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Das Erste Deutsche Reich
bis zum Westfälischen Frieden (Teil 6)
Das Rittertum
Seit der Zeit Karls des Großen hatte sich aus den Gefolgsmännern
der Kaiser und Fürsten ein besonderer Wehrstand entwickelt, der seinen
Kriegsdienst zu Pferde leistete. Er war nach und nach an die Stelle des
Heerbannes der freien Germanen getreten. Aus ihm entwickelte sich der
Ritterstand.
Die Ritter wohnten abseits vom Dorf und von der Stadt in einer Burg.
Diese lag entweder auf einem Berge, oder sie war im Tiefland von Wasser
umgeben. Eine starke Mauer und ein tiefer Graben gaben ihr Schutz. Ritter
konnte nur werden, wer aus ritterlichem Geschlecht stammte oder von einem
Fürsten wegen besonderer Verdienste in den Ritterstand erhoben wurde.
(Tapferkeit, Gefolgschaftstreue.) Der Ritterstand sonderte sich nach und nach
vom übrigen Volk ab. Den Bauern sah er nicht als ebenbürtig
an.
Zur Blütezeit des Rittertums unter den Hohenstaufen waren die
Ritterburgen Pflegestätten hoher deutscher Kunst und Kultur.
Auf der Burg Lichtenstein
Wieder einmal war es Mai. Die silbernen Wellen des Gebirgsbaches
plätscherten lustig bergab. In dem klaren Wasser spiegelte sich
himmelblaues Vergißmeinnicht. Forellen schnellten aus der Flut empor,
und Bachstelzen hüpften wippend von einem Stein zum anderen.

Eine Ritterburg.
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Hoch über den grünen Wipfeln der Buchen ragte die Ritterburg
Lichtenstein auf, umglänzt von den Strahlen der Maiensonne. Dem
Reiter, der aus dem Walde auf die weite Lichtung herausritt, ging bei ihrem
Anblick das Herz vor Freude auf. Er war am Ziel.
Schnell nahm er seine Fiedel, die er sorgsam in seinen Reisemantel gewickelt
hatte, zur Hand, und bald klangen Saitenspiel und Gesang zur Burg hinauf,
begleitet von dem tausendstimmigen Chor der Waldvögel.
Schon hatte des Wächters Horn vom weitausschauenden Bergfried den
Gast gemeldet. An der Brustwehr des Burggrabens stand die neugierige Jugend
und horchte in das Tal hinab, in dem die jungfrische Männerstimme
durch den frühlingsfrohen Bergwald sang:
"Der kalte Reif tat kleinen Vögeln weh,
daß sie nicht mehr sangen.
Jetzt hör ich sie wieder lieblicher als eh',
da die Wiesen prangen."
Im Pförtnerhaus trank der große Kunz schnell in tiefen
Zügen den Humpen leer. Dann eilte er zum Burgtor, vor dem der
prächtige Schimmel schon ungeduldig mit den Hufen scharrte.
Rasselnd ging die schwere Zugbrücke nieder, und knarrend
öffneten sich die beiden Torflügel. Im Burghof stand schon der
Ritter, umringt von der erwartungsvollen Jugend. Mit anmutiger Bewegung
legte der fahrende Sänger die linke Hand an den zierlichen
Stoßdegen. Mit der anderen zog er höflich das Samtbarett mit der
langen, nickenden Reiherfeder vom lockigen, blonden Haar und verneigte sich
ehrfürchtig vor dem Hausherrn. Er sprang behende vom Pferde und zog
schnell das enganliegende Lederwams glatt. Fröhlich reichte Graf
Heinrich von Lichtenstein dem Ankömmling die Hand: "Welche freudige
Überraschung! Seid herzlich gegrüßt auf meiner Burg,
viellieber Herr Walther von der Vogelweide!"
Darauf wandte sich der Graf an die Kinder, Junker und Ritterknechte, die sich
inzwischen angesammelt hatten: "Nun laßt alle Arbeit ruhen.
Jägerbursche, stecke einen Frischling an den Spieß! Schenk und
Kellermeister, holt ein Faß besten roten Weines aus dem Keller! Ihr,
meine sangeskundigen Töchter, bringt eure Harfen, und auch Ihr,
ehrwürdiger Burgkaplan, begleitet Deutschlands liebsten
Sängermeister zu seinen Weisen."
