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Das Korridorproblem
in der internationalen Diskussion (Teil 2)
Ulrich Wendland
Die internationale Diskussion 1925-1933 (Teil
2)
Die schriftlich niedergelegten
Zeugnisse
Frankreich
Schon am 15. April 1925 war in der Pariser Information zu lesen: "Die
Verfassung von Danzig, Ostpreußen und dem Weichselkorridor, so wie sie
das Ergebnis des Versailler Vertrags ist, kann nicht als etwas Endgültiges
betrachtet werden." Bald darauf griff der französische Politiker A.
Ebray in seinem Buch La Paix malpropre (1925) den Korridor als
eine moralisch wie juristisch ungerechtfertigte und für Deutschland
untragbare Schöpfung an. Damals drahtete auch der Pariser Korrespondent
des Manchester Guardian seinem Blatt, Frankreich würde einen
Verzicht Polens auf den "als unhaltbar geltenden" Korridor
begrüßen. Entgegen den stetigen Behauptungen der
französischen Zeitungen Temps, Matin und Figaro,
daß der Korridor rechtmäßig und für Deutschland kaum
nachteilig sei, bezeichnete L. Claudon in der Revue des deux
mondes (1926) die Lage Danzigs und seines Hinterlandes als
änderungsbedürftig und fand damit schließlich auch bei den
Pariser Blättern Petit Parisien, Populaire, Paris midi, Echo de Paris,
Korridorbeispiele
in fremden Ländern
als Vorstellung
Der Korridor, wie er in Versailles für Polen geschaffen wurde, steht in der Welt
ohne Beispiel da. Er ist zu einem Begriff geworden, der als gegeben und damit vielleicht
vielfach als selbstverständlich hingenommen wird. Der Widersinn dieses Korridors wird
aber vollends klar, wenn man sich ähnliche Korridore in anderen Teilen der Welt
vorstellt. Solche Korridorbeispiele als Vorstellung werden in diesen acht Karten
gezeigt.
Ein schwedischer Korridor
durch Norwegen

Ein Schweizer Korridor
durch Frankreich

Ein Schweizer Korridor
durch Italien

Ein bolivianischer Korridor
durch Chile

Ein tibetischer Korridor
durch Indien

Ein Korridor Paraguays
durch Brasilien

Ein afghanischer Korridor
durch Indien

Ein südslawischer Korridor
durch Griechenland
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Soir und Volonté Zustimmung. Dieser Zeit gehören die
recht bezeichnenden Äußerungen aus dem Munde zweier
französischer Politiker an, daß der Korridor "ein Pfahl im Fleische
Deutschlands" (Senator M. Cheneboit) und "das Europa zu verseuchen
drohende Geschwür" (A. Dauzat) sei. Trotz seiner
offensichtlichen Sympathie für Polen gab
A. Fabre-Luce in seinem bekannten Buch Locarno sans
rêves (1927) zu, daß die in Versailles geschaffene Lage an der
Weichselmündung höchst besorgniserregend und für Polen im
Grunde nur eine Belastung sei. Während
die pro-polnischen Journalisten vom Schlage W. d'Ormessons und
J. Sauerweins gelegentlich ein baldiges Schwinden des
"Mißvergnügens" an
der deutsch-polnischen Grenzziehung zu wünschen für nötig
erachteten, forderten die Zeitungen Information, Quotidien, L'Ordre und
République beharrlich eine schnelle Lösung des
Korridorproblems. "Das ist tatsächlich die schwere Frage, welche die
beiden Länder (Deutschland und Polen) trennt und immer trennen wird,"
schrieb G. Peytavi Faugère in seinem Buch Vive la Pologne,
Monsieur! (1928). Der Chefredakteur des sozialistischen Le Soir
R. Tourly brachte von seinen östlichen Studienreisen die in zwei
Büchern (Le Conflit de demain:
Berlin - Varsovie - Danzig, 1928 und Derrière les Brumes de la
Vistule, 1929) eindrucksvoll vertretene Überzeugung mit, daß
die Grenzziehung an der unteren Weichsel "die Zerstückelung eines
lebendigen Körpers" und "ein Unding" sei, das schleunigst verschwinden
müsse. Völlig einer Meinung mit Tourly erklärt sich in der
Broschüre Et demain? France, Allemagne et Pologne (1929) der
Professor P. Valmigère, der schon 1926 in der großen
französischen Zeitung Dépêche de Toulouse ein
Ostlocarno gefordert hatte. Auf der Suche nach einem den Korridor "unsichtbar
machenden" Kompromiß und vielfach verschwommen sind die Schriften
von I. Bainville: Les Conséquences politiques de la Paix,
G. Blun: L'Allemagne mise en nu, M. Pernot:
L'épreuve de la Pologne und L'Allemagne
d'aujourd-hui und G. Roux: Les Alpes ou le Rhin? (1928).
