Nürnberg 1927
Parteitage haben in der Geschichte der nationalsozialistischen Bewegung immer eine besondere
Rolle gespielt. Sie waren sozusagen Haltepunkte in der großen agitatorischen Entwicklung
der Partei. Dort wurde Rechenschaft abgelegt über die geleistete Arbeit und in
richtunggebenden politischen Beschlüssen die taktische Linie des zukünftigen
Kampfes festgelegt.
Der Parteitag 1923 hat die krisenhaften Entscheidungen innerhalb der Bewegung in
diesem Sturm- und Drangjahr wesentlich mit beeinflußt. Im November 1923 holte die
Partei
zu letzten Schlägen aus, und als diese mißlungen waren, verfiel die
Gesamtbewegung
in ganz Deutschland einem behördlichen Verbot. Die Führer der Partei wanderten
auf die Festung oder ins Gefängnis, der Apparat der Organisation wurde zerschlagen, die
Pressefreiheit aufgehoben, und die Anhänger der Partei verstreuten sich in alle
Winde.
Als Adolf Hitler im Dezember des Jahres 1924 der Freiheit zurückgegeben wurde, ging er
gleich daran, die Vorbereitungen zur Neugründung der Partei zu treffen, und im Februar
1925 entstand die alte Bewegung aufs neue. Adolf Hitler hat damals mit seherischer
Prophetengabe vorausgesagt, daß wohl fünf Jahre nötig sein würden,
um
die Bewegung wieder so auszubauen, daß sie in die politische Entwicklung entscheidend
eingreifen könne. Diese fünf Jahre waren ausgefüllt mit rastloser Arbeit, mit
kämpferischem Elan und revolutionärer Massenpropaganda. Zwar mußte die
Bewegung sich seit ihrer Neugründung wieder aus den kleinsten Anfängen
emporarbeiten, und das schien um so schwerer, als sie ja einmal von großer politischer
Bedeutung gewesen war und darauf plötzlich in das Nichts zurückgestoßen
wurde. Im Jahr 1925 konnten wir noch nicht vor einem Parteitag Rechenschaft über die
eben begonnene neue Arbeit ablegen. Die Organisation stand erst wieder in den ersten
Anfängen. Sie arbeitete in den meisten Landesteilen noch unter behördlichem
Druck,
teilweise sogar unter noch nicht aufgehobenen Verboten. Die Anhängermassen waren
noch
nicht wieder zu einer festen Einheit zusammengeschlossen; die Parteileitung sah sich
demzufolge
gezwungen, von einem Parteitag abzusehen, dahingegen die agitatorische Arbeit der Partei nach
allen Kräften zu intensivieren.
Im Jahre 1926 waren wir nun wieder soweit. Die Bewegung hatte die ersten
Anfangsschwierigkeiten siegreich überwunden und nun wieder in allen Gauen und
größeren Städten ihre festen Stützpunkte errichtet. Im Sommer 1926
rief
sie wieder zu ihrem ersten großen Parteitag nach dem Zusammenbruch 1923 auf. Er fand
in
Weimar statt und bedeutete für unser damaliges Kräfteverhältnis schon einen
unerwarteten Erfolg. Die Arbeit setzte gleich danach mit aller Macht ein. Die Partei begann
allmählich, die Fesseln der Anonymität zu sprengen und brach nun als
entscheidender politischer Faktor in die Öffentlichkeit ein.
Im Jahre 1927 konnte man nun darangehen, den Parteitag in größerem Stil
aufzuziehen. Als Tagungsort wurde Nürnberg ausersehen, und es erging an die gesamte
Bewegung der Appell, in Geschlossenheit und Disziplin an diesem Tag ein sprechendes Zeugnis
abzulegen von der Stärke und unzerbrechbaren Kraft der wiedererstandenen Partei.
Parteitage der NSDAP. unterscheiden sich wesentlich von den Parteitagen anderer Parteien.
Diese
sind entsprechend
dem parlamentarisch-demokratischen Charakter ihrer Veranstalter lediglich als billige
Diskussionsgelegenheit gedacht. Es treten dort die Repräsentanten der Partei aus allen
Landesteilen zu meist höchst platonischen Beratungen zusammen. Die Politik der Partei
wird einer kritischen Untersuchung unterzogen, und der Niederschlag dieser Debatten findet
dann
meistens in pompösen Stilübungen, sogenannten Resolutionen, seinen
tagesbedingten Ausdruck. Diese Resolutionen sind meistens von gar keinem zeitgeschichtlichen
Wert. Sie sind lediglich für die Öffentlichkeit berechnet. Oft sucht man in ihnen
nur
die latenten Gegensätze, die in der Partei aufgerissen sind, künstlich zu
verkleistern,
und niemand empfindet das peinlicher und schmerzlicher als diejenigen, die ein ganzes Jahr lang
treu und unbeirrt für die Partei im Lande gearbeitet haben.
