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Wien 1864

Äußerlich betrachtet läßt sich keine einfachere Lage denken als die, in der sich Preußen im Juli 1864 befand, als es in einem Kriege, der uns heute nur wie ein mehrfach unterbrochener militärischer Spaziergang erscheint, den Widerstand Dänemarks niedergeschlagen hatte. Es konnte dem Besiegten seinen Willen ohne jede Einschränkung auferlegen und hat dies auch getan. Der Vorfriede, der in Wien am 1. August unterzeichnet und am 30. Oktober zum endgültigen Frieden erhoben wurde, ist von Bismarck diktiert und von Dänemark ohne jede Widerrede angenommen worden. Er lautet denn auch in dem einzigen wesentlichen Punkte (Artikel 1) so einfach wie möglich : "Seine Majestät der König von Dänemark entsagt allen seinen Rechten auf die Herzogtümer Schleswig, Holstein und Lauenburg zugunsten Ihrer Majestäten des Königs von Preußen und des Kaisers von Österreich und verpflichtet sich, die Dispositionen anzuerkennen, welche die genannten Majestäten in bezug auf diese Herzogtümer treffen werden." Man sieht es diesem knappen, schlichten Satze nicht an, daß er den Abschluß eines der glänzendsten diplomatischen Feldzüge bildet, die je geführt wurden, daß er einen ebenso vollständigen wie mühevoll errungenen Sieg und ein Meisterstück an politischer Weitsicht und Berechnung darstellt. Bismarck selbst hat das gefühlt und öfter ausgesprochen, zuerst am 11. September 1870 im Kreise seiner Beamten: "Am stolzesten bin ich doch auf unsere Erfolge in der schleswig-holsteinischen Sache, aus der man ein diplomatisches Intrigenspiel fürs Theater machen könnte." Niemals hat er mit größeren Widerständen zu kämpfen gehabt, niemals so vorsichtig, auf Umwegen und Schleichwegen sich dem Ziele nähern müssen, niemals ist er weniger verstanden worden, ehe das Ziel erreicht war.

Der Gegner, den es eigentlich zu überwinden galt, war für ihn gar nicht das feindliche Dänemark; die wahren Gegner saßen teils im eigenen Lager, teils im neutralen Ausland. Bismarcks Gedanke ging von Anfang an darauf, die Herzogtümer Dänemark zu entreißen und Preußen einzuverleiben. Ein Menschenalter später hat er sich darüber zu einer Abordnung aus Schleswig-Holstein offen ausgesprochen: "Ich [13] habe von der ersten Eröffnung der Frage... im November 1863 gleich die Überzeugung gehabt und vertreten, amtlich vertreten: Dat möt wi hebben!" Aber da waren alle gegen ihn gewesen: der König, der Kronprinz, der ganze Hof; die Ministerkollegen, die Botschafter in Paris und London; die anderen deutschen Regierungen, auch die verbündete österreichische nicht ausgenommen; die preußische Volksvertretung, der Nationalverein und die deutsche Presse; die öffentliche Meinung der beiden Provinzen, um die der Streit ging; und vor allem die übrigen Mächte, Rußland, Schweden, Frankreich und England. Als er im preußischen Kronrat zum erstenmal seine Meinung aussprach, fürchtete man, er habe "zu stark gefrühstückt", und der Kronprinz deutete wiederholt mit dem Finger auf die Stirn. Der König hat sich noch nach beendetem Kriege, am 22. August 1864, in Schönbrunn bei der Besprechung mit Kaiser Franz Josef auf dessen Frage, ob er die Lande haben wolle, dagegen gesträubt. Der Erkorene des Hofes, der deutschen öffentlichen Meinung und des Landes selbst war ja der Erbprinz von Augustenburg. Hätte man damals eine Volksabstimmung in Deutschland vorgenommen, es wäre mit überwältigender Mehrheit beschlossen worden, den Chor der deutschen Mittel- und Kleinfürsten um ein weiteres schwaches Stimmlein zu verstärken, die Summe der Nullen, die die deutsche Ohnmacht darstellten, noch um eine neue Null zu vermehren. Beschloß doch am 2. Dezember 1863 das Preußische Abgeordnetenhaus mit 231 gegen 63 Stimmen: Die Ehre und das Interesse Deutschlands forderten, daß der Erbprinz Herzog von Schleswig-Holstein werde! Der Nationalverein aber erklärte in einem Manifest, durch seine Haltung in dieser Frage habe Preußen "jeden Anspruch auf die Führung Deutschlands verloren".

