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1. Teil:
Was ist der Korridor?

Was ist der Korridor? Er ist

  • die Wurzel des nächsten Krieges (Foch);
  • das Pulverfaß Europas (Viscount d'Abernon);
  • ein Wegbereiter des Krieges und des Bolschewismus (Coudenhove-Kalergi);
  • das drohendste Sturmzentrum auf dem Kontinent (Sir Robert Donald);
  • das Sprungbrett für Mars (Crossley);
  • eine Herausforderung des gesunden Menschenverstandes (Jacques Kayser);
  • eine Herausforderung für die Deutschen und eine Gefahr für die Polen (Viscount Rothermere);
  • ein barbarisches Monstrum (Martel);
  • das Ergebnis der "Hängt-den-Kaiser-Stimmung" (Lengyel);
    Ein schweizerischer Korridor durch Frankreich.
    Korridorbeispiele in fremden Ländern als Vorstellung:
    [8]      Abb. 2: Ein schweizerischer Korridor durch Frankreich.
    (Riviera entspricht Ostpreußen.)
  • die größte politische und wirtschaftliche Absurdität, die in der neueren Geschichte zu finden ist (Nitti1).

Die Absurdität ist besonders groß, weil der Korridor Deutschland schädigt, ohne Polen wirklich zu nützen. Das deutsche Staatsgebiet ist in einer Weise zerrissen, die kein Volk auf die Dauer ertragen würde; für Polen aber ist der dadurch geschaffene Zugang zum Meere "im Frieden überflüssig, im Kriege nicht zu verteidigen", um die Worte eines Kenners, des französischen Generals Weygand1 zu gebrauchen. Wirtschaftlich hat sich die Schaffung des Korridors für das ganze Küstengebiet zwischen Oder und Memel verhängnisvoll ausgewirkt. Namentlich das Korridorgebiet selbst ist - wie schon einmal in seiner Geschichte - unter polnischer Herrschaft wirtschaftlich, sozial und kulturell herabgesunken.


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Ein kanadischer Korridor durch die Vereinigten Staaten.
Korridorbeispiele in fremden Ländern als Vorstellung:
[11]      Abb. 3: Ein kanadischer Korridor durch die Vereinigten Staaten. (New York entspricht Danzig.)
Die Zerreißung des deutschen Ostens.

Im Süden Österreich, in der Mitte Schlesien und das Land der Sudetendeutschen, im Norden Preußenland: das sind die drei Halbinseln, die das deutsche Sprachgebiet in Mitteleuropa nach Osten vorgeschoben hat. Sie alle in Besitz zu nehmen und slawisch zu besiedeln, war im Weltkrieg der Plan einflußreicher slawischer Führer. Dieser Traum ist nicht verwirklicht worden. Wohl aber ist das deutsche Sprachgebiet in diesen drei Vorsprüngen heute schwer gefährdet.

Besonders verhängnisvoll ist die Verstümmelung des preußisch-deutschen Staatsgebiets im Osten. Schlesien wurde namentlich durch die Abtrennung des wichtigsten Teils von Oberschlesien verkleinert. Das Posener Gebiet, das die beiden östlichen Arme Preußens verband, ist herausgerissen worden; bis auf 160 km schiebt sich die polnische Grenze an die Reichshauptstadt heran. Am schlimmsten aber ist das Zerstörungswerk im deutschen Nordosten: durch einen polnischen Keil und durch die zwangsweise Verselbständigung Danzigs ist Ostpreußen räumlich vom Reiche abgetrennt worden. Das ist geschehen, um Polens Verlangen nach einem territorialen Zugang zum Meere zu erfüllen. Es ist übrigens kennzeichnend, daß der polnische Ostseeverkehr, der durch das ehemals deutsche Korridorgebiet hindurchgeht, hauptsächlich aus dem abgerissenen Teil Oberschlesiens stammt.

Schließlich hat man von Ostpreußen den nordöstlichen Teil, das Memelland, abgetrennt.


Der bewährte Seezugang eines wichtigen Welthandelslandes.

Der bewährte Seezugang eines wichtigen Welthandelslandes.
[13]      Abb. 4: Der bewährte Seezugang eines wichtigen Welthandelslandes.
(Der tschechische Zugang zur Nordsee durch internationalisieren Elbelauf und Freihafengebiet in Hamburg, ergänzt durch Seehafenvorzugstarife bei der Deutschen Reichsbahn.)



Die begrenzte Aufgabe dieses Buches.

Aus der Fülle der Probleme des deutschen Ostens greift dieses Buch nur das dringendste heraus: die ohne Volksbefragung vorgenommene Zerreißung des nordöstlichen deutschen Raumes durch die Schaffung des polnischen Korridors und des Freistaats Danzig. Daß die räumliche Einheit des Deutschen Reiches im Nordosten wiederhergestellt wird, das ist die erste und primitivste Voraussetzung für ein normales Verhältnis zwischen Deutschland und Polen. Wenn wir hier bewußt von einer Gesamtdarstellung der deutschen östlichen Grenzprobleme absehen und uns auf den Nordosten beschränken, so liegt darin natürlich kein Verzicht auf irgend welche sonstigen deutschen Revisionsansprüche.


