arbeitslos. Tochter verdient 45 Kc. Vater erhält keine Karten. Er bekommt sie nur, wenn die Tochter nur 44 Kc verdienen würde.

Ein dritter Fall: Familie, bestehend aus beiden Elternteilen und vier der Schule entwachsenen Kindern. Alle vier Kinder sind arbeitslos, nicht organisiert, bzw. ausgesteuert. Vater arbeitet 32 Stunden in der Woche und verdient 95 Kc. Keines der Kinder erhält eine Karte, weil das Einkommen des Vaters höher ist als 89 Kc. Es werden nun in Graslitz 529 Personen aus der Ernährungsaktion ausgeschieden!

Was der Vizepräsident des Abgeordnetenhauses von Graslitz berichtete, war am 24. Februar 1936 laut Bericht des Prager Regierungsblattes Sozialdemokrat vom 26. Februar Gegenstand einer sozialdemokratischen Vertrauensmännerversammlung in Komotau. In diesem Bericht heißt es unter anderem:

      "Montag, den 24. Feber, fand im »Volkshaus« in Komotau eine Konferenz der sozialdemokratischen Partei- und der Gewerkschaftsfunktionäre statt, die sehr gut beschickt war und Delegierte aus dem ganzen Bezirksgebiet umfaßte. Zur Behandlung standen ausschließlich Fragen der Arbeitslosenfürsorge. Die Stellungnahme unserer Funktionäre zu diesem Problem war notwendig geworden, weil die Bezirksbehörde über höherem Auftrag die Richtlinien über die Durchführung der Ernährungsaktion ganz rigoros handhabt und Streichungen weit über das erträgliche Ausmaß vorgenommen hat. So wurden beispielsweise in Neudorf i. Erzgebirge, einer ganz armen, nur von Spitzenklöpplern und einigen wenigen Industriearbeitern besiedelten Gemeinde, 56 Arbeitslose auf einen Schlag von der Ernährungsaktion ausgeschieden.
      Diese brutale Maßnahme hat unter den Arbeitslosen des Erzgebirges begreiflicherweise Bestürzung und Empörung hervorgerufen. Aber auch die Arbeitslosen des Industriegebietes sind durch diese Aktionen in große Unruhe versetzt worden, die sich nach dem Referate des Genossen Perner ganz spontan geäußert hat. Zu der durch die Massenstreichungen verursachten Unzufriedenheit kommt noch, daß ein Revisor der Landesbehörde eine Kontrolle der Ernährungsaktion durchführte und Entscheidungen traf, die von keinerlei sozialer Einsicht, sondern ausschließlich von dem Bestreben geleitet waren, für den Staat Ersparungen auf Kosten der hungrigen Arbeitslosen vorzunehmen. Wenn es nach dem Verlangen dieses Beamten ginge, müßten in der nächsten Zeit noch weitere Streichungen von Arbeitslosen aus den Bezieher- [261] listen erfolgen, denn er vertrat den Standpunkt, daß einige hundert Menschen ausgeschieden werden müssen, weil deren Lebensunterhalt »nicht bedroht« sei. Es wurden Fälle angeführt, aus denen klar ersichtlich war, daß man bei diesem rücksichtslosen Vorgehen auf die soziale Lage der betreffenden Familie überhaupt keine Rücksicht genommen hat, sondern ganz willkürlich die Bestimmungen gegen die Bezieher auslegte.
      In der dem Referat folgenden Debatte gaben die Funktionäre ihrer tiefen Erbitterung über die unverständlichen und unsozialen Maßnahmen der Behörden, die manchmal geradezu provokatorisch sind, in bewegten Worten Ausdruck. Sie können es ganz einfach nicht verstehen, daß die zentralen Behörden nicht sehen wollen, wie verzweifelt und katastrophal die Lage der Arbeitslosen vor allem in den deutschen Randgebieten dieses Staates ist. Die Arbeitslosen sind keine minderwertigen Menschen und auch keine Bettler! Sie haben ein Recht, zu fordern, daß für ihren Lebensunterhalt gesorgt wird, denn an ihrer Arbeitslosigkeit sind sie nicht selbst schuld. Wenn der Ausbau der Arbeitslosenfürsorge und die Beschaffung von Arbeit verlangt wird, erwartet man nicht von den reaktionären Parteien eine Gnade oder ein Geschenk für die Opfer des verfehlten Wirtschaftssystems, sondern eine selbstverständliche Pflichterfüllung."

"Von keinerlei sozialer Einsicht geleitet", so nennt das sozialdemokratische Blatt das Vorgehen des tschechischen Beamten, der lediglich von dem Bestreben beseelt ist, "für den Staat Ersparungen auf Kosten der hungernden Arbeitslosen..."

Man kann es verstehen, daß das Blatt nicht deutlich werden kann. Aber gerade diese Feststellung bestätigt ja nur die furchtbare Anklage, die dieses Buch erhebt:

Mit einer brutalen Rücksichtslosigkeit geht der tschechische Beamte im deutschen Gebiet vor, um auf Kosten der hungernden deutschen Arbeitslosen für "seinen" tschechischen Staat Ersparungen zu machen. Es gehört auf ein anderes Blatt geschrieben, daß es die sudetendeutschen Sozialdemokraten sind, die seit Jahr und Tag diese Hungerpolitik der tschechischen Regierung fördern und decken und es ihr Parteivorsitzender, Dr. Julius Czech, ist, der fast 6 Jahre an der Spitze des Ministeriums für soziale Fürsorge gestanden hat. Doch das nur nebenbei.

Einige andere Beispiele:

Die Bezirks-Fürsorgekommission in Hultschin hat beschlossen, daß denjenigen Arbeitslosen, die Anspruch auf Scheine der staatlichen Ernährungsaktion haben und ihre Kinder in deutsche Winkelschulen, bzw. in deutsche Schulen in Troppau schicken, diese Beiträge entzogen werden.104

[262] Eine Henleinanhängerin, Mutter von vier Kindern, wurde von der Gemeindesozialkommission vom Bezuge der staatlichen Ernährungskarten ausgeschlossen, obwohl sie hiezu berechtigt gewesen wäre. In ihrer Verzweiflung wandte sie sich an den zuständigen Referenten der Bezirksbehörde und bat ihn um seine Fürsprache bei der Bezirkssozialkommission. Als Antwort aber erhielt sie folgendes: Wenn sie nicht schaut, daß sie sofort hinauskommt, dann läßt er sie durch die Gendarmerie abführen. So geschehen am 15. September 1936 in Prachatitz im Zeichen demokratischer Gleichberechtigung!105

Die Bezirksbehörde in Plan (Böhmerwald) hat in den letzten Monaten nicht weniger als 900 Verwaltungs-Strafverfahren wegen angeblich ungerechtfertigter Bewerbung um die Aufnahme in die staatliche Ernährungsaktion eingeleitet. (Zeit.)

Die Bezirksbehörde in St. Joachimsthal erklärte kürzlich: "Da ein Teil der Arbeitslosen bereits Beschäftigung gefunden hat und dem restlichen Teil Gelegenheit geboten ist, sich durch Sammeln von Beeren und Schwämmen einen kleinen Verdienst zu schaffen, wird gegenwärtig überhaupt kein Arbeitslosenbrot ausgegeben."

"Die Frau eines Leiermannes, Mutter von 3 Kindern, wohnhaft im Armenhaus einer kleinen Gemeinde Nordmährens, bewarb sich um eine Lebensmittelkarte der staatlichen Ernährungsaktion. Sie wurde abgewiesen, da sie wegen der Bettellizenz ihres Mannes nicht als unbedingt bedürftig anzusprechen sei..... (Zeit.)

Und so etwas ist möglich im Staate der Humanität!

An der Spitze der Gemeinden des Nordwestböhmischen Braunkohlengebietes, in denen sich die Krise katastrophal ausgewirkt hat, steht die Stadt Dux mit 13.094 Einwohnern. 72,5% der Einwohner sind Industriearbeiter:

Der Stand der Arbeitslosen, Kurzarbeiter und deren Familienangehörigen am 1. Januar 1935 wird in der nachfolgenden Tabelle ausgewiesen:

Stand am:       Arbeits-
lose
  Kinder   andere
Angehör.
  Summa      Kurz-
arbeiter
  Kinder   andere
Angehör.
  Summa
1. 1. 1935   1.186 764 841 2,791 538 544 419   1.501
1. 1. 1934   994 661 675 2,330 519 545 403   1.467

4.292 Einwohner sind von der Arbeitslosigkeit betroffen, d. s. 40,5 v. H.

Von der Gesamtzahl der 1.181 Arbeitslosen sind 794 Personen im Bezuge der staatlichen Lebensmittelkarten, 224 Personen beziehen Unterstützung nach dem Genter System und 168 Arbeitslose sind von der Unterstützungsaktion ausgeschieden.