Meistens verlassen die Parteivertreter ihre Parteitage nur mit schwerem Herzen. Die Risse im
Parteiorganismus sind ihnen dort erst recht zu Bewußtsein gekommen. Sie haben sich in
unfruchtbaren Diskussionen die Köpfe heiß geredet und der Öffentlichkeit
das
jämmerliche Schauspiel von schwankenden und steitenden Gesinnungsbrüdern
gegeben. Das Ergebnis der Arbeit auf den Parteitagen ist meistens, politisch gesehen, gleich
Null.
Die weitere Politik der Partei wird durch die Parteitage kaum beeinflußt. Die
Parteipäpste verschaffen sich durch künstliche Vertrauenskundgebungen nur ein
Alibi für das kommende Jahr und setzen dann die alte Politik mit den alten Mitteln in
alter
Form fort. Die gefaßten Resolutionen sollen in ihrer starken und kraftmeierischen Art nur
dazu dienen, der aufbegehrenden Anhängerschaft Sand in die Augen zu streuen und sie
weiterhin bei der Stange der Partei zu halten.
Unsere Parteitage sind von ganz anderem Geist erfüllt. Zu ihnen kommen nicht nur die
beamteten und hauptamtlich für die Partei tätigen Vertreter zusammen. Sie sind
Heerschauen über die gesamte Organisation. Jeder Parteigenosse, und vor allem
jeder SA.-Mann rechnet es sich zur besonderen Ehre an, bei den Parteitagen persönlich
anwesend zu sein und in der Masse der erschienenen Parteigenossen mitzuwirken. Der Parteitag
bietet keine Gelegenheit zu unfruchtbarer Diskussion. Er soll im Gegenteil der
Öffentlichkeit ein Bild geben von der Einigkeit, Geschlossenheit und ungebrochenen
Kampfkraft der Partei im ganzen und die innere Verbundenheit zwischen Führung und
Gefolgschaft sichtbar vor Augen führen. Auf den Parteitagen soll der Parteigenosse neuen
Mut und neue Kraft sammeln. Der Gleichklang des
Marschtritts der SA.-Bataillone soll ihn genau so wie die scharfe und kompromißlose
Formulierung der gefaßten Entschlüsse erheben und stärken; er soll vom
Parteitag wie neugeboren an seine alte Arbeit zurückgehen.
Der Weimarer Parteitag im Jahr 1926 hatte den dort versammelten Führern,
Parteigenossen
und SA.-Männern jene ungeheure Kraftreserve gegeben, mit deren Einsatz sie die
schweren
politischen Kämpfe bis zum August 1927 durchfechten konnten. Ein Abglanz dieser
ungeheuren Kraftentfaltung wurde mit in die Arbeit eines ganzen Jahres hineingenommen. Nun
sollte der Nürnberger Parteitag im Jahre 1927 beweisen, daß die Partei seitdem
nicht
etwa auf dem alten Standpunkt stehengeblieben war oder gar aus ihren Machtpositionen
zurückgewichen war, daß ihre Arbeit im Gegenteil allenthalben im ganzen
Reichsgebiet von Sieg und Erfolg gekrönt wurde und die Partei nunmehr auch über
die organisatorischen Schranken hinaus für das ganze deutsche Deutschland das
unverwüstliche Bild neuer politischer Kraft und Stärke darbieten konnte.
Vor allem jene Landesteile, in denen die Bewegung jahrelang bekämpft und terrorisiert
worden war, hatten ein natürliches Anrecht darauf, daß der Parteitag die Einigkeit
und Geschlossenheit der Gesamtbewegung zum Ausdruck brachte und nicht etwa in innerem
Zank über Programm und Taktik zerfiel.
Die Berliner Parteigenossenschaft erwartete vom Nürnberger Parteitag mehr als ein
bloßes Zusammentreffen von Parteigenossen. Sie hatte im abgelaufenen Jahr die
schwersten
Kämpfe überstehen müssen. Sie war aus diesen Kämpfen
gestärkt und gereift hervorgegangen, und nun bot sich ihr die Gelegenheit,
außerhalb
des Druckes der Behörden und ohne politische Fesselung die ungebrochene
Geschlossenheit der Berliner Organisation vor der Bewegung des ganzen Reiches zum Ausdruck
zu bringen.