Der Sänger wurde reichlich bewirtet. Nach dem Mahl trafen sich der
Graf, seine Familie und die ritterlichen Damen und Herren in dem großen
Rittersaal. Dann geleitete auf einen Wink des Burgherrn ein Knappe den
gerngesehenen Gast hinein.

Der Minnesänger.
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"Vieledler Herr Walther von der Vogelweide! Ihr seid weit im Lande
herumgekommen und habt unterwegs erfahren, was in der großen Welt
geschieht. Singt uns davon in euren Liedern."
Der Vogelweider entgegnete ernst: "Wenig Erfreuliches kann ich euch
erzählen." Dann nahm er auf dem schön geschmückten
Sessel in der Mitte des großen Raumes Platz. In den Nischen der hohen
Fenster, durch welche die warme Maiensonne hineinflutete, und auf den
erhöhten Sitzen verteilten sich die Zuhörer um den Sänger
und wandten kein Auge von ihm. In seinem Gesicht lag Trauer. "Bruderkrieg
zerreißt das deutsche Volk. Zwei Fürsten streiten um die
Königskrone. Doch der Papst von Rom freut sich darüber. Anstatt
Frieden zu stiften, hetzt er Deutsche gegen Deutsche. Vernehmt mein Lied."
Der Sänger schloß die Augen und griff in die Saiten seiner Harfe.
Mächtig klangen die ernsten, vollen Töne durch den hohen
Rittersaal:
"Ei wie christlich' wohl der Papst nun lacht,
Wenn er zu seinen Welschen sagt, ich hab's also gemacht,
Er sagt: Ich hab zwei Deutsche unter eine Krone jetzt gebracht,
Die sollen nun das Reich zerstören und verwüsten.
Derweilen füllen wir die Taschen und die Kisten.
Sie gehen an meinem Gängelband, ihr Gut ist alles mein,
Ihr deutsches Silber fließt in meinen welschen Schrein.
Ihr Pfaffen, esset Hühner, trinket Wein in Freuden.
Und laß die deutschen 'Tölpel' ruhig Hunger leiden."
Die Töne verklangen. Graf Heinrich seufzte betrübt. "Es ist ein
Jammer um unser deutsches Land. Wie oft schon tobte der Bürgerkrieg
durch seine Gaue."
"Laßt mich nun ein Lied zum Ruhme Deutschlands singen," bat der
Sänger. Wieder schlug er die Saiten der Harfe an, und sein Lied
erfüllte die Herzen der Hörer mit Glück und Stolz:
"Ich hab Lande viel gesehen,
Nahm der besten gerne wahr,
Aber übel müßte mir geschehen,
Brächt ich je mein Herz dazu,
Daß ihm besser könnt gefallen
Fremde Art und Sitte.
Deutsche Zucht geht mir vor allen.
Von der Elbe bis zum Rhein
Und von West bis Ungarland
Sollen wohl die besten sein,
Die ich in der Welt erkannt.
Und ich mag wohl recht zu schauen.
Gutes Wesen, schöne Zier. -
Nun ich schwör bei Gott, daß hier
Sind die herrlichsten der Frauen.
Deutscher Mann ist stark erzogen,
Engelrein die Frau'n und schön.
Wer sie schilt, der ist betrogen,
Anders kann ich's nicht verstehn.
Hohe Tugend, reine Minne,
Wer sie suchen will,
Komm in unser Land!
Da ist Minne viel,
Lange möchte ich leben darinne."
Jubelnder Beifall dankte Herrn Walther von der Vogelweide. Der Graf winkte.
Schnell nahte ein Knappe und überreichte dem Sänger einen bis an
den Rand mit edlem Wein gefüllten Becher. Sich höflich
verneigend, nahm ihn der Vogelweider und rief mit lauter Stimme durch den
Saal: "Heil dem ritterlichen Gastgeber!" In tiefen Zügen leerte er den
goldenen Pokal und gab ihn dankend dem Edelknaben zurück. Dann
ergriff er von neuem die Harfe und sang Lied für Lied von des Deutschen
Reiches Not und des Deutschen Reiches Macht und Herrlichkeit. Erst die
hereinbrechende Nacht machte dem Jubel ein Ende.