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Die Abgrenzung des "Korridors".2

Polen sucht die Korridordiskussion auf seine heutige Provinz "Pomorze", also auf den abgetretenen Teil von Westpreußen nebst dem ostpreußischen Soldauer Gebiet zu beschränken. Für die Abgrenzung des "Korridors" sind jedoch andere Gesichtspunkte maßgebend als die zufälligen Verwaltungsgrenzen. Man kann mit guten Gründen das ganze Abtretungsgebiet zwischen den deutschen Ostprovinzen bis nach Schlesien als Korridor bezeichnen. Wenn man aber den Korridor enger begrenzen will, so wird man als Korridor im engeren Sinne den aus z. Zt. polnischem Gebiet bestehenden Keil anzusehen haben, der Ostpreußen vom mittleren Norddeutschland und Pommern trennt, also

  1. den Polen zugesprochenen Teil der Provinz Westpreußen (nebst dem ostpreußischen Soldauer Gebiet) und dazu
  2. den nördlichen Teil der früheren Provinz Posen, also im wesentlichen den sogenannten Netzegau.

Der Netzegau war ursprünglich eine sumpfige Wildnis; durch deutsche Arbeit ist er urbar gemacht3 und in eine fruchtbare niederdeutsche Kulturlandschaft umgewandelt worden. Der Netzegau mit Bromberg muß aus den verschiedensten Gründen in das Korridorgebiet i. e. S. einbezogen werden. Er ist 1772 zusammen mit Westpreußen von Friedrich dem Großen erworben worden. Durch den Netzegau geht die alte deutsche Volksbrücke zwischen Brandenburg und Ostpreußen; südlich des Netzegaus lag bis 1920 die deutsch-polnische Sprachgrenze. Auch geographisch4 bildet der Netzegau mit Westpreußen eine Einheit; er ist ein südlicher Randteil der norddeutschen Küstenlandschaft. Es liegen dort zwei besonders wichtige Verbindungswege nach Ostpreußen: der Bromberger Kanal und die Eisenbahn Berlin - Schneidemühl - Bromberg - Thorn - Allenstein - Insterburg.

Das hier behandelte Korridorgebiet im engeren Sinne umfaßt rund 21 000 qkm mit rund 1,4 Millionen Einwohnern; von ihnen gehörte der größte Teil zur deutschen Kulturgemeinschaft, wenn auch nach der Sprachenzählung von 1910 immer noch rund 40 Prozent mit polnischer Muttersprache aufgewachsen waren.


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Der Danziger Staat.

Unter "Danziger Korridor" versteht man den polnischen Korridor zuzüglich der "Freien Stadt Danzig". Der Danziger Staat umfaßt rund 2000 qkm mit 408 000 Einwohnern. Das Danziger Gebiet wurde gegen den schärfsten Protest der Bevölkerung durch den Versailler Frieden vom Reiche abgetrennt, damit für Polen die Benutzung des Danziger Hafens sichergestellt würde. Es wurde aber wegen seiner rein deutschen Bevölkerung nicht dem polnischen Staate einverleibt, sondern zu einem eigenen Staat gemacht. Die Bevölkerung des Danziger Staatsgebiets war nach der Sprachenzählung von 1910 zu 96 Prozent deutsch und hat nach dem Kriege ihren deutschen Charakter bewahrt; bei den letzten drei Danziger Parlamentswahlen wurden nur 3 Prozent polnische Stimmen abgegeben.

Danzig ist ein selbständiger Staat. Es wurde aber gezwungen, mit Polen eine Zollunion einzugehen. Außerdem erhielt Polen zahlreiche vertragliche Verkehrs- und Wirtschaftsrechte in Danzig. Die Verfassung Danzigs steht unter der Garantie des Völkerbundes, der sich auch verpflichtet hat, die territoriale Unversehrtheit und die politische Unabhängigkeit Danzigs zu schützen.

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1Vgl. die Sammlung von ausländischen Äußerungen in Deutschland und der Korridor*** S. 211 ff., S. 289 f.; vgl. ferner bei Crossley, The Evening Standard vom 26. Oktober 1932; bei Coudenhove-Kalergi, Paneuropa 1931, Heft 6; bei Rothermere, Daily Mail vom 9. November 1932; bei Lengyel, sein Buch The Cauldron Boils, S. 241.
***[Scriptorium merkt an: unsere Verweise auf das Buch "Deutschland und der Korridor" beziehen sich durchweg auf unseren online-Nachdruck dieses Buches. Dieser ist jedoch ein Nachdruck der überarbeiteten Ausgabe a. d. J. 1939, während sich die hier vom Verfasser genannten Beiträge und Seitenzahlen auf die Ausgabe a. d. J. 1933 beziehen und folglich mit unserem Nachdruck nicht immer übereinstimmen. Aus diesem Grunde haben wir unsere Verweise zu diesem Buch meist ganz allgemein gehalten.]
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2Vgl. v. Kries in Deutschland und der Korridor, S. 410 ff.; v. Leers, S. 8 ff. ***[Scriptorium merkt an: bitte Zusatz zu Anm. 1 beachten!] ...zurück...

3Vgl. Deutschland und der Korridor, S. 314. ***[Scriptorium merkt an: bitte Zusatz zu Anm. 1 beachten!] ...zurück...

4Vgl. Geisler in Der Kampf um die Weichsel, S. 1 ff., S. 171 ff. ...zurück...

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100 Korridorthesen:
Eine Auseinandersetzung mit Polen

Dr. Arnold Zelle