Wie leicht haben wir es heute, die grenzenlose Torheit dieser Meinung zu durchschauen! Wir wissen, was damals in Wirklichkeit auf dem Spiel stand. Um uns daran zu erinnern, brauchen wir ja auch nur die oben erwähnte Rede Bismarcks vom 26. Mai 1893 zu lesen über das Thema: "Ohne Schleswig-Holstein keine deutsche Flotte!" und mit dem Bekenntnis: "Ich habe mir von Haus aus gesagt: ohne die Herzogtümer wird Deutschland nie eine deutsche Reichsflotte haben können... Die Herzogtümer und die Flotte sind untrennbar voneinander, sie gehören zusammen." Das ist uns heute eine Binsenwahrheit. In unserer Vorstellung sind der Reichskriegshafen in Kiel und der Kaiser-Wilhelm-Kanal feststehende Größen, die wir nicht mehr hinwegzudenken vermögen. Wir vergessen leicht, daß sie ohne die Befreiung Schleswig-Holsteins von Dänemark gar nicht und ohne ihre Einverleibung in Preußen nur bedingt möglich gewesen wären. Für uns ist es nicht schwer, zu erkennen, daß mit diesem Schritt bereits die Bahn betreten wurde, [14] die Deutschland einst in die Reihe der großen Seemächte führen sollte. Wir streiten darum auch gar nicht mehr darüber, daß es in jedem Sinne das beste war, wenn an dieser entscheidenden Stelle die volle Landeshoheit in die Hände des führenden deutschen Staates gelegt wurde. Damals aber war es zunächst noch eine seltene Ausnahme, wenn z. B. der kurhessische Minister Abée in der Annexion der Herzogtümer an Preußen die einzige verständige Lösung der Frage sah. Erst nach Düppel, als der militärische Erfolg angefangen hatte, seine Lehre zu üben, am 25. Mai 1864, wagte eine Anzahl preußischer Patrioten unter Führung des konservativen Grafen Arnim-Boitzenburg in einer Adresse an den König schüchtern anzudeuten: "Wir halten die Trennung des deutschen Schleswig und Holstein von Dänemark und ihre Vereinigung zu einem Ganzen, sei es unter einem eigenen Landesherrn und dem wirksamen Schutze eines mächtigen deutschen Staates, sei es als ein Teil dieses letzteren, für die einzige Lösung, welche die Opfer lohnt, die wir gebracht." Es ist auch sehr die Frage, wie viele deutsche Politiker damals ein volles Verständnis für den Satz hatten, den Bismarck ihnen am 8. Juni vorhalten ließ: "Das Interesse Deutschlands findet nicht schon darin seine Befriedigung, daß der deutsche Bund einen Zuwachs an Land erhalte und daß die Zahl der deutschen Fürsten sich noch um einen vermehre, sondern nur darin, daß das neue Fürstentum auch dazu beitrage, die Bedingungen deutscher Macht und deutschen Ansehens nach außen zu fördern... Deutschland und vor allem Preußen, welches mit Österreich sein Teuerstes, das Herzblut seiner Söhne, an die Befreiung Schleswig-Holsteins gesetzt hat, muß verlangen, daß dort an der Nordgrenze zwischen der Ost- und Nordsee nicht etwa bloß ein schwächliches Herzogtum erstehe, sondern zugleich eine wahre Nordmark zu Schutz und Trutz für Deutschland zu Lande und zur See."