Durch die polnische Brille sehen R. Martial: La Pologne jadis et de
nos jours (1928) und vor allem E. Pezet: Où va la
Pologne? (1930). Wie stark und wirksam die polnische Propaganda in
Frankreich der Revisionsarbeit entgegenarbeitete, zeigt am deutlichsten das von
der Polnischen Bibliothek herausgegebene Sammelwerk La Pologne et la
Baltique (1931), worin sogar angesehene französische Gelehrte
(Bourgeois, Pagès, Hauser usw.) geradezu kritiklos die polnischen Thesen
nachsprechen. Dagegen bezeichnete der Pariser Professor G. Raphael
(Allemagne et Pologne, 1932) die deutschpolnische Grenzziehung als
einen die ganze Welt beunruhigenden, eingewurzelten Konflikt, und Anfang 1933
äußerte ein anderer französischer Gelehrter, Professor A.
Bayet, dem Vertreter der République gegenüber: "Seit
fünf Jahren trete ich... vor allem für die Beseitigung des Korridors
ein, der einen unhaltbaren Zustand in Europa geschaffen hat. Während ich
anfangs auf Proteste und Verständnislosigkeit stieß, stimmen mir
heute die Zuhörer rückhaltlos bei: 'Man solle den Deutschen den
Korridor zurückgeben.' Wenn ich ein Deutscher wäre, gäbe es
für mich keine andere Frage als die Beseitigung des Korridors."
England
Sieht man von den rein polnisch orientierten Referaten in The new
Republic (August 1924), English Review (1925) und Fortnightly
Review (1925 ff.) ab, so ist eine ernsthafte Beschäftigung mit der
Korridorfrage in England zuerst in den gemäßigten
Linksblättern festzustellen. Schon im Februar und März 1925
schrieb der Chefredakteur des Observer J. L. Garvin, der
Korridor, um den England nie einen Krieg führen werde, sei höchst
revisionsbedürftig, und fügte im Winter 1925 hinzu, es handele sich
hier um eine "unhaltbare Anomalie" und in England wie Frankreich "träte
jeder Mensch mit gesundem Verstand für die Abänderung
der deutsch-polnischen Grenze ein". Ähnlich befürwortete der
Manchester Guardian unablässig die sofortige Wiedergutmachung
des durch die Versailler Weichselgrenzen angerichteten Schadens. Das Blatt
Daily News forderte sogar Lloyd George auf, sich für die
Beseitigung des "nach der Meinung des letzten Engländers unhaltbaren
Korridors" einzusetzen. Im Mai 1925 befaßte sich sogar das englische
Parlament mit einer für Außenminister Chamberlain vom
Auswärtigen Amt eigens hergestellten Denkschrift, worin die Ersetzung
des Danziger durch
einen Memel-Korridor erwogen wurde. Die Zeitschrift The Nation and
Athenaeum (September 1926) riet ernstlich, eilends die ständige
Unruhe bereitende Danziger Frage zu lösen, ehe Deutschland stark genug
sei, selbst darüber zu verhandeln, wobei dann das "Verhandeln" allerdings
einen anderen Sinn haben werde. Eine abwartende, zum Teil
sogar deutlich polenfreundliche Haltung zeigten indessen die konservativen
Organe Morning Post und Daily Telegraph sowie die
Times, obwohl in ihnen mancherlei revisionsfreudige Zuschriften
veröffentlicht wurden. Offen Partei für die Polen nahm
zunächst der linksradikale Daily Herald, der seine Informationen
aus Warschau allerdings auch von einem polnischen Sozialisten bezog. Das erste
einschlägige englische Buch, R. B. Hansens Poland's
Westward Trend (1926), deckte Polens auf die Oderlinie hinstrebende
Expansionsgelüste auf. Größtes Verständnis für
die durch Versailles in Ostdeutschland geschaffene Lage bewies der dem
Unterhaus als Labourabgeordneter angehörende frühere
Marineoffizier J. M. Kenworthy (heute Lord Strabolgi) in seinem Buch
Will Civilisation Crash? (1927), aus dessen neuntem Kapitel hier
folgende Sätze zitiert seien: "Mit der Zuweisung rein deutschen Gebiets im
Osten an die Polen werden sie (die Deutschen) sich nie abfinden.... Ich halte es
nicht für notwendig, mich zu entschuldigen, wenn ich immer wieder
