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Der ostmitteleuropäische
Raum
Nikolaus Creutzburg
Der östliche Teil des mitteleuropäischen Raumes wird in seiner
ganzen Ausdehnung von der Weichsel durchströmt. Aber die
Weichsel vermag nicht aus dem von ihr durchflossenen Gebiet eine
räumliche Einheit zu gestalten, denn für die Gliederung des Raumes
ist sie nur von untergeordneter Bedeutung. Die Gliederung des Raumes ist
vielmehr, wie in ganz Mitteleuropa, auch hier bestimmt durch das Vorhandensein
von annähernd breitenparallel,
also West-Ost verlaufenden Zonen. Diese Zonen sind, in der Aufeinanderfolge
von Süden nach Norden: die Hochgebirgszone, die Mittelgebirgszone, die
Tieflandzone. Ganz anders der osteuropäische Raum, der, in seiner ganzen
Ausdehnung Tiefland mit nur geringen Höhenunterschieden, keinerlei
Zonengliederung unterworfen ist.

Ostritzsee in
der "Kaschubischen Schweiz".
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Wenn der Osten Mitteleuropas ein Übergangsgebiet nach dem weiten
Osten Europas darstellt, ein Übergangsgebiet mit unscharfen und
fließenden Grenzen, so kommt das auch in dem Verhalten der oben
erwähnten Zonen zum Ausdruck. Die drei Zonen Mitteleuropas setzen sich
zwar weit nach Osten hin fort, aber sie erscheinen zum Teil abgeschwächt,
zum Teil
verstärkt - sie ändern jedenfalls bis zu gewissem Grade ihren
Charakter. Abgeschwächt ist die Hochgebirgszone, die hier, im westlichen
Karpatenbereich, gegenüber den Alpen um rund 200 bis 250 Kilometer
nach Norden verschoben ist. Abgeschwächt ist auch die Mittelgebirgszone,
die in Mitteleuropa infolge ihrer breiten Entwicklung, vermöge der ihr
eigenen Kleingliederung und Kammerung den Charakter des Raumes in erster
Linie bestimmt. Schon zwischen Oder und Weichsel schrumpft die

Im Hügelland
südlich der Ostseeküste.
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Mittelgebirgszone zu einem nicht sehr bedeutenden, viel schmaleren und
niedrigeren Rest zusammen. Östlich der Weichsel setzt, in unmittelbarer
Fortsetzung der Mittelgebirgszone, eine verhältnismäßig
breite,
gleichfalls West-Ost sich erstreckende Zone von Hügelländern und
mäßig hohen Plateaus ein (Lubliner Hügelland und Podolische
Platte), die, obwohl geologisch anders gebaut, doch in bezug auf die
Reliefgliederung die Rolle der Mittelgebirgsschwelle als einer Vorstufe zum
Hochgebirge noch eine gute Strecke nach Osten weiterführt, um sich dann
allmählich zu verlieren.
Auch durch Ostmitteleuropa zieht sich also, in ähnlicher Weise wie durch
das übrige Mitteleuropa, eine Strecke weit nördlich des Randes der
Hochgebirgszone, eine
zweite, West-Ost verlaufende Randlinie. Wenn diese Randlinie auch weniger
deutlich, weniger gebuchtet ist als der nördliche Rand der deutschen
Mittelgebirgsschwelle (obwohl jede Höhenschichtenkarte sie als Grenze
der 200-Meter-Zone deutlich hervortreten läßt), so ist sie doch als
Scheidelinie, als natürliche Zonengrenze wie als Landschaftsgrenze nicht
weniger von entscheidender Bedeutung. Man könnte sie, ähnlich wie
den Rand der deutschen Mittelgebirgsschwelle, eine binnenländische
Wiederholung der Küstenlinie nennen.
