Das Erste Deutsche Reich
bis zum Westfälischen Frieden (Teil 4)
Kaiser Friedrich Barbarossa (1125-1190)
und Herzog Heinrich der Löwe
Die Kaiserwahl zu Frankfurt
Die Stadt Frankfurt am Main hatte sich in den ersten Märztagen des
Jahres 1152 besonders festlich geschmückt. Fahnen bauschten sich im
Frühlingswind; Girlanden hingen an den Häusern. Der neue
König sollte gewählt werden.
Dem verstorbenen Herrn, Konrad III., trauerten nicht viele Bauern und
Bürger nach. Er war zu schwach gewesen. Jahrelang hatten die
Kämpfe mit seinen Vettern, den Welfen, um die Herzogtümer
Sachsen und Bayern gedauert. König Konrad wollte ihnen nicht beide
Länder zugleich überlassen, denn er fürchtete ihre
Herrschsucht. Viel edles Blut war in diesen Kriegen geflossen, und auf den
Straßen hatten sich die Raubritter und Schnapphähne breit
gemacht. Auch an den Ostgrenzen des Reiches wurden die Slawen wieder stark.
Nun sollte Friedrich von Staufen zum Nachfolger gewählt werden.
Die Bürger bewunderten die mächtigen Herren, die zur Wahl in
die alte Reichsstadt einritten. Mit großer Spannung warteten alle, ob auch
der Sachsenherzog Heinrich Welf, den seine Leute den "Löwen" nannten,
erscheinen würde. Auch er beanspruchte Sachsen und Bayern und
unterzeichnete jetzt schon trotzig alle Schriftstücke mit "Herzog von
Bayern". Seine Stimme galt bei der Wahl am meisten.
Die Neugierigen wurden nicht enttäuscht. In prachtvollem Zuge ritt eines
Morgens der junge Welfenfürst in Frankfurt ein. Die Bürger
schauten ihm ehrfurchtsvoll nach. Ohne langes Zögern ließ er sich
bei Friedrich melden.
Friedrich von Staufen und der Welfe waren Vettern und hatten manche frohe
Jugendstunde miteinander verlebt. Aber der junge Heinrich war ehrgeizig und
eigenwillig. Würde auch er Friedrich wählen? Doch die beiden
Fürsten, der schlanke, rotblonde Staufe und der schwarzhaarige Welfe,
einigten sich schnell.
"Wenn du, Friedrich, mir gegenüber gerecht bist und mir mein Erbe
Bayern zusprichst, wähle ich dich. Ich habe zu dir das Vertrauen,
daß du das Reich mit starker Hand regieren wirst. Ich selbst habe an der
Ostgrenze genug Arbeit."
Friedrich reichte ihm mit festem Druck die Hand: "Ich danke dir, Vetter; dir soll
dein Recht
werden." - "Du sollst dich auf mich verlassen können, Friedrich," fuhr
Heinrich der Welf fort; "auch mein Schwert wird dir in Notzeiten helfen."
Beide Fürsten traten Arm in Arm vor das Tor des Hauses. Da wußten
die Harrenden, daß die Wahl Friedrichs gesichert war, und daß eine
neue Zeit anbrach. Der Streit zwischen dem Welf und dem Staufer schien
beendet. Heil- und Jubelrufe begrüßten die beiden
Männer.
Schon wenige Tage später wurde Friedrich von Staufen in Aachen
gekrönt.
Heinrich der Löwe kämpft um den Ostraum
Durch Sumpf und wildes Buschwerk des Mecklenburgischen Landes schlichen
die Geheimboten der Slawenfürsten. Vorsichtig mieden sie die
Siedlungen der Deutschen und machten einen großen Bogen um deren
feste Wohnhäuser, fruchtbare Felder und fette Weiden. Manchen Blick
tödlichen Hasses sandten die slawischen Läufer hinüber.
Mit dem eisernen Schwert und dem eisernen Pfluge hatten die Deutschen ihrem
Volke in jahrelangen Kämpfen einen Fußbreit Boden nach dem
anderen entrissen.
Heinrich der Löwe, der gefürchtete jetzige Herr des Landes, hatte
sie alle geschickt: die Krieger, Bauern und die Christenpriester. Aber jetzt war
das Maß voll!