Die Vorbereitungen zu diesem Parteitag nahmen Monate in Anspruch. Je stärker der
Druck
von außen wurde, desto höher wuchs die Freude und Spannung, mit der man diesem
Masentreffen entgegensah. Der Berliner Parteigenosse
und SA.-Mann wollte sich hier neue Kraft für den ferneren Kampf holen. Er wollte sich
berauschen an den demonstrierenden Massenaufmärschen, in denen sich die Organisation
des ganzen Reiches, aus Ost und West und Süd und Nord, ein Stelldichein gab.
Drei Wochen vor dem Nürnberger Parteitag schon begaben sich etwa fünfzig
arbeitslose SA.-Männer von Berlin aus zum Fußmarsch nach Nürnberg.
Jenseits der Grenzen der Hauptstadt zogen sie die alte, geliebte Uniform wieder an und
marschierten im gleichen Schritt und Tritt die vielen hundert Kilometer dem Ziel ihrer
Wünsche entgegen.
Es mag einem Spießer unverständlich erscheinen, daß es möglich
war, trotz des Parteiverbots drei Sonderzüge von Berlin nach Nürnberg
zusammenzustellen und diesen Massenabmarsch bis zum letzten Augenblick den Augen der
Behörden zu entziehen. Und doch war das möglich.
Am Sonnabend vor dem Parteitag, der gewissermaßen den Auftakt zu dem großen
nationalsozialistischen Treffen darstellte, stand schon fest, daß diese Tagung zu einem
Riesenerfolg für die ganze Bewegung würde. Über vierzig
Sonderzüge aus allen Teilen des Reiches liefen während des Morgens im
Nürnberger Hauptbahnhof ein. Dazu kam noch eine Unmasse von Teilnehmern, die zu
Fuß und zu Rad, in Marschgruppen und auf Lastautomobilen der alten Reichsstadt
zuströmten.
Die nationalsozialistische Bewegung ist tot! So hatten ihre Feinde zwei Jahre lang gejubelt;
und nun stellte sich das genaue Gegenteil heraus. Die Bewegung war nicht nur unter den
Keulenschlägen amtlicher Verfolgungen nicht zusammengebrochen, sie hatte sie
siegreich überwunden und erhob sich heute ungebrochener denn je.
Schon der Name Nürnberg war für die meisten Parteigenossen von einem Zauber
ohnegleichen umgeben. Er bedeutete ihnen das Deutsche schlechthin. Unter den Mauern dieser
Stadt wurden Kulturtaten von weltgeschichtlichem Rang getan. Wenn man von
Nürnberg sprach, dann meinte man beste deutsche Tradition, die zukunftsträchtig
nach vorne weist.
In dieser Stadt waren schon einmal deutsche Männer in schwerer Zeit marschiert, zu
Zehntausenden, begrüßt und umjubelt von deutschen Patrioten, die da meinten,
das neue Reich sei bereits erstanden. Was damals so gewaltig und hinreißend in der
kritischsten Zeit der Nachkriegspolitik demonstrierte, versank in sich selbst, da es noch nicht
bis zum letzten gefügt und gestaltet war, da ein großes Erbe in
unglücklichen Monaten nach dem Zusammenbruch der Partei von Männern
verwaltet wurde, die sich dieser Aufgabe nicht gewachsen zeigten.
Nun blickte das nationale Deutschland wieder einmal nach Nürnberg, wo die
nationalsozialistischen Braunhemden zu Zehntausenden aufmarschierten, um gegen die
Tributpolitik für einen neuen Staat zu demonstrieren. Glaube und Hoffnung vieler
Hunderttausender geleiteten den Siegesmarsch dieser jungen Aktivisten, die in einem
zweijährigen erbitterten Ringen bewiesen hatten, daß die nationalsozialistische
Idee und ihre parteipolitische Organisation mit keinem Mittel und keinem Terror zu
erschüttern war.
Am 9. November 1923 war das erste Werk zusammengebrochen. Es hatte seine historische
Aufgabe erfüllt und mußte vorläufig dem Chaos Platz machen. Nach Zeiten
tiefsten Zusammenbruchs begann im Februar 1925 der Wiederaufbau der Bewegung, und nun
sollte zum erstenmal in einem Massenaufgebot gezeigt werden, daß der Stand der Partei
von 1923 bereits weit überholt war und die Bewegung wieder an der Spitze
des national-revolutionären Deutschlands marschierte.