betone, wie nachteilig und aufreizend für Deutschland der polnische
Korridor ist.... Eins aber kann man Europa mit unfehlbarer Sicherheit
voraussagen: Die gegenwärtigen polnischen Grenzen werden nicht
bestehen bleiben. Sie können entweder auf friedlichem Wege oder durch
Kampf geändert werden." Bald darauf stellt der seine loyale
Polenfreundschaft betonende englische Abgeordnete F. C. Linfield in
einem eindringlichen Aufsatz (Current History, New York, Februar 1928)
die bange Frage: "Wird Großbritannien in den Krieg ziehen zur
Aufrechterhaltung einer Grenze, die in einer Atmosphäre der Leidenschaft
von Männern mit zerrütteten Nerven gezogen und vom Weltgewissen
verurteilt worden ist?" Gegen Kenworthys und Linfields ernste, sachliche
Darstellung sticht sehr unvorteilhaft ab die einseitig propolnische, zum Teil
geradezu frivole Veröffentlichung Eagles Black and White (1929)
von Poliakow, der jahrelang für die Times und andere
englische Blätter unter dem Decknamen "Augurs" geschrieben hat. Zur
Kennzeichnung dieser Schrift genüge "Augurs" ebenso gerechte wie
humane Schlußfolgerung, daß man, da doch keine wirklich beide
Teile befriedigende Lösungsmöglichkeit bestände, den
Korridor unter Ignorierung der Forderungen des machtlosen Deutschlands am
besten im gegenwärtigen Zustand belasse. Das Jahr 1930 brachte ein
beträchtliches Anwachsen der Revisionsbewegung in England. Zwei dieser
Zeit angehörende Bücher Britain and the Baltic von
Major E. W. Polson-Newman und The Fruits of Folly von einem
ungenannten Verfasser (vermutlich dem englischen Journalisten Lyon) gingen
ausführlich auf das Korridorproblem ein. "Zurückblickend kann man
schwer einsehen, warum Deutschland zerrissen und die Saat so vieler
künftiger Konflikte gesät wurde, nur um Ambitionen zu befriedigen,
die weder rechtlich noch logisch begründet waren. Tatsächlich
bedarf Polen weder eines freien Zugangs zur See noch der Kontrolle über
den Danziger Hafen", heißt es in Fruits of Folly; und weiter: "Das
ist eine offene Wunde, welche die Zeit nie heilen wird.... Es ist aber auch
gewiß, daß in einem geeigneten, möglicherweise noch in
ziemlicher Ferne liegenden Augenblick die Deutschen bis zum letzten Atemzug
dafür kämpfen werden, um gerade diese Änderung (der
Korridorverhältnisse) herbeizuführen, nicht auf Antrieb einer
Militärclique, nicht aus Eroberungslust sondern einfach und allein, weil die
gesamte Nation aufrichtig glaubt, daß die Zerschneidung Deutschlands ein
unerträgliches Unrecht darstellt.... Daß Deutschland der Sieger sein
würde, ist unvermeidlich." Einen ähnlichen Standpunkt vertritt,
freilich in gedämpfterer Tonart, Polson-Newmans Buch. Für eine
Neutralisierung des Korridorgebiets setzte sich anläßlich der Tagung
des Pen-Clubs in Warschau Anfang Juli 1930 sogar der berühmte
Schriftsteller J. Galsworthy ein, während der bekannte
Kriminalschriftsteller E. Wallace seine mißbilligende
Äußerung über den Korridor alsbald widerrief. Von
Greenwall erschien in dem zunächst der
Korridorerörterung fernstehenden Daily Express (Mai 1932) eine
auf eigenen Erfahrungen beruhende Artikelreihe über "Die klaffende
Wunde im Osten Deutschlands", und im Evening Standard (Oktober
1932) schilderte der Parlamentarier Crossley unter der
Überschrift "Das Pulvermagazin Europas" den "unerträglichen
Zustand" an der unteren Weichsel. Schließlich ließen sich sogar der
Deutschland nicht eben günstig gesonnene W. Steed (Sunday
Times, 1932) und der Franzosenfreund Brigadegeneral Spears
(Daily Telegraph, 1932) dazu herbei, die Berechtigung der Deutschen zu
ihren Beschwerden über die Ostgrenze anzuerkennen. In dem Buch
Germany Under the Treaty (1933) ging der Oxforder Professor W.
