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Der ekle Wurm
der deutschen Zwietracht

Politische Probleme rund um den 20. Juli 1944


Friedrich Lenz


2. Übersicht
"Der Deutsche ist des Deutschen größter Feind."
Tacitus

Der "Grundstein" für den 20. Juli 1944 und alle damit im Zusammenhang stehenden Taten wurde an dem Tag gelegt, an dem "maßgeblichen" Herren klar wurde, daß Hitler Reichskanzler werden würde.

Gar zu gerne hätte man seine "Machtergreifung" auf "legale" Weise verhindert, aber so sehr man sich den Kopf darüber zerbrach - es ging nicht mehr, Hitler & Hindenburg denn alle Umgehungsvorschläge scheiterten nicht nur am Wortlaut der Verfassung selbst, sondern an der Verfassungstreue Hindenburgs und vor allem an der Stimmung des Volkes.

Hitler hatte erreicht, was er sich als kleiner Gefreiter einst vorgenommen und vor dem Reichsgericht in Leipzig beschworen hatte: Er hatte legal die Führung des Volkes übernommen, allerdings nach Meinung seiner Gegner nur, weil seine Wähler viel dümmer waren als sie.1 Es spielte bei ihnen keine Rolle, daß dies im April 1932, zu einer Zeit, da die Legalität der Wahlen noch nicht bestritten werden konnte, schon 13 Millionen Deutsche und ein Jahr später viele Millionen mehr waren. Sie bezweifelten zwar die Legalität der Wahlen nach der Machtergreifung, doch kann kein einsichtiger und wahrheitsliebender Mensch bestreiten, daß durch Propaganda und Scheinerfolge oder "gezwungen" noch so viel "Dumme" hinzugekommen waren, daß das Ermächtigungsgesetz und damit alle verfassungsändernden Maßnahmen eine völlig legale Grundlage hatten.

Angezweifelt werden kann auch weder die Legalität der unter internationaler Kontrolle stattgefundenen Saar-Abstimmung noch die klar aus den öffentlichen Kundgebungen sich ergebende jubelnde Zustimmung der überwiegenden Mehrheit des Volkes.2 Eigenartig, daß sich der Diktator immer wieder die Mühe machte, die Legalität größerer politischer Entschlüsse, die er ohne weiteres selbständig ausführen konnte, durch Abstimmungen vom Volk bestätigen zu lassen, wenn nicht immer vorher, doch mindestens nachher.

Die Gegner berufen sich nun wegen ihrer kleinlauten Haltung gegenüber den von Hitler nach der Machtergreifung eingeschlagenen Methoden auf die ihnen drohenden Terrormaßnahmen,3 doch verschweigen sie den wahren Grund, nämlich, daß sie im Hinblick auf den einwandfreien Willen des Volkes, Hitler eine Chance zu geben und ihm zu helfen, gar nicht wagen konnten, praktischen Widerstand zu leisten, wenn sie nicht Gefahr laufen wollten, sich lächerlich zu machen oder von ihren eigenen Anhängern weggefegt zu werden.

Darauf ist auch die Haltung der Sozialdemokratie bei der Abstimmung über das Ermächtigungsgesetz zurückzuführen.4 Dies muß heute, wo sich die SPD so auf ihre Haltung von 1933 beruft, klargestellt werden. Sie konnte wohl und mußte aus grundsätzlichen Erwägungen dagegen stimmen, durfte es aber im Hinblick auf die Stimmung des Volkes nicht wagen, das Zustandekommen des Gesetzes durch das einfachere Mittel des Fernbleibens von der Sitzung zu verhindern.