Die Nation schaute voll Glauben und Vertrauen auf diesen nationalsozialistischen
Massenaufmarsch.
Jeder SA.-Mann fühlte, daß er mit seinen marschierenden Kameraden wieder
einmal die eherne Spitze am bleiernen Keil bildete, und daß er das allein seiner
Tapferkeit, seinem Mut und seiner zähen Ausdauer zu verdanken hatte. Mit Stolz und
innerer Erhebung ging er in diese Tage hinein. Er hatte die sinkende Fahne aufgegriffen und sie
in Nacht und Finsternis vorangetragen. Das Banner stand fest. Allüberall, in jeder Stadt,
in jedem Dorf kannte man die leuchtende Fahne des nationalsozialistischen Volksaufbruchs,
und wo man die Bewegung nicht lieben lernen wollte, da hatte man sie doch wenigstens hassen
und fürchten gelernt.
Aus den Fabriken kamen sie, aus Gruben und Kontoren, von Pflug und Egge, und mitten unter
ihnen stand der Führer der Bewegung. Ihm wußte man Dank dafür,
daß die Politik der Partei nicht einen Zentimeter vom geraden Kurs abgewichen war. Er
war Gewähr dafür, daß das auch in Zukunft so bleiben würde.
Heute war der eine nicht Schreiber und der andere nicht Prolet, dieser nicht Bauernknecht und
jener nicht kleiner Beamter. Heute waren sie alle die letzten Deutschen, die nicht an der
Zukunft der Nation verzweifeln wollten. Sie waren die Träger der Zukunft, die
Gewährsmänner, daß Deutschland nicht zum Untergang, sondern zur
Freiheit bestimmt war. Sie waren das Symbol einer neuen Glaubensstärke für
Hunderttausende und Millionen geworden. Wenn sie nicht waren, das wußten sie alle,
dann mußte Deutschland verzweifeln. Und so hoben sie die Banner und die Herzen hoch,
so ließen sie dröhnend den Rhythmus ihres Massenschritts an den Mauern der
alten Reichsstadt widerhallen.
Das junge Deutschland stand auf und forderte seine Rechte.
Fahnen flatterten über der Stadt; Ungezählte hatten unter diesen Fahnen geblutet,
Ungezählte waren dafür in die Gefängnisse geworfen worden und manch
einer darunter gefallen.
Das wollten sie nicht vergessen; das wollten sie vor allem heute nicht vergessen, wo diese
Fahnen unter einer leuchtenden Sonne und umjubelt von Zehntausenden durch die
Straßen der Stadt getragen wurden.
Der Angriff erschien zum Nürnberger Parteitag zum erstenmal in einer
Sondernummer. Auf der ersten Seite eine hinreißende zeichnerische Darstellung: eine in
Fesseln geschmiedete Faust zerbricht die hemmenden Ketten und reißt eine flatternde
Fahne nach oben. Darunter in lakonischer Kürze nur die Worte: "Trotz Verbot nicht
tot!"
Das war es, was jeder Berliner Parteigenosse und SA.-Mann dunkel und dumpf empfand: die
Bewegung hatte alle Krisen und Vernichtungsschläge siegreich überwunden. Sie
hatte kühn und verwegen einem aberwitzigen, mechanischen Verbot getrotzt und
marschierte nun auf, um der Öffentlichkeit zu zeigen, daß man sie zwar verbieten,
aber nicht vernichten konnte.
Die Sonderverhandlungen begannen schon am Freitagnachmittag. Die
Kongreßteilnehmer tagten in einzelnen Spezialgruppen, die als solche schon lehrreiche
Vorbildungsversuche künftiger Ständeparlamente darstellten. Die Beratungen
waren, wie sich das bei der Partei von selbst verstand, getragen von sittlichem Ernst und
tiefstem Verantwortungsgefühl. Die zur Debatte stehenden Punkte
wurden - und das ist kein Widerspruch in sich - fast ohne Debatte erledigt, so sozusagen
über alle Fragen Einmütigkeit unter den Delegierten bestand. Man redete nicht,
sondern handelte und faßte feste Entschlüsse. Aus dem Extrakt der Meinungen
formten die Gruppenreferenten ihre Vorschläge, die an den am nächsten Tag zu
eröffnenden Kongreß weitergegeben wurden. Abstimmungen fanden nicht statt. Es
wäre auch ziemlich zwecklos gewesen, da sie immer dasselbe Bild der
Einmütigkeit und Geschlossenheit ergeben hätten.