H. Dawson dem Korridorproblem mit wissenschaftlicher
Gründlichkeit zu Leibe und empfahl den Polen dringend, auf diese
besonders unheilvolle Versailler Schöpfung mit Ausnahme etwa von
Gdingen und einem gewissen Landstreifen zugunsten Deutschlands zu verzichten.
Selbst in den lange Zeit indifferenten oder geradezu revisionsfeindlichen
Blättern Englands mehrten sich die Stimmen für die Bereinigung der
Korridorfrage. So gestand der frühere Berater der Reparationskommission
L. Ditmas (Morning Post, Mai 1933), die Korridorschaffung sei
ein "scheußlicher Fehler" gewesen, und gleichzeitig schrieb das
konservative Unterhausmitglied M. W. Beaumont (Times, Mai
1933), daß seiner Ansicht nach keine deutsche Regierung je die
Rechtmäßigkeit der gegenwärtigen Korridorregelung
anerkennen werde und daß sie dafür auch sehr gute Gründe
habe. Allerdings verteidigte wenig später an der gleichen Stelle
(Times, Juni 1933) der an der Pariser Konferenz beteiligt gewesene
ehemalige britische Diplomat Lord Howard of Penrith die
Rechtmäßigkeit der Korridorschaffung mit den alten, längst
tausendfach widerlegten Argumenten von 1919.
Italien
In Italien ergriff am frühesten das Wort für eine Beseitigung des von
ihm mehrfach unhaltbar, widersinnig und lächerlich genannten Korridors
der schon erwähnte frühere Finanzminister und spätere
Ministerpräsident des demokratischen Systems F. Nitti in
mehreren, in fast allen Weltsprachen erschienenen Büchern, von denen
hier namentlich Das friedlose Europa (1922) und Der Niedergang
Europas (1923) angeführt seien. Bald (1925) nahmen auch
größere Zeitungen wie Corriere della serra und Epoca
in gleichem Sinne ausführlich Stellung. Eine Leistung von Niveau und
bleibendem Wert ist das ebenfalls aus dieser Zeit stammende Buch La
Risurrezione della Polonia von F. Tommasini, der aus eigener
Kenntnis und nach intensivem Studium den Korridor als "hybrides Gebilde" und
"unheilbare Wunde im lebenden Fleisch Deutschlands" kennzeichnete. Nicht
müde geworden ist das faschistische Italien, die dringende Notwendigkeit
einer Änderung der Weichselgrenzen zu betonen. Mussolini
selbst sagte bereits im Herbst 1930 dem Sonderberichterstatter der Saturday
Review: "Die Polen täten gut daran, ihre Haltung zu ändern, um
nicht ihre Existenz aufs Spiel zu setzen." Damals erschienen die trotz
verschiedenster Einstellung übereinstimmend die "gefährliche
Absurdität" des Korridors betonenden Arbeiten
1919-1929. Da Versailles all'Aja von dem Turiner Gelehrten A.
Cabiati und
Balcani di Nord-Est von S. de Cesare, der übrigens bald
darauf in der Zeitschrift Critica fascista (1930) die Entscheidung in der
Korridorfrage bereits für das Jahr 1932 voraussagen zu können
glaubte.
Verschiedene
Auf die zahlreichen, natürlich sehr verschiedenartigen, aber seit 1930
wachsendes Verständnis für eine Änderung aufbringenden
Beiträge zum Korridorproblem, die aus Skandinavien, Holland, der
Schweiz, Ungarn und anderen europäischen Ländern stammen, kann
hier nicht eingegangen werden, um nicht ins Uferlose zu geraten. Nicht
unerwähnt bleiben darf aber das in Frankreich 1920 viel Aufsehen
erregende und französisch geschriebene geistvolle Buch Quo vadis,
Polonia? Sein Autor, der frühere russische Diplomat W. K. von
Korostowetz, ein ausgezeichneter Kenner der Verhältnisse, gelangte
zu der Schlußfolgerung: "Es unterliegt keinem Zweifel, daß die
Grenzziehung des Versailler Vertrags in Osteuropa unhaltbar ist und daß
die Großmächte über kurz oder lang dazu kommen werden,
daß Danzig und der Korridor seinem rechtmäßigen
geschichtlichen Besitzer Deutschland zurückgegeben werden
müssen."
