Das Frankenreich (Teil 1)
Die Gründung des
Frankenreiches
Chlodwig. Um das Jahr 500 machte sich ein Gaufürst der
Franken, Chlodwig, zum Herrscher des ganzen Frankenstammes. Er eroberte
alles Land westlich des Rheines bis zum Atlantischen Ozean und dem
Mittelländischen Meer. Die hier wohnenden germanischen Völker
der Westgoten und Burgunder wurden unterworfen. Sein Reich hieß das
Frankenreich. Chlodwig trat zum Christentum über und gewann dadurch
die Unterstützung des Papstes.
Karl Martell. Unter Chlodwigs Nachfolgern wurden die ersten Berater
der Könige, die Hausmeier, mächtig und regierten das
Land. Der bedeutendste unter ihnen war Karl Martell. Zu seiner Zeit
waren die Mauren, ein Volk Nordafrikas, in Spanien eingedrungen, hatten die
Westgoten besiegt und waren in das Frankenreich eingebrochen. Karl schlug sie
732 bei Tours und Poitiers in Mittelfrankreich. Er bewahrte dadurch
Europa vor der Unterwerfung unter ein fremdrassisches Volk.
Das Lehnswesen. Die Frankenkönige nahmen das eroberte Land
als Königsgut in ihren Besitz. Teile desselben übergaben sie ihren
adligen Gefolgsleuten zur Bewirtschaftung, jedoch nicht als Eigentum, sondern
nur leihweise (Lehen). Die Lehnsmänner mußten dem
Lehnsherrn Kriegsdienste leisten. Die großen Lehnsmänner gaben
ihrerseits Land an ihre Gefolgsmänner. Diese waren ihnen zum
Reiterdienst verpflichtet. Es entwickelte sich das Lehnswesen.

Karl der Große
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Karl der Große (Teil 1)
Der mächtigste König des Frankenreiches war Karl der
Große (um 800). Er vereinigte zum ersten Male die germanischen
Stämme in einem Reich mit der Hauptstadt Aachen. Die Germanen
mußten Christen werden.
Die Sachsen setzten Karl heftigen Widerstand entgegen.
Der Kriegsplan des Frankenkönigs Karl
Im Jahre 772 rief Karl auf dem Reichstag zu Worms zum Kampf gegen sie auf.
"Ich kann es nicht mehr dulden", schloß er seine Rede, "daß ich an
irgend einer Stelle meines Reiches Angst um die Grenzen haben muß.
Das Sachsenland, dessen trotziges Volk mir nicht freiwillig gehorchen will,
werde ich restlos erobern und in mein Reich eingliedern."
Noch während die alten Krieger ihrem König zujubelten,
flüsterte ihm ein Geistlicher zu: "Hoher Fürst! Die Sachsen
glauben noch an Wodan und die anderen germanischen Götter. Du bist
durch Gottes Willen König geworden, darum muß es deine erste
Aufgabe sein, nach der Eroberung die heidnischen Sachsen für die
Christenlehre zu gewinnen."
Am anderen Morgen überbrachten des Königs Boten allen Grafen
und Herzögen des Frankenreiches den Befehl: In vierzehn Tagen hast du
mit allen kriegsdienstpflichtigen Männern deines Gaues am Sammelplatz
zu sein. Jeder muß seine Waffen bestens in Ordnung haben. Sorge auch
dafür, daß du genug Wagen mit Hacken, Keilen, Mauerbohrern,
Äxten, Grabscheiten, eisernen Schaufeln und anderen notwendigen
Kriegsgeräten hast. Bringe Lebensmittel für drei Monate und
Kleider und Ersatzwaffen für ein halbes Jahr mit. Niemand darf auf dem
Anmarsch den Bauern etwas wegnehmen außer Futter für das Vieh
und Wasser und Holz."
Der Einfall ins Sachsenland
Die Kunde von dem Heranrücken des gewaltigen fränkischen
Heeres drang wie ein Lauffeuer in alle Sachsendörfer und erregte die
Bauern. Auch bei Widukind, dem Bauernführer aus dem Engernlande,
dessen Name weithin in Sachsen geachtet war, sahen die Männer
sorgenvoll in die Zukunft. "Ich weiß, wie es im Frankenreiche zugeht,"
erzählte der Schmied Sigibert; "in jedem Dorfe steht eine Kirche oder ein
Kloster. Zur Erntezeit gehen die Mönche und Priester mit aufs Feld und
sagen zu den Bauern: 'Jede zehnte Garbe gehört der Kirche.' Von
den Pferde- und Rinderherden nehmen sie ebenfalls jedes zehnte Tier mit. Den
Bäuerinnen holen sie den Honig und das Leinen aus dem Hause."
