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Hanna Reitsch
Ein deutsches Fliegerleben
Teil 5: Flüge in Amerika und Nordafrika
August 1938. International Air Races in Cleveland, Ohio. Ernst Udet, der die Amerikaner schon
bei früheren Veranstaltungen mit seinem Können begeisterte, soll wieder dabei
sein.
Doch er ist dienstlich verhindert und schlägt daher seinen amerikanischen Freunden vor,
an
seiner Stelle Hanna Reitsch herüberzuholen. Neben Hanna gehen noch zwei deutsche
Fliegerkameraden, Graf Hagenburg und Emil Kropf mit nach Amerika.
Wie so viele Bekannte sind auch Hannas Eltern besorgt, daß ihre Tochter als
Europäerin in diesem wesensfremden Land Schwierigkeiten haben wird. Nur Ernst Udet
ist
anderer Meinung. Mit seinem Humor und seiner Ursprünglichkeit, neben seinem als
früherer Kunstflieger ausgesprochenen Sinn für "publicity", hatte er sich bei den
sportbegeisterten Amerikanern immer wie zu Hause gefühlt. Auch Hanna ist von dem
Erlebten und der Freundlichkeit der Amerikaner beeindruckt. (Was sie, wie jeder Kurzbesucher,
nicht wissen kann, ist, daß amerikanischer Beifall und Ekstase zumeist
Eintagsangelegenheiten sind.) Den amerikanischen Humor erlebt sie schon in den ersten Tagen
ihres Aufenthalts, als den deutschen Fliegern zu Ehren ein Empfang in New York gegeben
wird.
Da Hanna von den drei Deutschen das beste Englisch spricht, fällt ihr die Rolle zu, sich
für all die Reden und Trinksprüche zu bedanken. In ihrer lebhaften Art sprudelt sie
ihre Begeisterung für Amerika heraus. Sie kommt mehr und mehr in Fluß und endet
zuletzt mit einem bei ihrer Ankunft von den Hafenarbeitern immer wieder gehörten Wort:
"What the hell goes on... " Die Wirkung ist wie eine Bombe. Donnerndes Lachen und rasender
Beifall! Denn was sie nicht
wußte - dieser Ausspruch war einfach nicht "ladylike"!
Bei den "Air Races" findet ein für die deutsche Mannschaft beinahe tödlicher
Unfall
statt. Graf Hagenburg, ein vorzüglicher Kunstflieger, wird beim Rückenflug in
Bodennähe plötzlich durch eine Böe nach unten gedrückt. Die
Maschine
überschlägt sich beim Aufprall in einer Riesenstaubwolke. Atemlose Stille, die
Musik bricht ab, Fahnen gehen auf Halbmast. Doch den Trümmern entsteigt
plötzlich - Graf Hagenburg. Er läßt seine Verletzungen von Sanitätern
verbinden, steigt in eine andere Maschine und fliegt weiter (wie Frh. v. Wangenheim bei der
Olympiade 1936 in Berlin trotz Schlüsselbeinbruch weiterritt und damit den Sieg der
deutschen Military-Mannschaft sicherte!). Graf Hagenburg ist mit einem Schlag der
populärste Mann der Veranstaltung. Nichts hätte größere
Bewunderung
hervorrufen können.
Nach dem Zielabspringen mit Fallschirmen muß Hanna zum Schluß der
Veranstaltungen den von Hans Jacobs konstruierten "Habicht" vorführen, ein
Segelflugzeug, mit dem man Kunstflüge ausführen kann. Es war nicht einfach,
nach
dem Donnern und Heulen der Motoren auf dem Abstellen aller störenden
Geräusche
zu bestehen. Denn der lautlose Segelflug kann in seiner Schönheit nur in Abwesenheit
allen
ablenkenden Lärms empfunden werden. Einen größeren Gegensatz als den
zwischen dem lautlosen Flug des schimmernden schlanken Vogels und dem vorhergegangenen
Dröhnen der Hochleistungsmotoren konnte es nicht geben. Hanna fliegt alle nur
möglichen Kunstflugfiguren und landet schließlich mitten im Zielkreis unter dem
tosenden Jubel der Menge.
Alle folgenden Einladungen des gastlichen Landes müssen abgesagt werden, da die
deutsche Mannschaft wegen der Krise in der Tschechoslowakei telegraphisch
zurückgerufen wird.
Im Februar 1939 startet abermals eine Segelflugexpedition unter Prof. Georgii. Diesmal geht es
in
das italienische Nordafrika. Die Expedition hat strenges Verbot, in die Wüste zu fliegen.