[263] Die staatlichen Aktionen zur Linderung der Not der Arbeitslosen werden sowohl vom Bezirk als auch von der Gemeinde tatkräftig unterstützt und erforderten im Jahre 1934 folgenden Aufwand:

    Staatliche Ernährungsaktion 557.720,—
    " Milchaktion für Kinder 48.591,90
    " Weihnachtsaktion für Kinder 15.200,—
    " Brotaktion 137.466,—
    " Zuckeraktion 5.340,—
    " Beitrag zur Kartoffelaktion 31.526,—
    " außerordentlicher Beitrag 26.300,—
    " Beitrag für produktive Fürsorge —,—
    Geldwert der gespendeten Kohle 850,—
    Beitrag d. Bez. zu den Aktionen 33.334,—
    Bezirksausschuß für Heilfürsorge der Arbeitslosen 3.264,—
    Weihnachtsspenden für arbeitslose Bergleute 6.748,55
    Gemeinde zur Suppenaktion —,—
    " " Kartoffelaktion 12.074,—
    " " Brotaktion 11.079,70
    " " Mehlaktion 4.906,—
    " " Heilfürsorge der Arbeitslosen 4.000,—
    " " produktiven Fürsorge —,—
    Privatspenden, welche zur Deckung der oben
          angeführten Aktionen mit verwendet wurden
    2.419,80

    Insgesamt 900.819,95

Der Beitrag zur Linderung der Not der arbeitslosen Bevölkerung aus den staatlichen und kommunalen Mitteln betrug demnach pro Woche 4 Kronen, d. s. 40 Pfennige!

Im nordböhmischen Industriebezirk Rumburg entwickelte sich die Arbeitslosenbewegung wie folgt:

    gänzlich
    Arbeitslose
          vorübergehend      
    Arbeitslose
    gewerkschaftlich
    Organisierte
    Januar 4.940   (5.622) 2.524   (2.945) 4.407   (5.853)
    Februar 5.306   (5.650) 2.465   (2.085) 4.513   (4.684)
    März 5.141   (5.958) 2.018   (2.689) 3.564   (5.375)
    April 4.758   (5.701) 1.993   (2.940) 3.358   (5.382)
    Mai 4.729   (5.426) 1.781   (2.856) 3.359   (5.078)
    Juni 4.552   (5.162) 1.803   (1.775) 3.355   (3.767)
    Juli 4.583   (5.062) 2.224   (2.546) 3.669   (4.632)
    August 4.435   (5.085) 1.913   (3.172) 3.221   (5.217)
    September       4.232   (4.916) 2.127   (2.455) 3.283   (4.599)
    Oktober 4.207   (5.036) 1.959   (2.613) 3.173   (4.880)
    November 4.415   (4.804) 2.076   (2.401) 3.232   (4.538)
    Dezember 4.561   (5.024) 1.998   (2.442) 3.160   (4.597)
    Die Zahlen in Klammern beziehen sich auf den Stand derselben Zeit des Vorjahres.

[264] Die staatliche Ernährungsaktion zeigte folgende Bewegung:

    Januar 2994 davon ledig 1663 und Haushaltungsvorstand 1300
    Februar 3152     "        " 1816   "                  " 1336
    März 3208     "        " 1872   "                  " 1336
    April 3107     "        " 1780   "                  " 1327
    Mai 3057     "        " 1718   "                  " 1339
    Juni 2893     "        " 1764   "                  " 1129
    Juli 2951     "        " 1848   "                  " 1103
    August 2968     "        " 1858   "                  " 1110
    September   3051     "        " 1792   "                  " 1259
    Oktober 2947     "        " 1697   "                  " 1250
    November 3158     "        " 1939   "                  " 1219
    Dezember 3253     "        " 1938   "                  " 1315

Von allen vorbenannten Zahlen entfallen ungefähr durchschnittlich auf Rumburg 28 v. H., auf Oberhennersdorf 13 v. H., auf Niederehrenberg 10 v. H., auf Schönborn 8 v. H., Schönlinde 20 v. H., Schönbüchel 8 v. H., Khaa 2 v. H., Wolfsberg 8 v. H. und Daubitz 3 v. H.

[265] An diese Arbeitslosen wurden durch die zuständigen Gemeinden außer der staatlichen Lebensmittelanweisung von 10 Kc für Ledige und 20 Kc für Haushaltungsvorstände noch für 167.835 Kc Milchkarten, 2.800 Kilo Zucker, 185 Tonnen Kohle und für 77.000 Kc Kartoffeln vom Staate zugewiesen. Die Zuweisungen durch die städtische Winterhilfe, bzw. Zuschüsse der betreffenden Gemeinden, werden durch diese direkt ausgewiesen werden und sind hier nicht beinhaltet.

Wir können auch in diesem Notstandsgebiet feststellen, daß weit mehr als 60 v. H. aller Erwerbslosen auf die sogenannten Czechkarten angewiesen sind.

Ernährungsaktion der Sudetendeutschen Volkshilfe.

[264]
      Zehntausende Brote, hunderttausende Suppen- und Milchportionen, Kleider und Wäsche verteilte die Sudetendeutsche Volkshilfe an die hungernden Volksgenossen. Aber der Hungernden sind zu viel. Wieviele Hungerjahre stehen dem Sudetendeutschtum noch bevor? Wieviel Elend, wieviel Not muß noch ertragen werden?
Aus der amtlichen Statistik über die Tätigkeit der Konsumvereine erhellt u. a. auch, in welch starkem Maße die Kaufkraft der arbeitenden Bevölkerung sinkt. In Bezug auf die gekauften Lebensmittel ist festzustellen, daß sich der Absatz in steigendem Maße auf die qualitativ minderwertigeren konzentriert, es werden mehr Getreidekaffee als Bohnenkaffee, mehr Kartoffeln als Milchprodukte abgesetzt. Statt mit Zucker wird eher mit Ersatzstoffen gesüßt. Am stärksten ist die Kaufkraft der Mitglieder der deutschen Konsumvereine in der Republik zurückgegangen, nämlich von 7,04 auf 4,88 Kc pro Kopf in der Zeit vom Jahre 1929 bis 1934.

Unsagbares Elend und bittere Not ist in die Reihen der deutschen Arbeitsmenschen eingezogen. In dumpfer Verzweiflung stehen sie vor den Toren ihrer einstigen Arbeitsstätten, die sich ihnen kaum mehr öffnen werden. Krankheit und Leid herrscht in ihren Reihen und in ihren Familien, und der Tod hält reichlich Ernte.

Der Staat, der helfen sollte und könnte, sieht dem Niedergang teilnahmslos zu. Er hat das Industriesterben nicht aufgehalten, es liegt ihm auch an deutschen Menschen nichts. Am 1. Oktober 1936 trat eine Verordnung in Kraft, nach der Personen, die Arbeitskräfte suchen, verpflichtet sind, alle freigewordenen oder neuen Arbeitsplätze den öffentlichen Arbeitsvermittlungsstellen zu melden. Danach kann kein sudetendeutscher Arbeitgeber selbst einen Volksgenossen einstellen oder sich um Vermittlung an die deutschen Verbände wenden, sondern muß amtlichen (lies tschechisch interessierten) Stellen den Arbeitsplatz melden. Offene Stellen können von der amtlichen Arbeitsvermittlung sogar zwangsbesetzt werden. Gewerkschaftliche Arbeitsvermittlungen werden unter gewissen Bedingungen noch gestattet, wenn sie sich z. B. verpflichten, mit den öffentlichen Arbeitsvermittlungen, vor allem hinsichtlich der Meldung freigewordener Stellen, zusammenzuarbeiten.

Der Sekretär des Arbeitsministers Dr. Křiž hat offen zugegeben, daß sich diese Verordnung gegen das Sudetendeutschtum richtet!



[266] c) Lohnverfall und Preissteigerung

Wie in jedem liberalistischen Wirtschaftssystem die Preisbildung von Nachfrage und Angebot bestimmt wird, so beeinflussen Absatz- und Produktionsrückgang und Arbeitslosigkeit das Lohnniveau. Und so führte auch in der Tschechoslowakei, vor allem aber in den sudetendeutschen Grenzgebieten, die rückläufige Wirtschaftsentwicklung und das Ansteigen der Arbeitslosigkeit zu einem Lohnverfall.