Amerika
In Nordamerika ist eine wirkliche Diskussion über den Korridor erst gegen
1930 in Gang gekommen. Allerdings wies der keineswegs deutschfreundliche
Amerikaner I. Bakeless (The Origin of the Next War, 1926)
schon früh auf diese denkbar mißliche und verdrießliche,
für ein wieder wehrhaftes Deutschland ganz unerträgliche
Lösung von Versailles hin. Ebenso nannte der Amerikaner F. H.
Simonds schon 1928 (How Europe Made Peace Without America)
den Korridor eine von den Briten eigentlich nie angenommene und für
beständig gehaltene Paradoxie und sprach vier Jahre später vom
polnischen Korridor als der Versinnbildlichung der Mißstände im
gegenwärtigen Europa. Sonst beruhten vorerst fast alle
Veröffentlichungen ausschließlich auf dem Material, das die in
Amerika ungemein rege polnische Propaganda den Autoren freigiebig zuleitete.
Das gilt auch von dem ersten größeren Spezialwerk America and
the New Poland (1928) von H. H. Fisher, der bei allem Streben nach
Objektivität doch immer wieder im Dickicht des propolnischen Materials
sich verfängt. Unermüdlich und schließlich auch erfolgreich
war für die Aufklärung seiner Landsleute über die
Korridorfrage im revisionistischen Sinne der derzeitige Vorsitzende des
Auswärtigen Senatsausschusses, Senator Borah, tätig.
Seine Meinung teilten im wesentlichen dann (1931) auch Präsident
Hoover und der Deutschland zumindest kühl
gegenüberstehende frühere Staatssekretär des
Äußeren, Stimson. Viel gelesen wurde das Buch
Embattled Borders (1931) von Oberst E. A. Powell, einem
jahrelang in Europa als Kriegsberichterstatter tätig gewesenen,
sachkundigen Beobachter, der "das Pulverfaß" des Korridors "eine
politische Mißgeburt und eine strategische Unsinnigkeit" hieß und
sogar in ziemlich deutschfeindlichen Zeitschriften für die Rückgabe
wenigstens des deutschen Danzigs und des nördlichen Korridorteils an das
Reich eintrat. Ein sicheres Zeichen für die Aktualität der
Korridorfrage war es, daß die Versailler Weichselgrenzen zum beliebten
Gegenstand der von der "New England Model League of Nations Assembly"
veranstalteten akademischen Disputationen wurden. In der Presse erschienen jetzt
Aufsätze von Amerikanern, die sich an Ort und Stelle über die
Korridorverhältnisse informiert hatten und ihren amerikanischen Lesern
ein von dem üblichen, polnisch gefärbten, wesentlich abweichendes
Bild vermittelten. In Rundfunkvorträgen kamen gelegentlich sogar
deutsche Sachkenner neben Polen zu Wort. G. N. Shuster, der Leiter der
amerikanischen katholischen Zeitschrift The Commonwealth, zog sich
zwar bissige Angriffe von den amerikanischen Polen zu, gab aber sicher der
Meinung Ungezählter seiner Volksgenossen Ausdruck, wenn er 1932 in
seinem Buch The Germans. An Inquiry and an Estimate folgende
Sätze schrieb: "Ein Blick auf die Landkarte genügt, um zu zeigen,
daß grundsätzlich das Wesen von Deutschlands (östlichen)
Grenzverlusten darin liegt, daß sie der Wehrpolitik Frankreichs zugute
kommen.... Auf jeden Fall hat der Korridor, so wie er jetzt besteht, die Welt mit
politischen und wirtschaftlichen Problemen, wie sie schwerer überhaupt
nicht sein können, belastet.... Gebiete, die fraglos dem Recht und der
Geschichte nach deutsch sind, sind abgeschnitten worden.... Kein
ausländischer Journalist hat jemals das Gebiet (des Korridors) besucht,
ohne genug zu sehen und zu erfahren, was ihn erschrecken müßte."