Sind sowohl Hochgebirgszone als auch die als Vorstufe bezeichnete
Mittelgebirgs- beziehungsweise Plateauzone im ostmitteleuropäischen
Raum wesentlich schmaler und unansehnlicher als weiter im Westen, so gewinnt
umgekehrt die Tieflandzone vom Weichselgebiet an eine immer
größere Ausdehnung. Schmal im Westen, erweitert sie sich nach
Osten zu, einem Trichter ähnlich, immer mehr, um schließlich in die
weiträumigen Tieflandschaften Osteuropas überzuleiten. Man
könnte das Mittelgebirgsland die
west- beziehungsweise mitteleuropäische, das Tiefland die
osteuropäische Landform nennen. In Mitteleuropa herrscht das

Im ostdeutschen Tiefland.
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Mittelgebirgsland vor, es ist das diesem Raum eigentümliche
Landschaftselement - in Osteuropa herrscht fast ausschließlich der
Tieflandcharakter. Aber diese beiden Formenelemente,
die - abgesehen vom Hochgebirge - die Grundelemente der Landschaftsgestaltung
des europäischen Festlandsrumpfes sind, durchkreuzen sich. Die
Mittelgebirgsschwelle endet in
einem - schmalen - Ausläufer bis nach Podolien, und umgekehrt entsendet
das weite, ungegliederte osteuropäische Tiefland nördlich davon
einen zur Zone gewordenen, stetig sich verschmälernden Ausläufer
bis an die
Nordsee - eben das Norddeutsche Tiefland. Ostmitteleuropa ist ausgesprochenes
Übergangsgebiet, Begegnungsgebiet der beiden Zonen, es hat Anteil an
beiden. Freilich sind die beiden Zonen hier einander nicht völlig
gleichwertig. Den Charakter des nördlich der Karpathen gelegenen,
ostmitteleuropäischen Raumes wird zweifellos stärker durch das
Tiefland bestimmt als durch die
Mittelgebirgs- beziehungsweise Plateauzone.
Die Reliefgliederung
des Weichsellandes

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Aber auch die Tieflandzone dacht sich hier keineswegs, wie etwa im
nördlichen Rußland, gleichsinnig zum Meere ab, sondern sie ist im
mitteleuropäischen wie im osteuropäischen Raum in Gürtel
gegliedert, die
wiederum West-Ost verlaufen. Nördlich der erwähnten Randlinie
der Mittelgebirgsschwelle folgt zunächst ein breiter "Gürtel der
größten Eintiefungen" (von den Polen der "Gürtel der
größten Täler" genannt), und daran schließt sich, diesen
Tiefengürtel gegen das Meer abriegelnd, ein im großen und
ganzen West-Ost gerichteter, im einzelnen schwach bogenförmig
geschwungener Höhengürtel, der "Baltische
Höhenrücken". Westlich der Weichsel ist er sehr deutlich als
"Pommerscher Höhenrücken", ebenso als "Preußischer
Höhenrücken"
zwischen Weichsel- und Memelstrom - östlich der Memel, beim Betreten
des osteuropäischen Raumes, verliert er bezeichnenderweise sehr rasch an
Deutlichkeit.
Der ausschlaggebende Grundzug in der Gliederung des Raumes ist also der einer
ausgesprochenen Zonengliederung in breitenparalleler Richtung. Diese
Zonenanordnung wird aber von den großen Strömen, die samt und
sonders eine südnördliche Laufrichtung besitzen, durchbrochen.
Ost-West gerichtete Zonen kreuzen sich also mit Süd-Nord verlaufenden
Flüssen. Diese Tatsache ist von außerordentlicher Wichtigkeit; sie
führt dazu, daß für die Gliederung des gesamten
mitteleuropäischen Raumes die großen Flüsse
höchstens in zweiter Linie in Betracht kommen können. Denn die
Zonengliederung stellt ganz klare, unzerreißbare Zusammenhänge in
der West-Ostrichtung her, Zusammenhänge, die durch die Einschaltung der
quer dazu verlaufenden Flüsse in keiner Weise aufgehoben werden. Ganz
anders liegen die Dinge in Osteuropa. Hier entsprechen den Flußgebieten
meistens große Becken (Wolgabecken, Dnjeprbecken, Pripetbecken); hier
folgt die Richtung der Flüsse keinem allgemeinen, einheitlichen
Abdachungsgesetz - hier ist vielmehr unregelmäßige Ausbildung,
radiale Anordnung der Neben- beziehungsweise Quellflüsse (Dnjepr,
Pripet) die Regel. Hier bestimmen tatsächlich die Flüsse die
Gliederung des Raumes, hier verbinden sie die ungeheuren Räume ihrer
Einzugsgebiete zu räumlichen Einheiten, zu wirklichen
Flußräumen.