Die Teilnehmer müssen sich an die alten Karawanenstraßen halten. Aber es bleibt
nicht aus, daß sie den Saum der Wüste streifen. Hanna ist fasziniert von der
Unendlichkeit des Sandmeeres unter ihr. Einmal bekommt sie den Auftrag, eine der
mitgeführten Motormaschinen nach Garian zu verlegen, einem westlich Tripolis in
Richtung Tunis gelegenen Ort. Beim Start ist der heiße afrikanische Himmel wolkenlos.
Stundenlang genießt sie beim monotonen Summen des Motors die wie tote, flimmernde
weiße Fläche unter ihr. Noch immer kein Wölkchen am Himmel.
Da, wie urplötzlich ein grelles Fanal am Himmel, der sich in Minutenschnelle
schwefelgelb
färbt. Fast im gleichen Augenblick setzt der Sturm ein. Die Wüste ist in Aufruhr.
Sturmfluten von Sand werden hochgejagt, greifen nach dem Motor und dem Gesicht der Pilotin.
Bald sind Nase, Ohren und Augen mit feinem Flugsand verstopft. Der Motor fängt an zu
stottern, und plötzlich streikt er ganz. Im Gleitflug geht es inmitten der wirbelnden
Sandmassen nach unten. Zu Hannas Glück auf einen Platz, der nicht mehr weit von
Garian
entfernt ist. Am nächsten Tag herrscht wieder Stille. Auch die anderen Maschinen und
Transportwagen treffen ein. Über der Wüste dehnt sich wie zuvor der seidenblaue
Himmel.
Ihr für eine Frau bedenklichstes Abenteuer erlebt sie nach einem mehrstündigen
Segelflug in Buerat el Sun, wo sie von der Dunkelheit überrascht wird. Zwei
plötzlich auftauchende Karabinieri bieten ihr Schutz in einer nahen Steinhütte an.
Zunächst beachten die beiden mit südländischem Charme die einer Dame
gegenüber angebrachten Formen. Aber mit dem Fortschreiten der Nacht nimmt das
italienische Temperament zunehmend Überhand über die männliche
Ritterlichkeit. Hanna muß ihre bei ihren Flügen so oft erprobte Geistesgegenwart
einsetzen. Ihr ständiger Redestrom, ein Gemisch aus italienischen, französischen
und
lateinischen Brocken, vermag nicht länger die immer deutlicher werdenden
Aggressionsgelüste der beiden Männer abzuwehren. Nun erzählt sie ihnen,
daß sie zu Marschall Balbo weiterfliegen muß. Sie lobt ihr vorbildliches Betragen
und
verspricht, es bei Balbo vorzubringen. Sicherlich wird er sie dafür mit einem Orden
beehren. Das Zauberwort "Orden" versetzt die Italiener in Entzücken. Sie benehmen sich
wieder mustergültig, und Hanna ist durch diese kleine Notlüge gerettet.
Zwischen 1937 und 1939 stellt Hanna einen Streckenweltrekord von der Wasserkuppe nach
Hamburg, einen Weltrekord im Zielflug mit Rückkehr zum Startplatz von Darmstadt zur
Wasserkuppe und zurück auf. Daneben wird sie als einzige weibliche Teilnehmerin
Siegerin beim
großen Zielstrecken-Segelflugwettbewerb von Westerland auf Sylt nach Breslau. Und im
Juli 1939 fliegt sie einen Weltrekord im Zielflug von Magdeburg nach Stettin.
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Teil 6: Proben mit dem Lastensegler
Nach den Versuchen mit den Sturzflugbremsen geht das Institut nun daran, sich mit der
Konstruktion eines Großsegelflugzeuges zu befassen. Die Idee des Lastenseglers wird
geboren.
Das erste Großsegelflugzeug wird im Schleppflug hinter einer dreimotorigen Ju 52
erprobt.
Hanna ist am Steuer. Es stellt sich heraus, daß der völlig geräuschlose
Lastensegler sich auch im steilen Sturz bewährt. Da er in der Lage ist, Menschen und
Material zu befördern, gewinnt er mit diesen Eigenschaften auch militärische
Bedeutung. Die sich ergebenden vielseitigen Möglichkeiten erwecken das Interesse der
deutschen Luftwaffenführung.