Die Tschechoslowakei hat nie gute und hohe Löhne gezahlt, so daß selbst in wirtschaftlichen Konjunkturzeiten das tägliche Durchschnittseinkommen eines Lohnarbeiters 19 Kc, d. s. 1.90 RM, niemals überschritt und somit das mit 6000 Kc, d. s. 600 RM, festgesetzte jährliche Existenzminimum nicht erreicht wurde. Seither war es auf 15,65 Kc, d. s. 1,56 RM, herabgesunken und erst 1936 ganz unbedeutend auf 15.81 Kc angestiegen. Über den Beschäftigungsumfang und die Lohnbewegung geben die amtlichen Ziffern der staatlichen Sozialversicherungsanstalt, der alle Lohnarbeiter angehören müssen, erschöpfende Auskunft. Die folgenden Zusammenstellungen und Vergleiche (auch die Tabelle VIII im Anhang [Scriptorium merkt an: diese fehlt leider in unserer Vorlage]) beziehen sich immer auf das 1. Vierteljahr des betreffenden Jahres unter Berücksichtigung der 10 Krankenversicherungslohnklassen des täglichen Durchschnittslohnes, der Versichertenzahl und der Vierteljahrsdurchschnitte.106

Darnach ergibt sich zunächst, daß die Zahl der Pflichtversicherten von 2,190.878 am 31. Januar 1929 auf 1,733.000, d. i. um 457.378, zurückgegangen ist. (Siehe Tabelle VIII im Anhang. [Scriptorium merkt an: fehlt leider.]) Zugleich ist der tägliche Durchschnittslohn für jeweils das 1. Vierteljahr von 18,48 im Jahre 1929 auf Kc 15,79 herabgesunken.

Berechnet man die diesen Durchschnittslöhnen entsprechenden Lohnsummen, ergibt sich bei Zugrundelegung der Versichertenzahl des Jahres 1936 für die ersten drei Monate des heurigen Jahres eine Lohneinbuße von rund 460 Millionen. Mit anderen Worten: während der ersten drei Monate des heurigen Jahres war das Lohneinkommen von 1,782.267 Versicherten gegenüber dem gleichen Zeitabschnitt des Jahres 1929 und der gleichen Versichertenzahl monatlich um rund 153 Millionen und täglich um mehr als 5 Millionen niedriger.

Der Schwund des Lohneinkommens läßt sich auch aus den Zusammenstellungen über die Besetzung der zehn Lohnklassen berechnen. Während noch in [267] den ersten Vierteljahren 1929 und 1930 ein Viertel aller Versicherten in den sechs höheren Lohnklassen eingereiht war, wurde dieser Anteil in den folgenden Jahren immer geringer, und beträgt im heurigen ersten Vierteljahr nur noch ein Siebentel. In Ziffern ausgedrückt bedeutet dies, daß im ersten Vierteljahr 1929 523.346 Versicherte einen 18 Kc übersteigenden Tageslohn hatten, wogegen es im gleichen Zeitabschnitt 1936 nur 261.990 Versicherte mit diesem Lohneinkommen gegeben hat. Die Versichertenzahl mit einem 18 Kc übersteigenden Tageslohn ist daher im heurigen ersten Vierteljahr, verglichen mit dem gleichen Zeitabschnitt 1929, auf die Hälfte gesunken.

Der Lohnverfall aber kommt am klarsten in dem Anwachsen der Versicherten in den niedrigsten Lohnklassen zum Ausdruck.

Während im 1. Vierteljahr 1930 von 10.000 versicherten Lohnarbeitern nur 997 in die niedrigste Lohnklasse fielen, waren es 1936 1314, d. h. ihr tägliches Lohneinkommen war niedriger als 6 Kc, d. s. 60 Pf.107

[268] In der nachfolgenden Übersicht sind die auf die einzelnen Lohnklassen entfallenden Versicherten angeführt:

Klasse täglicher Arbeitslohn
in Kč
Zahl der versicherten Arbeiter im 1. Vierteljahr
1936 1935 1934 1936 mehr (+), resp.
weniger (–) in Prozenten
gegenüber dem Vorjahre
von bis 1935 1934
1 2 3 4 5 6 7 8
1.   6,— 234.187   212.715   200.056   +  10,1       +  17,1      
2.   6,— 10,— 418.471   399.521   386.303   +    4,7       +    8,3      
3. 10,— 14,— 306.190   296.052   285.536   +    3,4       +    7,2      
4. 14,— 18,— 218.503   189.777   200.878   +  15,1       +    8,8      
5. 18,— 22,— 171.452   150.501   158.466   +  13,9       +    8,2      
6. 22,— 25,50 107.291     98.684   103.398   +    8,7       +    3,8      
7. 25,50 28,50   65.765     60.234     62.795   +    9,2       +    4,7      
8. 28,50 31,50   54.359     51.157     51.617   +    6,3       +    5,3      
9. 31,50 34,50   45.625     43.896     46.685   +    3,9       –    2,3      
10.  34,50 160.402   147.696   148.110   +    8,6       +    8,3      

im ganzen 1,782.245   1,650.233   1,643.844   +    7,9       +    8,4      

Diese nüchterne Tabelle sagt, daß zu Beginn des Jahres 1936 täglich

    234.187 Arbeiter, d. s. 13,14 v. Hd., bis 6 Kč (        0,6 RM.)
    418.471 Arbeiter, d. s. 23,48 v. Hd., von 6 - 10 Kč (0,6 - 1,0 RM.)
    306.190 Arbeiter, d. s. 17,18 v. Hd., von 10 - 14 Kč (   1 - 1,4 RM.)
    218.503 Arbeiter, d. s. 12,26 v. Hd., von 14 - 18 Kč (1,4 - 1,8 RM.)

verdienten, d. h also noch deutlicher ausgedrückt, ungefähr

    1/8 aller Arbeiter verdienten täglich unter 6 Kč
    mehr als 1/3 aller Arbeiter verdienten täglich unter 10 Kč
    mehr als ½ aller Arbeiter verdienten täglich unter 14 Kč
    mehr als 2/3 aller Arbeiter verdienten täglich unter 18 Kč

Im Jahre 1929 verdienten

    1/10 aller Arbeiter unter 6 Kč
    mehr als ¼ aller Arbeiter unter 10 Kč
    mehr als 1/3 aller Arbeiter unter 14 Kč
    mehr als ½ aller Arbeiter unter 18 Kč
    mehr als 2/3 aller Arbeiter unter 22 Kč

Während also die Zahl der Versicherten in den unteren Lohnklassen zugenommen hat, nimmt sie in den letzten Klassen, wie aus der folgenden Gegenüberstellung klar ersichtlich wird, erheblich ab.

[269]

Jahr     Von 10.000 Versicherten im 1. Vierteljahr entfallen auf die Klasse
    1.         2.         3.         4.         5.         6.         7.         8.         9.         10.     1. bis 10.
1929 1003 1655 1552 1153 1112 818 541 467 388 1311 10.000
1930   997 1627 1434 1129 1137 841 541 453 410 1431 10.000
1931 1023 1768 1569 1150 1113 799 495 404 373 1306 10.000
1932 1064 1891 1640 1191 1091 757 457 383 346 1180 10.000
1933 1133 2189 1803 1217   983 652 397 329 311   986 10.000
1934 1217 2350 1737 1222   964 629 382 314 284   901 10.000
1935 1289 2421 1794 1150   912 598 365 310 266   895 10.000
1936 1314 2348 1718 1226   962 602 369 305 256   900 10.000

Die Lohnbewegung der pflichtversicherten Arbeiter.

[269]
      Löhne der
pflichtversicherten Arbeiter.      [Vergrößern]
Die Lohnbewegung der pflichtversicherten Arbeiter zeigt in der graphischen Darstellung folgendes Abwärtsgleiten: [Scriptorium merkt an: rechts.]

[270] Nicht besser, eher schlechter, liegen die Lohnverhältnisse bei den Privatangestellten in Handel und Industrie, bei den Arbeitern und Angestellten im Staatsdienst, in der Landwirtschaft und Heimarbeit.

Nach den Erhebungen der Allgemeinen Pensionsanstalt stellen sich die Gehaltsverhältnisse der Privatangestellten wie folgt: Der Rückgang der Dienstbezüge ist bisher nicht zum Stillstand gekommen. Die Bezüge wurden in den Jahren der Krise fortschreitend herabgesetzt, und zwar im Jahre 1931 gegenüber dem Stande von 1929 um 4,55 Prozent, 1933 gegen 1929 um 10,72 Prozent und 1934 gegen 1929 um 12,96 Prozent, 1935 gegen 1929 um 13,88 Prozent. Die jährlichen Dienstbezüge der bei der Pensionsanstalt pflichtversicherten Personen haben sich im Jahre 1935 im Durchschnitt auf 13.650, 1934 auf 14.280 gesenkt, sie beliefen sich 1933 auf 14.648, 1931 auf 15.660 und 1929 auf 16.405 Kc.

Die weiblichen Angestellten wurden von den Gehaltskürzungen stärker betroffen als die männlichen. Bei diesen hat sich der Versicherungsbeitrag gegen 1929 bloß um 8,5 Prozent, bei jenen dagegen um 12,4 Prozent gesenkt. Die Dienstbezüge sind bei den männlichen Privatangestellten in den Jahren 1930 bis 1936 um 13,8 Prozent, bei den weiblichen Angestellten um 14,6 Prozent gesenkt worden. Der Gesamtrückgang ist größer als der Einzelrückgang bei Männern und Frauen, da die relative Anzahl der schlechter entlohnten Frauen gewachsen ist.