Die Weichsel ist in keiner Weise ein Strom Osteuropas, sondern sie gehört
zusammen mit Oder, Elbe, Weser und Rhein zu der großen
"Fünfstromreihe" Mitteleuropas. Diesen Flüssen sind
kennzeichnende Eigenschaften gemein. Es sind, im großen betrachtet, quer
verlaufende Durchbruchsströme, die
teilweise - wie die Weichsel - im Hochgebirge wurzelnd einen Teil ihres Laufes
im Mittelgebirgsland zurücklegen, die Mittelgebirgsschwelle in der
Süd-Nordrichtung überwinden und dann den Tieflandgürtel
zum Meere hin durchmessen. Freilich ist die Allgemeinrichtung der fünf
Ströme nicht eine rein nördliche, sie ist vielmehr im großen
und ganzen nach Nordwesten gerichtet. Das ist das Erbe einer langen,
widerstreitenden Entwicklung. Die Nordwestrichtung ergibt sich
gewissermaßen als das Ergebnis von Kräften, deren eine
Komponente die
Flüsse - unter dem Zwang der Verhältnisse während des
Eisrückzuges im Norddeutschen
Tiefland - nach Westen hin abzuführen bestrebt war, deren andere
Komponente nach dem endgültigen Eisrückgang der
natürlichen, nach Norden gerichteten Abdachung des Landes Rechnung zu
tragen versuchte.
Aus dieser Entwicklung ergibt sich eine wichtige, allen fünf Flüssen
gemeinsame Eigenschaft: die Zusammensetzung, Zusammenstücklung des
Flußlaufes aus mehreren Laufstrecken verschiedener Entstehung und
verschiedenen Charakters. Die "Durchbruchstendenz" nach der allgemeinen
Abdachsrichtung, nach Norden hin ist keineswegs allgemein, sondern sie wird
ständig gekreuzt
von West-Ost- beziehungsweise Ost-West-Tendenzen. Das kommt bereits im
unmittelbaren Vorland der Hochgebirgszone zum Ausdruck. Nördlich der
Karpaten schließt
sich - ebenso wie nördlich der Alpen - die Mittelgebirgszone nicht
unmittelbar an die Hochgebirgszone an, sondern es schaltet sich zwischen die
beiden Zonen eine Vorlandzone ein, das Karpatenvorland. Hier besteht
selbstverständlich das Bestreben zur Entwicklung von breitenparallel
verlaufenden Flüssen oder Flußabschnitten. Da aber die
Mittelgebirgszone hier verhältnismäßig schmal und niedrig ist
und da sie dort, wo polnisches Mittelgebirge und Lubliner Plateau
aneinandergrenzen, eine starke Einschnürung erfährt, so war hier ein
Durchbruch nach Norden leicht möglich.