Uns ist es auch geläufig, daß die Lösung dieser Frage eine europäische, keine innerdeutsche oder deutsch-dänische Angelegenheit war, und es ist wohl auch die Kenntnis heute nicht mehr auf die engsten Kreise beschränkt, daß der eigentliche Feind, den man zu allererst besiegen mußte, nicht das kleine Dänemark, sondern das große England war. England hatte schon einmal, von 1848 bis 1850, die deutsche Lösung der schleswig-holsteinischen Frage verhindert, weil es diese wichtige maritime Stellung nicht dem werdenden Deutschland überlassen wollte. England stand auch jetzt von Anfang an hinter Dänemark und ermutigte es zum Widerstand, den es sonst schwerlich gewagt hätte. Kein Geringerer als der alte Jupiter tonans von Europa, Lord Palmerston, hatte als Erster Minister im Hause der Gemeinen das verheißungsvolle Wort gesprochen, wenn Dänemark von Deutschland an- [15] gegriffen werde, so werde es nicht allein bleiben. Das Wort fand in England ein lautes Echo. Im Parlament und in der Presse hat man damals eine Sprache geführt, die uns heute sehr vertraut vorkommt. Palmerston gab dabei den Ton an. Er hat mit Drohungen und Grobheiten nicht gespart. Die Äußerung Bismarcks, daß Verträge zwischen zwei Staaten erlöschen, wenn die Vertragschließenden miteinander in Krieg geraten, was, juristisch betrachtet, nur ein Gemeinplatz ist, nannte er "eine höchst alberne Lehre (a most preposterous doctrine), eine Lehre, die keine Regierung im Ernst aufrecht erhalten kann, wenn sie noch etwas Selbstachtung und Rücksicht auf die Grundsätze des guten Glaubens hat. Es wäre für ein zivilisiertes Land höchst schmachvoll, auf solchem Standpunkt zu stehen". Die Überschreitung der jütischen Grenze war in seinen Augen eine unentschuldbare Vergewaltigung (outrage, violence). Selbst der milder gesinnte Lord John Russell sprach von "einem höchst ungerechtfertigten Kriege (a most unjustifiable war)". Als die preußischen Truppen im Gefecht die Stadt Sonderburg beschossen hatten, nannte Lord Shaftesbury im Oberhaus das eine der grausamsten, gewalttätigsten Handlungen, die jemals begangen worden, oder von denen die Geschichte nicht nur bei zivilisierten, sondern sogar bei unzivilisierten Völkern berichte. Er fand, die preußische Regierung und das preußische Heer könnten nicht mehr unter die zivilisierten Menschen und Nationen gezählt werden, und sprach die Hoffnung aus, die britische Flotte werde in jenen Gewässern erscheinen und die Wiederholung "dieser höchst feigen und schrecklichen Greuel (these most cowardly and frightful atrocities)" verhindern. Da war man also schon bei den unentbehrlichen "Greueln" angelangt! Lord Russell mußte erklären, man erwarte darüber Auskunft aus Berlin. Auch im Unterhaus fragte ein Redner, welche Schritte das Kabinett getan habe, um die preußische Regierung an die Notwendigkeit zu erinnern, den Krieg gemäß den Bräuchen zivilisierter Völker zu führen? Die Regierung mußte sich andauernd die schärfsten Vorwürfe gefallen lassen, weil sie sich nicht entschließen konnte, von Worten zu Taten überzugehen. Die Halbheit, Unaufrichtigkeit und Unzuverlässigkeit ihres Verhaltens erfuhr den denkbar schärfsten Tadel.

Der Vorwurf war berechtigt und ließ sich um so weniger entkräften, da die Minister die Wahrheit nicht sagen konnten: daß sie in der Hauptsache entgegengesetzter Ansicht, Russell gegen und Palmerston für kriegerische Maßregeln waren, daß die Königin, teils ihrer alten Abneigung gegen Palmerston, teils ihren starken Sympathien für Deutschland folgend, mit großer Klugheit zu bremsen verstand, und endlich – dies war die Hauptsache – daß man sich nur mit Frankreich zusammen weiter vorwagen konnte, Napoleon aber für ein ge- [16] meinsames Einschreiten nicht zu haben war, oder doch nur um einen Preis, den man zu hoch fand, nämlich die Erwerbung des linken Rheinufers. In der glänzenden Einsamkeit, in der England sich befand, und die Bismarcks meisterhafte Diplomatie zu erhalten und zu steigern wußte, konnte es in der Tat nichts tun, als drohen. Es erreichte damit wohl, daß die österreichische Flotte, die schon in der Nordsee erschienen war, die Fahrt in die Ostsee unterließ, die Palmerston für eine Beleidigung Englands erklärt hatte. Das Schicksal Dänemarks konnte es damit doch nicht wenden. Es hat mit seiner unverantwortlichen Hetzerei Bismarck das Spiel nur erleichtert: im Vertrauen auf englischen Beistand entwickelten die Dänen jenen starren Trotz, der die Durchführung des Krieges vor aller Welt rechtfertigte.