Massenansammlung
Welcher Politiker von heute
wird mit SOLCHER Begeisterung
von seinen Wählern empfangen?!
Es konnte für niemanden der geringste Zweifel bestehen, daß in Deutschland das Regierungssystem Hitlers erstmals den wahren Sinn der Demokratie erfüllte, daß nämlich das Volk sich von seinem, von ihm erwählten Führer, regieren ließ, also "regierte". Und gerade heute würde sich niemand mehr als der Kanzler Adenauer wünschen, daß er hinter seinem General- und EVG-Vertrag einen Bruchteil dieser Mehrheit hätte, statt die knappe und nur durch Vorbehalte zusammengehaltene Mehrheit eines Bundestages, dem die Legalität einer klaren Volksabstimmung völlig mangelt. Er wäre sicherlich froh, wenn man seinen Bundestag als "Gesangverein" bewitzeln würde, statt 165mal verzweifelt einen Anlauf mit "Meine Damen, meine Herren" machen zu müssen, um die Abgeordneten durch Schwarzmalerei für seine These zu gewinnen - ganz zu schweigen davon, daß er sich die Unverschämtheit gefallen lassen muß, laufend durch Zwischenrufe unterbrochen zu werden. Aber auch dem Volk selbst wäre ein "Gesangverein" lieber, der wüßte, was für eine Hymne er zu singen hätte, und der in der Geschlossenheit seiner nationalen Haltung einen Anlaß zum Gesang dieser Hymne sehen würde. Das Volk wäre sicherlich glücklicher, wenn es weniger "sagen" dürfte, wenn aber das wenige, was es sagen möchte, auch nur den geringsten Wert hätte. Dafür ist das Problem "Wehrbeitrag" wohl der treffendste Beweis.5

Wegen des wahren Volkswillens und Hitlers Erfolgen also blieben seine Gegner nach der Machtergreifung ziemlich still. Auch Herr Schleicher hielt es für besser, den nunmehr einwandfrei erwiesenen Plan aufzugeben, die legale Machtergreifung noch tagszuvor durch einen Militärputsch zu verhindern. Emil Henk, nach eigenem Bekenntnis in seinem Beitrag zur politischen Vorgeschichte des 20. Juli als süddeutscher Statthalter der Putschregierung vorgesehen, sagt eingangs dieser Schrift klar genug: "Die Widerstandsbewegung gegen Hitler ist so alt wie die Diktatur Hitlers selbst. Mit dem Tag, an dem er an die Macht kam, begann auch der Kampf seiner Feinde gegen sein System und seinen Terror. Hitler hatte leidenschaftliche Anhänger, aber er hatte auch entschlossene und todbereite Gegner. Vom ersten Tage an bis zur Niederlage selbst."6

Also vom ersten Tage an - und dies ist wichtig festzuhalten, weil man ja nunmehr gerne die Berechtigung zum Attentat des 20. Juli und vor allem zur Gegnerschaft überhaupt damit motivieren möchte, daß man den Krieg in aussichtsloser Lage zur Ersparung sinnloser Opfer beenden wollte.

Es ist offensichtlich, daß sich von Anfang an alle Aktionen gegen Hitler praktisch gegen den Willen des Volkes richteten, nachdem es sich diesen Hitler zum Führer erkoren hatte. Genau so würde ja auch Herr Adenauer urteilen, wenn seine Gegner Gesetze, die er mit dem heutigen - nicht einmal legalen - Bundestag geschaffen hat, sabotieren wollten.

Und warum sollte Hitler nicht das Recht gehabt haben, mit Hilfe seines Reichstages Verfassungsänderungen vorzunehmen, wenn dies auch Herr Adenauer kann? Im übrigen ist die Tatsache, daß der Verfassungsgerichtshof auf "Hochtouren" arbeiten muß, kein so guter Beweis für die "Verfassungstreue" der Bundesregierung.

Die einfache Logik, daß, wenn Hitlers Maßnahmen die Zustimmung der überwiegenden Mehrheit des Volkes hatten, damit alle Gegner Hitlers auch Gegner dieser Mehrheit waren, störte diese Gegner nicht im geringsten. Sofern es aber einzelne begriffen, bezeichneten sie diese Mehrheit eben als dumm und sich als das Konzentrat der Intelligenz,7 das nun im Interesse des Volkes berufen war, dafür zu sorgen, daß diese Mehrheit baldigst wieder von ihrem Führer befreit wurde, den sie in der Dummheit mit demokratischen Mitteln gewählt hatte.

