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Die Passion Irlands
Bleiben wir im europäischen Bereich des englischen Empires, so finden wir hier als
brennendstes Problem die irische Frage. Sie war es durch alle Jahrhunderte, seitdem zum
erstenmal ein Engländer den Fuß auf die grüne Insel gesetzt hat. Sie wird es
bleiben, bis der letzte, mit Schande beladen, sie wird verlassen haben. Ein vielleicht nicht mehr
ferner Zeitpunkt. Die Engländer selbst fühlten und erkannten längst,
daß
das irische Problem ihr Reich bis in den Kern seines Wesens erschütterte. Vor 25 Jahren
gab es Engländer, die nur in einem Weltkrieg, dieser gewaltigsten aller "Diversionen nach
außen" noch einen Ausweg aus der irischen Sackgasse sahen. Das Giornale d'Italia
teilte
damals mit, daß bei einem Essen, an dem Sir Edward Grey, der den Weltkrieg
auslöste, Goschen und der frühere Schatzminister Lord Murray teilnahmen,
Lady Murray, eine eifrige und einflußreiche Parteigängerin der
protestantischen
proenglischen Ulsterleute, über die Lage in Irland erklärte: "Wir stehen vor einem
Bürgerkrieg, und ich sehe nur einen Ausweg: nur ein Krieg gegen Deutschland kann uns
alle wieder einigen."
Nun, der Krieg gegen Deutschland kam, aber die Einigung in und mit Irland wurde durch ihn nur
ferner gerückt, und 25 Jahre später, da nun wieder Krieg gegen Deutschland ist,
erklärt Seiner britischen Majestät getreues
Irland - seine Neutralität. Hatten doch irische Flugblätter im Weltkrieg
schon erklärt: "Die Irländer wünschen sich nichts besseres, als wie
die Elsaß-Lothringer vom Deutschen Reich verwaltet zu werden und wären froh, so
'mißhandelt' zu werden wie die preußischen Polen. Jeder Ire, der in englische
Militärdienste tritt, muß als Volksverräter gebrandmarkt werden."
Die Londoner Times selbst mußte damals die Unmöglichkeit feststellen,
irische
Rekruten für England zu erhalten. Die Times selber mußte damals zur
Kennzeichnung der irischen Stimmung gegen England das Irish Freedom zitieren, das
schrieb:
"Zu unserem höchst distinguierten Patron und Wohltäter England sagen wir:
Kämpfe deine Kämpfe selbst aus!... Uns geht die Verlegenheit, in der ihr euch
befindet, nichts an; es sei denn, daß wir hoffen, ihr möchtet geschlagen werden."
Und die Times mußte den Irish Volunteer zitieren, der erklärte:
"Auch die Blindesten
unter uns wissen,... daß der Seeräuber England derselbe unbarmherzige
Friedensstörer ist, der er immer war... Wir sehen klar, daß das Imperium seinem
Wesen nach bleibt, was es immer war, eine unerträgliche Drohung für den Frieden
und Fortschritt der Welt."

General Charles Gordon
[BBC]
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Seitdem hat die Loslösung Irlands von England entscheidende Fortschritte gemacht. Wie
aber schon lange zuvor englische Betrachter über die jahrhundertelangen englischen
Versuche zur Ausrottung des irischen Volkes dachten, davon gibt des edlen Gordon,
des
Helden von Khartum, Urteil eine Probe, der die Behandlung der Irländer durch England
"des Menschen Unmenschlichkeit gegen Menschen" nannte.

Cromwell
[Probert Encyclopaedia]
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Auch der große Cromwell hat Hand und Schwert mit dem Mord an Irland
besudelt.
Einer seiner Kommandanten in Irland meldete dienstlich: "Außer denen, die wir zu Tode
verbrannten, erschlugen wir Mann, Weib, Kind, Pferd und Vieh, sowie alles, was wir nur
aufzuspüren wußten."