Der Hausherr nickte bestätigend und fuhr finster fort: "Noch schlimmer
ist es, Freunde, daß sie uns ihren fremden, römischen Glauben
aufzwingen wollen. Sie werden alles vernichten, was uns lieb ist: unsere
heiligen, uralten Opferstätten und die ehrwürdige
Irmensäule. Sie werden unsere Feste verbieten und nur die ihrigen gelten
lassen. Fremder Glaube und fremde Sitten sollen in unser Sachsenland
einziehen. Von jenseits der Berge, aus Rom, aber kann unserem Volke nichts
Gutes kommen; deshalb laßt uns kämpfen auf Leben und Tod!
Dem Frankenkönig werden wir zeigen, was Sachsentrotz und
Sachsenmut bedeuten."
Er stand auf, schwer und wuchtig. Sein Schatten zeichnete sich riesenhaft gegen
die Wand ab. Die Bauernkrieger reichten sich die Hände. Ihr
Händedruck war wie ein Schwur.
In den Dorfschmieden glühten Tag und Nacht die Feuer. "Schmiede,
Sigibert, schmiede uns Schwerter, immer neue! Es wird ein langer, harter
Kampf werden!" Da fauchten die Blasebälge, die Funken sprühten,
bald stand Mann für Mann unter den Waffen.
Es dauerte nicht lange, da füllten sich auf allen Bauernhöfen die
Wagen bis obenhin mit Hausrat. Auch die Ställe und Scheunen wurden
geleert und das Vieh von der Weide fortgetrieben. Frauen und Kinder zogen
hinter den Fahrzeugen her, um in der großen Volksburg Schutz zu
suchen.
Auf dem großen, freien Platz in der Eresburg standen die freien Sachsen
in Wehr und Waffen. Und freudig lauschten sie den Worten eines
Führers, der sie aufforderte, für die Freiheit ihres Volkes zu
streiten. An diesem Tage war noch nichts vom Feinde zu erblicken; aber des
Nachts leuchtete der Himmel an vielen Stellen vom Feuerschein der
brennenden Dörfer rot auf.
Als der Morgen graute, meldeten die Späher den Anmarsch des Feindes.
Zwischen den fränkischen Kriegern waren überall Mönche
in braunen Kutten zu sehen. König Karl ritt inmitten seiner Streiter.
Die Franken gingen gleich zum Angriff über. Aber in dem dichten
Walde kamen sie mit ihrer schweren Waffenlast nur mühsam
vorwärts. Vor der Eresburg entspann sich ein heftiger Kampf. Sogar die
sächsischen Frauen beteiligten sich daran. Unermüdlich schleppten
sie Lanzen und Pfeile herbei und feuerten durch laute Zurufe ihre
Männer an. Wo aber die Franken mit Sturmleitern über die
Ringmauer einzudringen versuchten, gossen die Frauen siedendes Wasser auf
die Angreifer herab.
So tapfer sich auch die Sachsen wehrten, die Eresburg wurde doch von den
Franken eingenommen. Von hier aus zog Karl mit seinem großen Heer
durch das ganze Sachsenland. Wohin er kam, waren die Gehöfte und
Dörfer von den Bewohnern verlassen. Bei der Erstürmung der
Volksburgen mußte noch mancher Frankenkrieger sein Leben lassen; aber
schließlich siegte doch die feindliche Übermacht.
Am Schluß des Krieges ließ der König die gefangenen
Sachsen vor sich führen. Stumm und trotzig standen sie ihm
gegenüber, während er zu ihnen sprach: "Von heute ab bin ich der
Herr im Sachsenlande. Eure Führer sollen mir Gehorsam
schwören. Ihre jüngsten Söhne nehme ich als Geiseln mit.
Den Mönchen werde ich fruchtbare Plätze anweisen, wo sie
Klöster bauen können. Jeder Sachse hat seinen alten
Göttern abzuschwören und sich taufen zu lassen. Die
Bauernhöfe der gefallenen Sachsen werden von meinen Amtsleuten
bewirtschaftet. Alles, was auf diesen Königsgütern geerntet und
gezüchtet wird, müssen die Verwalter für meinen Hof und
mein Heer abliefern. In jeder Burg lasse ich einen Grafen als Kommandanten
mit einer starken Mannschaft zum Schutze der Klöster und
Mönche und zur Bewachung des Landes zurück."
Der Frankenkönig zog nun mit seinem Heer nach Italien und eroberte das
Langobardenreich.