In der Tieflandzone endlich besteht infolge des Vorhandenseins von zahlreichen,
fast
durchweg West-Ost gerichteten breiten und flachen Talfurchen, den sogenannten
Urstromtälern, gleichfalls die Neigung zur Einschaltung von breitenparallel
verlaufenden Flußabschnitten. Die Weichsel fließt ja, ebenso wie
Oder und Elbe, keineswegs auf geradem und kürzestem Wege dem Meere
zu, sondern ihr heutiger Lauf im Tieflandteil, wie auch der Lauf vieler ihrer
Nebenflüsse, ist zusammengesetzt aus alten Urstromtalstrecken und aus
jüngeren, die verschiedenen Urstromtalstrecken
verbindenden, süd-nördlichen Durchbruchsstrecken. Eine solche
Durchbruchsstrecke ist für die Weichsel auch erforderlich, um die letzte
der west-ostverlaufenden Zonen, die des Baltischen Höhenrückens,
zu überwinden. Für die Laufrichtung von Weichsel, Oder und Elbe
sind unvermittelte Knickungen, rechtwinklige
Abbiegungen charakteristisch. Die Weichsel besitzt damit einen
"mitteleuropäischen" Flußcharakter, der grundsätzlich
verschieden ist von dem "osteuropäischen" Flußcharakter, wie ihn
bereits der nahe benachbarte Pripet in klarer Ausbildung zeigt. Die Weichsel ist
ein unregelmäßig aus verschiedenen Abschnitten
"zusammengesetzter" Fluß, der Pripet dagegen ist die
regelmäßige, zentrale, einheitlich entstandene
Entwässerungsader einer weiten Tieflandmulde.
Das Einzugsgebiet der Weichsel hat seine Grenzen, vor allem im
nördlichen Teil, durch geologische Zufallsereignisse erhalten. Die Grenzen
des Einzugsgebietes liegen nicht da, wo sie nach dem inneren Bau und dem
Relief des Landes liegen sollten, sondern sie sind vielfach verschoben.
Infolgedessen sind die einzelnen Teile des Weichseleinzugsgebietes in ihren
Beziehungen zum Hauptstrom nicht gleichwertig.
Von einem einheitlichen "Weichselraum" kann schon deswegen nicht die Rede
sein, weil die Weichsel die
natürliche, west-ostverlaufende Zonengliederung, die in allererster Linie
für die Gliederung des ostmitteleuropäischen Raumes
maßgebend ist, durchbricht. Die Verhältnisse lägen ganz
anders, viel einfacher, wenn an Stelle der Gliederung in breitenparallel
verlaufende Reliefzonen eine Meridionalgliederung bestünde. Dann
würden Flußgebiet und Naturraum einigermaßen
zusammenfallen.
So erscheint es aber schon deshalb als abwegig, etwa das Einzugsgebiet der
Weichsel als "Weichselraum" zu bezeichnen und diesen Flußraum zum
Ausgangspunkt einer allgemeinen Raumgliederung zu machen, weil die
Wasserscheide im Osten weit über die ihr durch das Relief des Landes
vorgeschriebenen Grenzen (die etwa den flachen Landrücken
beziehungsweise Platten entsprechen, die die Umwallung des Pripetbeckens
bilden) hinausgreift, im Westen dagegen hinter diesen Grenzen
zurückbleibt. Bug- und oberes Narewgebiet sind, von der Weichsel im
Verlauf einer langen und komplizierten Entwicklung "erobert", wohl
äußerlich zum Einzugsgebiet der Weichsel
geworden - nach dem inneren Wesen des Landes gehören sie aber vielmehr
zu den Landschaften des Ostens, zur westlichen Polesie
beziehungsweise zu Podlachien. Andererseits steht das Gebiet der oberen Warthe
der Weichsel, obwohl es nicht zu ihrem Stromgebiet gehört, im Grunde
näher als die östlichen Landschaften um den mittleren und oberen
Bug und um den oberen Narew.
Die Weichsel gewinnt eine klare und eindeutige Beziehung zu demjenigen Teil
des ostmitteleuropäischen Raumes, den sie mit ihrem großen, nach
Western geöffneten Bogen umfaßt und umgreift. Sie fügt
dieses von ihr auf drei Seiten eingeschlossene Land, obwohl es ziemlich
verschiedenartige Landschaftsbestandteile enthält, zu einer gewissen
räumlichen - wenn auch nicht landschaftlichen - Einheit, zu einer Art
großer Halbinsel zusammen. Sie verleiht diesem Raum
gewissermaßen den Blick nach Westen, sie bringt ihn dem Westen
näher, sie schließt ihn aber gleichzeitig zu einem gewissen Grade
gegen Osten ab. Sie gibt dem Gebiet des Weichselbogens den Charakter, wenn
auch die Nebenflüsse, die sie aus diesem Raum erhält, viel
unbedeutender sind als die von Osten kommenden und wenn auch der breite
westliche Teil des
Weichselbogenraumes - das Gebiet der oberen Warthe - überhaupt nicht
mehr Einzugsgebiet der Weichsel ist.