Der Mann konnte mit gutem Gewissen so handeln und berichten; hatte doch das englische
Parlament dem Heer für Irland den ausdrücklichen Befehl mitgegeben, "alle
Rebellen, ihre Angehörigen und Mitschuldigen anzugreifen, zu töten,
niederzumachen und auszurotten, alle festen Städte, Plätze und Häuser, in
denen Aufständische Hilfe oder Zuflucht finden, zu plündern, niederzubrennen und
dem Erdboden gleich zu machen, und den Ertrag der Ernte, das Getreide und das Heu, zu
vernichten."
Nach der Einnahme von Drogheda ließ Cromwell selbst 4.000 Männer und viele
Frauen und Kinder einfach abschlachten; ähnliches geschah in Wexford. Cromwell selbst,
der wirklich große Cromwell, der Vater des Puritanismus, berichtete im September 1649
über den Kampf um die Stadt Drogheda: "Als unsere Leute hinaufstürmten, befahl
ich ihnen, alles über die Klinge springen zu lassen, und in der Hitze des Gefechts verbot
ich, irgend jemand in der Stadt zu schonen, den sie in Waffen fänden, und ich glaube,
daß sie in dieser Nacht da ungefähr 2.000 Menschen getötet haben. In der
Kirche allein wurden beinahe 1.000 mit dem Schwert niedergemacht. Ich glaube, alle ihre
Mönche wurden totgeschlagen." Und abermals der große Cromwell selbst
"rechtfertigt" diese Abschlachtung ganz im Tone des englischen Cant: "Wir sind gekommen, um
Rechenschaft zu fordern für das unschuldig vergossene Blut und werden die Schuldigen
mit
dem Segen und Beistand des Allmächtigen zur Verantwortung ziehen. Wir kommen, um
mit der Hilfe Gottes den Glanz und den Ruhm englischer Freiheit in einer Nation
aufrechtzuerhalten, in der wir das unbezweifelbare Recht haben, solches zu tun." Das
ist - man kann sagen: Wort für
Wort - genau das, was seitdem auch die kleinsten englischen Machthaber durch die
Jahrhunderte
bis gestern und heute nicht müde werden, grob oder weinerlich, gleißend oder
brutal,
unaufhörlich zu wiederholen, um auch die größten Schurkereien mit dem
Mantel des "Segens und Beistandes des Allmächtigen" zu behängen.
Der zeitgenössische Dichter und Historiker Spenser berichtet, wie er die Opfer

Edmund Spenser
[Pembroke College, Cambridge]
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des englischen Hunger- und Ausrottungskrieges in Irland aus ihren letzten Zufluchtswinkeln
hervorkriechen sah: "Aus jedem Winkel der Wälder und Schluchten kamen die Iren auf
ihren Händen hervorgekrochen, da ihre Beine sie nicht mehr trugen. Sie sahen aus wie
Skelette, sie sprachen wie Geister, die aus ihren Gräbern rufen. Sie nährten sich
von
dem Aas des gefallenen Viehes und waren froh, wenn sie das fanden. Ja, bald verzehrten sie
einander selbst, indem sie Leichname aus den Gräbern hervorscharrten. Wenn sie einen
Büschel Wasserkresse oder Klee fanden, war es ein Fest für sie. Sie starben
so hin,
daß bald niemand mehr übrig blieb und ein volkreicher, gesegneter Landstrich bald
leer war von Menschen und Tieren." Spenser spricht von den Frauen, die
zusammengebündelt von den Brücken ins Wasser gestürzt wurden, und von
den Kindern, die aufgespießt wurden mit der "Begründung", daß "aus Eiern
Läuse werden."