Die Durchschnittslöhne der Arbeiter im Staatsdienste erreichen kaum den Durchschnitt der sonstigen Lohnarbeiter, das errechnete Tageseinkommen der Landwirtschaft und Heimarbeiter erreicht kaum 10,6 Kc. Das jährliche Einkommen eines niederen Beamten oder Angestellten im Staatsdienst bewegt sich zwischen 6 - 12.000 Kc. Beamte mit Mittelschulbildung erhalten 9 - 24.000 Kc und Beamte mit Hochschulbildung erreichen, sofern sie nicht im höheren Verwaltungsdienst stehen, kaum mehr als 40.000 Kc.

In diesem Zusammenhang seien auch die Lohnverhältnisse der weiblichen Angestellten in Privatdiensten erwähnt, weil sie zeigen, in welch schamloser Weise die weiblichen Angestellten ausgenützt werden.

Die Zahl der weiblichen Angestellten in Privatdiensten ist in den letzten Jahren bedeutend gestiegen, so daß gegenwärtig allein bei der Allgemeinen Pensionsanstalt fast 90.000 weibliche Versicherte sind. Es handelt sich meist um Töchter von öffentlichen und privaten Angestellten, aber auch um Töchter von Arbeitern, Gewerbetreibenden, kleinen Unternehmern und Landwirten. Nach einer Statistik der Allgemeinen Pensionsanstalt vom Ende des Jahres 1933 waren die weiblichen Versicherten in folgende Gehaltsklassen eingeteilt:

[271]

    Jahresgehalt Zahl
    bis 3.000 Kč 9.167
    von   3.000 —   6.000 Kč     21.277
    von   6.000 —   9.000 Kč 21.089
    von   9.000 — 12.000 Kč 18.683
    von 12.000 — 15.000 Kč 7.799
    von 15.000 — 18.000 Kč 4.422
    von 18.000 — 23.000 Kč 4.204
    von 23.000 — 30.000 Kč 1.459
    von 30.000 — 36.000 Kč 435
    von 36.000 — 42.000 Kč 166
    von 42.000 Kč und mehr 204

Aus dieser Statistik geht hervor, daß 57,9 v. H. der Frauen in privaten Diensten wöchentlich bis 187,5 Kc, d. s. 18,75 RM, verdienen. Die absolut und relativ (23,9 Prozent) größte Zahl der berufstätigen Frauen verdient wöchentlich 64,5 bis 125 Kc, d. s. 6,45 bis 12,50 RM.

Den Auftakt zu diesem rapiden Lohnverfall gab der Staat selbst mit seiner Gehaltsabbauverordnung Nr. 204 vom Jahre 1932, nach der die Gehälter und Pensionen der Arbeiter, Beamten und Lehrer um10 v. H. gekürzt worden sind, und der Verordnung Nr. 252 vom Jahre 1933 über den 50prozentigen Abzug der Nebenerwerbseinkommen der Pensionisten zu Lasten ihrer Ruhegenüsse und jener über die Kürzung der Funktionszulagen und über die Abzüge bei Beförderungen.

Die richtige Vorstellung von den Lohnverhältnissen gewinnt man aus den folgenden Einzelheiten:

Das jährliche Gesamteinkommen ist von 1929 bis 1936 von 14,4 Milliarden auf 7,8 Milliarden zusammengeschrumpft, wobei 60 von Hundert des Ausfalles auf Arbeitslosigkeit und 40 v. H. auf den Verfall des Lohnniveaus zurückzuführen sind. So ist z. B. das wöchentliche Lohnvolumen

    in Kotten bei Grottau von 111.000 auf 14.000 Kč
    Oberkratzau " 172.000 " 33.200   " 
    Machendorf " 91.500 " 1.535   " 

herabgesunken, um nur einige Beispiele anzuführen.

Eine Übersicht über die Lohnbewegung in den einzelnen Industriezweigen zeigt, daß sich das Lohnniveau in der Schwerindustrie (Eisen- und Rüstungsindustrie), die also vornehmlich für den Inlandsmarkt arbeitet und in jener Exportindustrie, die sich mit der Herstellung landwirtschaftlicher Produkte beschäftigt, wie die Spiritus- und Zuckerindustrie gut behauptet hat. Diese Tatsache erklärt sich daraus, daß diesen Industriezweigen seitens des Staates eine [272] ausgiebige Förderung zuteil geworden ist und diese fast ausschließlich im tschechischen Sprachgebiet liegen. Um so katastrophaler ist der Lohnverfall in jenem Teil der Exportindustrie, der das weit größere Exportvolumen ausfüllt, nämlich der Textil-, Glas- und Porzellan-Industrie, der Erzeugung von Musikinstrumenten und künstlichen Blumen. Diese Industriezweige aber liegen fast ausnahmslos im sudetendeutschen Gebiet und haben in all den Jahren des wirtschaftlichen Verfalles von seiten des Staates auch nicht die geringste Förderung erfahren. Das Prager Wirtschaftsblatt Der Börsenkurier108 zeigt für den enormen Verfall der Löhne in diesen Industriezweigen einen interessanten Vergleich mit den vom Internationalen Arbeitsamt in Genf im Oktober 1935 ermittelten Durchschnittslöhnen in der Textilindustrie in Japan, das in der Welt bekanntlich als das klassische Land der niedrigsten Löhne gilt. Darnach erhält ein Textilarbeiter im Tagesdurchschnitt 1 Yen 336 Rin, d. s. ca. 9,33 Kc, eine Arbeiterin 0.637 Yen, d. s. 4,46 Kc täglich. In der Tschechoslowakei ist der Kollektivvertragslohn heute das Lohnmaximum. Der qualifizierte Arbeiter verdient durchschnittlich 160 bis 180 Kc wöchentlich, sein jährliches Realeinkommen liegt aber unter diesem Durchschnitt, da es fast keinen Betrieb gibt, der nicht mehrere Wochen im Jahre aussetzt. Vielfach wird aber unter den Vertragslöhnen gezahlt und in der Weberei und Spinnerei nur Wochenlöhne von 43 bis 50 Kc gezahlt, was einem Taglohn von 7,20 bis 8,30 Kc bei achtstündiger Arbeitszeit entspricht.

Kraß ist der Lohnverfall überall dort, wo in der Erzeugung neben Betriebsarbeitern auch Heimarbeitskräfte beteiligt sind. Hier sind Tagesverdienste, die noch weit unter dem Niveau der japanischen Löhne liegen. So bewegen sich die Verdienste einer Heimarbeiterin der Stickerei-Industrie (Asch, Weiperter Gebiet) zwischen 2,60 Kc bis 5 Kc pro Tag bei nahezu unbeschränkter Arbeitszeit. Um 3 Kc täglich bewegt sich auch der Tagesverdienst der vielen Spitzenklöpplerinnen im Erzgebirge. Das langt für Kartoffeln und vielleicht etwas Kornkaffee, zu mehr auf keinen Fall. In der Hemdenindustrie, in der zumeist in Betrieben nur zugeschnitten wird und Fertigarbeit von Heimarbeiterinnen besorgt wird, werden in manchen Gegenden 80 Heller pro Stück gezahlt, wobei die Arbeiterin noch den Zwirn beistellen muß. Wenn dabei ein Tagesverdienst von 5 Kc heraussehen soll, muß sehr fleißig und mehr als 8 Stunden gearbeitet werden. Dasselbe gilt für die Schürzenindustrie. Hier werden pro Schürzenähen 50 Heller gezahlt. Ebenso sind bei den Heimarbeitern der Kunstblumenindustrie durchschnittlich Tagesverdienste von 4 bis 5 Kc die Regel. Sehr kraß liegen auch die Verhältnisse in der Musikinstrumentenindustrie der Gebiete Graslitz und Schönbach. Die Industrie ist mit nahezu 90 Prozent ihrer Erzeu- [273] gung auf Export eingestellt und der Export ist von ca. 30 Millionen Kc im Jahre 1928 und 1929 auf 3,7 Millionen im Jahre 1933 gefallen und hat sich nach der Devalvation wieder um ca. 25 Prozent erhöht. Gegenüber der Konkurrenz von Deutschland und Japan hat diese Industrie eingesetzt, was sie einsetzen konnte. Der Preisverfall ist enorm und hält mit dem Lohnverfall Schritt. Ein Werkführer, der früher auf 300 bis 500 Kc wöchentlich zu stehen kam, erreicht heute höchstens bis 160 Kc, sein jährliches Realeinkommen kann aber nicht auf dieser Grundlage errechnet werden, da es fast keinen Arbeiter gibt, der ununterbrochen das ganze Jahr beschäftigt wäre. Noch ärger liegen die Verhältnisse in der Holzinstrumentenfabrikation, besonders in der Geigenfabrikation. Die Anfertigung der einzelnen Bestandteile der Geigen geschieht im Heimvertrieb. Die Löhne, die hiefür gezahlt werden, sind fast nicht mehr zu unterbieten. So wird z. B. für die Anfertigung von einem Dutzend Geigenböden aus Ahorn - die mit der Hand geschnitzt werden - nur 10 Kc gezahlt. Das ist gut zwei Tage Arbeit bei 10 - 12stündiger Arbeitszeit. Ein Dutzend Geigendecken, die aus weichem Holz hergestellt werden können, wird mit 5 bis 6 Kc bezahlt. Ein Dutzend geschnitzte Geigenhälse aus hartem Holz mit 10 Kc, das ist ebenfalls zwei Tage harte Arbeit. Und trotzdem können wir nur mit Mühe unseren Export behaupten, verlieren wir einen Markt nach dem anderen. Relativ behauptet hat sich das Lohnniveau in der Porzellanindustrie. Die Gesamtzahl der in dieser Industrie Beschäftigten ist aber in der Zeit von 1929 bis 1935 von 20.000 auf 9.600 gesunken. Während in den Jahren 1928 und 1929 noch gegen 120 bis 127 Millionen Kc jährlich an Löhnen allein ausgezahlt wurden, ist diese Lohnsumme im Jahre 1935 auf 53 Mill. Kc. gesunken. Wer die Verschuldung der Porzellanindustrie kennt, weiß wie weit der Einsatz der Substanz gegangen ist und daß er noch weiter geht. Wohl beträgt heute nach durchgeführter Devalvation der Kilogrammpreis für exportiertes Porzellan nach wie vor ca. 8,40 Kc, doch ist heute in diesem Kilogrammpreis Qualitätsporzellan enthalten, während früher die Kommerzware überwog. Und so zeigt sich weiter ein starker Verfall der Löhne in der Gablonzer Industrie, wo es zum Teil auch schon zu Tagesverdiensten von 3 und 5 Kc gekommen ist, in der Nirdorfer Messerindustrie und der Spielwarenindustrie und auch in der Handschuhindustrie in Kaaden und Abertham.