Noch mehrere Tage blieb der Sänger auf der Burg. Dann verließ er
reich beschenkt den freigebigen Herrn, um weiterzuziehen in deutschen Landen
an die Höfe der Bischöfe und Fürsten.
Das Städtewesen
Entstehung der Städte
An den alten Stützpunkten der Römer, an Kaiserpfalzen,
Königs- und Bischofssitzen, Klöstern und wichtigen
Verkehrspunkten waren Städte entstanden. Im Osten des Reiches
wurden sie von den Sachsenkaisern zum Schutze gegen die Raubzüge der
Slawen und Ungarn angelegt.
Die Stadt und ihre Bewohner

Inneres einer mittelalterlichen
Stadt.
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Alle Städte waren befestigt, ähnlich wie Burgen (Wall, Graben,
Mauer, Tor), und besaßen zum Unterschied vom Dorf das Marktrecht.
Handwerker und Kaufleute ließen sich dort nieder. Bewohner des
Landes, die dem Grundherrn unterstellt waren, kamen in die Stadt und wurden
frei. ("Stadtluft macht frei!") Die Städte wuchsen. Handel und Gewerbe
blühten auf. Die Handwerker schlossen sich zu
Zünften oder Innungen zusammen. Die Zünfte
überwachten die Ausbildung der Lehrlinge, setzten die Preise fest und
waren dafür verantwortlich, daß nur gute Waren angefertigt
wurden.

Der Dom zu Speyer.
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Die Kaufleute vereinigten sich zu Gilden. Aus ihrer Mitte
gingen die Ratsherren und Bürgermeister hervor. In
späterer Zeit konnten auch Mitglieder der Zünfte in den Rat der
Stadt aufgenommen werden.
Die Städte wurden reich und Mittelpunkte des geistigen Lebens des
deutschen Volkes (Albrecht Dürer und Peter
Vischer - Nürnberg - waren Schöpfer hervorragender Kunstwerke,
Hans
Sachs - Nürnberg - war Dichter. Peter
Henlein - Nürnberg - erfand die Taschenuhr, Johann
Gutenberg - Mainz - die Buchdruckerkunst.) Herrliche
Dome, Rat- und Zunfthäuser geben uns noch heute Kunde von dem
hohen Stande der Baukunst. Deutsche Kaufleute gründeten

Das Münster
in Straßburg.
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Niederlassungen in ganz Europa und verbreiteten dort deutsche Kultur. Die
Städte waren vielfach die Stützen der Kaisermacht. Sie brauchten
für ihren Handel Ruhe, Ordnung und Sicherheit auf den
Landstraßen. Das aber verschaffte ihnen am besten eine starke
Reichsgewalt. Darum stellten die Städte den Kaisern nicht nur
Kriegsknechte, sondern unterstützten sie auch mit Geldmitteln. Als Dank
dafür erhielten sie das Recht der Selbstverteidigung,
das Zoll- und Münzrecht und eigene Gerichtsbarkeit. Einzelne
Städte wurden sogar zu Reichsstädten erhoben, d.h. sie waren
nicht einem Landesherrn, sondern nur dem Kaiser unterstellt.
In vielen Städten nisteten sich Juden ein. Sie wohnten in
abgesonderten Straßen, im Judenviertel oder Ghetto. Der deutsche
Bürger wollte mit ihnen nichts zu tun haben. Jedes ehrbare Handwerk
war ihnen untersagt. Sie durften aber Geld gegen Zinsen ausleihen. Dieses
Recht mißbrauchten sie in rücksichtslosester Weise und betrogen
die Bürger. Darum machte sich die Empörung gegen die
fremdrassischen Blutsauger in Judenverfolgungen Luft. Sie wurden vertrieben
und suchten im Osten und Südosten Europas Unterkunft. Da sie aber im
Besitz des Geldes waren und die Fürsten stets Geld brauchten, durften sie
immer wieder zurückkehren.
Die Hanse
Nach dem Untergang der Hohenstaufen fehlte dem Kaufmann der Schutz des
Reiches gegen die Herrschsucht kleiner Fürsten und die Gewalt der

Das Rathaus in Lübeck.