Draußen wirbelten schon die Trommeln. Die ersten Sonderzüge von Braunhemden
rollten ein.
Der Sonnabend brachte einen feinen Nieselregen. Frühmorgens schon
beim Betreten der Stadt bot Nürnberg ein ganz neues Bild. Sonderzug auf Sonderzug traf
ein. Braunhemden über Braunhemden marschierten in langen Zügen durch die
Stadt ihren Quartieren zu.
Klingendes Spiel in den Straßen, die schon im Schmuck der Fahnen standen.
Gegen Mittag wurde der Kongreß eröffnet. Der schöne Kulturvereinssaal
war von festlich gestimmten Menschen dicht gefüllt. Eine Flügeltür springt
auf, und unter endlosem Jubel der Vesammelten betritt Adolf Hitler mit der engeren
Führerschaft den Saal.
In kurzen, in sich abgeschlossenen, richtunggebenden Referaten wird die Politik der Partei
eindeutig und kompromißlos festgelegt. Der Kongreß dauert bis um die siebte
Abendstunde, und dann ist Nürnberg ganz berauscht von der aufmarschierenden
nationalsozialistischen Massenbewegung. Als gegen zehn Uhr abends vor dem Deutschen Hof
die endlosen Reihen
fackeltragender SA.-Leute vor dem Führer vorbeimarschieren, da wird jedem
bewußt, daß mit dieser Partei ein Felsblock aufgerichtet ist, mitten im brandenden
Meer des deutschen Zusammenbruchs.
Und dann steigt der große Tag auf. Noch liegt Nebel über der Stadt, als morgens
um 8 Uhr die nationalsozialistischen SA. sich zum großen Massenappell im
Luitpoldhain zusammenfinden. Zug um Zug ziehen die braunen Abteilungen in
mustergültiger Disziplin auf, bis nach einer Stunde die weiten Terrassen
überfüllt sind von dichtgedrängten Heerhaufen.
Als Hitler unter unter endlosem Jubel seiner Getreuen erscheint, bricht die Sonne aus dunklem
Gewölk heraus. In einem spontenen Akt erfolgt die Übergabe der neuen
Standarten.
Die alten Farben sanken, die Fahne des alten Reiches wurde in den Schmutz getreten. Wir
gaben unserem Glauben das neue Symbol.
Abmarsch! Weit sind die Straßen gedrängt voll von Tausenden und aber
Tausenden. Blumen, Blumen, Blumen!
Jeder SA.-Mann ist geschmückt wie ein siegreicher Krieger, der aus der Schlacht in die
Heimat zurückkehrt.
Auf dem Hauptmarkt findet vor einer unübersehbaren Menschenmenge der
Vorbeimarsch statt. Endlos, endlos, stundenlang! Immer neue braune Scharen marschieren
herauf und grüßen ihren Führer.
Sonnenschein liegt über allem, und immer und immer wieder Blumen.

Die sturmerprobte Berliner SA.
im Vorbeimarsch in Nürnberg (August 1927).
|
Das junge Deutschland marschiert.
Die kampferprobte Berliner SA. hält die Spitze. Sie wird von Jubel und Blumen
überschüttet. Es schlägt ihr hier zum erstenmal das Herz des deutschen
Volkes entgegen.
Mitten darunter die Fußmärschler, Deutsche Proletarier aus Berlin, die in dem
Reich einer versprochenen Schönheit und Würde weder Arbeit noch Brot fanden
und sich an einem Julitag nach Nürnberg aufmachten. Den Tornister vollbepackt mit
Flugzetteln, Zeitungen und Büchern. Jeden Tag, ob er Regen oder glutheiße Sonne
brachte, marschierten sie 25 Kilometer, und wenn sie abends ins Quartier kamen, dann haben
sie bis in die tiefe Nacht hinein weder Rast noch Ruhe gekannt, um für ihre politische
Idee zu werben.
In den Großstädten wurden sie bespuckt und niedergeschlagen.
Schadet nichts! Sie paukten sich durch und kamen vor der Zeit in Nürnberg an.
Nun marschieren sie mit ihren Kameraden. Aus der verbotenen Organisation in Berlin fanden
sich
siebenhundert SA.-Männer, die zu Fuß, mit Rädern, auf Lastautos und in
Sonderzügen den Weg nach Nürnberg suchten. Sie hatten sich monatelang das
Brot vom Munde abgespart, verzichteten auf Bier und Tabak, ja mancher hungerte sich
buchstäblich das Fahrgeld zusammen. Sie verloren zwei Arbeitstage an Lohn, und der
Preis für den Sonderzug allein betrug fünfundzwanzig Mark. Manch einer von
diesen Siebenhundert verdiente in der Woche zwanzig Mark.