Zu allen Zeiten haben ehrliche englische Geschichtsschreiber sich geschämt,

James Bryce
[© J. Bryce]
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über die
Dinge in Irland zu sprechen. "Folter und Notzucht", schreibt der Historiker James
Bryce,
"Niederbrennen von Farmen, Zerstörung von Lebensmitteln, völlige Vernichtung
ganzer Familien und überhaupt alle Greuel, die brutale Verbrecher, denen man freie Hand
gelassen, ihren Mitmenschen zufügen können, wurden verübt. Hinrichtungen
durch den Strang oder die Kugel waren an der Tagesordnung, waren aber ein gnädiges
Schicksal im Vergleich zu den furchtbaren Auspeitschungen, oft bis zu hundert Hieben, die
Fleisch und Muskeln von den Knochen rissen. Halbes Hängen war eine besonders
häufige Form der Folter. Heißes Pech wurde in die Mützen gegossen und
diese
wurden den Opfern auf den Kopf gepresst und wieder abgerissen, samt Haaren und Haut."
"Es war unverkenntlich", sagt Sir John Davis, "daß diejenigen, die unter der
englischen
Krone die Regierung Irlands in Händen hatten, beabsichtigten, eine dauernde Trennung
und
Feindschaft zwischen Engländern und Iren aufzurichten, mit dem Endzweck
natürlich, daß die Engländer schließlich die Iren ausrotten sollten." In
seiner Geschichte Englands im 18. Jahrhundert schreibt Lecky: "Es war
unvermeidlich in
einer solchen Lage und in einer solchen Zeit, daß diejenigen, die den Kern der englischen
Macht bildeten, die Iren behandelten, wie spätere Kolonisten die Rothäute
behandelten, - als ob sie, gleich wilden Tieren, nicht im Bereich des Sittengesetzes
stünden... Der Krieg war buchstäblich ein Ausrottungskrieg. Man betrachtete das
Niederschlachten der Iren buchstäblich wie das Niederschlachten wilder Tiere. Nicht nur
die Männer, auch Frauen und Kinder, die in die Hände der Engländer fielen,
wurden vorsätzlich und planmäßig abgeschlachtet. Banden von Soldaten
durchstreiften große Teile des Landes und machten alles Lebende nieder, was in den Weg
kam. Man fand das Schwert nicht mehr flink genug, aber eine andere Methode erwies sich als
viel
wirksamer. Jahr für Jahr wurden über einen großen Teil Irlands hin die Mittel
des menschlichen Unterhalts zerstört, Gefangenen wurde kein Pardon gegeben, und die
ganze Bevölkerung wurde mit Kunst und Ausdauer zu Tode gehungert."
Über die Art, wie während des Bürgerkrieges irische Soldaten behandelt
wurden, die in Schottland für den König gegen die Engländer
kämpften,
berichtet Lecky: "Die Parlamente sowohl in England wie in Schottland erließen
im Jahre
1644 Befehle, daß Iren, die zum Schutze des Königs nach England kämen,
kein
Pardon gegeben werden solle. Diese Befehle wurden streng ausgeführt, und große
Mengen irischer Soldaten, die in Schottland gefangen genommen waren, wurden mit Bedacht im
Feld oder in den Gefängnissen niedergemetzelt. Iren, die zur See ergriffen wurden,
wurden
Rücken an Rücken gebunden und in Mengen ins Wasser geworfen. An
einem
Tage wurden in Schottland 80 Frauen und Kinder von einer hohen Brücke ins Wasser
geworfen, nur weil sie Frauen und Kinder irischer Soldaten waren... Endlich war im Jahre 1652
der Krieg zu Ende. Von einer Bevölkerung von 1.466.000 Menschen waren in elf Jahren
616.000 umgekommen... Hunger und Schwert hatten ihre Arbeit so gut getan, daß in
manchen Bezirken der Reisende 20 oder 30 Meilen weit reiten konnte, ohne eine Spur
menschlichen Lebens zu sehen; und die reißenden
Wölfe - doppelt wild geworden durch die Ernährung mit
Menschenfleisch - vermehrten sich mit erschreckender Schnelligkeit in dem verödeten
Lande; wenige Meilen von Dublin sah man sie schon in Rudeln herumstreifen.