Bei der Vorführung vor der Generalität sind u.a. Udet, Kesselring, Ritter v. Greim
und Milch zugegen. Mit einer kriegsmäßig ausgerüsteten Gruppe Infanterie
läßt Hanna sich auf eine Höhe von 1.000 m schleppen. Dann stürzt sie
im Steilflug nach unten, landet zwischen den Büschen hinter der Generalität,
während die Soldaten aus dem Segler springen und sofort in Stellung gehen.
Die Generale sind hingerissen. Einmütig bestehen sie darauf, diesen Sturzflug sofort zu
wiederholen - diesmal mit den hohen Herren daselbst als Besatzung! Hanna schlägt bei
diesem Ansinnen und dieser Verantwortung das Herz zum Halse heraus. Doch ihre
Einsprüche werden beiseitegeschoben. Auch dieser zweite Flug klappt ohne
Zwischenfälle. Nur die Fallschirmtruppe ist von der neuen Konkurrenz wenig begeistert.
Bei einem "Wettbewerb" zwischen Lastenseglern und Fallschirmjägern, die beide ein
bestimmtes Ziel anzusteuern haben, erweisen sich die Lastensegler als eindeutig
überlegen.
Sie landen genau am Ziel, und ihre Mannschaften sind im Nu einsatzbereit. Die
Fallschirmjäger dagegen werden an diesem sehr windigen Tag teilweise weit vom Ziel
abgetrieben.
Der erste Kriegseinsatz der Lastensegler erfolgte bekanntlich gleich zu Beginn des
Frankreichfeldzugs. Mit ihrer Hilfe wurde das bis dahin als uneinnehmbar geltende belgische
Fort
Eben Emael ohne große Verluste erstürmt.
Nur die besten Segelflieger werden als Piloten der Lastensegler ausgewählt.
Deren Gefreiten-Dienstgrad entspricht allerdings keineswegs ihren Fähigkeiten. Ihre
Vorgesetzten können zwar auf ihren Rang pochen, haben aber so gut wie keine Ahnung
vom Segelfliegen. Die Piloten sind tief deprimiert, weil ihre Forderung nach den notwendigen
Übungsflügen für künftige Einsätze glatt abgewiesen wird. Sie
wissen, daß dieses Versäumnis mit hoher Wahrscheinlichkeit zu katastrophalen
Folgen führen wird.
In ihrer Verzweiflung wenden sie sich an Hanna Reitsch. Hanna zerbricht sich den Kopf
darüber, wie sie, eine Frau, in der militärischen Hierarchie etwas für ihre
Kameraden bewirken kann. Ein Brief an General v. Richthofen bleibt erfolglos. Auch bei
weiteren
Vorstößen läuft sie wie gegen eine Mauer. Doch das drohende Schicksal ihrer
Kameraden, die Gefahr von Fehlschlägen mit hohen Verlusten wegen
ungenügender
Vorbereitung, lassen sie nicht los. Endlich, sie hat schon fast die Hoffnung aufgegeben, gelingt
durch einen Fürsprecher eine Besprechung mit General v. Greim. Er bewilligt einen
großangelegten Probeeinsatz. Das befürchtete Ergebnis: Nur wenige Lastensegler
erreichen das befohlene Ziel, und dazu noch um Stunden zu spät! In einem umfangreichen
Trainingsprogramm, auch bei Nacht, können solche Pannen gerade noch rechtzeitig
beseitigt werden.
Hanna Reitsch schreibt dazu: "Daß ich eine Frau war, störte viele, denen das
Privileg
des Mannes wichtiger war als die Not der Stunde. Mir hat diese Einstellung viele Kämpfe
eingebracht, und sie hätte auch die Erfüllung wichtigster Aufgaben oftmals
verzögert, wenn nicht einige verantwortungsbewußte Männer wie Udet und
Ritter v. Greim, denen die sachliche Aufgabe mehr galt als der Kampf der Geschlechter um den
Vortritt, kraft ihres Amtes und ihrer militärischen Stellung meinen Einsatz durchgesetzt
hätten. Ich selbst litt natürlich unter dieser Einstellung, jedoch hätte sie mich
nie von der Erfüllung meiner Pflicht abbringen können. Und so sind die Jahre des
Krieges, dessen Schrecken und Grauen sich mir unauslöschlich eingeprägt haben,
für mich Jahre schwerer und ernstester Arbeit geworden." Und weiter, im Zusammenhang
mit der gefährlichen Erprobung eines unbemannten Benzinträgers: "Diese Versuche
kosteten aber nicht nur Überwindung der körperlichen Schwäche, von der
ich
angefallen wurde, sondern auch der
Angst - häßlicher, primitiver Angst. Doch wenn sie mich überfiel, dann
dachte
ich an die Männer draußen und schämte mich, weniger bereit zu sein als
sie."