Selbst der brachte sein Fahrgeld zusammen, und am Sonnabendmorgen war auch er mit
klopfendem Herzen neben seinen Kameraden aus den Waggons geklettert, die von Berlin nach
Nürnberg rollten; und abends marschierte er mit den Zehntausenden am Führer
vorbei, schwang seine brennende Fackel hoch und grüßte. Seine Augen fangen
plötzlich an zu glänzen. Er weiß gar nicht, ob er glauben darf, daß das
alles wahr ist. Zu Hause hat man ihn nur bespuckt und begeifert, niedergeknüppelt und
ins Gefängnis geworfen. Und jetzt stehen an den Straßenrändern Tausende
und Tausende von Menschen, die grüßen ihn und rufen Heil!
Über der alten Reichsstadt wölbt sich ein tiefer, blauer Himmel; die Luft ist klar
wie Glas, und die Sonne lacht, als hätte sie nie einen solchen Tag gesehen.
Und nun schmettern die Fanfaren. Marschierende Kolonnen. Endlos, endlos! Man
möchte fast glauben, als sollte das ewig so fortgehen. Und an den Straßen warten
schwarze Menschenmauern. Keiner ruft Pfui. Bewahre! Sie alle winken und lachen und jubeln,
als kämen die Zehntausende aus siegreicher Schlacht; und werfen Blumen und immer
wieder Blumen.
Die Siebenhundert marschieren an der Spitze. Weil sie ein Jahr lang den schwersten Kampf
durchfochten, darum werden sie nun mit Blumen überschüttet. Sie stecken sie an
den Gürtel, immer mehr. Die Mützen sind bald nur noch blühende
Blumensträuße, und die Mädchen lachen und winken ihnen zu. Daheim
spuckt man sie an.
Und nun marschieren sie am Führer vorbei. Tausende, Zehntausende rufen Heil. Sie
hören's kaum. Aus den Gürteln reißen sie die Blumen und werfen den
jubelnden Menschen zu.
Vorbeimarsch. Die Beine fliegen, während die Musik den "Parademarsch der langen
Kerls" schmettert.
Und dann kommt der Abend, müde und schwer. Es beginnt zu regnen. In einer
hinreißenden Schlußkundgebung des Delegiertenkongresses wird noch einmal die
gesammelte revolutionäre Kraft der Bewegung manifestiert. Die Straßen
draußen sind überfüllt von jubelnden und begeisterten Menschen. Es ist, als
sei das neue Reich schon erstanden.
Trommelklang und Pfeifenspiel. Eine Begeisterung, die nur eben noch das unverdorbene Herz
einer sehnsüchtigen deutschen Jugend hervorbringt. In sieben Massenversammlungen
sprechen abends die großen Redner der Partei vor Zehntausenden von Menschen.
Die Nacht bricht herein. Ein großer, gesegneter Tag geht dahin. Er sollte für alle,
die an ihm teilnahmen, eine Quelle der Kraft für ein ganzes Jahr Arbeit, Sorge und
Kampf sein.
Und nun bindet den Helm fester!
Die Berliner SA. verließ in ihren Sonderzügen um die späte Abendstunde
die alte Reichsstadt. Vor Berlin aber wartete eine Überraschung auf sie, die sich keiner
hatte träumen lassen. Die Züge werden in Teltow plötzlich zum Halten
gebracht, der ganze Bahnhof ist von Schutzpolizisten und Kriminalbeamten besetzt, es wird in
besserer Vorsicht zuerst nach Waffen gesucht,

Bruder, wen verfolgst Du?
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und dann führt man in der Tat das
wahnwitzigste aller Experimente durch, daß man siebenhundert Nationalsozialisten, die
nur in vollstem Frieden zu ihrem Parteitag nach Nürnberg gefahren waren, an Ort und
Stelle verhaftet und in bereitgestellten Lastautos dem Berliner Polizeipräsidium
zuführt.
Das war nun wirklich ein Geniestreich des Alexanderplatzes. Es war damals das erste Mal,
daß eine Massenverhaftung in diesem Stil durchgeführt wurde, und sie erregte
denn auch in weiten
Kreisen des In- und Auslandes größtes Aufsehen. Unter Bedeckung von
Karabinern und geschwungenen Gummiknüppeln werden siebenhundert Menschen
schuldlos massenverhaftet und der Polizei eingeliefert.