Ritschka im Adlergebirge.

[274]
      Ritschka im Adlergebirge.
Die ärmsten Holzspanschachtelmacher leben hier.
Stundenlöhne von 1 Kc, d. s. 10 Pfg., sind also keine Einzelerscheinung. Im Adlergebirge verdiente ein Hausbetrieb mit 4 Arbeitskräften für die Erzeugung von 10.000 Holzspanschachteln, die bei täglich 16-stündiger Arbeitszeit in einer Woche hergestellt werden können, einen Bruttolohn von 120 Kc, d. s. 12 RM. Davon gehen ab: 65 Kc (6,5 RM) für Holz, 20 Kc (2 RM) für Leim, bleiben 35 Kc (3,5 RM) für vier Personen bei einer 16-stündigen [274] täglichen Arbeitszeit. Der Stundenlohn dieser deutschen Arbeitsmenschen beträgt demnach 8 Heller, d. s. 0,8 Pfennige!

Im rein deutschen Bezirke Graslitz im Erzgebirge bewegen sich die Verdienste der in Beschäftigung stehenden Arbeiter zwischen 80,— Kc bis 180,— Kc wöchentlich. Wie stark die Löhne in diesem Gebiete seit 1928 gefallen sind, geht aus einem Vergleich der gegenwärtigen Durchschnittslöhne in der Stickerei- und Textilindustrie mit jenen des Jahres 1928 hervor. Im Jahre 1934 betrug der Durchschnittslohn für eine Stepperin 1,85 (im Jahre 1928 dagegen noch 2,— Kc), für eine Stickerin 2,60 (3,20) Kc, für eine Hefterin 1,65 (1,80) Kc, für eine Ausschneiderin 1,15 (1,30) Kc, für eine Büglerin 1,70 (1,90) Kc, und für einen Drucker 3,50 (4,50) Kc. Die Verdienste der Heimarbeiter sind sogar viel geringer und bewegen sich häufig zwischen 40,— und 140,— Kc monatlich.

In der Industriestadt Freudenthal, die rund 8000 Einwohner zählt, waren im Jahre 1929 in vier großen Textilbetrieben noch rund 2700 Arbeiter und Arbeiterinnen beschäftigt. Der Durchschnittslohn für einen Weber betrug bei 48-stündiger Arbeitswoche (also bei Vollarbeit) 130 bis 150 Kc in der Woche. Die anderen Textilarbeiterkategorien verdienten im Durchschnitt 120 bis 130 Kc wöchentlich. Die bestehenden Baufirmen, Ziegeleien, Säge- und Schotterwerke Freudenthals beschäftigten im Jahre 1929 noch rund 500 Arbeiter bei einem Durchschnittslohn von 140 bis 170 Kc pro Woche für Maurer und 120 bis [275] 150 Kc wöchentlich für die übrigen Kategorien. Zahlreiche kleingewerbliche Betriebe florierten und vermochten ihre Arbeitnehmer so zu entlohnen, daß wenigstens deren Existenz sichergestellt war. Von einer Arbeitslosigkeit war selbst im Jahre 1929 in Freudenthal nicht allzuviel zu spüren.

Wesentlich anders ist es jedoch um die wirtschaftliche Lage Freudenthals im Jahre 1935 bestellt. Von den vier Großbetrieben ist der größte vollständig stillgelegt. Zwei andere Betriebe weisen heute nur noch ein Zehntel, der vierte nur noch zwei Drittel des Belegschaftsstandes vom Jahre 1929 auf. Insgesamt sind heute in der Textilindustrie von Freudenthal nur noch rund 700 Personen beschäftigt. Jedoch auch diese arbeiten in Wirklichkeit nur ein halbes Jahr. Die andere Hälfte des Jahres müssen sie "aussetzen". Die Entlohnung ist erschreckend niedrig. Seit 1929 herrscht in der Freudenthaler Textilindustrie ein vertragsloser Zustand. Weber verdienen heute bei 48-stündiger Arbeitsleistung einen Durchschnittslohn von 40 bis 70 Kc in der Woche, die übrigen Textilarbeiter sogar nur einen solchen von 40 bis 60 Kc wöchentlich. Die Löhne wurden somit seit 1929 um mehr als 50 v. H. gesenkt. Die Bautätigkeit Freudenthals ruht heuer ganz. In einer Stadt mit 8000 Einwohnern ist bisher nicht ein einziger Neubau zu verzeichnen. Lediglich bei der Reparatur von Häusern und Wohnungen ist eine geringe Anzahl von Bauarbeitern beschäftigt. Hiebei handelt es sich allerdings nur um kurzfristige Arbeitsmöglichkeiten. Wohl sind die Bauarbeiterlöhne auf Grund eines Schiedsspruches des Brünner Schiedsgerichtes für Bauarbeiter fast dieselben geblieben wie früher. Was nützen jedoch Lohnziffern auf dem Papier, wenn die Arbeitsmöglichkeiten fehlen, durch die sie ins Verdienen gebracht werden. Das vollständige Ruhen der Bautätigkeit zeitigt natürlich auch katastrophale Auswirkungen auf die Ziegeleien, Säge- und Schotterwerke sowie auf die kleingewerblichen Betriebe der Schlosser, Schmiede, Spengler, Tischler, Installateure, Dachdecker usw. Alles in allem ein Bild des Jammers und der Verelendung. Und doch nur ein Ausschnitt aus der großen sudetendeutschen Not, die kein Winkelchen der einst so industriereichen und arbeitsfreudigen Heimat verschont läßt.

In einer Glasfabrik im rein deutschen Aussiger Bezirke erzielte ein Arbeiter, der Frau und Kind zu versorgen hat und bei anstrengender Arbeit an der Pfanne beschäftigt ist, in 5 aufeinander folgenden Wochen der letzten Zeit den nachangeführten Verdienst:

    Arbeitsstunden Gesamt-
      verdienst  
      Versich.-  
    Abzüge
      Auszahlung  
      im Akkord     im Lohn  
    40 95,19 6,75 88,44 Kč
    16 16 70,30 6,75 63,55   "  
      8 24 93,17 8,75 84,42   "  
    32 64,68 8,35 56,33   "  
    24 65,25 8,35 56,90   "  

[276] Bei einem solchen Einkommen den gesamten Lebensunterhalt für 3 Köpfe zu bestreiten, muß wohl tatsächlich als eine Kunst bezeichnet werden, die zu erlernen die sudetendeutschen Arbeiter in den letzten Jahren auf Grund der herrschenden Verhältnisse reichlich Gelegenheit hatten.