Wohl war der tapfere Obotritenführer Niclot in hartem Ringen gefallen;
aber seine Söhne führten den Kampf weiter. Die eiligen Boten
riefen zu den Waffen. Ganz Mecklenburg stand in hellem Aufruhr. Die
deutschen Siedlungen brannten. Alle Männer und Frauen wurden in die
Sklaverei geschleppt oder getötet.
Als diese Nachricht Heinrich den Löwen erreichte, fuhr er auf. Wie ein
Sturmwind brauste er mit seinen Gepanzerten heran. Manch edles Pferd brach
bei der wilden Hetze unter seinem Reiter zusammen; aber es gab kein
Aufhalten.
Die Slawenfürsten hatten sich in der Feste Werle verschanzt und bargen
sich hinter meterdicken Wällen, die bislang noch kein Mensch erobert
hatte. Aber Heinrich Welf hieß nicht umsonst der "Löwe", und er
hatte viel auf seinen zahlreichen Kriegszügen gelernt.
Äxte dröhnten, Bäume wurden gefällt. Bald ragten
vor den Wällen riesige Kriegsmaschinen auf. Die schleuderten dicke
Steine in die Burg und zerstörten die Häuser, oder sie rammten die
Wälle, um sie zu erschüttern.
Da - eines Morgens hörten die Eingeschlossenen ein seltsames
Geräusch tief unter ihren Füßen. Herzog Heinrich hatte
Bergleute aus Goslar geholt, die wie die Maulwürfe den Wallring zu
untergraben begannen.
Kopflosigkeit und großer Schrecken erfaßte die Slawen. Werles
Tore öffneten sich, und die Fürsten erschienen, demütig das
Schwert auf den Rücken gebunden.
Mecklenburg mit der aufblühenden Stadt Lübeck und ein Teil der
Ostseeküste waren wieder in deutscher Hand. Die Kunde von des
Herzogs Heldentaten eilte durch ganz Deutschland.
Heinrich der Löwe verweigert dem Kaiser die Hilfe
In Chiavenna, am Fuße der Alpen, lockte die Sonne schon alle
Frühlingsblumen heraus und ließ die Welt schön und heiter
erscheinen.
Doch dem deutschen Kaiser Friedrich Rotbart, der seit einigen Tagen in dieser
oberitalienischen Stadt weilte, war es heute nicht froh ums Herz.
Mißgestimmt überdachte er seine Regierungszeit. Vierundzwanzig
Jahre war er schon König der Deutschen, einundzwanzig Jahre
römischer Kaiser. Wieviel Sorgen und wieviel Kämpfe hatten ihm
diese beiden Jahrzehnte schon gebracht! Mit froher Zuversicht war er an den
Aufbau des Reiches gegangen. In Deutschland gelang ihm alles nach Wunsch.
Fast immer hatte dort Landfriede geherrscht. Doch welche Schwierigkeiten
hatte er in Italien gefunden! Das widerspenstige Mailand mußte allein
zwei volle Jahre belagert werden, bis sich die stolze Stadt endlich ergab. Mit
grimmigem Auflachen dachte Friedrich an die Stunde zurück, in der die
Stadtväter vor ihm erschienen waren, barfuß, jeder mit einem
Strick um den Hals und einem blanken Schwert auf dem Rücken, um
dem Kaiser die Stadtschlüssel zu übergeben. Nach den
Stadtvätern waren damals die Bürger erschienen im
Bußgewande, mit Asche auf dem Haupte. Ein hartes Gericht war trotz
dieser Übergabe gefolgt. Er, der Kaiser, hatte Mailand zerstören
lassen. Die Bewohner mußten sich in vier getrennten Dörfern neu
ansiedeln.

Friedrich Barbarossa.
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Kaiser Friedrichs Gedanken weilten dann bei der Kaiserkrönung. Nur
ungern hatte ihm der Papst die Krone aufs Haupt gesetzt. Kaum trug sie
Friedrich einige Stunden, da brach in Rom ein Aufstand los. Nur in
heißem und verbissenem Zweikampf konnte die feindliche
Übermacht zusammengeschlagen werden. Ja, das Kaisertum war auf gute
deutsche Art erkämpft worden. Heinrich der Löwe, sein Vetter,
hatte eigenhändig eine große Menge Empörer über die
Petersbrücke in den Tiber geworfen.