Doch Karl hatte sich schwer getäuscht, als er glaubte, die Sachsen
wären gebändigt und unterworfen.
Widukinds Freiheitskampf
An allen Herdfeuern, wo Sachsen zusammensaßen, wurde nur noch von
der Not gesprochen, die auf der Heimat lastete.
Während König Karl mit dem größten Teil seines
Heeres in Italien kämpfte, rief der tapfere Edeling Widukind die Bauern
der sächsischen Erde wieder zum Freiheitskampf auf. Wie jubelten sie
alle dem Engernfürsten zu; denn was der Schmied vorausgesagt hatte,
war eingetreten.
Im Frühling sammelten sich die sächsischen Heerbanne. Mit
diesen todesmutigen Scharen eroberte Widukind die Eresburg zurück und
drang weit in das Hessenland ein. Vergeblich versuchten vier fränkische
Grenzgrafen den Sturm aufzuhalten. Überall war Widukind siegreich.
Schon glaubte das Sachsenvolk, es hätte seine Freiheit
zurückgewonnen, da kam der Frankenkönig im Jahre 775 mit
seinem mächtigen Heere aus Italien zurück. Verzweifelt
kämpften die Bauern um jedes Stück ihrer Heimat. Aber die
Übermacht war zu groß. Karl stürmte die Hohensyburg und
eroberte die Eresburg abermals. Die Ostfalen am Harz unterwarfen sich, als ihr
Land vollständig verwüstet war. Nach diesem Siege zog Karl
wiederum beruhigt nach Italien; aber er wußte nicht, wie sehr das
Sachsenvolk Freiheit und Heimat liebte.
Wieder flammte ein neuer Aufstand unter Widukinds Führung auf.
Dieses Mal kam Karl mit einem noch größeren Heer zurück.
Überall verteidigten die Sachsen ihre Heimat heldenmütig. Auf
beiden Seiten flossen Ströme von Blut; aber Karls gewaltige
Heeresmassen brachen die Kraft des Sachsenvolkes. In ihrer Not unterwarfen
sich viele Sachsenführer und freie Bauern und ließen sich taufen.
König Karl war jetzt zufrieden. In den Dörfern und an vielen
Opferstätten errichtete er Kirchen und Klöster.
Mit tiefstem Schmerz sah Widukind die Verwüstungen. Auch sein Hof
ging in Flammen auf; aber er dachte nicht an Unterwerfung. "Unser Volk und
seine Art müssen erhalten bleiben; dafür ist kein Opfer zu hoch!"
Wie ein gejagtes Wild mußte er sich verborgen halten; doch die Hoffnung
auf Befreiung seines Volkes vom fränkischen Joch gab er noch nicht auf.
Er ritt mit einigen treuen Freunden zum Dänenkönig Siegfried, um
ihn als Bundesgenossen für seinen neuen Freiheitskampf zu gewinnen.
Doch seine Hoffnung wurde nicht erfüllt. Der Dänenkönig
wollte nicht helfen. Aber bei dem Engernfürsten gab es kein Schwanken.
Als König Karl von den Sachsen zwei Heerbanne forderte, die mit seinen
fränkischen Kriegern gegen das slawische Volk der Sorben ziehen
sollten, nahm Widukind todesmutig abermals den Kampf auf. Mit dem Befehl
seines Herzogs: "Vereinigt euch nicht mit dem Frankenheere, sondern
überfallt und vernichtet es, wenn es im Süntelgebirge auf euch
wartet", ritt ein Bote noch in derselben Nacht zu den Anführern der
sächsischen Heerbanne.
Eine Woche später erlitt das ahnungslose fränkische Heer am
Süntel eine schwere Niederlage. Jubelnd kehrten die Sachsen in ihre
Gaue zurück. Die alten Götter hatten ihnen noch einmal
geholfen.
Das Blutbad von Verden an der Aller (782)
Die Freude der Sachsen über die Vernichtung des fränkischen
Heeres war jedoch nur von kurzer Dauer. "Sofort ins Sachsenland," schrie der
König mit zornbebender Stimme, als ihm ein Bote die Nachricht von der
Vernichtung seines Heeres am Süntel überbrachte; "diesen
Überfall sollen mir die Sachsen schwer büßen!"
In Eilmärschen führte Karl sein Heer in die Sachsengaue. Alle
Dörfer wurden vernichtet, die Felder zerstört und viele Tausende
von wehrfähigen Männern gefangengenommen.
So kam Karl, ohne Widerstand zu finden, bis nach Verden, wo die Aller in die
Weser fließt.
Ein kalter Ostwind riß die letzten Blätter von den Bäumen;
graue Regenwolken zogen über das weite Land.