Aber wenn sie auch England allein ließen, so waren die beiden anderen Großmächte doch durchaus nicht gewillt, Preußen bei einer Annexion der Herzogtümer zu unterstützen. In Rußland wünschte der Reichskanzler Gortschakow, die Macht Dänemarks möglichst ungeschmälert zu erhalten, um es nach Bedarf gegen Schweden oder Preußen benutzen zu können. Und Napoleon III. bemühte sich zwar wiederholt, Preußen zur Eroberung der Herzogtümer zu treiben, aber es war kein Zweifel, daß er es damit nur in Verwicklungen zu bringen gedachte, in denen es von ihm abhängig werden und ihn zu bezahlen genötigt sein würde. Endlich Österreich! Es beteiligte sich am Kriege ja wesentlich, um zu verhindern, daß Preußen ihn allein führe und außer der Beute des Landes auch den Ruhm des nationalen Verdienstes davontrage.

Wir müssen es uns an dieser Stelle versagen, zu verfolgen, wie es Bismarck gelang, allen diesen heimlichen und offenen Widerständen zum Trotz sich seinem Ziele zu nähern, den Krieg zu führen, an dem man ihn hindern wollte, und Österreich zur Teilnahme zu bewegen, wie er es verstand, durch scheinbare Nachgiebigkeit den Gegner zum Widerstand zu ermutigen, ihm die Verantwortung für den Bruch aufzubürden und die Uneinigkeit der Neutralen so gründlich auszunutzen, daß sie schließlich alle, ganz gegen ihren Willen, ihm freie Hand zur Abrechnung mit Dänemark lassen mußten. Er hat dabei lange Zeit unter falscher Flagge segeln und wiederholt sich den Anschein geben müssen, als erstrebe er gerade das, was er nicht wollte, um dem Gegner die Ablehnung zuschieben zu können. In seinen öffentlichen Äußerungen konnte er sich zunächst nur einer sehr allgemeinen Redeweise bedienen. "Deutschland – so schrieb die Provinzial-Korrespondenz am 6. Januar 1864 –, einmal im Besitz von Schleswig und Holstein, kann keine Lösung der Frage mehr zulassen, durch welche nicht allen seinen Forderungen volles und unbedingtes Genüge geschähe." Aber [17] worin bestanden "alle seine Forderungen"? Darüber war man ja keineswegs einig. Als die preußischen Truppen Schleswig eroberten und die Öffentlichkeit anfing, ungeduldig nach den Endzielen der Regierung zu fragen, lautete die Antwort (17. Februar): "Darüber kann und darf die Regierung sich mitten im Laufe des Krieges noch gar nicht unbedingt erklären. Nur das eine muß für sie feststehen, und daran hält sie ganz gewiß fest, nachdem sie einmal zum Kriege für die Herzogtümer geschritten ist, nämlich das Höchste für die Herzogtümer und für Deutschland durch diesen Krieg zu erreichen." Dieses Höchste sei die volle Sicherheit "gegen jede Rückkehr dänischer Gewaltherrschaft und die Vereinigung von Schleswig und Holstein für alle Zukunft". In welcher Weise und namentlich unter welcher Herrschaft das am sichersten erreicht würde, das ließ auch diese Erklärung offen. Noch am 25. Mai betonte der König in seiner Antwort auf die Arnimsche Adresse gegenüber der Anspielung auf die Annexion: "Es ist zu beachten, daß die preußische Regierung ihrerseits nichts dazu getan hat, die Meinung hervorzurufen, daß sie selber eine solche Lösung herbeiführen wolle. Weder in den Verhandlungen mit anderen Mächten noch in irgend welchen Äußerungen, die von der Regierung herrührten oder über die Willensmeinung derselben Aufschluß geben konnten, ist auf eine Absicht hingedeutet worden, für Preußen selbst eine Machterweiterung jenseits der Elbe zu gewinnen." Noch vorsichtiger und versteckter war die Art, wie Bismarck sich in den diplomatischen Verhandlungen seinem Ziele zu nähern wußte. Da erklärte er sich zuerst für die Integrität der dänischen Monarchie, die er zu zerstören vorhatte, dann für die Personalunion der Herzogtümer mit der dänischen Krone, die er nicht wünschte, zuletzt für die Kandidatur des Augustenburgers, die er nur für den Notfall zuzulassen und, wenn möglich, zu Fall zu bringen entschlossen war.1 So erreichte er, indem er das, was er wollte, vor der Welt sorgfältig versteckte, daß Europa ihm nicht in den Arm fiel und Österreich ihm half. Als Dänemark um Frieden bat, war er in der Lage, das Schicksal der eroberten Herzogtümer zu regeln.