Unter solchen Verhältnissen ist es nicht verwunderlich, daß die Tschechoslowakei in Bezug auf die Lohnhöhe mit an der letzten Stelle marschiert. Das mußte in letzter Zeit selbst von tschechischen Kreisen zugegeben werden. Nach Angaben des tschechischen Metallarbeiterverbandes in Prag betrug der Durchschnittsstundenlohn eines qualifizierten Metallarbeiters im Jahre 1931 - 4,69 Kc; 1932 - 4,49 Kc; 1933 - 4,38 Kc und 1934 - 4,23 Kc. Nach den Ermittlungen des Schweizerischen Konjunkturinstitutes machten die Stundenlöhne der qualifizierten Metallarbeiter in den nachstehend angeführten Ländern im Jahre 1933 (in Kc umgerechnet) folgende Höhe aus:

    U.S.A. 16,69 Kč
    Schweiz 11,38 Kč
    Niederlande 10,04 Kč
    Deutschland 9,59 Kč
    England 9,36 Kč
    Norwegen 8,97 Kč
    Schweden 8,58 Kč
    Frankreich 8,20 Kč
    Italien 6,55 Kč
    Belgien 6,08 Kč
    Österreich 5,61 Kč
    Ungarn 4,44 Kč
    Die Tschechoslowakei   4,38 Kč

Die Tschechoslowakei steht somit unter diesen Ländern an letzter Stelle, wozu vor allem die niederen Löhne in den sudetendeutschen Gebieten wesentlich beitragen.109

Während die Löhne dauernd abglitten, so daß der Fürsorgeminister Ing. Necas im Verpflegungsausschuß des Abgeordnetenhauses am 24. September 1936 feststellen mußte, daß von der Gesamtzahl von 2,207.818 der bei der Zentralsozialversicherungsanstalt Versicherten 1,317.329 nicht mehr als 18 Kc täglich verdienen, d. h. daß 67 v. H. aller Arbeiter in der Tschechoslowakei nicht einmal das Existenzminimum erreichen und sich somit nicht einmal das Allernotwendigste zum Leben kaufen können, zeigen die Kleinhandelspreise seit 1933 trotz der Devalvation ansteigende Tendenz, so daß sie im Herbst 1936 fast die Höhe der Preise des Jahres 1930 erreichten.

So zeigt sich nach den Erhebungen des Statistischen Staatsamtes in Prag allein nach dem Verhältnis der Preise im August und September 1936 bei Rindfleisch eine Erhöhung um 3,5 v. H., bei Schweinefleisch und Kalbfleisch sogar um 8 v. H., während die Selchwaren eine Verteuerung von 7 - 12 v. H., Schweinefett und Butter von 3 - 4 v. H. aufweisen. Auch der Preis der Braunkohle, die im Winter als das gebräuchlichste Heizmittel Verwendung findet, ist um 4,3 v. H. in die Höhe gegangen.

[277] Nach einem Bericht des Innenministers Cerny im Verpflegungsausschuß des Abgeordnetenhauses zeigen die wichtigsten Fleischpreise (pro Kilo in Kc) folgende Steigerung:

    1930: Juli 1934: Juli 1936:
    Rindfleisch 13,05 8,80 11,75
    Rind[erfett?]* 15,23 11,30 13,95
    Schweinefleisch 15,98 11,75 14,55
    Schweinefett 15,18 11,60 12,25
    Knacker 15,17 10,55 12,55
    Würsteln 18,82 14,20 15,35
    Ochsen 6,00 - 8,50 3,00 - 5,80 5,25 - 7,25
    Stiere 6,30 - 7,70 2,50 - 3,90 4,50 - 6,50
    Kühe 4,60 - 6,80 2,00 - 3,80 3,00 - 6,20
    Schweine 8,75 - 10,20     3,75 - 5,60     6,50 - 7,80
    [*Scriptorium merkt an: im Original steht an dieser Stelle ein zweites Mal "Rindfleisch".
    Wir nehmen an, daß dies ein Druckfehler ist und daß sich der zweite Posten vielleicht
    auf Rinderfett bezieht, wie ja auch der zweite Posten für Schweineprodukte auf Fett lautet.]

Der Minister für soziale Fürsorge stellte in seinem Exposee fest, daß auf dem Rindviehmarkte sich seit dem Januar des Vorjahres sowohl in Prag als auch in der Provinz ein Anziehen sowohl der Rindvieh- als auch der Fleischpreise feststellen läßt.

Der Durchschnittspreis, der beim Verkauf von Stieren 1935 erzielt wurde, betrug Kc 4,58, im August 1936 5,39. Der Preis für Kühe betrug im August 1935 durchschnittlich Kc 3,91, im August 1936 Kc 4,97. Der größte Preisanstieg ist bei Jungvieh festzustellen, bei einer Ware, die fast ausschließlich von der Selcherindustrie angekauft wurde. Dieser Umstand führte dazu, daß die Selcherindustrie für ihre Produkte schon im heurigen Frühjahr höhere Preise erzielen wollte und ihre Forderung im Sommer wiederholt hat, wobei sie für eine angemessene Approvisionierung des Viehmarktes eintrat.

Hand in Hand mit dem Ansteigen der Viehpreise ging auch der Anstieg der Preise für Rindfleisch. Die statistischen Daten bis zum Schluß des Vorjahres zeigen einen ständigen Rückgang des Fleischverbrauches. Im Januar des Vorjahres entfielen auf den Kopf 3,24 kg, im Januar 1936 nurmehr 2,84 kg. Bei einem Gesamtverbrauch von rund 60.000 Zentnern weniger bedeutet dieser Rückgang fast ein halbes Kilo pro Kopf. Der Rückgang des Fleischkonsums hat seine Ursache zweifellos in der wirtschaftlichen Situation.

Der Rückgang der Kaufkraft insbesondere beim Fleisch- und Fettkonsum ist hauptsächlich durch die Industriekrise hervorgerufen, wobei gerade die Bevölkerung der Städte der entscheidende Fleisch- und Fettkonsument ist.

Die geschwächte Kaufkraft hat hier billigere Kunstfette erzwungen.

Auch dieser Hilferuf verhallte ungehört.

[279]
      Auch dieser Hilferuf verhallte ungehört.
Zur gleichen Zeit verdarben in den ungeeigneten Speichern (frühere Fabriksräume) der Getreidegesellschaft 15.000 Waggons Korn und Weizen!
[Vergrößern]
[278] In Stellungnahme zur Zuckerpreisfrage stellte der Minister fest, daß der Zuckerpreis unangemessen hoch ist und den Sacharinschmuggel begünstigt. Der Minister befaßte sich an Hand der Daten des Staatsamtes für Statistik mit den durchschnittlichen Zuckergroßhandelspreisen und mit dem Kleinhandelspreis, wobei er feststellte, daß der Detailpreis sich permanent über 6 Kc bewegt, in manchen Gebieten sogar über 6,40 Kc hinausgeht.

In Stellungnahme zur Produktionskalkulation stellte der Minister fest, daß fast eine Milliarde Schulden die Produktion belastet, da nur die Zinsen von diesen Schulden pro Jahr über 66 Millionen Kc betragen. Nach einer sehr guten Nachkriegskonjunktur stieg in den letzten Jahren die Zinsenlast auf das Zwanzigfache der Höhe der Vorkriegsjahre, was mit der umfangreichen Rationalisierung und Reorganisation der Zuckerindustrie motiviert wird.

Diesen Kapitalaufwand trage leider zur Gänze aus eigenen Mitteln der Konsument, denn er werde in den hohen Inlandszuckerpreis eingerechnet. Auch auf den Verlustexport zahle der Konsument darauf und zugleich unser ganzes Nationalvermögen, denn in dem Verlustpreis werde auch ein Teil der Substanz des Nationalvermögens in das Ausland transferiert.

In Stellungnahme zu den Lohn- und Gehaltsfragen erklärte der Minister, daß die Wirtschaftsbesserung fortschreitet und hauptsächlich in der Neuaufnahme von Arbeitskräften zum Ausdruck kommt, doch sei die Ansicht falsch, daß sich auch das Lebensniveau des Arbeiters und Angestellten überhaupt bessert. Die Arbeiterlöhne haben sich auch in Branchen nicht geändert, wo die Konjunktur nicht aufgehört hat oder in diesem Jahre die Produktion intensiviert wurde. Gebessert hat sich bloß der Erwerb. Das Lebensniveau des Arbeiters kehrt äußerst langsam in einzelnen Branchen dahin zurück, wo es 1929 oder 1930 war.

Auf Grund von Daten der Zentralsozialversicherungsanstalt, welche die Lohnverhältnisse in diesem Jahre illustrieren, stellte Ing. Necas fest, daß von der Gesamtzahl von 2,207.818 Versicherten 67 Prozent sich nicht einmal das Allernotwendigste zur Bestreitung des Lebensunterhaltes kaufen können.