Aber nur kurze Zeit konnte der Papst seinen Haß gegen den Kaiser
zurückdrängen. Auf dem Reichstage zu Besancon war der
päpstliche Kanzler Roland erschienen. Anmaßend erklärte er
den Großen des Reiches, daß der Kaiser seine Würde einzig
und allein dem Papst verdanke. Voller Befriedigung erinnerte sich der sinnende
Kaiser daran, daß der päpstliche Gesandte nur durch sein
Eingreifen dem sicheren Tode entgangen war. Und auch heute, wo er zum
fünften Male in Italien weilte, war der Papst noch immer von dem
Gedanken besessen, Gott habe ihm alle Macht über die Kirche und das
heilige Römische Reich Deutscher Nation in die Hand gegeben. Mit dem
Kirchenfürsten hatte sich nun wieder die norditalienischen Städte
verbunden.
Da hatte er eilige Boten in die Heimat gesandt; sie sollten Heinrich den
Löwen holen. Ihn wollte der Kaiser um Hilfe bitten.
Immer wieder trat der Kaiser an das Fenster, von dem aus man den Weg in die
Alpen verfolgen konnte. In seinem schmalen, kühnen Gesicht hatten
Kummer und Sorge scharfe Falten eingeschnitten. Durch das dichte, rotblonde
Haar zogen sich graue Fäden.
Wo blieb der Herzog nur? Unruhe überfiel ihn. Kämpfte der Löwe
mit den Slawen? Schlug er sich wieder mit den Erzbischöfen von Bremen
und Köln herum? Friedrich wußte, daß sie alle den
Löwen haßten seiner wilden, herrischen Art und seiner Erfolge
wegen.
Wieder spähte der Kaiser nach Norden. Er strich sich über die
müden Augen. Eine Erinnerung quälte ihn. Als der Welf vor
einigen Jahren in Palästina weilte, ritt er durch dessen Land und
ließ sich von den sächsischen und bayerischen Lehnsleuten den
Treueid leisten für den Fall, daß der Vetter unterwegs stürbe.
Friedrich wußte, daß der heißblütige Mann ihm das nie
verziehen hatte, denn er besaß Söhne. Aber mußte ein
deutscher König nicht vorsichtig sein? Der Löwe war
übermächtig geworden, und sein Schwiegervater, der König
von England, hätte sicher gern die Hände nach dem fetten Erbe
ausgestreckt. Es war ärgerlich für den Staufenkaiser, daß er
seinen Lehnsmann um Hilfe angehen mußte. Aber einen anderen Ausweg
gab es heute nicht. Heinrichs Schwert war hier in Italien unersetzlich.
Stunde auf Stunde verrann in bangem Warten. Da plötzlich, gegen Mittag,
donnerten Hufe über die steinigen Straßen. Friedrich fuhr auf.
Endlich!
Sporenklirrend trat der Herzog in den Raum; er hatte unerschrocken den Weg
über die verschneiten Alpenpässe gemacht, hatte sich durch
Lawinengefahr und Schneestürme nicht beirren lassen. Dankbar streckte
ihm der Kaiser die Hand entgegen und reichte ihm als Willkommensgruß
einen Becher goldenen Weines.
Geduldig gönnte er dem Vetter eine kleine Erholungspause; dann begann
er: "Du weißt, Herzog, daß der Papst und die lombardischen
Städte sich immer wieder gegen meine Herrschaft empören, ja,
daß der Papst sogar dem Kaiser befehlen möchte. Um diesen
Kampf ein für allemal zu beenden, bin ich wieder nach Italien gezogen,
ich glaube zum letzten Male. Aber ich muß die Feinde erst besiegen.
Zwar haben die Fürsten des Reiches diesen Kriegszug nicht beschlossen,
aber du weißt, worum es geht. Komm mit deinen Mannen zu mir nach
Italien und hilf mir." Die blauen Augen in dem edelgeschnittenen,
männlichen Gesicht richteten sich flehend auf des Herzogs Antlitz.
Der Welf schwieg. Friedrich sprang auf. Er legte ihm die Hand auf die Schulter:
"Heinrich, es geht um die Würde und Macht der Kaiserkrone. Hilf mir,
ich bitte dich darum!"
Der Herzog atmete schwer. Noch nie hatte die Stimme des Kaisers so bittend
geklungen. Der Kaiser, der mächtige Rotbart, hatte um Hilfe gebeten!