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Raubritter. Nun schlossen sich die Städte zu Bündnissen
zusammen. Der mächtigste Städtebund war die Deutsche
Hanse. Die Bundeshauptstadt war Lübeck. Hier
hatten sich um 1250 Kaufherren der Küstenstädte von
Mecklenburg und Pommern zum Schutze des Handels
gegen See- und Straßenräuber verbündet. Bald traten auch
andere Städte dem Bunde bei. Zur Blütezeit im 14. Jahrhundert
reichte die Macht der Hanse von Nowgorod im Osten bis London im Westen,
von Breslau und Köln im Süden bis Bergen in Norwegen. Der
norddeutsche Kaufmann war Herr

Koggen der Hanse.
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der Nord- und Ostsee. Unter dem Schutze seiner Orlogschiffe holten
seine Koggen aus Riga und Reval Getreide, Hanf und Flachs, und aus
Nowgorod Pelze, Wachs, Honig u. a. Von Schweden brachten sie Eisen, Kupfer
und Heringe, aus Bergen Fische. In London war ein eigenes
Häuserviertel, der Stahlhof, Lagerplatz für Tuche. Brügge in
Flandern war Treffpunkt
der nord- und süddeutschen Kaufmannschaft. Hier tauschte man
Gewürze aus Indien und Seide aus China gegen Tuche, Pelze und
Eisenwaren.
Es waren stolze, wagemutige Männer, die hanseatischen Kaufherren. Ihre
Niederlassungen bildeten Pflanzstätten deutscher Sitte, deutscher Kultur
und deutscher Kunst. Zwar mieden sie den Krieg, aber wer ihren Handel
schädigte, den traf die Schärfe ihres Schwertes. Als König
Waldemar von Dänemark die Stadt Wisby auf Gotland
zerstörte und von den Schiffen, welche durch den Sund fahren wollten,
hohen Zoll verlangte, da eroberte die Hanse Kopenhagen und zwang Waldemar
zum Frieden. Seeräuber trieben ihr Unwesen
in Ost- und Nordsee. Ihr berüchtigtster Führer war
Störtebeker. Hamburger Schiffe fingen ihn bei Helgoland; in
Hamburg wurde er mit zahlreichen seiner Spießgesellen hingerichtet.
Als im 15. Jahrhundert die Fürsten Norddeutschlands mächtig
wurden, zwangen sie ihre Städte, aus der Hanse auszuscheiden.
Dänemark und Schweden gewannen nach und nach die Vorherrschaft in
der Ostsee. Um 1600 schloß die Königin Elisabeth von England
den Stahlhof und hob alle Vorrechte der Hanseaten auf. Nach dem
Westfälischen Frieden war die Zeit der Hanse vorbei. Nur
Bremen und Hamburg haben ihre Sonderstellung im Reiche bis
in unsere Zeit beibehalten und den alten Unternehmungsgeist bewahrt. Von hier
aus zogen später deutsche Kaufleute wieder in die Welt hinaus,
gründeten Niederlassungen in fremden Ländern und arbeiteten so
am Bau Deutschlands mit.
Das Bauerntum
Das deutsche Volk war im Mittelalter, wie einst in der germanischen Zeit, ein
Bauernvolk geblieben. Der Bauernstand war der wichtigste Stand im Reiche.
Seine Lage hatte sich jedoch grundlegend geändert. Diese
Änderung hatte schon im Frankenreich begonnen.
Die Kriegszüge in ferne Gegenden führten den Bauern lange Zeit
von seinem Hofe fort. Der Hof litt Not. Die Kosten für Ausrüstung
und Bewaffnung konnten vom Bauern kaum noch getragen werden.
Großgrundbesitzer (Grafen, Ritter, Bischöfe, Klöster)
übernahmen den Kriegsdienst für den Bauern. Dafür
mußte dieser sich dem Grundherrn unterstellen, ihm einen Zins zahlen
und Dienste leisten. Ein Teil der Bauern wurde unfrei. Anfangs waren
ihre Lasten gering. Aber im 10. und 11. Jahrhundert versuchten weltliche und
geistliche Herren, die Abgaben zu erhöhen und auch freie Bauern sich
untertan zu machen. Aus diesem Grunde folgten im 12. Jahrhundert viele dem
Rufe: "Nach Ostland wollen wir reiten." Nun fehlte es im Reiche bald an
Arbeitskräften. Darum suchten die Grundherren ihre Leute zu halten und
setzten die Lasten herab. Zu gleicher Zeit stiegen infolge besserer
Bewirtschaftung die Erträgnisse des Ackers. Der Bauernstand wurde
wohlhabend.