In seinem gleichzeitigen Buch The Cauldron Boils faßte der
amerikanische Publizist E. Lengyel seine polnischen
Reiseeindrücke so zusammen: "Polen ist das Land vieler Probleme.
Überall, wohin der Beobachter sich wendet, steht er vor einem neuen
Problem. Der Korridor ist das schlimmste von ihnen, weil dort die Feindschaft
stärker und das Gefühl der Ungerechtigkeit brennender ist als sonst
irgendwo."

Nachlese und Schluß
Seit 1934 ist die internationale Diskussion der Korridorfrage zum Stillstand
gekommen. Hin und wieder aufklingende Zeitungsstimmen drangen kaum durch.
Wohl mehr als ein Versuchsballon zu bewerten sind die im Spätherbst
1938 in der englischen Presse auftauchenden, immerhin bemerkenswert
leidenschaftslosen Erwägungen, daß nun nach der Münchener
Begegnung Deutschland und Polen in der Danziger und Korridorfrage wohl bald
einen Vergleich erzielen würden. Sonst erschienen nur einige wenige
Veröffentlichungen vornehmlich von angelsächsischer Seite, ohne
jedoch wirklich neue Gesichtspunkte zu bringen; meist ist sogar ein merkbarer
Rückgang der Revisionsfreudigkeit festzustellen. Hier sei nur die
materialreiche, belesene Arbeit von I. F. D. Morrow The Peace
Settlement in
the German-Polish Borderlands genannt, die vom Königlichen Institut
für Internationale Angelegenheiten in London 1936 herausgebracht wurde.
Darin wird wohl gelegentlich von der "Crux" des Korridors, von der polnischen
"Torheit", den Hafen Gdingen zu errichten, und von dem verhängnisvollen
Versagen der angeblich zu stark von idealistischen Grundsätzen und
optimistischen Anschauungen erfüllt gewesenen Pariser Konferenz
gesprochen. Auch wird zugegeben, daß die Abtrennung Danzigs und
Westpreußens für den deutschen Nationalstolz nur schwer
erträglich ist. Andererseits ist es für Morrows Buch bezeichnend,
daß er nicht das geringste Verständnis für das neue
Deutschland aufbringt und Behauptungen aufstellt wie die, daß der
Korridor wirtschaftlich eigentlich nur die "ostelbischen Junker" schädige.
Resigniert stellt der Verfasser abschließend fest, daß es "am Ausgang
des zweiten Jahrtausends der Christlichen Aera tragisch ist", zugeben zu
müssen, daß alteingewurzelte völkische (racial)
Gegensätze im Ostraum eine wirkliche Befriedung und eine
verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen Deutschen und Polen
verhindert haben.
Dem Irrtum, daß die Anfang 1934 von Adolf Hitler angebahnte
deutsch-polnische Verständigung auch Deutschlands Aufgabe seiner
berechtigten Forderungen auf eine angemessene Lösung der
östlichen Grenzprobleme bedeute, huldigt Morrows Werk allerdings nicht.
Dieser Täuschung aber gab man sich vielfach in Europa wie in Amerika
hin. Daher, ferner aus der an Deutschland gewiß nicht zuschanden
gewordenen Hoffnung, daß
diese deutsch-polnische Verständigung zu einer reibungslosen und
vernünftigen Lösung der Korridorfrage führen werde, und vor
allem aus der von interessierten internationalen Kreisen gesäten Saat der
Verleumdung und des Hasses gegen das Dritte Reich erklärt sich der
zunächst unbegreifliche Umstand, daß die offenbare
Revisionsfreudigkeit des Auslands in der Korridorfrage nicht nur einschlief
sondern schließlich sogar ins Gegenteil umschlug.
Die schwerste Verantwortung jedoch trifft die maßgeblichen
Staatsmänner der
Welt - Italien ausgenommen -, daß sie nicht schon längst die
Konsequenzen aus den von ihren eigenen Ländern weitestgehend als
berechtigt anerkannten deutschen Ansprüchen gezogen haben. Heute aber
ist das neuerstandene Deutschland, so sehr es den Frieden liebt und im
Gefühl seiner Stärke zu einer seinen Belangen angemessenen
Verständigung stets bereit ist, zur Erlangung seines heiligen Rechts nicht
mehr auf Appelle an das einstweilen imaginäre Weltgewissen und auf die
schwankende Gunst des Auslands angewiesen.
 
Deutschland und der Korridor
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