Der Raum des Weichselbogens wird durch den ungefähr breitenparallel
verlaufenden Rand der Mittelgebirgsschwelle in zwei etwa gleich große
Abschnitte geteilt: einen südlichen, von höher gelegenen
Flächen und von Mittelgebirge erfüllten Anteil und einen
nördlichen Tieflandanteil. Die Grenze zwischen diesen beiden Zonen ist
keineswegs scharf und
linienhaft - so wie vielfach im Bereich der deutschen
Mittelgebirgsschwelle - sondern der Übergang vollzieht sich ganz
allmählich. Trotzdem ist diese Grenzzone sowohl
als Landschafts- wie als Kulturgrenze von außerordentlicher
Bedeutung.
Der südliche Teil des Weichselbogenraumes gehört zu der
historischen Landschaft Kleinpolen (die außerdem noch den westlichen
Teil des Karpatenvorlandes, also Westgalizien, umfaßt) und kann
zusammenfassend als "kleinpolnisches Hügelland" bezeichnet werden.
Wirkliches Mittelgebirge ist darin auf einen ziemlich kleinen Raum
beschränkt, auf das Gebiet der etwas über 600 Meter sich
erhebenden Cysogóry. Der Charakter ist anders als der der deutschen
Mittelgebirge. Es handelt sich um mehrere, parallel verlaufende, langgestreckte,
aber vielfach unterbrochene Bergrücken, die teils kahl, teils von
urtümlichem Wald bedeckt sind und durch breite, zum Teil von
Löß erfüllte Mulden voneinander getrennt werden. Im
Nordosten wie im Nordwesten verlieren sich diese, aus gefalteten
paläozoischen Gesteinen bestehenden Bergrücken allmählich
in sanftwellige, weite Ebenen im Bereich von Kreideschichten. Noch weiter nach
Südwesten steigt das Land wieder etwas an, und es entwickeln sich, im
sogenannten "Polnischen Jura", Landschaftsbilder, die etwa der
Fränkischen Albhochfläche mit ihren tief eingeschnittenen
Tälern und ihren bizarren, hellweißen Kalkfelsen ähnlich sind.
Je weiter nach Süden, desto mächtiger wird die
Lößdecke, die die Landformen einhüllt.
Die Weichsel bildet hier im Süden wie auch im Osten eine scharfe
Landschaftsgrenze, sie scheidet das "Kleinpolnische Hügelland" scharf
vom Karpatenvorland, vor allem von dem tiefgelegenen, dreieckigen
Senkungsfeld
der Weichsel-San-Ebene. Südlich davon erheben sich die zunächst
noch sanften, dann stufenförmig ansteigenden Hügel des
Beskidenvorlandes, die in die Beskiden und schließlich ins Hochgebirge
überleiten. Auch das östlich des Weichseldurchbruches gelegene
Lubliner Hügelland besitzt, obwohl es annähernd die gleichen
Höhen aufweist wie das Kleinpolnische Hügelland und obwohl es
die Rolle der Mittelgebirgsschwelle nach Osten weiterführt, anderen Bau
und anderen landschaftlichen Charakter. Es ist eine weithin von Löß
überdeckte, vielfach kahle Hochfläche, die aus flachlagernden
Kreideschichten besteht,
allerdings - vor allem an den Rändern - stark zerschnitten ist.
Viel weniger stark als im Süden tritt die eingrenzende und
abschließende Bedeutung der Weichsel im Norden, im Bereich des aus
glazialen Aufschüttungen bestehenden Tieflandes in die Erscheinung.