Das war etwas Unerhörtes. Tausend Gefühle und Gedanken jagten
durch seine Seele. Friedrich wartete atemlos.
Da reckte der Welf den Kopf; langsam erhob er sich, und Friedrichs Hand glitt
herab. "Wer weiß, Vetter Friedrich, wie lange du hier in Italien noch zu
kämpfen hast. Im Ostland habe ich weite Gebiete gewonnen; aber sie
sind noch nicht genug gesichert und gehen verloren, zöge ich jetzt meine
Krieger zurück und vereinigte sie mit den deinen. Alle meine Feinde
warten auf den Augenblick, um über mein Land herzufallen, wenn ich
nicht da bin. Ich vermag dir keine Hilfe zu leisten."
Friedrich war einen Schritt zurückgewichen; seine Hand krampfte sich in
die Decke des Tisches. "Du kannst nicht, Herzog? Nein, du willst nicht! Man
hat mich oft genug vor deinen ehrgeizigen Plänen gewarnt. Hoffst du,
mächtiger zu werden, wenn der Kaiser schwächer wird?" Seine
Stimme wurde ruhiger. "Ich bitte dich noch einmal, Welf, versage mir deine
Hilfe nicht!"
Heinrich der Löwe wußte, daß er die Gunst des Kaisers
für alle Zeiten verlieren würde, wenn er sich wieder weigerte;
trotzdem klang seine Stimme hart: "Nein, ich kann nicht helfen!"
Kaiser Friedrich war bis in die Lippen blaß geworden. Dennoch verlor er
keine Sekunde seine Würde. Nur über sein Gesicht legte sich eine
eisige Starre. "Dann möchte ich dich, Vetter, auch keinen Augenblick
länger der Heimat fernhalten."
Der Löwe spürte in dem veränderten Ton den ehernen
Willen seines Gegners. Eine Schelle läutete. Ein Page führte den
Sachsenherzog in sein Quartier.
Im leeren Raum stand Friedrich; seine Faust ballte sich, daß die
Knöchel weiß hervortraten. "Diese Stunde, Welf, mußt du
einst bitter bezahlen!"
Bei Legnano wurde das Heer Friedrich Rotbarts völlig geschlagen. Da
schloß der Kaiser Frieden mit dem Papst. Nach Deutschland
zurückgekehrt, nahm er Heinrich dem Löwen sein Land.
Der sechste Römerzug war ein Weg des Triumphes. Friedrich
vermählte seinen Sohn Heinrich mit Konstanze von Sizilien. Sie brachte
ihrem jungen
Gemahl - und damit auch dem Reiche - als Heiratsgut das normannische
Unteritalien zu. Die Stadt Mailand erbat sich die Gunst, die Hochzeit aufs
prächtigste ausrüsten zu dürfen. Als Kaiser Rotbart auf
seinem Kreuzzuge in einem reißenden Fluß ertrank, stand sein
Kaisertum auf stolzer Höhe. Es erstreckte sich von der Nordsee
über Lothringen und Burgund bis tief nach Italien hinein.
Friedrich Barbarossa trennte Schlesien von Polen und stellte es unter die
Hoheit des Reiches. Die Fürsten von Böhmen wurden
Reichsfürsten.
Unter Barbarossa war Deutschland wieder die führende Macht in Europa.
Auf dem Reichsfest zu Mainz 1184 erschienen Abgesandte aller
Länder, um ihm als Schutzherrn zu huldigen.
Die Erinnerung an die Größe und Blüte seines Reiches ist im
deutschen Volke nie verloren gegangen. Sie findet ihren Ausdruck in der Sage
vom Kyffhäuser.
Friedrichs I. Nachfolger hielten sich fast nur in Italien auf. Die Geschicke des
Reiches überließen sie den Fürsten. Diese machten sich
unabhängig und dachten nur an ihren eigenen Vorteil. Die Macht des
Reiches zerfiel.
Der Osten des Reiches war dem Ansturm fremder Völker schutzlos
preisgegeben. Im Westen war Frankreich geeint und mächtig geworden.
Gemeinsam mit dem Papst begann es den Angriff auf deutsches
Reichsgebiet.
 
Sie alle bauten Deutschland
Ein Geschichtsbuch für die Volksschule
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