Er hat es nicht getan. Es ist das Kennzeichen des Wiener Friedens, daß er die Frage offen läßt, um die der Krieg geführt war. Der König von Dänemark hat Schleswig und Holstein an Preußen und [18] Österreich abgetreten und im voraus alles anerkannt, was die Sieger darüber verfügen werden. Aber die Sieger verfügen gar nicht, sie lassen in der Schwebe, was mit dem Lande geschehen soll.

Dem normalen politischen Ordnungssinn muß das widerstreben. Die Akten sind nicht vollständig, es fehlt der Abschluß; das Faszikel bleibt als "Rückstand" auf dem Tische liegen. Ein wohlerzogener Staatsbeamter könnte sich dabei nicht beruhigen; er würde suchen, das Fehlende so schnell wie möglich zu ergänzen. Auch die große Masse der Nation hat so empfunden. Daß man in Wien weder den Augustenburger einsetzte noch die Einverleibung in Preußen verfügte, hat allgemein Anstoß erregt, und es hagelt in der nächsten Zeit Vorwürfe gegen den Minister, der die wichtigsten nationalen Angelegenheiten in so unverantwortlicher Weise führe. Es war noch maßvoll ausgedrückt, wenn der sonst so höfliche und korrekte liberale Politiker Bunsen sein Verfahren "leidlich inkonsequent und springend, unleidlich schroff und im Dunkeln tappend" nannte und die Frage an ihn richtete, "ob es an der Zeit sei, die schleswig-holsteinische Frage immer noch in dem Hangen und Bangen zu belassen, worin sie nun schon so lange gewesen"; nachdem neun Zehntel aller darin liegenden Schwierigkeiten gehoben seien, wegen des letzten Zehntels den Frieden eines großen Landes und die Geschicke eines kleineren in Ungewißheit zu erhalten?

Kein Zweifel, daß diese Unvollständigkeit durchaus beabsichtigt, daß sie keineswegs ein Ergebnis der Verlegenheit war. Als Kaiser Franz Josef und König Wilhelm mit ihren Ministern Ende August in Schönbrunn berieten, hätten sie ebensogut die Einsetzung des Prätendenten wie die Einverleibung der Herzogtümer in Preußen aussprechen können. Die Annexion hatte Bismarck schon im Mai in Wien vertraulich angeregt für den Fall, daß Österreich mit ihr einverstanden wäre. Jetzt war Österreich dazu bereit, wenn ihm ein entsprechender Gegendienst geleistet wurde. Da die Abtretung der Grafschaft Glatz, die der Kaiser wünschte, mit gutem Grund sofort zurückgewiesen wurde, hätte man sich auf der Grundlage verständigen können, daß Preußen dem Hause Habsburg den Besitz von Venetien, Istrien und Dalmatien verbürgte. Darüber ist verhandelt worden; Graf Rechberg, der österreichische Auslandsminister, befürwortete es lebhaft, Bismarck schien nicht abgeneigt. Woran es schließlich scheiterte, ob an der stillen, aber mächtigen Opposition der Wiener Preußenfeinde, ob an anderen Hindernissen, ist nicht recht klar und wird es schwerlich jemals sein, da die Verhandlungen mündlich geführt wurden. Man kann sich aber kaum denken, daß Bismarck damals wirklich so bereit gewesen sein sollte, die Bürgschaft für den österreichischen Besitz am Adriatischen Meere zu übernehmen, wie er selbst später wohl behauptet hat. Dieser Schritt [19] hätte ihm seine guten Beziehungen zu Frankreich unheilbar zerstört, da Napoleon auf nichts anderes sann, als Österreich auch aus Venetien zu vertreiben. Freiwillig hätte sich Preußen der Möglichkeit einer Anlehnung an Frankreich beraubt, deren es unter Umständen noch sehr bedürfen konnte; es hätte die beneidenswerte Stellung geräumt, in der es sich zur Zeit befand, von allen Großmächten umworben zu sein. Sollte es das tun, dann konnte nicht nur Schleswig-Holstein der Preis sein, dann mußte die gesamte deutsche Frage durch Übereinkunft mit Österreich gelöst werden. Widerstrebte dem das Mißtrauen einflußreicher Personen am Wiener Hofe, so wissen wir, daß auf der anderen Seite König Wilhelm gegen die Besitzergreifung von Schleswig-Holstein Bedenken hatte. Er habe ja, meinte er, kein Recht darauf.