Das war jedoch nicht das Schlimmste. Provozierender war die Art und Weise, wie diese
Verhaftung durchgeführt wurde. Man wußte, daß der Führer der
Partei in Nürnberg der Berliner SA. zwei neue Standarten feierlichst überreicht
hatte. Man dachte sich wohl, daß diese beiden Standarten mit allen
anderen ruhm- und sieggekrönten Fahnen der Berliner SA. im Zuge mitgeführt
wurden, und nun entblödete man sich nicht, diese Kampfsymbole der Bewegung von der
Polizei beschlagnahmen zu lassen.
Ein junger SA.-Mann weiß sich im letzten Augenblick verzweifelten Rat. Er schneidet
von seiner Fahne das Tuch herunter und verbirgt es unter seinem braunen Hemd.
"Was haben Sie da unter Ihrem Hemd? Aufmachen!"
Der Junge erbleicht. Eine schmutzige Hand reißt das braune Hemdtuch auf; und nun
beginnt dieser Knabe zu glühen. Er tobt und kratzt und spuckt und geifert. Mit acht
Mann muß man ihn überwältigen. Sein geliebtes Fahnentuch reißt
man ihm in Fetzen von der Brust herunter.
Ist das eine Heldentat, und macht sie der Polizei eines Ordnungsstaates Ehre?
Dem Jungen traten die Tränen in die Augen. Er stellt sich plötzlich hoch und
aufrecht unter seine Kameraden und beginnt zu singen. Sein Nebenmann stimmt ein, und dann
mehr und mehr, bis schließlich alle singen. Das ist kein Gefangenentransport mehr, der
da in dreißig, vierzig Lastautos durch die Straßen des eben aus seinem Schlaf
erwachenden Berlin hindurchgeführt
wird - das ist ein Zug von jungen Helden.
"Deutschland, Deutschland über alles!" so schmettert es im Massenchor während
der ganzen Fahrt aus den Lastautos. Erstaunt reibt sich der Spießer die Augen. Man hatte
doch gemeint, die nationalsozialistische Bewegung sei tot. Man glaubte doch, Verbot und
Drangsale und Gefängnis hätten ihr den Rest gegeben. Und nun hebt sie sich
wieder kraftvoll und mutgeschwellt, und keine Schikane konnte ihren Aufstieg hemmen.
Siebenhundert Menschen stehen in einer großen Halle als Gefangene
zusammengepfercht. Sie werden einzeln vor den Vernehmungsbeamten gerufen. Sie stellen
sich trotzig und frech vor ihn hin und wiederholen auf jede Frage fest und unbeirrbar in
stereotyper Gleichmäßigkeit: "Ich verweigere die Auskunft." Das alles untermalt
vom Gesang der Kameraden: "Noch ist die Freiheit nicht verloren!"
Mit diesen SA.-Männern konnte man gegen den Teufel marschieren. Sie hatten ihre
verbotenen Fahnen um die Herzen gebunden. Dort ruhten sie in guter Hut, und der Tag war
nicht fern, an dem sie sich in leuchtender Reinheit wieder erhoben. Man mußte die
siebenhundert Zwangsgestellten natürlich sehr bald ohne Weiterungen entlassen. Sie
waren keiner Missetat schuldig; aber darum handelte es sich ja auch gar nicht.
Die Polizei wollte nur dem geschlagenen Gegner wieder einmal ihre behördliche Macht
zeigen. Sie wollte beweisen, daß sie auf dem Posten war. Am anderen Morgen, als die
Siebenhundert wieder zur Arbeit zurückkehrten, fand manch einer seinen Platz schon
von einem anderen eingenommen.
Dann kam der Prolet an seine Maschine zurück und sah, daß er bereits von einem
Kollegen abgelöst war. Man wirft ja so leicht auf die Straße in dieser Demokratie
der Freiheit und der Brüderlichkeit. Der Beamte kam heim und fand auf seinem Tisch
die Ankündigung eines Disziplinarverfahrens. Man hatte ihm ja Freiheit der Meinung
amtlich gewährleistet, als die Reaktion gestürzt und der freieste Staat der Welt
begründet wurde.
Die Aktion der Berliner politischen Polizei in Teltow, die in einer scheinbar sinnlosen
Verhaftung der vom Nürnberger Parteitag heimkehrenden Nationalsozialisten bestand,
stellte sich, wie wir späterhin erfuhren, im Sinn ihrer Urheber nicht als erfolglos heraus.