Unerfreulich sind auch die Verhältnisse der Privatangestellten. Die Bezüge der Privatbeamten mit Hochschulbildung in der Altersstufe von 28 - 35 Jahren bewegen sich von 900 bis 1200 Kc. Verhältnismäßig anständig gezahlt sind die Privatbeamten, die Fremdsprachen beherrschen, am schlechtesten bezahlt aber Schreibkräfte, die bei Ganztagesbeschäftigung ein Bruttoeinkommen von 300 bis 400 Kc pro Monat beziehen, nur Kräfte mit langjähriger Praxis haben ein Bruttoeinkommen von 700 bis 900 Kc. Bei den öffentlichen Angestellten haben sich die Gehaltsverhältnisse nicht geändert, und deshalb empfindet man in ihren Kreisen den Anstieg der Lebensmittelpreise äußerst ungünstig.110

[279=Faksimile] [280] Die wichtigsten Lebensmittel zeigen nach den Kleinhandelspreisen pro Kilo und Kc seit 1933 folgende Preissteigerungen:

    1933 August
    1936
    Brotmehl 1,75  -  2,45  
    Weißbrot 2,00  -  2,60  
    Weizenmehl 2,85  -  3,45  
    Kartoffeln 0,60  -  1,45  
    Schweinefett roh 12,80  -  16,85  
    Milch 1,55  -  2,20  
    Kornkaffee in Paketen 5,00  -  6,80  
    Bohnenkaffee gebrannt     40,95  -  46,26  
    Leuchtgas 1,75  -  1,90  
    Lichtstrom 3,25  -  3,80  

Diese Zahlen der Lebensmittelpreise und der Lohneinkommen machen es klar und verständlich, daß die Menschen, um ihren Hunger zu stillen, Hunde und Katzen schlachten und Wurzeln und Rinde auskochen, um nur notdürftig ihren Hunger zu stillen.



Das also ist das Bild der Zerstörung des sudetendeutschen Wirtschaftslebens. Wer aus den nüchternen Zahlen der amtlichen Statistik zu lesen versteht, weiß, daß sie mehr sagen als alle die Berichte aus den sudetendeutschen Grenzgebieten auszudrücken vermögen.

In den letzten Monaten ist eine Belebung der industriellen Produktion und ein Rückgang der Erwerblosigkeit im Staate zu verzeichnen. Aber das Sudetendeutschtum hat daran nur einen geringen Anteil, denn der Motor dieser fühlbaren Wirtschaftsbelebung ist die tschechoslowakische Aufrüstung und die erfolgt unter peinlichster Fernhaltung des Sudetendeutschtums. Wenn also die Zahl der Arbeitslosen unter die ½-Millionengrenze gesunken und besonders die Eisen-, Stahl-, Zement- und Kohlenproduktion gestiegen ist, dann sind die unmittelbaren Nutznießer dieser Entwicklung nur die Tschechen. Es ist eine bekannte Tatsache, daß der relative und absolute Anteil der Sudetendeutschen am Aktivstand des tschechoslowakischen Heeres von Jahr zu Jahr kleiner geworden ist, obwohl in der gleichen Zeit der Aktivstand des Heeres vermehrt worden ist. In den neuaufgestellten Polizei- und Gendarmerietruppen, die in die Grenzgebiete entsandt werden, befindet sich überhaupt kein Deutscher.

Die innere Grenzlinie der nach dem Staatsenteignungsgesetz unter Ausnahmezustand gestellten sudetendeutschen Grenzgebiete fällt nicht nur mit der Sprachgrenze, sondern auch mit der tschechischen Verteidigungslinie überhaupt zusammen. Nur im Böhmerwald, in den Sudeten und in Nordmähren-Schlesien stößt die Verteidigungslinie auch in das deutsche Grenzgebiet vor. Die Be- [281] festigungsarbeiten an dieser Grenzlinie werden fast ausnahmslos von tschechischen Arbeitern bestritten, soweit sie nicht im sudetendeutschen Gebiet ansässig sind, werden sie aus Innerböhmen und Mähren herangeholt. Das gleiche gilt für die Materiallieferungen, die fast ausnahmslos an tschechische Firmen vergeben sind. Der deutsche Anteil an den staatlichen Straßen- und Befestigungsbauten im sudetendeutschen Gebiet oder an seiner Innengrenze ist also sehr gering. Die wirtschaftliche Lage hat sich vielmehr weiterhin verschlechtert, da aus einer Reihe "staatsnotwendiger Betriebe" deutsche Arbeiter und Beamte entlassen wurden und aus strategischen Gründen eine Reihe anderer Produktionsstätten, ohne daß die Öffentlichkeit darüber informiert wird, stillgelegt und ins Innere des Landes verlegt werden. Die bereits vor 2 Jahren angekündigte Industrieverlagerung ist im vollsten Gange, wobei man allerdings noch so vorgeht, daß man einfach durch Errichtung neuer Betriebe die Produktion der bestehenden im sudetendeutschen Grenzgebiete von Monat zu Monat drosselt. Während man in die grenzdeutschen Gebiete verstärkte Gendarmerieabteilungen legt, denen die bleiernen Kugeln sehr locker im Laufe stecken, wie die Gewehrsalven zeigten, die von der tschechischen Gendarmerie in demonstrierende hungernde Arbeiter in Brüx, Dux, Freiwaldau und anderen Orten gefeuert wurden, werden in Innermähren, besonders aber in der Slowakei, die dorthin "verlegten" Industrien wieder aufgebaut. Durch alle diese Maßnahmen aber, die im Rahmen der tschechischen Aufrüstung getroffen werden, ist nun jene augenblickliche Wirtschaftsbelebung ausgelöst worden, die wie gesagt, nur den Tschechen zugute kommt, auch wenn die neue Wirtschaftsblüte in der Slowakei jetzt aufgeht.

Ein neutraler Beobachter, der auf seiner Reise nach dem Südosten durch die Tschechoslowakei fuhr, bestätigt in seinem interessanten Reisebericht die hier aufgezeigte Entwicklungslinie. Er schreibt unter anderem:

      "Ströme von Kapital fließen nach der Slowakei. Die öffentliche und private Investitionstätigkeit ist von riesigem Ausmaß. Allein für Eisenbahnbauten wurden über vier Milliarden Kronen ausgegeben, davon für die eben eröffnete Bündnisbahn oder Bündnisanschlußbahn Margaretenthal - Rothenfels (Margecany - Ceroyna Skala) 256 Millionen Kronen. Die Bautätigkeit ist so stark, daß das Gesicht einzelner Städte vollkommen verändert wurde. Die Häfen in Preßburg und Komorn wurden ausgebaut. Sillein bekommt seinen neuen Mammuthauptbahnhof. Nicht minder bedeutend ist der Ausbau der Industrie. Neue Fabriken entstehen in großer Zahl, alte werden ausgebaut, stillgelegte wieder in Betrieb gesetzt. Der Strom der Kapitalinvestitionen sichert der Slowakei dauernd gute Beschäftigung und es ist heute schon so, daß die rein agrarische Struktur des Landes in eine industriell-agrarische umgewandelt wurde, in der die Industrieerzeugung die landwirtschaftliche schon stärker überflügelt hat als in Böhmen, Mähren und Schlesien, obschon doch diese Länder die höchstindustrialisierten der alten öster- [282] reichisch-ungarischen Monarchie waren. Aber die slowakische Landwirtschaft ist dabei nicht zu kurz gekommen. Sie ist so gut wie schuldenfrei. Die steigenden Einlagezahlen der Geldanstalten bezeugen den Aufstieg, ja man möchte sagen, den Wohlstand in dieser östlichen Provinz des Staates. Sehr günstige Steuererträge lassen auf höheren Warenabsatz und gehobenen Lebensstandard schließen. Die Zolleinnahmen haben sich in der Slowakei um 29 Prozent gegenüber dem Vorjahresstand gebessert. Der Ertrag der Spiritussteuer stieg um 3,5 Prozent, während er in Böhmen um 4,6 Prozent zurückging. Fleischsteuern wurden um 6,3 Prozent mehr eingenommen. In Böhmen gingen sie um 1,8 Prozent zurück. Allgemein ist der Steuer- und Abgabensatz je Kopf der Bevölkerung in der Slowakei um ein bedeutendes angestiegen. In Böhmen ist er ebenso beträchtlich abgeglitten. Das Verhältnis ist um so beachtlicher, als im Osten die Bevölkerungszunahme wesentlich stärker ist als in den westlichen, den sogenannten historischen Ländern.
      So berichten die tschechischen Zeitungen und es ist durchaus wahr, was sie sagen. Ein beinahe ideales Bild der Wirtschaftsankurbelung und des Einsatzes aller Kräfte zur Überwindung der Wirtschaftsnot wird enthüllt. Aber es will doch selbst unter den Neidlosesten, ja nicht einmal im betroffenen Lande selbst eine reine Freude über diese - in mechanischer Rechnung - sehr beachtliche Aufwärtsentwicklung aufkommen. Ja, die Slowaken, die Eingesessenen, erheben nur um so lauter ihre Anklagen gegen Prag und sind doch weit über den Verdacht erhaben, Querulanten zu sein. Es ist nämlich ein Land, das solchermaßen eine wirtschaftliche Blüte erlebt, keineswegs ein Volk. Der Msgre. Hlinka, Führer der Slowakischen Volkspartei hat noch jüngst im Parlament das tschechische System angeklagt, zuerst die Lehrer, die Eisenbahner, die Gendarmen, die Förster und so weiter aus dem tschechischen Gebiet nach der Slowakei gebracht zu haben. Und nun siedele man auch noch massenweise Arbeiter an, während der einheimische Slowake zusehen könne, wie Landfremde - der »slowakische Bruder« sagte: Landfremde - auf ihrem Boden werken. Der slowakische Gebirgsbauer auf kargem Karpathenboden hat nicht teil an der Mehrung des Wohlstandes; wohl aber der tschechische Restgutbesitzer, dem die fruchtbaren Äcker der ungarischen Gentry von dem seiner Durchdringungsaufgabe getreuen Staatsbodenamt zugeschanzt wurden und die Veränderung des Gesichts der Städte wird durch Kasernen- und andere Heeresbauten bewirkt.
      Dies ist der eine Schatten: die Slowakei blüht auf, gewiß, nicht aber das slowakische Volk. Es ist ja nur in der Wortfiktion »tschechoslowakisch« gleichberechtigt. Immerhin, die Slowaken sind nur ausgeschlossen von der Aufwärtsentwicklung. Sie haben kaum Nutzen von ihr. Aber sie geht auch nicht auf ihre Kosten. Sie werden nicht mehr von Arbeitsplätzen verdrängt, sondern nur von neugeschaffenen ferngehalten.
      Die aber unmittelbar den Schaden haben und die Lasten tragen, das sind »die historischen Länder«, wie die tschechische Presse selbst zugeben muß, das sind die Sudetendeutschen. Unehrlicherweise Ursache mit Wirkung vertauschend schreiben tschechische Blätter: »In der Slowakei zeigt sich eine industrielle Expansion sondergleichen, während in den historischen Ländern eine Krise zu verzeichnen ist, die zu einer durchgreifenden Beschränkung früher [283] ausgedehnter Erzeugungszweige führen muß.« Daraus könnte man lesen, der industrielle Aufschwung in der Slowakei sei eine Sache für sich. Das ist unrichtig. Im besten Fall könnte man sagen, die Besserung der Arbeitsmarktlage in der Slowakei hängt mit der übrigen Wirtschaftsstruktur des Staates nicht zusammen, soweit es sich um Bahnbauten handelt. Im übrigen ist der Aufstieg dort und der Niedergang hier auf dem einfachst denkbaren Wege zu erklären: Die Industriewerke, die in der Slowakei aufgebaut werden, sind aus den sudetendeutschen Randgebieten dorthin verlegt worden und der Arbeitsminister Dostalek hat vor einigen Tagen erst angekündigt, daß dies in Zukunft in noch weit größerem Umfang geschehen werde als bisher. Man sagt amtlich, strategische Gründe seien dafür maßgebend. Man spricht nicht davon, aber man nimmt es stillschweigend gern zur Kenntnis, daß neben dem strategischen Ziel der Zweck der »Angleichung der Volksgrenze an die Staatsgrenze« erreicht wird. Denn die sudetendeutschen Arbeiter werden natürlich nicht mit ihren Werken mitgenommen nach der Slowakei. Sie werden und bleiben arbeitslos und damit ist ihr Schicksal erfahrungsgemäß schon so gut wie besiegelt. Und nicht nur mit ihren Arbeitsplätzen, sondern auch mit ihrem Geld bezahlen die Sudetendeutschen die Entwicklung. Sie müssen mit ihrem Geld, das sie in Staatsverteidigungsanleihe angelegt haben, den Bündnisbahnbau in der Bukowina ebenso mitbezahlen wie sie jetzt zwar mit ihrem Geld, nicht aber mit ihrer Arbeitskraft dazu beitragen dürfen, daß eine neue doppelgleisige Strecke Prag - Brünn - Slowakei gebaut, daß Ersatzflugplätze in der Slowakei und in Karpathenrußland angelegt werden und so weiter."

Das sudetendeutsche Gebiet hat von diesem wirtschaftlichen Frühling, wie gesagt, bisher nichts verspürt. Die Zahlen des Rückganges der Arbeitslosigkeit und der Zunahme der Produktion haben auf die sudetendeutsche Wirtschaftslage keinen Bezug. Dort liegen die Verhältnisse wie sie geschildert wurden und sind eher schlechter geworden.

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102Voraussetzung für den Bezug von Lebensmittelkarten ist der Nachweis eines dreimonatlichen, ununterbrochenen, versicherungspflichtigen Dienstverhältnisses nach dem Jahre 1929. Viele Arbeiter können diesen Nachweis nicht erbringen. Sie werden dadurch nicht nur automatisch aus der ärmlichen Ernährungshilfe ausgeschlossen, sondern können bei den Notstandsbauten keine Beschäftigung finden, weil bei diesen nach den bestehenden Bestimmungen nur solche Arbeiter beschäftigt werden dürfen, die entweder nach dem Genter System Unterstützung beziehen oder die staatliche Ernährungskarte besitzen. Die Verteilung der Lebensmittelkarten erfolgt durch sogenannte Gemeinde-Sozialkommissionen, die von der Behörde ernannt werden. Bei der Zuteilung kommt es, wie wir an anderer Stelle noch zeigen werden, zu allerhand Mißständen; z. B. von den 1446 Einwohnern von Frühbuß im deutschböhmischen Erzgebirge meldeten sich im Winter 1935 über 400 Personen für die Einreihung in die Ernährungsaktion. Viele von ihnen wurden, da sie Heimarbeiter waren und den verlangten Arbeitsnachweis nicht erbringen konnten, von vornherein ausgeschlossen, obwohl ihre Bedürftigkeit gegeben war. Auf Grund der Erhebungen der Gendarmerie wurde die Zahl der Lebensmittelkartenempfänger bis zum Frühjahr auf 206 herabgedrückt.
      Es wurde ihnen mitgeteilt, daß diejenigen Personen, die über 60 Jahre alt sind, gar keinen Anspruch auf Karten hätten, und es sei deswegen ganz umsonst, wenn sie sich überhaupt um Karten meldeten.
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103Volkszeitung, Bodenbach vom 8. 12. 1934. ...zurück...

104Narodni Politika, 18. 12. 1934. ...zurück...

105Die Zeit. 18. 9. 36. ...zurück...

106Soziální Revue, Amtsblatt des Ministeriums für Soziale Fürsorge, Nr. 4, XVII/1936. ...zurück...

107Die Zeit, Prag, v. 28. V. 1936. - Wie gering der Unterschied im Lohnniveau zur Zeit der jeweils größten und niedrigsten Arbeitslosigkeit im Jahre ist, zeigt die folgende Übersicht:
      Die tägliche Lohnsumme betrug im
            August 1929             52,000.000 Kc
            August 1930             49,000.000 Kc
            August 1931             47,000.000 Kc
            August 1932             39,500.000 Kc
            August 1933             34,000.000 Kc
            August 1934             32,000.000 Kc
            August 1935             33,500.000 Kc und im
            Februar 1935             26,000.000 Kc
            Februar 1936             27,800.000 Kc
      Man muß bei dem Unterschied zwischen den Februar- und Augustzahlen selbstverständlich berücksichtigen, daß im Hochsommer viele Saisonarbeiter (mit teilweise relativ höheren Löhnen) beschäftigt sind.
      Bei der täglichen Lohnsumme ist also ein gewisser Aufstieg zu verzeichnen. Inwieweit er nur auf eine Steigerung der Beschäftigtenzahl zurückzuführen ist, zeigt die Entwicklung der Durchschnittslöhne. Diese gestaltete sich folgendermaßen:
            August 1929             19,30 Kc
            August 1930             19,30 Kc
            August 1931             19,05 Kc
            August 1932             18,— Kc
            August 1933             16,90 Kc
            August 1934             16,50 Kc
            August 1935             16,10 Kc und im
            Februar 1935             15,70 Kc
            Februar 1936             15,70 Kc ...zurück...

108Prager Börsenkurier, 18. Juni 1936. ...zurück...

109Sudetendeutsche Wirtschaftskorrespondenz, Folge 10. ...zurück...

110Prager Presse, 25. September 1936. ...zurück...

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200 000 Sudetendeutsche zuviel!
Der tschechische Vernichtungskampf
gegen 3,5 Millionen Sudetendeutsche
und seine volkspolitischen Auswirkungen.
Kurt Vorbach