Eine neue Versuchsserie läuft an. Mit Hilfe von Seilen soll auf dem kleinsten Deck eines
Kriegsschiffes gelandet werden. Die Versuche bleiben erfolglos und werden eingestellt. Es folgt
ein sehr gefährliches Experiment: Das Kappen von Ballonseilen. Diese Drahtseile hatten
den deutschen Maschinen über England manche Verluste beigebracht, indem sie die
Tragflächen durchsägten. Hans Jacobs konstruiert einen die Motoren
schützenden "Abweiser". Mit seiner Hilfe sollen die Seile abgedrängt und dann
abgeschnitten werden. Hanna sagt dazu: "Diese Erprobungen hatten mich wie kaum eine
Aufgabe
zuvor innerlich erfüllt und mitgerissen; denn ich wußte, daß ich jeden
Versuch
für das Leben meiner Kameraden flog, die im Einsatz standen. Es war ein harter Kampf
mit
der Gefahr."
Bewundernswert, wie sie in diesen Tagen trotz heftiger Kopfschmerzen und Fieber dennoch
weiter
fliegt, bis sie mit Scharlach nach Berlin
ins Virchow-Krankenhaus eingeliefert werden muß! Zum Scharlach gesellt sich
Gelenkrheumatismus. Auch ihr Herz ist in Mitleidenschaft gezogen. Die Angst ergreift sie, nie
wieder fliegen zu können.
Doch es geht gut. Drei Monate später kann sie aus dem Krankenhaus entlassen werden.
Sofort nimmt sie die gewagten Anflüge wieder auf. Bei ihrem letzten Versuch, bei dem
auch
Udet zugegen ist, hat sich der Ballon quer zum Wind gestellt. Das Ergebnis ist, daß das
Seil
durch die Abtrift viel zu flach ansteht. Mit gemischten Gefühlen fliegt sie den Draht an.
Und schon kracht es. Splitter des Metallpropellers fliegen in die Kabine. Sie hat Glück,
daß der Motor nicht durch die Unwucht herausgerissen und damit unweigerlich den
Absturz
verursacht hätte. Ein Wettlauf mit dem Tod beginnt. Es gelingt ihr jedoch, ihre Do 17 im
Gleitflug zu halten und nach unten zu bringen. In höchster Erregung erwarten die
Beobachter die Detonation des Aufschlags. Udet begibt sich sofort in seinem Fieseler Storch zur
vermeintlichen Bruchstelle. So bleich hatte Hanna ihn noch nie gesehen. Ohne ihr ein Wort zu
sagen, fliegt er nach Berlin, wo er Hitler berichtet. Daraufhin erhält Hanna das Eiserne
Kreuz 2. Klasse.
Am 27. März 1941 wird Hanna von Göring in seinem Haus empfangen. In
Anerkennung für ihre gefahrvollen Versuche überreicht er ihr das goldene
Militärfliegerabzeichen mit Brillanten. Wegen ihrer geringen
Körpergröße hatte Göring die Eintretende zuerst glatt
übersehen,
bis Udet ihn schmunzelnd darauf aufmerksam macht, daß der erwartete Gast schon vor
ihm
steht. "Wie? Das soll unser großer, berühmter Flugkapitän sein? Ist das alles?
Wie können Sie kleine Person überhaupt fliegen?" Hanna ist etwas pikiert, aber
keineswegs eingeschüchtert. Mit einem Arm Görings Körperfülle
beschreibend, antwortet sie schlagfertig: "Ja, muß man denn dazu so aussehen?"
Für einen Moment ist sie erschrocken über ihre impulsive Geste. Aber noch bevor
sie
sich erholt hat, gibt es ein großes Gelächter, in das auch Göring
einstimmt.
Am folgenden Tag wird sie von Hitler zur Verleihung des EK II in der Reichskanzlei
empfangen.
Hitler unterhält sich eingehend mit ihr über ihre Versuche, und Hanna ist
beeindruckt von seiner höflichen Art und seinen Kenntnissen
auf fliegerisch-technischem Gebiet.
Die Anteilnahme des deutschen Volkes an dieser Auszeichnung ist überwältigend.