Daß die Einsetzung des Augustenburgers damals nicht erfolgte, ist leicht zu verstehen. Bismarck wollte sie nicht und hatte es gegenüber dem nicht sehr geschickten und schlecht beratenen Prinzen nicht schwer, sie zu verhindern. Denn noch hatte er die Hoffnung nicht aufgegeben, die Annexion später einmal durchzusetzen. Schon aus diesem Grunde war es vorteilhaft, die Frage zunächst offen zu lassen. Das empfahl sich aber auch unter dem Gesichtspunkt der allgemeinen Beziehungen Preußens zu Österreich. Es wird glaubwürdig berichtet, daß der Gedanke des Grafen Rechberg, die Herzogtümer vorläufig zu teilen, so daß Preußen Schleswig, Österreich Holstein erhielte, in der Erwartung, daß bei einer bevorstehenden europäischen Krisis und eines gemeinsamen Kampfes gegen Frankreich sich die Möglichkeit eines Austausches bieten werde, – daß dieser an sich nicht üble Gedanke an dem Widerspruch des einflußreichen Wiener Hofrates v. Biegeleben gescheitert sei, der fand, man hätte dann "keine Reibungspunkte mit Preußen". Ohne daß es ausdrücklich überliefert wäre, können wir annehmen, daß derselbe Gedanke in entsprechender Umkehrung auch für Bismarck maßgebend war. Die schleswig-holsteinische Frage zu erledigen empfahl sich nur dann, wenn gleichzeitig auch das gesamte Verhältnis Preußens zu Österreich, das heißt, wenn die ganze deutsche Frage gelöst wurde. Da dies nicht geschah, weil die maßgebenden Personen im Rate des Kaisers von Österreich, Biegeleben, Belcredi, Esterhazy, es nicht wollten, so war nichts erwünschter, als einen festen Reibungspunkt zu behalten, an dem man einen Konflikt nach Bedarf jederzeit entzünden konnte. Auch im Ausland erkannte man das. Die Times schrieben schon damals, es werde bald ernstliche Verwicklungen setzen, wenn die Beute zwischen den beiden deutschen Adlern geteilt werden solle. So kam die gemeinsame Besetzung der eroberten Herzogtümer zustande. Schleswig und Holstein wurden gleichsam bereit gelegt wie Stahl und Feuerstein, um im gegebenen Moment den Funken zu entzünden, aus [20] dem sich das große Feuer entfachen ließ, dessen es bedurfte, um die Einheit Deutschlands unter Preußens Führung zu schmieden.

Es gab in der Angelegenheit noch einen Punkt, der durch den Friedensschluß nicht endgültig geregelt wurde: die Nordgrenze des Landes. Die Friedensurkunde setzte sie zwar mit aller wünschenswerten Genauigkeit fest, aber es war ein öffentliches Geheimnis, daß diese Festsetzung keine abschließende sein sollte. Die Frage, die damit gestellt war, hat noch 14 Jahre auf ihre formelle Lösung geharrt, und auch als diese erfolgt war, doch nicht aufgehört zu existieren.

Die geschichtliche Grenze des Herzogtums Schleswig umfaßte im Norden einen Bezirk von vorzugsweise dänischer Bevölkerung. Es hätte nahe gelegen, ihn bei Dänemark zu lassen. Schon in den internationalen Verhandlungen, die neben dem Kriege einherliefen, war das beständig erwogen worden. Napoleon III., der Bannerträger des Nationalitätsprinzips, hatte sich für eine Teilung Schleswigs nach der Sprachgrenze bemüht und eine Volksabstimmung entscheiden lassen wollen. Bismarck hatte dem nicht widersprochen. Eine Grenze, die etwa der Linie von Flensburg nach Tondern oder wenigstens von Apenrade nach Tondern folgte, hätte diesem Gedanken genügt. Privatim hat Bismarck selbst noch kurz vor der Ratifikation des Friedens sich dahin ausgesprochen, daß man möglicherweise diesen nördlichen Grenzstrich an Dänemark zurückgeben könne. Als Österreich im Prager Frieden 1866 die Abtretung der österreichischen Rechte auf Schleswig und Holstein aussprach, da ist bekanntlich im Paragraphen 5 der Vorbehalt gemacht worden, daß in Nordschleswig künftig die Bevölkerung gehört werden solle, ob sie preußisch oder dänisch sein wolle. Erst 1878 ist das durch Verzicht Österreich-Ungarns auf diesen Paragraphen beseitigt worden. Bis dahin also war die Nordgrenze von Schleswig eine völkerrechtlich offene Frage. Was ihn zu diesem Verfahren bestimmt hat, darüber hat Bismarck sich niemals klar ausgesprochen; man muß seine Beweggründe erraten, aber man kann sie auch erraten.