Sklavenhändler wurden auf das Land losgelassen und viele Hunderte von Knaben und
heiratsfähigen Mädchen wurden gewaltsam fortgerissen, nach Barbados verschickt
und als Sklaven an die Pflanzer verkauft. Kaufleute aus Bristol warfen sich mit Begier auf dieses
Geschäft."
In seiner zu Hunderttausenden verbreiteten Geschichte des englischen Volkes schreibt
der Historiker J. R. Green: "... Nach der Übergabe von Limerik (1691) wurde
jeder katholische
Ire - und es gab fünf katholische Iren auf einen irischen
Protestanten - in seinem eigenen Heimatland als Fremder und Ausländer behandelt...
England tat sein Bestes, um den irischen Ackerbau zu ruinieren. Gesetze verboten die Ausfuhr
irischen Viehes oder irischer Wolle nach englischen Häfen. Die Ausfuhr von Wolle wurde
verboten, damit sie nicht die Gewinne der englischen Schafzüchter
beeinträchtigte...
So wurde Verarmung dem Fluch der Mißregierung gesellt... bis Hungersnot das Land in
eine Hölle verwandelte... Irland wurde tatsächlich in die Rebellion hineingetrieben
durch die gesetzlose Grausamkeit der englischen Truppen."
Als derselbe Green vor noch nicht einem halben Jahrhundert aufgefordert wurde, eine
ausführliche Geschichte Irlands zu schreiben, lehnte er es ab, mit der Begründung:
"Irlands Geschichte seit zweihundert Jahren ist zu eintönig, und sie ist nur auf Grabsteinen
geschrieben."
Ein anderer englischer Zeuge, Chatterton-Hill, schrieb in seinem während des
Weltkrieges erschienenen Buch Irlands Schicksal als Warnung für Deutschland:
"planmäßig und vorsätzlich haben die Engländer Irlands Boden
geraubt,
seine Sprache erwürgt, die Denkmäler seiner uralten Kultur vernichtet, seine
Religion in Acht und Bann getan, seine Kirchen und Klöster geplündert, seine
Priester und Patrioten niedergemetzelt, seine Gesetze zerstört, Industrie und Handel
ruiniert,
Häfen gesperrt, die Bergwerke geschlossen, Städte und Dörfer weggefegt,
Millionen seiner Bevölkerung in den Tod und in die Verbannung
gejagt, - alles, damit die Kraft der irischen Rasse vernichtet, ihr Rückgrat gebrochen
werde." All das, um, wie Cromwell schrieb, "den Glanz und den Ruhm englischer Freiheit in
dieser Nation aufrechtzuerhalten". All das, weil, wie die Oxforder sechs "Historiker" sagen, "im
englischen Blut die Sache des Rechts das Lebenselement ist."
"In Irland", so schrieb der Vizekönig Lord Gray an die Königin Elizabeth,
"ist für Euer Majestät wenig mehr übrig zum Herrschen als Leichname und
Schutthaufen". Und diese Elizabeth, die "jungfräuliche Königin", ließ es sich
noch im Sterben zum Troste dienen, daß unter ihrem gütigen Szepter anderthalb
Millionen Iren abgeschlachtet worden waren. Denn, wie sagte der große Cromwell in
seinem Bericht ans Parlament nach dem von ihm geleiteten irischen Massaker: "Laßt uns
fragen, wer dieses große Werk vollbrachte; es war nicht unsere eigene Macht, es war der
Geist Gottes."

William
Gladstone
[Spartacus Educational]
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So blieb es bis in unsere Tage. Englische Zeugen genug, und zwar die gewichtigsten. Der
"große alte Mann", Gladstone selbst, der den inneren Ausbau Englands in der
viktorianischen Zeit entscheidend bestimmte, fühlte sich zu dem Geständnis
gedrungen: "Kein Ire hat nötig, dem Akte der Union eine moralische Autorität
zuzugestehen... Der Engländer hat vielmehr Ursache, zu erröten wegen der Mittel,
wodurch jener Akt erreicht wurde."