Nach Erhebungen der Partei wurden von den Verhafteten, die durch die polizeilichen
Vernehmungen einen Arbeitstag verloren, insgesamt vierundsiebzig werktätige
Menschen von ihren Arbeitsstellen entlassen und aus Amt und Brot gejagt. Unter den
Gemaßregelten befand sich eine ganze Reihe von höheren, mittleren und unteren
Beamten, Buchhaltern, Stenotypisten, und das Gros wurde gestellt von Handarbeitern der
verschiedensten Erwerbszweige.
Mit diesem Erfolge konnte man sich sehen lassen. Man durfte das befriedigende Gefühl
haben, Menschen, denen man mit den Paragraphen der Gesetze nichts anhaben konnte,
wenigstens materiell in ihrem Beruf geschädigt zu haben. Und das war ja
schließlich eine, wenn auch billige, so doch wirksame Rache.

Wem Gott ein Amt gibt - - -
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Der Angriff führte seinen Gegenhieb auf seine Art. Er brachte in der
nächsten
Nummer eine Karikatur, darauf der Berliner Polizeipräsident Dr. Bernhard Weiß
in einer unnachahmlich grotesken Situation zu sehen war. Er stand da, eine große
schwarze Hornbrille auf dem breiten Nasenrücken, die Hände nach hinten
verschränkt, erstaunt
einen SA.-Mann ansehend, der, die braune, blumengeschmückte Mütze im
Nacken, mit breit grinsendem Lachen ihm gegenübertritt und einen Nürnberger
Trichter entgegenhält. Die Überschrift lautete: "Wem Gott ein Amt gibt ..." Und
darunter stand zu lesen: "Wir haben dem lieben Bernhard aus Nürnberg was
Schönes mitgebracht."
"Berlin, den 30. August 1927.
Der Polizeipräsident.
Tagebuch-Nr. 1217 P 2. 27.
An den Kriminalgehilfen Herrn Kurt Krischer, Abteilung IV.
Aus Ihrer in der sogenannten Hitlertracht erfolgten Teilnahme an der Nürnbergfahrt der
verbotenen Berliner Organisation der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei und
daraus, daß von der Zeitschrift Der Angriff und den Aufnahmeerklärungen
der
Partei verschiedene Exemplare bei Ihnen gefunden wurden, schließe ich, daß Sie
weiter für eine verbotene Organisation tätig sind. Diese Bestätigung ist mit
Ihrer Stellung als Staatsbediensteter unvereinbar. Ich sehe mich deshalb gezwungen, Ihnen das
Dienstverhältnis fristlos mit der Maßgabe zu kündigen, daß Sie mit
Ablauf des 31. d. M. aus dem Dienst scheiden.
gez. Zörgiebel."
Das war der Sinn, und das war die Methode. Sorge und Not brachen wieder über die
Bewegung herein. Viele ihrer Mitglieder büßten ihre Teilnahme an der
Nürnbergfahrt mit Hunger, Elend und Arbeitslosigkeit. Das hatte jedoch auch seine gute
Seite. In den Reihen der Parteigenossen wuchs die Wut und Empörung bis zur
Siedehitze. Aber diesmal machte sie sich nicht in sinnlosen Terrorakten Luft. Sie wurde
vielmehr umgeprägt in Arbeit und Erfolg. Der große Schwung, der die
nationalsozialistische Massendemonstrationen in Nürnberg durchzittert hatte, wurde mit
in die graue Sorge des Alltags hineingenommen. Was kümmerten uns nun Redeverbot,
Finanzschwierigkeiten und Parteiauflösung? Die Berliner Organisation hatte der
Bewegung gezeigt, daß man im Reich auf dem Posten stand, und daß wir nicht in
verlorener Stellung kämpften, sondern vielmehr unser Ringen seine
Rückwirkungen für die ganze nationalsozialistische Bewegung hatte. Die
Gesamtpartei stand hinter der Berliner Organisation und verfolgte mit heißem Herzen die
weitere Fortsetzung des Kampfes.
Der Parteitag begann sich in unserer Tagesarbeit auszuwirken.
Die Saure-Gurken-Zeit war überwunden, der Sommer mit all seinen Sorgen und
Bedrängnissen lag hinter uns. Die Erstarrung des politischen Lebens fing an zu weichen.
Es ging mit neuen Kräften neuen Zielen entgegen. Und über allem leuchteten die
Nürnberger Tage als siegverheißendes Fanal!
 
Kampf um Berlin: der Anfang
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