Zunächst ist wohl nicht zu bezweifeln, daß die Aussicht auf eine Entscheidung durch Plebiszit nichts anderes war als ein Zugeständnis an Napoleon. Sie gehört zu den kleinen Rücksichten und Verbeugungen, durch die Bismarck den Kaiser zu stimmen suchte, solange er ihn brauchte. Aber warum hat er dann nicht die Abstimmung sogleich vornehmen lassen oder, noch besser, da doch niemand im Zweifel war, wie sie ausfallen würde, auf den vorwiegend dänischen Bezirk verzichtet? Es hätte doch nahe gelegen, sich die Schwierigkeiten, die aus diesem Besitz mit der Zeit sicher erwachsen würden, von vornherein zu ersparen.

Es ist in hohem Maße lehrreich, daß Bismarck dies nicht getan hat und warum er es nicht getan hat. Zweimal hat er sich darüber aus- [21] gesprochen, wenn auch immer nur andeutend. Am 2. Juni 1865, als ihm im Preußischen Abgeordnetenhaus, nach dänischen Gewährsmännern, vorgehalten wurde, er halte selbst Flensburg für eine dänische Stadt, erwiderte er, das sei erlogen. "Ich halte Flensburg für eine deutsche Stadt, und selbst wenn es eine dänische Stadt wäre, so würde ich sie nicht herausgeben." Die Erklärung liegt darin, daß Flensburg damals noch mehr als heute der größte und wichtigste Hafen des ganzen Landes, sein Besitz also schon aus diesem Grunde unentbehrlich war. Von allgemeiner Bedeutung ist die Äußerung im Abgeordnetenhaus am 20. Dezember 1866. "Die vollständige Durchführung des Nationalitätsprinzips," sagt Bismarck hier, "ist bekanntlich auf der dänischen Grenze ganz unmöglich, weil die Nationalitäten so gemischt sind, daß sich nirgends eine Grenze, die sie vollständig voneinander sondert, ziehen läßt... Ich bin stets der Meinung gewesen, daß eine Bevölkerung, die wirklich in zweifellos und dauernd manifestiertem Willen nicht preußisch oder nicht deutsch sein will, die in zweifellos manifestiertem Willen einem unmittelbar angrenzenden Nachbarstaat ihrer Nationalität angehören will, keine Stärkung der Macht bildet, von welcher sie sich zu trennen bestrebt ist. Man kann zwingende Gründe haben, dennoch auf ihre Wünsche nicht einzugehen, die Hindernisse können geographischer Natur sein, die es unmöglich machen, solche Wünsche zu berücksichtigen. Es fragt sich, ob und inwieweit das hier zutrifft. Die Frage ist eine offene, wir haben jederzeit bei ihrer Erörterung hinzugefügt, daß wir uns niemals dazu herbeilassen können, unsere militärische Sicherheitslinie durch irgendein Arrangement zu kompromittieren."