Seit seiner Stiftung im Jahre 1813 war das EK II nur einmal einer Frau, der Krankenschwester
Johanna Krüger, verliehen worden. "Meine Heimat Schlesien vergaß nicht,
daß
ich ihr Kind war... so erlebte ich es in diesen Tagen und fand darin ein tiefes Glück, das
nur
der verstehen kann, der sein Volk liebt... Die Dörfer hatten geflaggt, Menschen
säumten die Straßen und warfen uns Blumen zu, standen an den Türen und
grüßten, und noch vor Hirschberg mußten wir oftmals halten, um die Lieder
der
Schulkinder anzuhören... Aus jedem und allem sprach Schlesiens Liebe! Aus den
Kinderaugen, die uns entgegenleuchteten, aus den dankbaren Blicken greiser Männer und
Frauen, die uns mit welken Händen zuwinkten, aus den Begeisterungsrufen der jungen,
den
Blumen und Fahnen, die Hirschberg schmückten."
Nach dem ersten Empfang berichtet sie weiter: "Der Jubel... bestätigte mir, daß es
im
deutschen Volk eine Liebe gab, deren Kraft aus Quellen stammt, welche die Vernunft nicht
berechnen kann. Aus den Bergen, die hier auf uns niederschauten. Aus den Wiesen und
Äckern, die sich vor der Stadt ausbreiteten. Es waren die Bilder, welche die Seele des
einfachen Soldaten füllten, der vorn im Graben stand, es waren die Träume der
Frauen und Mütter, welche die Entbehrungen des Krieges allein zu tragen hatten: es war
Heimat!"
Im Ratsherrensaal wird ihr der Ehrenbürgerbrief der Stadt übergeben. "Es war nicht
die Ehre, die mich an diesem Tag zutiefst bewegte, sondern die Verbundenheit mit meiner
Heimat, deren Liebe mich umschloß... Sie würde mich, wenn ich nun zu meiner
Arbeit zurückging, wie ein Kraftquell begleiten."
Im Oktober 1942 fliegt Hanna für die Firma Messerschmitt in Augsburg die Me 163a und
b, ein schwanzloses Flugzeug mit Raketenantrieb, das sich bewährt hat und als
Einsatzmaschine weiterentwickelt werden soll. Die dem Raketenflugzeug zugedachte Aufgabe
ist,
feindliche Bomberpulks zu zersprengen, um den Abschuß zu erleichtern.
Nach Abheben vom Boden erreichte die Rakete eine Geschwindigkeit von 400 km/St. Nach
Abwurf des Fahrwerks
in 8-10 m Höhe stieg die Geschwindigkeit in wenigen Sekunden auf 800 km. Bei einem
Steigwinkel von 60 bis 70° konnte die Maschine in1½ Minuten eine Höhe
von
10.000 m erklimmen. Die Me 163 besaß zudem noch hervorragende Flugeigenschaften.
Ihr
großer Nachteil war, daß sie wegen des enorm hohen Brennstoffverbrauchs
nur 5-6 Minuten in der Luft bleiben konnte. Eine weitere Komplikation ergab sich aus der sehr
hohen
Landegeschwindigkeit - nach verbrauchtem Brennstoff im Gleitflug bis zu 240 km! Heini
Dittmar,
der Einflieger dieser Maschine, hatte mit ihr die 1.000 km Grenze überschritten. Da
Dittmar wegen einer Verletzung der Wirbelsäule im Krankenhaus gelandet war, fallen die
weiteren Probeflüge Hanna Reitsch und einem Kameraden zu.
Bei einem Probeflug ohne Triebwerk im Schlepp einer zweimotorigen Me 110 passiert es. Als
Hanna in niedriger Höhe versucht, das Fahrwerk abzuwerfen, läuft plötzlich
ein starkes Zittern und Brummen durch die ganze Maschine. Von unten rote Leuchtkugeln.
Gefahr! Gleichzeitig Signale aus
dem MG-Stand der vorausfliegenden Me 110. Etwas war mit ihrem Fahrwerk nicht in Ordnung.
Der Pilot der Me 110 begreift sofort, daß sie schnell Höhe gewinnen muß. Er
schleppt sie bis zur Wolkenbasis, wo sie in 3.500 m Höhe ausklinkt.
Trotz waghalsiger Flugmanöver gelingt es ihr nicht, das leidige Fahrwerk
abzuschütteln. Das Vibrieren in ihrer Maschine verstärkt sich. Aber sie verwirft den
Gedanken, mit dem Fallschirm abzuspringen und die kostbare Maschine abschmieren zu lassen.