Am Ufer des Flusses stand das Zelt des Frankenkönigs. Der Herrscher
saß mit seinen vertrautesten Heerführern um einen rohgezimmerten
Tisch. "Morgen findet das Strafgericht über die Sachsen statt," wandte
sich König Karl an die lauschenden Kampfgenossen, "4500 Gefangene
sind in meiner Hand. Die Männer tun mir leid; aber zu oft empörte
sich das sächsische Volk; sein Trotz und Widerstand müssen
endgültig gebrochen werden. Ich will meinen Plan, alle Germanen in
einem Reich unter meiner Herrschaft zu vereinen, durchsetzen. Die Goten,
Burgunder, Langobarden, Alamannen, Bayern und andere kleine germanische
Völkerschaften sind unter meiner Herrschaft bereits vereinigt. Nur die
trotzigen Sachsen leisten mir noch Widerstand. Fünfzehn Jahre schon
währt der Kampf. Aber nun ist meine Geduld erschöpft. Die
gefangenen Sachsen müssen ihr Leben lassen, damit das Volk sich
endlich meinem Willen beugt." Der Frankenherrscher erhob sich. Schweigend
verließen die Krieger das Zelt.
Waffenlos und wehrlos standen schon im Morgengrauen dicht
zusammengedrängt die 4500 gefangenen Sachsen, die Edelinge und
Bauern, Hirten und Jäger, auf dem großen Wiesenplatz an der
Aller, alle gefesselt hinter einer dreifachen Mauer fränkischer Lanzen
und Speere. Sie wußten alle, Mann für Mann, daß es diesmal
kein Entrinnen und keine Gnade gab. Aber auf keinem Gesicht war Angst zu
sehen; keiner bat um Erbarmen. Tapfer und mutig, wie sie immer gelebt hatten,
wollten sie den Urteilsspruch auf sich nehmen.
Da ertönten grelle Signale. Totenstille legte sich lähmend
über die Menschenmenge. Vor dem Sitz des Frankenkönigs, der
streng und gebieterisch unter dem strahlenden Glanz seiner Banner thronte,
erschien ein Mann in langem, schwarzen Rock. Mit weithin schallender Stimme
verlas er das furchtbare Bluturteil: "Die 4500 gefangenen Sachsen sind zum
Tode verurteilt, weil sie die Waffen gegen den Frankenkönig erhoben
haben. Der Urteilsspruch soll sogleich vollstreckt werden."
Grauen und Schrecken zog in die Herzen der Umstehenden. Schon traten die
Henker heran. Unaufhörlich sausten die Schwerter durch die Luft, und
das Blut von 4500 treuen Sachsen, die für Freiheit und Heimat starben,
färbte Gras und Blumen rot. Als sich der Abend über das Land
senkte, lagen die Führer des Sachsenvolkes erschlagen auf blutiger
Heide.
Widukinds Taufe (785)
Karls Grausamkeit schüchterte die Sachsen nicht ein. Gewaltig loderte
im ganzen Lande der Aufruhr empor. Aber Karl schlug die Tapferen in zwei
großen Schlachten bei Detmold und an der Hase. Furchtbar hausten nun
die Sieger mit "Feuer und Schwert" im Sachsenlande: Saaten wurden
zerstampft, Gehöfte niedergebrannt, Tausende getötet. Es war, als
wollte der Sieger das Sachsenvolk austilgen. Das traf Widukind in tiefster
Seele. Kummervoll saß er eines Tages in der Halle des Edelings
Ottmar.
Da trat Widukinds älter treuer Freund und Kampfgefährte Abbio
ein. Wie schon so oft, brachte er auch heute wieder eine Schreckenskunde. "Der
Frankenherrscher wird unser ganzes Volk vernichten," begann er, "Tausende
von Bauernfamilien will er von ihren Höfen herunterholen und in seinem
Frankenreich ansiedeln. Was ich an Not und Verzweiflung sah, kann ich dir
nicht schildern. Und immer wieder betont der König, daß es nicht
eher Frieden gibt, bis du, der Sachsenführer, in seinen Händen
bist."
Lange sann der Herzog stumm und finster vor sich hin, bis er tonlos sprach:
"Unser Volk darf nicht ganz vernichtet werden. Ich will zu Karl gehen und ihn
um Frieden für mein Volk bitten. Es ist besser, ich opfere mich, als
daß es zugrunde geht. Tapfer und ruhmvoll kämpften wir dreizehn
Jahre; aber die Übermacht Karls ist zu
groß." - "Und Wodan?" fragte Abbio zögernd. "Ich werde Christ",
gab ihm da Widukind leise zur Antwort. "Heute abend nehme ich
von Wodan Abschied am Heiligtum. Er scheint uns verlassen zu haben."