Stolz und selbstbewußt steht der freie Bauer auf seinem Hofe. Den
Haustürpfosten ziert eine besondere Hausmarke, häufig eine Rune.
Sie kündet, daß sein Geschlecht seit Urväter Zeiten auf
eigenem Grund und Boden sitzt. Vergnügt tummelt sich das junge Volk
auf dem Dorfanger. Mädchen und Frauen tragen farbenprächtige
Kleider und Schmuckstücke. Auch das Wams der Männer ist mit
Knöpfen und Schnallen reich verziert. Ein Kurzschwert hängt am
breiten Gürtel.
Gar zahlreich waren die Feste, die zu den verschiedensten Zeiten des Jahres
vom ganzen Dorfe gemeinsam gefeiert wurden. (Julfest, Fastnacht, Ostern,
Pfingsten, Johannisfeuer.) Was uns von den Sitten und Bräuchen unserer
germanischen Vorfahren erhalten wurde, verdanken wir dem deutschen
Bauerntum.
Vom 15. Jahrhundert ab verschlechterte sich die Lage des Bauern
wieder. Der Osten war besiedelt. Abwanderungen der sich stark vermehrenden
Bevölkerung konnten nicht mehr erfolgen. Nun suchten die Grundherren
wieder ihre Macht über die Bauern auszudehnen. Sie erhöhten die
Lasten und machten viele sogar zu Leibeigenen, d. h. zu Sklaven. Die freien
Bauern versuchten sie mit Gewalt in Abhängigkeit zu bringen. Ganz
besonders grausam war bereits im 13. Jahrhundert der Erzbischof von Bremen
vorgegangen. Im Lande Stedingen am Unterlauf der Weser hatten
friesische Bauern das Sumpfgebiet urbar gemacht. Der Bremer Erzbischof
verlangte von ihnen einen Zins. Als sie diesen ablehnten, zog er mit einem
Ritterheer gegen sie, wurde aber geschlagen. Da verbreitete der scheinheilige
Kirchenfürst über sie die übelsten Greuelgerüchte,
bezeichnete sie als Ketzer und forderte zum Kreuzzug gegen sie auf. Trotz
tapferster Gegenwehr wurden die Stedinger 1234 bei Altenesch besiegt
und ein großer Teil von ihnen erschlagen.
Erfolgreicher waren die Schweizer in den Kantonen Schwyz, Uri und
Unterwalden. Sie schlugen die Grafen von Habsburg und blieben frei.
Auch die Dithmarschen Bauern in Schleswig kämpften anfangs
erfolgreich gegen den König von Dänemark. Aber im Jahre 1559
erlagen sie doch der Übermacht und mußten sich Dänemark
unterwerfen.
Am trostlosesten war die Lage den Bauern in Süddeutschland. Hier gab
es eine Unzahl kleiner Grafen und Ritter, die nur wenig Land besaßen,
aber üppig leben wollten. Dazu brauchten sie Geld. Der Bauer
mußte zahlen; seine Lasten wurden unerträglich. Darum kam es
hier zu häufigen Bauernaufständen. Am bekanntesten ist
der Aufstand eines Geheimbundes im Elsaß und in Baden, der sich
Bundschuh nannte (nach den Schnürschuhen der Bauern im
Gegensatz zu den hohen Stiefeln der Ritter). Er wurde aber bald
niedergeschlagen. Zu einer allgemeinen Erhebung kam es zu Luthers Zeit. Die
Bauern hörten die Ansicht Luthers über "die Freiheit eines
Christenmenschen" und verglichen damit ihre eigene,
menschenunwürdige Lage. Sie forderten in 12 Artikeln unter
anderem Herabsetzung der Lasten, Aufhebung der Leibeigenschaft,
Rückgabe der Allmende, d. h. des Waldes, der Weide und des Wassers an
die Dorfgemeinde,
freies Jagd- und Fischereirecht, freie Wahl des Pfarrers und eine Reichsreform.
Ihre Forderungen waren berechtigt und bescheiden und wurden auch von
zahlreichen Rittern anerkannt, unter anderen von Ulrich v. Hutten und
Götz v. Berlichingen. Aber die Fürsten und Herren lehnten die
Forderungen ab. Darum kam es 1525 zum Bauernkrieg. Den Bauern
fehlte die einheitliche Führung. Einzelne wilde Haufen stürmten
die Burgen, Schlösser und Klöster, brannten sie nieder und
erschlugen ihre Insassen. Da schlossen sich die Fürsten und Städte
zusammen, besiegten die Bauern in blutigen Kämpfen und unterjochten
sie vollständig.

