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Der ekle Wurm
der deutschen Zwietracht

Politische Probleme rund um den 20. Juli 1944


Friedrich Lenz


5. Deutschlands Wille zum gerechten Frieden

StresemannVor meiner eingehenden Stellungnahme zu diesem unglaublichen Verhalten muß ich zuerst einige Ausführungen über die politische Entwicklung machen. Es steht eindeutig fest, daß sich fast alle Außenpolitiker bis 1932, am meisten Stresemann, die größte Mühe gaben, Deutschland von den gröbsten Fesseln des Versailler Diktats zu befreien - leider ergebnislos, wie Stresemann schmerzlich bekannte. Er sagte kurz vor seinem Tode zu dem Diplomaten Sir Albert Bruce Lockhart: "Wenn die Alliierten mir ein einziges Mal entgegengekommen wären, hätte ich das Volk hinter mich gebracht, ja, noch heute könnte ich es hinter mich bringen. Aber sie haben mir nichts gegeben und die geringfügigen Konzessionen, die sie gemacht haben, sind immer zu spät gekommen. So bleibt uns nichts anderes als die brutale Gewalt. Die Zukunft liegt in der Hand der neuen Generation, und diese, die deutsche Jugend, die wir für den Frieden und Wiederaufbau hätten gewinnen können, haben wir verloren. Hierin liegt meine Tragödie und ihr, der Alliierten, Verbrechen."

Das einzige, was ihnen gelang, war eine Reihe von Verträgen abzuschließen, welche aber immer noch in irgendeinem Zusammenhang mit dem Versailler Diktat standen und keinesfalls als freie Verträge bezeichnet werden können - die "Hitler sich zu brechen beeilte."15 Hitler wandte nun grundsätzlich aktivere Methoden an, indes ohne die Absicht, sein großes "für ein Jahrtausend" geplantes Werk durch einen leichtsinnigen Krieg zu gefährden.

Er hatte hierbei auch beachtliche Erfolge und es konnte gar keinem Zweifel unterliegen, daß diese neben den innenpolitischen und vor allem wirtschaftlichen Erfolgen zu einem erheblichen Machtzuwachs Deutschlands führen würden.

Wie ernst es ihm aber mit seinen Friedensabsichten war, ergibt sich aus dem fortgesetzten Bestreben, mit den ehemaligen Gegnern Deutschlands zu bindenden Abrüstungsvereinbarungen zu kommen. Leider scheiterten diese sämtlich an dem mangelnden guten Willen dieser Mächte.16

Im Gegenteil, aus dem Buche des französischen Außenministers Georges Bonnet Vor der Katastrophe ergibt sich mit klarer Deutlichkeit, daß man an Abrüstung nicht dachte, sondern nur bestrebt war, schnellstmöglichst die während der Schwäche Deutschlands vernachlässigte Aufrüstung nachzuholen. Das gleicht gilt für England.

Das erst veranlaßte Hitler zur großen Rüstung, die zunächst aber nur die Angleichung an den Stand der Westmächte brachte. Fortgesetzt steigerte er seine Versuche, zu friedlichem Ausgleich mit allen europäischen Mächten zu kommen. Leider mußte er bald auf Grund einwandfreier Beweise zu der Auffassung gelangen, daß man sich darauf vorbereitete, zu einem geeigneten Zeitpunkte Deutschland durch Steigerung der Rüstung und politische Einkreisung machtmäßig zu überrunden. Es ist klar, daß Hitler als verantwortlicher Staatsmann gezwungen war, diesem Versuch durch entsprechende Maßnahmen wenigstens vorzubeugen und "für den Ernstfall" zu rüsten.

Am besten drückte dies Staatssekretär Otto Meißner in seinem Buche aus, wenn er dort sagt: "Meines Erachtens wird man der Wahrheit wohl am nächsten kommen, wenn man für seine Einstellung und sein Wollen den juristischen Ausdruck des Dolus eventualis anwendet, d.h. wenn man annimmt, daß er den Krieg nicht von vornherein gewollt und geplant hat, aber ihn als möglich voraussah, und, falls seine Ziele nicht auf anderem Wege erreichbar wären - auch entschlossen war, zur Erreichung seines Zieles Krieg zu führen."

Inzwischen war nun die Sudetenkrise gekommen. Hierbei zeigte die englische Regierung ein auffälliges Entgegenkommen gegen Deutschland und es kam zu "München", zu jener Lösung, welche von den breiten Massen aller Völker als wahre Friedenstat der beteiligten Staatsmänner angesehen und damit als großer Erfolg für diese bezeichnet wurde.

Sehr enttäuscht darüber und direkt zornig waren unsere Verschwörer, weil sie der Meinung waren, daß England damit Hiter nicht nur geschont, sondern sogar gestärkt habe.17 Sie mußten ihren für diese Tage geplanten Staatsstreich abblasen, denn man hätte nach diesem Erfolg Hitlers im Volke für eine solche Aktion bestimmt noch weniger Verständnis als sonst gehabt.

Sie gingen eben von völlig falschen Schlüssen aus. Sie vergaßen, daß die geschulten und auf Jahrhunderte planvoller Machtpolitik zurückschauenden englischen Politiker wohl das Bestehen einer von so mächtigen Kreisen getragenen Verschwörung in ihre Pläne als "Kraftpotential" gebührend einkalkuliert haben, aber schweigen und warten konnten, bis die Zeit gekommen war, dieses Potential zu nützen.