Während die Landschaften der sanftwelligen Hochebenen,
Hügelländer und Mittelgebirge den südlichen Teil des
Weichselbogens gerade vollkommen ausfüllen, herrscht im Norden
beiderseits der Weichsel der gleiche oder wenigstens ein sehr ähnlicher
Landschaftscharakter, der eines ziemlich einförmigen Tieflandes, das aus
niedrigen, von beckenartigen Weitungen und von breiten, sandigen
Urstromtälern unterbrochenen Diluvialplatten besteht.
Grundmoräne - vielfach lehmig - bildet das Material dieser Diluvialplatten.
Endmoränenhügel sind den Platten zwar stellenweise auch
aufgesetzt, aber sie sind meist undeutlich und treten nur wenig in die
Erscheinung.
Die Weichsel schneidet hier also aus einer im wesentlichen gleichartigen
Landschaft äußerlich einen Teil heraus. Aber sie bestimmt auch bis
zu gewissem Grade den Charakter des Raumes um den unteren Bug, den unteren
Narew, um die Wkra und Skrwa. Die historische Landschaft Masowien, die im
Norden bis an die Südabdachung des Preußischen
Höhenrückens und im Süden bis an den Rand der
Mittelgebirgsschwelle heranreicht, wird von der Weichsel in zwei Teile geteilt:
das nördliche, höhere Masowien und das südliche, niedere
Masowien.
Der Raum des Weichselbogens - einschließlich Hochmasowiens,
einschließlich auch des im Westen an Masowien angrenzenden
Kujawien - erscheint als das Kerngebiet des ostmitteleuropäischen
Raumes. Es ist gleichzeitig das Kerngebiet des polnischen Volkstums und auch
des polnischen Staates. Man kann nicht oft genug und nicht scharf genug betonen,
daß dieser Raum ein Übergangsgebiet mit fließenden Grenzen
ist, ein Raum, der, als Lebensraum für ein Volk betrachtet, einer starken
Eigenprägung, einer ausgesprochenen Individualität entbehrt. Dieses
Gebiet ist dem Meere abgekehrt. Es ist in breiter Front dem Westen
geöffnet und daher auf den Westen hingewiesen. Tausende von
Fäden verknüpfen es seit dem Beginn des historischen Geschehens
mit dem Westen, mit dem deutschen Mitteleuropa. Der breite Wall des Baltischen
Höhenrückens verschließt ihm den Norden, und der
Durchbruch der Weichsel durch den Höhenrücken stellt wohl eine
Verkehrsverbindung nach dem Meere hin dar und beansprucht den Rang einer
wichtigen, Süd-Nord verlaufenden Leitlinie - aber er vermag die Tatsache
der Meeresabgekehrtheit des ganzen Raumes damit nicht aufzuheben.
Über den podlachischen Landrücken, zwischen Weichsel und Bug,
zieht die große europäische Landschaftsscheide. Östlich davon
liegt das streng kontinentale Osteuropa. Wenn das Flußgebiet der Weichsel
auch fast ganz
Podlachien - das Land um den mittleren und oberen Narew und südlich
davon - umfaßt und sich bis in die westlichsten Teile der Landschaften
Polesien, Wolhynien und Podolien hinein erstreckt, so besitzen diese
östlichen Landschaften doch nur sehr wenig innere Beziehung zur
Weichsel. Podlachien ist ein erst ziemlich spät besiedeltes und nur
unvollkommen gerodetes Übergangsgebiet, ein völkischer
Grenzraum.
Polesien - das Land des Pripetbeckens und der unendlichen
Wald-Sumpfeinöden -, Wolhynien - die breite, großenteils fruchtbare
nördliche Abdachung der podolischen
Platte - und Podolien sind ausgesprochen osteuropäische, nicht mehr
polnisch besiedelte Landschaften. Ihre Blickrichtung geht nach Osten, sie finden
ihre landschaftliche Fortsetzung im Osten, in Richtung auf den Dnjepr hin. Sie
kehren dem Raum des Weichselbogens den Rücken. Sie sind das Vorland
des Weichselbogenraumes gegen die Unendlichkeit der osteuropäischen
Weiten.