Diese herrliche Erkenntnis faßte der FDP-Abgeordnete Dr. H. Schäfer bei der Wehrbeitragsdebatte in dem "demokratischen" Satz zusammen: "Wir sind uns damals im parlamentarischen Rat auch darüber klar gewesen, daß in dem modernen Massenstaat das Plebiszit (Volksabstimmung) eine gefährliche Angelegenheit für die Demokratie schlechthin ist. Wir stützen uns ja auf die Erfahrung, daß alle Tyrannis in der Welt immer durch ein Plebiszit in die Höhe gekommen ist." Ein Kommentar hierzu dürfte überflüssig sein.

Da nun die in der Minderheit befindlichen Gegner "im Interesse des Vaterlandes" unbedingt "drinbleiben" wollten, möglichst mit Gehalt oder Pension, handelten sie ungefähr nach folgender Methode: Wenn sich Hitler dem Maschinenraum der komplizierten Staatsmaschinerie näherte, beeilten sie sich, ihn mit erhobener Rechten ergeben zu grüßen und mit dem Putzlappen in der Linken fleißig die Maschinenteile zu polieren, um aber, wenn sie keine Gefahr liefen beobachtet zu werden, schnell die Sandstreubüchse aus der Hosentasche zu ziehen und dann - im Interesse des Vaterlandes - ihren "Beitrag" zu leisten.


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Anmerkungen

1Nach den Worten eines prominenten Abgeordneten war das Volk: politisch einfältig, kritiklos, stumpf und autoritätshörig, halbgebildet, behext, pöbelhaft, blind, sklavisch und des kritischen Denkens entwöhnt. ...zurück...

2Henry Bernhard, der Sekretär Stresemanns, sagt hierzu: Diese 9,5% (Stimmen gegen den Anschluß der Saar an Deutschland) sind kein Ergebnis gegen Deutschland, sondern ein Protest gegen den Nationalsozialismus und seine Gewaltpolitik gewesen. Die Prozentzahl entspricht auch den Stimmen, die bei den verschiedenen Wahlen in Deutschland zu verzeichnen gewesen sind und sie beweist, daß man im allgemeinen an den Stimmenzählungen kaum zweifeln kann. ...zurück...

3Wie es mit dem geistigen Terror in Wirklichkeit aussah, beweisen zwei Stellen in den Büchern von F. v. Schlabrendorff und H. B. Gisevius: daß man selbst 1938 noch manches sagen und schreiben konnte, ohne seine Gesinnung zu verkaufen. ...zurück...

4Das gilt genau so für die Bewilligung der Kriegskredite 1914 wie für die Haltung gegenüber dem Generalvertrag und seit "Aurich" in der Kriegsverbrecherfrage. ...zurück...

5Oder heutzutage - um ein moderneres Beispiel zu nennen - das Problem um den "Euro". [Anm. d. Scriptorium] ...zurück...

6Ich beschränke mich darauf, aus den zahlreichen Feststellungen über das "Alter" der Verschwörung gegen Hitler nur noch eine wegen der klassischen Formulierung anzuführen, die von Allen Welsh Dulles in seinem Buch Verschwörung in Deutschland: "Der Versuch vom 20. Juli war der Höhepunkt einer Serie von Komplotten und Verschwörungen, die vor dem Krieg begonnen hatten. Es war nicht ein isolierter spontaner Putsch, sondern Teil einer vorbereiteten, letzten, verzweifelten Anstrengung, die Nazityrannei zu vernichten. Seit Jahren schon waren die deutschen Verschwörer im geheimen am Werk." ...zurück...

7Wenn man die ganze Widerstandsliteratur durchgelesen und mit Staunen die charakterlichen und politischen Beurteilungen der noch lebenden Persönlichkeiten vernommen, ferner die grandiosen Entwürfe für die künftige Gestaltung des Staates gelesen hat, so muß man sich wundern, daß wir nicht einen Musterstaat haben, und sich fragen, wo die ehemals so große Einigkeit geblieben ist, die jetzt so stark in den parteipolitischen Gegensätzen vermißt wird. ...zurück...


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