In diesem Augenblick meldete ein junger sächsischer Krieger
Abgesandte des Frankenkönigs. Nach wenigen Minuten standen die
Franken vor dem Sachsenherzog. Ihr Führer sagte höflich: "Unser
König Karl bittet dich, deinen Widerstand aufzugeben und dich ihm zu
unterwerfen. Er lädt dich ein, zu ihm ins Frankenland zu kommen und
dich taufen zu lassen. Als Pfand schickt dir unser Fürst diese zwölf
jungen Franken als Geiseln mit." Nach diesen Worten verließen die
Gesandten die Halle.
Schlaflos lag diese Nacht der Herzog am Feuer. Er dachte an die Kämpfe
um Heimat und Vätererbe und an die ungeheuren Blutopfer seines
heißgeliebten Volkes und wußte, daß es keinen anderen Weg
für ihn gab, als den zu Karl und dem Christengott.
Als der Morgen graute, schwangen sich Widukind und Abbio auf ihre Pferde.
Der trotzige, heldenhafte Sachsenführer ging den schwersten Gang seines
Lebens. Nach acht Tagen kamen die beiden Freunde im Lager des
Frankenkönigs zu Attigny an der Aisne an, wo sich der fränkische
Herrscher gerade aufhielt.
Überrascht horchte der König auf, als ihm ein Offizier meldete:
"Der Sachsenherzog Widukind ist im Hof." Karl befahl dem Offizier, den
Fürsten sofort hereinzuführen.
Feste Schritte dröhnten auf dem Flur. Da stand auch schon der
Sachsenführer vor dem Frankenkönig. Schweigend sahen sich die
beiden Männer in die Augen: "Spät bist du gekommen,
Sachsenfürst", unterbrach Karl endlich die Stille. "Für Freiheit und
Ehre seines Volkes muß jeder kämpfen bis zum letzten
Augenblick, so war es immer Brauch im alten Sachsenlande", antwortete
Widukind fest. Da reichte ihm der Frankenkönig die Hand: "Ich wollte,
ich hätte in meinem weiten Frankenreiche viele Männer, die ihr
Volk und ihr Land so lieben wie du deine Sachsen und deine Heimat. Jahrelang
hast du mit deiner kleineren Kriegerschar meinen Heeren standgehalten. Nun
sollst du als freier Mann in deine Heimat zurückkehren. Wenn dein Volk
sieht, daß du mit mir Frieden geschlossen hast, wird es wohl keinen
Aufstand mehr wagen."
Am nächsten Morgen begleitete der Frankenkönig seine
sächsischen Gäste zur Taufe in die Kirche. Dann kehrten die
Sachsen auf ihre Herrensitze zurück.
Acht Jahre hielt das Sachsenvolk Frieden. Nur als eines Tages der
sächsische Heerbann außerhalb des Frankenreiches
mitkämpfen sollte, gab es noch einmal eine Erhebung, die aber
unterdrückt wurde, weil den Sachsen ein großer Führer
fehlte.
Ruhe und Frieden herrschten fortan. Am Fenster einer Pfalz standen einige
Jahre nach dem letzten Aufstand ein fränkischer Krieger und ein junger
Mönch und schauten weit in das fruchtbare Sachsenland hinein. "Wie
still und friedlich liegen die Sachsengaue vor uns", sprach der Mönch.
"Lange genug hat es auch gedauert," entgegnete der Offizier; "als ich noch jung
war, machte ich schon den ersten Sachsenkrieg mit. Zweiunddreißig
Jahre sind seitdem
verflossen. An neun Feldzügen gegen die Sachsen mußte ich
teilnehmen, bis wir sie endgültig bezwangen. Jetzt herrscht auch hier
König Karl. Es ist wohl Friede, aber die Sachsen sind nicht
glücklich." Da antwortete der Mönch: "Auch wir sehen in den
Kirchen keine frohen Gesichter. Wohl sind die Sachsen getauft, aber ihre
Herzen gehören noch immer Wodan. Es wird sicher noch lange dauern,
bis dieses Volk den Christengott im Herzen hat."
In das Land östlich der Elbe waren Slawen und in das
Donaugebiet Awaren eingewandert. Beide Völker bedrohten die
Reichsgrenze. Zum Schutze ließ Karl Grenzburgen bauen und
legte Marken an. (Sorbische Mark gegen die Slawen, Ostmark gegen die
Awaren.)
 
Sie alle bauten Deutschland
Ein Geschichtsbuch für die Volksschule
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