Sie vertraut ihrem Stern und hofft, doch noch auf dem vorgesehenen Landeplatz aufsetzen zu
können. Doch plötzlich sackt die Maschine durch und reagiert auf keine
Steuermanöver mehr. Instinktiv duckt sie sich zusammen, als die Me mit hoher Fahrt auf
einen Acker zusaust und sich krachend überschlägt.
Sie hat noch die Kraft, das Kabinendach zu öffnen. Vorsichtig tastet sie ihr Gesicht ab.
Wo
vorher die Nase saß, ein breiter blutiger Spalt! Bei jedem Atemzug
quellen Luft- und Blutblasen hervor. Als sie versucht, ihren Kopf seitwärts zu drehen,
wird
es ihr schwarz vor den Augen. Unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte geht sie daran, auf
einem Notizblock Ursache und Verlauf des Sturzes festzuhalten. Es ist die Pflicht des
Einfliegers,
die beim Probeflug gemachten Erfahrungen nicht verloren gehen zu lassen. Erst jetzt verbindet
sie
ihr Gesicht mit einem Taschentuch, um den herbeieilenden Mannschaften dessen Anblick zu
ersparen. Dann verliert sie das Bewußtsein.
Die Röntgenaufnahmen im Krankenhaus zeigen einen vierfachen
Schädelbasisbruch,
zwei Gesichtsschädelbrüche, einen verschobenen Oberkiefer, eine
Gehirnquetschung
und die gespaltene Nase. Am nächsten Morgen kniet ihre Mutter an ihrem Bett. Die
Ärzte betrachten ihren Zustand als sehr bedenklich, aber beim Anblick der geliebten
Mutter
fühlt sie sich geborgen.
Die folgenden Wochen und Monate zählen zu den qualvollsten ihres Lebens. Nicht wegen
der Schmerzen, sondern weil sie hilflos liegen muß, während die Nachrichten von
den Fronten sich laufend verschlechtern. Ohne ihre Mutter wäre sie verzweifelt.
Über
fünf Monate verbringt sie in diesem Lazarett. Und bei dem aufopfernden Bemühen
der Ärzte und Schwestern und nicht zuletzt dank der Liebe ihrer Mutter kommt sie
langsam, für sie viel zu langsam, wieder zu Kräften. Wenige Tage nach ihrem
Absturz war ihr das EK I verliehen worden.
Da sie um nichts in der Welt ihre Flugversuche aufgeben will, zwingt sie sich mit eiserner
Energie, ihre heftigen Kopfschmerzen und Schwindelanfälle zu bekämpfen.
Vorsichtig klettert sie auf das Hausdach. Sie muß sich am Schornstein festhalten, um nicht
das Gleichgewicht zu verlieren. Diese Übung wiederholt sie Tag für Tag. Anfangs
ist
sie von diesen Kletterpartien völlig erschöpft. Doch allmählich lassen die
Schwindelgefühle nach, und vier Wochen später gelingt es ihr, schwindelfrei
über den Dachfirst zu rutschen. Danach verlegt sie ihre Kletterübungen auf in der
Nähe stehende Bäume, wie sie es in ihren Kindertagen getan hatte. Eines
Tages - die Ärzte dürfen auf keinen Fall davon
erfahren - überredet sie den Kommandeur der
Luftkriegsschule Breslau-Schöngarten, sie eine Segelmaschine fliegen zu lassen. Mit
diesem Erlebnis, das Herz voll Dankbarkeit, daß sie wieder Höhenluft schmecken
kann, ist ihr das Leben neu geschenkt. Es dauert nicht lange, und sie fliegt wieder alle
Kunstflugfiguren wie in alten Zeiten.
"Denn mein Ziel war, in den Einsatz zurückzukehren. Die Ungewißheit über
Deutschlands Schicksal wuchs täglich angesichts der immer schwächer werdenden
deutschen Front und lag wie ein schwerer Druck auf mir. Die Gedanken bewegten mich Tag und
Nacht. Ich hatte mich niemals mit strategischen oder politischen Fragen befaßt. Ich wollte
nur bis zur letzten Stunde meiner Heimat helfen; denn ein verlorener Krieg bedeutet für
ein
Volk furchtbares Unglück. Deshalb fragte ich auch nicht danach, ob die
Überlegenheit des Gegners noch entscheidend zu schwächen war. Ich fragte mein
Gewissen. Und nach meinem Gewissen handelte ich, wenn ich alles daran gesetzt hatte, wieder
in
den Einsatz zurückkehren zu können."
 
Hanna Reitsch: ein deutsches Fliegerleben
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