Diese Mittel haben während der Jahrzehnte, in denen alle anderen Nationen Europas ihre
Volkszahl verdoppelten und mehr als verdoppelten, die Einwohnerzahl Irlands halbiert. Irland
besaß 1841 etwa 8,2 Millionen Einwohner; im Jahre 1911 aber nur noch 4,4 Millionen.
So
haben die Engländer also auch in jüngster Zeit aus der Politik Englands in Irland
eine Ausrottungspolitik gemacht. Vergessen wir zum Zeugnis dessen nicht zu notieren, was noch
im Jahre 1921 die katholischen Bischöfe Englands über dessen
Irlandpolitik erklärten: "Wenn in Irland Anarchie herrscht, so ist die britische Regierung
dafür verantwortlich. Mordtaten, Überfälle, Brandstiftungen und
Gewalttätigkeiten jeder Art sind gegenwärtig an der Tagesordnung. Die britische
Regierung hat eine Schreckensherrschaft aufgerichtet, die, was die Niedermetzelung
völlig
unschuldiger Menschen und die Zerstörung ihres Eigentums betrifft, nur in den
Greueltaten
des türkischen Terrors und in den Grausamkeiten der russischen Roten Armee
ihresgleichen findet."
Bis heute hat England nicht aufgehört, das gemarterte Irland zu peinigen, wie und womit
es
konnte. Als im Jahre 1846 der Mehltau die Kartoffelernte Irlands und damit seine ganze
Nahrung
vernichtete, ließ England, das überreiche, übersättigte England, die
dadurch entstandenen Seuchen fünf Jahre lang vor seiner Tür in Irland
wüten,ohne einen Finger dagegen zu rühren. Fünf Jahre lang führte so
England einen Vernichtungskrieg gegen die Irländer mit behördlich gelenkten
Hungersnöten. Der Erfolg war, daß die Hungerseuche mehr als eine Million irischer
Menschenleben forderte. Auch das war dem frommen England "der Geist Gottes". Mit
gottseligem Zungenschlag schrieb nach der Volkszählung 1851 die Times: "Die
Irländer haben sich endlich auf den rechten Weg gemacht; ein irischer Katholik wird auf
der grünen Insel bald so selten sein, wie ein rothäutiger Indianer im Staate New
York.'' Begreiflich, daß die politische Moral Englands nur Bedauern empfand als sich
erwies, daß der Hunger schließlich doch nicht ganze Arbeit getan hatte.
Wir haben's in unseren Tagen miterlebt, wie im Jahre 1916 England den Widerstand einer
verzweifelten Bevölkerung "nicht durch eigene Macht, sondern aus dem Geist Gottes" in
Blut erstickte, in täglichen Hinrichtungen und schließlich in den Straßen
Dublins im Feuer der Maschinengewehre und der Geschütze, die viele Hunderte
töteten und viele Tausende verwundet aufs Pflaster warfen. Fünfzehn
Anführer
wurden hingerichtet, der sechzehnte wurde auf Drängen der nordamerikanischen
Regierung, die immer auf die Millionen irischer Wähler in den Vereinigten Staaten
Rücksicht zu nehmen hat, begnadigt. Er hieß de Valera und ist heute der erste
Präsident der irischen Republik, die sich in dem neuen "Kreuzzug" gegen Deutschland
neutral erklärt hat.