Damit ist deutlich genug gesagt, daß es Gründe militärgeographischer Natur waren, die den Verzicht auf Nordschleswig widerrieten. Das Studium der Karte klärt einen darüber auf. Wenn z. B. Flensburg, wie wir sahen, aus verkehrspolitischer Notwendigkeit deutsch bleiben muß, so darf das nördlich angrenzende Land nicht dänisch sein, weil sonst die Flensburger Föhrde unter dänischen Kanonen (Düppel, Alsen) läge. Die südlichste Grenze, die zu ertragen wäre, würde also von Apenrade nach Tondern laufen. Aber auch gegen sie erheben sich starke Bedenken, diesmal an der Westküste. Hier ist die Gefahr einer feindlichen Landung um so viel größer, wie die Küstenstrecke, die nicht in deutschen Händen ist, länger wird. Volle Sicherheit würde freilich erst der Besitz des Hafens Esbjerg – der übrigens erst nach 1870 ausgebaut wurde – mit der vorgelagerten Insel Fanö gewähren. Aber wenn das der einzige Stützpunkt eines landenden Feindes ist, läßt er sich leicht unschädlich machen. Dafür sorgt denn auch das Bahnnetz von Schleswig-Holstein in nachdrücklicher Weise. Ein Feind, der dort – mit oder ohne Zustimmung Dänemarks – landen wollte, würde [22] gebührend empfangen werden. Einmal war es nahe daran, als die Engländer im Herbst 1911 eine Landung mit 100 000 Mann "in Holstein" planten. Statt Holstein war hier natürlich Dänemark zu lesen. Denn im Schleswiger Wattenmeer, geschweige denn gar im wirklichen Holstein, eine Armee auszuschiffen, wenn die Küste verteidigt wird, ist ein abenteuerlicher Gedanke. Schade, daß das Experiment nicht gemacht wurde! Es hätte klar bewiesen, daß wir eine feindliche Landung an unserer Küste überhaupt nicht zu fürchten haben und einer solchen auf dänischem Boden mit Erfolg begegnen können, wenn für sie nur der eine Ausschiffungspunkt Esbjerg zur Verfügung steht. Gäbe man aber die südlich angrenzende Küste bis Tondern mit den Inseln Romö und Sylt (dessen Nordhälfte dänisch ist) auf und überließe sie einem Nachbar, dessen Gesinnung und Kraft man nicht sicher ist, so hätte der Feind einen so breiten Raum, an dem seine Truppen an Land gehen könnten, und so ausgiebige Stützpunkte, daß die Abwehr schon schwierig wäre. Sollen also die Küstenstriche und Inseln Dänemark überlassen werden, so muß Deutschland zum mindesten der wohlwollenden und kraftvoll vertretenen Neutralität Dänemarks unter allen Umständen sicher sein. Nur ein endgültig versöhntes und dauernd freundnachbarliches Dänemark durfte Nordschleswig haben.

Vielleicht hat Bismarck sich für diesen Fall ehrlicher Aussöhnung die Möglichkeit der Rückgabe zunächst offen halten wollen. Aber die Aussichten darauf wurden mit den Jahren nicht besser, und als die Vermählung der Prinzessin Thyra mit dem welfischen Prätendenten von Hannover im Jahre 1878 zeigte, daß das dänische Königshaus noch immer nicht gesonnen sei, das Geschehene als endgültig anzuerkennen, da zog er den Strich unter die Rechnung, ließ sich von der gegen Österreich allein eingegangenen Verpflichtung zur Befragung der Leute von Nordschleswig entbinden und begann auch in der Verwaltung das Land als für immer preußisch zu behandeln.

Lehrreich ist dieser Fall nebenbei darum, weil er zeigt, wie wenig Bismarck sich durch das Prinzip der Nationalität gebunden fühlte, wo es sich um die Bestimmung der Staatsgrenzen handelte. Wie ihm im gesamten Staatsleben die Nützlichkeit und Zweckmäßigkeit höher stand als jedes Prinzip, so hat er auch in der Frage der Grenzen sich nicht nach einem Prinzip, und sei es noch so allgemein anerkannt, sondern einzig und allein nach den Gesetzen des Nützlichen und Notwendigen gerichtet, die auf diesem Gebiet von der Geographie diktiert werden.

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1Ich halte es nicht für richtig, was Sybel, Begründung des deutschen Reichs, Bd. 3, S. 301, sagt: "Noch hatte er nicht definitiv die Beseitigung des Prinzen beschlossen, aber schwere Bedingungen für seine Zulassung standen unumstößlich bei ihm fest". Bismarcks ganzes Verhalten gegenüber dem Prinzen beweist, daß er ihn zu beseitigen suchte. Das "definitiv beschließen" konnte er überhaupt nicht, da es nicht von ihm abhing, aber er hätte es als einen Mißerfolg oder halben Erfolg, ein pis-aller angesehen, hätte er den neuen Herzog hinnehmen müssen. ...zurück...

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Bismarcks Friedensschlüsse
Dr. Johannes Haller