Das Faustrecht und die Feme
Bald nach dem Tode Barbarossas begann in Deutschland die schlimme Zeit
des Faustrechts. Fürsten, Grafen und Ritter schalteten wie kleine
Könige und bekämpften sich in blutigen Fehden. Raubritter
überfielen die Kaufmannszüge, plünderten sie aus,
schleppten den Kaufherrn auf ihre Burg und gaben ihn erst gegen hohes
Lösegeld frei. Dem Bauern raubten sie sein Vieh und seine Habe.
Niemand sorgte für Recht und Gerechtigkeit. Da griff das Volk zur
Selbsthilfe. In Westfalen hatte sich noch das altgermanische Freigericht, die
Feme, erhalten. Den Vorsitz führte der Freigraf; ihm zur Seite
standen die Freischöffen oder Wissenden (die das Urteil weisen, finden).
In der Zeit des Faustrechts dehnte die Feme ihre Macht über ganz
Deutschland aus. Sie richtete über Mord, Raub und Gewalttat und
forderte auch Fürsten und Ritter vor ihren Richterstuhl. Die
Verhandlungen fanden an einem geheimen, nur den Freischöffen
bekannten Ort statt. Vor dem Hause des Angeklagten erschien des Nachts der
Bote der Feme, schlug drei Späne aus dem Tor und steckte die Vorladung
in die Kerbe. Erschien der Beschuldigte nicht, so wurde er verurteilt, verfemt. 3
Freischöffen lauerten ihm auf, erhängten ihn oder stachen ihn
nieder. Als Zeichen, daß hier die Feme gerichtet hatte, steckten sie ein
Messer in die Erde. Gar manche Missetat wurde auf diese Weise gesühnt,
manche Gewalttat aus Furcht vor der Feme unterlassen.
Es entsteht ein neues Weltbild
Seit der Einführung des Christentums waren altgermanische
Auffassungen über Rechtswesen, Sitten und Gebräuche mehr und
mehr zurückgedrängt worden. Das gesamte geistige Leben des
deutschen Volkes war unter den Einfluß der Kirche und Roms geraten
und undeutsch geworden. Der Papst wachte ängstlich darüber,
daß sich daran nichts änderte. Wer es wagte, sich den
Anschauungen der Kirche entgegenzustellen, wurde in den Bann getan oder als
Ketzer verbrannt. Erfindungen und Entdeckungen erschütterten
das alte Weltbild.
Den Chinesen und wahrscheinlich schon den alten Indern war seit
Jahrhunderten das Schießpulver bekannt. Durch die Araber kam
es nach Spanien und von dort weiter nach Europa. Seine Anwendung gestaltete
das Kriegswesen um und führte den Untergang des Rittertums
herbei.
Die Araber kannten auch den Kompaß. Ein Italiener verbesserte
ihn. Nun war es kühnen Seefahrern möglich, auf den Ozean
hinauszufahren und die Welt zu erforschen. Von Spanien aus versuchte
Christoph Kolumbus, ein Genuese, den Seeweg nach Ostindien zu
finden. Er fuhr nach Westen und entdeckte dabei 1492 Amerika neu.
Der Portugiese Vasco da Gama umfuhr die Südspitze Afrikas und
fand 1498 den Seeweg nach Ostindien. Aus den fernen
Ländern
brachten Amerika- und Indienfahrer fremde Pflanzen, Silber und Edelsteine
mit. Eine neue Welt tat sich auf.
Von besonderer Bedeutung war die Erfindung der Buchdruckerkunst durch
Johann Gutenberg 1450. Bis dahin gab es nur geschriebene Bücher.
Sie wurden meist von Mönchen gefertigt, waren sehr teuer und konnten
nur von wenigen gelesen werden. Nun aber war es möglich, die
Bücher billiger herzustellen, so daß sie von vielen gelesen werden
konnten. Diesem Umstand war es zu verdanken, daß sich Luthers
Schriften so schnell verbreiteten.
 
Sie alle bauten Deutschland
Ein Geschichtsbuch für die Volksschule
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