Jonathan Swift
[Probert Encyclopaedia]
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Einen unvergänglichen Spiegel hat der englischen Irlandpolitik Jonathan Swift
vorgehalten, den die Engländer selber zu ihren Größten zählen,
obgleich
kaum ein zweiter so ingrimmig mit der englischen Heuchelei ins Gericht ging wie der Verfasser
des Gulliver und der langen Reihe blutiger Satiren über die englische Verelendung
Irlands von der Predigt über die Ursachen der elenden Lage Irlands bis zu den
Tuchhändlerbriefen. Hier nur ein Auszug aus dem Bescheidenen Vorschlag,
wie man die
Kinder der Armen (Irlands) hindern kann, ihren Eltern oder dem Lande zur Last zu fallen, und
wie
sie vielmehr eine Wohltat für die Öffentlichkeit werden könnten.
"Wir können sie", schreibt "der Dechant" von Dublin, "weder im Handwerk noch im
Ackerbau verwenden; denn wir bauen weder Häuser noch bebauen wir Felder.
Höchst selten können sie sich vor ihrem sechsten Jahr durch Stehlen ihren
Lebensunterhalt suchen, es sei denn, wo die Veranlagung besonders günstig ist... Aber mir
ist von einem sehr unterrichteten Amerikaner versichert worden, daß ein junges, gesundes,
gutgenährtes einjähriges Kind eine sehr wohlschmeckende, nahrhafte und
bekömmliche Speise ist, einerlei, ob man es dämpft, brät, bäckt oder
kocht... ich unterbreite also der öffentlichen Erwägung demütigst den
Vorschlag, daß von 120.000 errechneten Kindern... 100.000 nach ihrem ersten Lebensjahr
reichen Leuten zum Kauf angeboten werden... Ich habe im Durchschnitt errechnet, daß ein
neugeborenes Kind zwölf Pfund wiegt; bei erträglicher Ernährung wird es in
einem Jahr auf 28 Pfund steigen... Es wird im ganzen Jahr Kinderfleisch geben, am reichlichsten
aber im März oder kurz vorher und nachher, denn ein ernster Autor, ein hervorragender
französischer Arzt, versicherte mir, daß in römisch-katholischen
Ländern, da Fische eine zeugungskräftige Nahrung sind, neun Monate nach den
Fasten mehr Kinder geboren werden als zu irgendeiner anderen Jahreszeit; deshalb werden ein
Jahr nach den Fasten die Märkte bei uns noch mehr überfüllt sein als
gewöhnlich, denn die Zahl der papistischen Kinder beträgt in diesem
Königreich mindestens das Dreifache der anderen... So
wird" - man spürt den vernichtenden Hohn des protestantischen englischen Dechanten auf
die puritanische Heuchelei des englischen
Kirchentums - "mein Vorschlag noch einen Nebenvorteil mit sich bringen, indem er die Zahl der
papistischen Kinder verringert."
Bis ins einzelne legt Swift die ökonomischen Vorteile
seines "bescheidenen Vorschlages" dar: "Wer wirtschaftlich ist, kann den Leichnam
häuten;
die Haut wird, kunstvoll gegerbt, wundervolle Damenhandschuhe und Sommerstiefel für
elegante Herren ergeben." Vernichtender Hohn auf den puritanischen Cant, der auch aus den
größten englischen Greueln das Gottgefällige herausfindet, vielmehr es in sie
hineindeutet, ist Swifts Hinweis, daß bei seinem Vorschlag, der ja immerhin ein Jahr
reichlicher Mast erfordere, die Kinder, die sonst nur ein ganzes Leben voller Hunger und Elend
vor sich hätten, auf diese Weise doch wenigstens das eine Jahr ihres Lebens
hindurch satt
sein würden, wie sonst nie ein irländisches Menschenwesen. Auch habe sein
"bescheidener Vorschlag" den unschätzbaren Vorzug, daß er die Irländer
"nicht
in Gefahr bringt, England zu verstimmen, denn diese Ware eignet sich nicht für
den Export, da das Kinderfleisch zu zart ist, um sich selbst in Salz lange zu halten;
freilich" - setzt der in die Maske eines katholischen Irländers geschlüpfte
protestantische englische Dechant von Dublin
hinzu - "könnte ich wohl ein Land nennen, das mit Freuden unsere ganze Nation auch
ohne Salz aufessen würde". Und er schließt:
"Ich möchte, daß die Politiker,
denen mein Vorschlag mißfällt, zunächst die Eltern dieser Kinder fragen, ob
sie es nicht für ein großes Glück halten würden, wenn sie selbst auf die
beschriebene Weise im Alter von einem Jahr als Nahrungsmittel verkauft worden wären,
so daß ihnen die ewige Straße des Elends erspart geblieben wäre, die sie
seither...