Umgekehrt darf der Weichselbogenraum zwar als eine Art Vorhof Osteuropas
betrachtet werden. Das kontinentale Klima wird hier, wenn auch in etwas
abgemildertem Maße, noch einmal weit nach Westen getragen, und nicht
nur der Lage sondern auch dem landschaftlichen Charakter nach ist hier das
eigentliche Ostmitteleuropa. Im Norden dagegen, in der küstennahen Zone,
greifen maritimes Klima und einwandfrei mitteleuropäischer
Landschaftscharakter bis weit in den Nordosten Europas. Der Baltische
Höhenrücken besitzt eine außerordentlich starke
landschaftsscheidende, abschließende Wirkung. Alles, was auf diesem
Höhenrücken und nördlich davon liegt, bildet einen
Naturraum für sich. Diese Zone blickt nach der Küste, aber sie
besitzt so gut wie keine innere Beziehung zur Weichsel, die den
Höhenrücken und die küstennahe Zone wie ein Fremdling
durchbricht.
Das nördliche Pommerellen ist nur ein Ausschnitt aus
dieser mitteleuropäisch-deutschen küstennahen Zone, es ist nicht zu

Netzebrücke bei
Schneidemühl an der Diktatgrenze.
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denken ohne den Zusammenhang seiner waldigen
Endmoränenhügel, seiner langgestreckten Rinnenseen, seiner
Grundmoränenlandschaft mit den gleichen Landschaftsformen, wie sie sich
in der westlichen wie in der östlichen Fortsetzung derselben Zone nahezu
unverändert finden. Auch der von Kiefernwald bedeckte große
Sandfächer der Tucheler Heide, die sich südlich an die
Endmoränenstaffeln Pommerellens anschließt, findet seine
Entsprechungen im Westen wie im Osten. An der Netzelinie setzt die Zone der
Urstromtäler und der Diluvialplatten ein, und auch dieses Land

Lindenwerder mit dem
Urstromtal der Netze.
Wartheniederung bei Schrimm.

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südlich der Netze und südlich der unteren und mittleren
Warthe - das Posener Land - zeigt einwandfrei die Wesenszüge der
mitteleuropäischen Landschaft, es ist aber seinerseits eine Art Vorhof zu
den ostmitteleuropäischen Landschaften des Tieflandteiles im
Weichselbogenraum.
Im ganzen genommen ist der ostmitteleuropäische Raum ein
Durchgangsgebiet allererster Ordnung. Die Natur hat für die
Bewegungsbestrebungen dieses Raumes in erster Linie die breitenparallele
Richtung vorgezeichnet.
Zahlreiche west-ost-gerichtete Linien, Talfurchen, Flüsse,
Höhenränder und Höhenzüge vermögen
für Bewegungen dieser Art geradezu leitend zu werden. Sie erlangen die
Bedeutung von natürlichen Leitlinien für Völkerbewegungen,
für die Ausbreitung kultureller Einflüsse, für
Handelsbewegungen - endlich auch für die politische Ausdehnung.
Diesen vielen, breitenparallel verlaufenden Leitlinien steht eine einzige
meridional gerichtete gegenüber: die Weichsel. Aber ihre Bedeutung
als Süd-Nord-Linie wird stark eingeschränkt durch die Tatsache,
daß der Fluß auf seinem Weg von den Westbeskiden bis zur Ostsee
einen gewaltigen Umweg beschreibt, daß er die Scholle des
kleinpolnischen Hügellandes in einem weit nach Osten ausholenden Bogen
umfließt, eingeschränkt auch dadurch, daß er als meridionale
Linie die breitenparallel angeordneten Zonen durchbricht.
 
Deutschland und der Korridor
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