Ich greife etwas zurück, um dies meinen Lesern begreiflicher zu machen: Houston Stewart Chamberlain, der bekannte Verfasser der Grundlagen des 20. Jahrhunderts, schrieb 1915 in einem seiner Kriegsaufsätze: "Jeder muß sein Höchstes hingeben für die heilige Sache; wenn nicht - weist etwa die Rüstung einen Sprung auf, nagt an der reinen germanischen Kraft, wie bisher, ein ekler Wurm - dann unterliegt Deutschland." Und Churchill? Er kannte die "internen Schwierigkeiten" und bezeichnete sie in seinen Erinnerungen als "...den Wurm im Apfel". Von dessen Existenz wußte er schon 1938 und über die Folgen der Tätigkeit dieses Wurms bestanden für ihn keine Zweifel - er hatte das nämlich schon einmal erlebt. Was sagte er doch am 4. Oktober 1917 als Antwort auf den deutschen Friedensfühler? "Es ist kein Zweifel, daß die Leiter des preußischen Militarismus die Feinde der ganzen Menschheit sind. Deshalb dürfen wir uns auf kein noch so bestechendes deutsches Angebot einlassen. Nach einem für Deutschland siegreichen Frieden könnte Deutschland zu uns sagen: 'Wir wollen einander als würdige Gegner achten und die Handelsbeziehungen wieder aufnehmen.' Niemals dürfen wir Engländer einer solchen Lösung zustimmen. Deutschland muß seinen ganzen Einfluß in der Welt verlieren. - Unsere Freunde im Innern Deutschlands arbeiten für die Zersetzung des Reiches - sie warten auf einen Zusammenbruch."

21 Jahre später kann man im Buche des Engländers Jan Colvin über den Besuch des Ewald von Kleist-Schmenzin, den dieser im Auftrag der Verschwörer bei Churchill unternahm, folgendes lesen:

"In Chartwell Manor aß Kleist zu Mittag mit der Familie Churchills, und er sah dieses große politische Haus in Tagen, als Churchill mit sicherem Gefühl immer wieder die Fehler in der Konzeption der Regierung Chamberlains aufdeckte. Er wurde warm, aber geheimnistuerisch empfangen, man sprach ihn nicht mit Namen an, sondern als 'unser Freund', und nach dem Essen nahm man ihn zu Besprechungen beiseite."

Welche Auffassung Churchill angesichts seiner Kenntnis vom 'Wurm im Apfel' über die wahre Stärke des Dritten Reiches hatte, ergibt sich aus folgender Äußerung des bekannten englischen Politikers Robert Boothby in seinem Buche Europa in der Entscheidung: "Bei einem Mittagessen in der Admiralität sagte er, er habe immer noch den Eindruck, daß das nationalsozialistische Deutschland 'brüchiger' sei, als das kaiserliche zwischen 1914 bis 1918." In seinen Kreisen hieß es allgemein: Hitlers Feinde sind unsere Freunde! Englands Freunde in Deutschland waren also seine mächtigsten Verbündeten im kommenden Kampfe gegen Deutschland und mit dieser Armee konnte England bestimmt rechnen. Hitler aber?

Kehren wir zunächst zurück nach München!


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Anmerkungen

15In erster Linie wird hierbei auf den Locarno-Vertrag angespielt. Nun ist es interessant, was der französische Außenminister Bonnet bezüglich des Locarno-Vertrages sagte: "In Locarno waren Großbritannien und Frankreich die absoluten Herren des europäischen Spiels. Das entwaffnete Deutschland war auf sie angewiesen. Die französische Armee konnte Deutschland kampflos in einigen Tagen besetzen." Der mit geringer Mehrheit vom Reichstag angenommene Vertrag wurde seinerzeit von Ludendorff als "neues Werkzeug der Schande und des Betruges" bezeichnet. Im übrigen erfolgte die Lossagung von Locarno selbst bei Anwendung streng vertragsrechtlicher und politischer Gesichtspunkte völlig zu Recht. Noch 1932 mußte sich Brüning dagegen verwehren, daß man ihn durch die Nachricht von der Aufstellung einiger französischer Divisionen an der deutschen Grenze zur Annahme eines Vorschlages zwingen wollte, der den Verzicht auf die Korrektur der deutschen Ostgrenze und die militärische Gleichberechtigung zum Ziele hatte. ...zurück...

16Hierzu führe ich nur eine von den etwa Dutzenden Bestätigungen ausländischer Politiker in dem Buche Fehlschlag einer Mission von Sir Neville Henderson an. Er sagte: "Meiner Meinung nach sind wir während der Jahre 1933 bis 1938 nicht immer fair gegenüber Deutschland gewesen. Dadurch aber, daß wir unfair waren, haben wir unsere eigene Sache geschwächt und die der Nazi gestärkt." ...zurück...

17H. B. Gisevius schilderte, als die Münchener Verhandlungen zu scheitern drohten: "Ein Stein fiel uns vom Herzen, wir zählten die Stunden, bis das Scheitern feststand, bis wir den Premier in London zurückwußten." Die Verschwörer wollten also lieber Krieg, damit sie Hitler stürzen konnten. Das ergibt sich auch aus anderen Veröffentlichungen führender Widerständler. ...zurück...


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