gezogen sind... Ich versichere in der Aufrichtigkeit meines Herzens, daß ich nicht das
geringste persönliche Interesse verfolge, wenn ich versuche, dieses notwendige Werk zu
fördern; ich habe nichts im Auge als das öffentliche Wohl meines Landes; ich will
unsere Kinder versorgen, unseren Armen Erleichterung verschaffen und auch den Reichen ein
wenig Vergnügen gönnen. Ich selbst habe keine Kinder, durch die ich auch nur
einen Heller verdienen könnte."
Solange die englische Sprache noch gelesen und verstanden wird, wird England an diesem
Pranger stehenbleiben, den einer seiner Größten ihm aufgerichtet hat.
Daß amtliche englische Stellen zu dem Zweck der Vernichtung Irlands bis in die neueste
Zeit hinein vor keinem Verbrechen, auch vor dem Meuchelmord nicht, zurückschrecken,

Sir Roger Casement
[National Library of Ireland]
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zeigt der englische amtliche Mordversuch gegen den irischen Patrioten Sir Roger
Casement, zu
dem der englische Gesandte in Christiana, Herr Findlay, den in Casements Diensten
stehenden jungen Norweger Adler Christensen anzustiften sich bemühte. Herr
Findlay, ein Gentleman, der sich zuvor durch sein brutales Auftreten in Ägypten
berüchtigt gemacht hatte, schloß sich mit dem jungen Norweger stundenlang ein,
um
ihm klar zu machen, wie leicht sich jemand eine bequeme, sorgenfreie Existenz schaffen
könnte, wenn er Casement "verschwinden" ließe; "wer ihm einen Schlag auf den
Kopf versetzt, braucht sein Leben lang nicht mehr zu arbeiten". Das Ideal eines englischen
Gentleman. 5.000 Pfund wollte Herr Findlay sich die Sache kosten lassen. Der junge Christensen
ging zum Schein auf den Anschlag ein, um den unwiderlegbaren Beweis für diese typisch
englische Gemeinheit in die Hand zu bekommen. Er bekam ihn durch einen Brief von Seiner
britischen Majestät Gesandtem und Minister Findlay, worin dieser "im Namen der
britischen Regierung" ihm für den Fall, daß Sir Roger Casement "mit oder ohne
seine Genossen ergriffen werde, von der britischen Regierung die Summe von 5.000 Pfund
ausgezahlt"
erhalten solle. Auch solle Herr Christensen persönliche Straffreiheit genießen und
auf Wunsch Geleit und Überfahrt von Norwegen nach Amerika erhalten. Durch die
Ehrenhaftigkeit des jungen Norwegers um seine Niedertracht betrogen und öffentlich
gestellt,
erklärte Ehren-Findlay, über die Sache nichts weiter sagen zu können; man
solle den Außenminister Sir Edward Grey darüber befragen. In
grauenhafterer
Weise kann ja wohl nicht offenbart werden, bis zu welcher Stufe sittlicher Verworfenheit
regierende Kreise Englands und ihre ersten Männer durch den lügenhaften
Zwiespalt zwischen englischer politischer Moral und englischer politischer Praxis
notwendigerweise heruntergebracht werden.
 
Englands politische Moral in Selbstzeugnissen
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